Roland Dürre
Sonntag, der 21. April 2019

Theater und Mobilität

Vor vielen Jahren habe ich ein wunderbares Theater entdeckt, dem ich bis heute treu geblieben bin und weiter treu bleiben werde:

Es ist das Torturmtheater in Sommerhausen. Es ist das Theater des Veit Relin, der leider schon verstorben ist. Seine Witwe, Angelika Relin, führt es weiter und inszeniert jedes Jahr einen Reigen von vier ganz besonderen Stücken. Meistens von zeitgenössichen Autoren, die sich genial ergänzen. Und ich besuche jedes Jahr alle vier Stücke, und dies mindestens einmal.

Aktuell (bis zum 25. Mai 2019) wird gespielt:

BILDER DEINER GROSSEN LIEBE von Wolfgang Herrndorf.

Die Protagonisten im Stück ist Isa, eine Vierzehnjährige, die eine aus dem Himmel gestürzte Heldin zu sein scheint. Gespielt wird sie auf einmalige Art und Weise von Isabel Kott. Es ist zum Lachen und Weinen.

Die folgenden Bilder im Artikel zeigen Isabel Kott in ihrer Solisten-Rolle. Der Autor dieses Stücks, Wolfgang Herrndorf ist der auch schon verstorbene Autor von TSCHICK, einem Bestseller, der nicht nur von Jugendlichen gerne gelesen wird.

Das Torturmtheater hat für mich nur einen Nachteil. Sommerhausen liegt in der Nähe von Würzburg und ist so fast 300 km von München entfernt. Das ist schon eine ganz schöne Strecke – „nur“ für den Besuch eines Theaterstücks in einem schönem alten Turm.

Die Fahrt zum Theater habe ich schon oft gemacht, es ist für mich eine eingeübte Praxis. Jetzt wollen wir aber den Planeten retten und unsere Mobilität und wie unser Verhalten und unsere Gesellschaft ändern.

Das ist ein Anlass für mich, mal meine heutige Praxis am Beispiel der Fahrt von Neubiberg ganz nahe bei München zum Torturmtheater nach Sommerhausen zu berichten aber auch zu beschreiben, wie das in Zukunft sein könnte.

Also: Wie kommen Barbara und ich nach Sommerhausen und Abends zurück. Dazu ein Hinweis: Die Vorführungen beginnen abends um 20:00 und dauern immer um eine Stunde. Das heißt, dass für uns als Genußmenschen in der Regel eine Übernachtung in Sommerhausen dazugehört – natürlich inklusive eines schönen Abendessens mit dem guten lokalen Wein dazugehört.

GEGENWART:

Es gibt mehrere Möglichkeiten, von Neubiberg nach Sommerhausen zu kommen. Die derzeitig bevorzugten Verkehrsmittel sind bekanntlich das Auto, der Zug und das Flugzeug.

Mit dem Auto:

Da sind zwei Varianten denkbar. Die primitive Varianten ist, dass Barbara und ich ein Auto nehmen. Einer von uns setzt sich ans Steuer. Bei einem (eher) optimistischen Schnitt von 80 km/h plus Pausen, heißt das vier Stunden auf der Straße, davon zwei Stunden am Steuer. Hin und zurück. Das sind fast 600 km, wenn ich nur 40 Cent pro km an echten Kosten rechne, kostet dass auch schon 240 €. Wir müssten fahren zeinah losfahren, stellen das Auto vor unsere Unterkunft und am nächsten Tag fahren wir wieder heim.

Dazu haben wir keine Lust. Und 240 Euro machen das Theater auch teuer (der Eintritt ist unter 20 €).

Jetzt könnten wir uns einen Fahrer leisten, der uns in einer komfortablen Großraum-Limousine fährt. Also so tun, als ob wir ein Mitglied der bayerischen Staatsregierung wären. Nur im Gegensatz zu unseren Politiker den Fahrer bitten, möglichst langsam und sanft zu fahren. Also die Regelgeschwindigkeit nicht zu überschreiben. Der hätte dann aber weniger Spaß, und ein Zimmer für die Nacht bräuchte er auch noch. Das widerspricht dann doch unserer Sparsamkeit. Es sei denn, wir würden ihn beauftragen dann spät in der Nacht möglichst schnell heim zu bringen. Weil wir doch vor Mitternacht gerne im Bett wären. So entscheiden wir uns lieber für die Bahn.

