Roland Dürre
Sonntag, der 21. Juli 2013

Sind wir noch zu retten … ?

Oder gehen wir im Irrsinn unter …?

Aus aktuellem Anlass ist mir wieder ein Theaterstück eingefallen, das Norbert Weinberger und ich am Ende des letzten Jahrtausend auf einem Flug nach Indien skizziert und anschließend ausgearbeitet haben. Wir sind damals über Zürich von München kommend mit Swiss Air nach Neu-Dehli geflogen, um dort unser Tochterunternehmen „AMPERSAND ltd“ zu besuchen. Die Business Klasse war ziemlich leer und gleich mehrere charmante Damen aus der Schweiz kümmerten sich so richtig nett um uns.

Champagner gab es zum Abwinken und der Norbert und ich meinten, dass es Sinn machen würde, die Zeit zu nutzen, um den Schwachsinn des Spätkapitalismus in einem kurzen Sketch zu beschreiben.

Entstanden ist in dieser Nacht ein kurzes Theaterstück mit einfachen Bildern und Botschaften, erzählt von unserer Märchenerzählerin (Muschka):

Zwei Freiberufler und Freunde (Norbert und ich) sind in der Klemme. Deshalb trinken sie auf einer zugigen Parkbank ein Bier. Einem zufällig vorbei kommenden Studenten der BWL (Markus) erzählen sie ihr Dilemma und gründen mit diesem eine Firma. Sie freuen sich schnell über das erste gute Jahresergebnis, aber ihr Wirtschaftsprüfer (Christian) holt sie schnell auf den Boden runter. Er empfiehlt ihnen einen ihm persönlich bekannten Business Angel (Hans). Der löst gleich alle Probleme und bringt sie mit goldenen Flügeln (am Rücken) an die Börse. Die Assistentin des Vorstands (Claudia) gefällt das auch und serviert den Champagner. Jetzt heißt es wachsen, also „hire & buy“. Plötzlich ist die Euphorie raus und das Unglück nimmt seinen Lauf. Aus Mr. Buy wird Mr. Sell (Alfred). Und  am Schluss finden sich die beiden Freunde wieder auf ihrer Parkbank beim Bier.

Soweit die Handlung dieser sehr sentimentalen Satire auf die New Economy von Norbert Weinberger und Roland Dürre als Theaterstück. Uraufgeführt wurde es von den Geschäftsführern und Vorständen der im IT-Treff kooperierenden mittelständischen IT-Unternehmen. Das war am 29. Juni 1999 vor gur 550 Zuschauern, die sich damals im Schlachthof zu München fast tot gelacht haben. Das ist dann bald 15 Jahre her, an der Aktualität des Stückes hat sich aber nichts geändert.

Hier der Text zum Lesen oder Nachspielen.
IT-Treff Satire (2346)

Es gibt auch ein Video vom Stück, das leider nur von äußerst schlechter Qualität ist. Ich würde mich freuen, wenn eine Bühne (Laien oder Profis) unser Stück aufführen würde und wir so ein neues Video erstellen könnten. So ein Projekt würde ich tatkräftig kräftig unterstützen und lobe 1.000 € für dies erste Bühne aus, die das Stück in einem schönen Rahmen spielt. Da es kurz und einfach zu inszenieren ist, könnte es auch nur als „Vorstück“ dienen. So wie eine Vor-Band. Wäre doch mal etwas anderes!

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 28. Juni 2013

Alle Videos vom IF-Forum Craftsmanship verfügbar!

Die ersten beiden Vorträge des IF-Forums von Wolfgang Menauer und Kristin Block konnte ich vor ein paar Tagen “live” stellen wie auch den „Softwareentwicklungsblock“ von und mit Bernhard Findeiss und Dr. Elmar Jürgens.

So fehlen nur noch die letzten beiden Vorträge. Hier sind sie:

Bernd Fiedler hat uns auf amüsante Weise vermittelt, was das eigentlich bedeutet, ein Meister zu sein:

Und dann kam Reinhard Büttner! Er hat die Erkenntnisse des Tages zusammen gefasst und mit seiner Erfahrung trefflichst ergänztt.

Das Kunstwerk von Wolf Nkole Helzle, dass an diesem Tage für uns entstanden ist, habe ich schon als “Danke Schön” an unsere Referenten und Besucher veröffentlicht.

Nochmals einen ganz großen Dank an unseren Künstler und alle Referenten. Und ganz besonders möchte ich mich bei unseren Gästen bedanken. Von diesen haben mich so viele tolle Rückmeldungen ereicht, die sagten, dass es eine wunderbare Veranstaltung war. Das macht Mut, weiterzumachen. Ein Thema für 2014 hätten wir auch schon:

Selbstorganisation im Sinne von
„Selbstorganisation und Selbstlenkung als Gestaltungsmodell für Unternehmen und Projekte“!

Rückmeldungen sind wie immer erwünscht.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 28. April 2013

Evolution, Innovation und „dominante Logik“

Letzte Woche durfte ich an einer besonderen Konferenz teilnehmen: Es war die LEADERSHIP FOR INNOVATION, unterstützt von der Peter Pribilla-Stiftung. Das Thema war VISUALIZING THE INVISIBLE. Die Veranstaltung fand statt in München an der TUM beim IAS auf dem Campus Garching und zwar am 25 und 26. April 2013.

