16 Wegmarken für freie und agile Schule.

 

Roland mit Schultüte.

Mit jedem Jahr, das ich älter werde, meine ich, dass wir deshalb in unserer Gesellschaft soviel unfassbaren Unsinn, Feindseligkeit und Grausamkeit erleben, weil wir von jung an in einer Art und Weise sozialisiert werden, die uns dann als Heranwachsende und „Erwachsene“ so viel Mist bauen lässt.

Wir werden bei unserer Sozialisierung eingewickelt.

Die erste Windel gleich nach der Geburt könnte eine Metapher für eine solche Einwicklung sein. Die Windel brauchen wir, weil wir sonst zu viel Spuren hinterlassen würden. Und die Einwicklung geht mit jedem Tag unseres jungen Lebens weiter. Wir lernen, was wir tun dürfen und was wir sein lassen müssen, was gut oder schlecht, was richtig oder falsch, was böse oder lieb ist …

Um uns wieder autonom „entwicklen“ zu können, müssen wir uns wieder „auswickeln“ – was natürlich schwer genug bis unmöglich ist.

Ich bewege mich in der Hoffnung (oder Illusion?), dass man als Eltern gemeinsam mit und unterstützt von der externen Instanz, die Schule genannt wird, das Lebensglück der nachfolgenden Generation viel besser hinkriegen könnte, als es derzeit passiert.

Als Reaktion auf meine Artikel zum Thema „Schule“ habe ich gelernt, dass nicht nur mich sondern viele andere Menschen eine große bildungspolitische Ungeduld plagt.

Dann lasst uns doch etwas tun!

In IF-Blog habe ich berichtet (Cristophine I), wie ich bei einem Besuch der Christophine in Marbach erlebt hatte, wie Schule gehen könnte oder müsste. Im Folgeartikel (Christophine II) dazu habe ich argumentiert, warum ich eine neue Form und Implementierung von Schule für zwingend notwendig halte.

Jetzt habe ich ein älteres, ein wenig verschüttetes Papier aus dem Umfeld der Freien Schule Christophine (FSC) entdeckt. Das Papier beschreibt 16 Wegmarken zur Positionierung der FSC. Für mich ist jede der in diesem Papier als „Wegmarke“ benannte Block eine Metapher für eine Dimension eines Denkprinzips, das eine freien Schule haben muss. Da ich es schade finde, wenn solche wertvolle Gedanken ungelesen in Schubladen liege, veröffentliche ich hier die 16 Wegmarken.

Die als Wegmarken bezeichneten Blöcke beschreiben jeweils eine Denk-Dimension und in ihrer Summe die Mentalität (heute auch als mindset bezeichnet), die eine freie Schule haben muss. Sie zeigen, wie Schulkinder, Eltern und Lehrer als die wichtigen Stakeholder einer freien Schule, aber auch Schulleitung und Kollegium als relevante Gremien denken und fühlen.

Gefunden habe ich die „Wegmarken“ als Gliederung der Standortbestimmung dieser besonderen Schule – der marbacher christophine. Ich gehe mal davon aus, dass auch die „Wegmarken“ aus der Feder von Lorenz Obleser stammen, dem „Vater“ der „Marbacher Pädagogik“.

In diesem Artikel steht die „christophine“ für mich als Metapher für „freie, agile und von Lehrern, Eltern und Kindern gemeinsam selbstorganisierte Schule“. Ich vermute, dass es mehr davon gibt und auch viele Pädagogen es genauso machen möchten. Da bin ich froh darüber, denn bald kommen die ersten meiner Enkel in die Schule.

In den folgenden 16 Wegmarken kommen Schulkinder, Lehrer, Eltern aber auch die Gremien wie Lehrerkollegium und Schulleitung zu Wort. Die Aussagen dieser „stakeholder von Schule“ erscheinen mir authentisch.  Sie erläutern narritativ den in den Wegmarken definierten Anspruch der FSC (Freien Schule Christophine), die für mich ein herausragendes Muster für eine funktionierende, agile, selbstorganisierte und freie Schule ist. Die Wegmarke ist so ein Block mit Aussagen der Stakeholder, am Ende jedes Blocks wird (invers) die Bedeutung noch mal zusammengefasst.

Lassen wir jetzt ganz einfach die Wegmarken auf uns wirken. Vielleicht hilft es, wenn wir den Verstand kurz mal ausschalten und uns einfach für die Botschaften öffnen.

 


 

 

Sich öffnen beim Gehen und Denken im Frühling.

 

16 Wegmarken

 

 


 

Wegmarke 1 – Individualität in der Schule

Schulkinder
Ich mache Mathe, schreibe eine Geschichte, arbeite in meinem Schreibschriftheft, übe Rechtschreibung. Wir forschen, beobachten die Katze. Ich gehe hoch tanzen, spiele mit dem Diabolo draußen.

Eltern
Ich glaube nicht, dass ich als Lehrerin im Unterricht angemessen auf ein Kind reagieren könnte, wenn es sich so zeigen würde wie mein Sohn. Er ist schon sehr speziell.

Kollegium
Die Lösungswege der Kinder sind so unterschiedlich. Da war doch noch nie einer wie der andere.

Schulleitung
Wer weiß denn wirklich, wovon er redet, wenn er von Individualität spricht. Das war doch viel zu lange eine unbekannte Größe.

An der Christophine werden die Kinder ermutigt, sich immer wieder auszuprobieren, neu zu formulieren und zu gestalten. In dieser Kultur des Selbstbildens kann jeder, unabhängig von schulischer Leistungsfähigkeit, seine Individualität kennenlernen und seine Identität behaupten. Das gilt für die Schulkinder wie auch für die Erwachsenen. In solchem Umgang miteinander wächst die Anerkennung der Individualität des Gegenübers. Diese Gleichwürdigkeit bereichert den Schulalltag, da alle Schulangehörigen sich produktiv in die verschiedenen Lernprozesse des Unterrichts einbringen können.

 


 

Wegmarke 2 – Lernwege im Schulsaal

Schulkinder
Das mach ich nachher. Ich gehe zuerst lesen.

Eltern
Zum Glück sieht man bei dem Matheheft ja, wie weit die Kinder schon sind.

Schulkinder
Zu leicht? Aber das habe ich doch für N. gemacht. Der ist Erstklässler.

Kollegium
Warum spricht man bei Erwachsenen eigentlich von Weiterbildung und bei Kindern von Dazulernen?

Schulkinder
Jetzt möchte ich Schreibschrift lernen.

Schulleitung
Handlungsorientiert? Das hört sich gut an. Wichtiger ist mir, dass die Kinder sehen, dass sie zur Handlung befähigt sind.

Das Lernen der Kinder gehört nicht nur physiologisch zu den individuellsten und persönlichsten Vorgängen. Es bewegt sich in kognitiven, ästhetischen und sozialen Zusammenhängen. Die Schule Christophine begleitet die Kinder bei der Suche nach den erfolgreichen Lernwegen. Erfahrungen werden über alle Sinneskanäle ermöglicht, da schließlich auch gespeichertes Wissen auf verschiedensten Wegen abgerufen wird. Die individuellen Lernformen charakterisieren die unterschiedlichen Lerntypen. Mit unserer individualisierten Arbeit im offenen Unterricht helfen wir den Kindern mittels ihrer Erfolgserlebnisse ihre Frustrationsgrenzen kennen zu lernen und auch positiv verschieben zu können.

 


 

Wegmarke 3 – Selbstorganisation als Lernziel

Schulleitung Bitte tragt in eure Arbeitszettel ein, was ihr macht.

Kollegium
Das muss alles ich aufschreiben, die Kinder denken nicht dran und vergessen es.

Schulleitung
Du hast schon länger nix mehr gerechnet, oder?

Schulkinder
Heute habe ich Mathe gemacht, weil es meine Mutter gesagt hat. Sonst muss ich es daheim machen.

Schulleitung
Wenn mir ein Kind sagt, es langweile sich, dann sage ich nix. Wenn es fragt, was es machen soll, dann sag ich: mach Mathe. Das wird am liebsten verdrängt.

Eltern Seine Hausaufgaben macht er ganz alleine. Da gibt es nie Theater.

An der Christophine beziehen wir uns auf Erkenntnisse, die zeigen, dass Kinder selbst ausreichend schöpferisches Potenzial mitbringen, um Lernsituationen wahrzunehmen und sich auch selbst in diesen formulieren können. Kinder sind in der Lage ordnend im Sinne von schöpferischem Handeln ihre Umgebung mitzugestalten, um sie ihren Bedürfnissen anzupassen. Die Schule Christophine stellt den Schulkindern die entsprechenden Werkzeuge zur Verfügung, um ihnen in diesem Sinne den entsprechenden Raum zur Verwirklichung zu geben. An der Christophine wird allen Schulangehörigen die Möglichkeit eingeräumt, ihre eigenen Strukturen zu finden, da solcherart entwickelte Strukturen von größerer Stabilität sind. Dies gilt sowohl für das Lernen als auch für das Zusammensein.

 


 

Wegmarke 4 – Eigenaktivität und Zusammenarbeit

Schulkinder
Komm, ich zeige dir, womit du das ganz leicht raus kriegen kannst.

Kollegium
Wenn N. sagt, er macht nichts oder er nicht einmal etwas sagt, dann bin ich immer wieder kurz geschockt.

Schulkinder
Warum fragst du, ob mir das Spaß macht? Ich mache in der Schule nur Sachen, die mir Spaß machen. Deshalb mach ich manchmal eben eine Weile auch nix.
Wir habe in derselben Woche Geburtstag und sind gleich alt. Aber in der wievielten Klasse bist du?

Eltern
Immer wieder hören wir im Elterngespräch, dass er nix arbeitet. Ich habe dich das schon einmal gefragt: Meinst du, dass unser Sohn genügend lernt?

Christophine setzt deutlich auf die Eigenproduktion der Schulkinder. Aus ihr heraus entwickeln sich Fragen, die oft nach einer Fortsetzung in anderen Arbeitszusammenhängen rufen. Sei es nach Mitarbeitern oder Korrektoren, Motivatoren – Partner, die ein Stück Lernweg miteinander gehen. Dass die Schulkinder gerne auf Bewährtes in Form von strukturierten Arbeitsmaterialien zurückgreifen, ist Ausdruck des Bedürfnis nach gewährleistetem Lernfortschritt.

 


 

Wegmarke 5 – Selbstwirksamkeit

Kollegium
Dann geh ins Rathaus und sag das dort.

Schulkinder
Ich frag nachher den Busfahrer.

Eltern
Wir haben dann alle Bäckereien abgeklappert und haben nach dem Rezept für deren Nudeln gefragt.

Schulleitung
Da hast du recht. Es war nicht gut, dass ich das gesagt habe.

