Roland Dürre
Sonntag, der 3. November 2019

Datengipfel.

Unterwegs in dieser Welt.

Wir schreiben den 3. November. Ich gehe raus. Muss mal an die frische Luft. Eine düstere Welt. Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Das Wetter fühlt sich nass an und eine klamme Kälte umarmt mich. Schlimm genug! Aber dann passiert mir der GAU. Zurück in der warmen Stube verirre ich mich auf die Website der Bundeskanzlerin.

Als moderne Digitalisiererin legt sie ihren Kalender offen. Gestern und vorgestern war sie auf Einladung des indischen Premierministers Narendra Modi in Neu-Delhi. Da hat sie in Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen die strategische Partnerschaft sowie die bilaterale Zusammenarbeit in den Bereichen Digitalisierung, Wirtschafts- und Handelsfragen sowie Entwicklung und Nachhaltigkeit vertieft.

Da freuen wir uns doch alle!

Zurück von Indien war sie auch heute fleißig. Kanzlerin Merkel hat gleich mal ein paar warme Worte an den langjährigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank Draghi zur Verabschiedung aus seinem Amt gerichtet: „Die Europäische Zentralbank (EZB) hat während deiner Präsidentschaft einen entscheidenden Beitrag zur Stabilität dieses Euroraums geleistet.“

Draghi – wir danken dir!

Dann war Kanzlerin Merkel beim Festakt zum Jubiläum des DGB. Der feiert nämlich 70-jähiges Bestehen. „Seit jeher setzt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund für soziale Gerechtigkeit und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen ein“.

Und sie hat sich wahrscheinlich klammheimlich gefreut, dass dieser Bund so einen schönen Nagel am Sarg der SPD abgibt. Wahrscheinlich aber auch für Themen wie #newwork und kreative Arbeitsformen.

Da fällt mir ein, dass vor ein paar Tagen der Digitalgipfel war (da wo der Dicke von der Bühne gestürzt ist und dann nicht mit nach Indien fahren konnte). Früher war ich da öfters eingeladen (beim Digitalgipfel) und habe mich immer gewundert, was da die Damen und Herren zur Digitalisierung sagen. Und gelangweilt.

Da werde ich neugierig. Wo ist die Seite Kanzlerin bei Digitalgipfel? Und werde auch schnell fündig: Hier ist sie!

Schon die Überschrift erfreut mich:

Datensouveränität ist höchstes Gebot!

Endlich wissen wir, was die BRD am dringendsten braucht!

Dann lese ich:
„Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte beim diesjährigen Digitalgipfel, dass all unsere Werte auch in der digitalen Welt Gültigkeit haben müssen. Sie betonte vor allem die Arbeitswelt, Gesundheit und Ethik. „Die Humanität unserer Gesellschaft muss auch in der digitalen Welt selbstverständlich bleiben“, sagte die Kanzlerin in Dortmund.“

Da wird es mir doch gleich warm ums Herz. Oft habe ich den Eindruck, dass die Humanität in der realen Gesellschaft stört und dort vom Aussterben bedroht ist. Na vielleicht überlebt sie ja in der digitalen Welt. Dann könnten wir uns auch in diese zurückziehen, wenn es in der realen zu schlimm wird. Nur was ist das, die digitale Welt? So etwas wie der christliche Himmel? Gibt es neben dem C-Himmel auch noch einen e-Himmel? Was machen wir mit der Humanität, wenn es die beide nicht gibt.

Wir kriegen auch ein großes Versprechen:
Keine Angst Bürger – jetzt kommt das Projekt Gaia-X! Das ist eine vernetzte Dateninfrastruktur, also eine sogenannte Daten-Cloud, auf europäischer Ebene. Als Basis für Smart-City-Datenplattformen als Infrastrukturen für vernetzte Städte und Regionen.

Da atme ich auf, jetzt wird doch alles gut. Wir kriegen smarte Citys und vernetzte Regionen. Zwar stehe ich mit dem Begriff „smart“ auf Kriegsfuß. Und die schöne Metapha GAIA für eine simple Cloud zu missbrauchen, finde ich auch nicht angemessen. Aber man darf halt nicht zu kritisch sein.

Aber folgender guter Rat für uns digitale Konsumenten hilft uns auch in der smarter City in vernetzter Region:

Merkel warnte davor, sich bei der Speicherung und dem Austausch solch sensibler Informationen in die Abhängigkeit der großen Konzerne zu begeben!

Was für ein toller Satz. Da lerne ich dazu und warne Euch alle:
Begebt Euch beim Besorgen Eurer Lebensmittel nicht in die Abhängigkeit der großen Konzerne! Also kein Nestlé oder Mars, kein Aldi oder Rewe mehr!

Nach der Lektüre der Website unserer Kanzlerin bin ich richtig froh, dass die meisten Inder und Chinesen kein Deutsch können. Wenn die das lesen würden. Dann würden sie vom digitalen Deutschen nichts mehr halten. Haben sie doch schon vor einem Jahrzehnt bei meinen Aufenthalten in Neudehli und Mumbai mir in typisch indischer Arroganz erklärt, aus was für einem rückständigen Land ich kommen würde.

RMD

P.S.
Für Nichtwissende:
Der Digitalgipfel der Bundesregierung ist die zentrale Plattform für die Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft bei der Gestaltung des digitalen Wandels. 2019 steht er unter dem Motto „PlattFORM DIE Zukunft“ und will Impulse bei der Entwicklung und Anwendung digitaler Plattformen setzen. Dabei sind ausdrücklich auch noch kleine Projekte und Start-ups gemeint.