Dass es eine eher konventionelle Tagung war hat nicht gestört. Es gab einige sehr „innovative“ Sessions. Als erstmals Teilnehmender habe ich sehr schnell gemerkt, dass es hier vor allem um das „sich treffen“ ging – im Rahmen eines wichtigen Netzwerks und mit den richtigen Leuten.

Ganz logisch war so die Krönung der beiden Tage die Abendveranstaltung „Network Convention 2013“ am Freitag zu Ehren von Herrn Prof. Reichswald, der am 1. April seinen 70igsten Geburtstag feiern konnte. Und im wahrsten Sinne des Wortes ging es dabei im Seehaus im Englischen Garten um „Boundless Interaction“.

An diesen zwei Tagen habe ich mit manchen Menschen über hoch spannende Themen gesprochen. Auf mich kam so viel Neues zu, dass ich all das nach der Tagung erstmal verarbeiten musste. Nach der ersten Verdauung hier ein paar persönliche Gedanken dazu.

DOMINANTE LOGIK

Eines der wesentlichen Probleme unserer Art scheint es zu sein, dass wir unternehmerisch wie privat Herausforderungen immer mit „Dominanter Logik“ zu lösen versuchen. Das „echte“ Leben aber ist immer Teil der Evolution und die ist alles andere als „dominant logisch“. Innovation ist jetzt unser Versuch, die Evolution zu unseren Gunsten zu beeinflussen.

Das erscheint mir eine der zentralen Aufgaben des unternehmerischen Wirkens: Die Evolution, die jedes Unternehmen sowieso durchlebt, so zu beeinflussen, dass negative Folgen im Rahmen des evolutionären „älter werden“ durch positive „innovative Veränderungen“ zumindest ausgeglichen werden.

Und das geht nicht mit Ratio und Logik. Die Wirkungslosigkeit von dominanter Logik kann man wiederum nicht mit dominanter Logik begründen, sondern nur mit Erfahrung und Lebenswissen. Unternehmer müssen so im „Jetzt“ leben und herausfinden, was gut und was schlecht fürs Unternehmen ist und dann hoffentlich mehr richtige als falsche Entscheidungen fällen.

Wenn man Entscheidungen mit dominanter Logik aus allgemeinen Regeln ableitet, wird man scheitern. Es kommt zu vielen falschen Entscheidungen, manche davon mit wesentlichen negativen Folgen. Das zeigt die Erfahrung. Um im innovativen Sinne mehr richtige Entscheidungen zu finden, müssen die Entscheidungskriterien auf Kultur und Werten basieren.

Beispiele für durchaus übliche (und nach meinem Verständnis schädliche) Wirtschafts-Regeln sind „Wachstum muss sein“, „Wir müssen in jedem Geschäftsfeld die Nummer eins weltweit sein“ oder „Shareholder Value ist das ausschließliche Unternehmensziel“. Das sind unreflektierte Plattitüden, aber keine sinnvolle Quellen für Handlungsleitung.

Hier ein paar Beispiele für nützliche Kultur-Regeln: „Die goldene Regel„, „Menschen sind keine Ressourcen“, „Kreativität sucht angstfreie Räume“, „Gelingende Kommunikation braucht Augenhöhe“, „Wissen teilen schafft neues Wissen“, „Führung heißt Respekt haben“, „Achtsamkeit und Zivilcourage sind die Tugenden“ ….

Die Anwendung solcher und ähnlicher Regeln wird für mehr richtige Entscheidungen sorgen im Sinne einer nachhaltigen, die Ressourcen schonenden und so innovativen Entwicklung eines Unternehmen, das letztendlich ja auch nur ein soziales System mit einem wirtschaftlichen Zweck ist.

Und Management, welches eine nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens wirklich will, muss seine Entscheidungen nach diesen Kultur-Regeln ausrichten. Das darf (und muss) dann auf Rationalität und gesunden Menschenverstand aufbauen. Denn auch Ethik hat viel mit Vernunft zu tun – sonst kann sie schnell zu falschen Dogmen führen. Der Evolution werden wir auch so nicht auskommen, aber vielleicht können wir diese so ein wenig durch Innovation zu unseren Gunsten beeinflussen.

Oft versuchen Unternehmensführer, aus Fehler zu lernen und das Gelernte auf die Zukunft zu übertragen. Auch da vermute ich, dass das nicht funktioniert, wenn es auf Basis von „dominante Logik“ gemacht wird. Weil dominante Logik bei Menschen und ihren sozialen Systemen immer wieder versagt.

Oft bin ich versucht, diese Thesen mit „dominanter Logik“ zu beweisen. Das kann natürlich nicht gelingen. Denn das Sensationelle an Evolution ist eben, dass sie eben nicht rational begründbar sondern zweckfrei ist – und so nichts mit „dominanter Logik“ zu tun hat. Sie ist kein Überleben der Passendsten („Survival of the Fittest“) und wohl auch kein „Großer kollaborativer Prozeß„. Innovation ist immer abhängig vom Strom der Evolution. Nur wir Menschen maßen uns an, mit Ratio und Logik Evolution innovativ gestalten zu können. Brauchen dazu aber „Evolutionswissen“, das ebenl nicht in Spreadsheets abgebildet werden kann.

