Klaus Hnilica
Donnerstag, der 23. August 2012

Hitze

Endlich Schatten…

Johannes setzte sich auf die rot gestrichene Bank.

Von hinten streifte ihn kühle Luft aus dem Wald.

Feucht und harzig.

In der  Sonne vor ihm – die brütende Hügelkuppe.

Von Wäldern eingesäumt.

Nur im Süden eine Lücke.

Durch sie konnte Johannes weit  ins Land schauen.

Das sich in der flirrenden Hitze auflöste.

Genau in diese Richtung führte ein Weg.

Wenig befahren, wie es schien.

Der Schotterbelag von Gras überwuchert.

Links ein ausgedehntes Weizenfeld.

Bis zum Wald.

Im Süden verlor es sich auch hinter der Kuppe.

Bei günstigem Wind spürte Johannes den süßlichen Geruch in die Nase.

Wie auf dem Getreideboden seiner Tante.

Wo er sich mit seiner Cousine Klara versteckt hatte:

Um sie zu drücken und zu küssen…

Rechts säumte eine Wiese den Weg.

Weiter unten etliche Bäume.

Halbkreisförmig gruppiert.

Dahinter ein Bauernhof.

Vierkantförmig angeordnete Gebäude.

Darüber nur Hitze.

Gelb.

Johannes erhob sich aus dem Schatten, trat wieder in die Hitze.

Auf den heißen Schotter.

Das Gras in der Wiese war viel zu hoch.

Es hätte gemäht werden müssen.

Der Weizen stand auch üppig.

Kniehohe Halme.

Kräftig

Grün.

Johannes näherte sich der Baumgruppe.

Birken und Holunder.

In deren Schatten saß eine Frau.

Rund und verschwitzt.

Ihr rotes Gesicht wirkte freundlich.

Sie verteilte Limonade.

An zwei dicke Kinder.

Johannes grüßte.

Hinter der Frau sah er plötzlich einen Mann.

Zum Teil verdeckt vom verblühten Holunder

Spärlich bekleidet.

An einem kreuzähnlichen Gestell.

Mit großen Nägeln angenagelt.

Es schien ihm nicht gut zu gehen.

Sein Gesicht war ungepflegt.

Der Mund stand weit offen.

Als wolle er eine Limo.

Vielleicht war er tot.

Keine Fliegen auf seiner hellen Haut.

Das sah Johannes.

Er ging hinunter in den Ort, um bei der Polizei Meldung zu erstatten!

KH

PS: Das Foto „Grüner Weizen“ ist aus Wikipedia.

Roland Dürre
Samstag, der 14. Juli 2012

Beschneidung und Aufklärung

Das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung erscheint mir im Sinne der Aufklärung mehr als überfällig.

Auch beim Mann hat die Beschneidung negative gesundheitliche Folgen. Die äußern sich in gelegentlichem Wundsein, lästigem Drücken und Desensibilisierung von empfindlicher Haut. Das ist trivial einzusehen und gilt im übrigen genauso für aus „medizinischen Gründen“ erfolgte Beschneidungen wie für „religiös motivierte“. Wobei die „medizinische“ Indikation in den meisten Fällen nicht zwingend ist.

In der Regel werden „medizinische Beschneidungen“ mehr auf Druck der Eltern und da besonders der Mütter durchgeführt. Die Motivation sind dann eher „hygienische“ denn „medizinische“ Gründe. Ich habe da selbst absurde Diskussionen von (übrigens überwiegend allein erziehenden) Müttern mitbekommen, die ihre Söhne nicht aus religiöser Motivation beschneiden haben lassen, sondern weil sie es einfacher als sauberer und normaler empfunden haben. Übrigens intelligente Frauen wie zum Beispiel eine mir bekannte Gymnasiallehrerin.

Da wird dann auch gerne vergessen, dass Beschneidungen neben den vielleicht nur leicht einschränkenden körperlichen Beschwerden auch psychosomatische Schäden bewirken. Frühzeitig erfolgt oft eine Ausgrenzung des Kindes – zum Beispiel beim gemeinsamen duschen. Es bedeutet Scham in Nacktkörper-Situationen, Diffamierung durch Mitschüler, Gefühl sexueller Minderwertigkeit usw. Die Pubertät wird auch nicht leichter.

