Roland Dürre
Donnerstag, der 10. Oktober 2013

Tweets zum Twittern und Bloggen #188

Hier meine Tweets der letzten Woche zum Thema:
Bloggen und Twitter, Weisheiten und Regeln

131003 Wer akzeptiert, muss bezahlen – Vorsicht – Twitterer und Blogger. #Twitter #Bloggen #Weisheit

131004 Wer alle Büsche scheut, kommt selten zu Holze – so auch beim Twittern und Bloggen? #Twitter #Bloggen #Weisheit

131005 Wer alle Dinge wüsste, würde bald reich – so auch beim Bloggen und Twittern? #Twitter #Bloggen #Weisheit

131006 Wer alle Welt fressen will, muss ein großes Maul haben – so auch beim Bloggen und Twittern. #Twitter #Bloggen #Weisheit

131007 Wer allen dient, macht sich keinem verbindlich – so auch beim Twittern und Bloggen. #Twitter #Bloggen #Weisheit

131008 Wer allerlei Holz aufliest, hat bald einen Arm voll – auch beim Twittern und Bloggen. #Twitter #Bloggen #Weisheit

131009 Wer alles will verfechten, der hat gar viel zu rechten – so auch beim Twittern und Bloggen. #Twitter #Bloggen #Weisheit

Jeden Tag kommt ein neuer Tweet dazu. Siehe unter twitter.com und “follow” RolandDuerre!
Viel Spaß beim Folgen!

RMD

P.S.
Die Sprichwörter habe ich auf Alle deutsche Sprichwörter gefunden.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. September 2013

Männer in Not – oder die lauernde Erotik im Haushalt

Carl und Gerlinde (XXXIV)

„Du warst beim Friseur!“ stellte Gerlinde überrascht fest, als sie das Glas Spätburgunder hob und Carl mit vollem Mund zuprostete; ein  unerklärlicher Heißhunger zwang sie, gleich noch ein Stück Vollkornbrot mit der köstlichen italienischen Mortadella nachzuschieben, obwohl sie den ersten Bissen noch gar nicht vollständig geschluckt hatte..

ZFimg089„Du – ja – auch – vor – zwei – Tagen …“, würgte Carl in letzter Sekunde aus sich heraus, bevor er mit blutrotem Kopf an einem üblen Hustenanfall zu ersticken drohte: er hatte sich verschluckt!

Immerhin brachte er alles noch soweit unter Kontrolle, dass die im Riesling schwimmende ungarische Salami in seinem Mund, nicht gänzlich über den frisch gedeckten Tisch verteilt wurde.

Doch während er mit Gerlindes Hilfe die schlimmsten Folgen des ‚Wurst-Wein-Chaos’ beseitigte, rang er immer noch nach Luft und hüstelte unentwegt in einem gedämpften Stakkato vor sich hin; aus seinen geröteten Augen drückten dicke Tränen…

„Ich wundere mich ja, dass du meinen Friseurtermin überhaupt wahr genommen hast“, sagte Gerlinde mitleidig spöttelnd, als Carl wieder ansprechbar war; sie leerte ihr halbvolles Glas nach dem überstandenen Schreck in einem Zug.

„Klaro – so was seh’ ich immer…“, krächzte Carl mit belegter Stimme.

„Dann könntest du ja zur Abwechslung auch einmal etwas sagen, oder?“

„Wieso denn, du weißt doch, dass du mir immer gefällst…“!

„Hm – hättest du bei deinem Friseurbesuch nur einen Blick in die neue ‚Bild der Frau’ geworfen, dann wüsstest du, wie wichtig so kleine positive Anmerkungen in Partnerschaften sind, mein lieber Carl!“

„Das mag sein“, sagte Carl und hüstelte sich erneut die Kehle frei, „dafür kenn ich aber die Probleme, die der Jogi Löw mit dem Mats Hummels hat und weiß, dass der Schweini beim Guardiola immer noch nicht richtig angekommen ist…“

„Apropos, Schweini – hast du auch den Schweinkram im „Stern“ gelesen?“ fuhr Gerlinde dazwischen.

„Nein – aber du wirst ihn mir bestimmt gleich erzählen – euch Frauen interessiert ja so etwas immer“, feixte Carl und nippte nach seinem überstandenen Erstickungstod ein erstes Mal wieder vorsichtig an seinem Riesling.

„Du –  ich weiß gar nicht, wie man darüber reden soll, aber laut „Stern“ passieren angeblich im Nachgang zu der Erotiktrilogie ‚Fifty Shades of Grey’ in London plötzlich die abenteuerlichsten Unfälle…“

„Keine Ahnung, Gerlinde – ich hab nur gelesen, dass sich der Poldi bei Arsenal London verletzt hat“, sagte Carl süffisant – jetzt wieder bei voller Stimme, und füllte Gerlindes leeres Glas aufs Neue mit dem seidigen Spätburgunder, der auch schon eine gewisse Wirkung in Gerlindes Äuglein zeigte, denn sie sagte kichernd: „du mit arsenal oder anal oder so haben die Unfälle in London nichts zu tun, die Feuerwehr hat da echt ganz andere Probleme zu lösen, wirklich peinliche…“

„Wie peinlich?“

„Na – die nackigen, entfesselten Gefesselten wissen offensichtlich nicht nur nicht, wie sie ihre Schlüsselchen für die Handschellen wieder finden, wenn sie sich nackig gefesselt haben, sondern müssen auch immer wieder aus allen möglichen Haushaltgeräten befreit werden, in denen sie sich auf die peinlichste Weise verfangen haben…“

„Aus Haushaltsgeräten?“

„Ja – aus Toastern, Staubsaugern und anderen praktischen Gerätschaften – und natürlich sind’s wieder die Männeken, die da rausgeholt werden müssen, lieber Carl…“

„Wie, die müssen aus Toastern befreit werden? Das glaub ich nicht!“

„Doch, Carl – steht laut „Stern“, alles im Londoner Feuerwehrreport…“

„Oh Gott“, stöhnte Carl, trank endlich das angefangene Glas Riesling aus, fuhr sich mehrfach mit einem Papiertaschentuch über seine tränenunterspülten Augen und sagte: “wieso plagen wir uns eigentlich bei TRIGA jede Saison aufs Neue mit immer raffinierteren Wäschekollektionen ab, wenn nach ‚Fifty Shades of Grey’ nicht nur Handschellen und Reitpeitschen die Leutchen in Fahrt bringen, sondern auch die stinknormalen Haushaltgeräte? Die Toaster und Staubsauger? Irgendetwas stimmt doch da nicht Gerlinde, oder?“

„Das ist eine gute Frage, Carl…“ sagte Gerlinde mit flackerndem Blick und unschuldig hochgezogenen Schultern, „aber vielleicht stimmt ja auch mit uns beiden etwas nicht? Vielleicht sind du und ich ja schon so abgestumpft, dass wir überhaupt nicht mehr in der Lage sind, genug Fantasie aufzubringen, um uns solche Dinge vorzustellen?“

„Also bitte – Gerlinde – jetzt gehst du aber zu weit…“

„Wieso zu weit? Hannelore hat schon alle drei Bände der Trilogie durch…“

“Und der Kurt“?

“Der interessiert sich auch nur für die kaputten Sprunggelenke von diesem Grötze oder Grütze…“

“Götze – Mario Götze, liebe Gerlinde… immerhin sind die zierlichen Sprunggelenke dieses ‚Götzen’ mehr als 30 Millionen Euro wert!“

“Na ja, so wertvoll bist du definitiv nicht, lieber Carl, das weiß ich ganz bestimmt – auch wenn ich schon ein bisschen betütelt bin! Aber immerhin könntest du deinen nur geringfügig niedrigeren monetären Wert schnell anheben, wenn du mir noch eines dieser köstlichen Fläschchen Spätburgunder aus dem Keller holst, was meinst du dazu“?

„Aber nur, wenn du mir versprichst, mich nie mit Handschellen zu fesseln – und schon gar nicht nackig…“, insistierte Carl und unterstrich seine Forderung dadurch, dass  er ein weiteres Glas kühlenden Riesling durch seine wieder genese Kehle jagte.

„Versprochen“, flötete Gerlinde.

„Gut, dann mach ich mich vollkommen entfesselt auf den Weg in den finsteren Keller“, grinste Carl.

