Roland Dürre
Mittwoch, der 19. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn! #6 Kirchen.

Ein Reisebericht der anderen Art (6).

Bei jeder Führung durch eine russische Stadt war mindestens eine Kirche dabei. Es galt: Keine Führung ohne mindestens eine Kirche. Im ersten Teil der Reise waren das nur orthodoxe Kirchen.

In Moskau ging es los.

Je weiter wir nach nach Osten und dann in Richtung Mongolei kamen, desto mehr hat sich das geändert. Uns wurden neben orthodoxen Kirchen auch Moscheen, Synagogen und hinduistische Tempel gezeigt. Einmal war auch eine katholische Kirche dabei, die aber nur noch für Orgelkonzerte genutzt wurde.

Die Guides betonten dann immer, wie friedlich in ihrer Stadt die verschiedenen Religionsgruppen zusammen leben würden – und dass sogar Forschungsgruppen daran arbeiten würden, herauszukriegen, wie das denn hier möglich wäre.

Obwohl ich mich in Kirchen immer ein wenig beklommen fühle, bin ich brav in alle Kirchen rein gegangen. In den russischen Kirchen musste ich mein Haching-Käppi abnehmen und die Barbara ihr Haupt verhüllen. Ist ja auch komisch: Die eine Sorte Mensch, muss sich verhüllen, um Ehrerbietung zu zeigen und die andere Sorte darf den Kopf nicht bedecken, auch um Ehrerbietung zu zeigen. Welcher Sinn steckt da wieder dahinter?

Und natürlich besuchen wir auch in Irkurtsk und Ulan Ude eine Kirche?

In den russischen orthodoxen Kirchen  bekam ein noch  komischeres Gefühl als sonst beim Betreten eines „Gotteshauses“:
Es erschien mir alles so unwirklich und unecht, nichts war irgendwie authentisch.

Die Ursache dafür wurde mir dann auch gleich erklärt. Alle diese Kirchen waren neu gebaut und künstlich auf alt gemacht. Sie waren nur moderne Kopien der ursprünglichen Gebäude. So kam ich mir vor wie in einer religiösen Walt-Disney-Welt. Das macht dann auch den letzten Rest von Ehrfurcht kaputt.

Die Erklärung ist einfach: In der Stalin-Zeit – so um 1920 – wurden fast alle Kirchen in Russland von den damaligen Machthabern gesprengt und dem Boden gleich gemacht. In den Jahren nach der Perestroika wurden sie wieder aufgebaut. Und dafür vieles andere zerstört. Das alles haben wir so „en passant“ auf unserer Russlandreise aufgenommen.

So sahen wir lauter neu gebaute aber auf alt gemachte Kirchen. Sozusagen ein gigantischer und russland-weiter „fake“. Nebenher erfuhren wir auch, dass selbst heute noch in Russland pro Tag drei neue Kirchen fertiggestellt und eingeweiht werden würden.

Unser „local guide“ mit blauen Fähnchen vor einem Zar.

Auf jeder Stadtführung sahen wir auch Statuen alles Größe. Für geschichtliche Ereignisse, an die Erinnerung „großer Personen“, geographische Marken oder auch nur für Werte. Hier gab es sowohl alte wie moderne. Merke: Russland ist das Land der Kirchen und Denkmäler.

So richtig begründen konnte keiner der Guides den Wiederaufbau wie auch nicht die russische Liebhaberei für Statuen. Es ist nicht so, dass die Russen wieder zu alter Gläubigkeit  gefunden hätten. Nur einmal habe ich in einer der besuchten Kirchen Gläubige beim Gebet sehen. Das war ein kleiner Chor bestehend aus alten Frauen und sah mir mehr als Brauchtum-Pflege denn als Gottesdienst aus.

Vielleicht ist die Welle des Wiederaufbaus als ein ganz normaler historischer „rebound“ auf die Zerstörungen Stalins zu sehen. Und wie die vielen Denkmäler ein (sinnloser?) Versuch, eine alte Tradition wieder auf erstehen lassen. So scheinen in Russland auch die Zaren wieder hoch im Kurs zu stehen. Und der eine oder andere hat auch vom „Zar Putin“ gesprochen.

Bei uns weiß ja auch keiner, warum das Berliner Schloss wieder aufgebaut und der Palast der Republik abgerissen werden musste.  Aber zumindest gibt es keine neue Verehrung von Fritz dem Großen und den anderen deutschen Kaisern.

Löst der russische Doppeladler den roten Stern wieder ab?

Pendel schlägt halt immer hin her, vielleicht sind das die russischen Kirchen wie das alte Preußen-Schloss nur typisch europäische Versuche, rückwärtsgewandt zerstörte Identitäten zu rekonstruieren um sich so vor den Herausforderungen der Zukunft drücken zu können. Da würden auch die Denkmäler gut passen. Nach dem Motto: Lasst uns Denkmäler und Kirchen bauen, um die Zukunft zu ignorieren,

In Jekaterinburg – die Stadt haben wir „kurz“ hinter Moskau auch besucht – gibt es Probleme mit dem geplanten Wiederaufbau einer großen Kirche, die auch um 1920 von Stalin zerstört wurde. Das Problem ist, dass auf dem Gelände der gesprengten Kirche jetzt ein viel benutzter öffentlicher Park entstanden ist, der dem geplanten Neubau der protzigen und voluminösen Kirche geopfert werden müsste.

An der Grenze zwischen Europa und Asien (Nähe Jekatrinenburg).

Für den Bau sind angeblich die Regierung und russische Oligarchen, die den Bau finanziell unterstützen und sich damit ein Denkmal setzen wollen. Und dagegen ist die Bevölkerung, die den Park nutzt und massiv gegen den Neubau protestiert. Ich bin mal gespannt, wie das ausgehen wird.