Mit dem öffentlichen Verkehr:

Die Verbindungen mit Flix-Bus lassen wir mal beiseite. Die sind uns zu unkomfortabel. Aber es gibt sie wohl auch von München nach Würzburg. Laut Anzeige 7 Mal Täglich und ab 11,99 €. Der Fernbus-Testsieger. Beinfreiheit. Einfache Buchung. Gratis WLAN. Sitzplatzgarantie. Umweltfreundlich.
Klingt günstig.

Nein wir bevorzugen die Eisenbahn. Das geht gut, wenn man weiß, dass man besser nicht die Verbindungen nach Sommerhausen sucht, sondern die nach Winterhausen. Denn zwischen Winter- und Sommerhausen liegt nur Main, und unweit vom Bahnhof in Winterhausen liegt die Brücke über den Fluß nach Sommerhausen. Zu Fuß ist es so zum Theater im Torturm nur ein Kilometer.

Und das Bayern Ticket gilt ja für ganz Bayern. Es kostet für zwei Personen 32 € (25 Grundpreis + 7 € für jede weitere Person – bis zu vier Begleiter darf man haben). Und tatsächlich gibt es von der Bayerischen Regionalbahn (DB) eine ganz gute Verbindung von München Hbf nach Winterhausen. Zuerst fährt man von München über Nürnberg oder Augsburg nach Treuchtlingen. Dort steigt man in den Zug nach Würzburg über Ansbach um. Der Anschluss ist knapp, aber wir haben ihn immer geschafft, auch weil der zweite Zug in Treuchtlingen bei Verspätung des ersten Zuges gewartet hat.

Bei dieser Variante müssen wir auch übernachten und brauchen deshalb zwei Bayernticket (eins für die Hinfahrt und eins für Rückfahrt am Tag danach). Diese kosten dann schon 64 € plus Übernachtung.

Wenn wir es sehr eilig haben, können wir mit dem ICE nach Würzburg fahren. Das kostet mit Bahncard25 als einfache Fahrt 56,25 EUR pro Person. Also mal vier (zu zweit, hin und zurück) sind das dann 225 €.

Der Preis für den Bus von Würzburg nach Sommerhausen ist da noch nicht enthalten. Es gibt auch Sonderpreise, die aber keine Flexibilität zu lassen – und beim günstigsten Spartarif (Supersparpreis) ist dann das City-Ticket in München nicht enthalten …

Das sind dann auch nochmal fast 3 Euro pro Person für die Hin- und Rückfahrt, also in der Summe 12 weitere Euro. Je nach Verbindung ist der Zeitgewinn mit dem ICE dann zwischen einer halben und ganzen Stunden, also nicht so richtig wesentlich.

Also fahren wir DB-Regio und nehmen unsere Falträder mit, was uns vor Ort sehr flexibel (und vor allem auch viel Spaß) macht.

Alternativen?

Ich kenne Menschen, die von München nach Nürnberg (oder Stuttgart) fliegen. Gerade bei Politikern ist das üblich. Die nutzen dann gerne die Flugbereitschaft und werden dann direkt auf dem Flugfeld des Flughafens mit einer Staatslimousine abgeholt und ans Ziel gebracht.

Jetzt bin ich aber kein Politiker und versuche selbstverständlich innerdeutsche und innereuropäische Flüge zu vermeiden, wenn es nur irgendwie möglich vernünftig möglich ist. Auch weil das Wechseln der Systeme Flugzeug, Bahn und ÖPVN oder Taxi auch zu komplex, aufwändig und teuer ist. Also kommt für mich die in diesem Fall besonders unsinnige Flugvariante nicht in die Tüte.

Wir sind die Strecke auch schon mal mit dem Fahrrad gefahren. Das war eine ideale Verbindung eines Theaterbesuch mit einer Radtour. Ist natürlich auch nicht jedesmal möglich, so schön man im Franken- und Bayernland auch Radeln kann.

ZUKUNFT:

Was wird uns die Zukunft bringen? Das ist spannend, denn jetzt geht es ja darum, wie wir unser Verhalten ändern? Weil wir ja durch vernünftigeres Verhalten den Planeten retten wollen. Die erste Maßnahme könnte sein:

VERZICHT?