„Aber vorher musst du mir noch schwören, dass du dich niemals und unter keinen Umständen an meiner Haushaltgerätschaft vergehen wirst! Schwöre das, Carl…“ lallte Gerlinde, schob mit großer Geste ihren schmutzigen Teller samt Besteck weit von sich, und bettete vorsichtig ihr schwer gewordenes Köpfchen auf den Tisch…

„Ich schwöre…“, intonierte Carl laut und sichtlich zufrieden, dass seine Stimmbänder wieder intakt waren.

Aber da Gerlinde bereits deutlich hörbar durch Worte nicht mehr zu erreichen war, sagte Carl auf dem Weg in den Keller zu sich selbst, dass die Alten vormals schon ihre guten Gründe gehabt hätten, darauf zu achten, dass Küchenarbeit und Putzen reine Frauensache blieb…!

Schließlich sollten ja ihre triebhaften jungen Männer möglichst unverstümmelt in die Kriege ziehen können…

Nicht so wie heute, wo die armen Männer nicht nur bei jeder Art von  Frauenkram mitmachen müssen, sondern dabei auch noch von Toastern und Staubsaugern attackiert werden…

Schlimme Zeiten sind das, murmelte Carl in den muffigen Keller – konnte sich dann aber am nächsten Morgen definitiv nicht mehr erklären, warum er voll bekleidet in Hose und Pullover auf seinem Bett lag – und die schlafende Gerlinde mit pinkfarbenen Handschellen an ihn gefesselt war.

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. August 2013

Verdammt – dieser Trolley?

Carl und Gerlinde (XXXIII)

Ja – Dr. Osterkorn verweigerte Carl den bereits genehmigten Urlaub!

Nein – im August gab es für Führungskräfte noch nie Urlaub: Carl wüsste doch selbst nur zu gut, dass TRIGA um diese Zeit immer die neue Frühjahrskollektion verabschiedet! Und dieses Mal sogar die gesamte Wäschekollektion – nicht nur Damenunterwäsche und Dessous, sagte Dr. Osterkorn.

ZEimg085Da Miriam Braun noch immer Karenzurlaub hatte, war er, Carl, natürlich doppelt und dreifach gefragt! Die versehentlich ausgesprochene Urlaubsbewilligung wär’ wirkungslos, sagte Dr. Osterkorn, alias Bernie, die könne Carl sich an den Hut oder sonst wohin stecken!

„Schick doch deine Gerlinde alleine los, oder mit einer Freundin, die auf sie aufpasst“, ergänzte er augenzwinkernd, als er in Carls enttäuschtes Gesicht schaute.

„Du fährst mir jedenfalls jetzt nicht fort, dich brauche ich!“ raunte er Carl noch zu, bevor er ihn mit einem festen, freundschaftlichen Blick in dessen blauen Augen entließ und mit einem Händedruck verabschiedete, bei dem Carl keine Miene verzog, weil er wusste, dass das gleich einsetzende Taubheitsgefühl in der rechten Hand nach zwei Tagen üblicherweise von selbst abklang…

Und Carl hatte sogar Glück! Hannelore war sofort bereit für ihn einzuspringen. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern nahm sie freudig hüpfend das Opfer auf sich, mit Gerlinde nach Mallorca in die gemütliche Finca bei Cala Mayor zu fliegen, die Carl schon vor Wochen heimlich gebucht hatte, um Gerlinde zu überraschen. Das war also überhaupt kein Problem gewesen, da hatte Bernie auf eine vertrackte Weise Recht gehabt!

Und heute Abend kamen beide zurück! Carl erwartete sie am Hauptbahnhof, Gleis 1: Ankunftszeit 20 Uhr 05!

Welch freudige Überraschung – die S-Bahn vom Flughafen hatte nur 22 Minuten Verspätung! Die Bahn befand sich offensichtlich auf dem richtigen Kurs: noch vor einem Jahr hatten er und Gerlinde fast eine Stunde Verspätung als sie aus Mallorca zurückkamen.

Gott – man war ja schon zufrieden, wenn während der Sommermonate überhaupt noch ein paar Züge über den Hauptbahnhof geleitet wurden! Und eine halbe oder dreiviertel Stunde herumzustehen, war wirklich zumutbar. Ob man zwischen den Schlaglöchern auf den Straßen die Zeit vertrödelte oder auf dem zugigen Bahnsteig herumirrte, war letztlich egal, oder?

Wie interessant auch – bei dem gläsernen Unterstand über den Sitzbänken am Bahnsteigende von Gleis 1 hatte das Planungsteam der Bahn sogar mitgedacht – da konnte man tatsächlich von der Videoüberwachung erfasst werden, wenn man abends niedergetreten wurde! Das war wirklich einmal ein positiver Aspekt!

Momentan saß ein Farbiger in dem Glasgehäuse, er las in einem Buch! Sein schwarzer Trolley stand an der Glaswand. Auch gut zu sehen!

Sonst war kaum jemand am Bahnsteig um diese Zeit: ein junger Bursche ächzte mit seinem Fahrrad aus der Unterführung die Stiege hoch, und auf der Bank unweit von Carl verschlang eine hübsche Blondine mit langen knusprig braunen Beinen einen riesigen Hamburger, der bei ihrer zupackenden Art keine Chance hatte.

Carl schlenderte ziellos den Bahnsteig entlang. Als er umdrehte, sah er, wie der Farbige im gläsernen Unterstand lesend aufstand, lesend zur Stiege ging und auch weiter las als er zügig über die Treppe nach unten in die Unterführung eilte. Den schwarzen Trolley ließ er mutterseelenallein zurück!

Na – der hat ein Gottvertrauen, dachte Carl und ging auf den Trolley zu. Dann stoppte er plötzlich! Er schaute sich um – aber von dem farbigen Besitzer, war nichts mehr zu sehen; der war tatsächlich seinem Gepäck abhanden gekommen!

Auch unten in der Unterführung keine Spur von ihm, soweit Carl das von der Treppe aus beobachten konnte. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht sein Gepäckstück gewesen, dachte Carl. Vielleicht war der Trolley schon dagestanden als er sich lesend in den gläsernen Unterstand gesetzt hatte. Carl stand jetzt zwei Meter vor dem Trolley.

Komisch war das schon!

Er überlegte, ob er das unbeaufsichtigte Gepäckstück melden sollte? Aber wo? Und wem?

So einfach war das im konkreten Fall gar nicht.

Es gab ja nirgends mehr Bahnpersonal, das man ansprechen konnte: vielleicht hätten die ihn sogar ausgelacht? Die anderen Fahrgäste schien der vereinsamte Trolley ja auch nicht zu beunruhigen. Und der Bahnsteig bevölkerte sich jetzt zusehends: auch etliche Familien mit Kindern kamen die Treppe hoch…

Carl beschloss abzuwarten!

Vorsorglich vergrößerte er nicht nur die Entfernung zu dem schwarzen Trolley, sondern versuchte auch mehr schützende Masse zwischen sich und dem potentiellen Explosivkörper zu bringen. Aber auf dem Bahnsteig waren nur Anzeigetafeln, Sitzbänke und ein paar Träger, die das Dach hielten. Mehr Masse war da nicht!

Der Stiegenabgang, der war massiv, dahinter konnte er sinnvoll Schutz suchen! Aber was war, wenn der Trolley gerade explodierte, wenn die S-Bahn mit Gerlinde und Hannelore einfuhr?

In zehn Minuten war es so weit! Schlimm, wie rasend schnell die Zeit verging! Eine weitere Verspätung war nicht mehr angekündigt worden. Typisch Bahn! Jetzt war sie auf einmal pünktlich! Immer zum falschen Zeitpunkt.

Carl fühlte sich zwar hinter dem Abgangsgebäude sicher, sah aber mit immer größerer Sorge, wie sich der Bahnsteig weiter mit Menschen füllte.

Diese Art von schützender Masse hatte er sich nicht gewünscht!

Warum klaute denn niemand diesen blöden Trolley?

Wo waren die Horden von Gepäckdieben, die sonst alles verunsicherten? Endlich hätten sie sich nützlich machen können.

Was war mit der Videoüberwachung?

Warum reagierte von der Bahnaufsicht niemand?

Das waren echt Defizite in diesen anonymisierten öffentlichen Räumen in der heutigen Zeit, dachte Carl. Und die Zeit lief unerbittlich ab: spätestens in 4 Minuten fuhr die verspätete S- Bahn pünktlich ein – und die Katastrophe war da…

Carl wurde immer zappeliger. Er kaute an seiner Unterlippe und wischte sich mehrmals den Speichel aus den Mundwinkeln. Aus seiner Stirn traten Schweißperlen und seine Hände wurden klebrig.

