Roland Dürre
Sonntag, der 22. April 2018

Kulturtechniken – Wie sie kommen und gehen!

Heute mal wieder so ein Wort zum Sonntag. Und ich will wirklich nicht den Pfarrer oder Oberlehrer spielen.
Nur:
Wir sind geochronologisch im Anthropozän und die Welt steht am Abgrund. Ursache ist die Spezis Mensch. Und wir tun so, als ob nichts los wäre!


Was wir gestern getan haben, war schon gestern nicht „richtig“ und nicht „gut“. Heute könnte es „grottenfalsch“ sein und morgen reißt es uns vielleicht in den Abgrund. Also müssen wir die Dinge radikal ändern.

Dabei gibt es kein „richtig“ und kein „falsch“; auch kein „gut“ und kein „schlecht“. Es gibt nur einen Fakt: Zurzeit zerstören wir das Leben auf diesem Planeten in einer für die Geschichte der ERDE affenartigen Geschwindigkeit. Wir könnten auch versuchen, das Leben in all seinen Dimensionen zu mehren oder zumindest zu bewahren.
Es geht eigentlich nur um die Frage, was wir wollen.


Roland – so in dem Alter, wie es
mit dem Stress los ging.

Ein Appell für selbst bestimmtes Lernen und die Einsicht, dass uns das „Denken von gestern“ nicht so recht weiter helfen.

Das ist ein ergänzender Artikel zu meinem letzten, in dem ich behauptet habe, dass unser Schul-System den Kindern genau das verwehrt, was die Erwachsenen für sich beanspruchen. Oder andersherum dass wir von Kindern genau das verlangen, was wir Erwachsene für uns aber so auch gar nicht wünschen.

In diesem Artikel meine ich, dass Kinder vom „System“ gezwungen werden Dinge zu lernen, die sie zuerst mal gar nicht interessieren. Und die auch die Erwachsene gar nicht mehr oder nur noch rudimentär können. Meine Gedanke ist, dass wir den Kindern die Freiheit geben sollten, selbst heraus zu finden, was sie interessiert und motiviert. Auf was sie neugierig sind.

Und wir sie nicht in ein Schema von alten Vorurteilen pressen, wie das jeder Rechnen, Lesen und Schreiben können müsse. Dass auch diese vermeintlichen Wahrheiten genauso hinterfragt werden dürfen (müssen) wie viele andere selbstverständliche Gewissheiten.

Digitalisierung und Kulturtechniken?

Die Digitalisierung – wie jeder technologische Fortschritt – verändert die Art zu leben. Kulturtechniken werden immer weniger gebraucht – genauso wie früher Überlebenstechniken. Zum Teil sind sie schon aus dem täglichem Leben eines „normalen Menschen“ verschwunden.

Alles ist im Wandel und darf kritisch hinterfragt werden!

Ich meine, dass dies auch für die sogenannten „Kulturtechniken“ gelten muss (wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachen beherrschen …). Deren Wert für unsere Gesellschaft wird nach meiner Meinung völlig überschätzt.

Die Technik und der gesellschaftliche Wandel haben ja auch „Überlebens-Techniken“ ersetzt. Wir quälen unsere Kinder ja auch nicht mehr mit Überlebens-Techniken. Aber von Kultur-Techniken glauben wir, dass sie unersetzlich sind.

Wie war das früher?

Früher verfügten die Menschen über Überlebenstechniken. Die waren wichtig fürs Überleben. Dazu gehörten Fähigkeiten wie Jagen und Zerlegen der Tiere, Feuer entfachen, Pflanzen sammeln und später anbauen, Schlachten und Essen zu zubereiten wie auch handwerkliche wie das Bearbeiten von Holz und Stein oder Töpfern. All das – bis aufs Töpfern vielleicht im Fach Kunst – lernt heute kein Kind mehr.

Heute werden die Kultur-Techniken gedrillt. Vielleicht waren die Überlebens-Techniken die Kultur-Techniken von früher? Fürs Überleben sorgen heute Institutionen mit ihren Spezialisten und Maschinen!

Die Spezialisierung, „Maschinisierung“ und Digitalisierung gelang nur mit Kulturtechniken,  ohne Lesen, Schreiben oder Rechnen war die kaum möglich. Und da wir keine Maschinen dafür hatten, mussten wir es selber machen.

Viele „Fächer“ werden also nicht mehr gelehrt, weil man sie nicht mehr braucht. Trotzdem verschwindet das meiste Wissen nicht. Außerhalb des Spezialistentums gibt es eine Reihe von Menschen, die sich selber  qualifizieren, als Gärtner*Innen, Heimwerker*Innen, Koch*Innen usw. Die haben das aber nicht in der Schule gelernt, sondern es sich selbst beigebracht. Vielleicht gelegentlich auch mal einen Kurs besucht. Einfach, weil es ihnen Spaß macht oder sie vielleicht aus finanziellen oder anderen Gründen dazu motiviert waren.

Wo sind Handwerken und Haushaltskunde geblieben?

In meiner Kindheit gab es in der Schule auch so einen Rest von „alten“ Überlebenstechniken“ als Schulfach. Das war natürlich geschlechts-spezifisch, für männliche Schüler war es „Handwerken“, für die Schülerinnen“Haushaltskunde“.

Denn ein Mann sollte schon ein wenig mit Holz oder anderen Werkstoffen  umgehen können, war er doch für die Reparaturen zuständig. Eine Frau war früher zuerst mal Hausfrau – für die gute Führung des Haushalts war in der damaligen Wertigkeit das Kochen, Putzen, Stricken und Flicken von Socken und Strümpfen wichtiger als das Studium der Wissenschaften.

Keine Spezialisierung ohne Kulturtechniken!

Die Gesellschaft wurde spezialisierter, so wurde in Schulen Lesen und Schreiben gelehrt, weil dies zwingend notwendig war für den zivilisatorischen Fortschritt. Denn die Wissensquellen waren nicht mehr erzählte Geschichten sondern gedruckte Produkte wie Bücher und später dank beweglicher Lettern die Zeitungen. Also musste man lesen und rechnen können.

Wer kann noch rechnen?

Auch das Rechnen im Kopf und auf Papier wurde allgemein in den neuen Pflichtschulen gelehrt. Das war ein großer Fortschritt – konnte man doch ein Jahrhundert davor z.B. das Multiplizieren in Deutschland nur an ganz wenigen auserwählten Hochschulen lernen. Und das auf eine sehr seltsame Form (nämlich mit der Logarithmen-Tafel).