So schön das Theater in Sommerhausen auch ist und so großartig die Stücke sind, bei einer ethischen Güterabwägung könnte ein Verzicht angemessen sein. Das würde uns aber schmerzen.

Nehmen wir also an, dass wir nicht verzichten wollen. Ist dann der Wechsel zu Flixbus sinnvoll (angeblich ist ja der Bus das umweltfreundlichste Verkehrsmittel – noch deutlich vor der Bahn).  Wenn die Bahn aus Umweltschutz-Gründen eingestellt werden würde, dann würde ich Bus fahren.

So richtig sehe ich keine Lösung für mich. Und gebe auf. Ich kann die Zukunft nicht vorhersagen.

Doch dann kommt die Lösung:
Heute bin ich einer der wenigen Sonderlinge, die nach Winterhausen mit dem Zug fahren und dann die Mainbrücke von Winterhausen nach Sommerhausen zu Fuß oder mit dem Faltrad nutzen. Im kleinen Sommerhausen steht viel Auto-Chrom mit Kennzeichen aus ganz Deutschland herum. Das ist der Normalfall. Auf dem Parkplatz vor der Pension, in der ich übernachte, komme ich mit meinem kleinen Brompton gar nicht so richtig durch die Herde der ruhenden SUVs. Die Angst, dass ich das teure Blech verkratzen könnte, zwingt mich zu äußerster Umsicht.

Das könnte man ja umdrehen?
Also: Züge, die ein wenig voller sind und weniger SUVs? Denn: All die SUV-Fahrer wie auch die anderen Herren der großen Limousinen könnten auch mit dem Zug kommen. Weil da immer noch viele Plätze frei sind. Und dann wäre auch Sommerhausen befreit vom Blech und noch ein wenig schöner.

Man müsste also unsere Methode zum Normalfall machen. Und die Anreise mit dem MIV (motorisierter Individual-Verkehr) zur wohl überlegten Ausnahme.

Nur, was machen wir, wenn die SUV-Fahrer das nicht wollen? Weil es ja gegen den gesunden Menschenverstand ist, die Autobahn nicht zu nutzen?

RMD

P.S.
In München gehe ich auch gerne und oft ins Theater. Meine Favoriten sind zurzeit das Volkstheater und das Metropol. Aber auch im Resi und in den Kammer-Spielen und deren Ablegern findet man immer wieder Sehenswertes.
Mit der Mobilität ist das in München gut gelöst:
Bei den staatlichen und städtischen Bühnen ist – wie bei der Oper – im Eintrittspreis die MVV-Fahrkarte hin und zurück mit enthalten. Und auch die privaten – wie das Metropol – sind mit dem MVV gut erreichbar. Man muss ihn zwar bezahlen, aber gerade beim Metropol lohnt sich das immer.
Wer sich den MVV sparen will, nimmt das Fahrrad, mit diesem kommt man zu allen Theatern des Millionendorfs gut hin.

München ist ein große Stadt. In München gibt es auch eine große Theatertradition. Früher haben „Das Resi“ (Residenztheater mit all seinen Spielorten) und die Kammerspiele die Szene dominiert und mich fasziniert. Heute finden wir Spitzentheater vor allem im Volkstheater und wohl auch beim Außenseiter aus Freimann – dem Metropoltheater.

Es gibt in München aber auch eine große Bühne des Amateur-Theaters. Herausragend empfinde ich das Theater Ensemble tgsm. Mit dieser Einschätzung möchte ich die vielen anderen ambitionierten „Laiendarsteller“ in München, die in vielen Bühnen mit Leidenschaft spielen, keinesfalls entwerten. Im Gegenteil, beim Theater ist es wie im richtigen Leben – die „Dilettanten“ (Menschen, die es aus Liebhaberei und nicht auch fürs Geld machen) stehen oft den Profis in nichts nach.

Gestern durfte ich beim tgsm etwas ganz besonders erleben. Es war ein Stück, dass leider nur selten aufgeführt wird. Vielleicht weil es unangenehm ist und weh tut.