Sollte er nicht

Aber wie sollte er das begründen, ohne sich zur Lachnummer zu machen? Es gab ja offensichtlich niemand auf dem Bahnsteig, der seine Sorge teilte. War er wirklich der einzige Hellsichtige?

Der Einzige der die Katastrophe kommen sah?

Zwei Minuten noch, dann fuhr die S-Bahn ein!

Carl lief rasch die Treppe hinunter. Da er nichts mehr tun konnte, wollte er wenigstens sich in Sicherheit bringen. Die Unterführung bot optimalen Schutz! Drum war der farbige Dschihadist da auch hinuntergeeilt mit seinem Koran. Klaro!

Carl fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen! In Sekundenschnelle fügte sich alles zusammen und Carl war mitten drin im infernalischen Geschehen: stolperte tatsächlich bereits über unzählige  verstümmelte Tote und Verletzte, registrierte die bis zur Unkenntlichkeit zerfetzten Leiber, die wie Geschoße durch die Luft katapultiert wurden, duckte sich weg vor dieser grauenhaften Anhäufung abgerissener Arme und Beine, die gleich gierigen Fischen in einem Meer von Blut herumzappelten und nach den abgetrennten Köpfen schnappten, die wie Tennisbälle knallend von kollidierenden Betonbrocken abprallten – und dann erst – eine Ewigkeit später – dröhnte der ohrenbetäubende Knall der alles auslösenden Explosion in Carls Ohren, begleitet von einem gewaltigen Beben und orkanartigen Getöse, dem ein unheimlich nachhallendes Geschepper berstender Eisenträger folgte, eingebettet in eine gespenstisch helle Staubwolke, die alles Geschehen zudeckte und in eine wundersam weiße Winterlandschaft verwandelte…

Die letzten Meter zum Bahnhof-Ausgang, legte Carl im Laufschritt zurück – er war ja fit! Von außen her konnte er in dem angerichteten Chaos auch viel sinnvoller bei der Bergung der Leichen und der Verwundeten helfen und seine ganze Kraft bei den gleich einsetzenden Aufräumungsarbeiten einbringen..

Die S-Bahn musste in diesem Augenblick einfahren!Gott, was für eine brüllende Stille!

Carl stand regungslos vor dem Ausgang! Unfähig auch nur die kleinste Bewegung auszuführen. Leichenblass starrte er in die Bahnhofshalle und fürchtete jeden Moment sich übergeben zu müssen…

Offensichtlich erreichten auch schon die ersten Fahrgäste aus der S-Bahn den Ausgangsbereich! Dann braungebrannt und kichernd Gerlinde und Hannelore mit ihren schwarzen Trolleys…

Carl spürte, wie irgendetwas in seiner Brust explodierte! Völlig losgelöst flog er atemlos auf die beiden zu, umarmte, küsste und drückte sie und entschuldigte sich tausendmal für den entsetzlichen Stau in dem er gesteckt war…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 20. Juni 2013

Verkaufspraxis – oder die Optimierung der Margen

Carl und Gerlinde (XXXII)

Na ja, das war zu erwarten gewesen, dass Carl von Gerlinde durch mehrere Boutiquen getrieben wurde, wenn er schon einmal mit ihr durch die Stadt flanierte. Kam ja selten genug vor!

ZDimg072Der Papierladen, an dem sie zufällig vorüber schritten, war vermutlich nur ein unbedeutendes Schleifchen im verwirrenden Filz ihrer komplex verwebten Schicksalsfäden: doch Gerlinde erinnerte sich plötzlich – einen neuen Schreibblock für Einkaufsnotizen zu benötigen!

Der überraschte Verkäufer, bei dem sich trotz seiner Jugend kein einziges Haar auf seinem weißhäutigen Kopf zeigte, hatte auch schon den Feierabend eingeläutet, als Gerlinde, wegen ihres Schreibblocks, gerade noch in den Laden huschte…

„Soll’s denn ein größerer Notizblock sein?“ fragte er dennoch freundlich, da er offensichtlich eine umfangreiche Auswahl an derartigen Notizblöcken auf Lager hatte.

„Nein“, sagte Gerlinde, selbst für Carl unerwartet kapp und maulfaul.

„Dachten Sie an etwas Wertvolleres – ein Geschenk vielleicht?“

„Nein“!

„Ja dann meinen Sie wohl einen ganz gewöhnlichen Notizblock, wenn ich das richtig verstehe?“ sagte der freundliche Verkäufer, im Bemühen, Gerlindes Kaufwunsch klar einzugrenzen…

„Ja“, sagte Gerlinde, ergänzte dann aber doch, dass es ein Block fürEinkaufsnotizen sein sollte. Nicht zu groß, meinte sie noch und guckte unbestimmt im Laden herum.

„Ah ja“, sagte der Verkäufer und eilte entschlossen nach hinten.

Er kam mit drei verschiedenen Blöcken zurück, die jedoch von Gerlinde blitzschnell durch ein energisches Kopfschütteln als ungeeignet eingestuft wurden.

„Viel zu groß und voluminös“! stellte sie fest.

„Natürlich haben wir auch kleinere Exemplare“, sagte der Verkäufer beflissen und war schon wieder auf dem Weg ins Ladeninnere.

Carl nützte die Gelegenheit und prüfte rasch das Angebot an günstigen Kugelschreibern! Ihm genügte meist ein kurzer Blick, um zu erkennen, ob sich weitere Recherchen lohnten…

„So – da hätten wir vermutlich schon das Richtige“, meinte der Verkäufer mit einem hoffnungsvollem Lächeln auf seinem blassen Gesicht und legte vier verschiedene Blöcke der Größe DIN A5 auf die Verkaufstheke.

Aber Gerlinde schüttelte auch bei diesen Böcken irritiert ihren elegant zurechtgemachten Kopf: „Nein – nein, viel zu groß!“ sagte sie wieder, wobei Carl eine gewisse Ungeduld in ihrer Stimme zu hören glaubte.

„Hm – noch zu groß?“ sagte der immer noch freundliche junge Mann im hellblauen Hemd sowie einer exakt gebügelten dunklen Hose.

„Nun“ murmelte er nachdenklich und rieb mit der rechten Hand sein helles, sorgfältig rasiertes Kinn, „dann kommt eigentlich nur noch einer in Frage…“. Mehr konnte Gerlinde nicht verstehen, da der murmelnde junge Mann neuerlich ihrem Gesichtsfeld entschwand.

Carl befasste sich währenddessen mit einem Sortiment bunter Kugelschreiber, die recht gut in der Hand lagen und fabelhaft schrieben…

„Aber das wird es sein, gnädige Frau“, dröhnte ein paar Augenblicke später, eine aufgeregte Verkäuferstimme wie aus dem Jenseits. In großen Schritten kam der Verkäufer dann herbei und schwenkte zuversichtlich einen winzigen Notizblock der Marke URSUS vor seiner leicht geröteten Nase…

„Ja – ja“, rief Gerlinde wie erlöst, „das ist der Richtige, genau so einen wollte ich wieder!“

„Wie schön, gnädige Frau, jetzt haben wir doch noch das Richtige gefunden“, bemerkte der freundliche Verkäufer sichtlich erleichtert mit einem selbstgerechten Lächeln.

„Ja – Gott sei Dank“, flötete Gerlinde, „ich wusste ja gleich, dass ich bei ihnen richtig bin, gell“. Der Verkäufer nickte ihr bestätigend zu und fragte,

„Möchten sie eine kleine Tüte?“

„Ja das wär nett…“, hauchte Gerlinde.

„Das macht dann 1 Euro 20, gnädige Frau!“

„1 Euro 20“, überlegte Gerlinde kurz, schaute zu Carl, der noch immer bei den Kugelschreibern stand und sagte:

„Ach wissen Sie was – ich nehm gleich zwei dieser Blöckchen, das sind ja keine Kosten, die einen umbringen, oder?“

„Aber gerne, gnädige Frau“, sagte der immer noch freundliche Verkäufer und eilte wieder nach hinten…

Als er voll Zuversicht mit dem zweiten kleinen URSUS ankam, fragte Carl spontan, „sagen Sie was kostetet der billigste Kugelschreiber bei Ihnen?“

„Warten Sie“, sagte der aufmerksame Verkäufer, legte den zweiten Block auf den ersten und eilte zu Carl, „der Billigste ist der, und der kostet 60 Cent!“

„Gut, den nehm’ ich“, antwortete Carl kurz entschlossen. Fast eingeschüchtert von dieser rasanten Kaufentscheidung zog der verblüffte Verkäufer einen neuen silbrig glänzenden Kugelschreiber aus einer Hülle mit vier Stück und eilte triumphierend zur Verkaufstheke zurück.