Ja – und dann gibt es noch diese für mich zentrale Eigenschaft:

OPEN

Ohne „OPEN“ werden wir kein „Evolutionswissen“ schaffen! Wir müssen unser Wissen und unsere Erfahrung teilen, und zwar mit ganz vielen anderen Menschen. Vorbehaltlos und auf Augenhöhe. Nur so können wir die positive Innovation als Veränderung der Evolution schaffen, um die Dinge in unseren Unternehmen wie auf dieser unserer einzigen Welt zu verbessern. Und das wird nie das Werk eines einzelnen Menschen sein, sondern von ganz vielen, die in oft unterschiedlichsten Rollen zusammen wirken.

Zu schnell wird die Evolution sonst uns Menschen von diesem Planeten runter fegen.
🙂 Das wäre zwar im kosmischen Maßstab kein großes Unglück, aber schad wär’s halt schon.

Allgemein würde ich sagen, dass man das Unsichtbare eben nicht sehen kann. Besonders nicht als Einzelwesen. Aber vielleicht kann man es gemeinsam Erahnen, sozusagen Erfühlen?

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 31. März 2013

Ostern im Netz

Heute Nacht hat mich zweimal Glockengeläute geweckt. So in der Zeit, die gar nicht stattfand, zwischen zwei und drei Uhr. Das ist in Deutschland möglich, weil halt Ostern ist und man da mitten in der Nacht aufgrund einer alten Tradition die Menschen beschallen darf.

Heute Morgen stöbere ich im Netz und finde in Google+ bei Marcus Raitner ein Zitat, das er im Blog von die ennomane gefunden hat:
„Glaubensfreiheit ist die Freiheit, auch an absurde Dinge glauben zu dürfen. Meinungsfreiheit ist die Freiheit, diese Dinge trotzdem absurd zu nennen. In diesem Sinne: Schöne Ostertage!“

Marcus hat diesem Satz nichts hinzuzufügen und ich kann ihn auch nur abnicken.

Hier die kurze Vorgeschichte:
In ihrem Blog hatte „die Ennomane“ auf einen sarkastischen Text zum christlichen Osterkult hingewiesen, der am Karfreitag im Der Postillon erschienen ist. Dafür ist die Autorin wohl angegriffen worden und meinte sich rechtfertigen zu müssen. Das hat dann auch zu ein paar Kommentaren geführt. Die Kommentare waren für mich interessant, weil für mich da wieder für „Gläubige“ typische Denkmuster sichtbar wurden.

Ich habe kurze Ausschnitte aus den Kommentaren kopiert und formuliere dann meine Gedanken zu den von mir „fett“ markierten Stellen:

  1. Comment von Antje Schrupp | 30. Mrz. 2013 um 22:55:28
    Ich habe schon die ganze Zeit bei den sarkastischen antireligiösen Witzen, die derzeit zirkulieren, die Assoziation …

    Diese Art von Lächerlichmachen hingegen läuft auf einen puren Machtkampf hinaus, also auf die Frage, wer dann wen am Ende besiegt.
    Als gute Christin könnte mich das natürlich völlig unberührt lassen, ich halte einfach die andere Wange hin.
    Bezogen auf eine globale Perspektive wage ich allerdings die Prognose, dass “Ihr” (also diejenigen, die Religionen für per se gaga halten), diesen Machtkampf verlieren werdet. Und das macht mir schon ein bisschen Angst, weil es nämlich vieles gibt, das an den Religionen, vor allem an ihren institutionalisierten Formen, dringend kritisiert und verändert werden müsste.
  2. Comment von Enno | 30. Mrz. 2013 um 23:06:19

    Hmm… die Drohung, man würde global gesehen den Machtkampf verlieren ist nun wirklich ein tolles Argument.
  3. Comment von Antje Schrupp | 30. Mrz. 2013 um 23:23:25
    Du glaubst nicht wirklich, dass das jetzt eine Drohung von mir war, oder?
  4. ….

Der ganze Kommentarstream kann natürlich auch auf die ennomane » Blog Archive » Es hat einen Grund nachgelesen werden.

Jetzt meine Anmerkungen:

Ich selbst fand den Artikel im Der Postillon belanglos. Er hat nur zu gut bekanntes und schon besser formuliertes mal wieder auf sarkastische und lustige aber nicht zu originelle Art aufgewärmt. Das einzig Neue (und vielleicht der Kritik würdige) im Artikel war, dass er religiöse Rituale mehrheitlich als „gaga“ bezeichnet hat.

Da kann man sicher darüber streiten, unter welchen Umständen etwas „gaga“ ist oder nur so wirkt. Aber wer will noch entscheiden, was heute „gaga“ ist und was nicht? Mir erscheint da sehr vieles, was ich heute so erlebe als „gaga“.

Bezeichnend finde ich aber die Wortwahl in der Argumentation der Kommentatorin Antje, die die Position der guten Christin vertritt.

Als erster kritischer Begriff fällt mir die „gute Christin“ auf. Als solche bezeichnet sich Antje.

