Roland Dürre
Freitag, der 17. März 2017

Wir kurieren an den Symptomen und ignorieren die Ursachen.

Es lebe der Populismus!

Oder
Reden statt Handeln?

Der große Diktator Charly.

Jetzt habe ich die ersten (Wahlkampf-)Auftritte von Martin Schulz erlebt. Auch aus der Ferne habe ich den Eindruck gewonnen, dass hier wieder ein weiterer und zugegeben talentierter Versuch stattfindet, das allgemeine Unwohl-Befinden vieler Menschen als Resonanzkörper für die eigenen Ziele zu nutzen und dazu ein paar Verbesserungen bei Details zu fordern, die aber insgesamt nur ein Kurieren an den Symptomen bedeuten.

Ich habe in diesen Ansprachen das wahr genommen, was man wohl gemeinhin mit Populismus bezeichnet und das wohl das letzte verbleibende Erfolgsprinzip der aktuellen Politiker-Generation ist. Auf die Idee, die Ursachen zu erforschen um dann im Rahmen eines gesellschaftlichen Konsens durch politische Gestaltung Veränderungen einzuleiten, kommt wohl keiner mehr.

So ist mit Martin Schulz in Europa der nächste Populist im Anrollen. Diesmal für die eine „Volkspartei“. Wieder herrscht das Motto in den von mir gehörten Reden vor:

Wir geilen uns an den Symptomen auf und schimpfen sympathisch auf die Missstände, aber an die Ursachen trauen wir uns nicht heran.

Weil das  ja system-kritisch wäre und nach Veränderung schreien würde. Und das geht doch nicht. Besonders nicht bei der SPD. Denn das haben sich die Genossen, sich seit Jahren selber verboten. Weil sie ja wieder an die Macht wollen. Und auch in Regierungsbeteiligung haben sie alles „system-kritische“ vermieden, wo es nur ging. Weil ja „heilige“ Sachzwänge und systemische Notwendigkeiten der Veränderung im Wege sind.

Die Umweltkatastrophe und Zerstörung des Planeten (Plastik, Klima …) oder die gesellschaftliche Polarisierung der Menschheit mir ihren Folgen wie Flucht wegen Lebensraumvernichtung und mehr davon hat sie genauso kalt gelassen und wurde so lieber beim Regieren einfach außen vor gelassen. Weil es nur gestört hätte.

„Sozialdemokratie First“ ist rhetorisch leicht zu kommunizieren. Nur sie zu machen und an die Ursachen ran zu gehen, das ist ein wenig anspruchsvoller. Man will ja nicht (sehr) unbequem sein und niemanden auch mal weh tun. Nicht mal in den Wahlkampfreden erwähnt man sie, denn schlechte Nachrichten sind unpopulär. Besonders wenn man sie nicht mehr ignorieren kann.

Obwohl auch Realität ein tolles Thema sogar für Populisten sein könnte. Unten habe ich ein Video als Beispiel angehängt. Nur wer über Realität spricht, der darf „keine Angst vor der eigenen Courage“ haben. Die Realität muss man aushalten können. Und sich nicht davor fürchten, dass ihre Erwähnung Wählerstimmen kosten könnte. Man braucht also Mut. Und zurzeit scheint Feigheit höher im Kurs zu stehen. Die Angst findet im Kopf statt und sie regiert die Welt auf wahnsinnige Art und Weise.

So versuche ich hier einmal mehr die Ursachen für die Polarisierung unserer Gesellschaft in immer weniger Reiche und viele Arme zu beschreiben. Also genau da wo man als Sozialdemokrat mal ansetzen müsste.

Die Ursachen für Polarisierung sind:

  • die freie Spekulation mit allem, ob Währungen, Unternehmen, Nahrungsmittel, Rohstoffe, Grund & Boden, copyright, Rechte aller Art …
  • ein Eigentumsrecht, das exorbitant und exzessiv individuelles „geistiges Eigentum“ schützt,
  • ein allgemeines Verständnis von Eigentum, dem das „Eigentum verpflichtet“ völlig abhanden gekommen zu scheint,
  • die gesellschaftliche Legitimierung von illegitimer Einflussnahme von Interessengruppen auf Gemeinwohl-Interessen (genannt Lobbyismus als Tatbestand von Vorteilserschleichung).
  • Propaganda inklusive der Verführung und Manipulation auf allen Ebenen auch des Unterbewusstsein als normale Methode des Wirtschaften (genannt Marketing) Verführung, mit dem Ziel das der Betroffene gegen seinen Willen und seine Vernunft handelt.