Eltern
Dass er aufs Gymnasium geht, ist nicht so wichtig. Hauptsache, er findet in den kommenden Monaten zu sich selbst und kann sich wieder auf die Schule freuen.

Kollegium
Ich will nicht, dass du so frech zu mir bist.

Schulkinder
Jetzt lass ihn doch ausreden …

Lernen ist kein Hinarbeiten auf einen späteren Zustand, sondern Freude auf diesen, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk darlegt: „Lernen ist Vorfreude auf sich selbst. Diese Vorfreude auf den nächsten eigenen Zustand ist das, worauf es ankommt.“ Die Schule Christophine besteht darauf, dass der Erhalt der ursprünglichen Lernfreude und die beim Lernen entwickelte Kreativität und Selbstwirksamkeit bedeutsam bleiben. Mag auch die Leichtigkeit verloren gehen, mit der ein Mensch einst lernte: Lernte er stets mit Freude, so kann er auch später noch gerne lernen.

 


 

Wegmarke 6 – Soziale Kompetenzen

Schulkinder
Guck doch auf den Schulkompass. Das ist bei uns der sechste Finger, das Miteinander.

Eltern
Das hat mich schon beeindruckt, wie souverän sich jedes Kind da hingestellt hat.

Kollegium
Man sieht aber auch, wie sich alle immer wieder in Abhängigkeiten verstricken.

Schulleitung
Unsere Schule lebt vom Miteinander. Vom gemeinsamen Spielen bis zum Teilen unserer Erkenntnisse. Alles andere können doch Hauslehrer abdecken.

Die Fähigkeit, sich in der Gemeinschaft zu orientieren und zu behaupten, ist wichtig. Der Erwerb von Fachkompetenzen in der Schule ist am Lernort Schule kaum ohne Gemeinschaft zu bewerkstelligen. Die auffällige Zahl an Kindern ohne Geschwister ist eine Besonderheit. Bei gleichzeitigem Verschwinden von Freiräumen für Kinder außerhalb der Schule ist dem sozialen Lernraum, wie ihn Schule bietet, eine wichtige Rolle zugekommen. Wie die Schulkinder im Schulgeschehen, so muss sich die ganze Schule in der Bildungslandschaft behaupten.

 


 

Wegmarke 7 – Wissen und Kompetenzen

Schulleitung
Bitte frage R., der hat sich gestern mit dem selben Thema beschäftigt.

Eltern
Ich bin immer ganz erstaunt, was er erzählt.

Schulkinder
Jeder kann irgendwas. Jeder kann einem was zeigen.

Kollegium
Den Anspruch haben wir doch wohl, dass ein Kind an der weiterführenden Schule ohne Nachhilfe bestehen kann.

Wir räumen den Kulturtechniken Rechnen und Schreiben einen möglichst großen Raum ein. Unsere Schule ist ein Ort voller Herausforderungen. Das Lernen und Arbeiten erfährt größte Wertschätzung. In diesem Sinn versteht sich unsere Schule als tatsächlicher Erfahrungsraum, in dem es viel zu erkennen und zu genießen gibt, aber nur wenig zu konsumieren. Der hohe Aufforderungscharakter soll nicht nur auf die Schulkinder wirken, sondern auch auf die Erwachsenen.

 


 

Wegmarke 8 Schule als Erfahrungsraum

Kollegium
Wenn du das machen möchtest, dann organisiere, was du brauchst. Ich helfe dir gerne. Sag mir Bescheid.

Eltern
Wir Eltern wissen doch gar nicht, wie die Schule ihre Erfahrungen gemacht hat.

Schulleitung
Die Schule ist ja ein Ort, der lernt.

Schulkinder
Das kann ich nicht. Das mag ich nicht mehr. Das ist abgestürzt.

Kollegium
Lass uns überlegen, warum das mit dieser Arbeit nicht geklappt hat.

Schulkinder Ich will, dass wir darüber abstimmen … Aber da gibt es doch schon eine Regel. Eigentlich haben wir gesagt … Ich bin die Kreisleitung und mache das jetzt so. Du kannst das anders machen, wenn du die Kreisleitung hast. Das will ich im Schlusskreis vorstellen.

Um Lernen zu ermöglichen, setzen wir keineswegs nur auf originelle Situationen. Erkenntnis muss nicht quasi epiphanisch im Schulsaal einschlagen. Viel Erfahrung tut sich auf bei den vielen kleinen Mühen, die der Schultag einem abverlangt. In diesem Sinn verstehen wir das gewohnte Arbeiten auch als ein Üben, das die Handlungsmöglichkeiten erweitern kann.

 


 

Wegmarke 9 – Schule im Kontext der Stadt

Schulkinder
Wir sollten wieder einmal dort hingehen.

Schulleitung
Ich bin mir sicher, dass die Kinder, wo sie auch hinkommen, ernst genommen werden. Weil alle unsere Schule Christophine kennen.

Schulkinder
„Lieber Herr Bürgermeister, wir wollen Sie besuchen und mit Ihnen über die kaputte Ampel sprechen.“ – „ Sehr geehrte Polizei, können Sie bitte zu uns kommen. Drei Viertklässler müssen die Fahrradprüfung machen.“

Kollegium
Endlich habe wir es wieder einmal ins Museum geschafft.

Schulleitung
Der Turnverein bietet uns die dritte Stunde an.

Eltern
Eltern müssen immer etwas beitragen. Alles kann Schule doch gar nicht leisten. Ich gehe mit meinem Sohn zum Malen und zum Turnen.
Vielen Dank, dass ihr mit den Kindern den Ausflug gemacht habt.

Unsere Stadt Marbach und ihr regionales Umfeld ist der Humus, in dem unsere Schule gedeiht und unser Lernen gelingt. Von hier kommen die Schulkinder, hierher fahren sie mit dem Bus und der Eisenbahn. Wir können an der Stadtmauer klettern, an der Burgruine hüpfen, in Schillers Geburtshaus Gedichte lesen. Hier haben wir Nachbarn, die mit uns schimpfen, wenn die Erdbeeren im Garten unbefugt geerntet werden.

 


 

Wegmarke 10 Angstfreie Schule

Eltern
Mein Sohn bedauert es immer, wenn keine Schule ist.

Schulleitung
Ohne Sorge bin ich jedenfalls nicht immer, wenn ich in die Schule gehe. Im Schulsaal sehe ich mich dann aber wieder ausreichend souverän ausgestattet.

Kollegium
Das ist doch normal, wenn man auf den anstehenden Schultag mit Respekt guckt.

Schulkinder
Wenn einer im Garten mit einem Stock herum fuchtelt, dann habe ich Angst. Aber nur, dass er mich trifft. Wenn er mich trifft, dann werde ich dafür sorgen, dass derjenige eine Woche Stockverbot kriegt.

Vor Furcht dürfen wir uns nicht fürchten. Angst machen aber dürfen wir niemandem. Wir sind eine Ermutigungsschule, die sich an Fehlern freuen kann, die Ausrutscher als Gelegenheit zur Pause nimmt und über einen Patzer auch einmal lachen will. Emotionen regulieren die Qualität des Lerngeschehens im Schulsaal. Mit unseren Befindlichkeiten können wir uns aber auch selbst im Wege stehen.

 


 

Wegmarke 11 -Rolle der Erwachsenen

Schulleitung
Schau mal, ich habe das hier für dich rausgesucht. Du hast doch noch das eine ungelöste Problem.

Schulkinder
Ich brauche das eine Werkzeug, weißt du, wo das ist?

Kollegium
Ich greife auf, was von den Kindern kommt. Wenn mir zu wenig kommt, dann fange ich selbst an etwas zu werken, schöpfen im Sinne unseres Arbeitsbegriffs.

Schulkinder
Das habe ich mir alles selbst beigebracht.

Eltern
Ihr begleitet doch die Kinder mehr bei ihrem Lernen, oder?

Bei uns gibt es nur eine Lehrerin. Aber jeder ist hier mal Meister, Schulmeister, und auch Lernbegleitung. Es gibt Mitspieler. Und Verantwortungsträger. Das sind die Chefs. Das ist dann aber keine Frage des Alters, sondern eher eine der Ansprüche. Des Könnens und des Wollens.

 


 

Wegmarke 12 – Gemeinsame Reflektion im Schulsaal

Kollegium
Was können wir ändern, damit das beim nächsten Mal besser klappt?

Schulleitung
Unsere Schule braucht einen institutionalisierten Ort für Zweifel. Zweifel an der Pädagogik, am eigenen Tun, an den Materialien, der Politik, eben für alles, worüber man sich die Haare rauft.

Kollegium
Innovativ? Die Kinder sind konservativer als ich.

Schulleitung Unsere Schule ist jetzt in der dritten Halbzeit. Wie bisher werde ich nicht weitermachen.

Das gemeinsame Gespräch wird schon mit unserer Möblierung kenntlich gemacht. Wir haben ein Versammlungseck, die Quadratur unseres pädagogischen Kreises. Hier hat die Gemeinschaft ihren festen Ort, bespricht sie die schwierigen Dinge und trifft sie sich für die Freuden an der leichten Muße. Die Verantwortung für die Gesprächsleitung wechselt regelmäßig. Dadurch findet eine Erziehung statt, die nicht nur zu einem demokratischen Bewusstsein führen soll, sondern selbst in diskursiven Zusammenhängen und demokratischen Verhältnissen ihren Platz hat.

 


 

Wegmarke 13 – Schule feiert

Schulleitung
Herzlich willkommen zu unserem großen Fest im Mai, unserem Schauspiel zum Jahresschluss, zu unserem großen Fest am ersten Ferientag …

Schulkinder
Wir müssen heute drei Geburtstage feiern. J. und C. hatten in den Ferien.

Schulleitung
Das ist doch allein schon jedes Mal ein Fest wert, wenn jemand etwas Tolles geschafft, etwas Neues entdeckt hat. Das ist ein Grund zum Feiern, sag ich dann.

Schulkinder
Wir könnten doch wieder einmal das eine Lied singen. Ach, nöö.

Orientiert am Beispiel der Bürgergesellschaft kommen an der Christophine die Menschen zusammen, um ihre Angelegenheiten in die Hand zu nehmen und damit zu einem gelingenden Schulleben beizutragen. Dazu gehört die Regelung von Alltagsproblemen genauso wie die Planung und Durchführung von Schulfesten oder Ausflügen. Die Erwachsenen regen diesen Auseinandersetzungsprozess an, indem sie auf bevorstehende Ereignisse hinweisen, oder Missstände zur Diskussion bringen.

 


 

Wegmarke 14 –  Schule versus Familie

Kollegium
Die Partnerschaft mit den Familien haben wir ja in unserem Schulvertrag deutlich hervorgehoben.

Eltern
Das ist das, was ich allen immer sage. Hier spricht man viel mehr miteinander.

