Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. April 2013

Gartenlust und Frühlingsfrust

Carl und Gerlinde (XXX)

Was ist denn mit dir los, Carl? So wie du zulegst in den letzten Wochen, muss ich ja fürchten, dass du jeden Moment platzt!“ stänkerte der Spartenleiter Dr. Osterkorn, als er nach dem üblichen ‚montäglichen Strategiegelaber’ mit Carl das Besprechungszimmer verließ.

„Wie meinst du denn das, Bernie?“ fragte Carl irritiert.

Na du gehst ja auseinander wie ein Kräppel im heißen Fett: will dich denn deine Gerlinde meistbietend zum Kilopreis verscherbeln?“ polterte Bernie laut lachend.

„Jetzt fängst du auch noch an! Vor zwei Wochen hat mich schon meine vorlaute Sekretärin gefragt, ob ich ein Problem mit der Schilddrüse hätte“, gab Carl kleinlaut zurück.

„Siehst du Carl – ich täusch mich also nicht! Ich find’s ja prima, wenn’s dir schmeckt und gönn’s dir auch von Herzen, aber als ‚Spartenvertriebsleiter’ bei TRIGA mit seinen vielen sportlich orientierten Produkten solltest du schon auch ein klein wenig auf dein Erscheinungsbild achten, oder?“

„Glaubst du denn wirklich, Bernie, dass ich…“

„Betrachte meine Worte als kleinen Tipp, Carl! Du weißt ja, ich bin manchmal etwas direkt!“ wiegelte Dr. Osterkorn mit einem verschmitzten Augenzwinkern ab, donnerte Carl seine durchtrainierte Pranke auf die Schulter und entschwand in das verwaiste Büro von Miriam Braun, die noch immer in der Babypause war, und bestimmt nicht wusste, dass seit vier Wochen eine äußerst attraktive Praktikantin auf ihrem Bürostuhl herumlungerte und schon etliche neue Wäschemodelle für einen gewissen Herrn Dr. Osterkorn vorprobiert haben soll, wie der Buschfunk so trommelte…

Carl war zwar froh, dass er nach dem freundschaftlichen Schulterklaps von Dr. Osterkorn noch aufrecht gehen konnte, spürte aber schon, wie sich eine kleine Unsicherheit in ihm breit zu machen begann …

Und da seine sonst für alle Wehwehchen zuständige Sekretärin Bettina über seinen Kopf hinweg ohne jede Vorwarnung recht dreist von einem Tag auf den anderen ihren morgendlichen Mohnstrudel zu seinem Frühstückskaffee einfach gestrichen hatte, und dieser Mohnstrudel ehrlich gesagt in letzter Zeit eh oft arg trocken ausgefallen war und mit Kaffee manchmal recht unangenehm am Gaumen pappte – konnte  sie natürlich in dieser heiklen Angelegenheit leider nicht mehr wie sonst üblich als Ratgeberin fungieren!

Und Gerlinde kam schon gar nicht in Frage! Die mäkelte ohnehin stündlich an ihm herum, wegen der paar lächerlichen Pfunde an seinen, wie er meinte, immer noch apollinisch schmalen Hüften…

Angesichts dieser verfahrenen Situation musste Carl wohl in bewährter Manier die Sache selbst in die Hand nehmen! Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn einmal die superklugen Frauchen wirklich helfen hätten können!

Außerdem war das Männersache!

Schließlich gab es doch wirklich nichts Simpleres, als ein paar ‚unnötige Gramm Speck’ wegzuschaffen: er musste sich doch bloß – eigentlich lächerlich – beim Essen etwas einschränken und – Bingo – mehr Bewegung machen! Und zwar viel mehr Bewegung! Klaro! Da musste man gar nicht mehr lange Herumrätseln und Rumlabern, wie Frauen das in solchen Situationen zu tun pflegen!

Nein, gleich nächste Woche – oder übernächste Woche – oder noch besser ab Mai oder vielmehr Juni, wenn es abends richtig hell war, brauchte er sich doch bloß in einem Fitnessstudio anmelden und einen dieser oft angesprochenen Abendtermine buchen! Und schon war die Sache geritzt! So einfach war das…

Außerdem – und das war wohl ein Wink des Schicksals – stand doch jetzt im Frühjahr ohnehin jede Menge Gartenarbeit an: die war doch nachgerade ideal zum Abzunehmen!

Bestimmt freute sich Gerlinde auch tierisch, wenn sie einmal nicht auf Hannelores komischen ‚gärtnernden Polen’ zurückgreifen musste, der im Frühjahr alle Bäume und Büsche in diese peinlichen Rasierpinsel verwandelte! Nein – ab sofort hatte der ‚Pinselzauber im Frühjahr’ ein Ende – und wie von selbst wurde er, Carl, auch noch gertenschlank dabei! Das war doch mehr als fantastisch, oder?

Ernüchternd war allerdings, dass Gerlinde gar nicht so arg strahlte, als er ihr gleich am nächsten Morgen beim Frühstück seinen neuesten Plan entwickelte. Aber vielleicht war sie auch noch nicht richtig wach, als sie recht nüchtern fragte „und warum auf einmal – dieser Garteneifer?“ und ewig lange in ihrem Kaffee rumrührte, obwohl keinerlei Süßstoff drinnen war, wie er ganz sicher wusste…

„Ja weißt du, Gerlinde, ich brauch’ einfach etwas mehr Entspannung und Bewegung – irgendwie bin ich in letzter Zeit durch den Stress in der Firma viel zu träge geworden!“, sagte Carl mit einschmeichelnder, Verständnis heischender Miene.

„Sieh mal an, welch eine überraschende Selbsterkenntnis – und die schon im Morgengrauen – um acht Uhr dreißig, das ist beachtlich!“ frozzelte Gerlinde.

„Nenne es wie du willst, Gerlinde, ich bin jedenfalls fest entschlossen, mich mehr zu bewegen und mich viel aktiver in unsere heimische Gartenarbeit einzubringen“, sagte Carl lächelnd und tätschelte liebevoll über den Frühstückstisch hinweg Gerlindes linke Hand, die gerade nach dem Brombeermarmeladenglas griff!

Gleich danach schaute Carl aber abrupt auf die Uhr, sprang auf, drückte Gerlinde einen schnellen Kuss auf ihre nach Kaffee schmeckenden Lippen und eilte mit den Worten „heute Abend sprechen wir noch genauer über mein ‚Gartenprogramm’, gell“, davon…

Nur – wie das dann ablief, war typisch – Gerlinde!

Denn als Carl am Abend hundemüde von der Arbeit heimkam, konfrontierte ihn seine fürsorgliche Gerlinde mit einem ‚gärtnerischen Arbeitsprogramm’ das sich nicht nur gewaschen hatte, sondern in dem – voll unfair – tatsächlich alles drinnen stand, was getan werden musste! Ganz obenauf natürlich die riesige Trauerweide, die jedes Jahr radikal geschnitten werden sollte, was nicht nur viel Arbeit in luftiger Höhe auf der Leiter bedeutete, sondern auch mehrere Tage „Zerkleinerungsarbeit“! Aber wer konnte denn bei dieser vollkommen unerwarteten ‚Zwischeneiszeit’ schon so lange im Garten herummachen – schließlich war er kein Eskimo in Thermounterwäsche, oder?

Und die Trauerbirke musste auch zurück geschnitten werden!

Und die zehn Büsche entlang der Gartengrenze auch, und der Lorbeerbaum, die zwei Weigelien, der Perückenstrauch, der Raketenwacholder auch und im Vorgarten die Korkenzieherhasel, der amerikanische Hartriegel und die Zierkirsche – von den dreißig Erikastauden, den viel zu üppigen Gräsern und sechs Wacholderbüschen ganz zu schweigen…

‚Gerlindeschen Gartenprogramms’: denn bereits beim amerikanischen Hartriegel war die erste Bierflasche leer, und als die zweite offen war, hatte er nach dem heutigen mörderischen Unterwäschevertriebstag in der Firma wirklich keinen Bock mehr auf weitere ‚gärtnerische Korinthenkackereien’…

Offensichtlich hatte Gerlinde – typisch Frau – nicht die leiseste Ahnung, was die von ihr aufgeschriebenen Arbeiten eigentlich bedeuteten – und noch dazu bei diesen arktischen Temperaturen! Von Frühling und lauen Lüften war doch weit und breit nichts zu spüren! Das war doch der absolute Horror, was dieses Jahr abging! Man musste sich ja wirklich ernsthaft fragen, wann denn nun endlich diese beknackte Klimaerwärmung einsetzte, mit der ständig in den Medien herumgefuchtelt wurde. Das war doch unfassbar, wie diese ‚Katastrophenaposteln’ daneben lagen?

Die Einzige, die nicht daneben lag, leider auch nicht jetzt neben ihm, war echt wieder einmal Gerlinde! Auf die war in dieser Hinsicht hundert Prozent Verlass, dachte Carl, als er endlich trotz aller Abgeschlafftheit – selbst die dritte Flasche Bier aus dem Keller hochhievte: bei diesem höchst einfühlsamen Persönchen, Gerlinde, brauchte man wirklich nur ein winziges Bisschen Bereitschaft signalisieren, sich an der hauseigenen Gartengestaltung aktiv beteiligen zu wollen – und schon bekam man ein ‚Gartenprogramm’ um die Ohren geknallt, bei dessen Verwirklichung er nicht nur in kürzester Zeit als wandelndes Skelett durch die Gegend trabte – sondern am besten auch sofort Frührente beantragte…

Wollte ihm das Gerlinde wirklinch antun – nur wegen der paar lächerlichen Pfündchen zuviel auf den Rippen? Oder den Hüften? Oder wo auch immer? War es das wirklich wert?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 10. Januar 2013

Pauline weint…

Nein, es war kein richtiges Weinen, eher ein dünnes stimmloses Wimmern. Aus ihren verquollenen Augen sickerten auch nur deshalb noch Tränen, weil ihr kleiner, dicklicher Körper in dem blutrot verschmierten, weißen Küchenkittel permanent von einer unsichtbaren Kraft durchgeschüttelt wurde, die ihr jede noch so kleine Träne sofort aus den Augen trieb.