Obwohl wir es besser wissen, meinen wir immer noch, dass

  • Wachstum vor Gesundheit,
  • Taylorismus vor Ganzheitlichkeit,
  • Shareholder Value vor Gemeinwohl-Ökonomie gehen.

Wann lernen wir endlich, dass

  • die Interessen  der Stakeholder (Kunden, Mitarbeiter …) vor den Interessen der Shareholder gehen und dass in einer
  • Gesellschaft mit Zukunft soziale Gemeinsamkeit und nicht mehr private Besitzstandwahrung das oberstes Ziel von Individuen und Kollektiven sein darf?

Warum reden also Politiker nie über die Ursachen sondern hauen immer nur populistisch auf die Pauke? Und schreiben immer nur ein Herum-Doktern an Details und Symptomen ins Programm? Und warum sind damit auch noch erfolgreich?

🙂 Hier ein Beispiel für „POPULISMUS“, der mir gut gefällt. Wenn Harald Lesch auch nur zum Teil recht hat (und das könnte ich mir sehr gut vorstellen), dann dürften meine oben erwähnten „gesellschaftlichen Besorgnisse“ bald gar keine Rolle mehr spielen, weil es dann nur noch ums Überleben gehen wird.

Ja – genau diese Rede würde ich gerne mal von einem Politiker hören …

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 28. April 2016

Briefkasten-Firmen, Korruption und was so dazu gehört … (Serie) #3

Im Land der Roß-Händler …

Nach mehr allgemein gültigen Überlegungen in den beiden letzten Beiträgen (1 und 2) setze ich meine kleine Serie zur Korruption fort und berichte über zwei konkrete eigene Erfahrungen. Hier der erste Fall.

Wie ja den meisten Lesern bekannt ist, habe ich vor über 30 Jahren ein Unternehmen gegründet und war dort als Geschäftsführer und Vorstand tätig.

Schon in den frühen 80iger Jahren wurden Autos als Geschäftswagen in der BRD genauso wie heute subventioniert. Da es damals noch selbstverständlich war, ein Auto zu fahren, haben wir ganz früh unseren Mitarbeitern wahlweise als Teil des Gehalts ein sogenanntes Geschäftsauto angeboten. Bei einem „Geschäftsauto“ spart man die gesamte Mehrwertsteuer, denn man kann alle (!) Ausgaben wie Anschaffung des Fahrzeuges, Ersatzteile, Reifen, Zubehör, Versicherungen, Wartung und Instandsetzung, dazugehörende Dienstleistung und auch die Ausgaben für den gesamten Kraftstoff als normale Geschäfts-Kosten absetzen und spart so die gesamte Mehrwertsteuer und weitere Unternehmenssteuern (Einkommen, Gewerbe).

Über die Laufzeit eines Kraftfahrzeuges macht das schon bei Fahrzeugen der Mittelklasse einen enormen Betrag an Steuerersparnis aus, der die vom Mitarbeiter abzuführende Steuer für den „Geld werten“ Vorteil wesentlich übersteigt. Besonders dann, wenn der Mitarbeiter einen kurzen Arbeitsweg hat. Und „kluge“ Mitarbeiter haben in der Regel einen kurzen Arbeitsweg, wenn auch manchmal nur steuerlich.

Den Subventions-Gewinn (Differenz zwischen ersparter Mehrwertsteuer und der vom Mitarbeiter bezahlten Steuer für „Geld werten Vorteil“) kann man sich trefflich zwischen Mitarbeiter und Unternehmen teilen, so dass beide Seiten von der Subvention für die Automobil-Industrie profitieren. Und da ich damals beim Thema Autofahren noch ziemlich naiv war, habe ich das Argument „Du bekommst einen Geschäftswagen“ kräftig auch bei der Anwerbung von Mitarbeitern eingesetzt.

