Roland Dürre
Sonntag, der 28. April 2013

Evolution, Innovation und “dominante Logik”

Letzte Woche durfte ich an einer besonderen Konferenz teilnehmen: Es war die LEADERSHIP FOR INNOVATION, unterstützt von der Peter Pribilla-Stiftung. Das Thema war VISUALIZING THE INVISIBLE. Die Veranstaltung fand statt in München an der TUM beim IAS auf dem Campus Garching und zwar am 25 und 26. April 2013.

Dass es eine eher konventionelle Tagung war hat nicht gestört. Es gab einige sehr “innovative” Sessions. Als erstmals Teilnehmender habe ich sehr schnell gemerkt, dass es hier vor allem um das “sich treffen” ging – im Rahmen eines wichtigen Netzwerks und mit den richtigen Leuten.

Ganz logisch war so die Krönung der beiden Tage die Abendveranstaltung “Network Convention 2013″ am Freitag zu Ehren von Herrn Prof. Reichswald, der am 1. April seinen 70igsten Geburtstag feiern konnte. Und im wahrsten Sinne des Wortes ging es dabei im Seehaus im Englischen Garten um “Boundless Interaction”.

An diesen zwei Tagen habe ich mit manchen Menschen über hoch spannende Themen gesprochen. Auf mich kam so viel Neues zu, dass ich all das nach der Tagung erstmal verarbeiten musste. Nach der ersten Verdauung hier ein paar persönliche Gedanken dazu.

DOMINANTE LOGIK

Eines der wesentlichen Probleme unserer Art scheint es zu sein, dass wir unternehmerisch wie privat Herausforderungen immer mit “Dominanter Logik” zu lösen versuchen. Das “echte” Leben aber ist immer Teil der Evolution und die ist alles andere als “dominant logisch”. Innovation ist jetzt unser Versuch, die Evolution zu unseren Gunsten zu beeinflussen.

Das erscheint mir eine der zentralen Aufgaben des unternehmerischen Wirkens: Die Evolution, die jedes Unternehmen sowieso durchlebt, so zu beeinflussen, dass negative Folgen im Rahmen des evolutionären “älter werden” durch positive “innovative Veränderungen” zumindest ausgeglichen werden.

Und das geht nicht mit Ratio und Logik. Die Wirkungslosigkeit von dominanter Logik kann man wiederum nicht mit dominanter Logik begründen, sondern nur mit Erfahrung und Lebenswissen. Unternehmer müssen so im “Jetzt” leben und herausfinden, was gut und was schlecht fürs Unternehmen ist und dann hoffentlich mehr richtige als falsche Entscheidungen fällen.

Wenn man Entscheidungen mit dominanter Logik aus allgemeinen Regeln ableitet, wird man scheitern. Es kommt zu vielen falschen Entscheidungen, manche davon mit wesentlichen negativen Folgen. Das zeigt die Erfahrung. Um im innovativen Sinne mehr richtige Entscheidungen zu finden, müssen die Entscheidungskriterien auf Kultur und Werten basieren.

Beispiele für durchaus übliche (und nach meinem Verständnis schädliche) Wirtschafts-Regeln sind “Wachstum muss sein”, “Wir müssen in jedem Geschäftsfeld die Nummer eins weltweit sein” oder “Shareholder Value ist das ausschließliche Unternehmensziel”. Das sind unreflektierte Plattitüden, aber keine sinnvolle Quellen für Handlungsleitung.

Hier ein paar Beispiele für nützliche Kultur-Regeln: “Die goldene Regel“, “Menschen sind keine Ressourcen”, “Kreativität sucht angstfreie Räume”, “Gelingende Kommunikation braucht Augenhöhe”, “Wissen teilen schafft neues Wissen”, “Führung heißt Respekt haben”, “Achtsamkeit und Zivilcourage sind die Tugenden” ….

Die Anwendung solcher und ähnlicher Regeln wird für mehr richtige Entscheidungen sorgen im Sinne einer nachhaltigen, die Ressourcen schonenden und so innovativen Entwicklung eines Unternehmen, das letztendlich ja auch nur ein soziales System mit einem wirtschaftlichen Zweck ist.