Furcht und Elend des Dritten Reiches

von Bertolt Brecht (1898 – 1956)

Ich zitiere aus dem Programm des tgsm:


In 30 Szenen beschreibt Brecht 30 Momentaufnahmen des Lebens im 3. Reich und wollte es zunächst „Deutschland – ein Greuelmärchen“ nennen. 1938 fand mit acht Szenen in Paris die Uraufführung statt. Die Szenen stehen für sich, bilden keine fortgesetzte Handlung und fügen sich schließlich doch zu einem Bild des Lebens unter nationalsozialistischer Herrschaft zusammen. Wer da genau hinschaut, versteht die Mechanismen der Diktaturen nämlich: Polarisierung, Angst, Diffamierung von Minderheiten (Feindbild) und tägliche Demonstration der Staatsmacht. Darum ist das Thema auch heute aktuell und wird es immer bleiben.


Ich hatte Angst vor diesem Abend. Einfach weil ich weiß, dass das Grauen und Entsetzen dieser Zeit mich deprimiert. Vor kurzem hat mit nur das Vorbeiradeln am KZ in Dachau eine schlaflose Nacht beschert.

Am Abend (um 22:30) bin ich mit einem tiefen Glücksgefühl heim geradelt. Ganz gegen meine Erwartung. Weil ich großes und wertvolles Theater erlebt hatte.

Vor allem war ich glücklich, weil ich so viele Menschen erlebt habe (um die 25 Schauspieler und um die 15 Unterstützende), die mit unheimlich großen Engagement in ihrer Freizeit völlig ehrenamtlich so etwas Tolles auf die Beine gestellt haben. Und weil ich gefühlt haben, dass diese Menschen die Welt ähnlich sehen wie ich.

Vielen Dank dafür!


Die beste Nachricht:
Es gibt noch ein paar Gelegenheiten, das Stück zu erleben! Hier alle Termine:

1. Juni 2018 (Freitag)
2. Juni 18 (Samstag)
(Pasinger Fabrik, Beginn jeweils 19:30)

7. Juni 2018 (Donnerstag )
8. Juni 2018 (Freitag)
9. Juni 2018 (Samstag)
(Pepper Theater, Neuperlach, Beginn jeweils 19:30)

14 Juni 2018 (Donnerstag)
(Neubiberg, Aula der Volksschule, Am Rathausplatz, Beginn 20:00)

Zum Karten reservieren geht es hier.

Und hier noch ein paar Links zum Appetit machen: Hier eine ausführliche Kritik zur Premiere, an der Konstantin Wecker mit einem Lied zum Schluss dabei war. Bei den natürlich an den weiteren Aufführungen ist er nicht persönlich dabei, dann kommt sein Lied SAG NEIN vom Band. Bei uns haben da alle mitgesungen, so war es auch ohne den Meister persönlich ein wunderbares Erlebnis.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 5. August 2017

Über Theater, Staat und Kirche …

Am Donnerstag, den 3. August war im Torturmtheater zu Sommerhausen Premiere. Aktuell wird ein Stück von Philipp Löhle gespielt mit dem Titel „Der Wind macht das Fähnchen“.

Vier SchauspielerInnen spielen diesmal auf der kleinen Bühne des Torturmtheaters. Es sind Judith Riehl, Nadia Schwienbacher, Christian Buse und David Lindermeier. Bei der Premiere dabei waren auch Oliver Zimmer als Regisseur und natürlich die großartige Angelika Relin, ohne die es das alles nicht geben würde.


Zu Gast im Torturmtheater in Sommerhausen.


Und Barbara und ich durften bei der Premiere dabei sein! Und haben eine besondere Aufführung sehr genossen. Es war ein unwiederbringlicher Abend, über den ich mich einfach nur gefreut habe.

Ihr dürft das Stück auf keinen Fall versäumen. Es läuft (nur!) noch bis zum 30. September, also schon jetzt den Ausflug nach Sommerhausen planen! Hier die Ankündigung des Stücks.


