Roland Dürre
Donnerstag, der 2. Mai 2013

Nicht nur die großen Abenteuer finden im Kopf statt

Ethik und Aufklärung sind auch nur eine Art von Glauben

Das hat mich schon eiskalt getroffen.

Ich dachte immer, ich würde nicht glauben. Würde alles in Frage stellen und Aufklärung und Vernunft folgen. Würde versuchen „ethisch“ zu handeln. Ethisch im dem Sinne, dass ich versuche Entscheidungen einer Güterabwägung zu unterwerfen, die einem von mir sittlich verantwortetem Wertesystem folgt. Also einem Wertesystem, das ich mir bewusst erarbeitet habe und bei dessen Erarbeitung ich darauf geachtet habe, dass dieses mit dem Weltkonsens, der sich z.B. in der Goldenen Regel oder in der UNO-Charta findet, kompatibel ist. Und bei dem Werte wie Toleranz und Zivilcourage sehr wichtig sind.

Und dann ist mir aufgefallen, dass diese meine Gewissheit auch nur ein Glaube ist. So habe ich an etwas geglaubt, so wie etwa die Christen, Juden, Moslems an einen personalisierten Gott glauben, so wie Menschen anderer Religionen an andere Götter oder allgemein etwas Höheres glauben. Oder so wie die Atheisten halt glauben, dass es eben keinen Gott gibt. Und wahrscheinlich schon bald eine atheistische Religion gründen werden. Was ich zwar logisch finde aber doch auch ein Widerspruch in sich ist.

Die Gottesfrage habe ich mir übrigens nie gestellt. Zumindest solange nicht wie ich mich erinnern kann. Einfach weil mir klar war, dass ich solchen Themen nicht kann. Wußte ich doch, dass ich nichts weiß.

Heute würde ich sagen „Ich glaube, dass ich nichts weiß“. Ich weiß ja nichts und kann ja gar nichts wissen … Findet ja alles nur im Kopf statt. Und wie soll ich wissen, ob es etwas gibt, dass wir Menschen ja selber erfunden haben?

Ein Teil meines Glaubens ist auch, dass es keine Wahrheit gibt. Weil auch die Wahrheit nur im Kopf statt findet. Und nicht nur, dass es in den Köpfen sehr chaotisch zu geht. Nein, der Kopf hat zwar viel Fantasie, aber für die Realität ist er wohl zu begrenzt. Wie sollen da Wahrheiten herauskommen – wenn wir eh alles nur selber erfunden und empfunden haben?

So meine ich heute zu wissen, dass alles was wir meinen zu wissen, nur ein Glaube ist, sozusagen eine Art von Religion. Und mir  bleibt nur die Hoffnung, dass mir mein Glaube – an Aufklärung und Vernunft (die es ja wahrscheinlich auch nicht gibt, weil es ja auch nur unsere Erfindungen sind) – mir  persönlich mehr hilft als der Glaube anderer. Besonders wenn diese mir (und uns) ihren Glauben immer wieder aufzwingen wollen – und mit Strafe drohen, wenn wir ihn nicht annehmen.

Die zweite Hoffnung ist,  dass mein Glaube an Aufklärung, Ethik und Vernunft vielleicht ein klein weniger humaner und sozialer ist, als die Glaubensvarianten, die sich auf dieser Welt so tummeln.

Von der Illusion, dass Aufklärung und Vernunft und Ethik Wahrheit wäre, habe ich aber Abschied genommen.

RMD

P.S.
Das war jetzt so ein Text, wie er nur auf einsamen Zugfahrt entsteht, diesmal von München nach Stuttgart.

Roland Dürre
Sonntag, der 31. März 2013

Ostern im Netz

Heute Nacht hat mich zweimal Glockengeläute geweckt. So in der Zeit, die gar nicht stattfand, zwischen zwei und drei Uhr. Das ist in Deutschland möglich, weil halt Ostern ist und man da mitten in der Nacht aufgrund einer alten Tradition die Menschen beschallen darf.

Heute Morgen stöbere ich im Netz und finde in Google+ bei Marcus Raitner ein Zitat, das er im Blog von die ennomane gefunden hat:
„Glaubensfreiheit ist die Freiheit, auch an absurde Dinge glauben zu dürfen. Meinungsfreiheit ist die Freiheit, diese Dinge trotzdem absurd zu nennen. In diesem Sinne: Schöne Ostertage!“

Marcus hat diesem Satz nichts hinzuzufügen und ich kann ihn auch nur abnicken.