Schulkinder
Das darfst du nicht bestimmen. Du bist nicht meine Mutter.

Schulleitung
Das Plaudern zwischen Tür und Angel zähle ich aber nicht zum verbindlichen Austausch zwischen Schule und Familie. Das ist eher das Schmiermittel für gemeinsames pädagogisches Handeln.

Schulkinder
Am Samstag war ich mit meiner Mama wieder zum Putzen da. Da hatte ich das ganze Schulhaus für mich alleine.

In vielen Schulsituationen macht sich ein familiärer Geist bemerkbar. Dieser sorgt dafür, dass die Schulangehörigen sich geborgen fühlen in ihrer Gruppe, sich aufgehoben in ihrem Tun wissen. Es gibt intime Situationen voller Selbsterkenntnis und auch Zuneigung. Weil aber auch unsere Schule eine eigenständige Institution, eine Bildungseinrichtung ist, lassen wir keine Aufgaben der Familie auf uns delegieren. Schule und Familie sind zwei Dispositive, die nicht den selben Regeln unterworfen sein müssen.

 


 

Wegmarke 15 – Vielfalt in der Schule

Schulleitung
Ich will schon ein Repräsentant der Vielfalt sein.

Eltern
Die Familien kommen doch aus den verschiedensten Milieus.

Schulleitung
Wir motivieren jeden, uns im Schulsaal zu besuchen. Und wer hospitieren will, der muss im Gegenzug etwas mitbringen, dass auch wir etwas von dem Besuch haben.

Kollegium
Starwars, Ninjago und James Bond. Viele Ideen kommen nicht immer zusammen.

Die stete Aufforderung zur Entscheidung verlangt allen Schulangehörigen viel ab. Die dadurch entstehende Pluralität der Schularbeiten und Anregungen gewährleistet, dass Inhalte sich multiplizieren können und überraschende Reibungsflächen und Berührungspunkte entstehen. Es ist Aufgabe der Schule, den Schulkindern einen beherzten Zugriff auf die eigene Kraft, die eigenen Bilder zu ermöglichen, um ihnen eine Alternative zu eindimensionalen Angeboten der Konsumgesellschaft zu bieten.

 


 

Wegmarke 16 – Große Ziele und bescheidene Ansprüche.

Schulkinder
Die Kinder entscheiden selbst … Das hast du selbst immer gesagt.

Schulleitung
Die pädagogische Entwicklung und das ökonomische Wachstum sind harmonisch verbunden. Wo keine Schulden ab zu tragen sind, da ist Lernen einfacher.

Eltern
Unser Mitdenken ist ja immer an die Entwicklung der Kinder gekoppelt. Irgendwann sind die an einer anderen Schule,.

Kollegium
Die Christophine ist unser Arbeitsplatz. Wo alles größer und besser wird, da kann man eines Tages ja vielleicht auch einmal ein wenig mehr verdienen als heute?

Die Schule
Christophine wurde aus einer großen bildungspolitischen Ungeduld heraus in die Bildungslandschaft eingebaut. Sie kann inzwischen vier Jahre Unterrichtserfahrung aufweisen. Der Schulträger hat noch vier Jahre, um seine Gründungsschulden abzutragen. Das Schulhaus bietet noch Platz für elf Schulkinder. Solange muss der Wunsch der Eltern nach einer Sekundarstufe warten …

 

 


 

Hier die Quelle dieser Gedanken:
CHRISTOPHINE – marbach – freie schule

Freie Schule Christophine e.V. · Ludwigsburger Straße 24a · 71672 Marbach am Neckar · 07144/305 80 98
info@freie-schule-christophine.de · www.freie-schule-christophine.de
Kreissparkasse Ludwigsburg BLZ 604 500 50 Konto 300 520 11· GLS Gemeinschaftsbank BLZ 430 609 67 Konto 700 5615 700

 

 


 

 

Ich gebe die „Wegemarken“ weiter, weil ich meine, dass diese eine ausgezeichnete und ziemlich allgemeingültige Inspiration sind für alle Menschen, die sich mit Schule beschäftigen und sich nach agiler und freier Schule sehnen!

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 17. Juli 2018

Innovation. Management. Zukunft.

Geschafft ?!

Immer mehr Unternehmen richten Positionen ein, die als „Innovations Management“ bezeichnet werden. Mich reizt es dann immer, diese Manager nach ihrer Job-Beschreibung zu fragen (dies obwohl ich von zu ausgefeilten Stellenbeschreibungen nichts halte).

Häufig sitzt der Innovation Manager in der Abteilung Human Ressource (HR), denn seine Hauptaufgabe ist ja, die Mitarbeiter „innovativer“ zu machen. Und ich weiß ja auch nicht, wieso man eigentlich HR braucht?

„Was ist Innovation?“

Diese Frage stelle ich dann gerne den „Innovation ManagerInnen“. Ohne jede böse Absicht. Weiß ich ja wirklich nicht, was Innovation ist. Nur dass, es ein Buzzword ist, von dem alle reden.

Besonders gerne stelle ich solche dumme Fragen den Menschen, die sehr klassische Unternehmen „innovativer“ machen sollen. Zum Beispiel aus dem Bereich der Finanzindustrie (FI), also der Banken und Versicherungen.

Mir fällt dann immer die Definition von Simon Grand (St. Gallen) ein. Er hat Innovation als „Kreative Zerstörung“ bezeichnet. Eine vielleicht nicht unbedingt hilfreiche Definition. Aber sicher eine, die zumindest darauf hinweist, dass Innovationen in der Regel Veränderungen verursachen. Und Veränderungen mag ja keiner. Außer, wenn man ein massives Problem hat.

So sind wir schon bei der nächsten Frage:

„Was ist ein Problem?“

Auch hier habe ich eine Definition gefunden, die sehr drastisch erklärt, was ein Problem ist. Nämlich

„Ein Zustand, der so nicht bleiben kann“.

Die Aufgabe von Innovation könnte sein, solche Zustände zu verändern …

Und schon tauchen Schreckgespenster wie Fragilität und Disruption auf, die unsere Stabilität bedrohen. Innovation soll ja helfen, die Antifragilität von Systemen, die von Disruption bedroht werden zu stärken. Und nach heutigem Manager-Latein nimmt die Disruption ja bekanntlich zu. Aufgrund der Komplexität, die ja immer schlimmer wird (auch so ein Manager-Latein).

„Disruption und Antifragilität“

Das sind auch so schöne Buzzwords. Das eine fürchtet man, das andere soll man herstellen. Und wenn der Innovations Manager bei HR sitzt, dann muss er natürlich die Innovation bei seinen Ressourcen – den Menschen – herstellen. Also müssen sie die Mitarbeiter dazu bringen, dass sie mit „Disruption“ besser umgehen können und so das System, für das man ja gemeinsam wirkt, in einen Zustand hoher Antifragilität versetzen.

„Wie macht man das?“

Hier ein paar Ideen.

Vielleicht mit Story Telling. Mit dem man eine andere Arbeits- und Lebenswelt beschreibt. Mit Werten, die dort existieren, die zwar gut klingen, aber im alten System nur schwer zu realisieren sind. Weil die Widerstände bei den Personen und Gremien kaum überwunden werden kann.

Oder mit neuen Kommunikationsformen wie „barcamps“, mit denen man hofft die Mauern der Silos in den Unternehmen zu durchdringen.

Aber ob das aber ausreicht?

Ich weiß es nicht. Und freue mich, Geschichten von erfolgreichem „Innovations Management“ erzählt zu bekommen. Damit ich sie weitererzählen kann.

RMD

Klaus Hnilica
Dienstag, der 19. Juni 2018

Integrationsvorteile durch fortschreitende Digitalisierung

Die Frage, wie weit sich Vampire integrieren lassen, ist brandaktuell seit eine neue britische Studie feststellt, dass die fortschreitende Digitalisierung auch in dieser Hinsicht massive Vorteile bietet und vollkommen neue Perspektiven eröffnet!

Und nicht die alten Köpfe und Zöpfe waren es, die diese Revolution eingeleitet haben, sondern wieder einmal ist es die oft gescholtene Jugend, die entscheidende Schritte in diese neue ‚blutjunge Zukunft’ tut: Sie ist es, die nicht nur über Digitalisierung quasselt, wie jeder zweitklassige Provinzpolitiker heutzutage, sondern diese Digitalisierung auch tatsächlich lebt!

Ja sie – die ‚Generation Smartphones’ – gibt im 21. Jahrhundert völlig überraschend und ungeplant den Vampiren ein winziges Zipfelchen ihrer Freiheit zurück, in dem sie sie wieder frei zubeißen lässt!

Denn – ehrlich – was ist geeigneter für den unmittelbaren, zwanglosen Zubiss eines Vampirs, als das entblößte vorgestreckte Hälschen einer fünfzehnjährigen Smartphone-Nutzerin, die gebannt auf ihren Bildschirm starrt – und das ununterbrochen – auf der Straße, im Zug, auf dem Fahrrad, der Toilette und bei den Hausaufgaben?

Nix – aber auch gar nix ist geeigneter!

Und diese Eignung für den schnellen Zubiss gilt natürlich nicht nur für die genannte Fünfzehnjährige, sondern für sämtliche Smartphone-Nutzerinnen und -nutzer, egal welchen Alters und welcher Hautfarbe: alle diese Personen verharren bei ihrer Tätigkeit in der exakt gleichen Position, mit der exakt identischen ‚Bissaufforderung ihres Halses’ vor ihrem Gerät, so dass die oben erwähnte britische Studie sogar die Vermutung äußert, dass der oder die Erfinder des Smartphones unbedingt ‚Vampirhintergrund’ haben mussten oder müssen: Dies umso mehr als alle Smartphoneanwender und -anwenderinnen dermaßen auf ihre Geräte fixiert sind, dass sie nicht nur den schnellen Biss in ihren Hals nicht merken, sondern auch den nachfolgenden Saugakt nicht wahrnehmen!

Ja sie gehen derart in ihrer Smartphonewelt auf, dass sie für keine weitere Wahrnehmung mehr zugänglich sind: erst wenn ungeschickter Weise Blut auf ihre Bildschirme tropft, kreischen sie oftmals auf und werden aggressiv, weil sie selbst mit ihren eigenen Wischbewegungen und eigenem Blut ihre Bildschirme versauen!

Nicht zuletzt deshalb gibt es schon seit Jahren Initiativen führender Vampire in Wirtschaft und Politik, in denen energisch an Firmen wie Apple, Samsung und Nokia appelliert wird – endlich den ‚Blut abweisenden Bildschirm’ auf den Markt zu bringen! Der letztlich unabdingbar ist, wenn diese einmalige Chance der Vampirintegration in die Gesellschaft nicht leichtfertig vertan werden soll: und zwar die Integration aller Vampire! Auch der Ungeschickten – die beim Zubeißen schon mal daneben ‚tröppeln’!