Mich beeindruckt hat, dass mir diese Entwicklung in Russland gar nicht so bekannt war. Ich wusste nichts vom gigantischen russischen Wiederaufbauprogramm von Kirchen und auch nicht, dass es in Russland ein neues Gesetz gibt, das Menschen in relevanten Ämtern untersagt, die Existenz Gottes zu leugnen. Mit der Begründung, dass sie dann religiöse Gefühle verletzen würden.

Meine ich doch, dass es zumindest nicht schadet, wenn man religiösen Wahnvorstellungen auch öffentlich entgegentritt.  Ganz gleich ob sie sich um die „klassischen“ mono-theologischen Religionen Judentum, Christentum oder Islam, Formen von Schamanismus (die auch in Russland wieder stark im Kommen sind)  oder „moderne Strömungen“ wie die Kirche der Vernunft oder des Atheismus handelt. Wegen mir soll gerne ein jeder glauben was er will. Nur spätestens wenn der Glaube zur Bedrohung wird, sollte man ihn mal kritisch prüfen.

Glaube ich persönlich bei der Gottesfrage doch schon lange an die Religion des „ich weiß es nicht„. Für diesen meinen Glauben bin ich keinesfalls bereit zu sterben. Und will auch niemanden dazu bekehren. Nur: Für mich persönlich ist das Universum und was es sonst noch so geben mag halt ein paar Nummern zu groß, um es zu verstehen. Warum soll ich mir irgendetwas anderes einreden oder einreden lassen?

RMD

P.S.
Wenn ich zurück in Deutschland bin, werde ich ein Video vom SRF (Schweizer Rundfunk) nachreichen. Man findet es, wenn man „filosofix“ und „Teekanne“ sucht („googelt“). Noch bin ich in China und komme da mit den mir zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln nicht ran. Aber das Video macht in wenigen Minuten ziemlich klar, was es mit dem Glauben so auf sich hat. Und das auch noch äußerst unterhaltsam.

Roland Dürre
Montag, der 17. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn #4 WICHTIG!

Ein Reisebericht der anderen Art (4).

Die folgende Episode mit der in dieser entstandenen Botschaft ziehe ich im Bericht ein wenig vor, weil sie mir persönlich sehr wichtig ist. Die Reise war schon fortgeschritten. Wir waren mitten drin in Sibirien und bald sollte es in Richtung Mongolei gehen.

Ich stand unter dem Eindruck der Erlebnisse der ersten Woche. Mit der Stalinzeit wird in Russland nach unseren Reiseerlebnissen bewusster umgegangen als wir dies mit der Hitlerzeit tun. Denn wir beschränken und beschäftigen uns doch vor allem mit dem Holocaust. Dabei vergessen wir nur zu gerne den restlichen Irrsinn der deutschen Geschichte. Und wiederholen vielleicht auch deshalb wieder die alten Fehler.

Auch der religiöse „rebound“ in Russland hat mich bestürzt. Dieser ist in meiner Wahrnehmung nicht real, sondern ein „Fake der Mächtigen“. Aber dazu im übernächsten Artikel.

Wir waren in Ulan Ude und sind unserer lokalen Führerin auf ihrem unterhaltsamen bis nachdenklichen Spaziergang durch die Stadt gefolgt. Wie alle unsere lokalen Führer war sie total von ihrer Stadt und der Toleranz ihrer Heimat begeistert. Ich befand mich am Ende unserer mittlerweile „schönen Gruppe BLAU“ und philosophierte ein wenig mit Valeri, der die Rolle des „Lumpensammler“ übernahm und sich zurück hielt, auch um den „lokalen Guides“  die Schau nicht zu stehlen.

Mit „local guide“ in Ulan Ude, wie immer mit blauer Fahne.

Und dann ist es passiert. Ein Gedanke folgte dem anderen – und heraus kamen drei Gebote.

Bleibe
im Kopf kühl,
im Herzen heiß und
an den Händen sauber!
Dann bleibt (wird) alles gut 🙂 !!!

Über diese einfache Regeln musste ich auf der restlichen Reise viel nach denken. Irgendwie ist das die Formulierung, die mein Lebensmotto beschreibt. Das war mir bisher nicht so klar.


Lasst uns kurz diese drei „Gebots-Metaphern“ diskutieren.

Der kühle Kopf schützt uns. Das heiße Herz erhält uns am Leben. Und die sauberen Hände sind wichtig für unsere soziale Situation. Ganz einfach.

Für mich ist das eine gute Handreichung, wie man langfristig glücklich und erfolgreich (im Sinne von zufrieden) werden kann.

Diese drei Regeln machen mehr Sinn als die bekannten „Zehn Gebote“ des Moses.

🙂 Und sie sind auch praktischer. Allein schon weil es nur drei sind. So kann man sich diese sich ein Leben lang problemlos merken. Unterstützt von der Eselsbrücke:
Kopf, Herz, Hände.

Erst vor kurzem wieder einmal erlebt, dass kaum mehr ein Mensch die „Zehn Gebote“ auswendig vortragen kann – wie ich auch niemanden mehr kenne, der das „Vaterunser“ fehlerfrei vorbeten kann. Beides können in der Regel nur noch die Systemagenten.

So unsinnige Vorgaben wie das Gebot „Du sollst nicht lügen“ und  ähnliche weitere enthalten sie auch nicht. Weiß doch ein jeder, dass eine Lüge sehr oft das kleinere Übel ist und durch sie großer Schaden und Unglück vermieden werden kann.

Obwohl (oder weil?) ich sehr stark katholisch indoktriniert wurde, haben mich alle Arten von Religionen und Begriffe wie Schuld und Sühne und Moral immer ziemlich „kirre“ gemacht. Auch die heute sehr aktuelle Form der „Kirche der Vernunft“, auf die viele meiner Zeitgenossen zu schwören scheinen, konnte mich nur beim ersten Kennen lernen begeistert – dann bin ich auch vor ihr geflohen.

