Werner Lorbeer
Mittwoch, der 16. September 2015

OECD Messung widerlegt den Landrat

geometrie„96 Prozent der befragten Schüler haben danach einen Computer zu Hause, 72 Prozent gebrauchen diese Technik in der Schule. In Deutschland nutzen Schüler aus bessergestellten Schichten das Internet mehr zur Informationsbeschaffung als sozial benachteiligte Jugendliche. Dort dienen Computer, um Videos zu schauen, online zu spielen oder zu chatten.“

Nicht dass das unerwartet wäre. Aber es unterstreicht einige pädagogische Hypothesen und vernichtet einige andere. Das Bild zeigt Schülerinnen in einer bilingualen Situation beim Lösen einer Geometrieaufgabe. Das Ergebnis ist echter Kompetenzzuwachs in geistiger Konzentration, Problemlösen, empathischem Zuhören und hin und wieder Erprobung der Eigenschaften eines Geometrieobjekts oder einer Geometrieoperation. Geredet haben sie dabei nicht viel. Aber: Alles aus der Kategorie „Kommunikation“, wenn man an Kompetenz orientierte Formulierungen liebt.

Zu den pädagogischen Hypothesen:

  • – Die Investition in Computer in der Schule führt weder zu besserem Lernerfolg der Schüler noch zu mehr Lernerfolg. Das ist schade für den Landrat aus dem reicheren Landkreis, es ist widerlegt.
  • Der Umgang mit dem Computer und den Netzen für nicht zu zu den gewünschten Kompetenzen im wissenschaftlich-technischen Bereich. Das ist saurer Wein für alle, die das Leben in den sozialen Netzen als Unterrichtsziel verkaufen wollen, die das Rechieren in den pädagogischen Himmel heben und nicht das Verstehen des Gefundenen.
  • Der Bildungsabstand von gleich begabten Kindern ändert sich durch Computereinsatz, Softwareeinsatz, – nicht (wird tendenziell größer). Es ist vielmehr Fleiß und Frustrationstoleranz, die diese Chance setzen.

Es sollte das Ende der Technologie Illusion für das wirkliche erfahrungsbasierte Lernen genutzt werden, um mit den Kindern und Jugendlichen am gewünschten Gegenstand zu lernen wie z.B. Bienenzucht, Kochen, Gärtnern, Robotik …

Ich denke, das würde vielen Freude bereiten.

wl

Werner Lorbeer
Samstag, der 22. August 2015

Mythen über Unterricht

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Schule als variable Sozialform

Aktueller Streit in BW! Es geht politisch bewährt um die Schulform. Und natürlich auch immer um den Quotienten Lehrer/Schüler und die Inklusion.

Erschütternd aus meiner Sicht ist die mangelnde Kenntnis der Streitenden über die empirische Forschungsliteratur.

Es bleibt festzuhalten, dass Einzelunterricht oder das Unterrichten weniger eine Kunstform ist, die literarisch studierbar im 18. und 19. Jahrhundert völlig gescheitert ist.

Dass der gut untersuchte autonome Lerner zu starker Differenzierung im sachstrukturellen Entwicklungsstand führt ist ebenfalls bekannt. Dass die Gruppengröße im wesentlichen durch die Disziplin in der Lernergruppe beschränkt ist, dies aber den Erfolg keineswegs beschränkt, zeigen uns die PISA Studien aus.

Jauchs Shows sind kein Abbild der aktuellen Sozialformen in der Schule. Diese ist gekennzeichnet durch sehr variable Sozialformen, auch wenn das in den Bildungsredaktionen kaum bekannt ist. Das Bild zeigt eine Routinesituation aus dem Holbein-Gymnasium Augsburg, das Ende einer Projektunterrichtsphase.

Was aber nicht heißt, dass es immer so weiter gehen konnte. Vielmehr hatte diese Klasse auch das Recht auf eine systematische Darstellung der Physik; denn Wissen hat eine Struktur um die im Laufe von vielen Jahrzehnten hart gerungen worden ist. Je begabter das Kind, um so erfolgreicher wird es die Wissensstruktur auf weitere Probleme anwenden.

Wir wissen aus der empirischen Forschung übrigens auch, dass die spezifischen Lehrerbegabungen den Unterichtserfolg ganz entscheidend beeinflussen. „Erfolg“ ist in der pädagogischen Forschung immer multidimensional zu verstehen – soziale Wirkungen, akademische Wirkungen, Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes etc.

Nicht jeder Lehrer hat von seiner Persönlichkeitsstruktur her gleiche Chancen. Und seine Wirkungen werden auch nicht auf jeden Schüler gleich sein. Es gibt zahlreich „trait-treatment interaction“-Forschungen, die das belegen. So gesehen, ist der Baden-Württemberg-Streit überflüssig, weil in keiner Weise dem Erfahrungsschatz der pädagogischen Praxis oder gar der pädagogischen Forschung verpflichtet.

Eine letzte Bemerkung zum Lehrer:
Wer sich durch Kinder „gestresst“ fühlt und sich „dem burn out“ nähert, der muss prüfen, ob seine Persönlichkeit geeignet ist, „Erzieher“ zu sein. Kinder haben das tägliche Recht auf einen „freundlichen, entspannten Lehrer“ (Hefendehl-Hebecker) und sie bieten dem Lehrer an, jeden Tag neu zu starten.

Wo bitte, gibt es in der Erwachsenen-Welt solche Chancen?

wl