Und Management, welches eine nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens wirklich will, muss seine Entscheidungen nach diesen Kultur-Regeln ausrichten. Das darf (und muss) dann auf Rationalität und gesunden Menschenverstand aufbauen. Denn auch Ethik hat viel mit Vernunft zu tun – sonst kann sie schnell zu falschen Dogmen führen. Der Evolution werden wir auch so nicht auskommen, aber vielleicht können wir diese so ein wenig durch Innovation zu unseren Gunsten beeinflussen.

Oft versuchen Unternehmensführer, aus Fehler zu lernen und das Gelernte auf die Zukunft zu übertragen. Auch da vermute ich, dass das nicht funktioniert, wenn es auf Basis von “dominante Logik” gemacht wird. Weil dominante Logik bei Menschen und ihren sozialen Systemen immer wieder versagt.

Oft bin ich versucht, diese Thesen mit “dominanter Logik” zu beweisen. Das kann natürlich nicht gelingen. Denn das Sensationelle an Evolution ist eben, dass sie eben nicht rational begründbar sondern zweckfrei ist – und so nichts mit “dominanter Logik” zu tun hat. Sie ist kein Überleben der Passendsten („Survival of the Fittest“) und wohl auch kein “Großer kollaborativer Prozeß“. Innovation ist immer abhängig vom Strom der Evolution. Nur wir Menschen maßen uns an, mit Ratio und Logik Evolution innovativ gestalten zu können. Brauchen dazu aber “Evolutionswissen”, das ebenl nicht in Spreadsheets abgebildet werden kann.

Ja – und dann gibt es noch diese für mich zentrale Eigenschaft:

OPEN

Ohne “OPEN” werden wir kein “Evolutionswissen” schaffen! Wir müssen unser Wissen und unsere Erfahrung teilen, und zwar mit ganz vielen anderen Menschen. Vorbehaltlos und auf Augenhöhe. Nur so können wir die positive Innovation als Veränderung der Evolution schaffen, um die Dinge in unseren Unternehmen wie auf dieser unserer einzigen Welt zu verbessern. Und das wird nie das Werk eines einzelnen Menschen sein, sondern von ganz vielen, die in oft unterschiedlichsten Rollen zusammen wirken.

Zu schnell wird die Evolution sonst uns Menschen von diesem Planeten runter fegen.
:-) Das wäre zwar im kosmischen Maßstab kein großes Unglück, aber schad wär’s halt schon.

Allgemein würde ich sagen, dass man das Unsichtbare eben nicht sehen kann. Besonders nicht als Einzelwesen. Aber vielleicht kann man es gemeinsam Erahnen, sozusagen Erfühlen?

RMD

Roland Dürre
Montag, der 15. April 2013

Bernhard Echte: Jean Paul, der Unternehmer!

Unser erster Referent Bernhard Echte hat am Donnerstag, den 11. April unser IF-Forum des Jahres 2013 mit seinem Vortrag Jean Paul, der Unternehmer furios eröffnet.

Herr Echte hat das zeitgenössische Leben und Denken von vor um die zwei Jahrhunderte und von heute genial zusammen gebracht. Er präsentierte eine Art modernen Leitfaden, wie und mit welchen Werten man als Unternehmer erfolgreich werden und den Erfolg dann bewahren kann. Dies in permanenter Verbindung mit den Ereignissen im und um das Leben von Jean Paul.

Besonders beeindruckend war die geschichtliche Kompetenz des Redners, dem es gelungen ist, seine Zuhörer spannend und präzise in die damalige Zeit zu führen, bis zum letzten Phase des Lebens von Jean-Paul im Elend der Napoleonischen Kriege.

Das Video zum Vortrag wird zeitnah veröffentlicht. Bis dahin ein paar Bilder von der Veranstaltung:

Bernhard Echte, ein souveräner Referent, immer mit einem Schmunzeln im Gesicht, …

… der es schafft, seine Zuhörer so richtig in den Bann zu ziehen.

Am Ende der Diskussion gibt es das mehr als verdiente Dankeschön!

RMD

P.S.
Die Bilder sind von Johannes Naumann.


Ein Besuch in der Gegenwart

Jean Paul Vorträge im IF-Forum

2013 widmet sich das IF-Forum der Aktualität von Jean Pauls Themen und Gedanken.
Mit Vorträgen zu Unternehmertum, Hypertext, Witz und neuen Medien möchten wir neue Perspektiven und Fragestellungen auf das Hier und Jetzt werfen.
Seien Sie dabei!