Roland Dürre
Mittwoch, der 18. September 2019

Die smarte Maske des digitalen Kapitalismus.

In den Bergen des Peloponnes auf dem Wege nach Vatyna.

Anfang der Woche kam ich zurück von drei Wochen in Italien und Griechenland. Zwei Wochen davon haben auf dem Peloponnes gezeltet. Ich hatte mir vieles vorgenommen.

Der erste Vorsatz-Block war täglich schwimmen, radeln oder wandern und das Leben zu genießen. Dieser Block ist mir so gut gelungen wie selten.

Als zweites hatte ich mir vorgenommen, ein paar Artikel zu schreiben. Besonders wichtig war mir da die Rezension eines Buches von Timo Daum, das am 7. Oktober 2019 im Oekom-Verlag erscheinen soll.

Das hat leider nicht geklappt. Eine wonnige Lethargie hatte mich erfasst. Aber immerhin habe ich das Buch zu fast zwei Drittel gelesen, Material gesammelt und bin sehr optimistisch, die Rezension vor dem Erscheinungstermin zu schaffen.

Das Buch von Timo Daum hat den Titel »Das Auto im digitalen Kapitalismus. Wenn Algorithmen und Daten den Verkehr bestimmen« und hat mich zu vielen Gedanken inspiriert. Aber dazu in der Rezension dann mehr.

Als ich erfahren habe, dass der Autor auch eine »Kritik der digitalen Ökonomie« geschrieben hat (die ich noch nicht gelesen habe aber für die er sehr gelobt wird), ist mir plötzlich klar geworden, dass es einen neuen digitalen Kapitalismus gibt. Dieser scheint mir noch mächtiger und brutaler zu sein als der uns so gut bekannte aus dem letzten Jahrhundert.

Der digitale Kapitalismus ist auch deswegen so erfolgreich, weil er das „humane Antlitz“ gegen eine »smarte Maske« getauscht hat, hinter der er sich auf geniale Art und Weise verbirgt.

Die smarte Maske soll uns glauben machen, dass Digitalisierung die Welt verbessern würde. Sie gibt dem Mega-Raubtierkapitalismus ein humanes Antlitz und verspricht uns eine saubere elektrische Welt, Gemeinwohl-Ökonomie, „shared economy“, das Teilen von Wissen, ein tolles Design, menschen- und umweltfreundliche Produkte und vieles mehr von schönen Dingen. Also ein smartes Leben in einer smarten Welt und Gesellschaft. Smart life in einer smart city. Smart, smart, smart!!! Aber in Wirklichkeit geht es mehr als je zuvor ums Geld, im alten Europa genauso wie im neuen China.

Einen neuen Begriff wie „smart“ mag ich nicht einfach so nutzen, Also frage ich mich zuerst:

Was das bedeutet eigentlich, smart?

Von einem Mitgründer von NextHamburg habe ich eine schöne Definition gehört. Er meinte, das smarte Lösungen ein soziales Ziel mit Digitalisierung lösen. Die Formel hieße:

Sozial + Digital = Smart !!!

Das klingt gut, ist aber eine Mogelpackung. Meine chinesischen Freunde sind da viel pragmatischer. Für die sind alle Produkte smart, wenn sie nur über eine WLAN-Vernetzung und einen Internet-Anschluß verfügen. Ganz gleich ob das ein Kochtopf oder eine Personenwaage ist.

Der vielleicht mächtigste und geldgierigste Konzern der new economy hat sich als handlungsleitend gegeben:
“Don’t be evil!”
Das hat uns gefallen.

Dann haben sie  die Arbeit „gamifiziert“ und die Büros zum Vergnügungspark und in eine zur Spasswelt und umgewandelt, in dem freilich härter gearbeitet wurde. Die Maske strahlt.

Auch Microsoft hat schöne Spielsachen. Sie haben schon ganz früh mit Windows, „wysiwyg“ und vor allem Solitär gepunktet. Und sie haben uns die Frage gestellt:  Where do you want to go today?

Und Apple hat den Kult zur Religion gemacht,

Wir sind darauf reingefallen. Als Programmierer hatten wir unsern leidenschaftlichen Spaß und waren überrascht, dass wir soviel Geld dafür bekamen. Unsere Stundensätze waren um ein mehrfaches höher als die der Ingenieure. Zumindest hatten die auch ihren Spaß.

Wir haben uns an Open Source und Agilität berauscht. Das „Moorsche Gesetz“ schien die Naturgesetze ausser Kraft zu setzen. Mit Themen wie Blockchain und KI werden Zukunftshoffnungen generiert, die genauerer Betrachtung nicht standhalten.

Nach dem Rausch kommt immer wieder der Kater. Noch mehr Möglichkeiten benötigen noch mehr Infrastuktur, noch mehr Energie und Rohstoffe, noch mehr (elektrische) Autos, noch mehr Konsum- und Kulturwelt. Hinter der smarten Maske lässt sich trefflich die totale Digitalisierung als Teil einer totalen Technologiesierung unserer Welt verstecken.

Und heute lernen wir, dass die Zielsetzung noch stärker als je zuvor „cash generieren“ heißt. Und das auch das Versprechen der „neuen digitalen Welt“ den „Planeten zu retten“ ein leeres ist. Und im neuen smarten Tollhaus geht es mehr als je zuvor um Wachstum und Kohle.

So definiere ich „smart“ als Strategie schnell viel Geld zu verdienen. Ein Begriff, der mit Nachhaltigkeit aber auch gar nichst zu tun hat.

RMD