Den „Guten Christen“ kann ich eigentlich nur als „geläufige Redensart“ oder als „unbedacht benutzte Floskel“ entschuldigen. Wenn ich den Begriff untersuche, stellen sich Fragen:

Was bedeutet das, ein „guter Christ“ zu sein? Ist das jemand, der seine Autonomie aufgegeben und sich bewusst fremden Regeln unterworfen hat? Ist das überhaupt möglich, als Mensch autonom seine Autonomie aufzugeben? Oder ist ein guter Christ nur jemand, der sich streng  an die Regeln des Christentums hält, aber seine eigene Autonomie bewahrt? Ist das aber überhaupt möglich?

Oder ist der „gute Christ“ nur als Gegenteil eines schlechten Christen gemeint? Und was ist dann der schlechte Christ, von dem sich Antje abgrenzt?

Sprachlich schlimmer als „guten Christ“ finde ich übrigens den „gläubigen Christ“, ein Begriff den ich auch sehr oft höre: Ich bin ein gläubiger Christ. Was ist denn das, ein „ungläubiger“ Christ?

Als zweites trifft mich immer persönlich der Spruch vom Machtkampf, den man verliert oder gewinnt. Das höre ich quasi automatisch von Menschen, die sich zu einem religiösen Glauben bekennen.

Toleranz heißt aber, dass „jeder glauben darf was er will“. Warum reden die „Gläubigen“, die diese Toleranz der anderen ja brauchen und für sich beanspruchen, dann immer vom Machtkampf und von „verlieren“ und „gewinnen“?

Als Gläubige würde ich im übrigen alle bezeichnen, die sich im Besitz einer Wahrheit wähnen, auch die „Atheisten“. Und wie können zwar vernunftbegabte aber sonst sehr beschränkte Säugetiere meinen, sie wären im Begriff der Wahrheit? Was ist Gott denn anderes als eine besondere Metapher für einen besonderen höheren Sinn und ein von Menschen geschaffener Begriff?

Und das letzte, was mich stört, dass genau die Gläubigen, die von Machtkampf gewinnen/verlieren sprechen, dann komplettes Unverständnis zeigen, wenn solches von Dritten als Drohung wahrgenommen wird.

Jetzt aber noch ein paar persönliche Gedanken:

Als kleines Kind war Ostern toll. Da durften wir Ostereier suchen. Die Freude war groß, wenn wir welche gefunden haben. Der Osterhase war ein Symbol für den kommenden Frühling. Wohl als fünfjähriger bekam ich ein gebrauchtes rotes Kinderfahrrad geschenkt. Da hat die Freude sehr lange angehalten.

Einmal in meiner Kindererinnerung war es an Ostern kalt und hatte Schnee. Da gab es dann kein Ostereier-Suchen im Garten. Wir haben aber das beste daraus gemacht, den Schnee in einer Schüssel ins Haus geholt und in Formen Schokoladenfiguren gegossen, die dann in der Schneeschüssel fest wurden. Das war schön.

Dann kam die Schule, und es war Schluss mit lustig. Ostern wurde zum Leiden, zum Symbol von menschlicher Grausamkeit,  von Schuld und Sühne. Man sollte Fasten, um sich rein zu machen. Wir lernten, was das heilige Grab ist. Und dass wir böse sind und ein anderer dafür gesühnt hätte.

Heute haben wir wieder ein weißes und kaltes Ostern. Und weil es keine Freude macht, rauszugehen und das mit den Ostereiersuchen auch vorbei ist, lese ich mich halt so durchs Netz. Und stoße auf fehlende Aufklärung.

Im Radio höre ich vom religiösen Super-Festival, das in großer Egozenrtrierheit begangen wird. Mit großen Sprüchen. Nur die Realität ist anders. Gestern scheitert das Abkommen zum Waffenhandel, die Umweltfakten werden täglich vernichtender und heute wird wieder von Liebe und Demut palavert.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 23. Februar 2013

Privatheit 3 – die Cloud

Immer wieder wird in der IuK-Branche (Informations- und Kommunikationstechnologie) eine „neue Sau durchs Dorf getrieben“. Das ist seit einiger Zeit die Cloud. Und obwohl keiner mehr von ihr hören will, macht sie vielen immer noch so richtig Angst. Und natürlich geht es dabei wie so oft um den Schutz und die Sicherheit unserer Daten.

Der offizielle Ratschlag der Fachleute und Datenschützer ist, sich immer eine „inländische“ Cloud zu suchen. Mit „inländisch“ ist in diesem Fall allerdings nicht unbedingt eine „deutsche Cloud“ gemeint, sondern eine „Europäische“. Ich persönlich halte das nicht für so wichtig.

Wenn ich mich selber nicht zu wichtig nehme, dann ist es doch völlig gleichgültig, wo meine Daten liegen und wer sie sieht. Und wahrscheinlich entsteht auch kein großer Schaden, wenn sie weg sind. Und so ganz weg sein können sie ja eh nicht mehr.