Überall all das redet man nicht so gerne, weil ja Beschneidungen wie viele andere ähnliche Themen wie Sterilisationen oder Abtreibungen bei uns immer noch tabuisiert sind und geheim gehalten werden. Die betroffenen weichen dem Problem dann aus – zum Beispiel nehmen sie halt beim Duschen nach dem gemeinsamen Freizeitsport nicht teil.

Die körperlichen Eingriffe und Beschwerden als Folge einer Beschneidung sind beim Mann sicher nicht so wesentlich wie bei der Frau. Wahrscheinlich arrangiert sich Mann auch mehr oder weniger damit. Der menschliche Körper ist ja sehr anpassungsfähig, auch wenn es darum geht kleine chronische „Wehweh-chen“ zu ignorieren.

Denn die Folgen des unbedachten Eingriffs beim Säugling sind ein Leben lang wirksam.

Dogmatisierte Menschen werden das ignorieren und schulterzuckend das Totschlag-Argument der „Jahrtausende alten Tradition“ bringen. Und der „normale“ Mann gibt ja Beschwerden sowieso und gerade an seinem wichtigsten Teil nicht gerne zu. Also wurde das Thema in der Vergangenheit eher totgeschwiegen. Deshalb bin ich auch froh über das Kölner Urteil.

Aber warum soll man in einem aufgeklärten und menschlichen Deutschland nicht verbieten dürfen, einen gesunden männlichen Säugling vorsätzlich zu verstümmeln? Auch dann, wenn diese Verstümmelung mit  „Jahrtausend alter Tradition“ und Rücksichtnahme auf „religiöse Gefühle“ begründet wird?

Eltern, die ihren Säugling aus religiösen Gründen verstümmeln wollen, können das doch in einem Land machen, wo das erlaubt ist oder sogar als zwingendes Muss gesehen wird.

Im Übrigen hat uns die Aufklärung auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau verschafft. Und auch die von Frau und Mann! Wieso sollen wir einen Eingriff bei Jungen tolerieren, den wir bei Mädchen ablehnen? Ist der Eingriff beim Mann deshalb in Ordnung, weil er nicht so schädlich ist wie bei der Frau? Weil beim männlichen Geschlecht ein bisschen weniger weggeschnitten wird?

Oder drastischer gesagt: Wenn man keine Schamlippen entfernen darf, auch wenn dies aus Gründen von Religion oder Tradition gegeben erscheint, dann bitte auch keine Vorhäute! Auch das ist Gleichberechtigung – in diesem Fall mal für den Mann in Anspruch genommen.

Was mich am meisten entsetzt: Kaum, dass ein Gericht mutig und konsequent entscheidet, kommen unsere „demokratischen“ Parteien und wollen das Urteil per Gesetz bei Seite schaffen. Zittern sie vor den mächtigen Religionsgruppen, dem Terror oder geht es nur um Wählerstimmen?

Ich verstehe es nicht.

Schlage aber vor, zumindest die männlichen Abgeordneten der Vertreter unser Parteien, die dafür sind, Beschneidungen per Gesetz zu zu lassen, dann gleich mal als erstes zu beschneiden. Und mit dem Steffen Seibert würde ich gleich anfangen. Gerne mit einem schönen Ritual und öffentlicher Live-Übertragung.

RMD

P.S.
Hier übrigens der Originalton der Regierungserklärung zum Thema:

Die Bundesregierung will nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert den Rechtsfrieden für Beschneidungen in Deutschland wiederherstellen. Seibert erklärte am Freitag in Berlin, verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen von Jungen müssten straffrei in Deutschland möglich sein. Die Bundesregierung sei sich der Tatsache bewusst, „dass gerade in der jüdischen Religion die frühe Beschneidung von großer Bedeutung ist“, so Seibert. „Wir wollen jüdisches und wir wollen muslimisches religiöses Leben in Deutschland.“ Aus dem Bundesjustizministerium hieß es, die rechtliche Prüfung werde mit Hochdruck fortgesetzt. „Da kann nichts auf die lange Bank geschoben werden. Die Freiheit der religiösen Betätigung ist uns ein hohes Rechtsgut.“

Jetzt haben wir es:

Menschen verstümmeln ist religiöse Betätigung. Religiöse Betätigung ist ein hohes Rechtsgut. Also ist Menschen verstümmeln ein hohes Rechtsgut.