So wuchs mit der Anzahl der Mitarbeiter auch die Anzahl der Geschäftswagen kräftig. Wir konnten nach kurzer Zeit von einer kleinen Flotte von IF-Autos sprechen, die immer größer wurde (10, 20, 30 …). Wenn man eine Flotte hat, kommt der Autovertreter für die Geschäftskunden und überredet einen mit dem Hinweis auf „die vielen Vorteile“ zu einem Flottenvertrag. Den habe ich dann auch irgendwann mal abgeschlossen.

Auch die Rückseite dieses Scheines hat manches Herz erfreut :-)

Auch die Rückseite dieses Scheines hat manches Herz erfreut 🙂

Jetzt dachte ich, dass wir über so einen Flottenvertrag die Autos günstiger kriegen würden denn als Privatkäufer. Das war aber ein Irrtum, immer wieder erfuhr ich, dass Freunde beim „Privatkauf“ – zwar nach zähem Handeln aber immerhin – einen höheren Einzelrabatt bekamen als ich für die Flotte. Das hat mich geärgert.

Dazu kam, dass die Versprechungen der Flottenvertrags-Händler zwar sehr groß aber der Service unterirdisch schlecht war. So habe ich die Anbieter gelegentlich gewechselt, einmal sogar die Marke. Die Verhandlungen waren immer grauenhaft, denn die Vertriebsleute der Autofirmen haben ihr ganzes, mir sehr unangenehmes vertriebliches Repertoire in penetranter Art und Weise eingesetzt.

Und wie ich partout nicht mehr wollte, kam der Oberverkäufer zu mir. Er beschwor mich eindringlich, dass ich unbedingt bei seinem Hause und seiner Marke bleiben müsse. Alles würde besser werden. Und er könne mir auch ein ganz besonderes Extra anbieten, dass er nur seinen allerbesten Kunden geben würde:

Er würde mir für jedes Fahrzeug, dass das Unternehmen im Rahmen des Flottenvertrages bei ihm kaufen würde, 5 % des Bestellwertes auf ein Konto meiner Wahl überweisen!

Ich war perplex und habe ihm geantwortet, dass ich gar kein Konto für so etwas hätte. Da hat er gesagt, dass er mir bei dem Einrichten eines solchen – gerne auch im Ausland – durchaus behilflich sein könnte. Hat er da eine Briefkastenfirma gemeint?

Zu der Zeit ist die InterFace gut gewachsen. Unsere Autos haben wir immer früh erneuert und so in diesem Jahr gut 10 Autos bestellt. Es war in diesem Jahr sicher ein Einkaufswert von über 250.000 DM. So hätten diese 5 % einen gesamten Zahlungseingang auf das Konto meiner Wahl in Höhe von 12.500 DM bedeutet. Das waren immerhin 12 1/2 Exemplare des abgebildeten Scheines, für den man damals noch sehr viel bekam. Und das Ganze steuerfrei und jedes Jahr mit steigender Tendenz …

Ich habe damals abgelehnt, weil ich ein solches Vorgehen nicht nur als Bestechung sondern vor allem als Betrug an meinen Partnern und Mitarbeitern gesehen habe. Heute bin ich froh darüber, dass ich dieses sehr ernst gemeinte Angebot abgelehnt habe. Marke und Vertriebsunternehmen verrate ich nicht, weil ich davon ausgehe, dass das keine gängige Geschäftspraxis war sondern nur die Machenschaften von Einzelnen. Aber wer weiß?

RMD

P.S.
Der Tausender ist aus Wikipedia.

Dr. Martin Held und mein Freund Jörg Schindler halten am Dienstag, den 16. Februar 2016 in der orange bar einen spannenden Vortrag zum Thema:

Billiges Öl – Motor der Wirtschaft oder Bremsklotz der Transformation?