In einer idealen und transparente Welt wäre es ja sowieso unwichtig, „Daten zu schützen“. Jetzt ist die Welt aber immer noch nicht so ganz so ideal. Und kritische Geister müssen sich immer wieder vor der Obrigkeit fürchten. Mit Obrigkeit meine ich auch staatliche Systeme, die es vielleicht mit den Menschenrechten nicht so ernst nehmen. Geheime Staatsorganisationen, die Gesinnung überwachen und Menschen systematisch ausspionieren. Die sich als Schutz oder Dienst bezeichnen oder sich Abkürzungen gegeben haben, die meistens aus drei Buchstaben bestehen.

Wenn man sich von diesen schützen will, dann sollte man die Daten ganz weit von der Obrigkeit halten. Und die Daten dann auch in eine Cloud stecken, die ganz weit weg ist. Das könnte nur eine äußerst „ausländische“ Cloud sein. Die wird aber auch nichts helfen. Weil genannte Organisationen gestützt von ihren Regierungen immer Wege finden, die Daten aus ihren Schutzgefängnissen herauszuholen. Oder die Obrigkeit ganz einfach globale Kriminelle für diesen Zweck nutzt. Man denke nur an die „Steuer-CDs“ der in Finanzdingen doch ehemals so ausländischen Schweiz.

Nein – wie immer und wahrscheinlich mehr denn je gilt: Unrecht Gut gedeiht nicht gut. Lieber weniger Vorteile nutzen, transparent bleiben und keine Geheimnisse zu lassen. Und wenn es Geheimnisse gibt, die der eigenen Person schaden können, die auf keinen Fall aufschreiben. Nicht auf Papier und nicht elektronisch.

Und so sollten wir uns nicht so sehr um persönlichen Datenschutz, Datensicherheit und die Cloud sorgen. Vielmehr müssen wir uns mit Zivilcourage, konstruktivem Ungehorsam und Verantwortung gegen alle Bestrebungen wehren, die unseren Rechtsstaat und unsere Grundrechte beschädigen können.

Und ein Verhalten praktizieren und einfordern, das die Welt wieder auf einen im biologischen Sinne nachhaltigen Kurs bringt. Und uns dann weiter um viele gesellschaftliche Defizite und Missstände Gedanken machen und uns darum kümmern. Und dazu brauchen wir das Internet – inklusive der Cloud. Das ist nämlich das Nervensystem unseres Planeten mit seiner globalen Welt geworden, und ohne dieses werden wir die komplexen Herausforderungen nicht lösen können.

Das alles dürfte für unsere Zukunft und die unserer Kinder sehr viel wichtiger sein als die Sorge um die Daten …

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 29. Januar 2013

Stress in den Unternehmen (Ein Fallbeispiel)

Heute morgen war in Bayern 2 die Nachricht des Tages, dass mehr als die Hälfte der deutschen Werktätigen unter arbeitsbedingten Stress leiden würden. Dem würde ich ein „nicht nur arbeitsbedingt“ hinzufügen. Ansonsten glaube ich es. Die Regierung will da etwas dagegen tun. Das finde ich eher lustig. Ist halt wieder so eine schöne Absichtserklärung ohne jede reale Möglichkeit etwas zu verändern.

Die Nachricht hat mich an eine vor kurzem gemachte Erfahrung erinnert.

Ich habe einen Freund, den ich als intelligent, gut ausgebildet, integer, sympathisch, verantwortungsbewusst und sehr nachhaltig erfolgreichen Manager wahrnehme.  Ein Mensch, wie ich ihn am liebsten gleich für die InterFace AG gewinnen würde.

Er ist ein sehr loyaler Mitarbeiter eines deutschen Konzern und hat Personalverantwortung. Vor einem Jahr bekam er im Konzern eine neue Aufgabe übertragen und übernahm die Verantwortung für ein Thema. Es war ein Bereich, in dem einiges schief hing, der aber für den kaufmännischen Erfolg des Unternehmens von hoher Bedeutung war.

Er startete mit großem Schwung, motivierte das Team, erbrachte einen hohen persönlichen Einsatz und hat es in einem Jahr geschafft, die wichtigen wirtschaftlichen Kennzahlen und so die Kosten- und Ertragssituation mehr als beeindruckend zu verbessern

Der Konzern aber ist im Umbruch. Wenn man dies in Betracht zieht, sind dessen Zahlen zwar ganz gut. Nur der Führung sind sie nicht gut genug. Denn man hat ehrgeizige Finanzpläne. Und die Börse hohe Ansprüche.

So wird mein Freund nach einem Jahr erfolgreichen Wirkens aufgefordert, das Team um drei Stellen zu reduzieren. Er weiß nicht, wie er so das Erreichte bewahren geschweige denn fortsetzen soll. Das Management aber sagt sich, „man muss nur genug Druck ausüben, dann geht das schon irgendwie“. Wobei ich dann die Betonung auf „irgendwie“ legen würde.

Jetzt muss er drei „Underperfomer“ identifizieren. Den Rest macht dann die Personalabteilung (genannt HR für human resource).

Das führt natürlich zu Stress bei allen Beteiligten. Dabei gebe es sicher klügere Wege den Erfolg zu sichern. Der eingeschlagene Weg wird dem Unternehmen mit großer Wahrscheinlichkeit mittel- und langfristig schaden. Das kann man alles gut begründen (sofern man überhaupt etwas, was die Zukunft angeht begründen kann). Aber die Kostenreduktion durch Personalreduktion gilt in solchen Fällen häufig als „alternativlos“.