So möchte ich Euch ganz herzlich grüßen! Euer hedonistischer Anarchist oder anarchischer Hedonist (ganz wie Ihr wollt).

Morgen geht es dann weiter mit meiner Urlaubslektüre im Zug.

RMD

Nachsatz: 
Dass ich gefühlt ein Anarchist und Hedonist bin (oder sein möchte), war ich mir lange nicht bewusst. Auch nicht, dass ich das Paar Anarchismus und Hedonismus auch ganz rational als ein allgemein gültiges vernünftiges Lebensprinzip sehe. Und mit meinem Hedonismus gerne andere Mensche anstecke.

Das ist für mich so formuliert neu. So wie die drei Regeln oben neu sind. Aber beides haben ich und wir nicht erfunden, auch wenn es uns neu erscheint. Wahrscheinlich ist das alles schon mehrfach gesagt oder geschrieben worden. So wie es für alles schon irgendwo ein Urheberrecht geben dürfte !? Was bedeutet, dass es keines geben darf. So fordere ich:

„Alle Macht für niemand!“

Wenn die Menschheit jedoch alles Wissenswerte und Kluge schon mal gedacht, gesagt oder geschrieben haben sollte, dann sehe ich keinen Sinn und keine Rechtfertigung mehr, dass sie noch länger überleben sollte. Ihr baldiges Ende, das sie selber mit der Zerstörung des Planeten eingeleitet hat, erscheint mir absolut stimmig und logisch. Genug ist genug.

Vielen Dank fürs Lesen!

Klaus Hnilica
Dienstag, der 8. Januar 2019

Ein nachhaltiger Übersetzungsfehler ?

Da nach der ’stillen Zeit‘ wieder etwas ‚Ruhe‘ eingkehrt ist, mag es vielleicht von einigem Interesse sein, einmal kurz inne zu halten und zu reflektieren, welche evolutionären Veränderungen selbst geschriebene Texte durchmachen können, insbesondere im Buch der Bücher – der Bibel /1/:

So gibt es, in den frühen, hebräisch verfassten Versionen des Buches Jesajas eine Prophezeiung, die das Wort alma verwendet, um die Mutter eines Jungen namens Immanuel (übersetzt „Gott ist mit uns“) zu beschreiben.

Für alma gibt es in einigen Sprachen, so auch im Altgriechischen keine direkte Übersetzung, doch eine grobe Übersetzung könnte „junge Frau“ bedeuten, oder „ junge Frau die noch kein Kind getragen hat“.

Zu Lebzeiten von Jesus sprachen die Juden allerdings nicht mehr Hebräisch sondern Griechisch und Aramäisch. Infolge dessen wurde aus alma das griechische parthenos, das eine spezifische Bedeutung hat, nämlich „Jungfrau“! Der biologische Fachbegriff Parthenogenese („Jungfrauenzeugung“) geht darauf zurück: Er beschreibt eine eingeschlechtliche Fortpflanzung ohne Männchen, wie sie bei einigen Insekten und Reptilien vorkommt.

Somit wurde durch die mutierte Übersetzung eines einzigen Wortes aus der „jungen Frau“ eine „Jungfrau“ und aus dem Kind der Messias! Und die Geschichte der Zeugung Jesus ist mit einem Mal eine ganz andere geworden…

Matthäus und Lukas machen in ihren Evangelien aus dieser fehlerhaften Übersetzung sogar eine Wahrheit und für eine Milliarde Katholiken wird diese zu einem Glaubenssatz. Und genau dies besingen wir in unseren Weihnachtsliedern.

Seltsam ist das schon, oder?

/ 1 / Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat

K.H.

Roland Dürre
Montag, der 9. Januar 2017

FRIEDEN

FRIEDEN darf nicht zur Religion werden, weil dann wird es schnell unfriedlich werden.

Aus dem selben Grund darf es auch kein Projekt FRIEDEN geben.

Scheint ein mächtiges Symbol für Frieden zu sein. Vielleicht zu mächtig?

Ich wollte ja ein Projekt FRIEDEN starten. Für FRIEDEN bin ich mehr denn je. Aber nicht mehr als Projekt.

Ich hatte die letzten Monate zahlreiche Dialoge mit klugen und friedvollen Menschen. Die wie ich davon überzeugt sind, dass Frieden das wichtigste Gut der Menschheit ist. Und habe viel von diesen gelernt und darüber nachgedacht, was ich für FRIEDEN tun kann.

Die Zusammenfassung des aktuellen Standes meiner Gedanken könnte so sein:

Ich glaube nicht mehr, dass Frieden mit Organisationen und durch Projekte erreicht werden kann.

Vor kurzem kam eine starke Frau zu mir und sagte:
„Roland, ich bin jetzt in Rente, habe unendlich viel Zeit und möchte Dich beim Projekt FRIEDEN unterstützen!“

Ich musste ihr sagen, dass nach meinem Verständnis von FRIEDEN es kein erfolgreiches Projekt FRIEDEN geben kann:

Das Projekt kann nur sein, selbst für FRIEDEN zu leben.

Zuerst mal ganz allein und nur bei sich selber. So habe ich sie gebeten, ihr ganz eigenes „Projekt“ zu starten und so für ihren eigenen und unser allen FRIEDEN einfach nur zu leben (und arbeiten). So meine ich, dass es viele kleine Projekte Frieden geben muss, die jeder für sich und zuerst mal für sich selbst macht.

Und dass man ganz bewusst auf Koordination und Abstimmung verzichten muss. Dies ist gefährlich, führt schnell zu Manipulation und Ideologie. Und schadet wahrscheinlich mehr als es nützt.

Mein Gedanke ist also, sich eben nicht organisieren, jedoch die Sensoren weit zu öffnen und achtsam und frei – vielleicht im Schwarm mit anderen FRIEDEN-Wollenden – zu handeln. Das klingt religiös. Ich mag keine religiösen Muster.