Auf dem Sektor Datenschutz muss natürlich auch massiv nachgebessert werden: Immer wieder passiert es nämlich, dass Smartphonenutzer Vampire bei ihrer Blutmahlzeit photographieren und dies den Gebissenen blitzschnell auf ihre Smartphones spielen!

Erst ab da merken die Gebissenen vielfach, dass sie Blut abgeben und glauben es auch, da sie es ja auf ihren Smartphones sehen – und führen dann schon mal die eine oder andere unangebrachte Abwehrbewegung aus, die erst recht zu unnötigen Blutverlusten führen kann.

Es müssen also schnellstens entsprechende Gesetzesinitiativen mit einhergehendem ‚Filmverbot bei Blutmahlzeiten gestartet werden, und dies nicht in nationalen Alleingängen sondern sowohl auf EU–Ebene als auch bei der UNO, was allerdings keine allzu großen Probleme aufwerfen dürfte, wenn alle Beteiligten das gleiche Blut meinen und davon ihre Münder nicht zu voll nehmen.

Viel schwieriger dürfte ein anderes Problem zu lösen sein.

Nämlich – der Biss in den ‚faltigen Hals eines älteren Menschen’, den auch manche Vampire schätzen, wie die oben zitierte britische Studie bestätigt.

Glücklicherweise gibt es für diese wenigen ‚Feinschmecker’ heutzutage ausreichend ältere Smartphonenutzer – wenngleich deren Verbissenheit und Ausdauer bei weitem nicht an die forsche Jugend herankommt, was den schnellen Zubiss nicht gerade erleichtert!

Aber letztlich ist das nicht das zentrale Problem – bei diesem Problem! Das zentrale Problem ist viel mehr, dass selbst, wenn der Biss am ‚letscherten Faltenhals’ gelingt, das dabei abgesaugte Blut ähnlich schmeckt, wie eine Weinschorle aus einem Achtel Riesling aufgespritzt mit einem Liter Sodawasser!

Nämlich nach nix. Ja weniger als nix!

Was daher kommt, dass heutzutage praktisch in alle älteren Menschen von vereinter Ärzteschaft und Krankenkassen jede Menge teuere Blutverdünner versenkt werden: Dies sicher zum Vorteil der Pharmaindustrie und der blutverdünnten alten Menschen – aber für Vampire ist das der reinste Horror!

Und das nicht nur vom Geschmacklichen her, sondern insbesondere bezüglich des Mengenbedarfs: Denn Vampire werden dadurch nicht nur gezwungen, Unmengen an Blut in sich aufzunehmen, sondern gleichzeitig auch zu unzähligen Toilettengängen, um ihr Wasser abzuschlagen, was nicht selten zu punktuellen Blockaden öffentlicher Toiletten führt! Sehr zum Leidwesen von Menschen mit Blasenschwäche!

So dass letztlich nach all dem Gesagten schon noch viel zu tun bleibt, bis auch für Vampire ähnlich paradiesische Zustände in Deutschland gelten, wie nach Aussage der Kanzlerin für den Rest der Bevölkerung!

Doch wenn die noch zu lösenden Probleme von der Politik endlich vorurteilslos und zeitnah angegangen werden und die Gesellschaft ruhig Blut bewahrt, sollten sich die in der britischen Studie aufgezeigten Integrationsvorteile durch die zunehmende Digitalisierung trotzdem rasch realisieren lassen – insbesondere dann, wenn dafür Sorge getragen wird, dass Blut immer dicker bleibt als Weinschorle weil sonst ältere Herrschaften zwangsläufig nach jedem Vampirbiss unvertretbar lange Blutspuren hinter sich herziehen, die ihrerseits wieder massive Probleme beim Datenschutz aufwerfen, was politisch sicher von niemandem gewollt wird; dies umso mehr, als Vampire sich nach nichts mehr sehnen, als endlich in aller Ruhe ihre tägliche Blutmahlzeit verrichten zu können – und sonst nix!

K.H.

Roland Dürre
Sonntag, der 22. April 2018

Kulturtechniken – Wie sie kommen und gehen!

Heute mal wieder so ein Wort zum Sonntag. Und ich will wirklich nicht den Pfarrer oder Oberlehrer spielen.
Nur:
Wir sind geochronologisch im Anthropozän und die Welt steht am Abgrund. Ursache ist die Spezis Mensch. Und wir tun so, als ob nichts los wäre!


Was wir gestern getan haben, war schon gestern nicht „richtig“ und nicht „gut“. Heute könnte es „grottenfalsch“ sein und morgen reißt es uns vielleicht in den Abgrund. Also müssen wir die Dinge radikal ändern.

Dabei gibt es kein „richtig“ und kein „falsch“; auch kein „gut“ und kein „schlecht“. Es gibt nur einen Fakt: Zurzeit zerstören wir das Leben auf diesem Planeten in einer für die Geschichte der ERDE affenartigen Geschwindigkeit. Wir könnten auch versuchen, das Leben in all seinen Dimensionen zu mehren oder zumindest zu bewahren.
Es geht eigentlich nur um die Frage, was wir wollen.


Roland – so in dem Alter, wie es
mit dem Stress los ging.

Ein Appell für selbst bestimmtes Lernen und die Einsicht, dass uns das „Denken von gestern“ nicht so recht weiter helfen.

Das ist ein ergänzender Artikel zu meinem letzten, in dem ich behauptet habe, dass unser Schul-System den Kindern genau das verwehrt, was die Erwachsenen für sich beanspruchen. Oder andersherum dass wir von Kindern genau das verlangen, was wir Erwachsene für uns aber so auch gar nicht wünschen.

In diesem Artikel meine ich, dass Kinder vom „System“ gezwungen werden Dinge zu lernen, die sie zuerst mal gar nicht interessieren. Und die auch die Erwachsene gar nicht mehr oder nur noch rudimentär können. Meine Gedanke ist, dass wir den Kindern die Freiheit geben sollten, selbst heraus zu finden, was sie interessiert und motiviert. Auf was sie neugierig sind.

Und wir sie nicht in ein Schema von alten Vorurteilen pressen, wie das jeder Rechnen, Lesen und Schreiben können müsse. Dass auch diese vermeintlichen Wahrheiten genauso hinterfragt werden dürfen (müssen) wie viele andere selbstverständliche Gewissheiten.

Digitalisierung und Kulturtechniken?

Die Digitalisierung – wie jeder technologische Fortschritt – verändert die Art zu leben. Kulturtechniken werden immer weniger gebraucht – genauso wie früher Überlebenstechniken. Zum Teil sind sie schon aus dem täglichem Leben eines „normalen Menschen“ verschwunden.

Alles ist im Wandel und darf kritisch hinterfragt werden!

Ich meine, dass dies auch für die sogenannten „Kulturtechniken“ gelten muss (wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachen beherrschen …). Deren Wert für unsere Gesellschaft wird nach meiner Meinung völlig überschätzt.

Die Technik und der gesellschaftliche Wandel haben ja auch „Überlebens-Techniken“ ersetzt. Wir quälen unsere Kinder ja auch nicht mehr mit Überlebens-Techniken. Aber von Kultur-Techniken glauben wir, dass sie unersetzlich sind.

Wie war das früher?

Früher verfügten die Menschen über Überlebenstechniken. Die waren wichtig fürs Überleben. Dazu gehörten Fähigkeiten wie Jagen und Zerlegen der Tiere, Feuer entfachen, Pflanzen sammeln und später anbauen, Schlachten und Essen zu zubereiten wie auch handwerkliche wie das Bearbeiten von Holz und Stein oder Töpfern. All das – bis aufs Töpfern vielleicht im Fach Kunst – lernt heute kein Kind mehr.

Heute werden die Kultur-Techniken gedrillt. Vielleicht waren die Überlebens-Techniken die Kultur-Techniken von früher? Fürs Überleben sorgen heute Institutionen mit ihren Spezialisten und Maschinen!

Die Spezialisierung, „Maschinisierung“ und Digitalisierung gelang nur mit Kulturtechniken,  ohne Lesen, Schreiben oder Rechnen war die kaum möglich. Und da wir keine Maschinen dafür hatten, mussten wir es selber machen.

Viele „Fächer“ werden also nicht mehr gelehrt, weil man sie nicht mehr braucht. Trotzdem verschwindet das meiste Wissen nicht. Außerhalb des Spezialistentums gibt es eine Reihe von Menschen, die sich selber  qualifizieren, als Gärtner*Innen, Heimwerker*Innen, Koch*Innen usw. Die haben das aber nicht in der Schule gelernt, sondern es sich selbst beigebracht. Vielleicht gelegentlich auch mal einen Kurs besucht. Einfach, weil es ihnen Spaß macht oder sie vielleicht aus finanziellen oder anderen Gründen dazu motiviert waren.

Wo sind Handwerken und Haushaltskunde geblieben?

In meiner Kindheit gab es in der Schule auch so einen Rest von „alten“ Überlebenstechniken“ als Schulfach. Das war natürlich geschlechts-spezifisch, für männliche Schüler war es „Handwerken“, für die Schülerinnen“Haushaltskunde“.

Denn ein Mann sollte schon ein wenig mit Holz oder anderen Werkstoffen  umgehen können, war er doch für die Reparaturen zuständig. Eine Frau war früher zuerst mal Hausfrau – für die gute Führung des Haushalts war in der damaligen Wertigkeit das Kochen, Putzen, Stricken und Flicken von Socken und Strümpfen wichtiger als das Studium der Wissenschaften.

Keine Spezialisierung ohne Kulturtechniken!

Die Gesellschaft wurde spezialisierter, so wurde in Schulen Lesen und Schreiben gelehrt, weil dies zwingend notwendig war für den zivilisatorischen Fortschritt. Denn die Wissensquellen waren nicht mehr erzählte Geschichten sondern gedruckte Produkte wie Bücher und später dank beweglicher Lettern die Zeitungen. Also musste man lesen und rechnen können.

Wer kann noch rechnen?

Auch das Rechnen im Kopf und auf Papier wurde allgemein in den neuen Pflichtschulen gelehrt. Das war ein großer Fortschritt – konnte man doch ein Jahrhundert davor z.B. das Multiplizieren in Deutschland nur an ganz wenigen auserwählten Hochschulen lernen. Und das auf eine sehr seltsame Form (nämlich mit der Logarithmen-Tafel).

Und seit ein paar Jahrzehnten haben wir wieder eine große Veränderung. Rechnen braucht keiner mehr, denn wir haben Taschenrechner, sogar auf dem Telefon, das kein Telefon mehr ist. Wer kann den heute noch lange  und mehrstellige Zahlenkolonnen mit vielen Stellen sauber auf Papier addieren – so wie wir das in der Schule im Fach „Buchführung“ stundenlang gemacht haben? Wer kann noch auf Papier multiplizieren, dividieren oder sich gar einer Wurzel annähern?