Und ich bin froh, dass ich mein „eigener Unternehmer“ bin.

RMD

P.S.
Es ist eine wahre Geschichte. Roß und Reiter – sprich den Konzern, die Aufgabe und weitere Details nenne ich nicht – mein Freund wäre sonst ganz schnell geoutet.

Roland Dürre
Sonntag, der 13. Januar 2013

Unternehmertagebuch #86 – Der Buchstabe „R“

Heute eine Empfehlung fürs Marketing. Es gilt die drei „R“s zu schaffen:

Ohne Renommee geht nichts. Die Menschen müssen „AHA!“ sagen, wenn sie den Namen des Unternehmens hören.

Und das Gefühl haben, das dieses Unternehmen eine hohe Relevanz hat.

Renommee und Relevanz sind schon ganz gut. Jetzt braucht das Unternehmen nur noch eine gute Reputation!

Ein Unternehmen muss also von innen und außen als renommiert, relevant und mit guter Reputation wahrgenommen werden. Wenn das authentisch gelingt, hat es eine sehr gute Ausgangsposition bei Kunden und potentiellen Mitarbeitern.

🙂 Wenn dann auch noch der Rest stimmt …

Man sieht, auch Marketing ist ganz einfach.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Samstag, der 12. Januar 2013

Unternehmertagebuch #85 – Der Buchstabe „V“

Heute mal ganz kurz. Denn Unternehmertum ist ganz einfach!

Zuerst braucht man Verstand. Um die Dinge zu verstehen und das vorhandene Wissen einzusetzen.

Ohne Vernunft ist der Verstand nicht viel wert.

Mit Verstand und Vernunft entwickelt man Vertrauen.

Die Bereitschaft wächst, Verantwortung zu übernehmen.

Und schon ist das Bündnis mit Viktoria, der Siegesgöttin, beschlossene Sache!

🙂 Diese „V“s sind übrigens im ganzen Leben sehr nützlich.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 10. Januar 2013

Pauline weint…

Nein, es war kein richtiges Weinen, eher ein dünnes stimmloses Wimmern. Aus ihren verquollenen Augen sickerten auch nur deshalb noch Tränen, weil ihr kleiner, dicklicher Körper in dem blutrot verschmierten, weißen Küchenkittel permanent von einer unsichtbaren Kraft durchgeschüttelt wurde, die ihr jede noch so kleine Träne sofort aus den Augen trieb.

Und obwohl Pauline die ganze Zeit über vor ihrem grauen Metallspind in der fensterlosen Umkleidekammer des Küchenpersonals kauerte, war sie nicht in der Lage diesen ekelhaft verdreckten Küchenkittel abzulegen oder ihr mit Tomatenmark verklebtes Gesicht zu waschen.

Dabei war die Großküche der Niederösterreichischen Landesregierung schon lange aufgeräumt und für morgen vorbereitet, alle Kolleginnen seit Stunden weg und außer den Wachleuten bestimmt niemand mehr im Gebäude.

Aber sie – saß nur da, wimmerte, wischte sich über die Augen und starrte vor sich hin…

Ihr graute vor dem Heimweg! Andererseits lehnte sie jede Hilfe ab: sie schaffe das, hatte sie gestöhnt, obwohl sie genau wusste, dass sie zu Fuß heim zockeln musste. Selbst in diesem fürchterlichen Zustand, in dem sie sich heute befand. Etwas Anderes war gar nicht möglich.

In den letzten Monaten dieses elenden Jahres 1945 gab es ja in der russisch besetzten Zone Wiens kaum Strom. Mit Straßenbahn war da nichts. Und wenn, dann ging es in dem Trümmerhaufen des 4. Bezirks, den sie durchqueren musste, auch nur im Schritttempo voran. Vom 1. Bezirk, wo sie arbeitete, war selbst sie mit ihrem kleinschrittigen Dackelgang schneller daheim im 5. Bezirk, der britisch war, als mit der Trambahn.

Und trotz Fußmarsch schleppte sie immer noch übrig gebliebenes Essen mit heim – das schon – und verteilte es an die ganz armen Schlucker im Haus. Aber heute reichten ihre Kräfte mit Sicherheit nicht mehr, um noch irgendetwas mitzunehmen, ja sie musste froh sein, wenn sie sich selbst nach Hause schaffen konnte.

Und wenn nicht gerade Oktoberbeginn gewesen wäre, an dem die Russen turnusgemäß die monatliche Verwaltung des 1. Bezirks übernommen hatten, hätte sich bestimmt auch nicht dieser betrunkene russische Soldat, nach der Arbeit in die völlig verwaiste Küche schleichen können.

Wie aus dem Nichts stand er plötzlich vor ihr: riesengroß, in schlampiger verschmierter Uniform, die Kappe nach hinten geschoben, darunter zwei schiefe, böse  Augen und ein breites, Angst einflößendes Grinsen mit hässlich abgebrochenen Vorderzähnen.

Pauline erschrak – und schrie! Da war er schon bei ihr, packte sie wie einen Hasen am Genick, drückte sie auf den einzigen Stuhl in der Küche und hielt ihr mit seiner anderen stinkenden Pranke den Mund zu.