Und seit ein paar Jahrzehnten haben wir wieder eine große Veränderung. Rechnen braucht keiner mehr, denn wir haben Taschenrechner, sogar auf dem Telefon, das kein Telefon mehr ist. Wer kann den heute noch lange  und mehrstellige Zahlenkolonnen mit vielen Stellen sauber auf Papier addieren – so wie wir das in der Schule im Fach „Buchführung“ stundenlang gemacht haben? Wer kann noch auf Papier multiplizieren, dividieren oder sich gar einer Wurzel annähern?

Rechnen im Kopf, das können nur noch ganz wenige. Wer ist denn noch in der Lage, schnell auszurechnen, wieviel er zahlen muss, wenn er zu den 6 Flaschen Wein zum Preis von 2,69 € noch 4 Schokoladen aus dem Sonderangebot à 69 Cent und 3 Semmeln à 37 Cent dazugelegt hat.

Ich erinnere mich, dass das früher für mich ganz normal war. Heute bedarf es für mich einer erheblichen Anstrengung, die obige Rechnung korrekt im Kopf auszuführen. So etwas können nur noch Menschen, die von dieser Magie begeistert sind und intrinsisch motiviert sich es selbst beigebracht haben und regelmäßig üben.

Gibt es das noch: „Auswendig lernen“? 

Für mich waren Gedichte ein Drama, in der „Volksschule“ wie im Gymnasium. Das „auswendig Lernen“ von diesen ist mir schwer gefallen. Ich empfand es eine grausame und fast unmögliche Hausaufgabe. Und hatte ich die fünfte Strophe darauf, dann hatte ich die ersten vier vergessen. Wenn ich dann von vorne anfangen habe war das Ende weg  … Und konnte ich das Gedicht am Abend war es schon am Morgen wieder weg. So bin ich froh, dass man heute in

„Auswendig Lernen“ war auch einmal eine wichtige Kulturtechnik. Besonders bevor es die Schrift gab. Mit „auswendig Lernen“ wurden früher die Geschichten der Menschheit transportiert. Heute benötigen das nur noch die Schauspieler. Und auch hier kenne ich Menschen, die eine unheimliche Freude haben, sich Verse zu merken.

Wie schlimm ist Analphabetismus?

Und wir haben wieder eine große Veränderung. Die Digitalisierung schafft Lesen und Schreiben ab. Die Masse braucht nicht mehr lesen zu können. Es genügt, wenn das die „Elite“ (einige wenige Prozent der Bevölkerung) kann.

Ein gutes Beispiele ist hier Martin Luther, der seine schriftlichen Pamphlete an hölzerne Türen nagelte und damit – obwohl zu seiner Zeit nur ganz wenig Menschen lesen konnten – die Welt aus den Angeln hob.

Ich vermute mal, dass das mit dem Schreiben und Lesen ähnlich werden wird? Wer will noch lange Texte lesen, wenn er in Whatsapp genauso gut Sprachbotschaften senden kann? Und er seine Emotion ohne schreckliche Emojis viel besser über seine Stimme (und beim Video über seine Mimik und Gestik) rüberbringen kann?

Wer will noch zum Buch oder „E-Reader greifen“, wenn er Hörbücher hat. Warum soll man Texte noch lesen, wenn man sie jederzeit in hoher Qualität vorgelesen bekommt?

IF-Blog als Podcast?

„Voice“ stört moderne Menschen nicht, sie laufen ja eh dauernd mit einem Kopfhörer herum! Weil sie die Hände und Augen zum Autofahren oder Computerspielen brauchen. So verwundern mich auch die sich häufenden Anfragen nicht, ob ich nicht meinen IF-Blog auch als Podcast-Blog anbieten könnte.

Auch beim Lesen und Schreiben gehe ich davon aus, dass nur noch ein Teil der Menschen dies in Zukunft beherrschen wird. Manche werden rudimentär dazu in der Lage sein. Andere werden es intrinsisch lernen, weil sie Spaß daran haben oder weil sie es für spezielle Aufgaben halt doch noch brauchen, wie vielleicht fürs Programmieren 🙂

Obwohl Programmieren kein gutes Beispiel ist, erfolgt es doch auch immer mehr im „Clicky-Clicky-Modus“ mit graphischen Elementen? Und vielleicht macht das eh bald die künstliche Intelligenz?

Ich selbst musste als Kind „Stenografie“ und „Schreibmaschine schreiben“ (Zehnfinger-System) lernen. Mein Vater hat das für  eine notwendige  Voraussetzung  für meinen späteren beruflichen Erfolg als „Weißer-Kragen-Arbeiter“ gehalten. Wir Kinder dieser Generation sollten es ja mal besser als unsere Eltern haben.

Im Leben hat mir das nicht so richtig genutzt. Aber als Jugendlicher hatte ich mit Steno (nicht mit Maschinenschreiben) viel Spaß – es war viel angenehmer als Handschrift. Sogar heute habe ich eine wahnsinnige Freude, „Steno“ zu schreiben. Ist für mich so eine Art von Kaligraphie, die ich immer wieder ganz alleine für mich male. Was habe ich aber noch in der Schule gelernt? Englisch und Französisch!

Warum soll ich noch Fremdsprachen lernen?

Warum soll ich heute noch Französisch lernen. Ich möchte gerne die Berichte meiner chinesischen, griechischen, holländischen, polnischen oder russischen „Freunde“ in Facebook verstehen will. Französische Freunde habe ich eigentlich gar nicht mehr.

Gibt es doch immer besser werdende Übersetzungsprogramme, die nach meiner Erfahrung heute schon ganz gut funktionieren aber durch den Fortschritt bei den selbstlernenden Systemen noch deutlich besser werden können.

Die übrigens als „Künstliche Intelligenz“ (KI) bezeichnet werden – was inkorrekt ist, denn die aktuelle Implementierung von KI ist eher „mit Technik generierte Erfahrung“. Ich meine, dass es besser wäre, wenn nur die Menschen Fremdsprachen lernen dürfen (müssen), die ihre Freude daran haben. Und dass es auch so kommen wird.

