Roland Dürre
Samstag, der 5. August 2017

Über Theater, Staat und Kirche …

Am Donnerstag, den 3. August war im Torturmtheater zu Sommerhausen Premiere. Aktuell wird ein Stück von Philipp Löhle gespielt mit dem Titel „Der Wind macht das Fähnchen“.

Vier SchauspielerInnen spielen diesmal auf der kleinen Bühne des Torturmtheaters. Es sind Judith Riehl, Nadia Schwienbacher, Christian Buse und David Lindermeier. Bei der Premiere dabei waren auch Oliver Zimmer als Regisseur und natürlich die großartige Angelika Relin, ohne die es das alles nicht geben würde.


Zu Gast im Torturmtheater in Sommerhausen.


Und Barbara und ich durften bei der Premiere dabei sein! Und haben eine besondere Aufführung sehr genossen. Es war ein unwiederbringlicher Abend, über den ich mich einfach nur gefreut habe.

Ihr dürft das Stück auf keinen Fall versäumen. Es läuft (nur!) noch bis zum 30. September, also schon jetzt den Ausflug nach Sommerhausen planen! Hier die Ankündigung des Stücks.


„Das ist sie, mein ganzer Stolz“ – die Familie. Ein Experiment für Mutige?
Neunzehnhundertungerade, als die Welt noch in Ordnung war, beginnt diese Geschichte. Vater, Mutter, Sohn und Tochter lächeln im Zeitraffer in die Kamera für Schnappschüsse am Frühstückstisch oder im Italienurlaub. Doch das Kleinbürgeridyll ist trügerisch, denn sobald es schwierig wird gibt es keinen Zusammenhalt mehr, kein Einstehen für den anderen. Auch Familie ist von ökonomischen Hochs und Tiefs abhängig. Alles fällt auseinander wenn der Papa das Potential des neumodischen „Internetz“ falsch einschätzt und konsequent seine Stelle kündigt – und ausgerechnet diese Konsequenz gibt er dem Sohn im Augenblick der Wahrheit mit auf seinen Lebensweg. 
Auf Krise und Trennung folgen Wiedervereinigung und neue Familienporträts in scheinbarer Eintracht, doch die Idylle hat Risse bekommen, unkittbare.


Schon von dem letzten Stück „Eine Sommernacht“ war ich begeistert. Diesmal war es noch schöner – wenn das überhaupt möglich ist. Im Torturmtheater zu Sommerhausen gibt es immer großartiges Theater, „Das Fähnchen“ ist eine spannende Komödie mit viel Witz und Hintergedanken!


Es war ein wunderschöner Theaterabend.


Ein schöner Abschluss eines wunderbaren Tages, den wir auf dem Fahrrad verbracht hatten. Nach zirka hundert Kilometern schöner Radfahrt auf dem Weg von Klingenberg nach Sommerhausen entlang des Mains mit ein paar Abkürzungen durch sanfte Hügel kamen wir in Sommerhausen am späten Nachmittag an. So konnten wir uns noch frisch machen und ein wenig „relaxen“ und trafen dann ein halbes Stündchen vor Beginn der Aufführung im Torturmtheater ein.

Da genossen wir das immer wieder beeindruckende Theater-Foyer und freuten uns auf die Vorstellung. Nicht ganz unfreiwillig belauschte ich dabei eine Unterhaltung (lauschen war so gar nicht nötig) zwischen einem Herrn mittleren Alters (vielleicht so zwischen vierzig und fünfzig) und einem älteren Paar (eher zwischen sechzig und siebzig, wobei die Dame nichts sagte sondern nur ihren Ehemann strafend ansah). Also für mich „so ein kleines Privattheater vor dem richtigen Theater“!


Ein wenig Theater vor dem Theater.


Das bestand aus einem kleinem Streitgespräch, in dem der jüngere immer wieder lautstark seine Entrüstung über das Treiben der Kirche und deren besonderen Rechte, die wohl nicht mehr zeitgemäß wären Ausdruck gab. Der andere versuchte dann mit ein wenig leiserer Stimme die Kirche zu verteidigen.

Der jüngere kritisierte so die Kirchensteuer als Folge eines Konkordates, das wohl aus den 30iger Jahren des letzten Jahrhundert stamme und mit den Nazis ausgehandelt worden wäre. Die Tatsache, dass führende Manager der Kirche wie Kardinäle und Bischöfe auf der Gehaltsliste des Staates stehen würden, ärgere ihn.

