Hans Bonfigt
Donnerstag, der 9. Mai 2019

Ultra posse nemo obligatur ?

Die Experten sind sich ‚mal wieder weitgehend einig.

Die Aufgaben im Mathe-Abitur waren ja gar nicht schwer !

Die Krönung:  Ein Junglehrer hat, drei Tage lang in je 5 Stunden, die Aufgaben nachgerechnet, von denen die Schüler die Hälfte innerhalb von 5 Stunden lösen mußten.  Dabei hatte er auch noch Zugriff zu den Lösungen und nutzte diese nach eigenem Bekunden kräftig.   Aber er fand, „die Aufgaben waren ja gar nicht schwer“.

Mir bleibt der Mund offen stehen.  Es fängt damit an, daß der moderne Junglehrer nicht mehr differenzieren kann zwischen „schwierig“ und „schwer“.   Schlimmer ist schon, daß der Lehrer in keiner Weise berücksichtigt, daß die Sorge, nicht in der vorgegebenen Zeit fertig zu werden, die Leistungsfähigkeit massiv beeinträchtigt.  Dieses Phänomen tritt insbesondere in der Mathematik zutage:  Man braucht sich, beispielsweise bei komplexeren Äquivalenzumformungen, nur einmal geringfügig zu verhauen und rechnet fortan unter deutlich erschwerten Bedingungen zeitraubend so lange, bis „-2 = Wurzel 6“ herauskommt.  Und schwupp, ist eine halbe Stunde beim Teufel.

Meine Mathenote war in der gymnasialen Oberstufe immer eine „3“, gebildet aus einer schriftlichen „4“ und einer mündlichen „1“.  Freilich möchte ich dazu sagen, daß ich meine Mathearbeiten stets ohne Hilfsmittel geschrieben haben, insbesondere ohne „Formelsammlung“ und sonstigen Spökeskram.   Diese ganzen Sicherheitsartikel waren mir schon immer zuwider:  Fahrradhelme, Kondome, Spickzettel, Warnwesten, Formelsammlungen, Zigaretten mit „Gesundheitsfilter“  —  ich habe nie so etwas benutzt.   Fahrradhelme sind gefährlich, Kondome versauen den Spaß am Sex, Spickzettel sind unehrenhaft, mit Warnwesten macht man sich lächerlich, Formelsammlungen verhindern zuverlässig jedes operative Denken  —  und wenn ich „gesund“ rauchen will, dann lasse ich es gleich ganz.   Insofern war ich geringfügig benachteiligt.   In den damaligen Aufgaben sah ich nie ein Problem in der Lösungsstrategie (wir hatten einen brillanten Mathematiklehrer, der einen spannenden Unterricht anbot), aber die Rechnerei konnte schon lästig werden.  So kam es, daß ich viele Klausuren „versaute“.   Sicher:  Man hätte sich auch vorbereiten können.   Aber ich war der Meinung:  6 Schulstunden pro Tag plus Anfahrt sind genug.

Warum nicht nach 40 Jahren wieder eine Matheklausur schreiben?   Um es vorwegzunehmen:   Ich habe mehr als 15 Stunden gebraucht.   Genial muß man nicht sein, um die Lösungsstrategieen zu finden – aber der Rechenaufwand ist dann doch nicht unerheblich.  Und ich weiß nicht, wie es heute gehandhabt wird, aber für mich ist eine Validierung der Lösung in Form einer „Gegenprobe“ Teil der Aufgabe.   Auch, wenn ich mich vorher einem Repetitorium unterzogen hätte, wäre ich in der erforderlichen Zeit nicht fertiggeworden.   Prognostiziertes Ergebnis:  4, ausreichend.

Die Matheklausur war klar zu schwierig  —  und das ist gut so !

Denn warum sollte jeder Gesamtschüler eine glatte „1“ bekommen ?   In der Mathematik sind zwei Dinge wichtig:   Abstraktes, operatives Denken einerseits, jedoch zähes, sorgfältiges, frustrationstolerantes, diszipliniertes Arbeiten andererseits.   Nur, wer beides in die Waagschale wirft, kann ein wirklich exzellentes Resultat erreichen.

Mit meiner „3“ in Mathematik war ich stets zufrieden und fühlte mich gerecht bewertet – denn wir hatten im Jahrgang jemanden, der neben operativem Denken auch noch Fleiß und Sorgfalt mobilisierte — und der schrieb regelmäßig die „Einsen“.   Vielleicht hätte ich das auch schaffen können — dann hätte ich aber ganz sicher bei der Sauferei kürzertreten müssen.   Wollte ich aber nicht.   Mich aber zu beschweren über zu schwierige Aufgaben?   Ich hätte mich geschämt bis in die Steinzeit.

Ist es nicht schön, wenn eine Aufgabe „Luft nach oben“ bietet ?  Die jungen Leute schreiben doch immer in ihren Bewerbungen, „suche neue Herausforderungen“.  Ein junger Mensch, der unter Zeitdruck und ohne Hilfsmittel diese Aufgaben in der vorgesehenen Zeit löst, zeigt damit, daß er die vermittelte Mathematik gut verstanden hat und praktisch anwenden kann.  Auf eine glatte „1“ kann er stolz sein.

 

„Aber unsere ganze Zukunft ist jetzt zerstört !!!“

Tja, UND ?   Dann ist das so.   Deutschland braucht auch Straßenkehrer.

Und man wird ja auch fragen dürfen, „Warum mußte es unbedingt Mathe als Abiturfach sein?“

Vielleicht auch noch ein bißchen radikaler:  „Warum muß eigentlich jeder junge Mensch ein Abitur haben?“

Wachstum, Inflation, Reisen und Zukunft.