Rechnen im Kopf, das können nur noch ganz wenige. Wer ist denn noch in der Lage, schnell auszurechnen, wieviel er zahlen muss, wenn er zu den 6 Flaschen Wein zum Preis von 2,69 € noch 4 Schokoladen aus dem Sonderangebot à 69 Cent und 3 Semmeln à 37 Cent dazugelegt hat.

Ich erinnere mich, dass das früher für mich ganz normal war. Heute bedarf es für mich einer erheblichen Anstrengung, die obige Rechnung korrekt im Kopf auszuführen. So etwas können nur noch Menschen, die von dieser Magie begeistert sind und intrinsisch motiviert sich es selbst beigebracht haben und regelmäßig üben.

Gibt es das noch: „Auswendig lernen“? 

Für mich waren Gedichte ein Drama, in der „Volksschule“ wie im Gymnasium. Das „auswendig Lernen“ von diesen ist mir schwer gefallen. Ich empfand es eine grausame und fast unmögliche Hausaufgabe. Und hatte ich die fünfte Strophe darauf, dann hatte ich die ersten vier vergessen. Wenn ich dann von vorne anfangen habe war das Ende weg  … Und konnte ich das Gedicht am Abend war es schon am Morgen wieder weg. So bin ich froh, dass man heute in

„Auswendig Lernen“ war auch einmal eine wichtige Kulturtechnik. Besonders bevor es die Schrift gab. Mit „auswendig Lernen“ wurden früher die Geschichten der Menschheit transportiert. Heute benötigen das nur noch die Schauspieler. Und auch hier kenne ich Menschen, die eine unheimliche Freude haben, sich Verse zu merken.

Wie schlimm ist Analphabetismus?

Und wir haben wieder eine große Veränderung. Die Digitalisierung schafft Lesen und Schreiben ab. Die Masse braucht nicht mehr lesen zu können. Es genügt, wenn das die „Elite“ (einige wenige Prozent der Bevölkerung) kann.

Ein gutes Beispiele ist hier Martin Luther, der seine schriftlichen Pamphlete an hölzerne Türen nagelte und damit – obwohl zu seiner Zeit nur ganz wenig Menschen lesen konnten – die Welt aus den Angeln hob.

Ich vermute mal, dass das mit dem Schreiben und Lesen ähnlich werden wird? Wer will noch lange Texte lesen, wenn er in Whatsapp genauso gut Sprachbotschaften senden kann? Und er seine Emotion ohne schreckliche Emojis viel besser über seine Stimme (und beim Video über seine Mimik und Gestik) rüberbringen kann?

Wer will noch zum Buch oder „E-Reader greifen“, wenn er Hörbücher hat. Warum soll man Texte noch lesen, wenn man sie jederzeit in hoher Qualität vorgelesen bekommt?

IF-Blog als Podcast?

„Voice“ stört moderne Menschen nicht, sie laufen ja eh dauernd mit einem Kopfhörer herum! Weil sie die Hände und Augen zum Autofahren oder Computerspielen brauchen. So verwundern mich auch die sich häufenden Anfragen nicht, ob ich nicht meinen IF-Blog auch als Podcast-Blog anbieten könnte.

Auch beim Lesen und Schreiben gehe ich davon aus, dass nur noch ein Teil der Menschen dies in Zukunft beherrschen wird. Manche werden rudimentär dazu in der Lage sein. Andere werden es intrinsisch lernen, weil sie Spaß daran haben oder weil sie es für spezielle Aufgaben halt doch noch brauchen, wie vielleicht fürs Programmieren 🙂

Obwohl Programmieren kein gutes Beispiel ist, erfolgt es doch auch immer mehr im „Clicky-Clicky-Modus“ mit graphischen Elementen? Und vielleicht macht das eh bald die künstliche Intelligenz?

Ich selbst musste als Kind „Stenografie“ und „Schreibmaschine schreiben“ (Zehnfinger-System) lernen. Mein Vater hat das für  eine notwendige  Voraussetzung  für meinen späteren beruflichen Erfolg als „Weißer-Kragen-Arbeiter“ gehalten. Wir Kinder dieser Generation sollten es ja mal besser als unsere Eltern haben.

Im Leben hat mir das nicht so richtig genutzt. Aber als Jugendlicher hatte ich mit Steno (nicht mit Maschinenschreiben) viel Spaß – es war viel angenehmer als Handschrift. Sogar heute habe ich eine wahnsinnige Freude, „Steno“ zu schreiben. Ist für mich so eine Art von Kaligraphie, die ich immer wieder ganz alleine für mich male. Was habe ich aber noch in der Schule gelernt? Englisch und Französisch!

Warum soll ich noch Fremdsprachen lernen?

Warum soll ich heute noch Französisch lernen. Ich möchte gerne die Berichte meiner chinesischen, griechischen, holländischen, polnischen oder russischen „Freunde“ in Facebook verstehen will. Französische Freunde habe ich eigentlich gar nicht mehr.

Gibt es doch immer besser werdende Übersetzungsprogramme, die nach meiner Erfahrung heute schon ganz gut funktionieren aber durch den Fortschritt bei den selbstlernenden Systemen noch deutlich besser werden können.

Die übrigens als „Künstliche Intelligenz“ (KI) bezeichnet werden – was inkorrekt ist, denn die aktuelle Implementierung von KI ist eher „mit Technik generierte Erfahrung“. Ich meine, dass es besser wäre, wenn nur die Menschen Fremdsprachen lernen dürfen (müssen), die ihre Freude daran haben. Und dass es auch so kommen wird.

Denn wenn ich beim Bäcker im fremden Land etwas kaufen will, dann sage ich es einfach durch mein Mobil-Telefon in der lokalen Sprache.

Die humanistische Ausbildung gibt es ja auch noch?

Altgriechisch und Latein sind „tote“ Sprachen. Aktuell werden sie noch an den „Humanistischen Gymnasien“ zwangsgelehrt – wenn man als Kind das Pech hat, von seinen „humanistischen“ Eltern auf ein solches geschickt zu werden.

Wenn wir diese beiden Vintage-Sprachen abschaffen, werden sie übrigens nicht aussterben, weil es bestimmt ein paar Liebhaber geben wird, die sie weiter pflegen werden. Und wenn einer Medizin studieren will, dann kann er ja in kurzer Zeit das kleine Latinum nach machen! Apropos „Humanismus“ – mein „Lieblingsfach“ ist ja der Religionsunterricht.

Was hat der Religionsunterricht an den Schulen verloren?

Der ist auch immer noch Schulfach und wird ganz normal im Zeugnis benotet! Man kann sich zwar davon „befreien“ lassen (man beachte den treffenden Begriff), bekommt dann allerdings „Freistunden“ am Vormittag und muss zur Strafe am Nachmittag in den Ethik-Unterricht. So habe ich es bei unseren Kindern erlebt und zumindest war das so, bevor die für mich unsägliche Ganztages-Schule kam. Wie sehr habe ich in der Schule die freien Nachmittage genossen und genutzt. Aber zurück zum Religions-Unterricht.

Viele Menschen trauen sich ja generell nicht, sich zu befreien. Wenn ich aufgrund von vermeintlicher oder echter sozialer Zwänge ein Kind in einen Unterricht zwinge, dann ist das Zwangsunterricht. Und so werden die Kinder mit Gedankengut unterrichtet (sprich indoktriniert), das psychische Schäden hinterlassen kann.

Zum Beispiel, weil der eine oder andere „Religions-Lehrer“ immer noch gerne die Angst vor dem alles kontrollierenden und bestrafenden Gott als pädagogischen Hilfsmittel nutzt. „Das Paradies im Jenseits“ und „Die Jungfrauen im Himmel“ will ich hier gar nicht bemühen.

Perverse Kulturtechniken!

Gerade Religion sollte nur gelehrt werden, wenn der Betroffene dies sich ganz aktiv und von Herzen wünscht. Und freiwillig dorthin geht.

Das gilt übrigens auch für die Beschneidung, ganz gleich ob von Männern oder Frauen. Beschneidung ist wohl die schlimmste „Kulturtechnik“, die mir einfällt. Vor solchen Beschädigungen müssen wir Kinder zumindest in unserem Lande schützen. Dass die Beschneidung von Generation zu Generation als „Heilige religiöse Tradition“ weiter gegeben wird, darf kein Grund sein, sie zu legalisieren. Das ist dann wieder so eine grausame Form von falsch verstandenem Humanismus.

Beschneidung gehört wirklich abgeschafft. Bei Frauen wie bei Männern. Für mich ist es eine Schande, dass es in Deutschland möglich ist, aus religiösen Gründen Frischgeborenen so etwas an zu tun.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 23. Dezember 2017

DIGITAL – AGIL – OPEN – LEAN (Vortrag)

Am 26. Oktober 2017 habe ich in Augsburg im Hotel am alten Park in der Frölichstr. 17 für die Bayerische Akademie für Verwaltungs-Management GmbH / Bayerische Verwaltungsschule (BVS) am Nachmittag um 14:00 den Abschlussvortrag einer Tagung namens MQ4 gehalten.

Das Thema war –
DIGITAL – AGIL – OPEN – LEAN
– ich wollte und sollte unter anderem folgende Fragen beantworten:

Was ist Agilität – gestern heute morgen?
Was brauchen Organisationen um auf Veränderungen richtig (und zeitnah) zu reagieren?
Welche Konzepte, Methoden, Werkzeuge und welches Können stehen dahinter?

Der Vortrag wurde gefilmt, das Video bette ich unten ein. An den Vortrag habe ich nicht nur gute Erinnerungen. Für mich war es ein schwieriger Tag:

Motto der Anstalt (auf der Website):
Gesundheit, Bildung, Pflege, Gastfreundschaft und Spiritualität sind unsere Hauptanliegen.

Der Tagungsort war das hotel am alten park als Teil des Gebäudekomplex der evangelischen diakonissenanstalt augsburg (diako).

In diesem „Diakonissenhaus“, wie wir das zugehörige Krankenhaus in unserer Kindheit genannt haben, ist in einer grauen Spätherbstnacht in 2008 mein Vater gestorben. Damals habe ich am späten Nachmittag überraschend von seiner Einlieferung ins Krankenhaus erfahren und bin dann gleich ruckartig mit dem Auto ins Krankenhaus nach Augsburg gefahren.

Meinem Vater ging es sehr schlecht, aber nach Auskunft der Ärzte war sein Zustand nicht lebensbedrohlich. So bin ich nachts auf düsterer Herbstautobahn im Schneetreiben wieder heim gefahren – damals noch nach Riemerling – und habe dann zu Hause die Nachricht vom Tod meines Vaters erhalten.