Denn wenn ich beim Bäcker im fremden Land etwas kaufen will, dann sage ich es einfach durch mein Mobil-Telefon in der lokalen Sprache.

Die humanistische Ausbildung gibt es ja auch noch?

Altgriechisch und Latein sind „tote“ Sprachen. Aktuell werden sie noch an den „Humanistischen Gymnasien“ zwangsgelehrt – wenn man als Kind das Pech hat, von seinen „humanistischen“ Eltern auf ein solches geschickt zu werden.

Wenn wir diese beiden Vintage-Sprachen abschaffen, werden sie übrigens nicht aussterben, weil es bestimmt ein paar Liebhaber geben wird, die sie weiter pflegen werden. Und wenn einer Medizin studieren will, dann kann er ja in kurzer Zeit das kleine Latinum nach machen! Apropos „Humanismus“ – mein „Lieblingsfach“ ist ja der Religionsunterricht.

Was hat der Religionsunterricht an den Schulen verloren?

Der ist auch immer noch Schulfach und wird ganz normal im Zeugnis benotet! Man kann sich zwar davon „befreien“ lassen (man beachte den treffenden Begriff), bekommt dann allerdings „Freistunden“ am Vormittag und muss zur Strafe am Nachmittag in den Ethik-Unterricht. So habe ich es bei unseren Kindern erlebt und zumindest war das so, bevor die für mich unsägliche Ganztages-Schule kam. Wie sehr habe ich in der Schule die freien Nachmittage genossen und genutzt. Aber zurück zum Religions-Unterricht.

Viele Menschen trauen sich ja generell nicht, sich zu befreien. Wenn ich aufgrund von vermeintlicher oder echter sozialer Zwänge ein Kind in einen Unterricht zwinge, dann ist das Zwangsunterricht. Und so werden die Kinder mit Gedankengut unterrichtet (sprich indoktriniert), das psychische Schäden hinterlassen kann.

Zum Beispiel, weil der eine oder andere „Religions-Lehrer“ immer noch gerne die Angst vor dem alles kontrollierenden und bestrafenden Gott als pädagogischen Hilfsmittel nutzt. „Das Paradies im Jenseits“ und „Die Jungfrauen im Himmel“ will ich hier gar nicht bemühen.

Perverse Kulturtechniken!

Gerade Religion sollte nur gelehrt werden, wenn der Betroffene dies sich ganz aktiv und von Herzen wünscht. Und freiwillig dorthin geht.

Das gilt übrigens auch für die Beschneidung, ganz gleich ob von Männern oder Frauen. Beschneidung ist wohl die schlimmste „Kulturtechnik“, die mir einfällt. Vor solchen Beschädigungen müssen wir Kinder zumindest in unserem Lande schützen. Dass die Beschneidung von Generation zu Generation als „Heilige religiöse Tradition“ weiter gegeben wird, darf kein Grund sein, sie zu legalisieren. Das ist dann wieder so eine grausame Form von falsch verstandenem Humanismus.

Beschneidung gehört wirklich abgeschafft. Bei Frauen wie bei Männern. Für mich ist es eine Schande, dass es in Deutschland möglich ist, aus religiösen Gründen Frischgeborenen so etwas an zu tun.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 23. Dezember 2017

DIGITAL – AGIL – OPEN – LEAN (Vortrag)

Am 26. Oktober 2017 habe ich in Augsburg im Hotel am alten Park in der Frölichstr. 17 für die Bayerische Akademie für Verwaltungs-Management GmbH / Bayerische Verwaltungsschule (BVS) am Nachmittag um 14:00 den Abschlussvortrag einer Tagung namens MQ4 gehalten.

Das Thema war –
DIGITAL – AGIL – OPEN – LEAN
– ich wollte und sollte unter anderem folgende Fragen beantworten:

Was ist Agilität – gestern heute morgen?
Was brauchen Organisationen um auf Veränderungen richtig (und zeitnah) zu reagieren?
Welche Konzepte, Methoden, Werkzeuge und welches Können stehen dahinter?

Der Vortrag wurde gefilmt, das Video bette ich unten ein. An den Vortrag habe ich nicht nur gute Erinnerungen. Für mich war es ein schwieriger Tag:

Motto der Anstalt (auf der Website):
Gesundheit, Bildung, Pflege, Gastfreundschaft und Spiritualität sind unsere Hauptanliegen.

Der Tagungsort war das hotel am alten park als Teil des Gebäudekomplex der evangelischen diakonissenanstalt augsburg (diako).

In diesem „Diakonissenhaus“, wie wir das zugehörige Krankenhaus in unserer Kindheit genannt haben, ist in einer grauen Spätherbstnacht in 2008 mein Vater gestorben. Damals habe ich am späten Nachmittag überraschend von seiner Einlieferung ins Krankenhaus erfahren und bin dann gleich ruckartig mit dem Auto ins Krankenhaus nach Augsburg gefahren.

Meinem Vater ging es sehr schlecht, aber nach Auskunft der Ärzte war sein Zustand nicht lebensbedrohlich. So bin ich nachts auf düsterer Herbstautobahn im Schneetreiben wieder heim gefahren – damals noch nach Riemerling – und habe dann zu Hause die Nachricht vom Tod meines Vaters erhalten.

Jetzt stand ich das erste Mal seit diesem Abend vor zirka neun Jahren wieder vor diesem Gebäude  – und musste rein. So wurde mein Vortrags-Besuch in Augsburg zu einem bedrückendem Ausflug in meine Vergangenheit. Mir fiel ein, dass ich genau in diesem Diakonissen-Haus im Frühjahr 1960 kerngesund meiner Mandeln beraubt wurde, weil ich im Winter 1959/1960 öfters erkältet gewesen war. Mir fiel ein, wie ich damals dagegen kämpfte, aber natürlich unterlegen bin und ich bis heute darunter leide (siehe auch meinen IF-Blog-Artikel dazu). Und mir fiel noch viel mehr ein, was ich in dieser Stadt so alles erlebt habe. Ich erlebte vor dem Vortrag eine wilde Bobfahrt der Gefühle durch die Jahre meines Heranwachsen in Augsburg von 1955 – 1969.

All das kam mir jetzt bei der Durchsicht des Videos wieder hoch. Mich selber habe ich in diesem Vortrag als ab und zu ein wenig unkonzentriert erlebt. Aufgrund des Erlebten konnte ich mir das nachsehen und veröffentliche den Vortrag trotz seiner Schwächen, weil ich ihn sehr authentisch empfinde.