Und die Hygenie bewussten deutschen Mütter dürfen auch wieder hoffen …

P.S.2
Die Sorge, dass genau diese kleinen persönlichen Geheimnisse bekannt werden, könnte ein Grund für die oft bizarren Forderungen nach strengstem Datenschutz und die irrationale Angst vor Transparenz sein.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Juli 2012

Ochsenblut und Hexenzauber

Martin und Gernot gehörten zusammen wie die Sonne und der helle Tag – wo der eine war, war auch der andere!

Sobald einer der Buben morgens seine Augen aufrubbelte, sprang er von seinem platt gedrückten, nach Urin stinkenden Strohballen in der grob gezimmerten Bettstelle und rannte noch in Schlaflumpen über die Straße zum anderen. Oft stießen sie auch an den Pfützen der Hauptstraße, die sich zwischen den beiden Gehöften durchzwängte zusammen und knobelten aus, bei wem sie weiterschliefen.

Seit Menschengedenken wurden in den beiden gegenüberliegenden Gutshöfen Ochsen gezüchtet. Martins und Gernots Eltern hatten die Höfe vor etlichen Jahren in Rodenbach übernommen und da sie ähnlich aneinander klebten wie ihre Söhne, sorgte das im Dorf  immer wieder für  böses Getratsche:

„Wahrscheinlich“, tuschelten die Leute, „wissen diese drecks Ochsenzüchter vor lauter sodomitischer Geilheit gar nicht mehr, welcher der beiden Buben ihr eigener ist“?

Aber Martin und Gernot scherten sich nicht um dieses Getuschel.

Als sie nach etlichen Jahren die Höfe von ihren Eltern übernahmen und an einem Dienstag im Mai ihre Frauen Gertrud und Hildegard heirateten, blieben sie trotz allen Geredes genau so unzertrennlich wie vorher. Schon bald nach der Hochzeit gebar Gertrud unter Schmerzensschreien, die einen ganzen Tag lang im Dorf zu hören waren, einen kräftigen Sohn, den ihr Mann auf den Namen Siegfried taufen ließ, und Hildegard schenkte ihrem Gernot eine Berta, bei der alles viel leichter ging. Aber es war halt nur ein Mädchen!

Auch da witzelten die Dörfler: Siegfried käme auf Martins Freund Gernot raus und Berta hätte den gleichen  Silberblick wie Martins Schwester.

„Ach lasst doch dieses blöde  Volk quatschen“, sagten Martin und Gernot zu ihren genervten Frauen, wenn die klagten, weil sie sich wieder einmal von einigen dieser bigotten Dörflern scheinheilige Unverschämtheiten anhören hatten müssen. „Schade nur, dass zu uns niemand was sagt“, riefen sie dann lachend und streckten feixend ihre rechten Fäuste, an denen alle Finger fehlten, drohend gegen den Wolken verhangenen Himmel von Rodenbach.

Berta und Siegfried wuchsen genau so wild und ungestüm heran wie vormals ihre Väter und allen war klar, dass die beiden auch wieder heiraten und Ochsen züchten würden, wie es dem ehernen Gesetz dieser Höfe entsprach…

Doch dann kam alles anders!

