Am Freitag sind sie in der Himmelfahrtskirche München-Sendling,

die arcis vocalisten

Ich verweise kurzfristig auf dieses einzigartige Konzert, nicht nur weil es noch Karten gibt. Vor allem aber deshalb, weil es eine einzigartige Aufführung werden wird, die man nicht versäumen sollte!

Das Besondere ist nicht, dass es À-Cappella, also ohne Musikinstrumente und Orchester gegeben wird. Was von den Sängern mehr abverlangt, weil keine Instrumente da sind, die das spielen, was sie singen sollen.

Sondern, dass es eine Welturaufführung beinhaltet:
Markus Fritz singt selbst bei bei den arcis vocalisten und er hat das Werk
„De Tranquilitate Animi“
nach Worten von Seneca komponiert!!!

Außerdem werden noch eine Messe von Rheinberger und ein paar Stücke von Brahms (Opus 74 No. 1 ) und Kaminski gegeben:

FlyerACapella

Wenn ich an diesem Tage nicht in Frankreich wäre, würde ich auf jeden Fall hingehen.

Nicht nur aber auch weil die Evelyn (EG) mit singt.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 10. August 2015

Komplexität & Katzenfutter.

Vom 10. bis zum 12. September bin ich in Berlin. Warum? Weil dort wieder mal PM-Camp ist! Schon das dritte Mal. Beim PM Camp Berlin geht es um Komplexität. Genauer gesagt geht es dieses Jahr um die Frage: „Komplexität – reduzieren oder erhöhen?“

Hier ist mein Beitrag für die Blogparade des PM Camp Berlin 2015 und ganz persönlich für Heiko!

20150810_150437_resizedKatzen geht es gut.

Sie müssen nicht arbeiten und können den ganzen Tag machen, was sie wollen. So streunen sie durch die Gegend oder beobachten die Gegend von ihrem Lieblingsplatz beim sich Sonnen. Ab und zu spielen sie mit einer Maus oder einem Vogel „Böse Katze“. Wenn sie aber schnurren findet sich sofort jemand, der sie streichelt. Morgens und abends bekommen sie ihr Futter. Einfach so. Ohne etwas dafür tun zu müssen.

Die „Katzenmutter“ hat es auch besser als früher. Denn das Katzenfutter kommt heute aus Säcken oder Dosen. Man kauft einmal im Monat einen Sack oder eine Kiste mit Dosen. Das war’s dann. Oder ganz modern kauft man Tütchen, wie links im Bild zu sehen. Das ist das typische Katzen-Futter der Neuzeit. Auch wenn keiner weiß, was drin ist. Dafür sind sie ein wenig teurer. Aber das ist uns unsere Katze wert.

Wir analysieren mal, was „Mensch“ da alles für die Katze getan hat, damit die Katzenmutti morgens zum Tütchen greifen und so ihren Liebling glücklich machen kann.

Wir beginnen mit der Verpackung.

Sie besteht aus einer extrem dünnen Folie, wie sie zum Beispiel mit der Technologie von Brückner in Siegsdorf produziert wird. Es ist sehr beeindruckend, wie solche Folien in Riesenmaschinen hauchdünn gestreckt werden und auf dem Produktions-Weg die Maschine und das Produkt immer breiter werden. Und wie viel Aufwand und vor allem Grips allein die Qualitätskontrolle und Steuerung erfordert.

Damit diese Folie das Futter aufnehmen kann, muss sie in mehreren Prozessen metallisch bedampft und weiter beschichtet und behandelt werden. Enormes und sehr spezielles Ingenieurswissen ermöglicht das. Dann wird sie vielfarbig bedruckt. Auch das ist eine Technologie für sich. Dass die Gestaltung der Bilder mit Graphiksoftware erfolgt, erwähne ich hier nur am Rande. Aber das Verkleben bzw. Verschweißen der Folie zum wasser- und luftdichten Tütchen ist die nächste Sensation, die wie vieles in Abfüllprozessen oft unglaublich anmutet.

Betrachten wir nun den Inhalt.

