Roland Dürre
Mittwoch, der 26. Juli 2017

Wirtschaft sollte doch für die Menschen da sein?!

Unterhaching beherbergt einen tollen Fussball-Verein, eine Reihe von IT-Unternehmen wie auch die InterFace AG und sogar Weltfirmen. Zu einer von diesen gehört Wrigley.

Ich erzähle mal, was ich in den letzten Wochen so gehört habe. Ich habe die Geschichte nicht recherchiert, es könnte aber gut sein, dass es stimmt, was so als Bericht und Gerücht durch die Gegend wabert.

Sicher ist es die Spielvereinigung Unterhaching, die den Bekanntheitsgrad von Unterhaching über die Grenzen Deutschlands hinaus beträchtlich erhöht hat.

Neben Fußball gibt es in Unterhaching auch Volleyball, Turnen und manche erfolgreiche Sportart mehr – und einiges an weiteren interessanten Unternehmen, ein wunderschönes Freibad und vieles schöne mehr.

So erfreut sich auch die Gemeinde Unterhaching auch daran, dass das namhafte Welt-Unternehmen Wrigley seine Europa-Zentrale seinen Sitz hat. Und das muss demnächst wohl heißen „hatte“.


Die großen Konzerne streben nach Macht. Für diesen Zweck übernehmen sie gerne andere Konzerne.


Mag sein, dass Mars mit Erlösen in 2016 von 35 Milliarden US-Dollar eher im Schatten von Nestlé (Umsatz 2015 war 88,8 Milliarden CHF) steht. Umso mehr arbeitet Mars daran, den großen Rivalen einzuholen.

Gerade bereiten sie die Übernahme des Tierklinikbetreibers VCA Inc. (Veterinary Centres of America) vor. Inklusive Schulden will Mars 9,1 Milliarden US-Dollar ausgeben! Damit soll das Geschäftsfeld Tiergesundheit weiter verstärkt werden. Ich empfinde das als Wahnsinn und fehlgeleiteten Spätkapitalismus. Was der amerikanische Nahrungsmittel-Gigant mit der Übernahme vorhat, das kann ich mir nur zu gut (besser schlecht) ausmalen.


Nahrungs-Mittel-Hersteller investiert in Tierklink. Bestraft sei, wer hier Böses denkt.


Schon in 2008 wurde Wrigley von Mars übernommen. Die Europa-Zentrale verblieb zuerst mal in Unterhaching. Ein weiterer wichtiger europäischer Standort von Mars liegt wohl in Viersen bei Düsseldorf.

Jetzt will Mars eine Reihe seiner zentralen Aktivitäten in London konzentrieren. Eine Folge wird sein, dass Menschen von Unterhaching und Viersen nach London umziehen müssen. Manchen Unterhachingern mag das weh tun – für andere wird es eine spannende Herausforderung sein.

Aber das ist halt so in einer globalen Welt und Wirtschaft, die ja die meisten Menschen mögen zu scheinen und zumindest mit ihrem Konsum-Verhalten unterstützen.

Das ist aber nicht das Thema dieses Artikels. Was mich bestürzt, ist die Begründung für den Umzug nach London.


Große Konzerne gehen davon aus, dass in Zukunft die Qualität des Marketing der zentrale Erfolgsschlüssel im Wettbewerb ist.


Dieser erscheint dem Konzern nützlich, ja notwendig, weil er davon ausgeht, dass im Markt der LEBENS-MITTEL nur das Unternehmen sich behaupten wird und vielleicht sogar zulegen kann, das das beste MARKETING macht. Und in den Kreisen des Top-Managements geht man davon aus, dass die effizienten und effektiven Marketing-Firmen halt in London sitzen. So wird deren Nähe gesucht – und man geht nach Great Britain. Trotz Brexit und so, der nach meiner Meinung ja auch mehr so ein Operetten-Ding ist.

LEBENS-MITTEL-Konzerne sind zuerst Mal auf Umsatz und Ergebnis (Profit) getrimmt. Und da ist – in der Wahrnehmung der Konzerne – das MARKETING der entscheidende Erfolgsfaktor. Alles andere wie Qualität der Nahrungsmittel und die Folgen für die Gesundheit spielt nur eine untergeordnete Rolle.


Wirtschaft sollte für die Menschen da sein, nicht die Menschen sind für die Wirtschaft!


Wichtig ist den Konzernen nur eines – die Menschen müssen das billig produzierte Massennahrungsmittel kaufen und zwar für einen möglichst hohen Preis. Damit es der Masse schmeckt, wird es möglichst „convenient“ gemacht und verführerisch dargestellt. Mit opportunen Aroma-Stoffen angereichert wird „the taste of the world“ generiert und durchgesetzt. „Billig“ geht vor Qualität, Aufmachung und Verpackung vor Inhalt, Einfalt vor Vielfalt, Masse vor Klasse, Haltbarkeit vor Frische, logistische Eignung vor Geschmack …

Und so gibt es eine starke LOBBY, die dem Gesetzgeber in Europa und BRD untersagt, dass dieser zum Beispiel eine klare Kennzeichung für gesundheitlich schädliche Produkte einführt.

Und was machen die Menschen? Gar nichts. Sie glauben dem Marketing und kaufen wie Lemminge die Produkte von Mars, Nestlé und Co. Leider auch in Unterhaching.

RMD

 

Roland Dürre
Donnerstag, der 8. September 2016

HELLO WORLD – Ein offener Brief – #FRIEDEN

Weiße Taube auf blauem Grund, eine Variante der Friedenstaube: Seit den 1980er Jahren verbreitetes Symbol der westeuropäischen, vor allem der deutschen Friedensbewegung, entworfen im Kontext des Widerstands gegen den NATO-Doppelbeschluss.

Weiße Taube auf blauem Grund, eine Variante der Friedenstaube: Seit den 1980er Jahren verbreitetes Symbol der westeuropäischen, vor allem der deutschen Friedensbewegung, entworfen im Kontext des Widerstands gegen den NATO-Doppelbeschluss.

Vor kurzem hatte ich ein tolles Gespräch mit einem Menschen, den ich sehr schätze und lieb gewonnen habe. Ich will ihn für unser Projekt FRIEDEN gewinnen. Am nächsten Tag habe ich ihm geschrieben – hier meine Gedanken dazu als offenen Brief.

Lieber Freund!

im Abstand einer Nacht möchte ich mich nochmal für das Gespräch gestern bedanken.

Du hast mir die richtigen und wichtigen Fragen gestellt. Das ist ein großer Wert. Denn Lösungen findet man nur, wenn man vorher die richtigen Fragen findet.

Hier der Versuch einer zusammenfassenden Antwort auf Deine klugen Fragen zum Projekt FRIEDEN (Warum und Wie):

Für mich ist FRIEDEN die allgemeine Metapher für das Gegenteil von all dem, was nach meiner Meinung in unserer Gesellschaft schief läuft.