Und obwohl Pauline die ganze Zeit über vor ihrem grauen Metallspind in der fensterlosen Umkleidekammer des Küchenpersonals kauerte, war sie nicht in der Lage diesen ekelhaft verdreckten Küchenkittel abzulegen oder ihr mit Tomatenmark verklebtes Gesicht zu waschen.

Dabei war die Großküche der Niederösterreichischen Landesregierung schon lange aufgeräumt und für morgen vorbereitet, alle Kolleginnen seit Stunden weg und außer den Wachleuten bestimmt niemand mehr im Gebäude.

Aber sie – saß nur da, wimmerte, wischte sich über die Augen und starrte vor sich hin…

Ihr graute vor dem Heimweg! Andererseits lehnte sie jede Hilfe ab: sie schaffe das, hatte sie gestöhnt, obwohl sie genau wusste, dass sie zu Fuß heim zockeln musste. Selbst in diesem fürchterlichen Zustand, in dem sie sich heute befand. Etwas Anderes war gar nicht möglich.

In den letzten Monaten dieses elenden Jahres 1945 gab es ja in der russisch besetzten Zone Wiens kaum Strom. Mit Straßenbahn war da nichts. Und wenn, dann ging es in dem Trümmerhaufen des 4. Bezirks, den sie durchqueren musste, auch nur im Schritttempo voran. Vom 1. Bezirk, wo sie arbeitete, war selbst sie mit ihrem kleinschrittigen Dackelgang schneller daheim im 5. Bezirk, der britisch war, als mit der Trambahn.

Und trotz Fußmarsch schleppte sie immer noch übrig gebliebenes Essen mit heim – das schon – und verteilte es an die ganz armen Schlucker im Haus. Aber heute reichten ihre Kräfte mit Sicherheit nicht mehr, um noch irgendetwas mitzunehmen, ja sie musste froh sein, wenn sie sich selbst nach Hause schaffen konnte.

Und wenn nicht gerade Oktoberbeginn gewesen wäre, an dem die Russen turnusgemäß die monatliche Verwaltung des 1. Bezirks übernommen hatten, hätte sich bestimmt auch nicht dieser betrunkene russische Soldat, nach der Arbeit in die völlig verwaiste Küche schleichen können.

Wie aus dem Nichts stand er plötzlich vor ihr: riesengroß, in schlampiger verschmierter Uniform, die Kappe nach hinten geschoben, darunter zwei schiefe, böse  Augen und ein breites, Angst einflößendes Grinsen mit hässlich abgebrochenen Vorderzähnen.

Pauline erschrak – und schrie! Da war er schon bei ihr, packte sie wie einen Hasen am Genick, drückte sie auf den einzigen Stuhl in der Küche und hielt ihr mit seiner anderen stinkenden Pranke den Mund zu.

„Nix schreien – Mamuschka“ zischte er und stieß ihr einen ekelhaft nach Schnaps stinkenden Schwall ins Gesicht, der sie kaum atmen ließ. Verängstigt, zitternd und stöhnend wand sich Pauline wie eine Schlange im Todeskampf und versuchte krampfhaft ihren Mund freizubekommen. Aber ihr hilfloses Gezerre an seiner tierischen Pranke schien diesen schrecklichen Russen nur zu belustigen: amüsiert drückte er abwechselnd ihren Nacken zusammen und dann den Mund und die Nase, und je mehr ihr Gesicht blau anlief, umso vergnügter wurde er.

Plötzlich schien er abgelenkt und ließ los! Pauline schnappte nach Luft. Sie wagte kaum, den schmerzenden Nacken und wehen Mund mit ihren krampfstarren Fingern abzutasten.

Irgendwie schien sich der Russe anders besonnen zu haben!

Er schaute Pauline auf einmal ohne Arg an, nuschelte etwas von Hunger und ‚nix essen’ und torkelte suchend durch die aufgeräumte Küche.

Aber da war nichts – alles Essen war in der Kühlkammer.

Da er weder sie, noch sie ihn verstand, schüttelte Pauline nur heftig ihren Kopf, während er in den Geschirrschränken herumwühlte und deutete auf die verriegelte Tür der Kühlkammer. Pauline war nicht in der Lage etwas zu sagen oder einen Ton von sich zu geben.

Leider stolperte der Russe dann über den unsäglichen Fünflitereimer Tomatenmark, den die schusselige  Maria nicht weggeräumt hatte. Der Eimer fiel um, und der Russe stutzte. Lässig stellte er ihn auf die Spüle, öffnete ihn, griff mit seinen Fingern hinein, kostete und schaute  grinsend zu Pauline, die kreidebleich auf ihrem Stuhl hin und her pendelte.

Als ob sie es geahnt hätte, trat er plötzlich mit dem Eimer an sie heran, brummte „Tomaten –  Wangen rot – Mamuschka“ und setzte Pauline den ganzen Eimer Tomatenmark einfach an den Mund.

„Du trinken – Mamuschka- viel trinken…“

Pauline wehrte sich. Sie wich mit ihrem Kopf so gut es ging aus und biss die Zähne zusammen; aber dieses Monster presste ihr den Eimer so grob an die Lippen, dass diese aufsprangen und höllisch zu brennen anfingen. Ihr blieb nichts anderes übrig als wenigstens ein bisschen zu schlucken. Und dann noch ein bisschen, und noch ein bisschen, und noch ein bisschen …

Immer wieder versuchte sie verzweifelt den Eimer wegzudrücken, um Luft zu holen, wobei ihr jedes Mal die rote Tomatenbrühe über Kinn und Hals in die  Bluse und den Küchenkittel lief. Grölend riss ihr das Monster die Bluse auf und setze den Eimer ab. Aber kaum hatte Pauline sich erholt, war der Russe wieder zur Stelle und drückte ihr noch rücksichtsloser den Eimer zwischen die Zähne, und Pauline schluckte und keuchte und schluckte und spürte wie sie immer tiefer in der saueren Tomatenbrühe versank…

Plötzlich hielt der Russe inne!

Blitzschnell presste er Pauline den Eimer zwischen die Füße, flitzte quietschend zu einer der Spülen, warf sich auf den Boden und kam teuflisch grinsend auf Pauline zu, mit einer ängstlich zappelnden Maus, die er stolz an ihrem langen Schwanz hin und her schwenkte.

Schreckensstarr bekam Pauline noch mit, dass er die piepsende Maus lachend über sein offenes Maul hielt und so tat als würde er sie schlucken, dann aber in das Tomatenmark vor ihren Füßen tunkte bis sie zu zappeln aufhörte. Er holte die Maus sichtlich zufrieden hoch, torkelte neben Pauline, zog ihr langsam und genüsslich mit der anderen Hand an den Haaren den Kopf zurück, und führte die tropfende und zuckende Maus immer näher an ihren Mund…

Dann – ein donnernder russischer Befehl und eine Kanonade von Flüchen! Vier Hände packten das Monster und schleppten es samt der zuckenden Maus weg. Pauline stöhnte auf und rang mit weit aufgerissenen Augen nach Luft. Der zurückbleibende russische Soldat, in tadelloser Uniform, salutierte und fragte, ob er helfen könne…

Pauline, die über und über mit Tomatenmark bekleckert war, schüttelte mechanisch den Kopf.

Der Russe, entschuldigte sich in gebrochenem Deutsch und sagte Schweine gebe es überall – leider auch in der Roten Armee – aber er habe selbst eine Mamuschka in Moskau und wisse wie es ihr gehe, er werde Hilfe holen.

Er salutierte wieder und eilte zu den anderen, die bereits im Flur verschwunden waren, während Pauline spuckte und spuckte und keuchte und in immer schnellerer Folge sich übergab.

Und dann konnte sie endlich weinen…

KH

Zum Bild: Martina Roth, Mystisch, Acryl auf Leinwand, 64 x 45 cm

 

Roland Dürre
Mittwoch, der 5. Dezember 2012

Future is female!

Auch wenn ich keinen Adventskalender mehr mache, so erlaube ich mir doch ein paar “adventliche” Gedanken.

Im Dezember sind die Nächte lang. Die Tage sind kalt und der Radfahrer leidet am eisigen und nass-feuchten Nordwest-Wind. Die Spikes erschweren das Vorankommen im Licht der grellen Scheinwerfer, die Handschuhe sind dann oft doch zu dünn für die Kälte und die Autos stinken noch schlimmer als im Sommer.

Eine gute Zeit zum Nachdenken und auch des sentimentalen Leidens. Und der Radfahrer sinniert über sein Leben. Und warum er glaubt, dass die immer noch so männliche Welt nur ein wenig besser werden kann, wenn sie ein wenig mehr weiblich wird. Es heißt doch auch “die” und nicht “der” Welt.

Und dann fällt ihm die in unserer Zeit leider längst vergessene Ina Deter ein. Das war 1986 und war damals ein ganz wichtiges Lied:

Ina Deter & Band – Frauen kommen langsam aber gewaltig!

Es lohnt sich reinzuhören. Und in youtube findet man noch viel Tolles von Ina: “Mit Leidenschaft”, “Neue Männer braucht das Land”, “Keine Gnade”, “Ich habe Angst”, “Zusammenleben und Freisein” … Alles ganz besondere Lieder!