Die Welt der Chemie macht es möglich und gaukelt Mensch und Tier vor, da wäre etwas Wertvolles drin. Das Geschlabbere hat eine erstaunliche Konsistenz, einen charakteristischen Geruch und behält sogar eine Zeitlang seine Form. Alles Wissenschaft. Es hat auch eine erstaunliche Haltbarkeit und ein Setup vieler Zusatzstoffe sorgen dafür, dass die Katze trotz all dem nicht sofort krank wird und nach außen zumindest gesund erscheint. Es ist ein Wunderwerk – auch nur möglich dank geballter Wissenschaft.

So wird in automatisierten Tierfutter-Fabriken gepanscht, gebraut und abgefüllt. Dies aber gesteuert von Computern, immer mit gleich bleibender Qualität und ohne Varianzen. Als Input kommen die Kontainer mit den Rohstoffen hinein in die Fabrik, heraus kommen die konfektionierten Kartons. Und immer noch ist meistens der deutsche Mittelstand dabei, denn unsere „hidden champions“ haben genau das Know-How. Sie bauen die weltbesten Maschinen genau für solche Prozesse.

Marketing und Logistik

Das ganze verkauft sich nur, weil eine Marketingmaschine rund um die Welt läuft. Vom Internet übers Fernsehen bis in die bunten Illustrierten sieht man die glücklichen Kätzchen, die dieses Futter so gerne essen. Eine geile Manipulation als Mischung von emotionalen Bildern und digitalem Marketing. Wir kapieren die Botschaft – die richtige Marke macht die Katze und damit den Menschen glücklich.

Auch die Logistik ist nicht ohne. Denn die moderne Katzenmutter kauft die schweren Säcke mit dem Trockenfutter und die Pakete mit den vielen bunten Tütchen natürlich im Internet. Mit einem Click. Denn nur noch altmodische und meinstens alte Menschen, die noch Autofahren, schleppen die schweren Säcke vom Fressnapf mit ihrem SUV nach Hause, bei dem dann aber der Kofferraumdeckel mit einer Fuss-Geste gesteuert wie von selbst auf und zu geht.

Also macht Amazon seinen Job. Und verteilt mit schweren LKWs, die brav ihre Maut in einem der besten Mautsysteme der Welt bezahlen, die Waren in ihre Auslieferungscenter. Und bestellt der Kunde am Abend, bringt DHL oder Konsorten die ware und die Katze hat am nächsten Vormittag etwas zu fressen. Ach, wie ist die Welt doch einfach geworden …

Und eigentlich ist alles für die Katz.

Denn die Katze würde viel lieber ein wenig gekochtes Herz oder Lunge vom Metzger speisen. Aber so ein Katzenleben ist halt auch nicht perfekt. Und wir alle müssen uns halt alle der modernen Welt unterwerfen – Mensch wie Tier.

RMD

P.S.
Jetzt sage mir einer, dass das Tütchen mit feuchtem Katzenfutter kein komplexes Produkt wäre …

Roland Dürre
Donnerstag, der 18. Juni 2015

Von Helden, Gladiatoren und Konsumenten.

220px-Weltmeister_autograph_1954Eberhard Huber hat in Dornbirn bei einem der frühen PM-Camps eine tolle Session mit der Überschrift „Kulturzwiebel“ gehalten. Ich habe darüber berichtet.

Die „Kulturzwiebel“ beschreibt modellhaft soziale Systeme, wie zum Beispiel auch die Bundesrepublik Deutschland eines ist. Die Schalen der „Zwiebel“ sind so z.B. ihre Symbole, Rituale, basic beliefs, Überzeugungen, Werte …. Und ganz speziell spielen die „Helden“ des Systems auch eine Rolle.

Diese Session hat mich angeregt und ich habe mich auf die Suche nach meinen „deutschen“ Helden begeben. Dabei habe ich an die großen Klassiker der Literatur (Goethe, Schiller … ) an moderne Schriftsteller (Brecht, Grass …) und an Philosophen (Kant, Nietzsche …) gedacht.  Ich habe mir weiter überlegt, ob Politiker (Erhard, Brandt …), Menschen im Widerstand (Scholl, Staufenberg), Komponisten (Bach, Beethoven …) und Musiker (Lindenberg, Nina) und viele mehr für mich als meine  Helden in Frage kommen.