Roland Dürre
Montag, der 8. April 2013

brand eins im April

Diesmal fand mein brand eins des April erst im April den Weg zu mir. Da hatte es sich schon ein paar Tage vorher per E-Mail angekündigt. Ich war also richtig neugierig.

“Sie wünschen?” Steht auf dem Titelblatt – und der Schwerpunkt gilt
“Der Zukunft des Handels”.

Dazu fällt mir sofort der alte Spruch ein:
Und ist der Handel noch so klein,
so bringt er mehr als Arbeit ein!

Diese Weisheit habe ich von meinem alten Schafkopf-Freund Alois Wolferstetter, einem listigen und klugen Bänker. Als Sohn und Enkel eines Bäckers hatte er Bäcker gelernt. Wegen einer Mehl-Allergie musste er das Fach wechseln und ging zur Sparkasse. So wurde er ein Bankdirektor vom alten Schrot und Korn.

Er kannte die Abgründe des Bankgeschäfts recht gut, so habe ich von ihm viel gelernt. Auch diese Aussage:
Das Geld ist nie weg, es hat nur ein anderer!

Die beiden Wolferstetter’schen Weisheiten werden auch in Zukunft gelten! Wenngleich sich nach meiner Meinung im Handel alles verändern wird. Damit meine ich, dass die mittlerweile klassischen Formen wie Kaufhaus, Discounter, Supermarktkette oder ähnliches mit ihren Konzepten wie ihrer Kultur ziemlich am Ende sind.

Gleichzeitig wird es aber auch nichts richtig Neues geben. Der Appell an das menschliche “Haben möchten” wird halt anders generiert werden, so dass letztendlich dann alles wieder beim alten bleibt.

Geschäftlich werden wir im Handel andere Businessmodelle bekommen. Das Internet wird eine wichtige Rolle spielen, aber ob da der wirklich “margenträchtige” Teil des Handels stattfinden wird, bezweifle ich. Nur wie der “neue Handel” aussehen wird, wage ich bisher noch nicht so recht zu erahnen. Wohl mit viel Emotionen und Erlebnisfreude.

Aber vielleicht wissen die von brand eins ja mehr? Also, nichts wie rein ins Heft.

Im Editorial von Frau Fischer finde ich schon die ersten Hinweise zur Veränderung: Der Kunde ist mündiger und mächtiger geworden. Die Arbeitnehmer zahlen oft die Zeche. Und letzten Endes entscheidet der Kunde …

Was ist dem noch hinzuzufügen? Eigentlich nur ein paar Verweise auf Artikel, die mir gefallen haben:

Köstlich: Der Prolog  zum Schwerpunkt Handel auf Seite 29
(Quelle: Das Leben des Brian)
Philosophisch: “Alte Bekannte” ab Seite 50.
Sympathisch: “Billigland ist abgebrannt” ab Seite 64
Interessant: “Handel in Zahlenauf Seite 79
Absurd:
“Äpfel und Birnen” ab Seite 81
Spannend:
“Zerrüttete Beziehungen” ab Seite 98

… und vieles mehr.

Es lohnt sich wieder!

RMD

Werner Lorbeer
Donnerstag, der 28. März 2013

Staatsbankrott: Was ist so üblich?

Man ist überrascht, was alles überrascht!

Wer Geld in eine Bank einlegt, ist Gläubiger der Bank! Keineswegs sichert die Bank “mein Geld”. Lediglich bis zu 100.000 € ist es versichert, der Rest ist bei jeder Pleite Gegenstand des Konkursverfahrens. Natürlich ist das Kapital der Eigner perdu und auch jenes von denen, die der Bank “Papiere”, die von ihr besichert sind, abgekauft haben, wie Bankanleihen oder Derivate etc.

Unheilvoll aber auch nicht überraschend: Wenn die Staaten zahlungsunfähig sind, dann auch die Banken. Weil große Teile der Staatsschulden von den Banken mit den Einlagen ihrer Kunden gekauft wurden. Oder sollten die Banken auf die Staatsfinanzierung verzichten? Private Gläubiger können sich ihrer Schulden jedenfalls nur innerhalb der Rechtsordnung entledigen, damit sind die Schulden der Privaten sicherer, was sich in den letzten Jahren am Anleihemarkt auch wider spiegelt.