Hier die kurze Vorgeschichte:
In ihrem Blog hatte „die Ennomane“ auf einen sarkastischen Text zum christlichen Osterkult hingewiesen, der am Karfreitag im Der Postillon erschienen ist. Dafür ist die Autorin wohl angegriffen worden und meinte sich rechtfertigen zu müssen. Das hat dann auch zu ein paar Kommentaren geführt. Die Kommentare waren für mich interessant, weil für mich da wieder für „Gläubige“ typische Denkmuster sichtbar wurden.

Ich habe kurze Ausschnitte aus den Kommentaren kopiert und formuliere dann meine Gedanken zu den von mir „fett“ markierten Stellen:

  1. Comment von Antje Schrupp | 30. Mrz. 2013 um 22:55:28
    Ich habe schon die ganze Zeit bei den sarkastischen antireligiösen Witzen, die derzeit zirkulieren, die Assoziation …

    Diese Art von Lächerlichmachen hingegen läuft auf einen puren Machtkampf hinaus, also auf die Frage, wer dann wen am Ende besiegt.
    Als gute Christin könnte mich das natürlich völlig unberührt lassen, ich halte einfach die andere Wange hin.
    Bezogen auf eine globale Perspektive wage ich allerdings die Prognose, dass “Ihr” (also diejenigen, die Religionen für per se gaga halten), diesen Machtkampf verlieren werdet. Und das macht mir schon ein bisschen Angst, weil es nämlich vieles gibt, das an den Religionen, vor allem an ihren institutionalisierten Formen, dringend kritisiert und verändert werden müsste.
  2. Comment von Enno | 30. Mrz. 2013 um 23:06:19

    Hmm… die Drohung, man würde global gesehen den Machtkampf verlieren ist nun wirklich ein tolles Argument.
  3. Comment von Antje Schrupp | 30. Mrz. 2013 um 23:23:25
    Du glaubst nicht wirklich, dass das jetzt eine Drohung von mir war, oder?
  4. ….

Der ganze Kommentarstream kann natürlich auch auf die ennomane » Blog Archive » Es hat einen Grund nachgelesen werden.

Jetzt meine Anmerkungen:

Ich selbst fand den Artikel im Der Postillon belanglos. Er hat nur zu gut bekanntes und schon besser formuliertes mal wieder auf sarkastische und lustige aber nicht zu originelle Art aufgewärmt. Das einzig Neue (und vielleicht der Kritik würdige) im Artikel war, dass er religiöse Rituale mehrheitlich als „gaga“ bezeichnet hat.

Da kann man sicher darüber streiten, unter welchen Umständen etwas „gaga“ ist oder nur so wirkt. Aber wer will noch entscheiden, was heute „gaga“ ist und was nicht? Mir erscheint da sehr vieles, was ich heute so erlebe als „gaga“.

Bezeichnend finde ich aber die Wortwahl in der Argumentation der Kommentatorin Antje, die die Position der guten Christin vertritt.

Als erster kritischer Begriff fällt mir die „gute Christin“ auf. Als solche bezeichnet sich Antje.

Den „Guten Christen“ kann ich eigentlich nur als „geläufige Redensart“ oder als „unbedacht benutzte Floskel“ entschuldigen. Wenn ich den Begriff untersuche, stellen sich Fragen:

Was bedeutet das, ein „guter Christ“ zu sein? Ist das jemand, der seine Autonomie aufgegeben und sich bewusst fremden Regeln unterworfen hat? Ist das überhaupt möglich, als Mensch autonom seine Autonomie aufzugeben? Oder ist ein guter Christ nur jemand, der sich streng  an die Regeln des Christentums hält, aber seine eigene Autonomie bewahrt? Ist das aber überhaupt möglich?

Oder ist der „gute Christ“ nur als Gegenteil eines schlechten Christen gemeint? Und was ist dann der schlechte Christ, von dem sich Antje abgrenzt?

Sprachlich schlimmer als „guten Christ“ finde ich übrigens den „gläubigen Christ“, ein Begriff den ich auch sehr oft höre: Ich bin ein gläubiger Christ. Was ist denn das, ein „ungläubiger“ Christ?

Als zweites trifft mich immer persönlich der Spruch vom Machtkampf, den man verliert oder gewinnt. Das höre ich quasi automatisch von Menschen, die sich zu einem religiösen Glauben bekennen.

Toleranz heißt aber, dass „jeder glauben darf was er will“. Warum reden die „Gläubigen“, die diese Toleranz der anderen ja brauchen und für sich beanspruchen, dann immer vom Machtkampf und von „verlieren“ und „gewinnen“?

Als Gläubige würde ich im übrigen alle bezeichnen, die sich im Besitz einer Wahrheit wähnen, auch die „Atheisten“. Und wie können zwar vernunftbegabte aber sonst sehr beschränkte Säugetiere meinen, sie wären im Begriff der Wahrheit? Was ist Gott denn anderes als eine besondere Metapher für einen besonderen höheren Sinn und ein von Menschen geschaffener Begriff?