„Nix schreien – Mamuschka“ zischte er und stieß ihr einen ekelhaft nach Schnaps stinkenden Schwall ins Gesicht, der sie kaum atmen ließ. Verängstigt, zitternd und stöhnend wand sich Pauline wie eine Schlange im Todeskampf und versuchte krampfhaft ihren Mund freizubekommen. Aber ihr hilfloses Gezerre an seiner tierischen Pranke schien diesen schrecklichen Russen nur zu belustigen: amüsiert drückte er abwechselnd ihren Nacken zusammen und dann den Mund und die Nase, und je mehr ihr Gesicht blau anlief, umso vergnügter wurde er.

Plötzlich schien er abgelenkt und ließ los! Pauline schnappte nach Luft. Sie wagte kaum, den schmerzenden Nacken und wehen Mund mit ihren krampfstarren Fingern abzutasten.

Irgendwie schien sich der Russe anders besonnen zu haben!

Er schaute Pauline auf einmal ohne Arg an, nuschelte etwas von Hunger und ‚nix essen’ und torkelte suchend durch die aufgeräumte Küche.

Aber da war nichts – alles Essen war in der Kühlkammer.

Da er weder sie, noch sie ihn verstand, schüttelte Pauline nur heftig ihren Kopf, während er in den Geschirrschränken herumwühlte und deutete auf die verriegelte Tür der Kühlkammer. Pauline war nicht in der Lage etwas zu sagen oder einen Ton von sich zu geben.

Leider stolperte der Russe dann über den unsäglichen Fünflitereimer Tomatenmark, den die schusselige  Maria nicht weggeräumt hatte. Der Eimer fiel um, und der Russe stutzte. Lässig stellte er ihn auf die Spüle, öffnete ihn, griff mit seinen Fingern hinein, kostete und schaute  grinsend zu Pauline, die kreidebleich auf ihrem Stuhl hin und her pendelte.

Als ob sie es geahnt hätte, trat er plötzlich mit dem Eimer an sie heran, brummte „Tomaten –  Wangen rot – Mamuschka“ und setzte Pauline den ganzen Eimer Tomatenmark einfach an den Mund.

„Du trinken – Mamuschka- viel trinken…“

Pauline wehrte sich. Sie wich mit ihrem Kopf so gut es ging aus und biss die Zähne zusammen; aber dieses Monster presste ihr den Eimer so grob an die Lippen, dass diese aufsprangen und höllisch zu brennen anfingen. Ihr blieb nichts anderes übrig als wenigstens ein bisschen zu schlucken. Und dann noch ein bisschen, und noch ein bisschen, und noch ein bisschen …

Immer wieder versuchte sie verzweifelt den Eimer wegzudrücken, um Luft zu holen, wobei ihr jedes Mal die rote Tomatenbrühe über Kinn und Hals in die  Bluse und den Küchenkittel lief. Grölend riss ihr das Monster die Bluse auf und setze den Eimer ab. Aber kaum hatte Pauline sich erholt, war der Russe wieder zur Stelle und drückte ihr noch rücksichtsloser den Eimer zwischen die Zähne, und Pauline schluckte und keuchte und schluckte und spürte wie sie immer tiefer in der saueren Tomatenbrühe versank…

Plötzlich hielt der Russe inne!

Blitzschnell presste er Pauline den Eimer zwischen die Füße, flitzte quietschend zu einer der Spülen, warf sich auf den Boden und kam teuflisch grinsend auf Pauline zu, mit einer ängstlich zappelnden Maus, die er stolz an ihrem langen Schwanz hin und her schwenkte.

Schreckensstarr bekam Pauline noch mit, dass er die piepsende Maus lachend über sein offenes Maul hielt und so tat als würde er sie schlucken, dann aber in das Tomatenmark vor ihren Füßen tunkte bis sie zu zappeln aufhörte. Er holte die Maus sichtlich zufrieden hoch, torkelte neben Pauline, zog ihr langsam und genüsslich mit der anderen Hand an den Haaren den Kopf zurück, und führte die tropfende und zuckende Maus immer näher an ihren Mund…

Dann – ein donnernder russischer Befehl und eine Kanonade von Flüchen! Vier Hände packten das Monster und schleppten es samt der zuckenden Maus weg. Pauline stöhnte auf und rang mit weit aufgerissenen Augen nach Luft. Der zurückbleibende russische Soldat, in tadelloser Uniform, salutierte und fragte, ob er helfen könne…

Pauline, die über und über mit Tomatenmark bekleckert war, schüttelte mechanisch den Kopf.

Der Russe, entschuldigte sich in gebrochenem Deutsch und sagte Schweine gebe es überall – leider auch in der Roten Armee – aber er habe selbst eine Mamuschka in Moskau und wisse wie es ihr gehe, er werde Hilfe holen.

Er salutierte wieder und eilte zu den anderen, die bereits im Flur verschwunden waren, während Pauline spuckte und spuckte und keuchte und in immer schnellerer Folge sich übergab.