„Du Carl, wir haben Kugelschreiber – daheim! Ich hab’ erst unlängst welche gekauft“, warf Gerlinde plötzlich ein.

„Bist du sicher?“ fragte Carl zögernd, er legte die Stirn in Falten.

„Ja“, sagte Gerlinde knapp und fixierte ihn mit einem bedeutsamen Blick.

„Aber ich kann ja sicherheitshalber einen mitnehmen“, meinte Carl salopp und blickte frech zurück…

„Carl – ich sag’ doch, wir haben genug Kugelschreiber zuhause!“ wiederholte Gerlinde eine Spur strenger.

„Komisch, dass ich die nie gesehen hab?“ brummelte Carl und schüttelt mehrfach seinen Kopf. „Aber den einen hier können wir ja trotzdem mitnehmen“!

„Ist nicht notwendig, Carl, ich hab’ einen kompletten 5-er-Pack bunter Kugelschreiber besorgt; das ist echt rausgeschmissenes Geld, wenn du jetzt noch einen kaufst…“, intonierte Gerlinde.

„Na gut, gut – wie du meinst“, tönte Carl entnervt.

Er wandte sich zu dem noch immer freundlichen Verkäufer und sagte,

„also dann keinen Kugelschreiber, Sie hören ja, mir ist dieser geplante Monsterkauf verboten worden…“

„Ach du Dummschwätzer “, ächzte Gerlinde mit hochgezogenen Augenbrauen und nahm Kopf schüttelnd ihre zwei kleinen Notizblöcke entgegen.

„Macht 2 Euro 40, gnädige Frau“, sagte der Verkäufer schmunzelnd zu Gerlinde, die ihre Geldbörse zückte.

Und zu Carl sagte er mit einem Bedauern in der Stimme, „tja – schade, mein Herr, das wären vier Kugelschreiber gewesen!“

„Ja, Pech gehabt“, erwiderte Carl. Er grinste und zog den Kopf ein.

„Hm – hm – hm“, brummte Gerlinde gereizt und zeigte ihre teueren verkronten Zähne, wie eine Löwin vor dem finalen Biss…

„Nichts für ungut, gnädige Frau, aber wir Männer müssen in der heutigen Zeit schon ein bisschen zusammenhalten“, sagte der immer noch freundliche Verkäufer grinsend, während er von Gerlinde die 2 Euro 40 entgegennahm. Dann lachte er augenzwinkernd Carl zu, der bestätigend zurück nickte und für einen kurzen Moment das ungemein beruhigende Gefühl hatte, Mitglied eines geheimen Männerbundes geworden zu sein…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. April 2013

Gartenlust und Frühlingsfrust

Carl und Gerlinde (XXX)

Was ist denn mit dir los, Carl? So wie du zulegst in den letzten Wochen, muss ich ja fürchten, dass du jeden Moment platzt!“ stänkerte der Spartenleiter Dr. Osterkorn, als er nach dem üblichen ‚montäglichen Strategiegelaber’ mit Carl das Besprechungszimmer verließ.

„Wie meinst du denn das, Bernie?“ fragte Carl irritiert.

Na du gehst ja auseinander wie ein Kräppel im heißen Fett: will dich denn deine Gerlinde meistbietend zum Kilopreis verscherbeln?“ polterte Bernie laut lachend.

„Jetzt fängst du auch noch an! Vor zwei Wochen hat mich schon meine vorlaute Sekretärin gefragt, ob ich ein Problem mit der Schilddrüse hätte“, gab Carl kleinlaut zurück.

„Siehst du Carl – ich täusch mich also nicht! Ich find’s ja prima, wenn’s dir schmeckt und gönn’s dir auch von Herzen, aber als ‚Spartenvertriebsleiter’ bei TRIGA mit seinen vielen sportlich orientierten Produkten solltest du schon auch ein klein wenig auf dein Erscheinungsbild achten, oder?“

„Glaubst du denn wirklich, Bernie, dass ich…“

„Betrachte meine Worte als kleinen Tipp, Carl! Du weißt ja, ich bin manchmal etwas direkt!“ wiegelte Dr. Osterkorn mit einem verschmitzten Augenzwinkern ab, donnerte Carl seine durchtrainierte Pranke auf die Schulter und entschwand in das verwaiste Büro von Miriam Braun, die noch immer in der Babypause war, und bestimmt nicht wusste, dass seit vier Wochen eine äußerst attraktive Praktikantin auf ihrem Bürostuhl herumlungerte und schon etliche neue Wäschemodelle für einen gewissen Herrn Dr. Osterkorn vorprobiert haben soll, wie der Buschfunk so trommelte…

Carl war zwar froh, dass er nach dem freundschaftlichen Schulterklaps von Dr. Osterkorn noch aufrecht gehen konnte, spürte aber schon, wie sich eine kleine Unsicherheit in ihm breit zu machen begann …

Und da seine sonst für alle Wehwehchen zuständige Sekretärin Bettina über seinen Kopf hinweg ohne jede Vorwarnung recht dreist von einem Tag auf den anderen ihren morgendlichen Mohnstrudel zu seinem Frühstückskaffee einfach gestrichen hatte, und dieser Mohnstrudel ehrlich gesagt in letzter Zeit eh oft arg trocken ausgefallen war und mit Kaffee manchmal recht unangenehm am Gaumen pappte – konnte  sie natürlich in dieser heiklen Angelegenheit leider nicht mehr wie sonst üblich als Ratgeberin fungieren!

Und Gerlinde kam schon gar nicht in Frage! Die mäkelte ohnehin stündlich an ihm herum, wegen der paar lächerlichen Pfunde an seinen, wie er meinte, immer noch apollinisch schmalen Hüften…

Angesichts dieser verfahrenen Situation musste Carl wohl in bewährter Manier die Sache selbst in die Hand nehmen! Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn einmal die superklugen Frauchen wirklich helfen hätten können!

Außerdem war das Männersache!

Schließlich gab es doch wirklich nichts Simpleres, als ein paar ‚unnötige Gramm Speck’ wegzuschaffen: er musste sich doch bloß – eigentlich lächerlich – beim Essen etwas einschränken und – Bingo – mehr Bewegung machen! Und zwar viel mehr Bewegung! Klaro! Da musste man gar nicht mehr lange Herumrätseln und Rumlabern, wie Frauen das in solchen Situationen zu tun pflegen!

Nein, gleich nächste Woche – oder übernächste Woche – oder noch besser ab Mai oder vielmehr Juni, wenn es abends richtig hell war, brauchte er sich doch bloß in einem Fitnessstudio anmelden und einen dieser oft angesprochenen Abendtermine buchen! Und schon war die Sache geritzt! So einfach war das…

Außerdem – und das war wohl ein Wink des Schicksals – stand doch jetzt im Frühjahr ohnehin jede Menge Gartenarbeit an: die war doch nachgerade ideal zum Abzunehmen!

Bestimmt freute sich Gerlinde auch tierisch, wenn sie einmal nicht auf Hannelores komischen ‚gärtnernden Polen’ zurückgreifen musste, der im Frühjahr alle Bäume und Büsche in diese peinlichen Rasierpinsel verwandelte! Nein – ab sofort hatte der ‚Pinselzauber im Frühjahr’ ein Ende – und wie von selbst wurde er, Carl, auch noch gertenschlank dabei! Das war doch mehr als fantastisch, oder?

Ernüchternd war allerdings, dass Gerlinde gar nicht so arg strahlte, als er ihr gleich am nächsten Morgen beim Frühstück seinen neuesten Plan entwickelte. Aber vielleicht war sie auch noch nicht richtig wach, als sie recht nüchtern fragte „und warum auf einmal – dieser Garteneifer?“ und ewig lange in ihrem Kaffee rumrührte, obwohl keinerlei Süßstoff drinnen war, wie er ganz sicher wusste…

„Ja weißt du, Gerlinde, ich brauch’ einfach etwas mehr Entspannung und Bewegung – irgendwie bin ich in letzter Zeit durch den Stress in der Firma viel zu träge geworden!“, sagte Carl mit einschmeichelnder, Verständnis heischender Miene.