Der andere wies dann darauf hin, dass die Kirche ja viel Soziales und Gutes tun würde und das diesen Preis wert wäre. Dann meinte der Ältere, dass die evangelische Kirche besser als die katholische wäre. Der Jüngere konterte sofort mit einem Beispiel, wie sich die evangelische Kirche ziemlich skrupellos an der Diakonie bereichern würde. Und so ging das weiter.

Schließlich beklagte der Jüngere die drei Stunden Religionsunterricht pro Woche, die die Kinder indoktrinieren würde. Der ältere verteidigte dies mit der Behauptung, dass die Schule ja eben nicht nur die Aufgabe hätte, Wissen zu vermitteln, sondern auch Werte. Das war nicht so das ganz hohe Niveau, lauter viel gehörte alte Argumente und nichts Neues. Also nicht so aufregend. Auch das mit dem Werte vermitteln nicht.

(Ist doch meinen Gedanken folgend auch die Aufgabe der Wissensvermittlung nicht zuletzt die Wertebildung. Aber in solche Gespräche mische ich mich schon lange nicht mehr ein.)

So dachte ich über meine  Erfahrungen mit der Kirche nach. Ich musste an meinen Lehrer und Freund Rupert Lay denken. Von ihm habe ich so viel gelernt, vor allem dass ich mich selber wertschätzen und ernst nehmen muss. Und ein autonomer Mensch bleiben soll, der sich nicht leichtfertig beeinflussen lässt.


Der Jesuit Rupert Lay.


Rupert Lebensziel war es, für die Ärmsten der Armen da zu sein. Das waren aber für ihn nicht nur Obdachlose und aus der Gesellschaft ausgestoßene Menschen. Gerade Top-Manager gehörten für ihn in diese Kategorie. Damit dürfte es auch seine Richtigkeit haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in keiner anderen Berufsgruppe (vielleicht Pfarrer ausgenommen) so viel Verrückte gibt wie bei den Vorständen der deutschen und internationalen Konzerne. Verzeihung, mit „Verrückte“ meine ich Menschen, die an massiven psychischen Erkrankungen und Störungen leiden.

Rupert Lay kümmerte sich vorzugsweise um die gesund gebliebenen Manager. Die „kranken“ wurden im Proseminar ausgesiebt, in die Fortgeschrittenen-Seminare ließ er sie nicht rein. Weil sie da wahrscheinlich nur gestört und nichts verstanden hätte.

Die wirklich teuren Teilnahmegebühren für die  Seminare des Rupert Lays gingen wie alle Honorare an seinen Orden, das waren die Jesuiten. Und weil Rupert Lay sein Wirken im Allgemeinen als Seelsorge darstellte, ging auch das Finanzamt leer aus. Denn für Einnahmen aus Seelsorge wird keine Steuer bezahlt. Das hat manchen der tüchtigen Finanzbeamten in Hessen sehr gegrämt, aber irgendwie kam das Finanzamt damals gegen die Macht der Kirchen nicht an.


Heinrich Henckel von Donnersmark – Künstlername Augustinus – und Rupert Lay.


Ich musste auch an Pater Augustinus denken, der mit bürgerlichen Namen Heinrich Henckel von Donnersmark hieß, der ein Freiherr war. Ich kannte auch ihn und schätzte in ebenso. Obwohl Rupert Lay Jesuiten und Augustinus Prämonstratenser-Chorherr war. Aber beide waren die Protagonisten für Ethik in der Wirtschaft. Das hat mir gefallen. Sie waren wichtigen Berater der Spitzen der deutschen Industrie und Politik. Und haben sich als hervorragende Redner und Management-Trainer haben sie sich einen Namen gemacht.

Rupert Lay war dem System Kirche gegenüber deutlich kritischer als der „brave“ Augustinus. Deshalb haben wir (der Ronneburger Kreis) beide zu einem Streitgespräch nach Frankfurt eingeladen. Und waren überrascht, dass dies uns dann viel zu harmonisch war, denn beide gaben sich eigentlich immer nur gegenseitig Recht.

Für mich war Augustinus der beste Redner, den ich kannte. Ich erinnere mich gut an einen Vortrag in Wiesbaden, den er in den 90iger Jahren für ICL hielt – damals ein relevanter IT-Hersteller aus Großbritannien. Da hatte er sich als Manager des „Unternehmens Katholische Kirche“ vorgestellt und seine Aufgabe als „Lobbyist das mächtigste und älteste Unternehmen der Welt“ beschrieben. Das war ganz feine Selbstironie.


Kirchen reden von Frieden und Liebe.