Und das letzte, was mich stört, dass genau die Gläubigen, die von Machtkampf gewinnen/verlieren sprechen, dann komplettes Unverständnis zeigen, wenn solches von Dritten als Drohung wahrgenommen wird.

Jetzt aber noch ein paar persönliche Gedanken:

Als kleines Kind war Ostern toll. Da durften wir Ostereier suchen. Die Freude war groß, wenn wir welche gefunden haben. Der Osterhase war ein Symbol für den kommenden Frühling. Wohl als fünfjähriger bekam ich ein gebrauchtes rotes Kinderfahrrad geschenkt. Da hat die Freude sehr lange angehalten.

Einmal in meiner Kindererinnerung war es an Ostern kalt und hatte Schnee. Da gab es dann kein Ostereier-Suchen im Garten. Wir haben aber das beste daraus gemacht, den Schnee in einer Schüssel ins Haus geholt und in Formen Schokoladenfiguren gegossen, die dann in der Schneeschüssel fest wurden. Das war schön.

Dann kam die Schule, und es war Schluss mit lustig. Ostern wurde zum Leiden, zum Symbol von menschlicher Grausamkeit,  von Schuld und Sühne. Man sollte Fasten, um sich rein zu machen. Wir lernten, was das heilige Grab ist. Und dass wir böse sind und ein anderer dafür gesühnt hätte.

Heute haben wir wieder ein weißes und kaltes Ostern. Und weil es keine Freude macht, rauszugehen und das mit den Ostereiersuchen auch vorbei ist, lese ich mich halt so durchs Netz. Und stoße auf fehlende Aufklärung.

Im Radio höre ich vom religiösen Super-Festival, das in großer Egozenrtrierheit begangen wird. Mit großen Sprüchen. Nur die Realität ist anders. Gestern scheitert das Abkommen zum Waffenhandel, die Umweltfakten werden täglich vernichtender und heute wird wieder von Liebe und Demut palavert.

RMD

Klaus-Jürgen Grün
Samstag, der 16. Februar 2013

Es trifft uns wie ein Schlag!

Ein Papst kündigt, ein Blitz schlägt ein im Petersdom, und ein Meteorit sprengt Zentralrussland – das kann kein Zufall sein! Zoodirektoren gleichermaßen wie Staatsführer und ihre Stützen weit und breit sollten sich jetzt wirklich einmal um ihre Kernkompetenz kümmern: Das unbekümmerte Glück der ihnen anvertrauten Tiere.

Es grenzt an Unverantwortlichkeit, dass wir vor allem die Menschen vollkommen alleine lassen mit der Erfindung kausaler Zusammenhänge. Was uns fehlt, ist eine verbindliche, eine amtliche Erklärung. Warum haben wir keine Staatsreligion, die uns die unberechenbare Zufälle und Unfälle im Universum als die weise geplante Vorsehung eines allumfassenden Verstandes erklärt? Statt dessen bleibt jeder mit seinem kleinen und fehlbaren Verstand sich selbst überlassen.

Der Bürger ist überfordert, und das macht ihn unglücklich. Wie soll er – ausgestattet vielleicht nur mit einem G8-Abitur – das alles in Einklang bringen mit der 13, die die letzten beiden Ziffern des Jahres 2013 bilden? Kaum einer macht sich die Mühe, die Ziffer 2 dabei genauer ins Auge zu fassen. Denn auch sie ist, wie die 13, eine Primzahl. Mit der Null zwischen zwei Primzahlen dürfte die Nullität angedeutet sein, in die die Welt, aufgespannt zwischen zwei Primzahlen, von deren eine sogar die 13 ist, demnächst stürzen muss.

Die kosmischen Ereignisse der vergangenen Tage dürfen wir daher keineswegs ignorieren, denn sie sind bloß die Vorboten für die bevorstehende Apokalypse. Manche haben das schon lange vorhergesehen.

Es ist das Mindeste, was wir von unserer Regierung erwarten dürfen, dass sie Schaden von uns abwendet. Aber genau das tut sie nicht. Der Meteorit hätte genauso gut das Atomkraftwerk Biblis oder Schweinfurt treffen können. Die paar Tausend Kilometer zwischen Russland und Mitteldeutschland sind nicht einmal ein Katzensprung im kosmischen Maßstab. Darauf ist keiner vorbereitet. Unsere Regierungen haben versagt.

Nun ist es beinah passiert und die Medien lenken ab vom Problem. Da kommen Leute wie der Astronaut und Physikprofessor Ulrich Walter aus München zu Wort, die unverschämt verkünden: „Das war reiner Zufall.“ Aber jeder Mensch, der sich nicht engstirnig mit Physik und anderen exakten Wissenschaften den Verstand trübt, weiß, dass dies alles kein Zufall sein kann.