Aber wie sollten die enormen Sparkapitalien investiert werden, die die Bürger anhäufen, wenn nicht über Staat und Gebietskörperschaften? Natürlich könnten die Bürger in Sachkapital investieren, aber gerade in Deutschland ist das seltener als im Rest von Europa. Wir haben beispielsweise weniger Wohnungseigentum als die Bürger von Zypern. Es kommt also – von der Altersvorsorge bis zum Ausbildungssparen – vor allem darauf an, die Staaten bei guter Bonität zu halten, um eine wichtige Eigenschaft des Geldes, Aufbewahrung von Wert, zu organisieren.

Wenn ein Staat mehr Geld ausgibt als er per Steuern, Abgaben, Zölle etc. von den Bürgern erhält, reduziert er seine Bonität. Aber er hat die Möglichkeit, auf die Vermögen der Bürger zuzugreifen, weil wir Demokraten alle Rechte an den Souverän abgegeben haben.

Was sind die Möglichkeiten des Staates, um nach der Zahlungsunfähigkeit des Staates ( = niemand ist bereit ihm weiteres Kapital zu geben) wieder zu einer Grundlage für die Einführung einer neuen Währung zu kommen?

Hier eine Liste von Folterinstrumenten, sicherlich unvollständig:

  1. Währungsschnitt im Tauschverhältnis
  2. Zwangshypothek auf Immobilien
  3. Zwangsanleihe für alle Bankguthaben und Depots
  4. Devisenbewirtschaftung
  5. Geldersatz durch Berechtigungskarten
  6. Verbot der Haltung von Gold
  7. Vermögenssteuer
  8. Zwangsenteignung von Vermögen
  9. Erbschaftssteuer
  10. Rückfall von Grund-und Boden an den Staat
  11. Steuererhöhungen, Abgabeerhöhungen aller Art
  12. Inflationierung
  13. Schuldenschnitt durch Weigerung der Rückzahlung von Staatsanleihen

Eine beachtliche Liste!

wl

Roland Dürre
Mittwoch, der 27. März 2013

… oder arme Reiche?

Im letzten Beitrag ging es ja um das “mittlere Vermögen deutscher Haushalte. Laut der Bundesbank beläuft sich dieses auf rund 51.400 Euro netto und ist damit im europäischen Vergleich erstaunlich niedrig.

Das Thema hat mir keine Ruhe gelassen und ich habe mal nachgelesen, wie hoch die gesamte Staatsverschuldung in der BRD ist. Laut Zeit waren Bund, Länder und Gemeinden in 2011 mit etwas mehr als zwei Billionen Euro verschuldet. Pro Einwohner waren das 24.771 Euro. Diese Zahl ist im letzten Jahr noch mal gestiegen. Sie enthält auch nicht die wahrscheinlichen Belastungen die aus den gigantischen Bürgschaften für die “EURO-Rettung” entstanden sind.

Die Annahme, dass auf jedem Deutschen 25.000 Euro öffentliche Schulden lasten, ist so eher zu niedrig. Zudem könnte und dürfte sich diese Zahl sehr leicht in naher Zukunft katapultiv erhöhen. Wenn ich zurück zum Haushaltsvermögen des “durchschnittlichen” Deutschen mit netto 51.400 EURO komme und davon ausgehe, dass zu einem Haushalt im Schnitt mehr als zwei Menschen gehören, dann liegen die Schulden eines “durchschnittlichen” Haushaltes ja jetzt schon bei großzügiger Betrachtung deutlich über 50.000 €.

Kurz gesagt:

Statistisch sind die deutschen Haushalte “öffentlich” höher verschuldet, als sie über privates Netto-Eigentum verfügen

Armes reiches Deutschland?

;-) Wie gesagt, ich bin froh, dass ich nicht BWL und VWL studiert habe!

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 26. März 2013

Reiche Arme …

Hier ein Ausschnitt aus einer Diskussion, die ich als so eine Art “Briefwechsel im Internet” mitbekommen habe.