Jetzt stand ich das erste Mal seit diesem Abend vor zirka neun Jahren wieder vor diesem Gebäude  – und musste rein. So wurde mein Vortrags-Besuch in Augsburg zu einem bedrückendem Ausflug in meine Vergangenheit. Mir fiel ein, dass ich genau in diesem Diakonissen-Haus im Frühjahr 1960 kerngesund meiner Mandeln beraubt wurde, weil ich im Winter 1959/1960 öfters erkältet gewesen war. Mir fiel ein, wie ich damals dagegen kämpfte, aber natürlich unterlegen bin und ich bis heute darunter leide (siehe auch meinen IF-Blog-Artikel dazu). Und mir fiel noch viel mehr ein, was ich in dieser Stadt so alles erlebt habe. Ich erlebte vor dem Vortrag eine wilde Bobfahrt der Gefühle durch die Jahre meines Heranwachsen in Augsburg von 1955 – 1969.

All das kam mir jetzt bei der Durchsicht des Videos wieder hoch. Mich selber habe ich in diesem Vortrag als ab und zu ein wenig unkonzentriert erlebt. Aufgrund des Erlebten konnte ich mir das nachsehen und veröffentliche den Vortrag trotz seiner Schwächen, weil ich ihn sehr authentisch empfinde.

Ursache für die vielleicht fehlende klar Linie war aber nicht nur meine angeschlagene seelische Situation. Auf der Fahrt nach Augsburg hatte ich meinen gut vorbereiteten Vortrag noch ziemlich umgestellt. Der Grund war, dass ich mich die Woche davor intensiv mit bitcoin und blockchain beschäftigt hatte und dabei auf ein paar für mich völlig neue Erkenntnisse gekommen war.

Ich hatte nicht verstanden (und verstehe es nicht), warum man im Internet genau das fordert und realisieren will, was uns im echten Leben rigoros verwehrt wird? Warum soll man im Internet gut maskiert versteckt hinter Identitäten an wesentlichen Dingen mit wirken, Transaktionen durchführen und sogar Geld besitzen dürfen? das alles anonym! Wenn genau dies im reellen Leben einem immer mehr verwehrt wird?

Oder gibt es da doch sehr gute Gründe dafür? Dass es zumindest im Internet noch möglich sein sollte? Das ist für mich eine ganz zentrale Frage!

Bitcoin ist ein gutes Beispiel, wie aufgrund falscher Requirements und schlechter Umsetzung eine wunderbare Idee vom „demokratischem“ Geld pervertiert wurde in ein kriminelles Wett- und Betrugssystem. „Gut gemeint und schlecht gemacht“ wird nach meiner Meinung diesem Phänomen nicht gerecht.

Jetzt bin ich in blockchain und bitcoin 8 Wochen weiter, und kann meine Vorbehalte besser erklären und meine Fragen präziser stellen als damals.

Weiter wollte ich im Vortrag vermitteln, dass wir wieder mal in einem grandiosen digitalen Umbruch sind. Es geht nicht mehr um Mensch-Maschine sondern um Maschine-Welt.

Ich will es so erklären. Seit 1969 programmiere ich. In der ersten Phase ging es im Wesentlichen um Algorithmen und Techniken wie Compiler, Betriebssysteme, Batch-Läufe, Transaktionen, Datenübertragung und Datenbanken und ein paar Anwendungen.

Dann ging es vor allem um die Schnittstelle zwischen den Menschen und den Anwendungen (Mensch-Maschine). Das hat uns von der Lochkarte zum Tablet und vom Tippen zu Sprach- und Gestenerkennung geführt. Die Anzahl der Anwendungen explodierte förmlich.

Heute geht es um autonome Systeme, die oft gar keine Schnittstelle zum Menschen mehr brauchen sondern gleich direkt mit ihrer „Umwelt“ kommunizieren. Das erklärt auch, warum die Sensortechnologie geradezu „explodiert“ und Dinge möglich macht, die bisher als unmöglich galten.

Das alles zusammen war ein wenig viel für einen kurzen Vortrag. So freue ich mich, dass der Vortrag mir damals doch noch halbwegs gelungen ist. Weil „schlecht drauf und weg vom Manuskript“ für einen Redner doppelt blöd ist. An einigen Stellen ist mir selbst meine Flüchtigkeit aufgefallen. Für den Fall, dass Ihr auf’s Video geht, bitte ich Euch, dies zu entschuldigen.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 1. November 2017

Von Authentität und Identität in realer und virtueller Welt.

 

Eine Gradwanderung

 

Steinmaske aus der vorkera­mischen Jung­steinzeit um 7.000 v. Chr., eine der ältesten Masken der Welt (Musée Bible et Terre Sainte, Paris)

In diesem Artikel formuliere ich Gedanken, die mir bei meiner aktuellen Beschäftigung mit „block-chain-Technologien“ allgemein und im besonderen mit „Krypto-Währungen“ wie Bitcoin gekommen sind und mich selber schon sehr überrascht haben. Weil mir da so manches klar geworden ist, was mir vorher gar nicht klar war.

Ich beginne mal mit Begriffen. Zuerst mit WELT, REAL wie VIRTUELL.

Unter WELT verstehe ich, alles was mich umgibt – Menschen, soziale Systeme … Ich verkehre mit WELT durch Interaktionen und Transaktionen. Meine Handlungen berühren nicht nur mich sondern auch Instanzen aus WELT. Andererseits streifen oder treffen mich Ereignisse aus WELT.

Für mich ist die REALE Welt immer das, was ich sehen, anfassen, fühlen, erleben … kann. Oder was ich essen kann. Auch das Holz, mit dem ich meinen Ofen füttere, damit es in meinem Zimmer warm wird. Auch die Wärme, die von der Zentralheizung kam, ist für mich REAL. Denn ich weiß ja, wo die Wärme herkommt, sei es von draußen als Fernwärme oder von der Heizung im Keller. Sogar Geld war für mich REAL – aber stimmt das überhaupt?

Ich würde sagen, alles von dem ich mir selber ein Bild machen konnte, war für mich REALE Welt. Aber auch Zeitungen waren für mich REAL, wie Telefongespräche. Sogar das Fernsehen war für mich Teil der REALEN Welt. Ist das noch so?

VIRTUELLE Welt waren für mich unter anderem die „sozialen“ Angebote und Produkte der digitalen WELT, an deren Erschaffung ich ja selber mitgewirkt habe. Da muss man gar nicht so weit denken wie an „second life“ und ähnliches. Vielmehr waren „meine“ ersten VIRTUELLEN Welten Foren und „chat rooms“, in denen diverse, oft fachliche Themen diskutiert wurden.

Heute könnte das unter anderem „Social Media“ sein wie Twitter, FaceBook und so viele mehr. Oder ist das alles auch REAL?

Betrachten wir jetzt die Begriffe AUTHENTITÄT und IDENTITÄT. Da habe ich zuerst gelernt, wie schlampig ich (und die Gesellschaft) mit dem Begriff der IDENTITÄT umgehen. Ich dachte immer, die Identität eines Menschen gibt es nur einmal. Das ist zumindest für die VIRTUELLE Welt Unsinn. Denn da gibt es (noch) Anonymität.
Anonymität bedeutet, dass
eine Person oder eine Gruppe nicht identifiziert werden kann. Von der Bedeutung her zum Teil synonym zu anonym ist inkognito, sonst spricht man im Deutschen von unbekannt, verdeckt und namenlos (Wikipedia 10/2017).

Daraus folgt, dass eine Person – die sich „anonym“ im Netz tummeln will (wie z.B. als Bitcoin-Eigentümer in der dazu gehörenden Geld-Community) – nicht nur eine sondern mehrere Identitäten braucht! Sozusagen für jeden Zweck eine andere. Hinter all diesen Identitäten steht immer nur eine Person, die zweifelsfrei und eineindeutig existiert, zu der die Identitäten aber nicht führen! Es gibt also eindeutige Abbildungen von der „authentischen Person“ zu ihren diversen Identitäten, aber keinen Weg zurück – d.h- über die Identität ist es unmöglich, die Person dahinter zu ermitteln. Das finde ich ganz schön aufregend!

Authentität ist für mich sozusagen eine ausgezeichnete Form von Identität, also die nur einmal vorhandene und wahrhafte „Ur-Identität“, die sich hinter verschiedenen Identitäten versteckt. In Wikipedia finde ich den Begriff AUTHENTITÄT übrigens nicht, aber sehr wohl den Begriff der Authentizität. Weil er fürs Thema  so wichtig ist, zitiere ich ihn:
Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch (Wikipedia 10/2017).

So würde ich sagen, dass die Identitäten nichts anders sind als anonyme Alias-Instanzen für einzig authentische Instanz, die ich jetzt mal Authentität nenne. In der VIRTUELLEN Welt sind das nichts anderes als Masken bzw. Avatare. Der Eigentümer der Maske / des Avatar bleibt anonym und kann nicht ermittelt werden, er hat aber einen quasi „automatischen“ (durch Technologie & Algorithmus gesicherten) Eigentumsanspruch an allem, was seiner Maske / seinem Atavar als Teil der „community“ gehört.

Bei Bitcoin wäre das so: Alle Bitcoin-Eigentümer sind Teil einer  besonderen Community von Identitäten, die alle anonym sind. Erstaunlich ist für: Das geht (oder soll gehen) per „peer2peer“-Interaktion. Also ohne zentrale Instanz!

Die dazu eingesetzte (notwendige?)  Technologie kostet allerdings einen hohen Preis, der diese „Währung“ zumindest als Zahlungsmittel unpraktikabel macht. So dass bitcoin nur noch der Spekulation (dem Wetten) dienen wird. Was aber an sich nichts besonderes ist – dienen doch mittlerweile weit über 90 % (99 % ?) der Währungsgeschäfte wie der Umtausch von EURO (€) in DOLLAR ($) und andersherum nur noch der Spekulation und nicht mehr dem Warenaustausch! Ist das normale Geld etwas auch schon VIRTUELL?

Zurück zum Thema: Ursprünglich dachte ich, dass meine IDENTITÄT meine AUTHENTITÄT ist. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, im Internet verstecke ich meine AUTHENTITÄT hinter verschiedenen IDENTITÄTEN. Und von diesen soll kein Weg zu meiner AUTHENTITÄT führen.

Die AUTHENTITÄT ist so eindeutig wie meine DNA. Die wäre ein guter „Schlüssel“ (als biometrisches Datum), da die Wahrscheinlichkeit einer doppelten DNA gegen Null geht (aufgrund der quasi Unendlichkeit von DNAs).