Das ist Vorsehung. Und sie hat moralische Qualität, denn sie ist die Strafe der Gerechtigkeit, die es niemals erlaubt, dass die Menschen auf Dauer und in der Mehrheit einfach nur in der Gegenwart leben und sich um die Aufgaben ihrer täglichen Arbeit kümmern. Jeder denkt nämlich nur an sich und lebt in seiner kleinen Welt. Das musste irgendwann bestraft werden.

Wo sind nämlich, die Zoodirektoren, die uns angesichts der kosmischen Kräfte klarmachen, dass es sich geradezu kleinkrämerhaft nuttig anfühlt, wenn da noch einer für mehr Lohn am Hamburger Flughafen streikt; wenn da noch Sorgen aufkommen, wie wir Griechenland und den Euro gleichzeitig retten können – ja und überhaupt: wie verantwortungslos ist es von unseren Politikern, dass sie jetzt noch an Sieg oder Niederlage in der kommenden Bundestagswahl denken?

In der Stunde der Not offenbart sich die Wahrheit: Auch die Politiker denken nur an ihr eigenes Wohl. Und so muss jeder mit der Unberechenbarkeit kosmischer Ereignisse selbst fertig werden und das Wenige an Trost annehmen, was ihm die Tierpfleger angedeihen lassen.

kjg

Roland Dürre
Montag, der 31. Dezember 2012

Meine katholische Jugend

Ich habe gelernt, dass die stillen Tage an Weihnachten und zum Jahreswechsel ganz gut geeignet sind, den eigenen Lebenskompass wieder einzunorden. Wo soll es mit mir hingehen? Das habe ich auch dieses Jahr versucht. Jetzt gibt es aber kein Morgen ohne Heute und kein Heute ohne Gestern. So ging es bei meinen Gedanken zurück an meine Wurzeln. Zu Dingen, die mich auf meinem Lebensweg besonders bewegt haben. Und da habe ich mich an längst vergangene Zeiten erinnert. Ich erzähle mal öffentlich davon, auch um diese für mich abzuschließen. Vielleicht hilft es ja auch anderen, die ähnliches erlebt haben.

Mit acht Jahren wurde ich auf die heilige Kommunion – auch Erstkommunion genannt – vorbereitet. Nach einer normalen katholischen Erziehung (nicht intensiv, eher scheinheilig) wurde ich gemeinsam mit den anderen Katholiken in meiner Klasse im Religionsunterricht der Volksschule massiv instruiert.

Es war die dritte Klasse, da ging es ab Weihnachten so richtig los mit der Vorbereitung auf das große Ereignis. Der erste Schritt in Richtung Erstkommunion war, uns intensiv mit dem Leidensweg Christi zu versorgen. Ich erinnere mich an hoch sadistische Klebebilder, die wir kaufen und damit handgeschriebene Texte in unserem „Passionsheft“ illustrieren mussten.

Nach Ostern nahm das „bootcamp“ so richtig an Fahrt an. Zuerst kam die Beichte. Die musste intensiv trainiert werden. Die Beichte macht uns rein. Da die Beichte uns von allen Schulden befreit, muss sie kurzfristig vor der heiligen Kommunion stattfinden. Zum Beispiel am Samstag nachmittag, wenn man am Sonntag zur Kommunion geht. Und dann muss man alles tun, dass man sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht versündigt – zum Beispiel weil man etwas nascht oder unzüchtige Gedanken hat (zweiteres war in der Tat mit acht Jahren noch kein Problem). Auch die Buße nach der Beichte haben wir geübt. Vaterunser und Rosenkränze langsam und in Demut zu sprechen.

Die Umerziehung ging weiter. Nach der Beichte war die heilige Kommunion dran. Wir haben gelernt, dass diese für einen anständigen Katholiken das Highlight der Woche ist. Selbst wenn die Woche noch so schlimm ist, dann macht das nichts. Denn wir leben für den Sonntag, wenn der Herr zu uns kommt. Für einen Achtjährigen gab es in 1958 ab und zu ganz schön harte Wochen. Nur war der Sonntag meistens auch nicht besser.

Aber das war ja nicht so schlimm, denn wir mussten ja das Leid auf der Erde ja nur ertragen, bis dass der Tod uns erlösen würde. Und wir als auserwählte Katholiken in den Himmel kommen würden. Das war zwar nicht einfach, denn überall lauerte der Teufel unseren unreinen Seelen auf. Immer und überall waren Schuld und Sühne um uns. Da mussten wir erst mal durch. Deswegen Beichte und heilige Kommunikation.

Dann haben wir die heilige Kommunion geübt. Vor der Kommunion durfte man kein Frühstück zu sich nehmen. Seelische Reinheit und körperliche Nüchternheit waren die zwingende Voraussetzung für den Empfang des Herrn.