Allerdings hat mir der Vortrag auch zu einer Selbsterkenntnis verholfen, die ich bis heute nur bestätigt sehe. Die Kirche ist ein Unternehmen, dass sich Friede und Liebe auf ihren Schild schreibt. Quasi als Marketing. Seit über 2000 Jahre macht sie das. Diese lange Zeit hat sie gut davon gelebt und ist dabei so richtig reich und wohl auch mächtig geworden. Ich finde es unendlich traurig, dass sie es in diesen 2000 Jahren nicht geschafft (und wohl auch gar nicht gewollt) hat, die Welt ein wenig fried- und liebevoller zu machen. Im Gegenteil, sie und ihre Mitwettbewerber im Markt bewirken bis heute oft das Gegenteil von Friede und Liebe, nämlich Krieg und Hass.

So ist mir spätestens damals klar geworden, dass ich mit so einem System wie Kirche nichts zu tun haben will. Und rede auch gar nicht mehr darüber.

So wie ich die CDU/CSU nicht mehr wähle, weil sie die Wiederbewaffnung der BRD durchgesetzt haben. Gleiches gilt für die SPD und die Grünen. Diese Parteien werde ich mehr wählen, weil sie ein wichtiges Tabu gebrochen haben und die Bundeswehr für Kampfeinsätze ins Ausland entsandt haben.

Eigentlich ist alles ganz einfach.

RMD

P.S.
Und wer mit dem Zug nach Sommerhausen fahren will, der sucht am besten nach dem Zielort Winterhausen. Von Bahnhof in Winterhausen ist es nur ein Kilometer zu Fuß zum Theater.

Roland Dürre
Sonntag, der 27. März 2016

Wieder eine Erstaufführung im Torturmtheater!

Und das Stück wurde bei InterFace in Unterhaching erarbeitet!

Torturmtheater-Sommerhausen_Auquarell_SpielplanDieses Jahr wird das Torturmtheater 40 Jahre alt. Gleich zum Start in die Jubiläums-Saison startet es mit „einem Stück aus Unterhaching“.

Das freut mich. Schon seit einigen Jahren erstellt das Torturmtheater manche seiner Produktionen in intensiver Arbeit in den Räumen der InterFace AG in Unterhaching. Der Grund ist einfach, die meisten der Mitwirkenden sind häufig aus dem Münchner Raum und Proberäume in München sind nicht leicht zu bekommen. Gespielt wird dann am traditionellen Torturm in Sommerhausen.

Zur Erinnerung: 1976 hat Veit Relin dieses ganz kleine und so wunderbare Theater in Sommerhausen (ganz in der Nähe von Würzburg) nach dem Tod von Luigi Malipiero wieder eröffnet und mit Ur- und Erstaufführungen im Rahmen eines niveauvollen wie außergewöhnlichen Spielplan überregional bekannt gemacht.

Die Saison 2016 eröffnet das Torturmtheater mit der deutschen Erstaufführung
Eine pornographische Beziehung von Philippe Blasband. Die deutsche Uraufführung findet am Mittwoch, den 30. März um 20.00 Uhr statt. Es spielen Zhanna Kalantay und Murali Perumal unter der Regie der einmaligen Eos Schopohl. Für die Auswahl des Stückes, die Ausstattung und vieles mehr zeichnet wie immer Angelika Relin verantwortlich.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Ja, sie liebten sich, obwohl sie am Anfang nichts anderes als die Erfüllung ihrer Begierde, ihrer Neigungen ausleben wollten – dafür hatte sie eine Annonce aufgegeben. Sie kennen nichts voneinander; namenlos sind sie durch die Anonymität geschützt, auch voreinander. Die lästigen Details des Alltags fallen weg, das gibt ihnen Freiheit. Doch bald verstehen sie, daß sie sich lieben, vielleicht könnte es die Liebe ihres Lebens werden…

Im entscheidenden Moment fehlt ihnen jedoch der Mut. Zurück bleibt am Ende die bittersüße Erinnerung an eine nicht gelebte Chance, vor allem aber an eine leidenschaftliche Liebe.

Philippe Blasband ist mit dieser Geschichte eines Paares, das keines sein wollte ein kluges, erotisches Kammerspiel mit sensibler Komik gelungen.

Zur Jahresvorschau 2016 schreibt Angelika Relin:

Starten werden wir im Frühling am 30. März gleich mit einer Erstaufführung – Eine pornographische Beziehung! Einer melancholischen Liebesgeschichte, nicht ohne Komik, auf alle Fälle sehr intensiv…
(Dazu habe ich oben berichtet). 