Denn auch in diesem gottverlassenen Dorf Rodenbach trieben es die Hexen immer dreister und schickten den ratlosen Bauern und Handwerkern grässliche Hagelschauer und sintflutartige Regen, Feuersbrünste, die große Teile des Alten Dorfes einäscherten – und die Pestilenz…

Selbst als bereits jeden Sonntag von der Kanzel der kleinen Kirche in Rodenbach die Gläubigen aufgerufen wurden, jedwedes Anzeichen von Hexerei sofort der Inquisition  zu melden, und auch schon zwei Hexen im Ort aufgespürt und in Bruchköbel hingerichtet worden waren, fühlte sich die Dorfgemeinde immer noch durch die allgegenwärtige Hexenbrut bedroht! Diese teuflischen Hexen seien es auch, rief der Pfarrer zornig den verängstigten Menschen in den prallvollen Kirchenbänken entgegen, die die Pestilenz immer näher an Rodenbach heranlockten und Alt und Jung ins Verderben rissen, wenn nicht endlich die heilige Inquisition diesem satanischen Spuk den Garaus machte!

Es war Hagen, ein Neffe von Martin, der in Gelnhausen lebte und weit in der Welt herumgekommen war, der den beiden Freunden dringend riet, sich auch dieser heiligen Bewegung anzuschließen: „Wartet nicht bis ihr mit euerem wenig gottgefälligen Leumund selbst  Opfer der Inquisition werdet! Stellt euch an die Spitze! Helft  mit, die Hexenbrut auf die  Scheiterhaufen zu bringen; diese heiligen Feuer dürfen nie verlöschen“! rief er Martin und Gernot sonntags beim Frühschoppen im ‚Gasthaus zum Schützenhof’ zu und beglückwünschte sich selbst mit  einer neuen Runde Met zu seiner prächtig florierenden Tischlerei: Särge, Särge und nochmals Särge! Jammerschade, dass er nicht in der Lage war noch hundert mal mehr Särge herzustellen, klagte er, die Leute würden sie ihm selbst zum doppelten Preis aus den Händen reißen…

Als Hagen in ein heiseres Raunen fiel, krochen Martin und Gernot  förmlich  in ihn hinein, um ihn noch zu verstehen: “Macht es doch wie die da unten vor Afrika“, raunte Hagen, „die stellen aller Orten ‚heilige, rote Stühle’ auf, wie man hört! Denn wenn diese stinkenden Hexen sich bei ihren nächtlichen Ausritten an ihren geilen Besenstielen wund gerieben hätten, müssten sie unbedingt  einmal in der Nacht  absitzen, sagt man“.

„Doch gnade ihnen Gott, diesen verdammten Verführerinnen“! krächzte Hagen, „wenn die auch nur ein einziges Mal auf diesen ‚roten Stühlen’ aufhockten, ließ sie die ‚heilige Kraft Gottes’ augenblicklich stocksteif erstarren! Für die Wächter der Inquisition war es dann ein Leichtes, dieses verfaulte Hexengesindel im Morgengrauen von den ‚roten Stühlen’ zu pflücken und an Fleischerhaken  in die Abdeckerei zu schleifen“.

„Und wisst ihr, womit diese Stühle, die ich euch natürlich in meiner Tischlerei trotz der vielen Särge leicht noch anfertigen könnte, geweiht werden?“ fragte er nach dem dritten Humpen Met, „die werden in geweihtes Ochsenblut getaucht, versteht ihr? In geweihtes Ochsenblut, dem die Wächter der Inquisition noch geheime Substanzen beimengen, um das dunkle Rot der Sünde noch wochenlang leuchten zu lassen“!

„Und da diese ‚roten Stühle’ durch das Ochsenblut an heißen Tagen schon nach wenigen Stunden unangenehm rochen, sorgten Schwärme von Schmeißfliegen von den benachbarten Misthaufen Gott sei Dank dafür, dass sich kein anständiger Christenmensch irrtümlich auf diesen ‚Hexenfallen‘ niederließ“, fügte Hagen noch mit einem schäbigen Grinsen hinzu und machte sich schleunigst auf den Heimweg, da er seine Alte schon maulen hörte, wenn er wieder zu spät zum sonntäglichen Schweinebraten kam, den ihm die reichlichen Profite aus den Särgen unschwer ermöglichten.