Ursache für die vielleicht fehlende klar Linie war aber nicht nur meine angeschlagene seelische Situation. Auf der Fahrt nach Augsburg hatte ich meinen gut vorbereiteten Vortrag noch ziemlich umgestellt. Der Grund war, dass ich mich die Woche davor intensiv mit bitcoin und blockchain beschäftigt hatte und dabei auf ein paar für mich völlig neue Erkenntnisse gekommen war.

Ich hatte nicht verstanden (und verstehe es nicht), warum man im Internet genau das fordert und realisieren will, was uns im echten Leben rigoros verwehrt wird? Warum soll man im Internet gut maskiert versteckt hinter Identitäten an wesentlichen Dingen mit wirken, Transaktionen durchführen und sogar Geld besitzen dürfen? das alles anonym! Wenn genau dies im reellen Leben einem immer mehr verwehrt wird?

Oder gibt es da doch sehr gute Gründe dafür? Dass es zumindest im Internet noch möglich sein sollte? Das ist für mich eine ganz zentrale Frage!

Bitcoin ist ein gutes Beispiel, wie aufgrund falscher Requirements und schlechter Umsetzung eine wunderbare Idee vom „demokratischem“ Geld pervertiert wurde in ein kriminelles Wett- und Betrugssystem. „Gut gemeint und schlecht gemacht“ wird nach meiner Meinung diesem Phänomen nicht gerecht.

Jetzt bin ich in blockchain und bitcoin 8 Wochen weiter, und kann meine Vorbehalte besser erklären und meine Fragen präziser stellen als damals.

Weiter wollte ich im Vortrag vermitteln, dass wir wieder mal in einem grandiosen digitalen Umbruch sind. Es geht nicht mehr um Mensch-Maschine sondern um Maschine-Welt.

Ich will es so erklären. Seit 1969 programmiere ich. In der ersten Phase ging es im Wesentlichen um Algorithmen und Techniken wie Compiler, Betriebssysteme, Batch-Läufe, Transaktionen, Datenübertragung und Datenbanken und ein paar Anwendungen.

Dann ging es vor allem um die Schnittstelle zwischen den Menschen und den Anwendungen (Mensch-Maschine). Das hat uns von der Lochkarte zum Tablet und vom Tippen zu Sprach- und Gestenerkennung geführt. Die Anzahl der Anwendungen explodierte förmlich.

Heute geht es um autonome Systeme, die oft gar keine Schnittstelle zum Menschen mehr brauchen sondern gleich direkt mit ihrer „Umwelt“ kommunizieren. Das erklärt auch, warum die Sensortechnologie geradezu „explodiert“ und Dinge möglich macht, die bisher als unmöglich galten.

Das alles zusammen war ein wenig viel für einen kurzen Vortrag. So freue ich mich, dass der Vortrag mir damals doch noch halbwegs gelungen ist. Weil „schlecht drauf und weg vom Manuskript“ für einen Redner doppelt blöd ist. An einigen Stellen ist mir selbst meine Flüchtigkeit aufgefallen. Für den Fall, dass Ihr auf’s Video geht, bitte ich Euch, dies zu entschuldigen.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 1. November 2017

Von Authentität und Identität in realer und virtueller Welt.

 

Eine Gradwanderung

 

Steinmaske aus der vorkera­mischen Jung­steinzeit um 7.000 v. Chr., eine der ältesten Masken der Welt (Musée Bible et Terre Sainte, Paris)

In diesem Artikel formuliere ich Gedanken, die mir bei meiner aktuellen Beschäftigung mit „block-chain-Technologien“ allgemein und im besonderen mit „Krypto-Währungen“ wie Bitcoin gekommen sind und mich selber schon sehr überrascht haben. Weil mir da so manches klar geworden ist, was mir vorher gar nicht klar war.

Ich beginne mal mit Begriffen. Zuerst mit WELT, REAL wie VIRTUELL.

Unter WELT verstehe ich, alles was mich umgibt – Menschen, soziale Systeme … Ich verkehre mit WELT durch Interaktionen und Transaktionen. Meine Handlungen berühren nicht nur mich sondern auch Instanzen aus WELT. Andererseits streifen oder treffen mich Ereignisse aus WELT.

Für mich ist die REALE Welt immer das, was ich sehen, anfassen, fühlen, erleben … kann. Oder was ich essen kann. Auch das Holz, mit dem ich meinen Ofen füttere, damit es in meinem Zimmer warm wird. Auch die Wärme, die von der Zentralheizung kam, ist für mich REAL. Denn ich weiß ja, wo die Wärme herkommt, sei es von draußen als Fernwärme oder von der Heizung im Keller. Sogar Geld war für mich REAL – aber stimmt das überhaupt?

Ich würde sagen, alles von dem ich mir selber ein Bild machen konnte, war für mich REALE Welt. Aber auch Zeitungen waren für mich REAL, wie Telefongespräche. Sogar das Fernsehen war für mich Teil der REALEN Welt. Ist das noch so?

VIRTUELLE Welt waren für mich unter anderem die „sozialen“ Angebote und Produkte der digitalen WELT, an deren Erschaffung ich ja selber mitgewirkt habe. Da muss man gar nicht so weit denken wie an „second life“ und ähnliches. Vielmehr waren „meine“ ersten VIRTUELLEN Welten Foren und „chat rooms“, in denen diverse, oft fachliche Themen diskutiert wurden.

Heute könnte das unter anderem „Social Media“ sein wie Twitter, FaceBook und so viele mehr. Oder ist das alles auch REAL?

Betrachten wir jetzt die Begriffe AUTHENTITÄT und IDENTITÄT. Da habe ich zuerst gelernt, wie schlampig ich (und die Gesellschaft) mit dem Begriff der IDENTITÄT umgehen. Ich dachte immer, die Identität eines Menschen gibt es nur einmal. Das ist zumindest für die VIRTUELLE Welt Unsinn. Denn da gibt es (noch) Anonymität.
Anonymität bedeutet, dass
eine Person oder eine Gruppe nicht identifiziert werden kann. Von der Bedeutung her zum Teil synonym zu anonym ist inkognito, sonst spricht man im Deutschen von unbekannt, verdeckt und namenlos (Wikipedia 10/2017).