Noch muss ich z.B. im Hotel meinen Meldeschein ausfüllen, das heißt meinen Namen und Vorname, Geburtsort, Nationalität, meine Heimadresse und die Nummer meines Personalausweises angeben. Diese Daten in ihrer Kombination machen mich eindeutig. Mit dem Vorzeigen des Ausweises belege und meiner Unterschrift beurkunde ich die Echtheit (Wahrheit der Daten) meiner Person …
🙂 Das Hotel hat ja auch eine Adresse, obwohl die GPS-Koordinaten des Hoteleinganges präziser (und einfacher?) wären.

Aber lass uns der Reihe nach vorgehen und in der REALEN Welt beginnen: Ich habe als erstes in der REALEN Welt nach möglichen „echten anonymen Identitäten“ gesucht.

Als Beispiele sind mir eingefallen:

  • Nummernkonto
    Früher konnte man vorzugsweise in der Schweiz ein Konto eröffnen, das anonym war. Das Konto hatte nur eine (Konto-)Nummer, der Bank war jedoch nicht bekannt, wem das Konto (und das darauf befindliche Guthaben) gehörte. Die Legitimation erfolgte über die Nummer (sprich eine Chiffre). Und jeder, der die konkrete Bankfiliale besuchte und über Kontonummer und Chiffre verfügte, konnte (anonym) Geld abheben. Das hat viele Jahrzehnte gut funktioniert.
  • Bekanntschaftsanzeigen
    Früher konnte man in Tageszeitungen anonym zum Beispiel Bekanntschaftsanzeigen aufgeben. In der Anzeige gab es eine Chiffre, der wiederum ein Schlüssel zugeordnet war. Mit diesem Schlüssel konnte man die Zuschriften auf die Anzeige abhalten (die der passenden Chiffre zugeordnet waren).
    🙂 So erinnere ich mich, dass wir (vor allem die Mädchen in unserer Klasse) in der Schule in den 60iger Jahren aufgrund dieser „Anonymität“ vor Heiratsschwindlern gewarnt wurden …
  • KFZ-Kennzeichen, Telefonnummer …
    Im Straßenverkehr sind mir KFZ-Nummern eingefallen. Die waren früher auch anonym – obwohl es hier eine zentrale Instanz (so eine Art von „man-in-the-middle“) gab, die sehr wohl Bescheid wusste, wer der Halter war, der sich hinter dem Kennzeichen versteckte. Heute sind nur noch die KFZ-Kennzeichen von Fahrzeugen von Verfassungsschutz und ähnlichen Institutionen anonym – da kommt dann sogar die Polizei nicht dran.
    So war es auch bei Telefon-Nummern. Natürlich wusste die Post als „man-in-the-middle“, wer der Teilnehmer war, der sich hinter der Telefonnummer versteckte. Aber wer eine ausreichende Begründung hatte, war nicht im Telefonbuch und eigentlich nur durch Anrufen zu ermitteln.
  • Prepaid und E-Mail
    In der REELLEN Welt konnte man früher mit Mobiltelefonen dank Prepaid-Karten anonym bleiben. Und auch das Erwerben einer E-Mail-Adresse war ohne Angaben zu Person möglich. Oder ist das schon die „VIRTUELLE Welt“? Ich meine, das ändert sich derzeit zumindest in Deutschland massiv. So etwas geht immer weniger.
    Das Darknet der VIRTUELLEN Welt (?) soll ja auch immer weniger funktionieren. Das weiß ich aber nicht, sondern müsste ich erst untersuchen.

Also:
So richtig fallen mir keine aktuell existierende Anonymitäten über Identitäten in der REALEN Welt mehr ein. Im Gegenteil: Meine Wahrnehmung ist, dass ANONYMITÄT in der REALEN Welt unerwünscht ist und Gesetzgebern und Administration mehr oder weniger total abgeschafft wurde/wird.

Ist aber die VIRTUELLE Welt nicht Teil der REALEN Welt? Und ist die VIRTUELLE Welt nicht schizophren? Denn träumt manvon „anonymen Währungen und communities“, auf der anderen Seite macht man alles, um die Anonymität abzuschaffen!

So macht die Post Reklame für ihren POSTIDENT-Dienst, der ja auch nur ein Ziel hat: Die Anonymität auch in der VIRTUELLEN Welt abzuschaffen.


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Ist das nicht heiß? Man beachte auch hier die unpräzise Begriffsverwendung – Identitätsfeststellung und Legitimationsprüfung.

Aber der – sicher fragwürdige und leicht zu komprimittierende – Dienst wird von vielen Internet-Anbietern genutzt, die wissen wollen, mit wem sie es wirklich zu tun hat.

So stellen sich mir Fragen:

Ist es nicht unlogisch, wenn die REALE Welt die Anonymität komplett abschafft – diese aber in der VIRTUELLEN Welt Urstände feiern soll? Obwohl die VIRTUELLE Welt ja Teil der REALEN ist?

Was ist, wenn Technologie-Führer wie CHINA die Anonymität abschaffen? Folgt daraus nicht, dass durch die von uns von dort importierte Technologie sozusagen wir auch selbstredend die Anonymität verlieren?

Was macht es einen Sinn, wenn die Funktionalität des „guten alten Schweizer Nummernkonto“ durch anonyme Krypto-Währungen wieder realisiert wird?  Will man das überhaupt? Oder ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis diese verboten werden, weil z.B. auch das Bankgeheimnis nicht mehr im gesellschaftlichen Trend liegt?

Ist das Ganze nicht vielmehr nur ein ganz besonderes Werkzeug von Spekulation – so wie das „Wetten im Internet“ fröhliche Urstände feiert und zu einem massiven Geschäft betreffend Umsatz und Profit geworden ist?

Ich meine, dass diese Themen im Rahmen von gesellschaftlicher Ethik diskutiert werden sollte. Aber war machen wir? Wir gründen Ethik-Kommissionen, dies sich mit künstlicher Intelligenz und selbst fahrenden Autos beschäftigen. Die wichtige Frage, ob wir bewusst Teile der Gesellschaft  „anonym“ lassen wollen, diskutieren wir aber nicht. Wir blöken zwar über einen absurden Datenschutz und ereifern uns dazu – obwohl wir wissen, dass dieser so wie eingefordert garantiert nicht funktionieren wird – und verstricken uns dabei in einem Netz von Regeln und Gesetzen, die uns lähmen und aus dem wir wahrscheinlich nicht mehr herauskommen werden.

Die Auflösung dieses Themas ist für mich übrigens recht einfach:

Wenn (weltweit?) der Rechtsstaat garantiert ist, dann brauchen wir keine Anonymität. Auch kein anonymes Zahlungsmittel.

Wenn der Rechtsstaat jedoch in Gefahr oder Auflösung ist, dann tun wir gut daran, wenn wir „anonyme Räume“ beibehalten.

RMD

P.S.
Jetzt hoffe ich, dass ich mich halbwegs verständlich ausdrücken könnte und Euch nicht mit „AUTHENTITÄT“ und „IDENTITÄT“ verwirrt habe. Und als leichter Nachschlag noch eine Story zum Thema:
Leichtsinnig wie ich bin habe ich mir im Frühsommer in Athen meinen Geldbeutel in der U-Bahn stehlen gelassen. Da war ALLES drin. So musste ich auch einen neuen Personalausweis beantragen. Da wurde ich vom freundlichen Mitarbeiter der Kommune Neubiberg gefragt, ob ich diesen mit „digitaler Signatur“ haben wolle. Weil die bei der Ausweiserstellung umsonst dabei wäre – und ich später eine Gebühr von ich meine 20 € zahlen müsse.
Natürlich habe ich gefragt, für was ich diese „digitale Signatur“ denn nützen könne? Meinem „Kundenberater“ von der Gemeinde viel da nicht viel ein – außer einem komischen Gewerberegister, dessen Sinn mir nicht klar wurde.
So habe ich ihn gefragt, ob diese Signatur zumindest für die elektronische Steuererklärung (Elster) möglich wäre. Als er das verneinte, habe ich – wohl mehr aus Trotz – auf die digitale Signatur verzichtet – und glaube, dass dies kein Nachteil für mich ist.

Vor einigen Jahrtausenden hat der Mensch das Rad erfunden und ein „wenig später“ den Hebel entdeckt. Bis zur Erfindung der Schubkarre – obwohl nur eine einfache Kombination von Rad und Hebel – hat es dann ein paar Jahrtausende gedauert. Dann ging es schneller, es wurden elementare Dinge wie Kurbel und Zahnräder erfunden. Und die Dampfmaschine, der Dieselmotor und die Elektrizität …

Und mit der Informations- und Kommunikationstechnologie ging das Rad dann so richtig ab.

Da war ich wohl beim Fotograf – gespannt was mir mir passieren würde.

Oft frage ich mich, wann der sich der erste Elektromotor in unserem Hause gedreht hat. Ich bin mir sicher war, das es erst nach unserem Umzug 1955 vom Land in die Stadt war. Ich weiß dann noch, dass Ende der Fünfziger eine Wäsche-Schleuder in unsere Waschküche eine große moderne Errungenschaft war, die zweifelsfrei einen elektrischen Motor hatte.

Andere Elektro-Geräte gab es in meiner Erinnerung in unserem Haushalt damals nicht. Bis dann die erste Modelleisenbahn von Märklin kam. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Bis dahin hatten bei uns im Haushalt die mechanischen Geräte eine Hand-Kurbel. Und die komplizierten Zahnräder. Zum Beispiel der Fleischwolf, die Kaffee-Mühle, das Gerät zum Sahne schlagen … Auch die Bohrmaschine hatte Handbetrieb.

So hatte ich eine hohe Verehrung von Zahnrädern …

Eines Tages hatten wir einen Schulausflug (das war in der 3. oder 4. Klasse in der „Wittelsbacher Volksschule“ in Augsburg) bei der Zahnradfabrik Renk – heute ein börsennotiertes Unternehmen der MAN AG.

Die Schule war neben der Kirche St. Anton und so nicht weit weg vom „Wittelsbacher Park“. In diesem Park gab es wiederum eine Besonderheit – den „Rudolf Diesel Hain“. Das war ein Rechteck so groß wie ein Schrebergarten umwachsen mit zypressen-ähnlichen Gewächsen. Es gab einen Ein- und Ausgang, im inneren standen große Felsen aus Japan. Auf Kupfertafeln gab es Inschriften (zumindest in meiner Erinnerung), in denen sich das japanische Volk bei dem großen Deutschen Rudolf Diesel für die Erfindung des gleichnamigen Motors bedankte, der den Menschen weltweit erniedrigende und schwere körperliche Arbeit erspart hätte. Und deshalb der Stadt Augsburg als Geburtsstadt des großen Mannes die Felsen geschenkt hat.

Der Rudolf Diesel Hain war ein schöner Fleck Natur, der mir beim Schwänzen des sonntäglichen Kirchgangs liebe Zuflucht war.