„Das ist sie, mein ganzer Stolz“ – die Familie. Ein Experiment für Mutige?
Neunzehnhundertungerade, als die Welt noch in Ordnung war, beginnt diese Geschichte. Vater, Mutter, Sohn und Tochter lächeln im Zeitraffer in die Kamera für Schnappschüsse am Frühstückstisch oder im Italienurlaub. Doch das Kleinbürgeridyll ist trügerisch, denn sobald es schwierig wird gibt es keinen Zusammenhalt mehr, kein Einstehen für den anderen. Auch Familie ist von ökonomischen Hochs und Tiefs abhängig. Alles fällt auseinander wenn der Papa das Potential des neumodischen „Internetz“ falsch einschätzt und konsequent seine Stelle kündigt – und ausgerechnet diese Konsequenz gibt er dem Sohn im Augenblick der Wahrheit mit auf seinen Lebensweg. 
Auf Krise und Trennung folgen Wiedervereinigung und neue Familienporträts in scheinbarer Eintracht, doch die Idylle hat Risse bekommen, unkittbare.


Schon von dem letzten Stück „Eine Sommernacht“ war ich begeistert. Diesmal war es noch schöner – wenn das überhaupt möglich ist. Im Torturmtheater zu Sommerhausen gibt es immer großartiges Theater, „Das Fähnchen“ ist eine spannende Komödie mit viel Witz und Hintergedanken!


Es war ein wunderschöner Theaterabend.


Ein schöner Abschluss eines wunderbaren Tages, den wir auf dem Fahrrad verbracht hatten. Nach zirka hundert Kilometern schöner Radfahrt auf dem Weg von Klingenberg nach Sommerhausen entlang des Mains mit ein paar Abkürzungen durch sanfte Hügel kamen wir in Sommerhausen am späten Nachmittag an. So konnten wir uns noch frisch machen und ein wenig „relaxen“ und trafen dann ein halbes Stündchen vor Beginn der Aufführung im Torturmtheater ein.

Da genossen wir das immer wieder beeindruckende Theater-Foyer und freuten uns auf die Vorstellung. Nicht ganz unfreiwillig belauschte ich dabei eine Unterhaltung (lauschen war so gar nicht nötig) zwischen einem Herrn mittleren Alters (vielleicht so zwischen vierzig und fünfzig) und einem älteren Paar (eher zwischen sechzig und siebzig, wobei die Dame nichts sagte sondern nur ihren Ehemann strafend ansah). Also für mich „so ein kleines Privattheater vor dem richtigen Theater“!


Ein wenig Theater vor dem Theater.


Das bestand aus einem kleinem Streitgespräch, in dem der jüngere immer wieder lautstark seine Entrüstung über das Treiben der Kirche und deren besonderen Rechte, die wohl nicht mehr zeitgemäß wären Ausdruck gab. Der andere versuchte dann mit ein wenig leiserer Stimme die Kirche zu verteidigen.

Der jüngere kritisierte so die Kirchensteuer als Folge eines Konkordates, das wohl aus den 30iger Jahren des letzten Jahrhundert stamme und mit den Nazis ausgehandelt worden wäre. Die Tatsache, dass führende Manager der Kirche wie Kardinäle und Bischöfe auf der Gehaltsliste des Staates stehen würden, ärgere ihn.

Der andere wies dann darauf hin, dass die Kirche ja viel Soziales und Gutes tun würde und das diesen Preis wert wäre. Dann meinte der Ältere, dass die evangelische Kirche besser als die katholische wäre. Der Jüngere konterte sofort mit einem Beispiel, wie sich die evangelische Kirche ziemlich skrupellos an der Diakonie bereichern würde. Und so ging das weiter.

Schließlich beklagte der Jüngere die drei Stunden Religionsunterricht pro Woche, die die Kinder indoktrinieren würde. Der ältere verteidigte dies mit der Behauptung, dass die Schule ja eben nicht nur die Aufgabe hätte, Wissen zu vermitteln, sondern auch Werte. Das war nicht so das ganz hohe Niveau, lauter viel gehörte alte Argumente und nichts Neues. Also nicht so aufregend. Auch das mit dem Werte vermitteln nicht.

(Ist doch meinen Gedanken folgend auch die Aufgabe der Wissensvermittlung nicht zuletzt die Wertebildung. Aber in solche Gespräche mische ich mich schon lange nicht mehr ein.)

So dachte ich über meine  Erfahrungen mit der Kirche nach. Ich musste an meinen Lehrer und Freund Rupert Lay denken. Von ihm habe ich so viel gelernt, vor allem dass ich mich selber wertschätzen und ernst nehmen muss. Und ein autonomer Mensch bleiben soll, der sich nicht leichtfertig beeinflussen lässt.