In den fünfziger und sechziger Jahren waren Kurzgeschichten der Science Fiction ein beliebtes, aus den USA importiertes Genre. Frederik Pohl, Repräsentant einer Strömung, die ich hier einfach mal als “Social Fiction” bezeichne, veröffentlichte unter anderem eine Geschichte mit dem Titel “Die Armen Reichen”. Ausgangspunkt ist eine Konsumgesellschaft, die damit beschäftigt ist, eine von Robotern hergestellte Überproduktion von Gütern und Dienstleistungen an den Mann zu bringen. Die Bürger sind mit Rationierungskarten ausgestattet, je niedriger die soziale Stellung, desto höher die mindestens zu konsumierenden Rationen. Das heißt, wer einen ausgibt, lässt hier den anderen bezahlen.

Luxuriöse Villenviertel sind also die Elendsviertel und Laubenpieperkolonien eine Art Beverly Hills. Dass der Autor letzten Endes aus dieser genialen Idee nicht viel macht, ist hier nicht von Bedeutung.

Erinnerungen an besagte Geschichte kamen auf, als ein Freund meine Aufmerksamkeit auf einen Artikel in der “Welt” lenkte. Dort steht:

Die Vermögen der Privathaushalte in Deutschland sind einer Studie der Bundesbank zufolge deutlich kleiner als in Euro-Krisenländern wie Spanien oder Italien. Das mittlere Vermögen deutscher Haushalte belaufe sich auf rund 51.400 Euro netto, teilte die Bundesbank am Donnerstag in Frankfurt am Main mit. In Italien betrage das Haushaltsvermögen rund 163.900 Euro, in Spanien rund 178.300 Euro.

In Frankreich belaufe sich das Vermögen der Haushalte im Mittel auf 113.500 Euro, erklärte die Bundesbank weiter. Der für Österreich ermittelte Wert liege mit 76.400 Euro näher am deutschen Niveau. In Deutschland selbst falle das mittlere Vermögen im Osten mit 21.400 Euro deutlich geringer aus als im Westen mit 78.900 Euro je Haushalt.
[In diesem Artikel finden sich noch mehr interessante Zahlen zu Eigentum in diversen Ländern der EU]

Im Vergleich zu hochverschuldeten Krisenstaaten wie Spanien ist damit das vorbildliche, hochproduktive Deutschland beim Vermögen (Aktiva minus Passiva) bettelarm. Selbst die Franzosen, die ja statistisch 6 Wochen pro Jahr weniger als die Deutschen arbeiten, stehen bedeutend besser da. Vielleicht liegt es daran, dass die Reallöhne von 2000 bis 2010 um 4,5% gesunken sind oder daran, dass die Germanen ihr Geld lieber in Malle verballern als “Schaffe, schaffe, Häusle baue” zu praktizieren?

Kommentare über die Aussagekraft von Durchschnitten (Was wird da eigentlich durchgeschnitten und was ist der Belag auf der Schnitte?) überlasse ich lieber dem Statistiker. Mir dämmert jedoch die logische Folgerung:

Je ärmer die Staaten, desto reicher die Bürger und je ärmer die Bürger desto reicher die Staaten.
Oder
Staaten, die nicht wirtschaften können, schaffen reichere Bürger.

Das hat die EZB längst erkannt, na klar, aber Rettungsschirme gibt es nur für die Reichen.

Ich weiß jetzt, Reichtum kommt nicht aus Sparsamkeit und Arbeit, sondern aus Verschuldung und Ausgeben. Das ist ein innovatives, realitätsnahes, wirtschaftliches Konzept.

Warum habe ich eigentlich BWL studiert? Errrare humanum est!

Der Autor dieses Textes ist mir gut bekannt. Er macht gerne auf Widersprüche aufmerksam. Ich finde die Zahlen im Angesicht der aktuellen Entwicklungen zumindest spannend. Will damit aber keinesfalls Ressentiments gegen unsere europäischen Freunde wecken. Irgendwie zeigen mir aber auch diese Zahlen wieder, dass der Karren wohl wirklich verfahren ist. Und wir um eine große Reform nicht herum kommen, denn sonst kommt die “große Reform” ohne unser Zutun über uns.

:-) Ich selbst bin dann ja auch mal froh, dass ich nicht BWL studiert habe.