Daraus folgt, dass eine Person – die sich „anonym“ im Netz tummeln will (wie z.B. als Bitcoin-Eigentümer in der dazu gehörenden Geld-Community) – nicht nur eine sondern mehrere Identitäten braucht! Sozusagen für jeden Zweck eine andere. Hinter all diesen Identitäten steht immer nur eine Person, die zweifelsfrei und eineindeutig existiert, zu der die Identitäten aber nicht führen! Es gibt also eindeutige Abbildungen von der „authentischen Person“ zu ihren diversen Identitäten, aber keinen Weg zurück – d.h- über die Identität ist es unmöglich, die Person dahinter zu ermitteln. Das finde ich ganz schön aufregend!

Authentität ist für mich sozusagen eine ausgezeichnete Form von Identität, also die nur einmal vorhandene und wahrhafte „Ur-Identität“, die sich hinter verschiedenen Identitäten versteckt. In Wikipedia finde ich den Begriff AUTHENTITÄT übrigens nicht, aber sehr wohl den Begriff der Authentizität. Weil er fürs Thema  so wichtig ist, zitiere ich ihn:
Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch (Wikipedia 10/2017).

So würde ich sagen, dass die Identitäten nichts anders sind als anonyme Alias-Instanzen für einzig authentische Instanz, die ich jetzt mal Authentität nenne. In der VIRTUELLEN Welt sind das nichts anderes als Masken bzw. Avatare. Der Eigentümer der Maske / des Avatar bleibt anonym und kann nicht ermittelt werden, er hat aber einen quasi „automatischen“ (durch Technologie & Algorithmus gesicherten) Eigentumsanspruch an allem, was seiner Maske / seinem Atavar als Teil der „community“ gehört.

Bei Bitcoin wäre das so: Alle Bitcoin-Eigentümer sind Teil einer  besonderen Community von Identitäten, die alle anonym sind. Erstaunlich ist für: Das geht (oder soll gehen) per „peer2peer“-Interaktion. Also ohne zentrale Instanz!

Die dazu eingesetzte (notwendige?)  Technologie kostet allerdings einen hohen Preis, der diese „Währung“ zumindest als Zahlungsmittel unpraktikabel macht. So dass bitcoin nur noch der Spekulation (dem Wetten) dienen wird. Was aber an sich nichts besonderes ist – dienen doch mittlerweile weit über 90 % (99 % ?) der Währungsgeschäfte wie der Umtausch von EURO (€) in DOLLAR ($) und andersherum nur noch der Spekulation und nicht mehr dem Warenaustausch! Ist das normale Geld etwas auch schon VIRTUELL?

Zurück zum Thema: Ursprünglich dachte ich, dass meine IDENTITÄT meine AUTHENTITÄT ist. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, im Internet verstecke ich meine AUTHENTITÄT hinter verschiedenen IDENTITÄTEN. Und von diesen soll kein Weg zu meiner AUTHENTITÄT führen.

Die AUTHENTITÄT ist so eindeutig wie meine DNA. Die wäre ein guter „Schlüssel“ (als biometrisches Datum), da die Wahrscheinlichkeit einer doppelten DNA gegen Null geht (aufgrund der quasi Unendlichkeit von DNAs).

Noch muss ich z.B. im Hotel meinen Meldeschein ausfüllen, das heißt meinen Namen und Vorname, Geburtsort, Nationalität, meine Heimadresse und die Nummer meines Personalausweises angeben. Diese Daten in ihrer Kombination machen mich eindeutig. Mit dem Vorzeigen des Ausweises belege und meiner Unterschrift beurkunde ich die Echtheit (Wahrheit der Daten) meiner Person …
🙂 Das Hotel hat ja auch eine Adresse, obwohl die GPS-Koordinaten des Hoteleinganges präziser (und einfacher?) wären.

Aber lass uns der Reihe nach vorgehen und in der REALEN Welt beginnen: Ich habe als erstes in der REALEN Welt nach möglichen „echten anonymen Identitäten“ gesucht.

Als Beispiele sind mir eingefallen:

  • Nummernkonto
    Früher konnte man vorzugsweise in der Schweiz ein Konto eröffnen, das anonym war. Das Konto hatte nur eine (Konto-)Nummer, der Bank war jedoch nicht bekannt, wem das Konto (und das darauf befindliche Guthaben) gehörte. Die Legitimation erfolgte über die Nummer (sprich eine Chiffre). Und jeder, der die konkrete Bankfiliale besuchte und über Kontonummer und Chiffre verfügte, konnte (anonym) Geld abheben. Das hat viele Jahrzehnte gut funktioniert.
  • Bekanntschaftsanzeigen
    Früher konnte man in Tageszeitungen anonym zum Beispiel Bekanntschaftsanzeigen aufgeben. In der Anzeige gab es eine Chiffre, der wiederum ein Schlüssel zugeordnet war. Mit diesem Schlüssel konnte man die Zuschriften auf die Anzeige abhalten (die der passenden Chiffre zugeordnet waren).
    🙂 So erinnere ich mich, dass wir (vor allem die Mädchen in unserer Klasse) in der Schule in den 60iger Jahren aufgrund dieser „Anonymität“ vor Heiratsschwindlern gewarnt wurden …
  • KFZ-Kennzeichen, Telefonnummer …
    Im Straßenverkehr sind mir KFZ-Nummern eingefallen. Die waren früher auch anonym – obwohl es hier eine zentrale Instanz (so eine Art von „man-in-the-middle“) gab, die sehr wohl Bescheid wusste, wer der Halter war, der sich hinter dem Kennzeichen versteckte. Heute sind nur noch die KFZ-Kennzeichen von Fahrzeugen von Verfassungsschutz und ähnlichen Institutionen anonym – da kommt dann sogar die Polizei nicht dran.
    So war es auch bei Telefon-Nummern. Natürlich wusste die Post als „man-in-the-middle“, wer der Teilnehmer war, der sich hinter der Telefonnummer versteckte. Aber wer eine ausreichende Begründung hatte, war nicht im Telefonbuch und eigentlich nur durch Anrufen zu ermitteln.
  • Prepaid und E-Mail
    In der REELLEN Welt konnte man früher mit Mobiltelefonen dank Prepaid-Karten anonym bleiben. Und auch das Erwerben einer E-Mail-Adresse war ohne Angaben zu Person möglich. Oder ist das schon die „VIRTUELLE Welt“? Ich meine, das ändert sich derzeit zumindest in Deutschland massiv. So etwas geht immer weniger.
    Das Darknet der VIRTUELLEN Welt (?) soll ja auch immer weniger funktionieren. Das weiß ich aber nicht, sondern müsste ich erst untersuchen.