„Sieh mal an, welch eine überraschende Selbsterkenntnis – und die schon im Morgengrauen – um acht Uhr dreißig, das ist beachtlich!“ frozzelte Gerlinde.

„Nenne es wie du willst, Gerlinde, ich bin jedenfalls fest entschlossen, mich mehr zu bewegen und mich viel aktiver in unsere heimische Gartenarbeit einzubringen“, sagte Carl lächelnd und tätschelte liebevoll über den Frühstückstisch hinweg Gerlindes linke Hand, die gerade nach dem Brombeermarmeladenglas griff!

Gleich danach schaute Carl aber abrupt auf die Uhr, sprang auf, drückte Gerlinde einen schnellen Kuss auf ihre nach Kaffee schmeckenden Lippen und eilte mit den Worten „heute Abend sprechen wir noch genauer über mein ‚Gartenprogramm’, gell“, davon…

Nur – wie das dann ablief, war typisch – Gerlinde!

Denn als Carl am Abend hundemüde von der Arbeit heimkam, konfrontierte ihn seine fürsorgliche Gerlinde mit einem ‚gärtnerischen Arbeitsprogramm’ das sich nicht nur gewaschen hatte, sondern in dem – voll unfair – tatsächlich alles drinnen stand, was getan werden musste! Ganz obenauf natürlich die riesige Trauerweide, die jedes Jahr radikal geschnitten werden sollte, was nicht nur viel Arbeit in luftiger Höhe auf der Leiter bedeutete, sondern auch mehrere Tage „Zerkleinerungsarbeit“! Aber wer konnte denn bei dieser vollkommen unerwarteten ‚Zwischeneiszeit’ schon so lange im Garten herummachen – schließlich war er kein Eskimo in Thermounterwäsche, oder?

Und die Trauerbirke musste auch zurück geschnitten werden!

Und die zehn Büsche entlang der Gartengrenze auch, und der Lorbeerbaum, die zwei Weigelien, der Perückenstrauch, der Raketenwacholder auch und im Vorgarten die Korkenzieherhasel, der amerikanische Hartriegel und die Zierkirsche – von den dreißig Erikastauden, den viel zu üppigen Gräsern und sechs Wacholderbüschen ganz zu schweigen…

Weiter kam Carl gar nicht mit dem Studium des ‚Gerlindeschen Gartenprogramms’: denn bereits beim amerikanischen Hartriegel war die erste Bierflasche leer, und als die zweite offen war, hatte er nach dem heutigen mörderischen Unterwäschevertriebstag in der Firma wirklich keinen Bock mehr auf weitere ‚gärtnerische Korinthenkackereien’…

Offensichtlich hatte Gerlinde – typisch Frau – nicht die leiseste Ahnung, was die von ihr aufgeschriebenen Arbeiten eigentlich bedeuteten – und noch dazu bei diesen arktischen Temperaturen! Von Frühling und lauen Lüften war doch weit und breit nichts zu spüren! Das war doch der absolute Horror, was dieses Jahr abging! Man musste sich ja wirklich ernsthaft fragen, wann denn nun endlich diese beknackte Klimaerwärmung einsetzte, mit der ständig in den Medien herumgefuchtelt wurde. Das war doch unfassbar, wie diese ‚Katastrophenaposteln’ daneben lagen?

Die Einzige, die nicht daneben lag, leider auch nicht jetzt neben ihm, war echt wieder einmal Gerlinde! Auf die war in dieser Hinsicht hundert Prozent Verlass, dachte Carl, als er endlich trotz aller Abgeschlafftheit – selbst die dritte Flasche Bier aus dem Keller hochhievte: bei diesem höchst einfühlsamen Persönchen, Gerlinde, brauchte man wirklich nur ein winziges Bisschen Bereitschaft signalisieren, sich an der hauseigenen Gartengestaltung aktiv beteiligen zu wollen – und schon bekam man ein ‚Gartenprogramm’ um die Ohren geknallt, bei dessen Verwirklichung er nicht nur in kürzester Zeit als wandelndes Skelett durch die Gegend trabte – sondern am besten auch sofort Frührente beantragte…

Wollte ihm das Gerlinde wirklinch antun – nur wegen der paar lächerlichen Pfündchen zuviel auf den Rippen? Oder den Hüften? Oder wo auch immer? War es das wirklich wert?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 10. Januar 2013

Pauline weint…

Nein, es war kein richtiges Weinen, eher ein dünnes stimmloses Wimmern. Aus ihren verquollenen Augen sickerten auch nur deshalb noch Tränen, weil ihr kleiner, dicklicher Körper in dem blutrot verschmierten, weißen Küchenkittel permanent von einer unsichtbaren Kraft durchgeschüttelt wurde, die ihr jede noch so kleine Träne sofort aus den Augen trieb.

Und obwohl Pauline die ganze Zeit über vor ihrem grauen Metallspind in der fensterlosen Umkleidekammer des Küchenpersonals kauerte, war sie nicht in der Lage diesen ekelhaft verdreckten Küchenkittel abzulegen oder ihr mit Tomatenmark verklebtes Gesicht zu waschen.

Dabei war die Großküche der Niederösterreichischen Landesregierung schon lange aufgeräumt und für morgen vorbereitet, alle Kolleginnen seit Stunden weg und außer den Wachleuten bestimmt niemand mehr im Gebäude.

Aber sie – saß nur da, wimmerte, wischte sich über die Augen und starrte vor sich hin…

Ihr graute vor dem Heimweg! Andererseits lehnte sie jede Hilfe ab: sie schaffe das, hatte sie gestöhnt, obwohl sie genau wusste, dass sie zu Fuß heim zockeln musste. Selbst in diesem fürchterlichen Zustand, in dem sie sich heute befand. Etwas Anderes war gar nicht möglich.

In den letzten Monaten dieses elenden Jahres 1945 gab es ja in der russisch besetzten Zone Wiens kaum Strom. Mit Straßenbahn war da nichts. Und wenn, dann ging es in dem Trümmerhaufen des 4. Bezirks, den sie durchqueren musste, auch nur im Schritttempo voran. Vom 1. Bezirk, wo sie arbeitete, war selbst sie mit ihrem kleinschrittigen Dackelgang schneller daheim im 5. Bezirk, der britisch war, als mit der Trambahn.

Und trotz Fußmarsch schleppte sie immer noch übrig gebliebenes Essen mit heim – das schon – und verteilte es an die ganz armen Schlucker im Haus. Aber heute reichten ihre Kräfte mit Sicherheit nicht mehr, um noch irgendetwas mitzunehmen, ja sie musste froh sein, wenn sie sich selbst nach Hause schaffen konnte.

Und wenn nicht gerade Oktoberbeginn gewesen wäre, an dem die Russen turnusgemäß die monatliche Verwaltung des 1. Bezirks übernommen hatten, hätte sich bestimmt auch nicht dieser betrunkene russische Soldat, nach der Arbeit in die völlig verwaiste Küche schleichen können.

Wie aus dem Nichts stand er plötzlich vor ihr: riesengroß, in schlampiger verschmierter Uniform, die Kappe nach hinten geschoben, darunter zwei schiefe, böse  Augen und ein breites, Angst einflößendes Grinsen mit hässlich abgebrochenen Vorderzähnen.

Pauline erschrak – und schrie! Da war er schon bei ihr, packte sie wie einen Hasen am Genick, drückte sie auf den einzigen Stuhl in der Küche und hielt ihr mit seiner anderen stinkenden Pranke den Mund zu.

„Nix schreien – Mamuschka“ zischte er und stieß ihr einen ekelhaft nach Schnaps stinkenden Schwall ins Gesicht, der sie kaum atmen ließ. Verängstigt, zitternd und stöhnend wand sich Pauline wie eine Schlange im Todeskampf und versuchte krampfhaft ihren Mund freizubekommen. Aber ihr hilfloses Gezerre an seiner tierischen Pranke schien diesen schrecklichen Russen nur zu belustigen: amüsiert drückte er abwechselnd ihren Nacken zusammen und dann den Mund und die Nase, und je mehr ihr Gesicht blau anlief, umso vergnügter wurde er.