Meine aber auch, dass man mit Arbeit und Sparsamkeit nicht reich wird. Schon eher durch Schulden machen …

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 8. März 2013

Entscheidungsgründe

Den großen deutschen Energieversorgern geht es schlecht. Da steckt aber eine Geschichte dahinter.

Zuerst wurden gesunde staatliche Unternehmen privatisiert. Für rückwirkend eher lächerliche Beträge. Dann haben die mächtigen Energie-Riesen an den Börsen Rekorddividenden ausgezahlt. Später hat sich der Wind gedreht. Der irrationale Energie-Markt hat seinen Tribut verlangt. Das zwar gut gemeinte aber schlecht gemachte EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) hat wie die erste Reduktion der Laufzeiten für Kernkraftwerke die Situation für die Energie-Unternehmen auch nicht besser gemacht.

Nicht nur die Abschreibungen bewegten sich gewaltig nach oben, auch operativ gab es plötzlich immer mehr Verluste. Zwar wurde gute Lobbyarbeit mit Laufzeitverlängerung belohnt. Das hat die Situation aber auch nur vorübergehend verbessert, denn da kam das Unglück von Fukushima und für die Energieversorger wurde alles noch schlimmer.

Jetzt werden die großen Energieversorger gegen die Bundesrepublik klagen. Aber nicht, weil die Vorstände dieser Unternehmen von der Kernkraft überzeugt sind. Aber diese meinen (wohl zurecht), dass sie es müssen. Denn ihre Aufgabe ist es, Schaden von ihren Unternehmen abzuwenden. Und wenn sie gegen so etwas wie die Energiewende nicht klagen, dann müssen sie fürchten, selber auf Schadenersatz verklagt zu werden.

Also klagen die Vorstände, obwohl sie noch besser als wir wissen, dass die Kernenergie mit Abstand die teuerste und unsinnigste Form von Stromerzeugung ist.

So ist das mittlerweile. Vorstände klagen gegen die Bundesregierung und ihre Überzeugung, nur weil sie sonst ihrerseits verklagt werden könnten. Es geht immer nur ums Geld, Haftung und Sicherheit.

Gleichzeitig beschließt der Bundestag, dass man die Fässer aus der Schachtanlage Asse auf jeden Fall wieder zurückholen will. Moralisch und ethisch gut verständlich. Auch aus Sorge um die Zukunft absolut gerechtfertigt. Obwohl man nach einer etwaigen Bergung ja genauso ratlos ist, wohin man mit dem Zeug soll, wie man es ja davor auch schon war.

Aber diese pathetische Abstimmung ist auch gegen besseres Wissen der Ingenieure erfolgt. Diese gehen davon aus, dass allein schon die Konstruktion der für ein solches Vorhaben benötigten Maschinen 10 Jahre brauchen wird. Und dass bis dahin in der Asse noch einiges passieren wird. Die Bergung wird auch nur möglich sein, wenn man quasi ein neues Bergwerk in das alte hinein baut.

Das alles unabsehbar viel kosten wird.

Mehr als ein paar S21 und brandenburgische Flughafen zusammen. Und obwohl das ganze unbezahlbar ist, wird es vollmundig mit starker Rhetorik beschlossen. Aber ohne jede Aussage, wie dieses Megaprojekt finanziert werden könnte. Die typische Unredlichkeit der Politik.

Die eigentlichen Verursacher, die übrigens mit Riesensubventionen über Jahrzehnte auch vom Staat ins Geschäft mit Kernkraft (natürlich nicht unfreiwillig) hinein getrieben worden sind, können die Zeche nicht mehr bezahlen, da sie selber Pleite sind. Abgesehen davon, dass sie für die “Entsorgung” – sprich das Reinkippen des Mülls in die Schachtanlage – ja schon bezahlt haben.

Wenn man es mit dem Rückholen ernst meint, dann müsste man so eine Art finanziellen Staatsnotstand ausrufen. Und auch überlegen, wo denn der rückgeholten Müll hin soll.

Zumindest haben wir hier endlich mal ein Beispiel einer wirklich alternativlosen Situation. Aussichtslos, weil es keine einzige vernünftige Alternative gibt. Denn den Müll drin lassen, geht ja wohl auch nicht. Dass man ihn aber kaum mehr rauskriegt, wird das wohl der wahrscheinlichste Ausgang sein. Trotz all der schönen Worte und starken Sprüche.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 6. März 2013

S21

Heute morgen höre in den Nachrichten wieder viel zu S21. Das Projekt wird weiter gebaut, das Land Baden-Württemberg soll auf weitere Mitfinanzierung verklagt werden. Gleichzeitig höre ich Stimmen wie “dass man weitermachen müsse, auch wenn man mit dem heutigen Wissen das Projekt nicht mehr starten würde”.