18:30 Uhr Einlass | 19:00 Uhr Beginn | 20:30 Uhr Ausklang | orange bar, Green City Energy, Zirkus-Krone-Straße 10, (6. OG), München

Der Eintritt ist frei.

Jörg Schindler im IF-Forum der InterFace AG

Jörg Schindler im IF-Forum der InterFace AG

Ob Autofahrer, Hausbesitzer oder Unternehmer: Alle freuen sich über die billigen Ölpreise und dass sie weniger für Energie ausgeben müssen.

Das spart Geld und wirkt kurzfristig wie ein großes globales Konjunkturprogramm. Auch für die Wirtschaft werden stimulierende Impulse erwartet.

Nur – der zentrale Verkehrsbereich bleibt weiterhin extrem vom Öl abhängig. Das ist ein Problem, das sich nicht durch ein einfaches Umschalten nach dem Motto „Öl raus, Elektrizität rein“ (und ansonsten weiter wie bisher) lösen lassen wird.

Statt hier einen Übergang in postfossile Mobilitätsformen einzuleiten, wird die Ölförderung mit hohen ökologischen Risiken in arktische Gewässer und immer größere Meerestiefen weiter ausgeweitet. Die niedrigen Preise werden als willkommene Konjunkturstützen missinterpretiert, als Anreiz, nochmals so richtig mobil „aufzurüsten“.

Was sind die Gründe für den dramatischen Fall der Ölpreise? Welchen Preis wird unsere Gesellschaft für diese Verlängerung des fossilen Ressourcenverbrauchs zahlen? Wird nicht der halbwegs verträgliche Übergang in Richtung einer postfossilen nachhaltigen Entwicklung (Große Transformation) erschwert?

Die Referenten Dr. Martin Held und Jörg Schindler sehen das Wichtigste für eine gelungene Große Transformation in Gefahr: die Anpassungszeit. Was wären die Alternativen? Wer könnte sie ergreifen? Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft bei dem anstehenden Transformationsprozess?

Um eine Anmeldung per E-Mail an andreas.schuster@greencity.de oder telefonisch unter 089/890668319 wird gebeten.

Die Referenten sind
Dr. Martin Held (Gesprächskreis Die Transformateure – Akteure der Großen Transformation, Vorstandsmitglied ASPO Deutschland e.V. und langjähriger Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing, Tutzing)
und
Jörg Schindler (Gesprächskreis Die Transformateure – Akteure der Großen Transformation, Vorstandsmitglied ASPO Deutschland e.V. und langjähriger Geschäftsführer der Ludwig-Bölkow-Stiftung, Neubiberg)

RMD

P.S.
Falls Sie diesen Vortrag verpassen müssen, aber die Referenten gerne zu einem anderen Termin einladen wollen, vernetze ich Sie gerne. Einfach per E-Mail an mich schreiben.

Das Grauen der fossilen Welt nach Transfer Patras-Venedig auf einer nicht minder stinkenden griechischen Fähre.

Das Grauen der fossilen Welt nach einem Transfer von Patras nach Venedig auf einer nicht minder stinkenden griechischen Fähre.

Jörg Schindler hat im folgenden ganz frisch einige Gedanken zu dieser Frage formuliert. 

Er spricht von reinen Batterieautos (E-Autos), die ihre Energie durch Aufladen der Batterie aus dem Stromnetz beziehen. 

Nicht nur nach Lektüre dieses Artikel gibt es eigentlich nur einen Schluss. Wir müssen unsere Mobilität gründlich überdenken und verändern. Veränderung jedoch geht in unserer Gesellschaft nur von „unten“ wie zum Beispiel durch Graswurzelbewegungen.

Wir starten am 4./5. Januar 2106 mit einem ersten Barcamp für „Aktive Mobilität im Alltag“ in Unterhaching – AktMobCmp.