Plötzlich schien er abgelenkt und ließ los! Pauline schnappte nach Luft. Sie wagte kaum, den schmerzenden Nacken und wehen Mund mit ihren krampfstarren Fingern abzutasten.

Irgendwie schien sich der Russe anders besonnen zu haben!

Er schaute Pauline auf einmal ohne Arg an, nuschelte etwas von Hunger und ‚nix essen’ und torkelte suchend durch die aufgeräumte Küche.

Aber da war nichts – alles Essen war in der Kühlkammer.

Da er weder sie, noch sie ihn verstand, schüttelte Pauline nur heftig ihren Kopf, während er in den Geschirrschränken herumwühlte und deutete auf die verriegelte Tür der Kühlkammer. Pauline war nicht in der Lage etwas zu sagen oder einen Ton von sich zu geben.

Leider stolperte der Russe dann über den unsäglichen Fünflitereimer Tomatenmark, den die schusselige  Maria nicht weggeräumt hatte. Der Eimer fiel um, und der Russe stutzte. Lässig stellte er ihn auf die Spüle, öffnete ihn, griff mit seinen Fingern hinein, kostete und schaute  grinsend zu Pauline, die kreidebleich auf ihrem Stuhl hin und her pendelte.

Als ob sie es geahnt hätte, trat er plötzlich mit dem Eimer an sie heran, brummte „Tomaten –  Wangen rot – Mamuschka“ und setzte Pauline den ganzen Eimer Tomatenmark einfach an den Mund.

„Du trinken – Mamuschka- viel trinken…“

Pauline wehrte sich. Sie wich mit ihrem Kopf so gut es ging aus und biss die Zähne zusammen; aber dieses Monster presste ihr den Eimer so grob an die Lippen, dass diese aufsprangen und höllisch zu brennen anfingen. Ihr blieb nichts anderes übrig als wenigstens ein bisschen zu schlucken. Und dann noch ein bisschen, und noch ein bisschen, und noch ein bisschen …

Immer wieder versuchte sie verzweifelt den Eimer wegzudrücken, um Luft zu holen, wobei ihr jedes Mal die rote Tomatenbrühe über Kinn und Hals in die  Bluse und den Küchenkittel lief. Grölend riss ihr das Monster die Bluse auf und setze den Eimer ab. Aber kaum hatte Pauline sich erholt, war der Russe wieder zur Stelle und drückte ihr noch rücksichtsloser den Eimer zwischen die Zähne, und Pauline schluckte und keuchte und schluckte und spürte wie sie immer tiefer in der saueren Tomatenbrühe versank…

Plötzlich hielt der Russe inne!

Blitzschnell presste er Pauline den Eimer zwischen die Füße, flitzte quietschend zu einer der Spülen, warf sich auf den Boden und kam teuflisch grinsend auf Pauline zu, mit einer ängstlich zappelnden Maus, die er stolz an ihrem langen Schwanz hin und her schwenkte.

Schreckensstarr bekam Pauline noch mit, dass er die piepsende Maus lachend über sein offenes Maul hielt und so tat als würde er sie schlucken, dann aber in das Tomatenmark vor ihren Füßen tunkte bis sie zu zappeln aufhörte. Er holte die Maus sichtlich zufrieden hoch, torkelte neben Pauline, zog ihr langsam und genüsslich mit der anderen Hand an den Haaren den Kopf zurück, und führte die tropfende und zuckende Maus immer näher an ihren Mund…

Dann – ein donnernder russischer Befehl und eine Kanonade von Flüchen! Vier Hände packten das Monster und schleppten es samt der zuckenden Maus weg. Pauline stöhnte auf und rang mit weit aufgerissenen Augen nach Luft. Der zurückbleibende russische Soldat, in tadelloser Uniform, salutierte und fragte, ob er helfen könne…

Pauline, die über und über mit Tomatenmark bekleckert war, schüttelte mechanisch den Kopf.

Der Russe, entschuldigte sich in gebrochenem Deutsch und sagte Schweine gebe es überall – leider auch in der Roten Armee – aber er habe selbst eine Mamuschka in Moskau und wisse wie es ihr gehe, er werde Hilfe holen.

Er salutierte wieder und eilte zu den anderen, die bereits im Flur verschwunden waren, während Pauline spuckte und spuckte und keuchte und in immer schnellerer Folge sich übergab.

Und dann konnte sie endlich weinen…

KH

Zum Bild: Martina Roth, Mystisch, Acryl auf Leinwand, 64 x 45 cm

 

Roland Dürre
Mittwoch, der 5. Dezember 2012

Future is female!

Auch wenn ich keinen Adventskalender mehr mache, so erlaube ich mir doch ein paar „adventliche“ Gedanken.

Im Dezember sind die Nächte lang. Die Tage sind kalt und der Radfahrer leidet am eisigen und nass-feuchten Nordwest-Wind. Die Spikes erschweren das Vorankommen im Licht der grellen Scheinwerfer, die Handschuhe sind dann oft doch zu dünn für die Kälte und die Autos stinken noch schlimmer als im Sommer.

Eine gute Zeit zum Nachdenken und auch des sentimentalen Leidens. Und der Radfahrer sinniert über sein Leben. Und warum er glaubt, dass die immer noch so männliche Welt nur ein wenig besser werden kann, wenn sie ein wenig mehr weiblich wird. Es heißt doch auch „die“ und nicht „der“ Welt.

Und dann fällt ihm die in unserer Zeit leider längst vergessene Ina Deter ein. Das war 1986 und war damals ein ganz wichtiges Lied:

Ina Deter & Band – Frauen kommen langsam aber gewaltig!

Es lohnt sich reinzuhören. Und in youtube findet man noch viel Tolles von Ina: „Mit Leidenschaft“, „Neue Männer braucht das Land“, „Keine Gnade“, „Ich habe Angst“, „Zusammenleben und Freisein“ … Alles ganz besondere Lieder!

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 25. Oktober 2012

Pilzgerichte

Carl und Gerlinde (XXVIII)

Es war wie der Einschlag eines Meteoriten!

Zumindest was die Häufigkeit betraf. Nicht hinsichtlich des angerichteten Schadens. Der war zunächst gering!

Doch die Häufigkeit war echt meteoritenartig selten, was bei einem Pilzgericht an sich nicht weiter verwunderlich war, da Pilze ohnehin eher selten sind – und Steinpilze natürlich noch seltener!

Wenn man allerdings den Schleimpilz ‚Physarum polycevalum’ mit einbezog, dann waren Pilze plötzlich gar nicht mehr so selten; ganz abgesehen von den vielen Ekelpilzen, die sich bei den Menschen mit ihren Mycelien an den peinlichsten Stellen festhakten, und von denen wirklich niemand sagen konnte, dass sie nicht jucken würden!

Trotzdem ist und bleibt der schleimige Einzeller ‚Physarum polycevalum’ um Vieles unangenehmer als jeder andere Pilz, denn der kann, und das ohne jegliche Hirnaktivität, sich praktisch überall auf kürzestem Weg durch die Welt schleimen, insbesondere da wo Haferflocken herumliegen. Und die liegen ja wirklich überall und nicht nur in Speisekammern, Küchen, Schubladen und auf Fliesenböden.

Aber natürlich niemals auf Gerlindes Küchenboden!

Und schon gar nicht in ihren Schubladen, denn gegenüber Gerlindes Sauberkeit und Ordnung hatte dieser hirnlose  ‚Schleimer’ natürlich‚ ‚nicht die Haferflocke einer Chance’, was ja nicht nur ihr, sondern auch Carl vollkommen klar war.

Aber – das hieß noch lange nicht, wenigstens aus der Sicht von Carl, dass es gerechtfertigt war, dass auch andere Pilze, wie etwa der von ihm heiß geliebte Steinpilz  Boletus edulis aus der Gruppe der Ständerpilze, auch nur mit dieser meteoriteneinschlagartigen Seltenheit in der gemeinsamen Küche auftauchen musste. Der hätte sich da schon ein paar Mal mehr im Jahr in dieser blitzsauberen Küche einnisten und brutzelnd und schmurgelnd  breit machen können. Da hätte Carl wirklich nichts dagegen gehabt!

Im Gegenteil!

Was ja dann letztlich, als logische Konsequenz der Wahrscheinlichkeitsrechnung, eines Mittwochs auch geschah, da Gerlinde, wie sie sagte, an den sich fast obszön anbietenden Steinpilzen bei Emmis Obst – und Gemüsestand auf dem Markt in H. einfach nicht mehr vorbeigehen konnte.