Also:
So richtig fallen mir keine aktuell existierende Anonymitäten über Identitäten in der REALEN Welt mehr ein. Im Gegenteil: Meine Wahrnehmung ist, dass ANONYMITÄT in der REALEN Welt unerwünscht ist und Gesetzgebern und Administration mehr oder weniger total abgeschafft wurde/wird.

Ist aber die VIRTUELLE Welt nicht Teil der REALEN Welt? Und ist die VIRTUELLE Welt nicht schizophren? Denn träumt manvon „anonymen Währungen und communities“, auf der anderen Seite macht man alles, um die Anonymität abzuschaffen!

So macht die Post Reklame für ihren POSTIDENT-Dienst, der ja auch nur ein Ziel hat: Die Anonymität auch in der VIRTUELLEN Welt abzuschaffen.


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Ist das nicht heiß? Man beachte auch hier die unpräzise Begriffsverwendung – Identitätsfeststellung und Legitimationsprüfung.

Aber der – sicher fragwürdige und leicht zu komprimittierende – Dienst wird von vielen Internet-Anbietern genutzt, die wissen wollen, mit wem sie es wirklich zu tun hat.

So stellen sich mir Fragen:

Ist es nicht unlogisch, wenn die REALE Welt die Anonymität komplett abschafft – diese aber in der VIRTUELLEN Welt Urstände feiern soll? Obwohl die VIRTUELLE Welt ja Teil der REALEN ist?

Was ist, wenn Technologie-Führer wie CHINA die Anonymität abschaffen? Folgt daraus nicht, dass durch die von uns von dort importierte Technologie sozusagen wir auch selbstredend die Anonymität verlieren?

Was macht es einen Sinn, wenn die Funktionalität des „guten alten Schweizer Nummernkonto“ durch anonyme Krypto-Währungen wieder realisiert wird?  Will man das überhaupt? Oder ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis diese verboten werden, weil z.B. auch das Bankgeheimnis nicht mehr im gesellschaftlichen Trend liegt?

Ist das Ganze nicht vielmehr nur ein ganz besonderes Werkzeug von Spekulation – so wie das „Wetten im Internet“ fröhliche Urstände feiert und zu einem massiven Geschäft betreffend Umsatz und Profit geworden ist?

Ich meine, dass diese Themen im Rahmen von gesellschaftlicher Ethik diskutiert werden sollte. Aber war machen wir? Wir gründen Ethik-Kommissionen, dies sich mit künstlicher Intelligenz und selbst fahrenden Autos beschäftigen. Die wichtige Frage, ob wir bewusst Teile der Gesellschaft  „anonym“ lassen wollen, diskutieren wir aber nicht. Wir blöken zwar über einen absurden Datenschutz und ereifern uns dazu – obwohl wir wissen, dass dieser so wie eingefordert garantiert nicht funktionieren wird – und verstricken uns dabei in einem Netz von Regeln und Gesetzen, die uns lähmen und aus dem wir wahrscheinlich nicht mehr herauskommen werden.

Die Auflösung dieses Themas ist für mich übrigens recht einfach:

Wenn (weltweit?) der Rechtsstaat garantiert ist, dann brauchen wir keine Anonymität. Auch kein anonymes Zahlungsmittel.

Wenn der Rechtsstaat jedoch in Gefahr oder Auflösung ist, dann tun wir gut daran, wenn wir „anonyme Räume“ beibehalten.

RMD

P.S.
Jetzt hoffe ich, dass ich mich halbwegs verständlich ausdrücken könnte und Euch nicht mit „AUTHENTITÄT“ und „IDENTITÄT“ verwirrt habe. Und als leichter Nachschlag noch eine Story zum Thema:
Leichtsinnig wie ich bin habe ich mir im Frühsommer in Athen meinen Geldbeutel in der U-Bahn stehlen gelassen. Da war ALLES drin. So musste ich auch einen neuen Personalausweis beantragen. Da wurde ich vom freundlichen Mitarbeiter der Kommune Neubiberg gefragt, ob ich diesen mit „digitaler Signatur“ haben wolle. Weil die bei der Ausweiserstellung umsonst dabei wäre – und ich später eine Gebühr von ich meine 20 € zahlen müsse.
Natürlich habe ich gefragt, für was ich diese „digitale Signatur“ denn nützen könne? Meinem „Kundenberater“ von der Gemeinde viel da nicht viel ein – außer einem komischen Gewerberegister, dessen Sinn mir nicht klar wurde.
So habe ich ihn gefragt, ob diese Signatur zumindest für die elektronische Steuererklärung (Elster) möglich wäre. Als er das verneinte, habe ich – wohl mehr aus Trotz – auf die digitale Signatur verzichtet – und glaube, dass dies kein Nachteil für mich ist.

Vor einigen Jahrtausenden hat der Mensch das Rad erfunden und ein „wenig später“ den Hebel entdeckt. Bis zur Erfindung der Schubkarre – obwohl nur eine einfache Kombination von Rad und Hebel – hat es dann ein paar Jahrtausende gedauert. Dann ging es schneller, es wurden elementare Dinge wie Kurbel und Zahnräder erfunden. Und die Dampfmaschine, der Dieselmotor und die Elektrizität …

Und mit der Informations- und Kommunikationstechnologie ging das Rad dann so richtig ab.

Da war ich wohl beim Fotograf – gespannt was mir mir passieren würde.

Oft frage ich mich, wann der sich der erste Elektromotor in unserem Hause gedreht hat. Ich bin mir sicher war, das es erst nach unserem Umzug 1955 vom Land in die Stadt war. Ich weiß dann noch, dass Ende der Fünfziger eine Wäsche-Schleuder in unsere Waschküche eine große moderne Errungenschaft war, die zweifelsfrei einen elektrischen Motor hatte.