Jetzt zum Artikel von Jörg Schindler:

Der Beitrag von E-Autos zur Emissionsminderung und zur Reduzierung der Ölabhängigkeit

Ein Technologiewechsel für die Antriebstechnik und die Kraftstoffe der Automobile ist unvermeidlich aus einer Vielzahl von Gründen:

  1. Die Städte ersticken buchstäblich unter den Abgasen des Autoverkehrs, nicht nur in China.
  2. Mittel- und längerfristig ist der Abschied vom Öl wegen seiner in Zukunft stetig abnehmenden Verfügbarkeit – und damit der Abschied vom Verbrennungsmotor – unvermeidlich.
  3. Dieser Abschied sollte aus Gründen des Klimaschutzes möglichst schnell erfolgen. Aus diesen Gründen ist ein Technologiewechsel vom Verbrennungsmotor hin zu elektrisch angetriebenen Fahrzeugen notwendig und sinnvoll.

Unstrittig ist daher das Ziel sinnvoll, die Zahl (und/oder den Ölverbrauch) der mit Öl betriebenen Autos schnell und deutlich zu reduzieren. E-Autos emittieren lokal keine Schadstoffe und leisten damit einen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität am Ort ihres Betriebes. Die globalen Emissionen sind jedoch nicht ebenfalls Null, sondern hängen ab von der Art der Stromerzeugung. In Deutschland ist die Stromerzeugung noch zu einem erheblichen Anteil fossil (Steinkohle und Braunkohle neben Erdgas) und produziert im Kraftwerk erhebliche lokal wirkende Schadstoffemissionen und global wirksame Emissionen von Treibhausgasen. Beim gegenwärtigen Mix der Stromerzeugung in Deutschland sind E-Autos „emission elsewhere Fahrzeuge“. Die Treibhausgasemissionen werden gegenwärtig nicht reduziert.

Bezüglich Ressourcenverfügbarkeit und Treibhausgasemissionen machen E-Autos nur Sinn, wenn sie von einem durchgreifenden Wechsel der Primärenergiequellen von fossil zu erneuerbar in der Stromerzeugung begleitet werden.

Der Beitrag von E-Autos zur Verbesserung der Lebensqualität im urbanen Raum

Abgesehen von der Emissionsminderung vor Ort: Kein Beitrag. Im öffentlichen Raum dominiert auch mit E-Autos nach wie vor der motorisierte Individualverkehr und seine bisherige politische Priorisierung bleibt unverändert. Die geplante Öffnung von Bus-Spuren für E-Autos verstärkt diese Tendenz sogar noch. Autos besetzen nach wie vor den öffentlichen Raum. Die selbstbestimmten Mobilitätschancen für Kinder und Menschen ohne Autobesitz verbessern sich nicht. Keine Förderung – geschweige denn Priorisierung – der aktiven Mobilität.

Die sozialen und industriepolitischen Aspekte

Der Übergang zu E-Autos bewirkt keine Verbesserung der Mobilitätschancen aller Menschen, die nicht über ein Auto verfügen. Bei der diskutierten Förderung des Kaufs von Batterieautos stehen industriepolitische Aspekte im Vordergrund – der Übergang auf sauberere Antriebe soll der Industrie nicht weh tun. Zielführender sind die Besteuerung nach CO2-Ausstoß und anderen Schadstoffen. Zudem ebenfalls offensichtlich notwendig ist der Abbau der Steuervergünstigung für Dieselkraftstoff (wie jetzt in Frankreich bis 2020 geplant) und die radikale Sperrung der Innenstädte für Autos mit gesundheitsgefährdenden Emissionen.

Die Liste wirksamer Maßnahmen lässt sich fast beliebig verlängern (Stichwort Tempolimit). Im übrigen gibt es die relativ sauberen kleinen konventionellen Autos ja schon (etwa Fahrzeuge mit weniger als 95 g CO2 auf 100 km). Diese Fahrzeuge will man den Dienstwagenfahrern, dem Durchschnittsautofahrer und der deutschen Autoindustrie aber als Vorgabe nicht zumuten. Mit einer angedachten Subvention von 5.000 Euro für den Kauf eines E-Autos könnte man drei Harz IV Empfängern je ein Pedelec schenken und damit die Mobilitätschancen benachteiligter Gruppen entscheidend erhöhen. (Es lohnt sich darüber nachzudenken, warum solche Alternativen der Verwendung öffentlicher Mittel nicht einmal erwogen werden.)