Danach loten wir den ganz normalen Wahnsinn unserer heutigen Konsumgesellschaft aus und bringen den Irrwitz auf den Punkt. Allein schon der Titel Wenn ich was anderes machen würde, würde ich vielleicht nicht immer ans Geld denken ist so skurril, daß man einfach neugierig sein muß. Ein Abend, den Sie auf keinen Fall verpassen dürfen – schrill, bizarr und unendlich komisch, auch wenn die schrägen Wahrheiten des Alltags eigentlich schon wieder traurige Clowns erschaffen.

Der Sommer setzt sozusagen an der Achillesverse unserer Demokratie an, welche die Gesellschaft quer durch alle Schichten spaltet – so wie unsere Protagonisten auf der Bühne, diese zwei Pärchen aus dem Mittelstand, die sich als Nachbarn mit neidvoller Herzlichkeit annähern. Als Barbara eines Nachts einem Flüchtling Asyl gewährt prallen in dieser bitterbösen Farce Wohlstandsängste und die Faszination am Fremden ungebremst aufeinander. Mit rabenschwarzem Humor gehen hier alle im Wechselbad verlogener Menschlichkeit unter. Wir sind keine Barbaren müssen Sie sehen, auch wenn Ihnen das Lachen bestimmt im Halse stecken bleibt.

Im Herbst kitzelt dann noch Das Abschiedsdinner ihr Zwerchfell, in dem es mit seiner perfiden Moral die Idee der Freundschaft versucht ad absurdum zu führen. Aber wie so oft im Leben kommt es anders als man denkt…

Soweit die Jahresbotschaft 2016 von Angelika Relin. Hier geht es zum Spielplan!

Wie seit Jahren werde ich mir auch 2016 wenn irgend wie möglich alle vier Aufführungen im Hofturmtheater anschauen. Nicht nur, weil es jedesmal so tolles Theater ist. Sondern auch weil es für Barbara und mich so zu vier immer ganz besonders schönen Ausflügen nach Sommerhausen langt. Leider kann ich an der Premiere von „der pornographischen Beziehung“ nicht teilnehmen, weil ich da noch in China weile. Aber für den 16. April habe ich schon zwei Karten für uns reserviert. Und freue mich, wenn ich bekannte Gesichter sehe!

RMD

P.S.
Wer nach Sommerhausen will, fährt am besten mit dem Regionalexpreß nach Winterhausen, das gleich gegenüber auf der anderen Seite des Mains liegt. Vom Bahnhof Winterhausen sind es dann zu Fuß über die Mainbrücke zum Theater nur noch ein knapper Kilometer. Den Zug verlässt man übrigens am besten am Ende, wenn man in Richtung Würzburg fährt.

Heute ein wenig Werbung fürs Torturmtheater in Sommerhausen.

Dort läuft vom 8. Oktober bis zum 20. Dezember 2015 – immer Dienstag bis Freitag 20.00 Uhr, Samstag um 16.30 und 19.00 Uhr und zusätzlich an den Adventssonntagen ebenfalls um 16.30 Uhr und 19.00 Uhr ein wunderbares Theaterstück.

Es heißt
Unsere Frauen
und ist von
Eric Assous

Unter der Regie von Christine Neuberger spielen
Joachim Bauer, Alexander Diepold und Armin Hägele.

„Unsere Frauen“ ist ein Stück, in dem keine einzige Frau auftritt. Und dennoch sind die Frauen (mehr als) omnipräsent.

Das Torturmtheater wird von Angelika Relin geleitet. Sie schafft es immer wieder, auf die kleine Bühne wunderbare Stücke zu bringen. Ich durfte bei der Premiere des aktuellen Stücks am 8. Oktober dabei sein – und es war wieder wunderbar. So kann ich den Kurzurlaub ins Theater mit Übernachtung in Sommerhausen nur empfehlen. Und ein „Geheimtipp“: Die Anreise geht am besten mit der Bahn nach Winterhausen. Von dort sind es nur noch 800 Meter über die Main-Brücke zum kleinen Theater in Sommerhausen.

Hier ein paar Bilder, die gut die ungeheure Dynamik des Stückes wiedergeben.

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Die Kartenrunde der drei Freunde beginnt schon übel – einer kommt zu spät und gesteht einen Mord.

Torturmtheater-unsereFrauen2

Eine lange Nacht mit vielen Geschichten und der Alkohol fordern ihren Tribut.

Torturmtheater-unsereFrauen3

Die Solidarität unter Freunden gewinnt die Oberhand.

Torturmtheater-unsereFrauen4

Doch dann passiert etwas, dass alles wieder ins Wanken bringt.

Wer Tipps zum Theaterausflug nach Sommerhausen (Anreise, Unterkunft, Speisung, Sehenswürdigkeiten …) benötigt, darf sich gerne an mich wenden. Und die Karten kann man hier vorbestellen.

RMD