Weltweit (mit ganz wenigen und sehr fragwürdigen Ausnahmen) dominiert ein Wirtschafts-System, das die Menschen manipuliert. „Shareholder Value“ und die eigene Bereicherung der handelnden Akteure setzt es in ungeahnter Konsequenz über alles. Auch der Krieg dient hier als Mittel zum Zweck.

Diesem System ist das Wohlbefinden, die physische und psychische Gesundheit der Menschen und auch unser Planet völlig egal. Ich kann das für viele Branchen belegen, auch durch besondere Insights die ich aufgrund meines Netzwerkes habe.

Dazu gehören – nur als ein Beispiel – auch Diskussionen mit Vorständen eines sehr relevanten Pharmaziekonzern im Rahmen eines Forschungsprojekts. Und wenn ich dann aktuell die Bewertung der neuesten Medikamente (von 23 ist eines im grünen, wenige im orangen und über die Hälfte im roten Bereich) anschaue, dann weiß ich sehr wohl die Gründe dafür (siehe SZ von gestern).

Leider gilt das für viele (ich meine alle) Branchen – ob Gesundheit ganz allgemein, Nahrungsmittel, Energie, Finanzen (Banken und Versicherungen), Rohstoffe, Handel, Kfz, Kommunikation, Technologie … Dass die Waffenindustrie da dabei ist, ist natürlich klar.

Und dies ist (leider) keine Verschwörungstheorie sondern präzise belegbar.

Auch die EU ist leider eine sehr undemokratische Organisation (geworden?), die dominiert wird von den Interessen der Konzerne und auch letzten Endes auch von diesen gegründet wurde. So wie auch der EURO kein politisches Produkt ist sondern vor allem von „der Wirtschaft“ eingefordert wurde. Gestern hat ein Urteil des EuGH dies wieder einmal belegt (siehe die ZEIT von gestern).

Ich will aber keine Diskussion über solche Missstände lostreten. Viel mehr beschäftigen mich Begriffe wie Reform, Revolution, Veränderung, Wandel, Innovation, Evolution, Transformation. Diese Begriffe sind auch Basis meiner Vorträge, ganz gleich ob es um Digitalisierung, Führung oder Unternehmertum geht.

Das alles sind schwierige Begriffe. Innovation ist für mich „kreative Zerstörung“. Reform ist gewaltfreie Veränderung. Alle schreiben nach Reformen – nur Veränderung will man nicht. Und Veränderung beinhaltet immer Gewalt.

Ich benutze für das Projekt FRIEDEN den Begriff der Transformation. Mein Ziel ist vielleicht, ein kommunikatives Gegengewicht zu schaffen gegen all das „Unfriedliche“. Und das eben nicht auf einer „religiösen“ Ebene. Also nicht durch missionieren.

Sondern durch emotionale und rationale Anstöße zum Nachdenken. Mit der Absicht Menschen so zu inspirieren. So dass sie auf die Idee gebracht werden, eigenverantwortlich zu denken und zu handeln. Ein Schneeball-System, welches Menschen ohne Dogmen und Drogen ihre Autonomie finden lässt – das wäre schön.

Dass mein Herz heiß ist und ich deshalb gerne große Ziele vorgebe, bitte ich zu verzeihen. Zum Teil liegt es daran, weil mir in meinem Leben – zumindest in meiner Wahrnehmung – schon Erstaunliches gelungen ist, das ich selber nie für möglich gehalten hätte.

Andererseits nehme ich mich selber als eher bescheidenen Menschen wahr, der auch mit kleinen Erfolgen gut leben kann. Denn zuerst Mal ist der Weg das Ziel!

Nur: Wegschauen und nichts machen geht schon mal gar nicht.

Als Mentor unterstütze ich Menschen immer nur „homöopathisch“ und freue mich, wenn es mir gelingt andere Menschen ein wenig glücklicher und erfolgreicher zu machen. Und bin dann selber sehr zufrieden und glücklich. Das gilt auch für „meine Startups“.

Mein persönliches Hauptziel ist, in Dankbarkeit leben zu können.

Ganz liebe Grüße und lass uns in Verbindung bleiben!

RMD

Oder:

Wie ich das erste Mal echtes „Projekt Management“ erlebte.

Beim PM-Camp Berlin habe ich von vier Projekten aus der Vintage Zeit berichtet, die für mich sehr wichtig waren. Und hier angekündigt, dass ich alle vier auch in IF-Blog beschreiben werde.

Projekt 3

Jetzt kommt die Geschichte zum dritten Projekt:

Fernschreiber (Siemens T100) - eingeführt im Jahre 1958 - moderner Nachfolger des T50

Fernschreiber (Siemens T100 – 1958), der moderne Nachfolger des T50

Nach meinem Wechsel innerhalb der Siemens AG weg von UB D WS DF 131 hatte ich gemeinsam mit einem neuen Kollegen, der schnell zum Freund wurde, die technische Verantwortung für ein relevantes und absolut innovatives Groß-Projekt namens DISPOL.

Siemens hatte den Auftrag gewonnen, das Fernschreib-Netz der Polizei Bayerns durch ein Transdata-Netzwerk basierend auf moderner Leitungsvermittlung zu ersetzen. Parallel zur Netzablösung sollten auch die Karteikästen durch eine Datenbank in einem zentralen Host (Mainframe – das war ein BS 1000 System) und die Fernschreiber durch moderne Datensichtgeräte abgelöst werden.

Das war so ungefähr von 1979 – 1981. Ich war noch fest angestellt bei Siemens, allerdings war ich gerade der Entwicklungsabteilung von Transdata/PDN, bzw. der dort eingezogenen „Bürocracy“ entflohen und suchte jetzt mein Heil im „Vertrieb“ bei UB D V S 3. Das war die Abkürzung für „Unternehmensbereich Datenverarbeitung, Vertrieb, Sonderprojekte  3“.
Siehe dazu den Bericht zu meinem Vintage Projekt #2.

Mein Wechsel aus dem Labor zu den Sonderprojekten bewirkte, dass ich aus der lieb gewonnenen und so angenehm privaten Umgebung der Ortenburgstraße (nahe dem Standort Hofmannstr.) nach Neuperlach umziehen musste. Und schnell habe ich verstanden, warum das neue Gebäude an der S-Bahn Neuperlach Süd von vielen Menschen boshaft „Datasibirsk“ oder „Lego-Stadt“ genannt wurde.

Für mich war es noch schlimmer. Ich zog in ein kühles Hochhaus in einem eingezäuntem Areal ein, das mich an ein großes Kasernengelände erinnerte. Beton und kalter HighTech-Schick dominierten. Und ich fühlte mich auch kaserniert, das einzig zivile innerhalb des Geländes ein Obst-Händler, der seine Waren an seinem Stand innerhalb des Standortes feil bot.