Bald danach stand tatsächlich so ein müffelnder ‚roter Stuhl’ beim östlichen Wehrturm in Rodenbach! Und in der nächsten Nacht einer an der Ecke Mühlstrasse – Bachstrasse! Und ein Dritter in der Kirchstraße, nahe der Hainstrasse! Und noch einer bei der Befestigungsmauer – und einer draußen beim ‚Weidertsbörnchen’, wo immer noch viele Rodenbacher morgens ihr Trinkwasser holten! Und allesamt stanken sie derart in den hellen Tag, dass sich selbst Gott für diese ‚säuischen Stühle’ schämte, wie ein vorbei humpelnder Soldat besoffen in die stechende Sonne grölte…

Offiziell hatten Martin und Gernot kein Wort über die ‚roten Stühle’ verlauten lassen, sondern sie klamm heimlich ab der Nacht zur Sonnenwende aufgestellt. Trotzdem musste sie irgendwer dabei beobachtet haben, denn seit diesem Tag  verstummte jedes Gerede sowohl über die beiden, als auch ihre Familien und ihren angeblichen sodomitischen Lebenswandel!

Auch der Pfarrer pries vom ersten Tag an lauthals die ‚heilige Bestuhlung von Rodenbach’ und nannte sie einen großen, göttlichen Sieg im ewigen Kampf gegen das Böse! Und dies obwohl weder unmittelbar danach, noch später jemals eine dieser  ‚stocksteif erstarrten Hexen’ auf den ‚roten Stühlen’ entdeckt wurden, sondern nur  Marder und Ratten sich  nächtens darunter versteckten und die Dorfbewohner erschreckten, die sich jede Woche aufs Neue über den widerlichen Geruch dieser ‚Hexenfallen‘ beklagten. Aber niemand wagte sie anzutasten…

Doch wenn Martin und Gernot damals schon geahnt hätten, welches  Unglück diese ‚roten Stühle’ über ihre Familien bringen würden, hätten sie sich nie und nimmer bei jedem Frühschoppen, unausgesprochen, dafür feiern lassen und sich verschmitzt zugegrinst!

Und dass dieses Unglück ausgerechnet über Berta und Siegfried hereinbrechen würde, konnte damals erst recht niemand ahnen, da die beiden Kinder trotz der schweren Zeiten unbekümmert, wie die wilden Zicklein heranwuchsen und zumindest nach außen hin wegen ihrer fröhlichen Unbefangenheit und rührigen Hilfsbereitschaft von allen im Ort geliebt wurden! Die beiden waren doch ausgesprochene Glückskinder, denen niemand Böses wollte!

Vor allem Siegfried, der schon von frühester Kindheit an, an geheimen Orten unter der Anleitung seines Vaters vortrefflich mit der Armbrust schoss! Und trotz allem Bitten und Flehen von Gertrud, Siegfried nicht auch in diese verdammte Wilderei hineinzuziehen, die nur Unglück brachte und Martin bereits  alle Finger der rechten Hand gekostet hatte, nahm ihn dieser schon in ganz jungen Jahren mit auf seine nächtlichen Jagdtouren, in denen er mit Gernot hinter Wildsauen und Wölfen her war, die ihnen und den anderen Bauern jeden Sommer die Felder verwüsteten und die Schafe rissen…

Schlaf schien der Siegfried, genau wie sein Vater, nicht zu brauchen! Auch nicht als er einige Jahre später, unerschrocken ganz  alleine nächtens unterwegs war! Komisch war nur, dass er plötzlich immer seltener mit gewilderter Beute heim kam und immer gereizter auf Martins aber auch Bertas Nachfragen reagierte. Ja er verbat sich sogar von einem Tag auf den anderen mit hochrotem Kopf zornig ihre dreisten Verhöre, wie er sagte und überhaupt jede Art von Einmischung: Schließlich wären sie noch lange nicht Mann und Frau und wer wüsste schon ob sie das jemals werden würden…?

Berta war wie vom Donner gerührt, so grob hatte sie Siegfried noch nie angegangen! Weinend versteckte sie sich in ihrer Kammer, verriegelte die Tür, aß nichts mehr, sondern nippte höchstens ein wenig an dem frischen Wasser, dass ihr ihre tief besorgte Mutter Hildegard jeden Morgen in einem Krug vor die Tür stellte.