Der Jesuit Rupert Lay.


Rupert Lebensziel war es, für die Ärmsten der Armen da zu sein. Das waren aber für ihn nicht nur Obdachlose und aus der Gesellschaft ausgestoßene Menschen. Gerade Top-Manager gehörten für ihn in diese Kategorie. Damit dürfte es auch seine Richtigkeit haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in keiner anderen Berufsgruppe (vielleicht Pfarrer ausgenommen) so viel Verrückte gibt wie bei den Vorständen der deutschen und internationalen Konzerne. Verzeihung, mit „Verrückte“ meine ich Menschen, die an massiven psychischen Erkrankungen und Störungen leiden.

Rupert Lay kümmerte sich vorzugsweise um die gesund gebliebenen Manager. Die „kranken“ wurden im Proseminar ausgesiebt, in die Fortgeschrittenen-Seminare ließ er sie nicht rein. Weil sie da wahrscheinlich nur gestört und nichts verstanden hätte.

Die wirklich teuren Teilnahmegebühren für die  Seminare des Rupert Lays gingen wie alle Honorare an seinen Orden, das waren die Jesuiten. Und weil Rupert Lay sein Wirken im Allgemeinen als Seelsorge darstellte, ging auch das Finanzamt leer aus. Denn für Einnahmen aus Seelsorge wird keine Steuer bezahlt. Das hat manchen der tüchtigen Finanzbeamten in Hessen sehr gegrämt, aber irgendwie kam das Finanzamt damals gegen die Macht der Kirchen nicht an.


Heinrich Henckel von Donnersmark – Künstlername Augustinus – und Rupert Lay.


Ich musste auch an Pater Augustinus denken, der mit bürgerlichen Namen Heinrich Henckel von Donnersmark hieß, der ein Freiherr war. Ich kannte auch ihn und schätzte in ebenso. Obwohl Rupert Lay Jesuiten und Augustinus Prämonstratenser-Chorherr war. Aber beide waren die Protagonisten für Ethik in der Wirtschaft. Das hat mir gefallen. Sie waren wichtigen Berater der Spitzen der deutschen Industrie und Politik. Und haben sich als hervorragende Redner und Management-Trainer haben sie sich einen Namen gemacht.

Rupert Lay war dem System Kirche gegenüber deutlich kritischer als der „brave“ Augustinus. Deshalb haben wir (der Ronneburger Kreis) beide zu einem Streitgespräch nach Frankfurt eingeladen. Und waren überrascht, dass dies uns dann viel zu harmonisch war, denn beide gaben sich eigentlich immer nur gegenseitig Recht.

Für mich war Augustinus der beste Redner, den ich kannte. Ich erinnere mich gut an einen Vortrag in Wiesbaden, den er in den 90iger Jahren für ICL hielt – damals ein relevanter IT-Hersteller aus Großbritannien. Da hatte er sich als Manager des „Unternehmens Katholische Kirche“ vorgestellt und seine Aufgabe als „Lobbyist das mächtigste und älteste Unternehmen der Welt“ beschrieben. Das war ganz feine Selbstironie.


Kirchen reden von Frieden und Liebe.


Allerdings hat mir der Vortrag auch zu einer Selbsterkenntnis verholfen, die ich bis heute nur bestätigt sehe. Die Kirche ist ein Unternehmen, dass sich Friede und Liebe auf ihren Schild schreibt. Quasi als Marketing. Seit über 2000 Jahre macht sie das. Diese lange Zeit hat sie gut davon gelebt und ist dabei so richtig reich und wohl auch mächtig geworden. Ich finde es unendlich traurig, dass sie es in diesen 2000 Jahren nicht geschafft (und wohl auch gar nicht gewollt) hat, die Welt ein wenig fried- und liebevoller zu machen. Im Gegenteil, sie und ihre Mitwettbewerber im Markt bewirken bis heute oft das Gegenteil von Friede und Liebe, nämlich Krieg und Hass.

So ist mir spätestens damals klar geworden, dass ich mit so einem System wie Kirche nichts zu tun haben will. Und rede auch gar nicht mehr darüber.