Andere Elektro-Geräte gab es in meiner Erinnerung in unserem Haushalt damals nicht. Bis dann die erste Modelleisenbahn von Märklin kam. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Bis dahin hatten bei uns im Haushalt die mechanischen Geräte eine Hand-Kurbel. Und die komplizierten Zahnräder. Zum Beispiel der Fleischwolf, die Kaffee-Mühle, das Gerät zum Sahne schlagen … Auch die Bohrmaschine hatte Handbetrieb.

So hatte ich eine hohe Verehrung von Zahnrädern …

Eines Tages hatten wir einen Schulausflug (das war in der 3. oder 4. Klasse in der „Wittelsbacher Volksschule“ in Augsburg) bei der Zahnradfabrik Renk – heute ein börsennotiertes Unternehmen der MAN AG.

Die Schule war neben der Kirche St. Anton und so nicht weit weg vom „Wittelsbacher Park“. In diesem Park gab es wiederum eine Besonderheit – den „Rudolf Diesel Hain“. Das war ein Rechteck so groß wie ein Schrebergarten umwachsen mit zypressen-ähnlichen Gewächsen. Es gab einen Ein- und Ausgang, im inneren standen große Felsen aus Japan. Auf Kupfertafeln gab es Inschriften (zumindest in meiner Erinnerung), in denen sich das japanische Volk bei dem großen Deutschen Rudolf Diesel für die Erfindung des gleichnamigen Motors bedankte, der den Menschen weltweit erniedrigende und schwere körperliche Arbeit erspart hätte. Und deshalb der Stadt Augsburg als Geburtsstadt des großen Mannes die Felsen geschenkt hat.

Der Rudolf Diesel Hain war ein schöner Fleck Natur, der mir beim Schwänzen des sonntäglichen Kirchgangs liebe Zuflucht war.

Für mich war die Führung durch die Fabrik sehr spannend. Die Bearbeitung von Eisen ist schon etwas besonderes – und die Menschen in diesem Geschäft waren es auch. Zur Verabschiedung bekam unser Lehrer von unserem Führer ein großes und ziemlich schweres Zahnrad (Durchmesser vielleicht 20 cm) geschenkt, das Gewicht aber bestimmt ein paar Kilo.

Ich gehe mal davon aus, dass das Zahnrad so etwas wie ein Auschuss-Teil war. Die Ehefrau unseres Lehrers war wohl nicht so von dem Trum begeistert, das unser Klassenlehrer da heim gebracht hat.

Auf jeden Fall hatte er am Morgen das Zahnrad dabei, legte es auf den Schreibtisch und lobte es aus: Wir sollten einen „Erlebnis-Bericht“ zu unserem Ausflug schreiben. Und der Gewinner (der den besten „Aufsatz“ schreiben würde) sollte das Zahnrad als Preis bekommen.

Ich war wie elektrisiert. Denn das Zahnrad wollte ich unbedingt haben. Zwar war ich ein Außenseiter, denn meine Deutsch war mein schlechtestes Fach. Ich hatte schon vor der Schule lesen gelernt und die meisten Karl Mays hinter mir, so fand ich unser Lesebuch nur ätzend.

Aber was zählt das alles, wenn man unbedingt etwas gewinnen will? Nichts!

So gab ich mir bei diesem Aufsatz eine extreme Mühe, wie wohl nie wieder im Leben. Ich wollte das Zahnrad haben, hatte die Begeisterung für den Ausflug im Kopf, „Drehbuch“ und schrieb diese auf. Ausnahmsweise versuchte ich formale Fehler strengstens zu vermeiden und sogar auf Satzzeichen zu achten – alles Dinge, die mir damals ansonsten so ziemlich egal waren. Sogar bei meiner Schrift gab ich mir richtig Mühe, ich vermute mal dass diese Seiten in meinem Heft die einzigen waren, die nicht geschmiert waren.

Seitdem weiß ich, was es heißt, motiviert zu sein.

Ich musste noch ein oder zwei Tage warten, dann kam der Tag der Entscheidung. Und siehe da – ich hatte den ersten Platz gemacht und das Zahnrad gewonnen. Und ich war der glücklichste Mensch auf der Welt. Das hielt auch den ganzen Heimweg an. Nur wie ich nach Hause kam wurde die gute Note in Deutsch von meiner Mutter nur mit einem abwertenden „wenn Du willst dann kannst Du es ja doch“ gewürdigt. Das Zahnrad dagegen wurde überhaupt nicht wert geschätzt, im Gegenteil mit einem sehr gering schätzendem „Was hast Du denn da wieder mitgebracht“ bedacht.

Wahrscheinlich ging es ja meinem Lehrer ein paar Tage vorher ähnlich. Aber das war auch kein rechter Trost für mich.

Das Zahnrad bekam einen Ehrenplatz in meinem Zimmer. Es roch wohltuend nach Maschinenöl.

Ich weiß noch, wie dann so 10 Jahre später von meiner Mutter genötigt wurde, das Zahnrad zu entsorgen. Es war ein wirklich schönes Zahnrad.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 2. März 2017

Mein Freund der Marder.

Mein Feind ist wieder da!

 

Hermelin (Mustela erminea) im Sommerfell.

Ab meinem 18. Lebensjahr fahre ich Auto. Und hatte über all die vielen Jahre einen Todfeind: Den vom Gesetz geschützten Marder.

Wie oft wollte ich mein Auto anlassen – und es ging nicht. Weil dieses Vieh irgendein Kabel durchgebissen hatte.

Das hat mich über die Jahre ganz schön viel Geld gekostet. Und was habe ich alles gemacht! Jeden Abend Gitter unters Auto gelegt (und am Morgen wieder weggeräumt), diversen Voodoo-Zauber angewendet und es genauso erfolglos mit HighTech probiert und kleine Boxen mit Ultraschall-Geräten ins Auto eingebaut. Wirklich, ich habe alles versucht um meinen Feind vom Auto fernzuhalten.

Hier ein Steinmarder. Weil das obere Bild einen Wiesel aus der Familie der Marder zeigt.

Jetzt habe ich es geschafft. Ich habe kein Auto mehr. Und spare ganz schön viel Geld. Und habe auch nicht mehr das Problem, dass ich morgens verzweifelt bin, weil das Auto nicht anspringen will.

Ab und zu habe ich einen Platten am Fahrrad, wenn ich weg radeln will. Das ist nicht schlimm – dann nehme ich halt ein anderes Fahrrad, ich habe ja mehrere. Und schuld ist da auch nicht der Marder, sondern meistens ein Glassplitter, ein scharfes Split-Teil oder ein Metallteil.