Keine und keiner von diesen konnte niemand meinen Anspruch an einen „deutschen Helden“ oder eine „deutsche Heldin“ zufrieden stellen. Da ich leidenschaftlicher Fußballer war und bin, habe ich dort weiter gesucht. Beckenbauer, Haller und Uwe Seeler (der noch am ehesten) waren es aber auch nicht.

Und dann kam mir der Gedanke:
Die Fußball-Weltmeister von 1954 – die Helden von Bern – die sind es! Diese Mannschaft fand ich noch am ehesten würdig, meine „Deutsche Helden“ zu sein.

Aber das ist jetzt 61 Jahre her. Jetzt leben wir im 21. Jahrhundert. Vor kurzem habe ich das Finale der Champions League Juventus gegen Barcelona 2015 in Berlin im Frensehen verfolgt. Und wieder einmal mehr war ich verwundert, wie exzessiv eigentlich all die Stars von heute tätowiert sind. Und habe auch über die ausgefallenen Frisuren gestaunt.

Und dann ist es mir schlagartig klar geworden:
Die Fußballer von heute sind die Gladiatoren unserer Zeiten. Die Tattoos und ihre gefärbten Kamm- und sonstigen Frisuren sind Teil ihrer Kriegstracht. Ihre Herren sind die Vereine und dahinter die großen Konzerne. Für die kämpfen sie und von denen werden sie für ihren Kampf bezahlt. So und gestützt von weiteren Marketingmaßnahmen werden die Konsumenten abhängig gemacht und bei Kauflaune gehalten. Diese bejubeln „ihre“ Gladiatoren und kaufen folgsam die Produkte der Herren derselbigen.

So sind die Wettkämpfe unserer Gladiatoren die größten Spektakel unserer Zeit. Wenn die „richtige Seite“ siegt, flippt das Volk aus, wenn sie verliert, sind die Fans (das Konsumentenvolkt) zu Tode betrübt und verbrennen ihre Fahnen.

Fußballer sind die modernen Söldnern der Neuzeit. Sie „spielen“  für den, der am meisten zahlt. Aber vor allem kämpfen sie für den Konsum der Masse. Es geht nicht mehr um panem et circenses zur Ablenkung und Unterhaltung der Menschen wie im alten Rom sondern um Umsatz und Profit, also um die „Kohle“ (vulgo das Geld) der Masse.

Ich denke mir, dass diese Entwicklung ein Anzeichen für die Dekadenz unserer Zeit ist. Der Dekadenz, die als Vorstufe des Endes in prosperierenden sozialen Systemen kurz vor deren Untergang auftritt.

Wir aber wissen, dass Innovation kreative Zerstörung ist und freuen uns schon auf das Neue. Und genießen die morbide Freude am Untergang all derer, die an dieser Entwicklung schuld sind. Bloß sind damit wir alle gemeint.

RMD

P.S.
Es gibt auch so eine Art Ausbeutungs- und Versorgungsorganisation der Gladiatoren. Die nennt sich FIFA und verdient viel Geld mit den neuen Spielen.

Roland Dürre
Samstag, der 21. Februar 2015

METAPHER.

Triptychon vom brennendem Dornbusch, Mitteltafel

Triptychon vom brennendem Dornbusch, Mitteltafel

Wie oft fehlen mir die Worte, etwas präzise auszudrücken. So wie ich es gerne möchte. Dann würde die Kraft eines guten Bildes helfen. Denn folgendes Beispiel für eine Metapher kennt ein jeder:

„Ein Bild sagt mehr als 1.000 Wort.“

Jetzt haben mindestens zwei meiner Freunde eine besondere Begabung. Sie verstehen schwierige Zusammenhänge im gemeinsamen Gespräch sehr rasch und können diese blitzschnell mit dem Stift als Graphik auf ein Blatt Papier oder ins Pad abbilden.