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 25. Oktober 2012

Pilzgerichte

Carl und Gerlinde (XXVIII)

Es war wie der Einschlag eines Meteoriten!

Zumindest was die Häufigkeit betraf. Nicht hinsichtlich des angerichteten Schadens. Der war zunächst gering!

Doch die Häufigkeit war echt meteoritenartig selten, was bei einem Pilzgericht an sich nicht weiter verwunderlich war, da Pilze ohnehin eher selten sind – und Steinpilze natürlich noch seltener!

Wenn man allerdings den Schleimpilz ‚Physarum polycevalum’ mit einbezog, dann waren Pilze plötzlich gar nicht mehr so selten; ganz abgesehen von den vielen Ekelpilzen, die sich bei den Menschen mit ihren Mycelien an den peinlichsten Stellen festhakten, und von denen wirklich niemand sagen konnte, dass sie nicht jucken würden!

Trotzdem ist und bleibt der schleimige Einzeller ‚Physarum polycevalum’ um Vieles unangenehmer als jeder andere Pilz, denn der kann, und das ohne jegliche Hirnaktivität, sich praktisch überall auf kürzestem Weg durch die Welt schleimen, insbesondere da wo Haferflocken herumliegen. Und die liegen ja wirklich überall und nicht nur in Speisekammern, Küchen, Schubladen und auf Fliesenböden.

Aber natürlich niemals auf Gerlindes Küchenboden!

Und schon gar nicht in ihren Schubladen, denn gegenüber Gerlindes Sauberkeit und Ordnung hatte dieser hirnlose  ‚Schleimer’ natürlich‚ ‚nicht die Haferflocke einer Chance’, was ja nicht nur ihr, sondern auch Carl vollkommen klar war.

Aber – das hieß noch lange nicht, wenigstens aus der Sicht von Carl, dass es gerechtfertigt war, dass auch andere Pilze, wie etwa der von ihm heiß geliebte Steinpilz  Boletus edulis aus der Gruppe der Ständerpilze, auch nur mit dieser meteoriteneinschlagartigen Seltenheit in der gemeinsamen Küche auftauchen musste. Der hätte sich da schon ein paar Mal mehr im Jahr in dieser blitzsauberen Küche einnisten und brutzelnd und schmurgelnd  breit machen können. Da hätte Carl wirklich nichts dagegen gehabt!

Im Gegenteil!

Was ja dann letztlich, als logische Konsequenz der Wahrscheinlichkeitsrechnung, eines Mittwochs auch geschah, da Gerlinde, wie sie sagte, an den sich fast obszön anbietenden Steinpilzen bei Emmis Obst – und Gemüsestand auf dem Markt in H. einfach nicht mehr vorbeigehen konnte.

Dies umso mehr, als Emmi bereits Gerlindes begehrlichen Steinpilzblick registriert hatte, während sie mit der üblichen Sorgfalt das gewünschte Obstsortiment aus Mango, Melone, Papaya und Kiwis für sie zusammenstellte und fast beiläufig darauf hinwies, dass doch Carl so schrecklich gerne Steinpilze esse, wie er ihr unlängst gebeichtet hätte, so dass Gerlinde gar keine andere Wahl mehr hatte, als sich von der fürsorglichen Emmi für den offensichtlich von allen Frauen geliebten Carl auch noch eine tüchtige Portion dieser obszönen Steinpilze einwiegen zu lassen. Sechshundert Gramm sollten es schon sein, meinte Emmi spitzbübisch lachend!

Die breiten Bandnudeln konnte Gerlinde dann auch gleich vom Nachbarstand mitnehmen und trotzdem noch mit Hannelore und Kurt genüsslich den vereinbarten Cappuccino bei ihrem Lieblingsitaliener trinken, bevor sie sich daheim auf Carls Pilzfestival vorbereitete…

Carl bemerkte am späten Nachmittag, als er überraschend früh heim kam und die Haustür aufschloss, bereits an seiner Nase –  die sich komischer Weise wie eine Magnetnadel zum Nordpol ganz von selbst in Richtung Küche stellte – dass heute tatsächlich so etwas Fundamentales wie ein Meteoriteneinschlag stattgefunden haben musste: seine nicht gerade kochwütige Gerlinde bereitete ihm sein Lieblingsgericht zu!

Es gab tatsächlich – und das war keine Fata Morgana – ‚Gebratene Steinpilze in Sahne und Wein’!

Grad so als hätte Gerlinde geahnt, dass er heute besonders dringend einer aufbauenden Labung bedurfte, da dieser Tag wieder einmal zu jenen gehörte, die er blitzschnell verdrängen musste, da er sonst morgen in der Firma nicht nur diesen neuen Unmögling Fritz Kogler kaltblütig ermordet hätte, sondern gleich auch noch das ‚goldige Bernielein’, das diesen ‚Schleimpilz Kogler’ in die Sparte ‚Oberbekleidung’ für den Vertrieb geschleust hatte.

Dabei wär’ gegen diesen Fritz Kogler prinzipiell nichts einzuwenden gewesen, außer dass er für einen Mann viel zu schön war, das auch wusste, und seinem schleimigem Charme die jungen Arbeiterinnen genau so hilflos ausgeliefert waren, wie verstreute Haferflocken dem ‚Physarum polycevalum’!

Und das schon seit drei Wochen, da dieser schleimige Fritz auf Wunsch von Dr. Bernhard Osterkorn unbedingt die gesamte Firma TRIGA kennen lernend durchdringen sollte; natürlich auch die Sparte ‚Wirk– und Strickwaren’ für die er, Carl, den Gesamtvertrieb zu verantworten hatte.

Und dass nun ausgerechnet diese dumme, hoch schwangere Kuh, Miriam Braun, die eh schon einmal vom ‚lieben Bernie’ abgebürstet worden war, nicht bemerkte, wie dieser Fritz Kogler sie pausenlos aushorchte und in ihrem Umfeld gegen sie intrigierte, war wirklich zum Heulen!

Für Carl jedenfalls war schon nach zwei Tagen klar gewesen, dass dieser schleimige Fritz, abteilungsmäßig massiv in die ‚Unterwäsche’ der Miriam Braun drängte und sich förmlich verzehrte nach ihrer Stelle, sobald sie in Karenz war. Aber die angeblich so kluge und weltgewandte Miriam Braun, merkte das alles nicht, sondern war trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer Schwangerschaft total hingerissen von diesem Ekel–Fritz.

Und genau das spielte dem immer wieder genial schäbig agierenden ‚Bernie’ in die Karten: denn da Miriam Braun ihn enttäuscht hatte, war für ihn klar, dass dieses Biest Stück für Stück so klein gemacht werden musste, bis sie selbst merkte, dass sie bei TRIGA ein riesiger Irrtum gewesen war und nicht mehr benötigt wurde – der Strahlemann Kogler kam Dr. Osterkorn da gerade recht.

Aber jetzt – daheim – war wenigstens für einen winzigen Moment für Carl die Welt in Ordnung, da seine geliebte Gerlinde sein Lieblingsgericht zubereitet hatte!

Gott wie das alles duftete…

Auch Gerlinde duftete, als sie ihm mit fröhlich gerötetem Gesicht plappernd entgegenkam; der süffige Riesling für die Soße hatte wohl schon seine Wirkung getan…

Richtig überdreht erzählte sie Carl nach einem köstlich feuchten Begrüßungsküsschen in launigem Durcheinander, wie das heute mit den komischen Pilzen zugegangen war, und wie sie nach deren obszöner Anbiederung einfach zugreifen hatte müssen und sich jetzt  richtig auf diese Pilzherrlichkeit freute, an die sie sich schon ewig nicht mehr herangetraut hatte, während Carl sich immer zwanghafter der ihn umgebenden geruchlichen Vielfalt ausgeliefert sah, lustvoll schnuppernd Gerlinde mehr und mehr in ihren eigenen heiligen Küchenbereich abdrängte, und sein unersättliches Näschen nicht nur ausschließlich in Richtung Bratpfanne streckte, in der die erste Charge der goldbraunen Köstlichkeit bereits gemächlich vor sich hinbrutzelte, sondern auch ihre fleischigen, nackten Arme und ihren Hals bis zu dem leicht aufgehellten, flaumig zarten Haaransatz in seine Schnüffelakrobatik einbezog und eine zapplige Gerlinde mit ihrer Küchengerätschaft, von Mal zu Mal unkonzentrierter, die angebräunten Pilzscheiben zu wenden versuchte…

Mit einem letzten Rest an verbliebenem hausfraulichen Instinkt, versuchte Gerlinde auch noch, den wie eine Python um sie geschlungenen Carl zu dem bereits vorbereiteten Mörser mit frischem Kümmel zu dirigieren, bevor unter spitzen Schreien und einigem anderen Getöse, auch diese notdürftig aufrecht erhaltene Verteidigungsfassade einstürzte und die zunehmend steinerne Pilzpracht – gnadenlos in der Pfanne verkohlte…

Die begleitenden Rauchschwaden ließen kurz darauf nicht nur den Rauchmelder aufheulen, sondern geisterten auch noch tagelang mahnend durchs gesamte Haus.

KH

Jörg Rothermel
Donnerstag, der 18. Oktober 2012

Bericht aus Melbourne #2

Einwanderung

Nachdem ich jetzt ja auch Einwanderer bin, habe ich mich etwas mit dem Thema Einwanderung beschäftigt.

Ein guter Start um sich über Australien als Einwanderungsland zu informieren ist das Victorian Immigration Museum. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde von der Regierung bei den australischen Bürgern dafür geworben, Freunde oder Verwandte in Europa anzusprechen, ob sie nicht Interesse haben nach Australien auszuwandern.