Der kam dann in Form einer Oblate, der Hostie. Der Pfarrer hat sie uns auf die Zunge gelegt. Auch das haben wir geübt. Das Fleisch des Herrn mussten wir im Mund zergehen lassen, denn „man darf das Fleisch des leidenden Jesu nicht mit den Zähnen beißen“ – so unser Religionslehrer.

Ja so war’s. All das wurde in unsere Kinderköpfe gepresst. Für einen gewissen Zeitraum sogar erfolgreich. Denn mit neun Jahren glaubt man noch, was die Erwachsenen sagen.

Heute bin ich froh, dass ich kurz nach meiner Erstkommunion entdeckt habe, dass ich mit der „strafenden Variante“ von „Gott“ nicht so viel anfangen konnte. An eine „liebende“ dachte ich damals auch nicht. Dass man Gott aber eher zwischen den mächtigen Bäumen in der Stille des Wittelsbacher Stadtpark fühlen konnte denn in unserer Pfarrkirche St. Anton, das war mir aber schnell klar. Und meine Entscheidung ist gefallen. Bei meiner Firmung – der zweiten Zertifizierung zum ordentlichen Katholikenmenschen – war ich drei Jahre später schon im Zustand der innerlichen Kündigung und ließ die Zeremonie nur unter Protest über mich ergehen.

So habe ich das erlebt. Heute stelle ich mir vor, was aus mir geworden wäre, wenn ich mich jeden Samstag rein von Schuld gemacht hätte und dann am Sonntag den „Leib des Herrn“ empfangen hätte. Wie hätte ich dann das Leben ertragen sollen?

Und so bin ich heilfroh, dass ich spätesten in der Pubertät mit meiner katholischen Vergangenheit soweit wie möglich abgeschlossen habe.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 30. Dezember 2012

Der brennende Dornbusch

Vor kurzem habe ich im Münchner Volkstheater „Moses“ gesehen. Das Stück hat mich tief bewegt. Es hat auch wieder mein Wissen über „den brennenden Dornenbusch im Berg Horeb“ aktiviert. Diese Episode stellt in der Religionsgeschichte einen markanten Wendepunkt da, hat sich hier doch erstmalig Gott mit einem „auserwählten Volk“ einen Bund geschlossen – zumindest in den Köpfen der Menschen. Und seitdem sind die überlieferten und oft als „heilig“ bezeichneten Geschichten der Menschheit geprägt von einem Gott in der Rolle eines Bündnispartners der eigenen Interessen oder Gruppe.

Mich bringt aber schon der Gedanke eines „auserwählten Volkes“ aus der Fassung. Ich denke an eine schreckliche Parallele zu unserer jüngsten Vergangenheit. Sind wir doch vor noch nicht mal 100 Jahren auch einem Wahnsinnigen hinter hergelaufen, der den Anspruch hatte, eine Herrenrasse in die ihr angemessene 1000-jährige Zukunft zu führen. Und damit unendlich viel Leid verursacht. Vielleicht weil zu ihm auch mal so eine Art „brennender Dornbuch“ gesprochen hat?

Und die Verrücktheit hört ja nicht auf. Panzer werden von Militärpfarrern gesegnet. Selbstmordattentäter und -attentäterinnen sprengen sich im Namen Gottes in die Luft. Und Gott wird immer wieder als Bündnispartner der eigenen Interessen vereinnahmt. Und genau das widerspricht doch einer Welt geprägt von Liebe, Respekt und Ehre. Und im „heiligen Land“ ist die Situation verfahrener als je zuvor …

Ich kann nur empfehlen: Moses im Volkstheater anschauen. Und werde demnächst mal von meinem eigenen religiösen Erleben im Alter so von 9 – 10 berichten.

RMD

P.S.
Das Foto ist Pressematerial zum Stück. Es gehört dem Münchner Volkstheater, das Copyright liegt beim Fotografen Arno Declair.

Roland Dürre
Sonntag, der 16. Dezember 2012

Ein besonderer Weihnachtsgruß

Von meinem Freund Klaus-Jürgen Grün aus dem Reich der Philosophie und seinem Team von PhilKoll habe ich einen besonderen Weihnachtsgruß erhalten.

😉 Den stelle ich jetzt ins globale und ewige Internet, das ja bekanntlich nichts vergisst, denn schöne Texte will ich teilen und der Nachwelt erhalten.

In seiner Preisschrift: „Über die Grundlage der Moral“ gibt Arthur Schopenhauer seinen Begriff vom Fest der Liebe bekannt:

„Der Geschmack ist verschieden;

aber ich weiß mir kein schöneres Gebet als Das, womit die Alt-Indischen Schauspiele (wie in früheren Zeiten die Englischen mit dem für den König) schließen.