Die Thematik wird plötzlich sehr leicht verständlich; die wertvolle und schöne Visualierung hilft ungemein die oft sehr schwierigen Gedankengebäude, Projekte, Planungen, Vorhaben, zukünftigen Entwicklungen und vieles mehr förmlich mit dem Auge zu erfassen.

Leider zeichnet mich diese Fähigkeit zum schönen Zeichnen nicht so aus. Aber ich habe etwas anderes gelernt: Vor gar nicht langer Zeit nahm ich an einem Kolloquium der Philosophie teil, das mein Freund Klaus-Jürgen Grün in München veranstaltete. Dabei ging es um den Wert und die Bedeutung von Worten und der Metapher.

Ich habe dort verstanden, dass wie in Bildern auch in der Metapher eine große Kraft liegt. Und dass die Metapher gut geeignet ist, eine Botschaft überzeugend zu unterstützen. Das nutze ich jetzt bewusst und fühle ich mich so beim Formulieren wohler – unterstützt nach wie vor von ein wenig belanglosem Gekritzel an der Tafel oder auf dem Papier.

Das Gelernte wollte ich im Gespräch mit einem Freund testen. Ich berichtete ihm von dem großartigen Film Alphabet von Erwin Wagenhofer und habe eine Metapher aus diesem Film angewendet:

Als Kinder sind wir zu 98 % Genies, nach der Ausbildung nur noch zu 2 %“.

So wollte ich ihm meine Skepsis gegen unser Bildungssystem näher bringen. Da bin ich aber ein wenig reingefallen, denn der Begriff des Genies kann ja sehr vieldeutig interpretiert werden. Das lenkt von der gewollten Aussage ab und raubte der Metapher ein wenig die Kraft.

Mein Gesprächspartner hat das sofort gemerkt und zuerst mal von mir eine präzise Definition des Begriffes „Genie“ verlangt. Und da stand ich auf dem Schlauch und habe etwas von „gegenläufigen Denken“ gemurmelt.

Beim zweiten Mal habe ich es mit einer anderen Metapher probiert. Die hat dann funktioniert. Sie unterstreicht eine Botschaft, die ich fürs ganze Leben für sehr wichtig halte:

„Nicht Wasser predigen und Wein trinken!“

Wir wissen genau, was „Wasser“ und „Wein“ ist. Und auch was „predigen“ und „trinken“ bedeutet.

So ist das eine schöne Metapher, um den Begriff der „Vorbildfunktion“ zu erläutern. Und die ist im Leben nicht nur für die Rolle eines Unternehmers relevant.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 24. Dezember 2014

brand eins im Januar (2015)

Betrachten wir heute mal die Werbung, die keiner mehr braucht!

Was macht man am Heilig Abend? Man wartet auf die Bescherung. Und liest brand eins. Und natürlich im Heft des neuen Jahres, auch wenn das Dezember Heft von 2014 noch nicht ganz ausgelesen ist. Das hat den Titel „Lass Krachen“ und hat mir nicht nur wegen des Schwerpunkts „Genuss“ viel Freude gemacht.

Um es gleich zu sagen: Das neue brand eins mit dem Titel DU und dem Schwerpunkt Selbstbestimmung hat mir sehr geholfen, die Zeit zur Bescherung zu überbrücken und so einen wertvollen Heilig Abend Nachmittag beschert. Es ist eine ganz tolle Nummer, vom redaktionellen Teil bin ich wieder mal so richtig begeistert.

brandeins 01 15

Brand eins ist wohl zu gut geworden. Und das haben auch andere gemerkt. Das mag für brand eins geschäftlich von Vorteil sein, hat aber seine Nachteile.

Zuerst ist es die Menge an Werbung, die mich überrascht. Und wenn etwas gut ist, dann schleicht sich schnell mal die Werbung rein. So wie beim Bayerischen Rundfunk im zweiten Programm (Bayern2). Immer mehr Minuten werde ich dort mit Reklame belästigt. Und überlege mir schon, diesen Sender nicht mehr anzuhören sondern mich nur noch von podcasts zu „ernähren“.