Die Eroberung des riesigen Landes wäre ohne die Einwanderungswellen vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts unmöglich gewesen. (Wie dabei die reichhaltige Kultur der Aborigines fast völlig zerstört wurde, ist ein eigenes Thema)

Inzwischen hat sich vieles geändert – absolut stellen zwar Australier mit Herkunft aus Europa und den USA immer noch die größte Gruppe dar, aber die Einwanderung aus Indien und vor allem China und nimmt stark zu.

In der lokalen Zeitung „The Age“ erschien vor einigen Tagen ein ausführlicher Artikel, der mit dem Aufmacher begann, dass in dem Stadtviertel Glen Waverly die Appartments eines Neubaus an einem Wochenende zur Besichtigung offen standen (das ist hier die übliche Vorgehensweise bei Verkauf und Vermietung: an einem bestimmten Tag können die Objekte besichtigt werden und dann gilt „first come first serve“). Der Makler war völlig überrascht, dass fast ausschließlich chinesische Interessenten kamen, von denen dann auch noch einige bereit waren bis zu 40.000$ über den gefragten Preis zu gehen, um ein bestimmtes Appartment zu bekommen. Aus der Feststellung, dass an diesem Tag 16 Appartments für insgesamt 40 Mio $ verkauft wurden, kann man entnehmen, wie solvent die Interessenten waren.

Mittlerweile ist der Anteil der Australier chinesischer Herkunft (mit ständiger Aufenthaltserlaubnis) in den 15 Stadtteilen Melbournes, die bevorzugt von Chinesen bewohnt werden, zwischen 27% und 16%. Nach einer Studie werden diese Stadtteile ausgesucht, weil sie gute Schulen, guten öffentlichen Nahverkehr und eine aktive chinesische Gemeinschaft haben. Diese Situation stellt die Melbournians kaukasischer Herkunft vor einige Herausforderungen, weil sie sehen, dass sich unter ihren Augen und für alle spürbar, Melbourne verändert – leider führt das auch immer wieder zu rassistischen Ausfällen.

Bemerkenswert ist der Name der ersten chinesische Schule in Melbourne: „Xin Jin Shan Chinese Language and Culture School“. Xin Jin Shan bedeutet etwa „Neuer Goldener Berg“. Und genau diesen Namen bekamen um 1850 die australischen Goldfelder von den Chinesen in Abgrenzung von den versiegenden kalifornischen Goldfeldern die Jiu Jin Shan („Alter Goldener Berg“) genannt wurden.

Allerdings ist die Mehrheit der modernen Chinesen, die heute nach Australien auswandern, nicht mehr auf der Suche nach der einen Chance in Ihrem Leben; sie sind bereits erfolgreich und wollen ihren Wohlstand sichern oder ausbauen.

Melbournes Innenstadt

Nun ein ganz anderes Thema: zwar wohnen wir außerhalb von Melbourne in Williamstown recht schön, aber die Innenstadt von Melbourne (auch CBD “Central Bussiness District”) hat ein einmaliges Flair, das durchaus mit Paris mithalten kann.

Der Verkehr ist etwa so, wie man ihn sich in einer Stadt von 4.5 Mio. autobegeisterten Einwohnern vorzustellen hat. Selbst ein anständiges öffentliches Verkehrssystem sowie die Tatsache, dass eine Stunde Parken im Parkhaus 16$ und ein Parkknöllchen mindestens 180$ kostet, bringen da offensichtlich wenig Abhilfe. Zwischen den dichtgedrängt schleichenden Autos manövrieren jede Menge Fahrradkuriere, die entweder mit ihrem Leben abgeschlossen haben oder für die nächste Tour-de-France trainieren.

Für den Autofahrer: in der Innenstadt gibt es sogenannte Safety Zonen innerhalb derer man sich beim rechts abbiegen links(!) einordnen muss – dies ist der berüchtigte Melbourner „hook-turn“. Dieser soll bewirken, dass in der rechten Spur zügig durchgefahren werden kann; das funktioniert aber nur, wenn der erste der abbiegen will, einen Formel1 – Start hinlegt; wenn er das nicht schafft, gibt es ein ohrenbetäubendes Hupkonzert weil natürlich keiner hinter ihm in der Kreuzung stehenbleiben will.

Melbourne hook turn

Viele Häuser in der Innenstadt entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Melbourne die reichste Stadt der Welt war. Das war natürlich ein Resultat des Goldrausches – damals wurde etwa 1/3 des gesamten Goldes in der Welt in Australien gefördert und die ergiebigsten Goldfelder befanden sich dabei in Victoria unweit von Melbourne. Diesen Reichtum kann man noch heute an den noblen Bürger- und Geschäftshäusern sehen.

Royal Arcade Melbourne

Der Flair der Innenstadt ist nicht zuletzt auf die Arkaden und Nebenstraßen (Lanes) mit kreativen (manchmal auch sympathisch skurrilen) Geschäften und 1000en von Bars, Kaffeehäusern und Restaurants zurückzuführen. Die Royal Arkade ist davon die schönste und aufwändigste.

Gog & Magog i. Royal Arcade

Die Royal Arkade wird von den biblischen Riesen Gog und Magog bewacht.

Offensichtlich sind manche Arkaden in einer Nebenstraße einfach entstanden, weil sich die Besitzer der Restaurants und Bars zusammengetan haben und einen Regenschutz über die Straße gespannt haben; dann braucht‘s nur noch ein paar Stühle und (im Winter) Heizstrahler und schnell ist es Mittags und am frühen Abend so voll, dass man nicht mehr durchkommt.

Besonders viel los ist Freitags ab 16:30, weil dann fast alle Mitarbeiter der Büros im CBD gemeinsam in einen Pub gehen, um das Wochenende zu begiessen. Jetzt im Frühjahr sind an fast jeder Ecke Straßenmusikanten zu hören. Meine Empfindung ist, dass die Qualität der Musik deutlich höher ist als z.B. in München. In Australien kommt Blues und Country besonders gut an.

Haigh's i. Royal Arcade

Chocolatiers und Bonbonläden sind zur Zeit in Melbourne besonders beliebt – die Vorlieber der Melbournians für Süßigkeiten nimmt manchmal skurrile Züge an, so gibt es in Carlton sogar einen Italiener mit „Chocolate Pizza“.

Es gibt im CBD hervorragende Restaurants mit Mittelmeer-Küche (spanisch, französisch, Italienisch, griechisch, türkisch, libanesisch, marokkanisch …). Melbournians sind begeistert von europäischer Küche – abends muss man praktisch überall einen Tisch reservieren.

Für den kritischen Einwanderer aus München bleibt anzumerken, dass das Preis/Leistungsverhältnis mit guten Münchner Lokalen nicht immer mithalten kann. Allerdings haben viele Lokale und Bars das Wohnzimmer-Ambiente eines erstklassigen englischen Pubs.

Bis zum nächsten Bericht – No Worries

JRO

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 27. September 2012

Das schrille Lied des Fremden

Carl und Gerlinde (XXVII)

„Was für ein gottvoller, milder Spätsommertag“, sagte Carl schon zum fünften Mal zu Gerlinde, obwohl er wie ein Ackergaul schwitzte und bereits ahnte, dass die blöde Falte im Socken ihm wieder eine schmerzhafte Blase beim rechten Zehenballen bescheren würde.

Er schritt aber weiter aus, ohne sich das Geringste anmerken zu lassen. Schließlich wusste er ja, wie sehr seine Gerlinde diese zügigen Waldspaziergänge am Samstagnachmittag schätzte.

Fit zu bleiben, ging ihr über alles!

Carl wollte da nicht nachstehen und stach genau so gnadenlos, mit seinen ‚Nordic Walking’- Stöcken auf den armen Asphaltweg ein, der sich aber ohne jegliches Schmerzempfinden weiterhin stumm durch den urwaldartigen Mischwald zog. Entwurzelte Fichten, vom Sturm abgedrehte Föhren und gekappte Birken türmten sich in dem Wäldchen zwischen stämmigen Buchen launig übereinander und frisch gepflanzte Erlen, in hässlichen Kunststoffschächten gegen Wildverbiss geschützt, gingen hinter einem mannshohen Farn-Wall schamhaft in Deckung…

Nein, dieser Wald lud nicht zum Pilzesuchen ein, dachte Carl schwitzend bei seinem Herumgestocher mit den komischen Stöcken und bedauerte bereits, dass er vor wenigen Minuten an einen freundlichen Trainingsanzugträger mit triefender Nase, auf dessen verzweifelte Bitte hin, sein letztes Papiertaschentuch abgegeben hatte.

Das erlösende Aufstöhnen des schlecht rasierten Mannes schenkte ihm zwar für einen kurzen Moment das wunderschöne Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, wär’ da nicht seine eifersüchtige Nase gewesen, die plötzlich wie auf Kommando losrotzte und ihm mit Sicherheit eine unappetitliche Schleimspur aufgezwungen hätte, wenn nicht Gerlinde mit ihrer Taschentuchnotpackung in letzter Sekunde für die Austrocknung dieses geysirartigen Quells gesorgt hätte…

Aber das ältere Ehepaar wär’ vermutlich trotzdem nicht durch Carls rotzige Schleimspur gefährdet gewesen, da es im flotten Tempo von vorne ankam! Beide klein, mit auffallenden weißen Haaren, der Mann extrem rotgesichtig, während sie schmal und zierlich wirkte, aber drahtig einher schritt.