So wie ich die CDU/CSU nicht mehr wähle, weil sie die Wiederbewaffnung der BRD durchgesetzt haben. Gleiches gilt für die SPD und die Grünen. Diese Parteien werde ich mehr wählen, weil sie ein wichtiges Tabu gebrochen haben und die Bundeswehr für Kampfeinsätze ins Ausland entsandt haben.

Eigentlich ist alles ganz einfach.

RMD

P.S.
Und wer mit dem Zug nach Sommerhausen fahren will, der sucht am besten nach dem Zielort Winterhausen. Von Bahnhof in Winterhausen ist es nur ein Kilometer zu Fuß zum Theater.

Roland Dürre
Sonntag, der 27. März 2016

Wieder eine Erstaufführung im Torturmtheater!

Und das Stück wurde bei InterFace in Unterhaching erarbeitet!

Torturmtheater-Sommerhausen_Auquarell_SpielplanDieses Jahr wird das Torturmtheater 40 Jahre alt. Gleich zum Start in die Jubiläums-Saison startet es mit „einem Stück aus Unterhaching“.

Das freut mich. Schon seit einigen Jahren erstellt das Torturmtheater manche seiner Produktionen in intensiver Arbeit in den Räumen der InterFace AG in Unterhaching. Der Grund ist einfach, die meisten der Mitwirkenden sind häufig aus dem Münchner Raum und Proberäume in München sind nicht leicht zu bekommen. Gespielt wird dann am traditionellen Torturm in Sommerhausen.

Zur Erinnerung: 1976 hat Veit Relin dieses ganz kleine und so wunderbare Theater in Sommerhausen (ganz in der Nähe von Würzburg) nach dem Tod von Luigi Malipiero wieder eröffnet und mit Ur- und Erstaufführungen im Rahmen eines niveauvollen wie außergewöhnlichen Spielplan überregional bekannt gemacht.

Die Saison 2016 eröffnet das Torturmtheater mit der deutschen Erstaufführung
Eine pornographische Beziehung von Philippe Blasband. Die deutsche Uraufführung findet am Mittwoch, den 30. März um 20.00 Uhr statt. Es spielen Zhanna Kalantay und Murali Perumal unter der Regie der einmaligen Eos Schopohl. Für die Auswahl des Stückes, die Ausstattung und vieles mehr zeichnet wie immer Angelika Relin verantwortlich.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Ja, sie liebten sich, obwohl sie am Anfang nichts anderes als die Erfüllung ihrer Begierde, ihrer Neigungen ausleben wollten – dafür hatte sie eine Annonce aufgegeben. Sie kennen nichts voneinander; namenlos sind sie durch die Anonymität geschützt, auch voreinander. Die lästigen Details des Alltags fallen weg, das gibt ihnen Freiheit. Doch bald verstehen sie, daß sie sich lieben, vielleicht könnte es die Liebe ihres Lebens werden…

Im entscheidenden Moment fehlt ihnen jedoch der Mut. Zurück bleibt am Ende die bittersüße Erinnerung an eine nicht gelebte Chance, vor allem aber an eine leidenschaftliche Liebe.

Philippe Blasband ist mit dieser Geschichte eines Paares, das keines sein wollte ein kluges, erotisches Kammerspiel mit sensibler Komik gelungen.

Zur Jahresvorschau 2016 schreibt Angelika Relin:

Starten werden wir im Frühling am 30. März gleich mit einer Erstaufführung – Eine pornographische Beziehung! Einer melancholischen Liebesgeschichte, nicht ohne Komik, auf alle Fälle sehr intensiv…
(Dazu habe ich oben berichtet). 

Danach loten wir den ganz normalen Wahnsinn unserer heutigen Konsumgesellschaft aus und bringen den Irrwitz auf den Punkt. Allein schon der Titel Wenn ich was anderes machen würde, würde ich vielleicht nicht immer ans Geld denken ist so skurril, daß man einfach neugierig sein muß. Ein Abend, den Sie auf keinen Fall verpassen dürfen – schrill, bizarr und unendlich komisch, auch wenn die schrägen Wahrheiten des Alltags eigentlich schon wieder traurige Clowns erschaffen.