Vom ersten Tag fühlte ich mich im nur außen bunten aber innen recht grauen Betonbunker unwohl. Dies obwohl man immerhin noch die Fenster öffnen konnte und es im Inneren des umzäunten Bereiches viel Grün gab. Doch auch das Grün war auf eine sehr nüchterne Art domestiziert – nicht so schön wie man sich z.B. einen Schloßgarten vorstellt sondern mehr so techno-zweckmäßig.

Aber ich hatte Glück. Ich war ja bei den Sonderprojekten – und die fanden eben nicht im heimischen Office statt, sondern draußen in der Welt. Und da ich quasi mit Herrschaftswissen ausgestattet war, war ich jetzt mein eigener Herr und fühle mich wie ein kleiner König.

Und so zog ich es vor, mich überwiegend in der Räumen des Kunden (Bayerisches Landeskriminalamt in der Maillinger Straße) zu bewegen und mich in Neuperlach nur sehen zu lassen, wenn es eben unbedingt notwendig war. Die Räume der Polizei kamen mir trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen viel menschlicher vor als der neue High-Tech-Standort der Siemens AG.

Die Flucht aus dem der Bürokratie geopferten „Labor“ war gelungen und ich durfte das richtige Leben erleben. Und das Projekt Dispol war eine tolle Sache. Eine totale Innovation. Gemeinsam mit exzellenten Partnern auf Seite der bayerischen Polizei waren wir ein wunderbares Team, das maximal konstruktiv und auf Augenhöhe zusammen arbeitete. Allerdings kam ich zu einem Zeitpunkt, zu dem das Projekt recht fortgeschritten war.

Und es gab eine Reihe von Geburtsfehlern – in allen möglichen Dimensionen des Projekts. So galt es, zuerst mal eine Reihe von hohen Hürden zu überwinden; da hatten wir ein völlig unsinniges Design, das schon teilweise implementiert war (man wollte ein starres System völlig funktionswidrig mit dynamischen Verbindungsaufbau realisieren), es gab diverse Architekturfehler bei HW und SW, die ganz schnell korrigiert werden mussten (Systeme ohne lokalen Speicher für den schnellen Reload, mangelhafte Testumgebung …), der totale Ausfall von zugesagten Komponenten (ein Beispiel ist hier der Fernschreib-Port, der zwar die Protokolle der damaligen Post trefflich konnte, aber nicht die der Polizei, die schon „elektrisch“ ganz anders waren) und dazu viele weitere „normale“ Herausforderungen, die eben so auftreten, wenn man Dinge das allererste mal macht …

Und es gab auch eine schwierige Anforderung im Vertrag. Denn das neue Produkt DISPOL sollte ein Fernschreiber-Netz ablösen. Und solche Fernschreibernetze hatten (zumindest in Bayern) eine Verfügbarkeit über Jahre wenn nicht Jahrzehnte von echten 100%. Das heißt, sie fielen NIE aus.

Und das hat der Kunde natürlich auch von der neuen Lösung erwartet. Zurecht?! Da Siemens (damals) natürlich nicht dumm war, hatten sie im Vertrag ausgehandelt, dass das System zumindest keine Verfügbarkeit von 100 % haben musste. Es durfte auch ab und zu mal ausfallen. Man ahnte wohl, dass die EDV ihre Einschränkungen hatte. Aber eben nur „ab und zu mal“.

So war vertraglich vereinbart, dass die Abnahme erst erfolgte, wenn das System einen gewissen Zeitraum (ich meine zwei Wochen) am Stück lief und die „down-time“ bei ganz wenigen Stunden lag (ich meine es war genau eine).

Das Problem war nur, dass der Wiederanlauf unserer Rechner auch gut eine Stunde erforderte. So bedeutete ein Absturz auch nur eines Systems, dass die zwei Wochen von vorne los gingen und so alle Versuche der Abnahme nach ein paar Tagen, spätestens aber ein paar Tage vor Fristablauf scheiterten …
(Einschub: Auch dieses Problem haben wir triggy gelöst, bei Interesse berichte ich gerne darüber).

Einen Absturz gab es halt immer, denn wir hatten eine Reihe von sporadischen und schwer zu reproduzierenden Fehlern, von denen der eine oder andere halt dann immer vor Ablauf der vier Wochen auftrat. Und die wir halt der Reihe nach „raus-pulen“ mussten. Das „raus-pulen“ von Fehlern braucht aber Zeit. Weil man da Fallen implementieren muss, die den Fehler „fangen“ und ihn reproduzierbar machen. Und diese Zeit hatten wir vertragsbedingt nicht.

Vielleicht noch ein vielleicht interessanter Einschub:
Der Test ging so, dass der Polizeibetrieb in der Phase der Abnahme doppelt lief. Der Echtbetrieb mit den Echtdaten lief weiter auf der alten Technologie des bewährten Fernschreib-Netzes. Die archivierten Originaldaten (Lochstreifen) liefen dann aber zeitversetzt 1:1 über das neue System. Zum Testen. Formal wurden zwar kritische Daten anonymisiert und entschärft. Aber eben nur soweit es möglich war. Und es ist (natürlich) nichts passiert. Weil wir wußten, dass das sensible Daten sind und wir da eine Verantwortung haben. Heute würden die Herren vom Datenschutz wahrscheinlich heulen.

Aber zurück zum Thema:
Das Problem mit der Standfestigkeit des Systems trat erst in der Endphase des Projektes auf (die sich ganz schön lange hinzog). Wegen den beschriebenen Ursachen gab es schon vorher eine Reihe von Problemen.

So geriet das Management in Panik. Das war auch der Grund, warum es mich ins Projekt geholt hatte. Dann hat es verstanden, dass sehr viel zu tun war und versorgte uns mit zusätzlichen Ressourcen! Das waren Consultants und junge Leute, die halt irgendwo im großen Konzern herum sassen und nichts zu tun hatten. Und:
Es installierte einen Projekt Manager! 

Ich berichte zuerst von meinen Erfahrungen mit den Consultants und jungen Leuten, dann vom Projekt Manager.

Die Consultants

Da kamen ein paar. Die sollten uns verstärken, was sie aber in der Regel nicht so richtig getan haben. Besonders erinnere ich mich an zwei Kollegen von der PSE (österreichische Siemenstocher für SW-Entwicklung). Der eine kam aus Wien und der andere aus Graz. Beide waren Doktoren, der eine hatte den akademischen Titel in der Psychologie, der andere in der Physik.