Und dann konnte sie endlich weinen…

KH

Zum Bild: Martina Roth, Mystisch, Acryl auf Leinwand, 64 x 45 cm

 

Roland Dürre
Montag, der 31. Dezember 2012

Meine katholische Jugend

Ich habe gelernt, dass die stillen Tage an Weihnachten und zum Jahreswechsel ganz gut geeignet sind, den eigenen Lebenskompass wieder einzunorden. Wo soll es mit mir hingehen? Das habe ich auch dieses Jahr versucht. Jetzt gibt es aber kein Morgen ohne Heute und kein Heute ohne Gestern. So ging es bei meinen Gedanken zurück an meine Wurzeln. Zu Dingen, die mich auf meinem Lebensweg besonders bewegt haben. Und da habe ich mich an längst vergangene Zeiten erinnert. Ich erzähle mal öffentlich davon, auch um diese für mich abzuschließen. Vielleicht hilft es ja auch anderen, die ähnliches erlebt haben.

Mit acht Jahren wurde ich auf die heilige Kommunion – auch Erstkommunion genannt – vorbereitet. Nach einer normalen katholischen Erziehung (nicht intensiv, eher scheinheilig) wurde ich gemeinsam mit den anderen Katholiken in meiner Klasse im Religionsunterricht der Volksschule massiv instruiert.

Es war die dritte Klasse, da ging es ab Weihnachten so richtig los mit der Vorbereitung auf das große Ereignis. Der erste Schritt in Richtung Erstkommunion war, uns intensiv mit dem Leidensweg Christi zu versorgen. Ich erinnere mich an hoch sadistische Klebebilder, die wir kaufen und damit handgeschriebene Texte in unserem „Passionsheft“ illustrieren mussten.

Nach Ostern nahm das „bootcamp“ so richtig an Fahrt an. Zuerst kam die Beichte. Die musste intensiv trainiert werden. Die Beichte macht uns rein. Da die Beichte uns von allen Schulden befreit, muss sie kurzfristig vor der heiligen Kommunion stattfinden. Zum Beispiel am Samstag nachmittag, wenn man am Sonntag zur Kommunion geht. Und dann muss man alles tun, dass man sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht versündigt – zum Beispiel weil man etwas nascht oder unzüchtige Gedanken hat (zweiteres war in der Tat mit acht Jahren noch kein Problem). Auch die Buße nach der Beichte haben wir geübt. Vaterunser und Rosenkränze langsam und in Demut zu sprechen.

Die Umerziehung ging weiter. Nach der Beichte war die heilige Kommunion dran. Wir haben gelernt, dass diese für einen anständigen Katholiken das Highlight der Woche ist. Selbst wenn die Woche noch so schlimm ist, dann macht das nichts. Denn wir leben für den Sonntag, wenn der Herr zu uns kommt. Für einen Achtjährigen gab es in 1958 ab und zu ganz schön harte Wochen. Nur war der Sonntag meistens auch nicht besser.

Aber das war ja nicht so schlimm, denn wir mussten ja das Leid auf der Erde ja nur ertragen, bis dass der Tod uns erlösen würde. Und wir als auserwählte Katholiken in den Himmel kommen würden. Das war zwar nicht einfach, denn überall lauerte der Teufel unseren unreinen Seelen auf. Immer und überall waren Schuld und Sühne um uns. Da mussten wir erst mal durch. Deswegen Beichte und heilige Kommunikation.

Dann haben wir die heilige Kommunion geübt. Vor der Kommunion durfte man kein Frühstück zu sich nehmen. Seelische Reinheit und körperliche Nüchternheit waren die zwingende Voraussetzung für den Empfang des Herrn.

Der kam dann in Form einer Oblate, der Hostie. Der Pfarrer hat sie uns auf die Zunge gelegt. Auch das haben wir geübt. Das Fleisch des Herrn mussten wir im Mund zergehen lassen, denn „man darf das Fleisch des leidenden Jesu nicht mit den Zähnen beißen“ – so unser Religionslehrer.

Ja so war’s. All das wurde in unsere Kinderköpfe gepresst. Für einen gewissen Zeitraum sogar erfolgreich. Denn mit neun Jahren glaubt man noch, was die Erwachsenen sagen.

Heute bin ich froh, dass ich kurz nach meiner Erstkommunion entdeckt habe, dass ich mit der „strafenden Variante“ von „Gott“ nicht so viel anfangen konnte. An eine „liebende“ dachte ich damals auch nicht. Dass man Gott aber eher zwischen den mächtigen Bäumen in der Stille des Wittelsbacher Stadtpark fühlen konnte denn in unserer Pfarrkirche St. Anton, das war mir aber schnell klar. Und meine Entscheidung ist gefallen. Bei meiner Firmung – der zweiten Zertifizierung zum ordentlichen Katholikenmenschen – war ich drei Jahre später schon im Zustand der innerlichen Kündigung und ließ die Zeremonie nur unter Protest über mich ergehen.

So habe ich das erlebt. Heute stelle ich mir vor, was aus mir geworden wäre, wenn ich mich jeden Samstag rein von Schuld gemacht hätte und dann am Sonntag den „Leib des Herrn“ empfangen hätte. Wie hätte ich dann das Leben ertragen sollen?

Und so bin ich heilfroh, dass ich spätesten in der Pubertät mit meiner katholischen Vergangenheit soweit wie möglich abgeschlossen habe.

RMD