Viel weiter hinten tauchte plötzlich ein dunkelhaariger junger Mann in einem grauen, kaftanartigen Gewand auf einem Fahrrad auf. Offensichtlich gut gelaunt, sang er in einer unverständlichen Sprache laut und schrill vor sich hin … mehr »

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. September 2012

Das ‘Ewig-Weibliche’ zieht Carl ‘hinan’…

Carl und Gerlinde (XXVI)

Ja – wo denn sonst hin? Es konnte ihn doch nur ‚hinan’ ziehen bei dem Vergnügen das er neuerdings wieder mit dem ‚Ewig-Weiblichen’ hatte, das da nachtnächtlich wie früher neben ihm zappelte und tagsüber tagtäglich seinen Haushalt bestens versorgte, und ihn, dieses ‚Ungestüm-Männliche’ zusätzlich noch mit den verwegensten Köstlichkeiten traktierte, wenn er abends ausgepowert, aber nie mehr übellaunig aus der Firma heimkam und sich genüsslich ins aufbereitete ‚Nestchen’ verkroch…

Und diese prima Laune, die er sehr zur Freude seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und insbesondere seiner Sekretärin Bettina jetzt jeden Morgen mit in die Firma brachte, hielt auch erstaunlich stabil den ganzen Tag über an.

Selbst dann noch, als der liebe ‚Bernie’, alias Dr. Osterkorn, wie ein übermotivierter Seilzieh-Athlet täglich an seinen Nerven eine Art Konditionstraining zu absolvieren schien, und Miriam Braun, die neue ‚Unterwäschevertriebsverantwortliche’ hochschwanger die Welt nur mehr über ihren Mutterbauch wahrnahm und alle Kreativität offensichtlich für die zu erwartenden Zwillinge bunkerte!

Ja – seine robuste Laune war auch abends nicht tot zu kriegen und nächtens schon gar nicht, wenn er Gerlindes anheimelnde Wärme auskosten durfte, ihren Duft einsog und sich an ihrem köstlichen, abgedeckten Körper im Halbdunkel des Schlafzimmerns immer wieder aufs Neue an den elend langen Beindingern delektierte, die permanent tentakelartig zu ihm herüberpendelten, ebenso wie ihre seidenweiche Arme, unter denen er sich jeden Morgen mit größter Vorsicht herausschlängelte, weil er aufstehen und Frühstück machen musste und wollte, während Gerlinde noch in ihrer Traumwelt weiter schmatzend herumsäuselte, was er früher völlig unpassend als ‚Schnarchen’ abgetan hatte.

Und für Carl war auch klar, dass er nach Gerlindes überraschender Heimkehr, an die er nie mehr zu glauben gewagt hatte, nicht klein kariert in den zurück liegenden Monaten herumstochern und sie mit engstirnigen Vorhaltungen nerven wollte.

Nein, das wollte er nicht! Mit welchem Recht auch? Sie waren doch gar nicht verheiratet und dachten auch in Zukunft nicht daran; jeder von ihnen hatte doch diesen wunderbaren Zustand der Ehe schon einmal desaströs hinter sich gebracht.

Natürlich hätte er trotzdem gerne gewusst, was sie so getrieben hatte auf Teneriffa – wo sie ja gewesen war, wie er kürzlich endlich erfahren hatte! Und wen sie da kennen gelernt hatte, auf Teneriffa? Und warum ihr ‚Ehemaliger’ ihr plötzlich so großzügig sein Apartment in Puerto Santiago überlassen hatte? Und wie oft er sie da womöglich besucht hatte? Und wie es überhaupt so mit den Männern in diesem angeblichen traumhaften Puerto Santiago gewesen war?

Aber nein, er fragte nicht! Das war ihre ureigenste Angelegenheit! Eher hätte er sich die Zunge abgebissen, was natürlich auch blöd ausgesehen und weder ihn noch Gerlinde wirklich weiter gebracht hätte…

Letztlich zählte für ihn einzig und allein die Tatsache, dass Gerlinde wieder bei ihm war und das offensichtlich sehr genoss; alles andere war wirklich sch…..egal! Jedenfalls für den Moment!

Und Gott, was für ein Segen war diese ‚zurückgekehrte Sauberkeit’! Alles blitzte, strahlte und duftete wie im Himmel… Das war unbeschreiblich! Und wenn diese fundamentale Freude an Ordnung und Sauberkeit spießig war, dann war er wirklich mit Genuss der größte Spießer auf Erden und im angrenzenden Sonnensystem!

Er staunte ja selbst auch über seine neue Vergnügtheit, wenn er  Gerlinde verwöhnen durfte? Zum Beispiel mit seinen überaus geschätzten leckeren Frühstücksvarianten, bei denen er nebst köstlichem Kaffee und frischen Brötchen, stets auch auf ausgefallene Marmeladen und Käse aus den edelsten Feinkostgeschäften setzte und  sonntags sogar noch norwegischen Lachs und Sekt beifügte! Das war doch was! Und es machte richtig Spaß, zu sehen wie Gerlinde strahlte und sich genussvoll all diesen Leckereien hingab, die er ihr kredenzte. Ja das tat ihm wirklich gut!

Und natürlich verschanzte er sich morgens nicht mehr schweigend hinter den riesigen Seiten einer bekannten Tageszeitung, sondern erzählte munter von unzähligen großen und kleinen kuriosen Vorkommnissen in der Firma, oder von Sachen die er gelesen hatte. Auch von seiner neuen Position berichtete er häufig. Wieder und wieder wollte er auch von ihr hören, was sie von dieser oder jener Wäschekollektion hielt, vor allem der letzten, für die Herren der Schöpfung; und wie sie Frau Brauns Schwangerschaftsprobleme beurteilte, und ob sie ihn nicht doch endlich einmal in der Firma besuchen und Bettina, seine Sekretärin, kennen lernen wollte ?

Und wenn ihn nicht alles täuschte, war seine kleine ‚Spottdrossel’ Gerlinde manchmal sogar ein klitzekleines Bisschen stolz auf ihren Carl und was er so erreicht hatte, während  sie auf den Kanaren herumgeturnt war und sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte – mit hoffentlich nicht allzu vielen fremdartigen Körperkontakten?

Als Gerlinde ihn dann an einem der darauf folgenden Freitage auch noch bat sie und Hannelore um siebzehn Uhr zu einer Vernissage in B. zu begleiten, wo es um ‚Die Darstellung des Weiblichen durch das Weibliche’ ging und nur Künstlerinnen ihre Werke zeigten, zerfloss Carl förmlich und wirkte richtig glücklich; er versprach gerne früher aus dem Büro zu kommen, obwohl er schon ahnte, dass er  wieder das einzige männliche Wesen unter den Kunstenthusiasten sein würde, genau wie bei diesen typischen ‚Frauenfilmen’, die er sich neuerdings auch wegen Gerlinde antat.

Auch sonst waren bei dieser Vernissage nur Frauen zugange: ein junge Sängerin sorgte für beachtliche Stimmung und eine bekannte Schriftstellerin las sehr ordentlich eine selbst verfasste Kurzgeschichte zu einem Gemälde. Die Vorstellung der Künstlerinnen besorgte selbstredend auch ein weibliches Mitglied der Stadtverordneten-Versammlung; nur der Bürgermeister durfte kurz, als Mann, zwei Sätze zur Begrüßung sagen, um sich alsdann schneller als der Blitz in Luft aufzulösen, so dass er, Carl S., wirklich als einziges nennenswertes männliches Wesen die volle Breitseite der künstlerischen  Weiblichkeit an diesem Nachmittag abbekam und genießen durfte, abgesehen von zwei unscheinbaren, verschrumpelten Männeken, die teilnahmslos vor sich hindösten…

Doch kühles Bier gab es schon, wie Gerlinde tröstend feststellte! Und auch Berge von  köstlichen Häppchen! Was Carl aber nur mehr als läppische Nebensächlichkeit abtat, schließlich wollte er sich voll ganz auf die recht beachtlichen Kunstwerke der diversen Künstlerinnen konzentrieren…

Und trotzdem hing dann am Ende dieser sehr geglückten und von allen Anwesenden bejubelten Vernissage der Haussegen bei Carl und Gerlinde schief, als sie ziemlich betüddelt, von Hannelore heimgefahren wurden.

Dabei hatte Carl es wirklich als Kompliment gemeint, als er im  Kreis einer glücklich strahlenden Künstlerinnengruppe um Gerlinde und Hannelore, die beide Bilder gekauft hatten, viel zu laut darauf hinwies, dass er echt überrascht wäre, wie gut heutzutage auch Frauen malten. Selbst beim besten Willen könnte er keinerlei qualitativen Unterschied mehr zu malenden Männern erkennen! Wirklich, das wäre echt phänomenal sagte er anerkennend mehrfach hintereinander, mit betont ausdrucksstarker Stimme, zwischen etlichen weiteren Gläschen Sekt – und war dann vollkommen platt, als er sich plötzlich nur mehr zwei schweigenden, aber nicht unbekannten Damen mit versteinerten Mienen gegenüber sah… Spätestens da ahnte er, dass wieder etwas schief gelaufen war!

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. August 2012

Sauberkeit und Ordnung

Carl und Gerlinde (XXV)

Was nützte Carl seine verdrängte Liebe zu Sauberkeit und Ordnung, wenn er keine Putze fand, die diese längst verschüttete Leidenschaft in ihm zu neuem Leben erweckte?

Wunderdinge verlangte er ohnehin nicht mehr! Schließlich hatte ja auch der sechste Putzfrauenversuch nur zur Folge gehabt, dass sein Haus eher einem aufgelassenen Obdachlosenasyl glich, als dem repräsentativen Wohnsitz eines Spartenvertriebsleiters der Firma TRIGA! Warum nur, fragte Carl sich tagtäglich und in letzter Zeit auch in schlaflosen Nächten, war es in Deutschland so unendlich schwer, eine Frau zu finden, die gegen vernünftige Bezahlung ordentlich putzte und gleichzeitig nicht wie ein Walross ausschaute?