Beide waren höchst sympathische Kerle. Beide waren unglücklich in der Fremde. Der eine vermisste das schöne Wien, der andere Graz. Beide kamen mir sehr intelligent wenn nicht genial vor. Beide hatten einen Namen, der mit einem M. begann. Und beide hatten aber vom System wenig und wie guter Code aussehen sollte gar keine Ahnung.

Das habe ich den beiden aber nie gesagt, weil sie mir eben so richtig sympathisch waren. So durften sie mitspielen und haben das auch brav und gut gemacht. Nur so richtig im Projekt sind sie halt nicht angekommen. Auch weil sie wie Söldner in diesem Projekt „auf Montage“ waren. Und das erhöht Motivation und Leistungsfähigkeit nicht sonderlich. So war auch ihr Wertbeitrag nicht sonderlich relevant.

Die jungen Leute

Ich erinnere mich auch an eine junge Frau und einen jungen Mann, die wir bekommen haben. Beide waren blutjung (Anfang 20, ich war zu Beginn noch keine 30). Die beiden hatten irgendwo bei Siemens eine Ausbildung in Richtung IT gemacht.

Beide waren höchst motiviert, haben aufmerksam zugehört, gut gefolgt und so schnell die Technik wie ihre Aufgabe verstanden. Beide waren auch wahrscheinlich sehr billig – besonders in Relation zu den promovierten Consultants – und haben einen extrem hohen Beitrag zum Gelingen des Projektes geleistet. Aus beiden ist dann übrigens etwas geworden. Aber nicht bei Siemens.
Jetzt fehlt nur noch der neue

Der Projekt Manager

Der Projekt Manager war ein seriöser Herr, der immer Krawatte trug und vom ersten Tag durch hohe Nervosität auffiel. Die ich ich gut verstehen konnte, denn er sollte ja ein Problem lösen, von dem er wirklich keine um nicht zu sagen null Ahnung hatte. Einen wesentlichen Teil sass er bei uns und schrieb unaufhörlich Berichte. Die restliche Zeit war er in Sitzungen in Neuperlach. Er war so etwas wie ein Dolmetscher zwischen den Welten des Management und dem Projekt, das aus Technologie bestand. Der Sprache der Technologie war er nicht mächtig und konnte so das Projekt nie verstehen. Ich mutmasste, dass er auch nicht der Sprache des Managements mächtig war, die ich ja in meiner Zeit im Labor als Versorger von Großprojekten so ein wenig kennen gelernt hatte. Er war ein einsamer Wanderer zwischen zwei Welten.

Unser Projekt Manager hatte eine eigenartige Stimme und so schnell einen Spitznamen weg (Schnarrie). Den haben ihm unsere beiden Damen (W. und C.) gegeben, die die Koordination recht gut durchführten und den Kunden sehr klug betreuten. Vielleicht weil sie sich ärgerten, dass so auch ihre Rollen beschnitten wurden.

Schnarrie hatte für uns einen zweifachen Nutzen. Zum ersten mussten wir uns nicht mehr dem Management gegenüber rechtfertigen, eine Übung, die nicht nur Hans und Mich wie unseren Damen gelegentlich durchaus Zeit und auch Nerven kostete. Und er hatte ein Budget! Das hatten wir vorher nie. Und so gelang es uns, doch eine Reihe von schönen „Siegesfeiern“, wenn wir wieder einen sporadischen Bug oder so gefunden hatte, auf Kosten von Siemens durchzuführen …

Das sollte genügen. Das Projekt DISPOL wurde übrigens ein großer Erfolg und lief Jahrzehnte zur äußersten Zufriedenheit der Bayerischen Polizei. Und brachte der Siemens AG gute Folgeaufträge ein.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 15. Oktober 2015

Neue Konzerne braucht die Welt.

Bei der Überschrift habe ich mich an das wunderbare Lied von Ina Deter angelehnt. Das passt sehr gut, sind doch die meisten Konzernchefs gerade in Deutschland (noch) Männer. Also zuerst mal hier ihren „Song“:

Diesen Artikel widme ich meinem Freund Hans Bonfigt. Sein letzter Beitrag als Gastautor hat unheimlich viel Leser für IF-Blog gebracht. Das ging so: Hans hat einen „historischen Feind“, Felix von Leitner. Mit dem hat er sich schon in den guten alten Usenet-Zeiten „gezofft“. Felix schreibt den viel gelesenen blog.fefe.de und hat von dort den Gastbeitrag vom Hans in IF-Blog verlinkt. Und dann ging es los, allein über 20.000 Leser haben so innerhalb weniger Tage diesen Artikel erreicht. Aber auch viele andere Artikel haben kräftig davon profitiert.

Zurück zum Hans. Er neigt manchmal zu einer brutalen Sprache. Die lenkt ab und zu von seinen guten Gedanken ab. Unternehmen die er nicht mag, beschimpft er. Manche empfinden das als Diffamierung. Das ist nicht gefällig. Ich meine auch, dass seine durchaus validen Thesen mehr Anerkennung finden würden, wenn er nicht so oft pauschal verdammen würde.

Ich respektiere das. Denn er hat in seiner harten Art und Weise wohl Recht. Das meiste von dem, was er schreibt, ist noch harmlos im Vergleich zur ungeschminkten Wirklichkeit.

Betrachten wir mal die Konzerne, die die Welt beherrschen. In Deutschland sind das in der Regel Unternehmen mit einem guten Renommee, einer wertvollen Marke, viel Prestige und Geschichte. Sie verfügen über eine gut ausgebildete „Work-Force“, viel Wissen, gute Vertriebskanäle und hohen Bekanntheitsgrad. Sie scheinen durch ihre Prozesse und Aufstellung für alle Ungemach gerüstet. Die Mitarbeiter verdienen meistens aufgrund guter Tarifverträge besser als zum Beispiel Menschen, die im „Sozialen Bereich“ oder in der „Freien Wildbahn“ beschäftigt sind. Aufgrund eines ausufernden Kündigungsschutz sind diese auch die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes betreffend deutlich besser gestellt als der Rest der Werktätigen in diesem Lande.

Schaut man aber hinter die glänzenden Fassaden, dann bröckelt vieles vom Lack ab. Nur zu oft versagen ihre klassischen Geschäftsmodelle und sind die klassischen Umsatzträger bedroht. Sie beschäftigen oft viel zu viel teuer bezahlte Mitarbeiter, die in den Szenarien der Zukunft nicht mehr benötigt werden. Altlasten bedrücken sie, der Markt ändert sich zu ihren Ungunsten und neue Konkurrenten bedrohen sie.

Es gibt große innere Schwächen, die nach außen versteckt werden. Vieles was da glänzt ist kein Gold. Das ist schon beängstigend. Wenn ich dann noch die „handlungsleitenden Werte“ der die Welt beherrschenden Wirtschaft analysiere, dann wird es mir schwindelig. Das gilt weltweit, für alle Konzerne wie für alle Branchen.