Für mich war die Führung durch die Fabrik sehr spannend. Die Bearbeitung von Eisen ist schon etwas besonderes – und die Menschen in diesem Geschäft waren es auch. Zur Verabschiedung bekam unser Lehrer von unserem Führer ein großes und ziemlich schweres Zahnrad (Durchmesser vielleicht 20 cm) geschenkt, das Gewicht aber bestimmt ein paar Kilo.

Ich gehe mal davon aus, dass das Zahnrad so etwas wie ein Auschuss-Teil war. Die Ehefrau unseres Lehrers war wohl nicht so von dem Trum begeistert, das unser Klassenlehrer da heim gebracht hat.

Auf jeden Fall hatte er am Morgen das Zahnrad dabei, legte es auf den Schreibtisch und lobte es aus: Wir sollten einen „Erlebnis-Bericht“ zu unserem Ausflug schreiben. Und der Gewinner (der den besten „Aufsatz“ schreiben würde) sollte das Zahnrad als Preis bekommen.

Ich war wie elektrisiert. Denn das Zahnrad wollte ich unbedingt haben. Zwar war ich ein Außenseiter, denn meine Deutsch war mein schlechtestes Fach. Ich hatte schon vor der Schule lesen gelernt und die meisten Karl Mays hinter mir, so fand ich unser Lesebuch nur ätzend.

Aber was zählt das alles, wenn man unbedingt etwas gewinnen will? Nichts!

So gab ich mir bei diesem Aufsatz eine extreme Mühe, wie wohl nie wieder im Leben. Ich wollte das Zahnrad haben, hatte die Begeisterung für den Ausflug im Kopf, „Drehbuch“ und schrieb diese auf. Ausnahmsweise versuchte ich formale Fehler strengstens zu vermeiden und sogar auf Satzzeichen zu achten – alles Dinge, die mir damals ansonsten so ziemlich egal waren. Sogar bei meiner Schrift gab ich mir richtig Mühe, ich vermute mal dass diese Seiten in meinem Heft die einzigen waren, die nicht geschmiert waren.

Seitdem weiß ich, was es heißt, motiviert zu sein.

Ich musste noch ein oder zwei Tage warten, dann kam der Tag der Entscheidung. Und siehe da – ich hatte den ersten Platz gemacht und das Zahnrad gewonnen. Und ich war der glücklichste Mensch auf der Welt. Das hielt auch den ganzen Heimweg an. Nur wie ich nach Hause kam wurde die gute Note in Deutsch von meiner Mutter nur mit einem abwertenden „wenn Du willst dann kannst Du es ja doch“ gewürdigt. Das Zahnrad dagegen wurde überhaupt nicht wert geschätzt, im Gegenteil mit einem sehr gering schätzendem „Was hast Du denn da wieder mitgebracht“ bedacht.

Wahrscheinlich ging es ja meinem Lehrer ein paar Tage vorher ähnlich. Aber das war auch kein rechter Trost für mich.

Das Zahnrad bekam einen Ehrenplatz in meinem Zimmer. Es roch wohltuend nach Maschinenöl.

Ich weiß noch, wie dann so 10 Jahre später von meiner Mutter genötigt wurde, das Zahnrad zu entsorgen. Es war ein wirklich schönes Zahnrad.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 2. März 2017

Mein Freund der Marder.

Mein Feind ist wieder da!

 

Hermelin (Mustela erminea) im Sommerfell.

Ab meinem 18. Lebensjahr fahre ich Auto. Und hatte über all die vielen Jahre einen Todfeind: Den vom Gesetz geschützten Marder.

Wie oft wollte ich mein Auto anlassen – und es ging nicht. Weil dieses Vieh irgendein Kabel durchgebissen hatte.

Das hat mich über die Jahre ganz schön viel Geld gekostet. Und was habe ich alles gemacht! Jeden Abend Gitter unters Auto gelegt (und am Morgen wieder weggeräumt), diversen Voodoo-Zauber angewendet und es genauso erfolglos mit HighTech probiert und kleine Boxen mit Ultraschall-Geräten ins Auto eingebaut. Wirklich, ich habe alles versucht um meinen Feind vom Auto fernzuhalten.

Hier ein Steinmarder. Weil das obere Bild einen Wiesel aus der Familie der Marder zeigt.

Jetzt habe ich es geschafft. Ich habe kein Auto mehr. Und spare ganz schön viel Geld. Und habe auch nicht mehr das Problem, dass ich morgens verzweifelt bin, weil das Auto nicht anspringen will.

Ab und zu habe ich einen Platten am Fahrrad, wenn ich weg radeln will. Das ist nicht schlimm – dann nehme ich halt ein anderes Fahrrad, ich habe ja mehrere. Und schuld ist da auch nicht der Marder, sondern meistens ein Glassplitter, ein scharfes Split-Teil oder ein Metallteil.

So habe ich mich mit dem Marder versöhnt. Dachte ich zumindest!

Und was passiert gestern? Am Morgen meldet meine Heizanlage, dass die Solaranlage für Warmwasser am Dach eine Störung hat. Der Monteur hat dann gesagt, dass der Schaden nicht unter den Wartungsvertrag fällt, weil er von einem Marder verursacht wurde. Das würde öfters vorkommen. Und ich müsse löhnen.

🙂 Er ist wieder da …

RMD

P.S.
Beide Bilder sind aus Wikipedia.
Das schöne Bild des Wiesels (oben) ist aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons. Urheber ist James Lindsey, die Quelle ist
http://popgen.unimaas.nl/~jlindsey/commanster.html
Das Bild vom Steinmarder (Martes foina) ist von Atirador.

Roland Dürre
Donnerstag, der 16. Februar 2017

1985 objektorientiert – heute agil digital lean open social.

Dieses Buch habe ich im Herbst 1985 auf der Uniforum druckfrisch erworben und als erster nach München gebracht.

Vor kurzem habe ich dieses Buch wieder gefunden. Das hat mich daran erinnert, dass ich im Februar 1985 (Dallas, Texas) und 1986 (Anaheim, California) gemeinsam mit Freunden auf Uniforum-Konferenzen war. Es war großartig, die Uniforum war damals die UNIX-Konferenz in USA. Diese hatte Tausende von begeisterten Besuchern, die aus aller Welt kamen. Dort habe ich eine riesige Aufbruchstimmung erlebt.

Es gab damals auch eine kleine Sensation. Druckfrische Exemplare des ganz neuen Buches zu C++ von Bjarne Stroustrup (siehe Foto links) wurden mitten hinein die Konferenz geliefert und direkt von der Palette weg verkauft. Ich habe ein paar Exemplare erworben und mit nach Hause genommen. Das dürften die ersten Bücher zu C++ gewesen sein, die Münchner Boden erreicht haben.

Da ist mir wieder eingefallen: In den 80iger Jahren habe ich immer wieder Vorträge zu Software-Entwicklung gehalten. Ein zentrales Thema war damals der Wandel in der Programmierung, das zentrale Schlagwort immer wieder OBJEKTORIENTIERT.

Ich habe auch als Auftragsarbeit für IT-Manager diverse Vorträge zum Thema „OBJEKTORIENTIERTE Programmierung“ verfertigt. So auch für ein „hohes Tier“ der Siemens AG im UB D bei D AP (oder war das damals schon SNI?). Er hatte den Auftrag, seinem „Führungskreis“ zu erläutern, was OBJEKTORIENTIERTHEIT denn überhaupt so wäre. Der Vortrag kam laut Rückmeldung gut an – genutzt hat es freilich nichts.

🙂 Heute programmiert die ganze Welt „objektorientiert“. Für meinen Geschmack sogar einen Tick zu sehr.

Später habe ich „meine Programmierstiefel“ an die Wand gehängt und bin so etwas wie ein „Unternehmer“ geworden.

Jetzt war ich nicht mehr als Technologie-Evangelist unterwegs sondern habe über Führung und Management gesprochen. Und besonders das „smarte“ Pentagramm der Begriffe „agil“, „digital“, „lean“, „open“, „social“ und deren Zusammenhänge „gepredigt“.

So habe ich berichtet, warum Mut und Freude der Menschen in den Unternehmen eine zentrale Voraussetzung auch für den wirtschaftlichen Erfolg ist. Und begründet, wie notwendig gegenseitiger Respekt und Wertschätzung untereinander (nicht nur) im Unternehmen sind. Warum Augenhöhe und gemeinsames Teilhaben und Verantworten die Voraussetzung für Innovation sind. Und warum Menschen keine „Resourcen“ sind. Und wie man den Wandel nur agil schaffen kann.

„Pro Agil“ auf dem Podium der DOAG Jahreskonferenz in 2013.

Ich habe erklärt, warum Prozesse, Regeln  und Bürokratie die notwendige Veränderung verhindern. Welch hoher Schaden durch „Tayloristische Entwicklungen“ in der Organisation entsteht und wie viel Verschwendung (waste als Gegenteil von „lean“) eine überbordende Verwaltung und die daraus folgende Verbürokratisierung des Unternehmens verursachen. Und dass es keinen Sinn macht, sich in endlosen Besprechungen zu tummeln.

Und dass Abteilungen wie „human resource“, „customer relation ship management“, „marketing“, „legal service“ etc. den Erfolg des Unternehmens eben nicht absichern sondern eher gefährden.

Und dass die jungen und guten Leute lieber für Unternehmen arbeiten, bei denen Vertrauen das zentrale Element ihrer Kultur ist.

Das kann ich alles gut begründen. Habe ich doch selber miterlebt, wie wir Software-Entwickler einen (nach meiner Meinung wesentlichen Beitrag) zu einem neuen Verständnis von Arbeit geleistet haben, der jetzt immer mehr auch in ganz anderen Branchen um sich greift (#newwork). Und so die Welt mit verändert hat.

Ob mein Trommeln für „agil, digital, lean, open, social“ als „smartes“ Pentagramm etwas nutzt? Ich bin mir nicht sicher.

Ich habe auch den Eindruck, dass meine Zuhörer das überwiegend genauso sehen. So würde ich mich freuen, wenn wir in der Deutschen Wirtschaft nicht so viel von Industrie 4.0 sondern mehr von Unternehmenskultur sprechen würden. Ganz gleich ob 2.0 oder 5.0.

Auch die großen Bosse müssen verstehen, dass unsere Unternehmen und wir nur dann gut überleben werden, wenn wir bereit sind unsere Gewissheiten in Frage zu stellen und unsere Gewohnheiten zu ändern.

Ich verstehe ja, dass es weh tut, Hierarchien wie lieb gewonnene Pfründe und gewohnte Strukturen in Frage zu stellen. Besonders wenn man Boss ist. Aber ich bitte zu bedenken: Wir leben nicht mehr in der Welt der Fließbänder von Henry Ford und auch die hohe Zeit der Schlachthöfe von Chicago geht zu Ende.

RMD

P.S.
Den Stern habe ich aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons eingebunden.