Da graut es mir. Denn es gibt eine goldene kaufmännische Regel:

“Werfe schlechtem Geld kein gutes nach!”

Die gilt besonders dann, wenn man an anderer Stelle das “gute Geld” so dringend bräuchte wie die Bahn für ihre Infrastruktur in der Fläche.

Nur, die Anwendung dieser Regel erfordert immer ein gewisses Maß an Mut und Entscheidungsfreude!

RMD

Den Titel habe ich von Prof. Dr. Axel Börsch-Supan (Direktor des Munich Center for the Economics of Aging MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik “geklaut”. Er hat einen starken Vortrag mit dieser Überschrift auf der Veranstaltung “Erfahrung für die Zukunft sichern” der TUM zum „Projekt TUM Emeriti of Excellence“ gehalten.

Von diesem Vortrag habe ich unter dem Titel “Wer rastet, der rostet” schon berichtet. Da gab es für mich neue, gut belegte Erkenntnisse. Professor Börsch-Supan hat konstruktiv begründet, wie falsch die Vorruhestandspraktiken unserer Zeit sind und dass diese allen Beteiligten schaden, den betroffenen Menschen, den so agierenden Unternehmen und uns allen.

Vor kurzem treffe ich einen Freund, den ich sehr schätze. So alt wie ich. Seit ein paar Monaten ist er im “Vorruhestand”. Und bestätigt alles, was ich da im Vortrag dazu gelernt habe.

Hier wie ich den Vorruhestand in unserer Branche oftmals erlebe:

IT ist nahezu komplex (enorm kompliziert) und erfüllt kritische Themen. Wer das weiß, weiß auch, wie wichtig gerade hier gutes Know-How ist.

Ein Freund von mir ist ein Spitzenkenner einer sehr relevanten Datenbank-Technologie. Er kennt sich besonders gut mit extremen Volumen- und Lastsituationen aus. Wahrscheinlich gibt es in Europa nur ganz wenig Spezialisten, die ihm das Wasser reichen können.

Mein Freund ist so alt wie ich. Sein Arbeitgeber ist ein erstklassiger Konzern. Vor Jahren hat dieser Konzern quasi “mit der Gießkanne” seinen älteren Mitarbeitern eine großzügige Vorruhestandregelung angeboten. Auch mein Freund hat diese angenommen.

Ein paar Jahre später ist es dann soweit. Mein Freund geht in den Ruhestand. Das, obwohl er nach wie vor ein Spitzenmann ist. Finanziell war es ein guter Deal für ihn. Er hat aber vor seinem Ausscheiden gemerkt, wie sein Wissen dem Unternehmen fehlen wird. Deshalb möchte er vorher proaktiv an seine Kollegen weitergeben. So in freiwilligen Kursen auch außerhalb der Arbeitszeit. Weil es während der Arbeit aufgrund der großen Belastung keine Luft gibt. Das klappt aber nicht, er ist doch ziemlich enttäuscht weil kein so großes Interesse daran besteht und sein Angebot kaum angenommen wird.

Dann kommt der Tag der Ruhestandes. Und jetzt gibt es nur Verlierer.

Der Konzern:
Ein ganz wichtiges Know-How ist weg. Wenn demnächst zum Beispiel wieder mal ein Werk steht, weil die IT nicht so tut, wie sie es soll, könnte es auch daran liegen, dass da weit im Vorfeld kleine Fehler gemacht worden sind. Und ein bisschen etwas nicht mehr so stimmt wie früher. Weil das Know-How nicht mehr so vorhanden ist und ein paar Dinge nicht mehr so präzise laufen, wie vorher. Und plötzlich hat das wesentliche Folgen- die Ursachen liegen aber ganz wo anders als man vermutet.