Aber vielleicht kann FRIEDEN gelingen, wenn friedvolle Menschen ihre Überzeugungen ausschließlich für sich leben und ihre Überzeugung in eigener sittlich verantworteter Prüfung im Einklang steht mit den Werten der Menschheit (wie die Goldene Regel, Biophilie-Prinzip, Würde des Menschen ist untastbar …).

Ich meine, dass auch „friedvolle“ Menschen andere Menschen NICHT aktiv für FRIEDEN überzeugen oder missionieren dürfen. Dass FRIEDEN die Voraussetzung für alles, zu dieser Überzeugung muss jeder ganz allein kommen. Sonst wird es nicht funktionieren.

Und vor allem dürfen sie auch NICHT willens und fähig sein, sich für ihre Überzeugungen auf zu opfern und so zum Märtyrer zu werden! Weil so FRIEDEN NICHT gelingen kann. Deshalb wird keine Organisation und kein Projekt für FRIEDEN Erfolg haben und FRIEDEN bringen. Und so ist vielleicht sogar das von mir gewählte Symbol für FRIEDEN links oben kritisch zu hinterfragen.

Es ist für mich nicht einfach, meine komplexen Gedanken zu formulieren. Wenn ich ein wenig verständlich machen konnte, was mich bewegt, dann freue ich mich!

🙂 Und ich mache weiter mit der Suche nach dem eigenen FRIEDEN.

RMD

P.S.
Vielleicht ist das so ein Prozess, den wir Evolution nennen.

Roland Dürre
Montag, der 27. Oktober 2014

Toleranz & Religion

Zurzeit denke ich viel über Moral und Ethik nach. Auch weil ich entdeckt habe, dass in fast allen Entscheidungen fast aller Menschen die moralische Vorgaben dominieren. So auch gerade bei meinen falschen Entscheidungen.

Bis vor kurzem dachte ich, dass sich Entscheidungen auf Vernunft und Menschenverstand (Kopf, Ratio) und auf Intuition und Heuristik (Bauch) begründen. Das hatte ich mir auch für meine eigenen so gedacht.

Und jetzt stelle ich fest, dass ich doch öfters völlig (und folgenreich) daneben gelegen bin. Einfach weil ich meinte, „ich müsse so entscheiden, weil es sich so gehören würde.“ Oder mit anderen Worten weil ich unfähig (zu feig?) war, dem „Man macht das so“ oder dem „So geht das nicht“ zu widerstehen. Weil meine Entscheidungen (besonders die schlechten) so von Moral und Moralismen wesentlich beeinflusst wurden. Wie ich meine zu meinem und zum Nachteil Dritter.

In dem Hotpot der Philosophie finden sich neben Moral und Ethik auch oft schwer verdauliche Zutaten wie die „Religion“ oder die Tugend der „Toleranz“.

Denn:

„Religion ist uns heilig!“

und

„Man muss tolerant sein!“

Ich meine auch, dass Toleranz ein hoher Wert ist. Der Ethiker formuliert es so:

Sei immer tolerant!
Toleranz geht vor Moral!
Nur gegen Intoleranz sei intolerant!

Dabei könnte man dem Ethiker entgegnen, dass Intoleranz gegen Intoleranz ja auch schon wieder Intoleranz ist

Betrachten wir die Toleranz in der Praxis am Beispiel der Religion. So schützen Grundgesetz wie die Bayerische Verfassung die „Freiheit der Religionsausübung“ in ganz besonderem Maß, fast auffällig. Und das abgeleitete Gesetz verbietet streng die Verletzung „religiöser Gefühle“. Es fordert nicht Toleranz und Respekt ein, sondern in letzter Konsequenz die Unterwerfung vor den religiösen Gefühlen Dritter.

Diese Forderung geht mir zu weit. Wer will denn festlegen, was eine Religion und was keine Religion ist. Eine Masse verpflichtet sich absolut gegen durchaus hinterfragbare Annahmen und Regeln, die sie letzten Endes selbst erfunden hat. Dabei beruft sie sich auf eine besondere, höhere, externe und nicht erklärbare Instanz. Und gibt diesen „Glauben“ systemisch von Generation zu Generation weiter, was letzten Enden zur Entstehung von Systemen wie den Kirchen führt mit all ihren Vor- aber auch wesentlichen Nachteilen.

Aber wie will man denn entscheiden können, welche Art von zum System gewordenen Glauben überhaupt eine Religion ist? Und wer soll das tun? Lese ich die Kapitel zur Religion in der Bayerischen Verfassung genau nach, so gewinne ich den Eindruck, dass die Väter der Verfassung vor allem an die christliche Religion gedacht haben. Und auch nur an diese in der „besseren“ Variante.

Ist diese absolute Toleranzforderung für „religiöse Gefühle“ also wirklich akzeptabel? Gerade wenn die in ihrer Religion gefangenen Menschen sich im Besitz der absoluten Wahrheit zu wähnen und Dinge fordern oder machen, die im schlimmsten aber häufigen Fall gegen die Menschlichkeit sind?

Vielleicht ist deswegen der schöne Begriff der Toleranz zu einem „buzzword“ verkommen ist wie leider auch Freiheit, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit.

Vor kurzem habe ich in einem Kommentar auf einem Blog Toleranz gefordert und diese als herausragende „Primärtugend“ bezeichnet. Und musste aus den Reaktionen lernen, dass es schon Ethiker gibt, die allen Ernstes eine „Toleranzpolizei“ fordern.

RMD

P.S.
😉 Das ist jetzt vorläufig mein letzter Post zu Moral und ähnlichem. Weil gegen Moral und Moralismen zu sein ja auch schon wieder Moral und moralisieren ist.