Es lautet:
Mögen alle lebenden Wesen von Schmerzen frei bleiben.“

An anderer Stelle erinnert er daran, dass die ausgesprochene Religion der Liebe

wahrlich eine große und wesentliche Unvollkommenheit darin (habe), dass sie ihre Vorschriften beschränkt und die gesammte Thierwelt rechtlos lässt.

Anders dagegen in Momenten des Glücks

der Brahmanist oder Buddhaist nicht etwa ein „te Deum“ plärrt, sondern auf den Markt geht und Vögel kauft, um vor dem Stadtthore ihre Käfige zu öffnen.

Das lass ich mal ohne weitere Worte so stehen!

RMD

P.S.
Arthur Schopenhauer (* 22. Februar 1788 in Danzig; † 21. September 1860 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Philosoph, Autor und Hochschullehrer. Den Doktortitel der Philosophie an der Universität Jena erhielt Schopenhauer am 18. Oktober 1813 für seine Schrift „Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“.
🙂 Also vor bald 200 Jahren!

P.S.1
Bild und Unterschrift sind aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons.

Roland Dürre
Samstag, der 29. September 2012

Vortrag von Rupert Lay – „GOTT“ – NEU DENKEN – 2012

Es ist eine kleine, vielleicht sogar große Sensation. Am Samstag, den 8. September 2012, war Rupert Lay wieder Gast des Ronneburger Kreis und hat zu seinem aktuellen Lieblingsthema gesprochen:

„GOTT“ – NEU DENKEN 

Leider konnte ich dieser Einladung nicht folgen, weil ich wegen der Hochzeit meines ältesten Sohnes nach China musste. Sonst wäre ich auf jeden Fall dabei gewesen.

Glücklicherweise jedoch hat der Ronneburger Kreis diesen Vortrag aufgenommen! Also – ein ganz großes Dankeschön in Richtung Ronneburger Kreis und natürlich vor allem an meinen alten Lehrer und Freund Rupert, dass er diesen Vortrag vor der Kamera gehalten hat.

Die Veranstaltung fand in Frankfurt um 15:00 Uhr im Hotel Rödelheimer Hof statt.

Rupert Lay wurde 1929 in Drolshagen geboren und trat nach dem Abitur in den Jesuitenorden ein. Er studierte Philosophie und Psychologie, Theoretische Physik und Theologie, später auch Wirtschaftswissenschaften. Er lehrte nach seiner Habilitation Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Ordenshochschule St. Georgen, wirkte als Priester, Psychotherapeut und gab Kurse für Manager. Er ist Autor vieler Bücher. Seit einigen Jahren lebt er in einem Seniorenstift in Frankfurt.

Für mich ist er der deutsche Nestor zu „Ethik im Management“.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 29. August 2012

Im Urlaub gelesen 2: Der Ethik-Rat soll’s richten …

Auch das lese ich so im Urlaub in meinen älteren Zeitungen:

Jetzt soll der Deutsche Ethik-Rat einen Vorschlag machen, wie man aus dem Problem mit der Beschneidung der männlichen jüdischen Säuglinge in Deutschland herauskommt. Die Tage davor hatte ich auch eine Reihe von Stellungnahmen diverser deutscher medizinischer Experten zur frühen Beschneidung gelesen. Da war ein Kinderarzt, ein Schmerzens- und Anästhesie-Experte, ein Medizinprofessor, ein Klinikchef und ein Psychologe dabei.

Das klang für mich alles nicht sehr aufmunternd und hat mich bestürzt gemacht. So eine frühe Beschneidung ist wohl alles anderes als eine schönes Ritual. Und auch kein trivialer und von Folgen freier Eingriff.

Dann habe ich auch gelesen, dass ein wohl relevanter jüdischer Rabbi gegen jede Art von Narkose während der Beschneidungs-Prozedur ist. Und dass die Türkei sich auch schon geäußert hat und „der türkische Europaminister Bagis die Religionsfreiheit in Deutschland gefährdet sieht“.

Das hat mich dazu gebracht, im Internet zu recherchieren. Gefunden habe ich unter anderem eine ausführliche (und für mich ziemlich absurd klingende) Stellungnahme des „Zentralrats der Juden in Deutschland“.

Es gibt aber eine Instanz, von der höre ich nie etwas. Die aber für mich besonders relevant wäre. Es sind die Frauen. Was denken denn die jüdischen Mütter, wenn ihre Säuglinge wenige Tage nach der Geburt schmerzhaft von fremden Männern verstümmelt werden?