Vor einiger Zeit höre ich in den Nachrichten, dass die Bundesregierung ihre Prognose für 2019 gesenkt hat. Auf 1 %. Ist das gut oder schlecht?

Beim schlauen dozieren …

Zuerst stell ich mir die Frage, ob die Schätzung nominell oder real ist. Mit real meine ich unter Einberechnung der Inflastionsrate. Wenn sie nominell ist, würde das bedeuten, dass wir gar kein oder sogar ein negatives Wachstum hätten. Denn sogar offiziell wird die Inflationsrate für 2019 mit 1,8 % geschätzt. Das ist mehr als das vorhergesagte Wachstum.

Und gefühlt meine ich, dass wir mehr als diese 1,8 % „offizielle Inflation“ haben. Ich muss mir nur die Kostensteigerung bei den Semmeln vom Bäcker anschauen. Oder die Entwicklung der Friedhofskosten für die Mutter. Oder die Mieten allgemein. Das Briefporto soll auch teuerer werden – wie der öffentliche Verkehr. Briefporto ist ein gutes Beispiel: Nach den alten Regeln hätte die Deutsche Post das Porto um 4,8 Prozent erhöhen dürfen. Das entspräche einer Verteuerung von 70 auf 73 Cent für einen Standardbrief. Jetzt wird auf eine Erhöhung von 85 bis 90 Cent für einen Standardbrief spekuliert. Vergessen wir also die 1,8 %.

So gesehen, haben wir eher ein negatives Wachstum. Und ich empfinde das ais eine gute Nachricht. Ich bin mir sicher, dass weniger mehr ist. Wenn es immer mehr Wachstum gibt, dann wird mehr geflogen, größere Autos gekauft.

Ich betrachte mein eigenes Leben. Und schon fällt mir auf, dass ich nicht nur viel zu viel konsumiert aber auch viel zu viel geflogen, Auto gefahren und auch Schiff gefahren bin. Ich versuche das zu reduzieren.

Das Autofahren habe ich überwiegend eingestellt. Und so richtig leicht fällt mir das nicht. Denn das Reisen ist schon sehr schön und auch sehr wichtig. Man lernt viel dabei.

Aber sogar Fahrradtouren sind aufwändig. Die Highlichts meiner Radtouren waren zweifelsfrei Kreta, Zypern, Tunesien, Marokko und Kuba. Dazu braucht man in der Regel einen Flug.

Deutschland, Österreich und Italien sind auch schöne Radel-Ziele. Das geht auch mit dem Zug, allerdings wird da das Angebot immer schlechter. So nimmt der Nachtzug nach Rom seit ein paar Jahren keine Fahrräder mehr mit.

Ich bin aber auch viel Kreuzschifffahrten gefahren. Meine letzte Reise ging in die Karibik, da habe ich unheimlich viel Neues erlebt und kennen gelernt. Genauso ging es mir in der Antarktis, in der Südsee, in Asien oder in Mittelamerika.

Kreuzschifffahrten werden zur Zeit ja richtig runtergemacht. Das verstehe ich auch. Und kriege ein wenig ein schlechtes Gewissen.

Insel-Hopping im Mittelmeer ist für auch etwas sehr Schönes. Man findet da viel von der Kultur, die wir ja ein wenig geerbt haben. Macht schöne Wanderungen. Und besucht alle paar Tage eine neue Insel.

Wären da nicht die Fähren. Die riesengroß oder rattenschnell sind. Aber alle Autos transportieren. So dass dann auch die kleinste Insel in der Saison an Autos ersäuft. Und die Schiffe dürften im übrigen mehr Öl verbrennen dürften als die träge herumbummelnden Kreuzfahrtschiffe.

Reisen hat aber noch einen zweiten Nachteil. An meinen Reisetagen brauche ich eine Unterkunft. Weil ich meistens nicht im Zelt schlafe. Parallel dazu habe ich dann daheim ein paar ungenützte Räume und nutze Räume im Gastland. Da gab es mal eine gute Idee: airbnb. Der einfache Gedanke war, dass man die eigenen Räume anderen Reisenden zur Verfügung stellt, wenn man selber unterwegs ist. Genial! Nur die Realität funktioniert halt auch nicht so, sehr zum Kummer mancher Stadtväter.

Ich bemühe mich jetzt, weniger zu fliegen. Und zu Radtouren mit dem Regionalzug zu fahren. Aber ganz auf andere Länder und Kulturen will ich nicht verzichten. So werde ich mir im Sommer einen langgehegten Wunsch erfüllen. Und mit der Eisenbahn ab Moskau nach Peking fahren und dort meinen Sohn besuchen. Leider gibt es keine gute Verbindungen per Eisenbahn von Bayern nach Moskau mehr. D.h. die lange Eisenbahnreise beginnt mit einem Flug nach Moskau. Und von Peking zurück ist es natürlich auch am einfachsten mit dem Flieger.

Wenn ich auf die Reisen verzichte, spare ich viel Geld. Das Geld müsste ich verbrennen, damit es nicht mehr schadet. Denn, wenn ich es herschenke, was machen dann die Beschenkten? Wahrscheinlich steigen sie in den Flieger und Urlaub in der Sonne. Weil es Spaß macht und eigentlich recht billig ist.

Was ist zu tun? Ich meine, dass die Staaten unseres Planeten die Aufgabe haben, das zu steuern, was allen Menschen schadet. Das geht in unserem System des Konsumismus nur über den Preis. Also muss man die Steuer auf Energie und besonders Kerosin hochsetzen! Dass so eine Massnahme das Wachstum reduziert, ist doch auch kein Nachteil sondern wünschenswert.

Jetzt wird mancher sagen, dass das nicht gerecht ist. Weil es die Reichen weniger betrifft als die Armen. Nur, muss wirklich jeder einen SUV fahren und in die DomRep fliegen?

RMD