Denn wir haben in der Weltwirtschaft desolate Zustände, die wir seltsamer Weise tolerieren. Von dem Gedanken einer Gemeinwohl-Ökonomie – wie zum Beispiel in der Bayerischen Verfassung verpflichtend festgelegt – findet sich da keine Spur mehr. Keiner akzeptiert die Verpflichtung, die das von mir als wertvoll empfundene Recht zur Gewerbefreiheit den Gewerbetreibenden auferlegt.

Auch der gute Ruf eines Unternehmens ist zum Mittel zum Zweckes geworden. So lässt sich besser Profit machen. Der Einsatz Ethik wird in CSR – Coporate Social Responsibilty eingepackt und dient der Verschleierung der Realität. Denn alle Konzerne und Unternehmen der Wirtschaft folgen drei ungeschriebenen Gesetze:

Die drei Gebote des aktuellen Kapitalismus:

1. Gebot
Entwickle nicht Produkte für die Bedürfnisse der Menschen und des Marktes, sondern richte den Markt so aus, dass er die Produkte kauft, die Dir am meisten Profit bringen! Dazu manipuliere die Menschen permanent durch eine kollektive Gehirnwäsche, die auch „Marketing“ genannt wird.

2. Gebot
Lege die Regeln und Ordnungen für Deine Geschäfte so fest, dass sie zu erst mal ausschließlich Dir nutzen! Dazu setze die Superwaffe „Lobbyismus“ ein! Dein Ziel muss sein, die Politiker durch Deine Lobbyisten so zu steuern, dass alle Gesetze und Regeln nur Dir zum Vorteil gereichen!

3. Gebot
Absolutes Ziel all Deines unternehmerischen Handeln muss es sein, die Profite und den Shareholder Value zu maximieren! So entstandene Gewinne musst Du schnellst möglich privatisieren, die Verluste aber umgehend sozialisieren!

Diese Gebote des modernen Kapitalismus haben Priorität vor allem anderen, gleich ob es Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten oder andere Stakeholder betrifft. Weltweit und ohne Ausnahme. Denn ob in Asien, China, Indien, Japan, Korea, Südamerika, USA oder sonst wo auch immer, es geht immer nur und ausschließlich um den Profit.

Auch in Europa sieht es nicht besser aus, gleich ob in den ehemaligen EG- oder Comecon-Staaten. Dass es in der Schweiz anders ist, kann ich mir nicht vorstellen. Die skandinavischen Konzerne sind für mich auch keine Hoffnungsträger, wenn ich mir nur die Geschichten anhöre, die sich z.B. um IKEA ranken.

Summarisch kann gesagt werden, dass bei allen Konzernen und vielen weiteren Unternehmen der Wirtschaft immer das Erzielen und Maximieren von Gewinnen und die Festigung der Position im Markt die absolute Priorität haben. So hat die Konzern-Wirtschaft einen Punkt erreicht hat, an dem es nur noch um das eigene Überleben geht. Erhalt und immer fortwährende Stärkung des eigenen Systems sind zum ausschließlichen und vom System selbst festgelegten Zweck geworden.  Und der Zweck heiligt die Mittel. Solche Systeme bezeichnet man in der Theorieals „entpersonalisiert“. Und den Selbsterhalt zum ausschließlichen Zweck zu machen, entmenschlicht und ist die Vorstufe zum faschistischen System.

Der Hauptzweck eines Unternehmens ist: Die Menschen im Land mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen, die das Wohl dieser mehren. Dem widerspricht die aktuelle Ausrichtung der Wirtschaft. Zielsetzung.  Die eigentlichen Bedürfnisse der Menschen werden nicht mehr bedient, sondern passend auf die Wirtschaft formatiert. Für eine „Gemeinwohl-Ökonomie“, wie sie ja auch die Bayerische Verfassung fordert, ist dann natürlich auch kein Raum mehr da. Dies empfinde ich als „kriminell“.

Jetzt gehe ich kurz durch die Branchen, ob ich eine nicht-kriminelle finde?

Die „Food“-Industrie (warum spricht man eigentlich nicht mehr von Nahrungsmitteln oder Ernährung?) kann es nicht sein. Mit Lügen werden dort schon die kleinen Kunden vorsätzlich auf ungesunde Ernährung gepolt. Ein (nicht nur Lebensmittel-) Skandal folgt dem nächsten, es wird beliebig geschwindelt und erpresst. Qualitätsabstriche und Ausbeutung werden aus Kostengründen billigend in Kauf genommenen wie auch die Umweltzerstörungen nicht nur in der dritten Welt. Besonders krasse Fälle wie die Situation beim Saatgut erwähne ich mal nur am Rande.

Über die Industrien, die die Menschheit mit „Rohstoffen versorgen“, brauche ich eigentlich auch nicht zu schreiben. Jeder weiß, welche Spuren diese Raubritter auf unseren Planeten hinterlassen haben. Genauso wie deren Unterabteilung, die Öl- und Petro-Industrie. Hier sollen Unternehmen wie Gasprom sogar über eine eigene paramilitärische Organisation verfügen, die ähnlich als Privat-Armee mit schweren Waffen ausgestattet ist. Warum? Klar, um notfalls ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen

Aber auch die EVU’s kommen nicht besser weg. Auch nicht die Chemie-Industrie oder die Pharmazie, von der man laufend liest, dass Medikamente mit besten Tests (herausragende Wirksamkeit, zu vernachlässigende Nebenwirkungen) zugelassen werden und so auf den Markt kommen. Und wenn viele Anwender – oft Kinder und Jugendliche – die Medikamente Jahre lang konsumiert haben, stellt sich eine Wirksamkeit von NULL dafür aber wesentliche Nebenwirkungen heraus. Aber es war ja nichts. Das „Business as Usual“ geht weiter.

Auch der Handel dürfte hat keine weiße Weste. Mit welch harten Bandagen kämpfen die Discounter sowohl gegeneinander wie auch gegen ihre Lieferanten! Und die Kunden bescheissen sie auch immer wieder. In einem langfristig ruinösen Verdrängungswettbewerb betonieren sie die Landschaft zu. Übrig bleiben werden am Schluss nur die Ruinen vieler nicht mehr benötigter Filialen und eine zerstörte Infrastruktur.

Von den Verkehrsunternehmen, Finanzdienstleistern, den Spekulations-, Wett- und Spiel-Unternehmen, den Medienunternehmen, den Waffenproduzenten, der Logistik-Branche oder gar von der Genussmittel-Industrie will ich gar nicht reden.

Auch meiner Branche – der IT-Industrie traue ich nicht. So könnte ich mir vorstellen, dass mancher Hersteller sich sehr über das hohe Aufkommen von Viren und Spams freut. Und über den Abhörwahn und manches mehr. Denn ich vermute, dass nur noch ein kleiner Teil der Hard- und Software-Systeme der eigentlichen Verarbeitung und Kommunikation von Daten dient.