Wie geht das zusammen mit der Mutterliebe? Wollen die Mütter das wirklich? Oder opfern sie ihre Kinder nur aus Schwäche und Angst, weil sie im Käfig einer jahrtausende Jahre bürgerlichen Unterdrückung nicht den Mut haben, einer unmenschlichen Tradition zu wider stehen?

Oder ist es viel komplizierter und spielt hier insgeheim so eine Art „anarchisches Sexualverständnis“ inklusive einer „besonderen Form von Penisneid“ eine Rolle? Sieht „Frau“ deshalb Beschneidung eigentlich ganz gerne? Als Bestrafung für „Mann“ und damit „Mann“ sauber ist und bleibt?

Über weiblichen Widerspruch würde ich mich freuen.

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 23. August 2012

Hitze

Endlich Schatten…

Johannes setzte sich auf die rot gestrichene Bank.

Von hinten streifte ihn kühle Luft aus dem Wald.

Feucht und harzig.

In der  Sonne vor ihm – die brütende Hügelkuppe.

Von Wäldern eingesäumt.

Nur im Süden eine Lücke.

Durch sie konnte Johannes weit  ins Land schauen.

Das sich in der flirrenden Hitze auflöste.

Genau in diese Richtung führte ein Weg.

Wenig befahren, wie es schien.

Der Schotterbelag von Gras überwuchert.

Links ein ausgedehntes Weizenfeld.

Bis zum Wald.

Im Süden verlor es sich auch hinter der Kuppe.

Bei günstigem Wind spürte Johannes den süßlichen Geruch in die Nase.

Wie auf dem Getreideboden seiner Tante.

Wo er sich mit seiner Cousine Klara versteckt hatte:

Um sie zu drücken und zu küssen…

Rechts säumte eine Wiese den Weg.

Weiter unten etliche Bäume.

Halbkreisförmig gruppiert.

Dahinter ein Bauernhof.

Vierkantförmig angeordnete Gebäude.

Darüber nur Hitze.

Gelb.

Johannes erhob sich aus dem Schatten, trat wieder in die Hitze.

Auf den heißen Schotter.

Das Gras in der Wiese war viel zu hoch.

Es hätte gemäht werden müssen.

Der Weizen stand auch üppig.

Kniehohe Halme.

Kräftig

Grün.

Johannes näherte sich der Baumgruppe.

Birken und Holunder.

In deren Schatten saß eine Frau.

Rund und verschwitzt.

Ihr rotes Gesicht wirkte freundlich.

Sie verteilte Limonade.

An zwei dicke Kinder.

Johannes grüßte.

Hinter der Frau sah er plötzlich einen Mann.

Zum Teil verdeckt vom verblühten Holunder

Spärlich bekleidet.

An einem kreuzähnlichen Gestell.

Mit großen Nägeln angenagelt.

Es schien ihm nicht gut zu gehen.

Sein Gesicht war ungepflegt.

Der Mund stand weit offen.

Als wolle er eine Limo.

Vielleicht war er tot.

Keine Fliegen auf seiner hellen Haut.

Das sah Johannes.

Er ging hinunter in den Ort, um bei der Polizei Meldung zu erstatten!

KH

PS: Das Foto „Grüner Weizen“ ist aus Wikipedia.

Roland Dürre
Samstag, der 14. Juli 2012

Beschneidung und Aufklärung

Das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung erscheint mir im Sinne der Aufklärung mehr als überfällig.

Auch beim Mann hat die Beschneidung negative gesundheitliche Folgen. Die äußern sich in gelegentlichem Wundsein, lästigem Drücken und Desensibilisierung von empfindlicher Haut. Das ist trivial einzusehen und gilt im übrigen genauso für aus „medizinischen Gründen“ erfolgte Beschneidungen wie für „religiös motivierte“. Wobei die „medizinische“ Indikation in den meisten Fällen nicht zwingend ist.

In der Regel werden „medizinische Beschneidungen“ mehr auf Druck der Eltern und da besonders der Mütter durchgeführt. Die Motivation sind dann eher „hygienische“ denn „medizinische“ Gründe. Ich habe da selbst absurde Diskussionen von (übrigens überwiegend allein erziehenden) Müttern mitbekommen, die ihre Söhne nicht aus religiöser Motivation beschneiden haben lassen, sondern weil sie es einfacher als sauberer und normaler empfunden haben. Übrigens intelligente Frauen wie zum Beispiel eine mir bekannte Gymnasiallehrerin.

Da wird dann auch gerne vergessen, dass Beschneidungen neben den vielleicht nur leicht einschränkenden körperlichen Beschwerden auch psychosomatische Schäden bewirken. Frühzeitig erfolgt oft eine Ausgrenzung des Kindes – zum Beispiel beim gemeinsamen duschen. Es bedeutet Scham in Nacktkörper-Situationen, Diffamierung durch Mitschüler, Gefühl sexueller Minderwertigkeit usw. Die Pubertät wird auch nicht leichter.