Der Bayerische Rundfunk ist doch öffentlich rechtlich finanziert. Er sollte doch zumindest bei seinen qualitativ hochwertigen Hörfunk-Programmen ohne Werbung auskommen. Da zahle ich gerne meine GEZ-Gebühren dafür.

Bei brand eins dürften es wohl andere Voraussetzungen sein als beim Bayerischen Rundfunk. Da lebt die Redaktion von der Werbung. Finde ich zwar schade, kann ich aber nicht ändern. Also schüttele ich zuerst die Beilagen aus dem Heft heraus. Seitdem ich die SZ nur noch digital lese, bin ich da nicht mehr so geübt. Es dauert, aber dann habe ich es geschafft.

Auf dem Boden liegen jetzt die Österreicher, die mich zum Schifahren holen wollen (ich weiß, wie gut Austria Tourismus bei „incoming operations“ ist). Daneben liegen die Sachsen. Die behaupten, dass die Zukunft aus Sachsen käme, was natürlich Blödsinn ist. Der „The Economist“ liegt auch da und will mich haben wie auch ein Wohlfühlfond namens ÖKOVISION, in den ich investieren soll, dies aber nicht will und nicht werde.

Es gibt aber auch Werbung, die beim Rausschütteln partout nicht raus will, weil sie eingeheftet ist. Diese heimtückische Methode wendet LEXWARE an, eine Software, die garantiert keiner braucht.

Aber auch im Heft ist mittlerweile Werbung ohne Ende drin. Uns es überrascht mich auch die von mir als massiv empfundene „Dümmlichkeit“ der Inhalte der Werbebotschaften. Geht es noch dümmer? Aber auch die Fragwürdigkeit der angepriesenen Produkte ist mehrheitlich beeindruckend.

Vorne auf zwei Seiten und auf der Rückseite sind zwei Luxusuhren-Labels vertreten, PATEK PHILLIPE und IWC Schaffhausen. Von vorne geht es weiter mit der Bethmann Bank (ABN AMRO), dann will mir RIMOWA seine schönen Koffer verkaufen. Microsoft will mich gar vom Garagentüftler zum Konzernchef machen (make it happen). Gleich danach schaut mich ein finsterer Typ von der CONSORSBANK.de an, der ein COMING OUT plant (IN JEDEM VON UNS STECKT EIN KLEINER BANKER. ZEIT FÜRS …). Occhio will mich mit perfect light versorgen, ich soll einen blauen FORD FOCUS mit Einpark-Assistent kaufen und Musik „wireless“ mit harman/kardon hören.

Kurz vor dem Schwerpunkt des Hefts soll ich dann auf vier Seiten Porsche fahren. Porsche will übrigens bei mir eine Spannung erzeugen, weil das seine Hauptaufgabe wäre (???). Gleich nach dem Porsche kommt vitra. (mit dem Punkt) und will mir einen „Soft Pad Chair EA 208“ verkaufen. Einmal umgeblättert wird es noch schlimmer, da wollen zwei Bundesministerien (Arbeit und Soziales, Wirtschaft und Energie gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit) bei uns einen Fachkräfte-Check machen. Sachen gibts!

Dabei ich bin ich erst auf Seite 40 von 162. Mir schwant Übles, aber ich gebe noch nicht auf und mache weiter mit der Suche nach Werbung.

Und ich soll schon wieder Bürostühle kaufen. Von interstuhl. Und der Stuhl heißt SILVER und ist der STUHL UNTER DEN STÜHLEN. Nach einer kleinen Erholungspause kommt die DKMS und will „KURZ LEBEN RETTEN“. Die meinen, ich sollte dringend mit meiner Firma etwas gegen Blutkrebs unternehmen. Dann kommt zwei mal Werbung für eine brand eins – Veranstaltung (gemeinsam mit TAGESSPIEGEL, die Lobby für Kinder und dm) und für eine brand eins – Publikation.

Und schon erwischt mich der Airport Düsseldorf mit „Düsseldorf Airport Advertising“, ganz gnädig als erster nur auf einer drittel Seite quer (alle Anzeigen davor waren ganz- bzw. mehrseitig). Im Folgenden finde ich noch vergleichsweise bescheidenen vertikale Drittel-Seite-Anzeigen mit PSYCHOLOGIE HEUTE und dem „branding institute – wien“.