Nein, die meisten Server- und Speichersysteme dürften für Spam- und Virenabwehr, fürs Überwachen und Abhören und ähnlichen verkauft werden. Die Spam-Flut bei den E-Mails könnte man mit einem geeigneten Protokoll leicht ausschalten (sogar die alten Fernschreiber hatten einen Kennungsgeber) – aber keiner will das, vermutlich weil es doch schade um das schöne Geschäft wäre.

Mir fällt noch auf:

Gewinne dürfen beliebig hoch sein. Je höher desto besser. Auch wenn es unmoralisch anmutet.

Von Reemtsma (Branche Genussmittel – Tabak) habe ich mal gelesen, dass dort in guten Jahren der EBIT auch mal die Hälfte des Umsatzes beträgt. Nehmen wir mal an, dass in dieser Branche der Umsatz nur ein Zwanzigfaches des eingesetzten Kapitals beträgt, dann ist das eine Kapitalrendite von 1.000 %. Und es gab mal Zeiten, da galten 4 % als eine ordentliche Umsatz-Rendite  (das war in 50igern bei VW und damals bekam man sogar auf seinem Sparbuch noch einen Zins im unteren einstelligen Prozentbereich). Bei einem 200-fachen Faktor Umsatz zu Kapital wäre das dann eine Rendite von 10.000 %. Das muss man erst mal schaffen …

Und was lese ich (vorwurfsvoll) auf der Website von Reemtsma?
Illegaler Zigaretten-Handel gehört zu den lukrativsten Straftaten …
Warum wohl?

Marketing darf mittlerweile kosten, was es wolle. Und die Manipulation soweit gehen wie nur irgendwie möglich.

Hauptsache ist, dass sie ihren Zweck erfüllt. Gerade vom „digitalen Marketing“ gibt es da unglaubliche Fortschritte zu vermelden. Die modernsten Erkenntnisse von Gehirnforschung und Psychologie werden genutzt. So wachsen die Aufwendungen für Marketing und Vertrieb laufend und betragen bei manchen Unternehmen schon oft die Hälfte des Umsatzes. Das heißt der Kunde bezahlt die Hälfte seines Geld beim Kauf dafür, dass er zum Kaufen gebracht wurde.
Ist das OK?

Das gilt sogar für Unternehmen zum Beispiel aus der Pharmazie-Branche. Man sollte ja meinen, dass Medikamente eigentlich gar keiner Werbung bedürfen, weil sie ja dringend benötigt werden. Aber weit gefehlt – auch hier beträgt der Anteil der Werbekosten am gesamten Umsatz gerne mal 40 % und mehr. Und bei Unternehmen, die im Internet „Dienstleistungen“ vermitteln, wie z.B. die Reservierung von Hotelzimmern – kann der Anteil der Werbung an den Gesamtkosten auch gerne mal die Hälfte übersteigen.

Sogar die Politik manipuliert uns durch Werbung.  Nicht nur im Bereich des Lobbyismus. Normalerweise stellt die Partei die Regierung, die am meisten Geld für den Wahlkampf zur Verfügung hat. Den sie kann die besseren Marketing-Firmen beauftragen und die intensiveren Kampagnen „fahren“. Die Höhe der erhaltenen Stimmen korreliert fast immer mit der Höhe des für den Wahlkampf eingesetzten Geldes. Nur woher kommt das Geld. Natürlich von den Institutionen, die a) Geld und b) wichtige Interessen haben. Und wer könnte das sein? Doch vor allem die Unternehmen, die gerne der Gesellschaft die Regeln für ihr Geschäft vorgeben wollen. Ich sehe hier eine große Gefahr für unsere Demokratie! So graut mir vor der Wahl des nächsten Präsidenten der USA, die sich selber „God’s own country“ nennen.

Insofern kann ich gar nicht umhin, dem Hans Bonfigt doch irgendwie Recht zu geben, wenn er mal wieder zu deftigen Worten greift.

RMD

Der Stammbaum des menschlichen Wissens zu Beginn von Band 1 der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 28 Bände, vollendet im Jahr 1772

Der Stammbaum des menschlichen Wissens zu Beginn von Band 1 der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 28 Bände, vollendet im Jahr 1772

Vor kurzem habe ich diesen Sommer auf einer Gartenparty einen Kollegen nach vielen Jahren wieder getroffen, der zur selben Zeit wie ich an der TUM Mathematik und Informatik studiert hat. Ich glaube mit dem Schwerpunkt Informatik. Nach dem Studium ging er dann zu einem großen Elektrokonzern – so wie ich auch. Er ist dort aber sein Leben lang geblieben – im Gegensatz zu mir, der ich nach gut vier Jahren das Weite suchte (glücklicher Weise).

Wir hatten uns viele Jahre nicht mehr getroffen und so haben wir uns bei dem einen oder anderen guten Bier gegenseitig so einiges berichten können. Besonders er hat mir viel aus seinem Leben erzählt. Was er heute so machen würde und wie es damals gewesen sei.

So hat er auch berichtet, dass er nach seinem Wechsel in den „Ruhestand“ eine Lebens-Bilanz gezogen habe. Und er dabei in der Retrospektive seines beruflichen Lebens alle seine direkten Vorgesetzten noch mal an seinem geistigen Auge vorbei ziehen hat lassen. Und wie er diese ganz ordentlich in zeitlicher Reihenfolge aufgeschrieben hätte.

Und siehe da, er hätte sich an alle noch sehr gut erinnern können. In der Summe seines Berufslebens wären es 26 (sechsundzwanzig) direkte Vorgesetzte gewesen, die ihn umsorgt und geführt hätten.

Und weil er gerade dabei gewesen wäre, hätte er eine Matrix gemalt. Da hätte er links die Namen seiner ehemaligen Chefs eingetragen und als Überschrift der Spalten daneben die nach seiner Meinung wichtigen persönlichen Qualitäten als Voraussetzung für gute Führungsarbeit aufgeschrieben.

Und dann habe er die Zeile eines jeden seiner Chefs mit Noten von 1- 6 (sehr gut bis ungenügend) ausgefüllt, so wie es auch in der Schule üblich ist. Und anschließend habe er den Notendurchschnitt pro Zeile (seiner Chefs) ermittelt.

Und siehe da, nur zwei (!) seiner sechsundzwanzig ehemaligen Chefs hätten von ihm eine Durchschnittsnote von besser als mangelhaft bekommen. Er hat mir dann auch die Namen seiner einzigen beiden fähigen Chefs gesagt. Ich kannte beide gut und konnte ihm nur zustimmen, weil ich diese beiden auch sehr wertgeschätzt habe.