Carl bestand ja nicht auf Heidi Klum! Aber er verspürte andererseits auch keine Lust mehr – wie früher als Kind in der Geisterbahn – jedes Mal zu Tode zu erschrecken, wenn er zufällig nachhause kam und auf eines dieser Putzmonster mit entsichertem Staubsauger stieß, in dessen schweißgeschwängerter Ausdünstung er allergische Hustenanfälle bekam! Es war doch kein unsittliches Verlangen, sich solchem Psychoterror nicht weiter Woche für Woche aussetzen zu müssen? Und schon gar nicht angesichts der stattlichen Honorarforderungen dieser Reinigungsamazonen, oder?

Bei dem neuen, siebten Versuch mit einer Frau Ilisevicz hatte Carl nach vier Wochen zwar nicht den Eindruck, dass sich seine bescheidene Wohnanlage weiter in Richtung Obdachlosenasyl entwickelte, dafür aber schien sie auf beunruhigende Weise mehr und mehr zu einer Art ‚Pferdegestüt’ zu mutieren. Denn statt schlicht aufzuräumen und zu putzen schwenkte diese robuste, pferdegesichtige Frau Ilisevicz wiehernd ihr drahtiges Hinterteil mit einer derart ignoranten Ausdauer über sämtliche Berge von zerfledderten Zeitungen, leeren Kunststoffverpackungen, angeschimmelten Essensresten und herumliegenden Getränkedosen, dass Carl bei ihr nicht nur auf die fleischgewordene ‚Reinkarnation eines Pferdes’ tippte, sondern vielmehr eines ‚erblindeten Pferdes’, wie sie früher durch die Bergwerksstollen trabten. Gegen diese Blindheit sprach allerdings die Tatsache, dass es ihr mit der  Eleganz eines Lipizzaners gelang, auch alle überquellenden Ascher und schmutzverkrusteten Teller auf den Stühlen und dem ausladenden Teppich vor dem Fernseher so geschickt zu umtänzeln, dass es nicht ein einziges Mal auch nur zu einer Millimeter großen Verrückung dieser Gegenstände kam! Und sie tappte auch niemals blind in die am Boden liegenden Unterhosen- und Sockenhaufen, oder in die zusammengerollten Oberhemdenstapel und verschwitzten T–Shirt – Klumpen, sondern erlebte diese vielmehr als anspornende Hindernisse, die es zu überspringen galt und nicht etwa aufzuheben oder gar zu waschen.

Drei Mal versuchte Carl durch vorsichtige Einwürfe, dieser ‚fortschreitenden Verstallung’ und Entfremdung seines Eigenheims Einhalt zu gebieten, bereute dies aber noch in der gleichen Sekunde, als ihm die ersten unbedachten Worte über die Lippen kullerten, da diese hingehauchten Ermahnungen jedes Mal ein orkanartiges indogermanisch-serbokroatischen Wortgewitter auslösten, dem er sich nur durch Flucht entziehen konnte.

Selbst die von seiner Sekretärin Bettina zu erwartenden Vorhaltungen hinsichtlich seines Versagens, erschienen ihm da im Vergleich zu der ohrenbetäubenden serbokroatischen Dauerbeschallung, geradezu lächerlich ja sogar eher wie eine sanfter, trostreicher Hauch des Himmels!

Und vielleicht bewog ihn ja gerade diese ruhige, anspornende Intervention seiner Sekretärin dazu, dass er nach dem dritten ‚Iliseviczschen Donnerwetter’ endlich einen energischen Schlussstrich unter dieses unsägliche ‚Pferdeabenteuer’ zog, und nicht der seltsame Umstand, dass er in den letzten Wochen bereits jeden Morgen vor Verlassen seines Hauses, erst mit der bereitliegenden Kleiderbürste die Staubflusen, Pferdehaare und Strohreste der vergangenen Nacht aus seinem dunklen Anzug bürsten musste…

Bei der nachfolgenden Frau Moravec hatte erfreulicher Weise Hannelore ihre Finger im Spiel, was bei Carl unvorsichtiger Weise gewisse positive Erwartungen weckte! Eine sehr, sehr gute Freundin habe ihr Frau Moravec dringend für ihn empfohlen, hatte Hannelore zu ihm gesagt und flüchtig hinzugefügt, er sollte vorsorglich den einen oder anderen zerbrechlichen Gegenstand rechtzeitig in Sicherheit bringen…

Natürlich hatte Frau Moravec nicht das drahtige Hinterteil der ‚Stute Ilisevicz’ und auch nicht deren aufreizende Nüstern, sondern wirkte mit ihrem kräftigen, dunklen Flaum um einen verkniffenen, faltigen Mund eher ausgelaugt und vom Leben gebeutelt – aber sie verstand zu putzen! Innerhalb von zwei Wochen hatte sie Carls ‚Quasi – Pferdegestüt’ soweit auf Vordermann gebracht, dass er nicht nur dieses Haus wieder als sein eigenes erkannte, sondern plötzlich sogar abends wieder gerne heimkam. Allerdings um den Preis, dass längst verheilt geglaubte Wunden, gnadenlos aufbrachen und er fast täglich schmerzhaft an den Verlust seiner geliebten Gerlinde erinnert  wurde –  bei der damals auch alles so blitzeblank und ordentlich gewesen war!

Irgendwie verwirrte ihn dann aber doch sehr schnell der Umstand, dass er bereits seit zwei Tagen vergeblich nach einem Zahnputzglas Ausschau hielt. Und im Badezimmer und auf der Gästetoilette fehlten plötzlich die gläsernen Halter der Klobürsten. Von den beiden teuren, tönernen Raben auf dem Dielenschrank schien auch einer das Weite gesucht zu haben. Und im Gästezimmer hatte sich offensichtlich das Nachttischlämpchen mit dem bunten Glasschirm, das zwar abgrundtief hässlich war, aber ein Erinnerungsstück seiner Mutter, auch irgendwie in Luft aufgelöst! Allerdings nicht gänzlich, denn als er in seiner Restmülltonne Platz schaffen wollte, um einen Eimer eingetrockneter weißer Dispersionsfarbe darin verschwinden zu lassen, entdeckte er das arme Lämpchen, das sich mit seinem grässlich zerdepperten Schirm ängstlich an den Boden der Tonne schmiegte…

Die Aussprache mit Frau Moravec im Beisein von Hannelore verlief feucht! Bei jedem neuen Tränenschwall beteuerte die gute Frau, wie leid ihr alles täte, sie wüsste auch nicht, was mit ihr los wäre, aber in letzter Zeit wären ihr immer wieder das eine oder andere Mal ausgerechnet die Stücke aus der Hand gepurzelt, die sie gerade reinigen oder abstauben wollte! Ohne ihr Zutun wäre das passiert, das müsse ihr Herr Carl glauben, schluchzte sie. Vor lauter Angst, diese gut bezahlte Stelle zu verlieren, habe sie dann die zerbrochenen Sachen unglücklicher Weise versteckt oder entsorgt, da sie gehofft hatte diese Ungeschicklichkeiten würden nie mehr passieren  - und dann waren sie doch wieder passiert!

Natürlich würde sie für jeden einzelnen Schaden aufkommen, soweit ihr das möglich sei, schluchzte Frau Moravec und bearbeitete verzweifelt ihre etwas zu lang geratene Nase, die dunkelrot anlief und wie eine pralle Rosenknospe jeden Moment aufzuspringen drohte.

Diesem Strom an Tränen hatte Carl nichts entgegenzusetzen!

Da half auch Hannelores Beisein nicht. Carl unterband daher den gebirgsbachartigen Tränenfluss von Frau Moravec auf die Weise, dass er sie vorsichtig bat, ab sofort nichts mehr zu verheimlichen, sondern jeden weiteren Schaden gleich zu melden, beziehungsweise zerbrochene Gegenstände auf dem Tisch in der Diele abzulegen. Überglücklich wollte Frau Moravec für diese neue Chance Carl umarmen und ihn dabei vermutlich, ungeschickt wie sie war, gleich  in ihrer Tränenflut ertränken. Doch der zog ein weiteres Mal die feige Flucht dem mannhaften Ertrinkungstod vor…

Natürlich hatte Carl in seiner naiven Art nicht damit gerechnet, dass er in den nächsten vier Wochen auf dem Tisch in der Diele den kaputten Tischstaubsauger und die ehemals schöne große Salatschüssel finden würde, sowie zwei gerahmte Drucke aus der Diele, die ihm noch Gerlinde geschenkt hatte, den Radiowecker und die teuere spiralige Lampe vom Beistelltisch im Wohnzimmer! Angesichts dieser neuerlichen Schadensrate war es aber für ihn dann nicht mehr schwer, den ungewollten Vernichtungsfeldzug der sauber putzenden Frau Moravec in seinem Haus zu stoppen: er überwies ihr zwei Monatsentgelte und erteilte ihr bis auf weiters Hausverbot!