Ab morgen schreibe ich wieder, was mir so aus dem Alltag einfällt.

Roland Dürre
Freitag, der 17. Oktober 2014

Moral & Ethik vor Werte & Tugend ???

Viele Menschen in meiner kleinen Welt schätze und mag ich sehr. Manche davon meinen, dass Moral heißt „als guter Menschen den gemeinsamen Werten und Tugend folgend zu handeln“. Ich sehe die Moral ja nicht so positiv, deshalb entgegne ich ihnen dann:

Was ist denn Moral und Ethik? Was sind denn Werte und Tugenden?

Und bringe Beispiele und stelle die Frage, was denn da „moralisch“ richtig ist:

  • „Für Ordnung und Ruhe sein.“ oder „Für Freiheit auf die Straße gehen.“?
  • „Fortschritt und Veränderung sind gut und verlangen Opfer.“ oder „Fortschritt und Veränderung dürfen nie Selbstzweck sein“?
  • „Du musst zum Wählen gehen!“ oder „Man darf an der Urne aus Protest seine Stimme verweigern.“?
  • „Die Freiheit ganz selbstverständlich Autofahren zu dürfen ist ein Grundrecht!“ oder „Komplett aufs Auto verzichten, weil beliebig Ressourcen zerstört werden, ist eine Grundpflicht.“?
  • „Jeder soll so viel Fliegen wie er Lust hat!“ oder „Das Flugzeug darf man nur als Ultima ratio nehmen.“?
  • „In der Sexualität darf Freiheit beliebig ausgelebt werden.“ oder „Man darf es nur mit einem Partner und sollte da nur eingeschränkte Sex-Praktiken haben“?
  • „Frauen dürfen sich locker bekleiden.“ oder „Frauen müssen schamhaft verhüllt sein!“?
  • „Prostitution muss verboten werden!“ oder „Fairness für sich Prostituierende fordern.“?
  • „Frauen müssen lange Haare tragen, Männer kurze!“ oder „Jeder darf seine Haare so lange tragen, wie er es will!“?
  • „Entfernung von Körperbehaarung ist hygienisch und schön!“ oder „Entfernung von Körperbehaarung ist unmoralisch (!)?
  • „Kurze Hosen sind auch im Business ein normales Kleidungsstück.“ oder „Anzug und Krawatte gehören sich im Business!“?
  • „Streiken ist ein NOGO, wenn es die Öffentlichkeit schädigt.“ oder „Streiken ist eine gesellschaftliche Pflicht.“?
  • „Man muss sein Grundstück einzäumen.“ oder „Man darf keinen Zaun um seinen Grund errichten.“?
  • „Jeder muss bereit sein für sein Vaterland zu sterben!“ oder „Desertiere wenn Krieg droht!“?

Beispiele dieser Art lassen sich beliebig viele finden.

Aber WER kann, soll, muss, darf denn bestimmen, was hier falsch und richtig ist?

Die Ethik versucht das. Sie will zwischen verschiedenen moralischen Standpunkten vermitteln. Indem Sie einen zur Gesellschaft und in die Zeit passenden Konsens sucht und diesen rechtfertigt. Aber auch ihr gelingt das nie.

Es gibt sogar „Ethik-Kommissionen“, die die schwierigen Fragen des Lebens beantworten wollen und sollen. An Stelle von Konsens werden dort aber immer nur Kompromisse gefunden, die so schal wie ihre Begründungen sind. Die gefundenen Kompromisse jedoch werden in den Stand einer „neuen“ Moral erhoben.

Moral entlarvt sich fast immer als von Interessen (sei es bewusst oder unbewusst) getriebene Besser-Wisserei. „Man“ weiß doch, was richtig und falsch ist. „Man“ ist im Besitz der „Wahrheit“ und schreibt anderen vor, was sie zu tun haben. „Man“ erhebt sich so über seine Mitmenschen.

Ich meine, dass „Moral“ vor allem Feindseligkeit und Frust generiert – und Trotz bewirkt. Die „Moralischen Regeln“ nähren sich zu oft aus fragwürdigen Quellen wie Religionen und ihren Äquivalenten. Die kollektiven Konstrukte von Systemen, die sich mit ihre Dogmen über die Menschen setzen, bestimmen was „moralisch“ ist und was nicht. Und die Folgen sind Hass, Streit, Zank, Angst, Intoleranz – und Krieg! Im Großen wie im Kleinen.

Das sind so meine Argumente gegen die Moral-Gläubigkeit vieler Menschen. Ich verstehe aber die Befürworter der Moral gut. Denn verlässt man den Glauben an die Moral, so ist es als ob einem der Lebensteppich weggezogen wird. Sind wir doch alle „moralisch erzogen“ worden und in unserem Moralismus mehr oder weniger gefangen.

Verlassen wir den Schutzanzug der Moral, so müssen wir uns auf die Suche nach persönlichem Sinn und Wirken begeben. Und es ist nicht immer ganz einfach, das Gefundene mit der gesellschaftlichen Realität (und deren Moral) in Einklang zu bringen.

RMD

P.S.
Diesen Artikel habe ich für die Community „Strategische Moral“ in Google+ geschrieben.

Roland Dürre
Dienstag, der 14. Oktober 2014

Gegen Beschneidung aller Art! Oder: Ekel stärker als Menschlichkeit?

Groß war die Aufregung vor nicht allzu langer Zeit. Ein Grundsatzurteil hatte die Beschneidung für ungesetzlich erklärt. So waren Beschneidungen strafbare Handlungen. Das ging aber nicht, denn „man“ musste ja auf „religiöse Gebräuche“ und „Religionsfreiheit“ Rücksicht nehmen. So wurde ganz schnell ein neues Beschneidungs-Gesetz verabschiedet werden, das es erlaubt, in Deutschland Beschneidungen aus religiösen Gründen wieder durchzuführen.