Das Verhältnis hat mich aber bestürzt. So schlecht habe ich es persönlich nie empfunden. Wenn von 26 Chefs eines Berufsleben nur 2 (zwei) Chefs die nötigen Qualitäten für einen Vorgesetzten haben, was ist das für ein Zeugnis für das Unternehmen? Muss es mit einem Unternehmen, bei dem von den Chefs keine 10 % eigentlich normale Anforderungen an Führungskräfte erfüllen, nicht tatsächlich abwärts gehen?

Das könnte vieles erklären. Kann so ein Unternehmen denn überhaupt erfolgreich sein?

Mein Freund ist übrigens in meiner Wahrnehmung ein sehr objektiver und fairer Denker, vielseitig engagiert und alles anderer als ein Nörgler oder ähnliches – eigentlich ein richtig guter Typ. Insofern ist das was er mir da erzählt hat, Ernst zu nehmen.

Ich kannte auch den Unternehmensbereich, in dem er den weitaus größten Teils seines Lebens verbracht hat. Und muss gestehen, dass dieser in meinem Ansehen nicht unbedingt der Beste war. Auch das könnte eine Erklärung für das so schlechte Ergebnis gewesen sein.

Ich habe dann mal versucht, das Modell meines Freundes an meinem eigenen Erfahrungskreis anzuwenden. Und kam darauf, dass bei dem was ich so erlebt habe, zumindest so in etwa jeder dritte Chef unter dem Strich in Ordnung war. Das wären dann immerhin zum Vergleich 9 von 27. Aber eigentlich ist das auch kein gutes Ergebnis.

Im Abstand von ein paar Tagen hat mich diese Geschichte immer noch beschäftigt. Und ich habe mir die Frage gestellt: „Warum ist er solange bei diesem Unternehmen geblieben?“. Ich hatte ihn doch als einen fachlich und auch sonst sehr kompetenten Kollegen in Erinnerung.

Ich glaube die Antwort ist, dass diese großen Unternehmen so eine Art goldener Käfig waren (siehe auch meinen Artikel „Goldener Stacheldraht„). Die ersten zehn Jahre konnte man als „verantwortlicher Mensch“ wegen der sonst verloren gehenden Betriebsrente nicht kündigen. Und dann war man ein wenig freier, aber der Kündigungsschutz wurde die nächste „goldene Fessel“. Sie machte einen Wechsel zu einem neuen Unternehmen oder gar in die Selbstständigkeit zu einem Abenteuer, bei dem man doch ganz schön viel Sicherheit aufgeben musste und dann sehr mutig sein musste. um so einen folgenschweren Schritt zu machen.

RMD

P.S.
Die Illustration des Artikels stammt aus Wikipedia, Begriff „Hierarchie„.

Roland Dürre
Montag, der 10. August 2015

Komplexität & Katzenfutter.

Vom 10. bis zum 12. September bin ich in Berlin. Warum? Weil dort wieder mal PM-Camp ist! Schon das dritte Mal. Beim PM Camp Berlin geht es um Komplexität. Genauer gesagt geht es dieses Jahr um die Frage: „Komplexität – reduzieren oder erhöhen?“

Hier ist mein Beitrag für die Blogparade des PM Camp Berlin 2015 und ganz persönlich für Heiko!

20150810_150437_resizedKatzen geht es gut.

Sie müssen nicht arbeiten und können den ganzen Tag machen, was sie wollen. So streunen sie durch die Gegend oder beobachten die Gegend von ihrem Lieblingsplatz beim sich Sonnen. Ab und zu spielen sie mit einer Maus oder einem Vogel „Böse Katze“. Wenn sie aber schnurren findet sich sofort jemand, der sie streichelt. Morgens und abends bekommen sie ihr Futter. Einfach so. Ohne etwas dafür tun zu müssen.

Die „Katzenmutter“ hat es auch besser als früher. Denn das Katzenfutter kommt heute aus Säcken oder Dosen. Man kauft einmal im Monat einen Sack oder eine Kiste mit Dosen. Das war’s dann. Oder ganz modern kauft man Tütchen, wie links im Bild zu sehen. Das ist das typische Katzen-Futter der Neuzeit. Auch wenn keiner weiß, was drin ist. Dafür sind sie ein wenig teurer. Aber das ist uns unsere Katze wert.

Wir analysieren mal, was „Mensch“ da alles für die Katze getan hat, damit die Katzenmutti morgens zum Tütchen greifen und so ihren Liebling glücklich machen kann.

Wir beginnen mit der Verpackung.

Sie besteht aus einer extrem dünnen Folie, wie sie zum Beispiel mit der Technologie von Brückner in Siegsdorf produziert wird. Es ist sehr beeindruckend, wie solche Folien in Riesenmaschinen hauchdünn gestreckt werden und auf dem Produktions-Weg die Maschine und das Produkt immer breiter werden. Und wie viel Aufwand und vor allem Grips allein die Qualitätskontrolle und Steuerung erfordert.

Damit diese Folie das Futter aufnehmen kann, muss sie in mehreren Prozessen metallisch bedampft und weiter beschichtet und behandelt werden. Enormes und sehr spezielles Ingenieurswissen ermöglicht das. Dann wird sie vielfarbig bedruckt. Auch das ist eine Technologie für sich. Dass die Gestaltung der Bilder mit Graphiksoftware erfolgt, erwähne ich hier nur am Rande. Aber das Verkleben bzw. Verschweißen der Folie zum wasser- und luftdichten Tütchen ist die nächste Sensation, die wie vieles in Abfüllprozessen oft unglaublich anmutet.

Betrachten wir nun den Inhalt.

Die Welt der Chemie macht es möglich und gaukelt Mensch und Tier vor, da wäre etwas Wertvolles drin. Das Geschlabbere hat eine erstaunliche Konsistenz, einen charakteristischen Geruch und behält sogar eine Zeitlang seine Form. Alles Wissenschaft. Es hat auch eine erstaunliche Haltbarkeit und ein Setup vieler Zusatzstoffe sorgen dafür, dass die Katze trotz all dem nicht sofort krank wird und nach außen zumindest gesund erscheint. Es ist ein Wunderwerk – auch nur möglich dank geballter Wissenschaft.

So wird in automatisierten Tierfutter-Fabriken gepanscht, gebraut und abgefüllt. Dies aber gesteuert von Computern, immer mit gleich bleibender Qualität und ohne Varianzen. Als Input kommen die Kontainer mit den Rohstoffen hinein in die Fabrik, heraus kommen die konfektionierten Kartons. Und immer noch ist meistens der deutsche Mittelstand dabei, denn unsere „hidden champions“ haben genau das Know-How. Sie bauen die weltbesten Maschinen genau für solche Prozesse.