Der Sommer setzt sozusagen an der Achillesverse unserer Demokratie an, welche die Gesellschaft quer durch alle Schichten spaltet – so wie unsere Protagonisten auf der Bühne, diese zwei Pärchen aus dem Mittelstand, die sich als Nachbarn mit neidvoller Herzlichkeit annähern. Als Barbara eines Nachts einem Flüchtling Asyl gewährt prallen in dieser bitterbösen Farce Wohlstandsängste und die Faszination am Fremden ungebremst aufeinander. Mit rabenschwarzem Humor gehen hier alle im Wechselbad verlogener Menschlichkeit unter. Wir sind keine Barbaren müssen Sie sehen, auch wenn Ihnen das Lachen bestimmt im Halse stecken bleibt.

Im Herbst kitzelt dann noch Das Abschiedsdinner ihr Zwerchfell, in dem es mit seiner perfiden Moral die Idee der Freundschaft versucht ad absurdum zu führen. Aber wie so oft im Leben kommt es anders als man denkt…

Soweit die Jahresbotschaft 2016 von Angelika Relin. Hier geht es zum Spielplan!

Wie seit Jahren werde ich mir auch 2016 wenn irgend wie möglich alle vier Aufführungen im Hofturmtheater anschauen. Nicht nur, weil es jedesmal so tolles Theater ist. Sondern auch weil es für Barbara und mich so zu vier immer ganz besonders schönen Ausflügen nach Sommerhausen langt. Leider kann ich an der Premiere von „der pornographischen Beziehung“ nicht teilnehmen, weil ich da noch in China weile. Aber für den 16. April habe ich schon zwei Karten für uns reserviert. Und freue mich, wenn ich bekannte Gesichter sehe!

RMD

P.S.
Wer nach Sommerhausen will, fährt am besten mit dem Regionalexpreß nach Winterhausen, das gleich gegenüber auf der anderen Seite des Mains liegt. Vom Bahnhof Winterhausen sind es dann zu Fuß über die Mainbrücke zum Theater nur noch ein knapper Kilometer. Den Zug verlässt man übrigens am besten am Ende, wenn man in Richtung Würzburg fährt.

Heute ein wenig Werbung fürs Torturmtheater in Sommerhausen.

Dort läuft vom 8. Oktober bis zum 20. Dezember 2015 – immer Dienstag bis Freitag 20.00 Uhr, Samstag um 16.30 und 19.00 Uhr und zusätzlich an den Adventssonntagen ebenfalls um 16.30 Uhr und 19.00 Uhr ein wunderbares Theaterstück.

Es heißt
Unsere Frauen
und ist von
Eric Assous

Unter der Regie von Christine Neuberger spielen
Joachim Bauer, Alexander Diepold und Armin Hägele.

„Unsere Frauen“ ist ein Stück, in dem keine einzige Frau auftritt. Und dennoch sind die Frauen (mehr als) omnipräsent.

Das Torturmtheater wird von Angelika Relin geleitet. Sie schafft es immer wieder, auf die kleine Bühne wunderbare Stücke zu bringen. Ich durfte bei der Premiere des aktuellen Stücks am 8. Oktober dabei sein – und es war wieder wunderbar. So kann ich den Kurzurlaub ins Theater mit Übernachtung in Sommerhausen nur empfehlen. Und ein „Geheimtipp“: Die Anreise geht am besten mit der Bahn nach Winterhausen. Von dort sind es nur noch 800 Meter über die Main-Brücke zum kleinen Theater in Sommerhausen.

Hier ein paar Bilder, die gut die ungeheure Dynamik des Stückes wiedergeben.

Torturmtheater-unsereFrauen1

Die Kartenrunde der drei Freunde beginnt schon übel – einer kommt zu spät und gesteht einen Mord.

Torturmtheater-unsereFrauen2

Eine lange Nacht mit vielen Geschichten und der Alkohol fordern ihren Tribut.

Torturmtheater-unsereFrauen3

Die Solidarität unter Freunden gewinnt die Oberhand.

Torturmtheater-unsereFrauen4

Doch dann passiert etwas, dass alles wieder ins Wanken bringt.

Wer Tipps zum Theaterausflug nach Sommerhausen (Anreise, Unterkunft, Speisung, Sehenswürdigkeiten …) benötigt, darf sich gerne an mich wenden. Und die Karten kann man hier vorbestellen.

RMD