Dies umso mehr, als Emmi bereits Gerlindes begehrlichen Steinpilzblick registriert hatte, während sie mit der üblichen Sorgfalt das gewünschte Obstsortiment aus Mango, Melone, Papaya und Kiwis für sie zusammenstellte und fast beiläufig darauf hinwies, dass doch Carl so schrecklich gerne Steinpilze esse, wie er ihr unlängst gebeichtet hätte, so dass Gerlinde gar keine andere Wahl mehr hatte, als sich von der fürsorglichen Emmi für den offensichtlich von allen Frauen geliebten Carl auch noch eine tüchtige Portion dieser obszönen Steinpilze einwiegen zu lassen. Sechshundert Gramm sollten es schon sein, meinte Emmi spitzbübisch lachend!

Die breiten Bandnudeln konnte Gerlinde dann auch gleich vom Nachbarstand mitnehmen und trotzdem noch mit Hannelore und Kurt genüsslich den vereinbarten Cappuccino bei ihrem Lieblingsitaliener trinken, bevor sie sich daheim auf Carls Pilzfestival vorbereitete…

Carl bemerkte am späten Nachmittag, als er überraschend früh heim kam und die Haustür aufschloss, bereits an seiner Nase –  die sich komischer Weise wie eine Magnetnadel zum Nordpol ganz von selbst in Richtung Küche stellte – dass heute tatsächlich so etwas Fundamentales wie ein Meteoriteneinschlag stattgefunden haben musste: seine nicht gerade kochwütige Gerlinde bereitete ihm sein Lieblingsgericht zu!

Es gab tatsächlich – und das war keine Fata Morgana – ‚Gebratene Steinpilze in Sahne und Wein’!

Grad so als hätte Gerlinde geahnt, dass er heute besonders dringend einer aufbauenden Labung bedurfte, da dieser Tag wieder einmal zu jenen gehörte, die er blitzschnell verdrängen musste, da er sonst morgen in der Firma nicht nur diesen neuen Unmögling Fritz Kogler kaltblütig ermordet hätte, sondern gleich auch noch das ‚goldige Bernielein’, das diesen ‚Schleimpilz Kogler’ in die Sparte ‚Oberbekleidung’ für den Vertrieb geschleust hatte.

Dabei wär’ gegen diesen Fritz Kogler prinzipiell nichts einzuwenden gewesen, außer dass er für einen Mann viel zu schön war, das auch wusste, und seinem schleimigem Charme die jungen Arbeiterinnen genau so hilflos ausgeliefert waren, wie verstreute Haferflocken dem ‚Physarum polycevalum’!

Und das schon seit drei Wochen, da dieser schleimige Fritz auf Wunsch von Dr. Bernhard Osterkorn unbedingt die gesamte Firma TRIGA kennen lernend durchdringen sollte; natürlich auch die Sparte ‚Wirk– und Strickwaren’ für die er, Carl, den Gesamtvertrieb zu verantworten hatte.

Und dass nun ausgerechnet diese dumme, hoch schwangere Kuh, Miriam Braun, die eh schon einmal vom ‚lieben Bernie’ abgebürstet worden war, nicht bemerkte, wie dieser Fritz Kogler sie pausenlos aushorchte und in ihrem Umfeld gegen sie intrigierte, war wirklich zum Heulen!

Für Carl jedenfalls war schon nach zwei Tagen klar gewesen, dass dieser schleimige Fritz, abteilungsmäßig massiv in die ‚Unterwäsche’ der Miriam Braun drängte und sich förmlich verzehrte nach ihrer Stelle, sobald sie in Karenz war. Aber die angeblich so kluge und weltgewandte Miriam Braun, merkte das alles nicht, sondern war trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer Schwangerschaft total hingerissen von diesem Ekel–Fritz.

Und genau das spielte dem immer wieder genial schäbig agierenden ‚Bernie’ in die Karten: denn da Miriam Braun ihn enttäuscht hatte, war für ihn klar, dass dieses Biest Stück für Stück so klein gemacht werden musste, bis sie selbst merkte, dass sie bei TRIGA ein riesiger Irrtum gewesen war und nicht mehr benötigt wurde – der Strahlemann Kogler kam Dr. Osterkorn da gerade recht.

Aber jetzt – daheim – war wenigstens für einen winzigen Moment für Carl die Welt in Ordnung, da seine geliebte Gerlinde sein Lieblingsgericht zubereitet hatte!

Gott wie das alles duftete…

Auch Gerlinde duftete, als sie ihm mit fröhlich gerötetem Gesicht plappernd entgegenkam; der süffige Riesling für die Soße hatte wohl schon seine Wirkung getan…

Richtig überdreht erzählte sie Carl nach einem köstlich feuchten Begrüßungsküsschen in launigem Durcheinander, wie das heute mit den komischen Pilzen zugegangen war, und wie sie nach deren obszöner Anbiederung einfach zugreifen hatte müssen und sich jetzt  richtig auf diese Pilzherrlichkeit freute, an die sie sich schon ewig nicht mehr herangetraut hatte, während Carl sich immer zwanghafter der ihn umgebenden geruchlichen Vielfalt ausgeliefert sah, lustvoll schnuppernd Gerlinde mehr und mehr in ihren eigenen heiligen Küchenbereich abdrängte, und sein unersättliches Näschen nicht nur ausschließlich in Richtung Bratpfanne streckte, in der die erste Charge der goldbraunen Köstlichkeit bereits gemächlich vor sich hinbrutzelte, sondern auch ihre fleischigen, nackten Arme und ihren Hals bis zu dem leicht aufgehellten, flaumig zarten Haaransatz in seine Schnüffelakrobatik einbezog und eine zapplige Gerlinde mit ihrer Küchengerätschaft, von Mal zu Mal unkonzentrierter, die angebräunten Pilzscheiben zu wenden versuchte…

Mit einem letzten Rest an verbliebenem hausfraulichen Instinkt, versuchte Gerlinde auch noch, den wie eine Python um sie geschlungenen Carl zu dem bereits vorbereiteten Mörser mit frischem Kümmel zu dirigieren, bevor unter spitzen Schreien und einigem anderen Getöse, auch diese notdürftig aufrecht erhaltene Verteidigungsfassade einstürzte und die zunehmend steinerne Pilzpracht – gnadenlos in der Pfanne verkohlte…

Die begleitenden Rauchschwaden ließen kurz darauf nicht nur den Rauchmelder aufheulen, sondern geisterten auch noch tagelang mahnend durchs gesamte Haus.

KH

Jörg Rothermel
Donnerstag, der 18. Oktober 2012

Bericht aus Melbourne #2

Einwanderung

Nachdem ich jetzt ja auch Einwanderer bin, habe ich mich etwas mit dem Thema Einwanderung beschäftigt.

Ein guter Start um sich über Australien als Einwanderungsland zu informieren ist das Victorian Immigration Museum. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde von der Regierung bei den australischen Bürgern dafür geworben, Freunde oder Verwandte in Europa anzusprechen, ob sie nicht Interesse haben nach Australien auszuwandern.

Die Eroberung des riesigen Landes wäre ohne die Einwanderungswellen vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts unmöglich gewesen. (Wie dabei die reichhaltige Kultur der Aborigines fast völlig zerstört wurde, ist ein eigenes Thema)

Inzwischen hat sich vieles geändert – absolut stellen zwar Australier mit Herkunft aus Europa und den USA immer noch die größte Gruppe dar, aber die Einwanderung aus Indien und vor allem China und nimmt stark zu.

In der lokalen Zeitung „The Age“ erschien vor einigen Tagen ein ausführlicher Artikel, der mit dem Aufmacher begann, dass in dem Stadtviertel Glen Waverly die Appartments eines Neubaus an einem Wochenende zur Besichtigung offen standen (das ist hier die übliche Vorgehensweise bei Verkauf und Vermietung: an einem bestimmten Tag können die Objekte besichtigt werden und dann gilt „first come first serve“). Der Makler war völlig überrascht, dass fast ausschließlich chinesische Interessenten kamen, von denen dann auch noch einige bereit waren bis zu 40.000$ über den gefragten Preis zu gehen, um ein bestimmtes Appartment zu bekommen. Aus der Feststellung, dass an diesem Tag 16 Appartments für insgesamt 40 Mio $ verkauft wurden, kann man entnehmen, wie solvent die Interessenten waren.