Mit der zunehmend verzweifelter werdenden Förderung von E-Autos (angesichts der offensichtlichen Erfolglosigkeit im Markt) werden durch die einseitige Propagierung der Lösung von morgen die heute schon möglichen und aktuell wesentlich effektiveren Lösungen verdeckt und damit faktisch ignoriert und aus der politischen Debatte herausgehalten. So unterbleibt, was mit viel größerer Wirkung heute getan werden könnte und müsste.

Gefangen im Paradigma des fossilen Verkehrs

Nach wie vor gilt: Motorisiert ist besser als nichtmotorisiert. Die Strukturen sollen so bleiben, allein die Technologie soll verbessert werden. Nachhaltigkeit als add-on (wie die Schlagsahne auf dem Zwetschgendatschi…)

Es zeigt sich das immer gleiche Muster: Politische Alternativen werden nicht explizit gemacht, sondern als technologische Probleme umdefiniert, für die eine technische Lösung gefunden werden muss. E-Autos als die Lösung aller urbanen umweltrelevanten Verkehrsprobleme.

Ein anderes Beispiel für die Verdrängung politischer Lösungen: Die mögliche (Um-)Verteilung des öffentlichen (Straßen-)Raums wird möglichst nicht thematisiert – außer wo es sich gar nicht mehr vermeiden lässt, wie in München in der Rosenheimer Straße.

Der notwendige Übergang zur postfossilen Mobilität ist wesentlich weitreichender

Saubere Antriebe und der Übergang auf erneuerbare Energiequellen für den motorisierten Verkehr sind eine Notwendigkeit. Aber das allein löst bei weitem nicht alle Probleme des modernen Verkehrs.

Abnehmende Rohölverfügbarkeit und langfristig teurer werdende Energie werden den Raumwiderstand erhöhen, das heißt den ökonomischen, zeitlichen und emotionalen Aufwand für den Ortswechsel von A nach B mit motorisierten Verkehrsmitteln auf der Straße, auf dem Wasser und in der Luft. Durch den steigenden Raumwiderstand rückt die Nähe näher und die Ferne ferner. Erreichbarkeiten in der Nähe werden daher zunehmend wichtiger als Erreichbarkeiten in der Ferne.

Unstrittig sind effiziente Verkehrsmittel in diesem Kontext eine Notwendigkeit. Aber mindestens so wichtig sind effiziente Raum- und Siedlungsstrukturen, die den Verkehrsaufwand für die Erfüllung der Mobilitätsbedürfnisse der Menschen minimieren. Dieser Strukturwandel wird durch Aktive Mobilität ermöglicht und gefördert. In gleichem Maße nimmt der Bedarf an motorisiertem Individualverkehr ab.

Warum Aktive Mobilität unser Thema ist und das richtige Thema ist

Nahmobilität in urbanen Strukturen mit kurzen Wegen ist die Lösung vieler Verkehrs- und Umweltprobleme, wenn die Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden können und auch tatsächlich auf diese Weise zurückgelegt werden. Das ist es, was mit Aktiver Mobilität gemeint ist.

Das erhöht die Aufenthaltsqualität und die Sicherheit im öffentlichen Raum. Es schafft gleiche Mobilitätschancen für alle Bevölkerungsgruppen. Und es fördert die körperliche und psychische Gesundheit der Menschen.

Neubiberg, 28. Oktober 2015

Zum Autor:
Jörg Schindler war langjähriger Geschäftsführer der LBST (Ludwig-Bölkow-Systemtechnik) und ist jetzt im Vorstand der ASPO Deutschland e.V.. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Zukunftsthemen im Energie-Bereich. So ist er auch bekannt aufgrund zahlreicher Veröffentlichungen und als Mitautor einer Reihe von Fach-Büchern.

Einen herzlichen Dank an unseren Gastautor Jörg Schindler.

RMD

P.S.
Kommt zum ersten Barcamp für Aktive Mobilität im Alltag!

P.S.1
Das Bild ist ein „eigenes Werk“. Ich gebe es unter Common Licence frei, es kann deren Regeln folgend beliebig verwendet werden.