Und jetzt ist wieder ganz ruhig. Wie ich finde zu ruhig. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, ob das Gesetz in der Tat verabschiedet wurde oder ob man nur jetzt so jetzt handelt darf, weil man meint, man hätte es verabschiedet. Auch weil seither so viele neue Gesetze gekommen sind und unsere „großen Koalition“ wie auch die EU fleißig ein Gesetz nach dem anderen verbricht.

Mir geht es aber gar nicht um Gesetze, sondern mehr um Menschlichkeit. Um gesunden Menschenverstand, um Philosophie und Psychologie. Die beschäftigen sich mit Tabus, die ja in unserem Leben als Regeln eine wichtige Rolle spielen. Sexuelle Handlungen eines Vaters mit seiner Tochter sind zum Beispiel tabu. Das hat die Natur gut eingerichtet. In diesem Fall ist das Tabu nützlich, um eine ungünstige Form von Vermehrung (Inzucht) zu vermeiden.

Kannibalismus ist auch ein Tabu. Der Gedanke, Menschenfleisch zu Essen, erzeugt in der Regel Ekel, individuell und kollektiv. Ein Tabu, das wie vermute daher kommt, weil wir wahrscheinlich auch selbst nicht gefressen mögen werden.

Wenn ich mich richtig erinnere, wurde das neue „Beschneidungsgesetz“ mit hohem Tempo durchgeboxt. Die Begründung hieß: „Dem Religionsfrieden zu Liebe!“. Es war wieder mal eine alternativlose Situation. Wobei ich mich immer frage, warum wir noch Parlamente und Politiker brauchen, wenn die gesellschaftlichen Entscheidungen eh alternativlos sind?

In der Diskussion damals finde ich viele Argumente gegen dieses Gesetz. Es passt nicht zu einer entwickelten Gesellschaft und ist mit einem Rechtsstaat nicht vereinbar. Es wirft Aufklärung und Menschlichkeit wesentlich zurück. Den meisten Menschen in unserem Lande scheint das leider gleichgültig zu sein. Sie sind davon ja nicht betroffen. Und die archaischen Gepflogenheiten von Religionsgemeinschaften sind den meisten auch ziemlich egal.

Wahrscheinlich wäre das ganz anders, wenn die Beschneidung gegen ein wirkliches Tabu verstoßen würde und nicht nur Leben beschädigen. 

Deshalb konstruiere ich jetzt mal künstlich so eine Situation. Um die Absurdität sowohl unseres gesellschaftlichen Denkens wie auch von religiöser Beschneidung klar zu machen, verlängere ich die religiöse Beschneidungszeremonie in Gedanken ein wenig.

Und nehme mal an, dass es einen ganz frisch entdeckten Stamm in Afrika gibt, der seine Kinder – Knaben wie Mädchen – beschneidet. Bei den Buben wie in manchen Religionen und Kulturkreisen üblich ganz „normal“, bei den Mädchen – um hier die Grausamkeiten einzuschränken – die harmlose Variante (bei der nur die äußeren Schamlippen entfernt werden). Das an sich aber auch schon grausam und völlig sinnlos ist.

Jetzt konstruiere ich bewusst weiter und nehme an, dass bei diesem angenommenen Stamm das bei der Beschneidung gewonnene Fleisch in die Festsuppe gemischt und von der Festgesellschaft verspeist wird. Um irgendeinem Aberglauben zu huldigen.

Und plötzlich kommt der Ekel über uns. Ein Aufschrei der Entrüstung würde durchs Land gehen. Nicht wegen der Beschneidung, die ja keinen interessiert. Sondern weil etwas passiert, das als absolut „widerlich“ und „unnatürlich“ empfunden wird. Als völlig unmoralisch …

Und alle wären dafür, diesem kleinen Stamm in Afrika ganz schnell klar zu machen, dass es so nicht geht und er sein unglückseliges Treiben beenden muss. Auch wenn es traditionell seit Jahrtausenden stattfindet.

Mit diesem vielleicht von manchen Lesern als geschmacklos empfundenen Beispiel will ich nur klarmachen:

Nicht die Grausamkeit der Beschneidung von Kindern und der lebenslängliche Schaden für die Betroffenen kann die Menschen aktivieren. Der Ekel jedoch würde die Menschen aber sofort auf die Barrikaden bringen.

Und das finde ich schlimm.

Und noch entsetzlicher finde ich es, wenn am Schluss „Beschneiden“ als moralisch hingestellt wird. Und wir fast schon wieder so weit sind.

Im übrigen:
Besagtes „Beschneidungsgesetz“ hätte man auch anders machen können. So wie früher mal bei der Abtreibungs-Reform. In dem man die Beschneidung als ungesetzlich beibehalten hätte, sie aber in religiösen Fällen unter gewissen Voraussetzungen von Bestrafung freigestellt hätte. Also ein klares Verbot mit Ausnahmen bei der Tatverfolgung. Dann wäre zumindest die Unrechtmäßigkeit der Tat festgestellt.

RMD

Noch ein paar Anmerkungen zum Thema:

P.S. 1
In Ägypten ist jede zweite Frau zwischen 16 und 30 beschnitten. Was machen die „Hüter der Freiheit“ im Westen?

P.S. 2
Die Entsorgung der Ergebnisse der Beschneidungszeremonie ist meines Wissens in Deutschland übrigens nicht besonders geregelt. Wahrscheinlich ist das dann medizinischer Abfall.

P.S. 3
Das Essen von Menschenfleisch ist ein Tabu. Trotzdem werden Menschen, die in Notsituationen (Flugzeugabsturz) die Leichen ihrer Gefährten aufgegessen haben um das eigene Leben zu erhalten, auch schon mal als Helden beschrieben.