Und ausgerechnet als dieses monströse Putzfrauendrama so grandios festgefahren schien, dass auch Hannelore nur mehr mutlos ihre zarten Schultern hochzog  und Carl wieder einmal am Beginn einer neuen trostlosen Phase großer Ratlosigkeit stand,  ausgelaugt und entnervt vom Büro heim kam und notgedrungener Weise nur mehr auf die entlastende Wirkung der täglichen Rotweininfusion zählen konnte – saß an einem Dienstag im August Gerlinde in seinem Wohnzimmer! Frisch und lecker wie ein reifer Pfirsich lächelte sie Carl derart liebevoll an, dass diesem trotz rotem Kopf und zittriger Knie sofort klar wurde, dass er gerade dabei war für sein vertracktes Putzfrauenproblem doch noch die finale Lösung zu finden…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 7. Juni 2012

Männer unter sich…

Carl und Gerlinde (XXIV)

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein! Miriam Braun, seit knapp sechs Monaten neue Vertriebsleiterin der Sparte ‚Wirk- und Strickwaren’ bei TRIGA – und dann das! Für den Prokurist und Spartenleiter Dr. Osterkorn ein Schlag ins Kontor: so hatte er sich den Karriereverlauf seiner hoffnungsvollen, attraktiven Vorzeigemanagerin nicht vorgestellt…

Und Carl saß noch gar nicht richtig am Schreibtisch, als Frau Wolf schon verschwörerisch mit ihrem morgendlichen Kaffee heranschwappte. Bestimmt wär’ sie laut krachend geplatzt, wenn sie ihre Neuigkeit noch eine halbe Stunde länger unausgesprochen mit sich herumtragen hätte müssen. Die neue Frisur wäre dann für die Katz gewesen! Dabei stand ihr der rabiate Sommerhaarschnitt extrem gut, und um ihr laszives Lächeln und die übergroßen Augen wär auch schade gewesen…

„Hast Du’s schon gehört, Carl?“ zischte sie aufgeregt und platzierte scheppernd die Tasse extra heißen Kaffee und ein prächtiges Stück ihres famosen Mohnstrudels auf das übliche Plätzchen neben dem Bildschirm.

Sie schien die neue Vertrautheit zu genießen. Vor einer Woche hatten sie endlich bei einem Abendessen, das ‚Du’ mit  zwei winzigen Küsschen besiegelt. Sehr züchtig! Schade eigentlich – aber vernünftig!

„Was gehört…“? fragte Carl tranig nach.

„Na – die Neuigkeit über deine Miriam…“

„Bettina, wie oft noch, sie ist nicht ‚meine Miriam’!“

„Weiß ich doch, Carl. War nur Spaß! Alles andere wär ja auch abartig; jemand, der einem so brutal vor die Nase gesetzt wurde, wie dir diese Miriam Braun, kann man doch gar nicht mögen…“

„Und was ist jetzt mit meiner lieben mir vor der Nase sitzenden Chefin, Bettina“?

„Das errätst du nie, Carl.“

„Hat sie was mit dem Osterkorn? Würde mich nicht wundern… “

„Könnte sein, weiß ich aber nicht“…

„Oder hat sie heimlich nackt im Büro unsere Wäschekollektion anprobiert?“

„Da wärst du wohl gern dabei gewesen?“

„Jetzt weiß ich’s, sie trägt wieder die heiße Gummiunterwäsche…“

„Ferkel, an etwas anderes kannst du wohl gar nicht denken?“

„Doch – aber nicht wenn du so aufgedreht vor mir stehst…“

„Komm wieder runter Carl – deine putzige Chefin ist nämlich ganz stink normal schwanger!“

„Schwanger? Unmöglich!“

„Doch sie ist im vierten Monat“.

„Im vierten Monat? Aber man sieht doch gar nichts?“

„Du vielleicht nicht– ich schon!“

„Und von wem weißt du diese Neuigkeit schon wieder?“

„Sag’ ich nicht! Aber ich wette mit dir, dass es ein Bub wird“.

„Ist das die berühmte weibliche Intuition?“

„Nenn’ es wie du willst, Carl, aber du wirst sehn, dass ich Recht hab’!“

„Und wer ist der Vater? Die Braun ist doch Tag und Nacht in der Firma?“

„Auch da brodelt die Gerüchteküche, aber nichts Genaues weiß man nicht“.

„Und wann ist es soweit?“

„Vermutlich Oktober, November…“

„Also genau, wenn die neue Firmenstruktur stehen soll! Da wird sich aber unser goldiges Osterkörnchen freuen. Ich glaub’ jetzt muss ich erst einmal schön schadenfreudig frühstücken und mich an deinem leckeren Mohnstrudel vergehen…“

„Tu das Carl, du bist  nicht der einzige, der sich freut“, sagte Bettina spitzbübisch lächelnd „und eh’ ich’s vergesse, um zehn Uhr sollst du bei Dr. Osterkorn sein.“

„Und du sollst alle Unterlagen für die aktuelle Umsatzplanung mitbringen“, fügte sie noch hinzu. Aber Carl bekam das gar nicht mehr richtig mit, sondern schien sich in Mohnstrudel und kaltem Kaffee aufzulösen…

Als Carl um Punkt zehn Uhr in Osterkorns Büro trat, fürchtete er einen Moment lang, dass ihn der Osterkorn umarmen und küssen würde, so enthusiastisch fiel er über ihn her. Mit beiden Händen umschlang er seine rechte Hand und drückte so fest zu, dass Carl für den Bruchteil einer Sekunde diesen Körperteil bereits abschrieb und mit einer Amputation rechnete…

„Wir haben ein Riesenproblem Herr S., oder waren wir nicht schon beim ‚Du’?“ sagte Dr. Osterkorn

„Ja, vor drei Monaten in Mailand mit Frau Braun…“, antwortete Carl zögernd und machte unauffällig einige Fingerübungen, um wieder Leben in seine taube rechte Hand zu bringen.

„Ich erinnere mich, Carl! Nochmals ich bin der Bernhard, unter Freunden  der ‚Bernie’! Wie du ja weißt, Carl, haben wir beide zusammen vor einem halben Jahr nach reiflicher Überlegung, Miriam – also Frau Braun – als  unsere Vertriebsleiterin für die Sparte ‚ Wirk – und Strickwaren’ installiert. Sie hatte ja trotz ihrer Jugend ganz ausgezeichnete Beurteilungen und Referenzen und auch Du lieber Carl…“

„Ich? Sind Sie – ach bist du – sicher, dass ich…“

„Natürlich, Carl, du warst damals für mich das ausschlaggebende Zünglein an der Waage, wie man sagt; ohne deine schweigende Zustimmung, hätte ich doch diesen gewagten Schritt mit Frau Braun nie und nimmer getan, das ist doch klar! Wir beide wissen doch, dass ich immer dein Einverständnis suche und gesucht habe, da niemand das Geschäft bei TRIGA so gut kennt wie du, Carl. Oder?“

„Aber…“

„Nichts aber – Carl! Mensch was bin ich nur für ein Gastgeber, möchtest du vielleicht eine Tasse Kaffee oder Wasser?“

„Nein – danke ich bin bestens versorgt worden von meiner Frau Wolf…“!

„Die ist vielleicht ein Schatz, Carl, oder? Da bist du wirklich zu beneiden! Leider sind wir beide hinsichtlich des Problems, dass ich angesprochen habe, nicht zu beneiden…“

„Welches Problem, denn?“ fragte Carl scheinheilig.

„Stell dir vor, Carl, die gute Frau Braun, für die wir uns ja beide förmlich zerrissen haben, teilte mir gestern – kalt wie eine Hundeschnauze – mit, dass sie schwanger ist“!

„Schwanger? – das ist ja ein Ding, aber als junge Frau steht ihr das  wohl zu“.

„Als junge Frau schon, aber nicht als frisch gekürte Spartenvertriebsleiterin! Und wenn schon, dann hätte sie mir bei der Einstellung, spätestens aber angesichts der riesigen Aufgabe, vor die wir sie gestellt haben, sagen müssen, was sie vor hat…“

„Aber vielleicht hatte sie ja die Schwangerschaft gar nicht vor, sondern es ist einfach passiert“, sagte Carl mit gespielter Naivität.

„Einfach passiert – im 21. Jahrhundert – also damit kann mir wirklich niemand kommen, das war schon von Anfang an von der Braun ganz raffiniert eingefädelt, Carl, das kannst du mir glauben. Tja Frauen, Frauen, Frauen; immer das gleiche: man kann sich nie auf sie verlassen“!

„Na so weit würde ich aber jetzt auch nicht gehen wollen…“

„Doch, doch, doch, das ist schon so, von Frauen wird man letztlich immer nur reingelegt. Aber gleichberechtigt wollen sie natürlich sein! Und natürlich mindestens soviel verdienen wie ihre männliche Konkurrenz! Das schon, wenn dann aber die vereinbarte Leistung abgerufen wird, dann passen sie und ziehen den Schwanz ein, den sie nicht haben aber gerne hätten! Ist doch so Carl, oder…“

„Vorsicht, Bernhard, das ist vielleicht etwas arg krass formuliert…“

„Krass, Carl? Das ich nicht lache! Unter Freunden muss man doch aus seinem Herz keine Mördergrube machen. Da muss man doch Klartext reden dürfen. Dieses ganze Emanzipationsgetue ist doch nur hohles Gefasel. Wir beide wissen doch, was mit den Frauen los ist, Carl! Und wir wissen doch auch, dass im November endlich die neue Firmenstruktur stehen muss! Und Frau Braun wusste das auch! Aber nein, ausgerechnet da muss sie ein Kind in die Welt setzen und auf unbestimmte Zeit ausfallen! Das ist doch mit Verlaub gesagt mehr als bescheiden, wenn du ehrlich bist! Wo krieg ich denn jetzt in der Kürze der Zeit einen neuen, passenden Vertriebsleiter her, einen, der sowohl den Markt kennt, als auch unsere Produkte, das ist doch unmöglich!“

„Ja einfach ist das nicht, da stimme ich dir zu, Bernhard.“

„Bernie, Carl, bleiben wir doch bei Bernie, wir sind doch alte kampferprobte Freunde und müssen jetzt zusammenstehen und schauen, dass wir die Kuh irgendwie vom Eis bringen, oder? Und drum habe ich mir gedacht, dass wir unbedingt die Zeit – in der unser Berater noch im Haus ist und an der neuen Firmenstruktur bastelt – nützen sollten und du mit Miriam einfach eine Rochade machst.“