So habe ich mich mit dem Marder versöhnt. Dachte ich zumindest!

Und was passiert gestern? Am Morgen meldet meine Heizanlage, dass die Solaranlage für Warmwasser am Dach eine Störung hat. Der Monteur hat dann gesagt, dass der Schaden nicht unter den Wartungsvertrag fällt, weil er von einem Marder verursacht wurde. Das würde öfters vorkommen. Und ich müsse löhnen.

🙂 Er ist wieder da …

RMD

P.S.
Beide Bilder sind aus Wikipedia.
Das schöne Bild des Wiesels (oben) ist aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons. Urheber ist James Lindsey, die Quelle ist
http://popgen.unimaas.nl/~jlindsey/commanster.html
Das Bild vom Steinmarder (Martes foina) ist von Atirador.

Roland Dürre
Donnerstag, der 16. Februar 2017

1985 objektorientiert – heute agil digital lean open social.

Dieses Buch habe ich im Herbst 1985 auf der Uniforum druckfrisch erworben und als erster nach München gebracht.

Vor kurzem habe ich dieses Buch wieder gefunden. Das hat mich daran erinnert, dass ich im Februar 1985 (Dallas, Texas) und 1986 (Anaheim, California) gemeinsam mit Freunden auf Uniforum-Konferenzen war. Es war großartig, die Uniforum war damals die UNIX-Konferenz in USA. Diese hatte Tausende von begeisterten Besuchern, die aus aller Welt kamen. Dort habe ich eine riesige Aufbruchstimmung erlebt.

Es gab damals auch eine kleine Sensation. Druckfrische Exemplare des ganz neuen Buches zu C++ von Bjarne Stroustrup (siehe Foto links) wurden mitten hinein die Konferenz geliefert und direkt von der Palette weg verkauft. Ich habe ein paar Exemplare erworben und mit nach Hause genommen. Das dürften die ersten Bücher zu C++ gewesen sein, die Münchner Boden erreicht haben.

Da ist mir wieder eingefallen: In den 80iger Jahren habe ich immer wieder Vorträge zu Software-Entwicklung gehalten. Ein zentrales Thema war damals der Wandel in der Programmierung, das zentrale Schlagwort immer wieder OBJEKTORIENTIERT.

Ich habe auch als Auftragsarbeit für IT-Manager diverse Vorträge zum Thema „OBJEKTORIENTIERTE Programmierung“ verfertigt. So auch für ein „hohes Tier“ der Siemens AG im UB D bei D AP (oder war das damals schon SNI?). Er hatte den Auftrag, seinem „Führungskreis“ zu erläutern, was OBJEKTORIENTIERTHEIT denn überhaupt so wäre. Der Vortrag kam laut Rückmeldung gut an – genutzt hat es freilich nichts.

🙂 Heute programmiert die ganze Welt „objektorientiert“. Für meinen Geschmack sogar einen Tick zu sehr.

Später habe ich „meine Programmierstiefel“ an die Wand gehängt und bin so etwas wie ein „Unternehmer“ geworden.

Jetzt war ich nicht mehr als Technologie-Evangelist unterwegs sondern habe über Führung und Management gesprochen. Und besonders das „smarte“ Pentagramm der Begriffe „agil“, „digital“, „lean“, „open“, „social“ und deren Zusammenhänge „gepredigt“.

So habe ich berichtet, warum Mut und Freude der Menschen in den Unternehmen eine zentrale Voraussetzung auch für den wirtschaftlichen Erfolg ist. Und begründet, wie notwendig gegenseitiger Respekt und Wertschätzung untereinander (nicht nur) im Unternehmen sind. Warum Augenhöhe und gemeinsames Teilhaben und Verantworten die Voraussetzung für Innovation sind. Und warum Menschen keine „Resourcen“ sind. Und wie man den Wandel nur agil schaffen kann.

„Pro Agil“ auf dem Podium der DOAG Jahreskonferenz in 2013.

Ich habe erklärt, warum Prozesse, Regeln  und Bürokratie die notwendige Veränderung verhindern. Welch hoher Schaden durch „Tayloristische Entwicklungen“ in der Organisation entsteht und wie viel Verschwendung (waste als Gegenteil von „lean“) eine überbordende Verwaltung und die daraus folgende Verbürokratisierung des Unternehmens verursachen. Und dass es keinen Sinn macht, sich in endlosen Besprechungen zu tummeln.

Und dass Abteilungen wie „human resource“, „customer relation ship management“, „marketing“, „legal service“ etc. den Erfolg des Unternehmens eben nicht absichern sondern eher gefährden.

Und dass die jungen und guten Leute lieber für Unternehmen arbeiten, bei denen Vertrauen das zentrale Element ihrer Kultur ist.

Das kann ich alles gut begründen. Habe ich doch selber miterlebt, wie wir Software-Entwickler einen (nach meiner Meinung wesentlichen Beitrag) zu einem neuen Verständnis von Arbeit geleistet haben, der jetzt immer mehr auch in ganz anderen Branchen um sich greift (#newwork). Und so die Welt mit verändert hat.

Ob mein Trommeln für „agil, digital, lean, open, social“ als „smartes“ Pentagramm etwas nutzt? Ich bin mir nicht sicher.

Ich habe auch den Eindruck, dass meine Zuhörer das überwiegend genauso sehen. So würde ich mich freuen, wenn wir in der Deutschen Wirtschaft nicht so viel von Industrie 4.0 sondern mehr von Unternehmenskultur sprechen würden. Ganz gleich ob 2.0 oder 5.0.

Auch die großen Bosse müssen verstehen, dass unsere Unternehmen und wir nur dann gut überleben werden, wenn wir bereit sind unsere Gewissheiten in Frage zu stellen und unsere Gewohnheiten zu ändern.

Ich verstehe ja, dass es weh tut, Hierarchien wie lieb gewonnene Pfründe und gewohnte Strukturen in Frage zu stellen. Besonders wenn man Boss ist. Aber ich bitte zu bedenken: Wir leben nicht mehr in der Welt der Fließbänder von Henry Ford und auch die hohe Zeit der Schlachthöfe von Chicago geht zu Ende.

RMD

P.S.
Den Stern habe ich aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons eingebunden.