Überall all das redet man nicht so gerne, weil ja Beschneidungen wie viele andere ähnliche Themen wie Sterilisationen oder Abtreibungen bei uns immer noch tabuisiert sind und geheim gehalten werden. Die betroffenen weichen dem Problem dann aus – zum Beispiel nehmen sie halt beim Duschen nach dem gemeinsamen Freizeitsport nicht teil.

Die körperlichen Eingriffe und Beschwerden als Folge einer Beschneidung sind beim Mann sicher nicht so wesentlich wie bei der Frau. Wahrscheinlich arrangiert sich Mann auch mehr oder weniger damit. Der menschliche Körper ist ja sehr anpassungsfähig, auch wenn es darum geht kleine chronische „Wehweh-chen“ zu ignorieren.

Denn die Folgen des unbedachten Eingriffs beim Säugling sind ein Leben lang wirksam.

Dogmatisierte Menschen werden das ignorieren und schulterzuckend das Totschlag-Argument der „Jahrtausende alten Tradition“ bringen. Und der „normale“ Mann gibt ja Beschwerden sowieso und gerade an seinem wichtigsten Teil nicht gerne zu. Also wurde das Thema in der Vergangenheit eher totgeschwiegen. Deshalb bin ich auch froh über das Kölner Urteil.

Aber warum soll man in einem aufgeklärten und menschlichen Deutschland nicht verbieten dürfen, einen gesunden männlichen Säugling vorsätzlich zu verstümmeln? Auch dann, wenn diese Verstümmelung mit  „Jahrtausend alter Tradition“ und Rücksichtnahme auf „religiöse Gefühle“ begründet wird?

Eltern, die ihren Säugling aus religiösen Gründen verstümmeln wollen, können das doch in einem Land machen, wo das erlaubt ist oder sogar als zwingendes Muss gesehen wird.

Im Übrigen hat uns die Aufklärung auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau verschafft. Und auch die von Frau und Mann! Wieso sollen wir einen Eingriff bei Jungen tolerieren, den wir bei Mädchen ablehnen? Ist der Eingriff beim Mann deshalb in Ordnung, weil er nicht so schädlich ist wie bei der Frau? Weil beim männlichen Geschlecht ein bisschen weniger weggeschnitten wird?

Oder drastischer gesagt: Wenn man keine Schamlippen entfernen darf, auch wenn dies aus Gründen von Religion oder Tradition gegeben erscheint, dann bitte auch keine Vorhäute! Auch das ist Gleichberechtigung – in diesem Fall mal für den Mann in Anspruch genommen.

Was mich am meisten entsetzt: Kaum, dass ein Gericht mutig und konsequent entscheidet, kommen unsere „demokratischen“ Parteien und wollen das Urteil per Gesetz bei Seite schaffen. Zittern sie vor den mächtigen Religionsgruppen, dem Terror oder geht es nur um Wählerstimmen?

Ich verstehe es nicht.

Schlage aber vor, zumindest die männlichen Abgeordneten der Vertreter unser Parteien, die dafür sind, Beschneidungen per Gesetz zu zu lassen, dann gleich mal als erstes zu beschneiden. Und mit dem Steffen Seibert würde ich gleich anfangen. Gerne mit einem schönen Ritual und öffentlicher Live-Übertragung.

RMD

P.S.
Hier übrigens der Originalton der Regierungserklärung zum Thema:

Die Bundesregierung will nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert den Rechtsfrieden für Beschneidungen in Deutschland wiederherstellen. Seibert erklärte am Freitag in Berlin, verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen von Jungen müssten straffrei in Deutschland möglich sein. Die Bundesregierung sei sich der Tatsache bewusst, „dass gerade in der jüdischen Religion die frühe Beschneidung von großer Bedeutung ist“, so Seibert. „Wir wollen jüdisches und wir wollen muslimisches religiöses Leben in Deutschland.“ Aus dem Bundesjustizministerium hieß es, die rechtliche Prüfung werde mit Hochdruck fortgesetzt. „Da kann nichts auf die lange Bank geschoben werden. Die Freiheit der religiösen Betätigung ist uns ein hohes Rechtsgut.“

Jetzt haben wir es:

Menschen verstümmeln ist religiöse Betätigung. Religiöse Betätigung ist ein hohes Rechtsgut. Also ist Menschen verstümmeln ein hohes Rechtsgut.

Und die Hygenie bewussten deutschen Mütter dürfen auch wieder hoffen …

P.S.2
Die Sorge, dass genau diese kleinen persönlichen Geheimnisse bekannt werden, könnte ein Grund für die oft bizarren Forderungen nach strengstem Datenschutz und die irrationale Angst vor Transparenz sein.