„Was für eine Rochade, Bernhard?“

„Also jetzt stell dich nicht so an, Carl! Mit Rochade meine ich natürlich, dass du ab sofort den Gesamtvertrieb in der Sparte übernimmst und Miriam deinen Unterwäschevertrieb und natürlich wird das alles bei dir mit einer entsprechenden Gehaltserhöhung unterfüttert, Carl. Was sagst du dazu? Ist doch ein super Angebot unter Männern, oder?“

„Nun Bernhard, das kommt jetzt schon etwas überraschend für mich…“

„Was heißt überraschend, Carl – wir beide wissen doch ganz genau, dass du schon immer der Richtige gewesen wärst! Und wenn du mich nicht durch dein gar so positives Urteil über Frau Braun auf die falsche Fährte gelockt hättest…“

„Mein positives Urteil?“

„Ja – du hattest doch alle Möglichkeit, durch deine Einschätzung Frau Braun aus dem Rennen zu werfen. Aber nein, du hast zustimmend genickt und geschwiegen. Tja Carl, man sollte sich halt nicht immer nur von der Oberweite leiten lassen sondern ab und zu auch das Fachliche in Betracht ziehen… Aber Schwamm drüber, kein Mensch trägt dir das nach und schon gar nicht ich, dein alter Kampfgefährte Bernie…“

„Aber Bernie…“

„Nichts aber Bernie, Carl, wir zwei Männer müssen doch einfach das jetzt zurecht rücken, was die lieben Frauchen wieder einmal versaubeutelt haben, das bringen wir doch hin in alter Manier, oder?“

Bernie sprang begeistert auf, rannte mit erstaunlicher Behändigkeit zu seinem Schrank an der Eingangstür und fischte geschickt mit einem verschwörerischen Lächeln nach seinem teuersten Cognac und zwei nicht ganz kleine Cognacschwenkern. Und ehe Carl noch recht wusste wie ihm war. prostete er ihm schon zu:

„Auf uns Männer, Carl, die so schnell nichts umwirft, auch die Frauen nicht!!“

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. April 2012

Gerlinde reicht’s! Oder doch nicht?

Carl und Gerlinde (XXIII)

Natürlich hatte der Carl sie oft genervt! Und in den letzten Wochen, bevor sie zugegebener Maßen etwas feige und stillos das Weite gesucht hatte sogar ununterbrochen fand Gerlinde, die ausgerechnet an ihrem Ruhetag auf ihrer Terrasse in Porto Santiago wieder einmal nach Entschuldigungen für ihr reichlich verpfuschtes Leben suchte! Aber so katastrophal war der Carl dann letztlich auch wieder nicht gewesen, wenn sie ehrlich war!

Na ja, diese ewige Biersauferei war schon ekelhaft und sein Schwabbelbauch, den er wie eine Trophäe vor sich hertrug, widerte sie auch an, das schon! Aber insgesamt schaute er gar nicht so schlecht aus! Zumindest von hinten! Und charmant konnte der Carl  sein, das musste ihm der Neid lassen! Leider! Einige seiner ‚speziellen Unterwäschepflanzen’ erlagen ja seinem Vorstadtcharme fast wöchentlich, oder? Und das waren nicht nur die Hannelore und die, na wie hieß sie doch gleich? Sondern auch Kolleginnen und Kundinnen, denen es rein ‚wäschemäßig’ in keiner Weise ums  ‚Ver- triebliche’ ging, sondern ausschließlich ums ‚Triebliche’!

Dabei war der Carl im Bett wirklich nicht der Knaller!

Aber – und das war für einen Mann schon eine Menge – wenn er wollte, konnte er  einfühlsam und phantasievoll sein! Den meisten reichte das offensichtlich! Ihr ja auch lange Zeit…

Und – großzügig war der Carl schon! Geldsorgen hatte sie bei ihm nie gehabt! Nicht so wie jetzt, wo es trotz kostenfreier Logis hinten und vorne nicht reichte! Irgendwie hatte sie das damals bei ihrem überstürzten Aufbruch ganz falsch eingeschätzt, wie so etliches andere auch! Wenn ihr Anna nicht die Möglichkeit geboten hätte, in der Cafeteria ‚Salzburg’ mitzukellnern, wäre sie ganz schön blöd dagestanden. Aber so, war das eine prima Sache: sie hatte zu tun, ihr fiel die Decke nicht auf den Kopf und sie entwickelte sich zu einem beispiellosen Trinkgeldmagnet: so schnell konnten die armen Männeken gar nicht gucken, wie ihre Cents auf den Rechnungsteller flutschten…

Na ja, ihre Arbeitskleidung war aber auch echt verboten knapp! Atmen konnte sie in den engen Blüschen wirklich kaum! Bequem war anders! Und der arme Dottore Satori rang auch ständig nach Luft, wenn sie sich zu ihm hinunter beugte… Wenn das nur mal gut ging?

Kein Wunder, dass der anatomisch so interessierte Dottore bald der Meinung war, sich allein schon ‚trinkgeldmäßig’ soviel Anrechte an ihr erworben zu haben,  dass er sie nach Belieben zulabern und zum Essen einladen konnte. Ein-oder zweimal, oder auch dreimal, war sie auch mit ihm ausgegangen. Ohne es Anna gebeichtet zu haben!

Lecker war das schon immer gewesen…

Wenn er aber mit seinem gelifteten Begleitschatten auf einen Aperolspritzer vorbeikam kam, oder auf einen großen Braunen mit  Apfelkuchen, war er steif wie frisch geschlagener Eierschnee; peinlichst vermied er jede freundliche Geste, um seiner eifersüchtigen ‚Botoxmumie’ ja keinen Anlass für dumme Gedanken zu geben.

Wahrscheinlich hockte die Mumie auch auf dem Geld! Und das nicht zu knapp, denn beide wohnten, wie Anna wusste, schon seit Jahren jeden Winter, über mehrere Wochen in dem luxuriösen 5-Sterne Terrassen- Hotel, unweit von Gerlindes Bungalow-Anlage!

Nur – welches Ziel der gute Dottore verfolgte, wenn er sie jede Woche aufs Neue anbaggerte, war Gerlinde nicht ganz klar, denn bei seiner misstrauischen ‚Aristokratenomma’ konnte er sich eh keine ausschweifenden Seitensprünge leisten, ganz abgesehen davon, dass sie überhaupt keinen Nerv dafür hatte: ihr Leben war eh kompliziert genug.

Aber vielleicht war ja auch nur das Testosteron schuld, das genau wie bei Carl, alle vernunftgesteuerten Hirnregionen schlagartig lahm legte, wenn ein beutetaugliches weibliches Objekt im Sichtbereich auftauchte und das verbleibende Resthirn automatisch auf Notbetrieb stellte: Kalbsaugen, anzügliches Grinsen, verstärkter Speichelfluss und so weiter und so weiter…

Anna sagte, dass es bei ihr auch über ein Jahr gedauert hätte, bis der Dottore die Anbaggerei aufgegeben hätte; allerdings hatte sie, wie sie Gerlinde gestand, sich einmal spät abends in der Küche zu einem kleinen ,Nahkampf’ hinreißen lassen, was ein dummer Fehler gewesen war, da der gute Dottore daraus Rechte ableitete, die ihm wirklich nicht zustanden. Irgendwann hatte er das aber begriffen und bekam deshalb immer ein etwas größeres Apfelkuchenstück als die anderen…

Tja – und Gerlinde musste sich unter ihrem Sonnenschirm eingestehen, dass sie sich vermutlich auch morgen im ‚Salzburg’, genau wie in den vergangenen Tagen, wieder dabei ertappen würde, sich zu wünschen, dass nun endlich einmal auch ihr  ‚Unmögling’ an irgend einem der Tische säße und nicht nur der Dauergrinser Satori.

Doch – ehrlich gesagt –  hatte sie keine Ahnung, wie sie reagieren würde, wenn da wirklich plötzlich ihr unmöglicher Carl lächelnd oder schmallippig ein Bier bestellen würde? Würde sie ihn ignorieren? So tun als sei er ihr fremd? Oder ihn gar fortschicken…? Oder würde sie sich vielleicht – sogar freuen? Und zwar so freuen, dass sie ihm gleich um den Hals fallen und ihn abknutschen würde?

Und das obwohl er wirklich ein ekelhafter, selbstgerechter ‚Chauvi’ war, der Frauen nur ausnützte! Selbst aber daheim nicht das Geringste auf die Reihe brachte! Und der sie ganz bewusst durch gelegentliche Unkultiviertheit und Flegelhaftigkeit provozierte und ärgerte, und dessen Dickwanstigkeit nur noch durch seine Schweißausbrüche, sein Walross-Geschnarche und sein brüllendes Lachen überboten wurde – den man aber trotzdem, und das war das Komische – aus irgendeinem nicht erklärbaren Grund mögen konnte…?

So dass Gerlinde, bei den angenehmen 26 Grad unter ihrem Sonnenschirm, von Aperolspritzer zu Aperolspritzer sich immer intensiver und lauter fragte, warum diese dumme Kuh von einer Hannelore diesen Unmögling Carl nicht schon längst so deutlich Bescheid gestoßen hatte, dass diesem Knallkopf endlich aufging, wo, wann und wie er seine geschundene Gerlinde wieder finden konnte und dass diese vielleicht eventuell, gnadenhalber, unter gewissen Umständen bereit sein konnte, wenn es denn sein musste und er hoch und heilig Besserung gelobte und sie richtig schön darum bitten würde, mit ihm noch einmal einen Versuch zu wagen, und wenn auch sonst alles passte, sie ausnahmsweise dieses eine Mal doch noch mit ihm heim fliegen könnte…?

Oder spielte diese Schlange Hannelore ein falsches Spiel? Zuzutrauen wär’s ihr…

KH

PS: Übrigens, die ‘komischen Hühner’ zeichnet der Autor selbst…