Aber vielleicht waren es ja nicht nur Siegfrieds rüde Worte gewesen, die sie so verstört hatten, vielleicht hatte sie ja doch schon das eine oder andere Mal die Dörfler tuscheln hören, dass nicht nur die Wildschweine ihren Siegfried in die nächtlichen Wälder zogen, sondern auch die weithin bekannten offenherzigen und gastfreundlichen Töchter der Köhler rund um Niedermittlau! Und dass sie es waren, die ihn schon über Wochen morgens so erschöpft heimkommen ließen, wie die anderen Wilderer auch aus der Umgebung, die sich wie er in den Netzen dieser geilen Köhlerbräuten verfangen hatten…

Und wie man sich heute noch im Alten Dorf erzählt, war Berta auch an diesem verhängnisvollen Totensonntag nicht bereit gewesen, ihre verriegelte Tür auf zu machen, als ihr Vater Gernot und sogar Martin energisch an die Kammertür pochten und sie anfangs flehentlich, später ungeduldig und zornig baten zu helfen, da Siegfried in höchster Not sei!

Nach zwei stürmischen Nächten hatte nämlich die Frau des Bäckers, als sie am Totensonntag Morgen Wasser geholt hatte, den vollkommen erschöpften Siegfried auf dem ‚roten Stuhl beim Weidertsbörnchen’ vorgefunden: ‚stocksteif’ saß er da, mit fieberrotem Kopf, konnte sich weder rühren noch sprechen und an seinem Hals quollen bereits die daumengroßen Beulen  der Pestilenz aus seiner zerfledderten Joppe…

Schreiend war die gute Frau zurück ins Dorf gerannt! Wie von Sinnen rüttelte sie erst an den Haustüren der Ochsengehöfte und dann beim Pfarrhof. Der Pfarrer wusste sofort was zu tun war und ließ schleunigst die Kirchglocken läuten: in dem rasch angesetzten Notgottesdienst verkündete er, dass jetzt nur eine unbefleckte Jungfrau helfen könne! Sie müsse bereit sein sich zu opfern und durch einen Kuss auf Siegfrieds Lippen den Hexenzauber von ihm nehmen, anderenfalls sei er unwiederbringlich verloren und mit ihm das gesamte Alte Dorf!

Nach mehreren Vaterunsern brach die verängstigte Kirchengemeinde schweigend auf – alle wussten was  zu tun war!

Aber Berta öffnete ihre Kammertür nicht!

Da auch Gertruds und Hildegards eindringliches Flehen nichts half, wurde nach kurzer Beratung die schwere Eichentür mit einer Axt aufgebrochen.

Doch der Vogel war ausgeflogen! Durch einen Geheimgang, den nicht einmal ihr Vater Gernot kannte!

Als die aufgebrachte Dorfbevölkerung mit viel Glockengeläute gleich darauf in einer Prozession zum Weidertsbörnchen aufbrach, musste sie verwundert, aber auch erleichtert feststellen, dass Siegfried auch verschwunden war…

Selbst die eiligst herbeigebrachten Jagdhunde von Martin und Gernot fanden keine heiße Spur von den beiden, sondern kamen schon nach kürzester Zeit  winselnd aus den Wäldern zurück, in die sie hineingehetzt worden waren…

Tja – und so wird noch heute im Alten Dorf gerätselt, was da eigentlich passiert war? Einige meinen, es wär ein abgekartetes Spiel zwischen Martin, Gernot und der Bäckersfrau, bei der sie sich nur allzu gerne aufhielten, gewesen, um die zerstrittenen Kinder wieder zusammenzuführen, andere wieder waren sich sicher, dass die unglücklich Liebenden leibhaftig in den Himmel aufgefahren waren, und der Rest der Dorfbevölkerung schwor darauf, dass Siegfried und Berta entweder vom Teufel geholt worden  oder aber ins nahe Bayern geflohen waren – was beides ziemlich auf das  Gleiche hinauslief…

KH

PS: Diese Geschichte ist vollkommen frei erfunden und fußt auf keinerlei historischen Grundlagen; alle eventuelle Ähnlichkeiten sind rein zufälliger Natur.