P.S. 4
In Peking habe ich mal Ente gegessen. Das Gehirn der Ente war die große Spezialität und dem Ältesten vorbehalten. Ich war der Älteste. Dank der Freundschaft meiner Gastgeber wurde toleriert, dass ich das Gehirn nicht gegessen habe.

Roland Dürre
Freitag, der 4. Juli 2014

Adam und Eva

AdamundEva-M._v._Heemskerck-Musée_des_Bx-Arts_Strasbourg-Gédéon-Adam_Eve-Ausschnitt_2Adam und Eva waren ja – unserem westlichen Mythos folgend – die ersten beiden Menschen. Und die beiden haben für uns alle das Paradies verschusselt – so die Saga. Weil sie zu gierig waren und sich von der als Schlange verkleidetem Teufel verführen ließen. So habe ich die Geschichte nach meiner Erinnerung in der Schule gelernt.

Zu diesem Thema habe ich vor kurzem einen netten Witz gehört. Der geht so:

Person A: Was wäre, wenn Adam und Eva Chinesen gewesen wären?

Person B: Weiß ich nicht.

Person A: Wir wären noch im Paradies!

Person B: Wieso?

Person A: Weil die beiden die Schlange gegessen und den Apfel links liegen gelassen hätten
(Der Adam hätte die Schlange gefangen und die Eva sie gekocht). …

Leider ist die Pointe schon fast zu zwingend …

Dafür kann ich aus diesem Blickwinkel auch der „Adam & Eva-Story“ etwas Positives abgewinnen. Ist sie dann doch eine schöne Metapher für verblüffend einfache aber sehr wirksame Lösungen.

🙂 Mann muss nur im richtigen Moment das Richtige machen!

Und sie lehrt auch, dass Gier immer ein schlechtes Leitmotiv ist.

RMD

P.S.
Das Bild ist von der Wikipedia-Seite. Hier auch die Anmerkung von dort zum Bild_
Adam und Eva (Maarten van Heemskerck, Musée des Beaux-Arts de Strasbourg). Man beachte die Hervorhebung des Geschlechtsunterschieds durch die Verwendung verschiedenfarbiger Inkarnate.

P.S.1
Eine gute Freundin in meinem Alter hat mir glaubhaft berichtet, dass für sie das Thema mit Adam und Eva und manch religiösem mehr in der zweiten Klasse Volksschule (so hieß das damals noch) im Alter von 12 vorbei war. Da hat sie den Religionslehrer erzählt, dass sie gehört hätte, dass die Menschen von den Affen abstammen würden und ihn ganz unschuldig gefragt, wie sich das mit Adam & Eva vertragen würde.

Und sie war sehr überrascht, dass sie als Antwort ganz wortlos eine ziemlich kräftige Watschen bekam. Seitdem wollte sie dann von Religion nichts mehr wissen.

Ich hatte es da besser, habe ich doch als Kind im Religionsunterricht gelernt, dass nur das neue Testament gelten würde und man den Rest nicht so ernst nehmen dürfe. Und intuitiv habe ich Adam & Eva dann ins alte Testament verlegt.

Roland Dürre
Freitag, der 22. November 2013

Indische Götter

Hier noch eine kleine Nachlese zu meiner Reise durch Indien, von der ich vor knapp zwei Wochen zurückgekommen bin.

shiwaDie Religiosität der Inder – soweit ich diese durch unsere Guides und eigenes Beobachten vermittelt bekommen habe – verwirrt mich. Offensichtlich gibt es in Indien sehr viele Götter.

Da gibt es natürlich böse und gute. Es gibt „Gebrauchs-Götter“, die man für einen bestimmen Zweck nutzt. Zum Beispiel, damit man als Kaufmann zu Wohlstand gelangt oder als Dieb nicht erwischt wird. Manche Götter scheinen nur aus Luxus dazusein. Man braucht sie nicht, aber sie sind ganz beeindruckend. Für die Liebenden soll es auch ganz romantische geben.

Die Götter stehen auch immer irgendwie in einem Bezug zu einem oder mehreren Tieren. So wurde mir berichtet, dass sich im Magen einer Kuh mehr als drei Millionen Götter befänden, die alle gleichwohl irgendwie verschieden wären.

Ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass Inder sich gelegentlich auch ihren eigenen Gott kreieren. Diesen Gedanken finde ich sympathisch – sich einen „do it yourself“-Gott genau für die persönlichen Bedürfnisse zu schaffen. Sind wir doch alle einzigartig und haben unsere ganz eigene persönliche „Welt“, warum dann nicht auch einen privaten/persönlichen Gott haben?

Oft habe ich den Eindruck, dass man in Indien religiös sehr frei ist. Allerdings gibt es da auch die Christen und den Islam. So sahen wir in Südindien ganz viele Kirchen. Dies ganz besonders in den Gebieten wie GOA, in denen der portugiesische Einfluss sehr stark war. Die christlichen Götter sind vor allem Jesus und Maria, man findet viele Darstellungen von diesen, oft in rührend kitschiger Anmutung.

Den Islam habe ich vor allem bemerkt, weil ich überall nachts den Ruf des Muezzin zum Gebet gehört habe. In islamischen Gebieten sind dann in meiner Wahrnehmung weniger Frauen auf den Straßen und wenn dann überwiegend in der Burka. Kopftücher habe ich nicht so häufig gesehen. Der süd-indische Islam scheint also eher eine strengere Variante zu sein. Gottesabbildungen sieht man hier natürlich nicht.

RMD

P.S.
🙂 Das Bild zeigt meinen Büro-Gott Ganesh. Er steht in meinem Vorstandszimmer und hilft, dass die Geschäfte der InterFace funktionieren.