Jetzt werde ich nicht mehr fündig, eine ganze Reihe von Seiten sind werbe-frei und bestehen nur aus Text und Fotos. Damit ist aber Schluss auf Seite 87 – das Handelsblatt will mir einen Digitalpass verkaufen (wieder ganzseitig). Wenige Seiten weiter soll ich H.O.M.E lesen, weil sie im modernen Leben zu Hause wären (wieder ganzseitig). Angelangt auf Seite 92 grüßt mich der Spiegel (ganzseitig) mit „Geschichte“ und „DIE BIBEL“ (DEM MÄCHTIGSTEM BUCH DER WELT). Und alles kann ich natürlich auch immer als APP haben. Und nur eine Seite später – wieder ganzseitig – beglückt mich SAT.1 mit „NUR DIE LIEBE ZÄHLT“. Auch das wie so oft bisher in ganz großen Buchstaben.

Endlich angekommen auf Seite 98/99 finde ich die fiese Lexware-Werbung, die eingeheftet ist und überlege mir, ob ich sie raus machen soll. Aber raus machen könnte das schöne Heft ja beschädigen, also mache ich weiter.

So komme ich zu Kleinanzeigen und Eigenwerbung. Und tatsächlich, bis 109 ist dann wieder werbefreie Zone, erst auf Seite 110 ermahnt mich die von mir tatsächliche geschätzte „Neue Züricher Zeitung“, dass es auch eine Schweizer Perspektive gibt. Nach nur einem Umblättern überfällt mich domus, „die IKONE unter den ARCHITEKTURZEITSCHRIFTEN nun auf Deutsch mit lokalen Beiträgen“. Wow!

Auf Seite 117 soll ich zum „Star der Festbeleuchtung werden“ (messe Frankfurt) und ein wenig später Stern lesen (ganzseitig). Das will ich aber nicht. Auf der Rückseite kommt auch ganzseitig ramp daher mit AUTO.KULTUR.MAGAZIN. und fragt mich, ob ich „LUST AUF AUTOKULTUR“ hätte. Auto und Kultur – das ist ja schon ein Widerspruch in sich.

Ich gebe die Durchsicht des Hefts nach Werbung immer noch nicht auf und werde für meine Hartnäckigkeit hart bestraft: Auf der nächsten Seite inseriert die Welt mit den (unsäglichen) Sprüchen „Die Welt gehört denen, die auch im Netz gegen den Strom schwimmen“ und „UND DIE WELT GEHÖRT DENEN, DIE NEU DENKEN“. Geht es noch schlimmer?

Ja – denn schon kommt ONSCREEN mit „Langeweile war gestern. Heute ist ONSCREEN.“ Aua – das tut weh! Und es kommt noch schlimmer. Denn auf Seite 138 wirbt (PRO?) 7 mit „SCHLAG DEN RAAB“ und schreit mir „WE LOVE TO ENTERTAIN YOU“ entgegen. Da gehe ich endgültig KO und schalte meinen „Werbung ignorieren – Filter“ ein.

Jetzt überlege ich mir, ob ich nicht auch bei brand eins auf die digitale Ausgabe umstellen soll. Die tolle Arbeit der Redaktion bezahle ich ja gerne. Aber soviel Dummheit auf Hochglanzpapier tut mir richtig körperlich weh, nicht nur wegen der gigantischen Verschwendung. Wirklich schade, dass die Zeitungen eine so unsinnige Indirektion brauchen, um die Menschen, die für sie arbeiten, ernähren zu können.

Und jetzt geht es ab zur Bescherung.

RMD

P.S.
Ich bitte brand eins und sein Team um Verzeihung, dass ich die Werbung in seinem Magazin so kritisch betrachte. Aber in die anderen zum Beispiel Wirtschafts-Magazine mag ich schon wegen des dort zu findenden „Journalismus“ schon gar nicht mehr rein schauen.