Roland Dürre
Donnerstag, der 28. Juni 2012

Im Radio gehört

Höre ja immer gerne Bayern2 – nicht nur die radioWelt. In der gab es heute morgen wieder bemerkenswerte Nachrichten und Reportagen.

Zuerst habe ich von einem politischen Durchbruch gehört:

Der Vermittlungsausschuss hat es geschafft! Bund und Länder sind sich einig über die Verpressung von Kohlendioxid (CO2), welches bei der Verstromung fossiler Rohstoffe entsteht.

Die Einigung sieht wohl so aus: Die Lager werden kleiner und jedes Bundesland darf der Einrichtung einer solchen Lagerstätte widersprechen.

Ist doch eine interessante Einigung. Symbolisch für unsere Politik. Und wenn diese Einigung etwas bewirkt, dann höchstens dass sie die Meinung der Bürger einigt, dass so etwas keine Politik ist.

Besonders da mir eine objektiv bessere Lösung sehr einfach scheint. Einfach die Entstehung des Kohlendioxids vermeiden. Über die notwendige Technologie verfügen wir, Geld scheint ja auch beliebig verfügbar zu sein. Es fehlt nur am politischen Willen und der sachgerechten Umsetzung.

Denn es macht doch wirklich keinen Sinn, dass wir die beste Kohle der Welt aus Australien nach Deutschland transportieren, um dann einen (sehr kleinen) Bruchteil des eingesetzten energetischen Potentials der Kohle hier als Strom zu gewinnen. Oder dass wir die wohl schlechteste Kohle der Welt, die heimische Braunkohle, hierzulande abräumen und verbrennen, um dann aufwändig die giftigen Stoffe wie Schwefel raus zu filtern – nicht wissend wohin damit. Und dann das Kohlendioxid irgendwo im Untergrund bei uns einpressen wollen?

Ein zweiter Beitrag aus der radioWelt hat mich heute Morgen zum Nachdenken angeregt. Nach einem Kölner Urteil ist die religiöse Beschneidung von Jungen (auch im Judentum oder Islam) rechtswidrig und eine strafbare Körperverletzung. Mir erscheint das ziemlich klar. Auch eine Beschneidung aus religiösen Motiven verletzt die körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht eines Kindes (das ja auch ein Mensch ist).

Und natürlich hat sich nicht nur der Zentralrat der Juden über dieses Urteil empört, sondern auch Vertreter anderer und christlicher Religionen. So hat die Deutsche Bischofskonferenz das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen scharf kritisiert. Die Entscheidung sei „äußerst befremdlich, weil es der grundgesetzlich geschützten Religionsfreiheit der Eltern und ihrem Erziehungsrecht in keiner Weise gerecht wird“, sagte Heinrich Mussinghoff, Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum (Quelle Spiegel)

Jeder soll nach seiner Façon selig werden“, das hat schon Friedrich der II. von Preußen um 1750 gesagt. Und dazu stehen wir doch alle. Ich wäre froh wenn das auch in vielen anderen Dingen gelten und man uns nicht bei so viel Dingen unnötig drein reden würde. Heißt das aber auch, dass wir andere Menschen – und wenn es unsere Kinder sind – verstümmeln dürfen?

Aber wir haben ja ein neues Tabu/Gebot: „Du darfst keine religiösen Gefühle verletzten!“. Das ärgert mich! Wer eine Religion ausübt, muss meines Erachtens auch damit leben können, dass seine Gefühle verletzt werden. Er sitzt doch eh am längeren Hebel, da er im Besitz einer göttlichen Wahrheit ist.

Dass meine Gefühle verletzt werden könnten, wenn Kinder in Deutschland aus religiösen Gründen verstümmelt werden, interessiert aber doch auch niemanden.

Und wenn das Kind erwachsen ist, darf es sich doch gerne beschneiden lassen. Denn wenn ein Erwachsener sich selbst verstümmelt, tätowieren oder piercen lässt, ganz gleich aus welchen Gründen, dann akzeptiere ich das.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 29. Februar 2012

Georg Schramm & Der Zölibat

Gestern Abend war ich mal wieder bei ihm, dem Georg Schramm. Aufgetreten ist er im Lustspielhaus zu Schwabing. Georg Schramm ist einer meiner Generation, ein gutes Jahr älter als ich. Vielleicht verstehe ich ihn deshalb so gut.