Mein Freund:
Am Beginn des Vorruhestandes war alles toll. Die neue “Freiheit” war wunderschön. Es gab noch eine Reihe von nachlaufenden Aktivitäten aus der Arbeitszeit. Gute Vorsätze wurden gefasst – und eingehalten. Nach ein paar Monaten schon sieht es anders aus. Weniger Kontakte, die Vorsätze klappen auch nicht mehr so … Und so langsam kommt der Frust. Erlebe ich hautnah mit.

Diesen Freund gibt es tatsächlich. Es ist aber nicht nur einer. Alles, so wie ich es im Vortrag verstanden hatte, scheint sich in meiner Erfahrung mit mir gut bekannten Menschen zu bestätigen.

Letztendlich passiert in der Praxis dann bei den Menschen genau das, was der Referent berichtet und wovor er gewarnt hat:

Use it – or – lose it.

Man übt sich nicht mehr und verliert seine Skills. Schritt für Schritt. Und dann – aus die Maus.

Schau mer mal, ob ich daraus etwas für mich lernen kann.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 11. Februar 2013

Wasser

Wenn wir Manager Mittags zum Essen gehen, dann trinken wir Wasser.  Still oder ein wenig gesprudelt. Obwohl es so gute Getränke wie Saft und Saftschorle, CocaCola und viele andere Kunstgetränke gibt. Und nicht zu vergessen – das leckerste Bier der Welt und eine beachtliche Anzahl guter Weine.

Trotzdem trinken wir Wasser. Zum einen, weil es uns gut tut. Vielleicht ist das aber auch ein wenig eine Form von “Neuer Bescheidenheit”. Einfach mal auf zu viel schädlichen Wohlstand ein wenig verzichten. Beim Siemens vor dreißig  Jahren war das noch anders – da haben die Manager im OFK (Oberen-Führungs-Kreis) selten im Gästekasino ohne das kleine Glas Wein dabei gespeist. Und vielleicht noch anschließend ein Zigärrchen geraucht. Und die Führung war damals wohl auch nicht schlechter als heute.

Aber eigentlich schreibe ich hier über die alten Zeiten nur, weil ich immer mehr verstehe, wie wichtig Wasser für uns und die Welt ist und wird.

Die EU-Kommission aber will jetzt auch den Markt der Wasserrechte für die Privatisierung freigeben. Und zum Beispiel auch Kommunen zwingen, ihre Wasserwerke zu privatisieren. Monitor hat darüber am 13.12. eine Sendung ausgestrahlt:

Geheimoperation Wasser:
Wie die EU-Kommission Wasser zur Handelsware machen will.

Es geht darum, dass die EU-Zuständigen den Markt öffnen wollen für eine Privatisierung der Wasserrechte. Laut WDR wird Portugal bereits dazu gezwungen und muss jetzt wohl den 4-fachen Wasserpreis bezahlen. Griechenland wird es nicht anders ergehen.

Privatisierung bedeutet auch, dass der Wasserpreis zukünftig vom Börsenkurs abhängen kann. Wasser könnte ein Exportschlager werden und die Qualität nicht mehr nach gängigen Richtlinien bestimmt werden. Letzten Endes können Großkonzerne den Wassermarkt noch mehr kontrollieren, als dies nach meinem Wissen schon jetzt der Fall ist.

Es gibt auch schon eine Unterschriften-Aktion gegen dieses EU-Vorhaben, die wohl zum heutigen Tage schon mehr als eine Million an Stimmen  gesammelt hat.

Mich macht das alles betroffen. Weiß ich doch, wie wichtig das Wasser für Menschen ist und wie viele Menschen schon heute in der Welt massiv leiden, weil sie über kein Wasser verfügen. Kenne auch Zahlen, die zeigen, dass Wasser bald wertvoller als Öl sein könnte.

Mir persönlich erscheint es sinnvoll, wenn Betriebe, die Ressourcen verteilen und Infrastruktur bereitstellen, im Eigentum der öffentlichen Hände sind und bleiben. Das erschien mir immer als ein kluger Kompromiss zwischen Formen von Allmende-Organisationen und -Regelungen und der Privatisierung im Rahmen eines globalen Kapitalismus.

Je älter ich werde und von unseren Wirtschafts-, Lobbyismus- und Politikstrukturen mitkriege, desto mehr neige ich in meiner Bewertung zu richtig dimensionierten und dezentralen Allmende-Lösungen.

RMD