Roland Dürre
Donnerstag, der 7. November 2013

Philosophische Übungen in Indien

Auf unserer Indien-Reise schaue ich meiner Tochter zu, wie sie sich auf eine „Philosophie-Klausur“ vorbereitet. Um mein Wissen zu testen, stellt sie mir Fragen aus ihrem Lehrbuch. Zum Beispiel:

„Was ist der Nutzen der Philosophie?“

So ganz spontan fällt mir da keine richtige Antwort ein. Ich passe lieber mal, bevor ich etwas Falsches sage. Sie gibt mir die wohl offiziell richtige Antwort aus ihrem Schulbuch:

„Die Philosophie lehrt uns, wo wir herkommen, wo wir hingehen und wer wir sind“.

Das stimmt doch nicht, denke ich mir. Wenn man diese Definition im Wortsinne präzise liest, so ist sie doch völlig falsch. Die Philosophie trägt doch zu diesen Fragen keine konstruktiven Antworten bei. Diese Definition erscheint mir als mindestens „vor-darwinistisch“. Ich betrachte die drei Fragen mal näher.

„Wo kommen wir her?“
Gibt es da nicht Wissenschaften, wie Anthropologie und Biologie oder die Evolutionswissenschaft, die die Entwicklung der Menschen aus den „Menschenartigen“ erklärt. Ist bei dieser Frage nicht mehr die Archäologie und die Erforschung der menschlichen Geschichten gefragt, denn als die Philosophie? Vielleicht kann hier sogar die „Religions-Geschichte“ helfen. Und absolut gesehen natürlich auch die Physik, wenn sie sich mit dem Urknall beschäftigt. Gemeinsam mit ihrem mächtigen Partner, der Mathematik.

„Wer sind wir?“
Auch hier sehe ich wenig Raum für die Philosophie. Hier suche ich die Antwort eher bei Psychologie, Gehirnforschung und vielleicht auch Soziologie, wenn es um menschliche Gemeinschaft geht.

„Wo gehen wir hin?“
Als Jugendlicher wollte ich mal Zukunftforscher werden. Das war zu der Zeit, in der ich begeisterter Leser von Science Fiction-Literatur war. Ich dachte mir, dass es sehr spannend wäre, aus dem „kybernetischen“ Verständnis komplexer Abläufe der Gegenwart und Vergangenheit Zukunftsprognosen zumindest in Form von möglichen Varianten zu erstellen. Bin dann aber als Student bei der Mathematik gelandet.

Heute soll es ja so etwas geben wie Zukunfts-Forschung und -Management. Wobei mir vor kurzem ein „Zukunfts-Manager“ (der gutes Geld damit verdient) gesagt hat, dass die Zukunftsforschung eigentlich nur ein Missverständnis wäre, denn man könne die Zukunft nicht erforschen. Wohl könne man sie aber „Managen“. Ich kann dazu nichts sagen, außer dass ich „Zukunfts-Forscher“ kenne, die mit ihrer Beratungsarbeit auch (sehr) gutes Geld verdienen.

Man sieht, wir haben so viele wissenschaftliche Disziplinen, die sich mit uns Menschen und unserem Leben beschäftigen. Ich nenne sie gerne die „Lebenswissenschaften“. Und wie immer sollten die zusammen arbeiten und sich ergänzen.

Aber was ist dann der Auftrag der Philosophie? Ich meine, dass die Philosophie das menschliche Denken schärfen soll. Uns zu lehren, wie wir klug die Dinge hinterfragen können.

Die Philosophie sollte eine angewandte Wissenschaft sein. Die Professoren sollten dies wollen. Sie müssten es so schaffen, dass möglichst viele Menschen in die Lage versetzt werden, eine hohe eigene Urteilsfähigkeit zu entwickeln.

Insofern sehe ich die Philosophie vor allem als eine Wissenschaft, die die Menschen ausbilden muss. Und die dann von den ausgebildeten Menschen weiter entwickelt wird. Wir brauchen Sie, damit wir uns sinnvoll zwischen unseren individuellen und kollektiven Bedürfnissen bewegen können. Damit wir mehr richtige denn falsche Bewertungen erzielen und so in die Lage kommen, mehr gute als schlechte Entscheidungen und Handlungen zu begehen.

In der letzten Zeit war die Philosophie zumindest in Europa der Träger der Aufklärung. Das ist für mich eine ihrer wichtigen Aufgaben.Philosophie muss auch weiter ein Ringen um Aufklärung beinhalten. Sie soll uns lehren, die Dinge zu hinterfragen. Denn die Aufklärung ist und wird nie abgeschlossen sein.

🙂 Im Internet würden wir sagen, wir in Europa erleben gerade „Aufklärung 4.0“.

Bei der Philosophie geht es um das Streben nach Erkenntnis durch Denken. Die Philosophie wird sich so auch immer mit Dingen wie Moral und Ethik beschäftigen. Vielleicht kann sie die negativen Seiten, die wir in allen Religionen finden, ein wenig zurückdrängen. Mag sein, dass Philosophie Menschen helfen kann, ihren eigenen und humanen Gott oder das Göttliche in sich selbst zu finden

Dann wäre die Philosophie eine wunderbar nützliche Wissenschaft, die den Elfenbeinturm, in dem sie sich selbst eingesperrt hat, verlassen kann. Deshalb ärgert es mich, wenn im bayerischen Schulunterricht die Philosophie so gedankenlos als die Wissenschaft des „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, wer sind wir?“ definiert wird. Das ist zu einfach

Sogar wenn diese ja fast schon religiöse Definition von Philosophie im Schulbuch nur als Metapher gemeint wäre, macht sie keinen Sinn. Viel zu oft werden unsinnige Aussagen dadurch entschuldigt, dass sie doch nur „metapherhaft“ gemeint wären.

Denn aufbauend auf Geschichten, die das kollektive Denken von Menschen erschaffen hat und derer spitzfindiger und einseitiger Interpretation kann man doch keine absolute Wahrheiten ableiten und Moralismen entwickeln. Das passiert in der Religion und genau davor muss die Philosophie sich hüten.

RMD