Er hat uns ein tolles und sehr aufwändiges Programm beschert. Sehr konsequent. Mit totaler Hingabe. Ein Aufruf zum sozialen Widerstand. Mit harten Aussagen gegen die Finanzwelt. In der RAF-Zeit hätte man ihn wegen des Aufrufs zum Morden verhaftet.

Und am Schluss erklärt er den Leuten gar, was ein „flashmob“ ist. Das gefällt nicht jedem. Verstehe auch, dass die Herrschenden so etwas nicht mehr zur besten Sendezeit im Fernsehen gar nicht so gerne sehen.

Ein paar spannende Theorien waren auch dabei. Unter anderem eine zum Zölibat. Da haben dann ein paar Zuschauer den Raum verlassen …

Ich gebe sie kurz wieder:

Georg Schramm geht in seinem Kabarett davon aus, dass die Kirchenvertreter so im 12. Jahrhundert besonders triebstark waren. „Und alles gemaust hätten, was nicht schnell genug auf die Bäume kam“. Das hätte als Folge natürlich viele Kinder gehabt, die wiederum den Reichtum der Kirche bedroht hätten. Und aus diesem Grunde hätte das Management der katholischen Kirche den Zölibat eingeführt. Klingt ja nicht unlogisch.

Dem entgegne ich aber, das es damals noch weitere (gute) Gründe für diese Managemententscheidung gegeben haben könnte.

Die Kirche war damals sicherlich schon mächtig und reich. Sie war wohl der größte Grundbesitzer (hätte fast -besetzer geschrieben) und baute eindrucksvolle Bauten. Ein reiches System muss aber, um reich zu bleiben und noch reicher zu werden, gut für seine Systemagenten sorgen.

Jetzt waren aber im Mittelalter die Zeiten hart. Hunger und Elend waren für einen großen Teil der Bevölkerung normal. Bischöfe und Pfarrer dagegen dürften nicht zur Not leidenden Mehrheit gehört haben.

Ist es menschlich nicht ganz normal, dass die „Weibchen“ unserer Art sich lieber den „Männchen“ entgegenkommend zeigen, die „zu Fressen haben und im Wohlstand leben“ – wie Bert Brecht vielleicht gesagt haben würde.

Ist es nicht genauso normal, dass die „Männchen“ damals – wie heute – halt sehr schwache Wesen waren und sind?

Und wird eine Organisation nicht unglaubwürdig, wenn sie Wasser (Keuschheit und Monogamie) predigt und ihre operativen Mitglieder den Umständen geschuldet genau das Gegenteil leben? Das schadet zumindest langfristig jeder Organisation.

Dann ist doch das Zölibat eine nur zu gut verständliche Management-Maßnahme. Notwendig zur Image-Pflege, die gerade für Unternehmen, die mit Werten handeln, von großer Relevanz ist.

War die Einführung des Zölibats so gesehen nicht das Beispiel von genialer Unternehmensführung? Sozusagen ein Genie-Streich? Dies verbunden mit dem angenehmen Nebeneffekt eines wesentlichen Senkens der Kosten!

Wie gesagt – reine Spekulation. Aber egal – der Zölibat ist – ganz gleich in welcher Dimensionen man ihn betrachtet, ein Anachronismus.

RMD

P.S.
Der Inhaber der Bildrechte am Foto von Georg Schramm ist Hossa bei de.wikipedia.

P.S.1
Ich nehme Menschen wie Georg Schramm, Urban Priol, Bruno Jonas, Bernd Hildebrandt, GerhardPolt gar nicht mehr als Kabarettisten wahr. Für mich sind sie mehr zu so einer Art uns mahnende Volksredner und freie Wanderprediger geworden, die kritisch und Werte basierend aufgeklärte Positionen vertreten und eine Rückbesinnung auf unsere freiheitliche Grundordnung einfordern.

So fällt mir auf, dass bei Ihnen immer weniger gelacht wird, sie aber immer mehr Beifall bekommen.