Mittlerweile ist der Anteil der Australier chinesischer Herkunft (mit ständiger Aufenthaltserlaubnis) in den 15 Stadtteilen Melbournes, die bevorzugt von Chinesen bewohnt werden, zwischen 27% und 16%. Nach einer Studie werden diese Stadtteile ausgesucht, weil sie gute Schulen, guten öffentlichen Nahverkehr und eine aktive chinesische Gemeinschaft haben. Diese Situation stellt die Melbournians kaukasischer Herkunft vor einige Herausforderungen, weil sie sehen, dass sich unter ihren Augen und für alle spürbar, Melbourne verändert – leider führt das auch immer wieder zu rassistischen Ausfällen.

Bemerkenswert ist der Name der ersten chinesische Schule in Melbourne: „Xin Jin Shan Chinese Language and Culture School“. Xin Jin Shan bedeutet etwa „Neuer Goldener Berg“. Und genau diesen Namen bekamen um 1850 die australischen Goldfelder von den Chinesen in Abgrenzung von den versiegenden kalifornischen Goldfeldern die Jiu Jin Shan („Alter Goldener Berg“) genannt wurden.

Allerdings ist die Mehrheit der modernen Chinesen, die heute nach Australien auswandern, nicht mehr auf der Suche nach der einen Chance in Ihrem Leben; sie sind bereits erfolgreich und wollen ihren Wohlstand sichern oder ausbauen.

Melbournes Innenstadt

Nun ein ganz anderes Thema: zwar wohnen wir außerhalb von Melbourne in Williamstown recht schön, aber die Innenstadt von Melbourne (auch CBD „Central Bussiness District“) hat ein einmaliges Flair, das durchaus mit Paris mithalten kann.

Der Verkehr ist etwa so, wie man ihn sich in einer Stadt von 4.5 Mio. autobegeisterten Einwohnern vorzustellen hat. Selbst ein anständiges öffentliches Verkehrssystem sowie die Tatsache, dass eine Stunde Parken im Parkhaus 16$ und ein Parkknöllchen mindestens 180$ kostet, bringen da offensichtlich wenig Abhilfe. Zwischen den dichtgedrängt schleichenden Autos manövrieren jede Menge Fahrradkuriere, die entweder mit ihrem Leben abgeschlossen haben oder für die nächste Tour-de-France trainieren.

Für den Autofahrer: in der Innenstadt gibt es sogenannte Safety Zonen innerhalb derer man sich beim rechts abbiegen links(!) einordnen muss – dies ist der berüchtigte Melbourner „hook-turn“. Dieser soll bewirken, dass in der rechten Spur zügig durchgefahren werden kann; das funktioniert aber nur, wenn der erste der abbiegen will, einen Formel1 – Start hinlegt; wenn er das nicht schafft, gibt es ein ohrenbetäubendes Hupkonzert weil natürlich keiner hinter ihm in der Kreuzung stehenbleiben will.

Melbourne hook turn

Viele Häuser in der Innenstadt entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Melbourne die reichste Stadt der Welt war. Das war natürlich ein Resultat des Goldrausches – damals wurde etwa 1/3 des gesamten Goldes in der Welt in Australien gefördert und die ergiebigsten Goldfelder befanden sich dabei in Victoria unweit von Melbourne. Diesen Reichtum kann man noch heute an den noblen Bürger- und Geschäftshäusern sehen.

Royal Arcade Melbourne

Der Flair der Innenstadt ist nicht zuletzt auf die Arkaden und Nebenstraßen (Lanes) mit kreativen (manchmal auch sympathisch skurrilen) Geschäften und 1000en von Bars, Kaffeehäusern und Restaurants zurückzuführen. Die Royal Arkade ist davon die schönste und aufwändigste.

Gog & Magog i. Royal Arcade

Die Royal Arkade wird von den biblischen Riesen Gog und Magog bewacht.

Offensichtlich sind manche Arkaden in einer Nebenstraße einfach entstanden, weil sich die Besitzer der Restaurants und Bars zusammengetan haben und einen Regenschutz über die Straße gespannt haben; dann braucht‘s nur noch ein paar Stühle und (im Winter) Heizstrahler und schnell ist es Mittags und am frühen Abend so voll, dass man nicht mehr durchkommt.

Besonders viel los ist Freitags ab 16:30, weil dann fast alle Mitarbeiter der Büros im CBD gemeinsam in einen Pub gehen, um das Wochenende zu begiessen. Jetzt im Frühjahr sind an fast jeder Ecke Straßenmusikanten zu hören. Meine Empfindung ist, dass die Qualität der Musik deutlich höher ist als z.B. in München. In Australien kommt Blues und Country besonders gut an.

Haigh's i. Royal Arcade

Chocolatiers und Bonbonläden sind zur Zeit in Melbourne besonders beliebt – die Vorlieber der Melbournians für Süßigkeiten nimmt manchmal skurrile Züge an, so gibt es in Carlton sogar einen Italiener mit „Chocolate Pizza“.

Es gibt im CBD hervorragende Restaurants mit Mittelmeer-Küche (spanisch, französisch, Italienisch, griechisch, türkisch, libanesisch, marokkanisch …). Melbournians sind begeistert von europäischer Küche – abends muss man praktisch überall einen Tisch reservieren.

Für den kritischen Einwanderer aus München bleibt anzumerken, dass das Preis/Leistungsverhältnis mit guten Münchner Lokalen nicht immer mithalten kann. Allerdings haben viele Lokale und Bars das Wohnzimmer-Ambiente eines erstklassigen englischen Pubs.

Bis zum nächsten Bericht – No Worries

JRO

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 27. September 2012

Das schrille Lied des Fremden

Carl und Gerlinde (XXVII)

„Was für ein gottvoller, milder Spätsommertag“, sagte Carl schon zum fünften Mal zu Gerlinde, obwohl er wie ein Ackergaul schwitzte und bereits ahnte, dass die blöde Falte im Socken ihm wieder eine schmerzhafte Blase beim rechten Zehenballen bescheren würde.

Er schritt aber weiter aus, ohne sich das Geringste anmerken zu lassen. Schließlich wusste er ja, wie sehr seine Gerlinde diese zügigen Waldspaziergänge am Samstagnachmittag schätzte.

Fit zu bleiben, ging ihr über alles!

Carl wollte da nicht nachstehen und stach genau so gnadenlos, mit seinen ‚Nordic Walking’- Stöcken auf den armen Asphaltweg ein, der sich aber ohne jegliches Schmerzempfinden weiterhin stumm durch den urwaldartigen Mischwald zog. Entwurzelte Fichten, vom Sturm abgedrehte Föhren und gekappte Birken türmten sich in dem Wäldchen zwischen stämmigen Buchen launig übereinander und frisch gepflanzte Erlen, in hässlichen Kunststoffschächten gegen Wildverbiss geschützt, gingen hinter einem mannshohen Farn-Wall schamhaft in Deckung…

Nein, dieser Wald lud nicht zum Pilzesuchen ein, dachte Carl schwitzend bei seinem Herumgestocher mit den komischen Stöcken und bedauerte bereits, dass er vor wenigen Minuten an einen freundlichen Trainingsanzugträger mit triefender Nase, auf dessen verzweifelte Bitte hin, sein letztes Papiertaschentuch abgegeben hatte.

Das erlösende Aufstöhnen des schlecht rasierten Mannes schenkte ihm zwar für einen kurzen Moment das wunderschöne Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, wär’ da nicht seine eifersüchtige Nase gewesen, die plötzlich wie auf Kommando losrotzte und ihm mit Sicherheit eine unappetitliche Schleimspur aufgezwungen hätte, wenn nicht Gerlinde mit ihrer Taschentuchnotpackung in letzter Sekunde für die Austrocknung dieses geysirartigen Quells gesorgt hätte…

Aber das ältere Ehepaar wär’ vermutlich trotzdem nicht durch Carls rotzige Schleimspur gefährdet gewesen, da es im flotten Tempo von vorne ankam! Beide klein, mit auffallenden weißen Haaren, der Mann extrem rotgesichtig, während sie schmal und zierlich wirkte, aber drahtig einher schritt.

Viel weiter hinten tauchte plötzlich ein dunkelhaariger junger Mann in einem grauen, kaftanartigen Gewand auf einem Fahrrad auf. Offensichtlich gut gelaunt, sang er in einer unverständlichen Sprache laut und schrill vor sich hin … mehr »