Marketing und Logistik

Das ganze verkauft sich nur, weil eine Marketingmaschine rund um die Welt läuft. Vom Internet übers Fernsehen bis in die bunten Illustrierten sieht man die glücklichen Kätzchen, die dieses Futter so gerne essen. Eine geile Manipulation als Mischung von emotionalen Bildern und digitalem Marketing. Wir kapieren die Botschaft – die richtige Marke macht die Katze und damit den Menschen glücklich.

Auch die Logistik ist nicht ohne. Denn die moderne Katzenmutter kauft die schweren Säcke mit dem Trockenfutter und die Pakete mit den vielen bunten Tütchen natürlich im Internet. Mit einem Click. Denn nur noch altmodische und meinstens alte Menschen, die noch Autofahren, schleppen die schweren Säcke vom Fressnapf mit ihrem SUV nach Hause, bei dem dann aber der Kofferraumdeckel mit einer Fuss-Geste gesteuert wie von selbst auf und zu geht.

Also macht Amazon seinen Job. Und verteilt mit schweren LKWs, die brav ihre Maut in einem der besten Mautsysteme der Welt bezahlen, die Waren in ihre Auslieferungscenter. Und bestellt der Kunde am Abend, bringt DHL oder Konsorten die ware und die Katze hat am nächsten Vormittag etwas zu fressen. Ach, wie ist die Welt doch einfach geworden …

Und eigentlich ist alles für die Katz.

Denn die Katze würde viel lieber ein wenig gekochtes Herz oder Lunge vom Metzger speisen. Aber so ein Katzenleben ist halt auch nicht perfekt. Und wir alle müssen uns halt alle der modernen Welt unterwerfen – Mensch wie Tier.

RMD

P.S.
Jetzt sage mir einer, dass das Tütchen mit feuchtem Katzenfutter kein komplexes Produkt wäre …

Werner Lorbeer
Samstag, der 1. August 2015

Energiewende is Germanys Hobbyhorse

FAZ Kohle beliebt_2015-08-01_0001Zugegeben ein wenig polemisch die Überschrift. Auch zugegeben, dass wir „anfangen“ müssen. Darunter verstehe ich allerdings mehr als die Freude über Windräder und Fotovoltaik-Platten oder Schwarmkraftwerke.

Der Rechenstift und der Zahlenvergleich zum unscheinbaren Artikel in der FAZ vom 30.7. zeigt, dass die Erneuerbaren Energien der BRD im Vergleich zum Weltenergieverbrauch in Kohle nur einen Anteil von weniger als 0,00002  %  (2 mal 10 hoch -5 Prozent) ausmachen.

Unsere Energiewende ist im globalen Energie-Vergleich eine technische Spielwiese, eine Art lukratives Hobbyhorse, das viel zu langsam vorankommt und viel zu teuer ist für den Einsatz in der Breite.

Indien, China, Afrika, Amerika, Australien werden sich das Recht ihre Kohle zu verwenden nicht nehmen lassen. Es kommt entscheidend darauf an, zivilisatorische und technische Prozesse zu implementieren, die Lebensstandard und CO2-Ausstoß entkoppeln. Gefragt ist global gesehen die kostengünstige, bezahlbare Lösung. Denn die sehr schlechte Nachricht stand in derselben Ausgabe der FAZ:

Die Weltbevölkerung wächst weiter und zwar schneller als gedacht.

FAZ Weltbevölkerung_2015-08-01_0002Achtung Meinung:
Es lohnt sich wieder einmal über die Relation von Investition/CO2-Einsparung nachzudenken. Es gibt ganz bestimmt im Sinne des CO2 Effizienz-Quotienten bessere Prozesse als die von uns im Rahmen des EEG politisch favorisierten Wege. Wir erinnern uns vielleicht an die Filter für Staub, NOx, SOx und auch CO2? Schnell, effizient, billig! Oder an die mögliche Grünbindung von CO2 durch geeigneten Acker- und Waldbau, die gleichzeitig Afrika und Südamerika nutzen würde.

Ich würde lieber eine EEG-Umlage bezahlen, die den Missbrauch der Atmosphäre als Schüttkippe der menschlichen Zivilisation endlich beendet und international als Energie-Entwicklungshilfe zur Verfügung steht, als weiter die Deutschen Wind- und Solarbarone zu füttern.

wl

Roland Dürre
Donnerstag, der 18. Juni 2015

Von Helden, Gladiatoren und Konsumenten.

220px-Weltmeister_autograph_1954Eberhard Huber hat in Dornbirn bei einem der frühen PM-Camps eine tolle Session mit der Überschrift „Kulturzwiebel“ gehalten. Ich habe darüber berichtet.

Die „Kulturzwiebel“ beschreibt modellhaft soziale Systeme, wie zum Beispiel auch die Bundesrepublik Deutschland eines ist. Die Schalen der „Zwiebel“ sind so z.B. ihre Symbole, Rituale, basic beliefs, Überzeugungen, Werte …. Und ganz speziell spielen die „Helden“ des Systems auch eine Rolle.

Diese Session hat mich angeregt und ich habe mich auf die Suche nach meinen „deutschen“ Helden begeben. Dabei habe ich an die großen Klassiker der Literatur (Goethe, Schiller … ) an moderne Schriftsteller (Brecht, Grass …) und an Philosophen (Kant, Nietzsche …) gedacht.  Ich habe mir weiter überlegt, ob Politiker (Erhard, Brandt …), Menschen im Widerstand (Scholl, Staufenberg), Komponisten (Bach, Beethoven …) und Musiker (Lindenberg, Nina) und viele mehr für mich als meine  Helden in Frage kommen.

Keine und keiner von diesen konnte niemand meinen Anspruch an einen „deutschen Helden“ oder eine „deutsche Heldin“ zufrieden stellen. Da ich leidenschaftlicher Fußballer war und bin, habe ich dort weiter gesucht. Beckenbauer, Haller und Uwe Seeler (der noch am ehesten) waren es aber auch nicht.

Und dann kam mir der Gedanke:
Die Fußball-Weltmeister von 1954 – die Helden von Bern – die sind es! Diese Mannschaft fand ich noch am ehesten würdig, meine „Deutsche Helden“ zu sein.

Aber das ist jetzt 61 Jahre her. Jetzt leben wir im 21. Jahrhundert. Vor kurzem habe ich das Finale der Champions League Juventus gegen Barcelona 2015 in Berlin im Frensehen verfolgt. Und wieder einmal mehr war ich verwundert, wie exzessiv eigentlich all die Stars von heute tätowiert sind. Und habe auch über die ausgefallenen Frisuren gestaunt.

Und dann ist es mir schlagartig klar geworden:
Die Fußballer von heute sind die Gladiatoren unserer Zeiten. Die Tattoos und ihre gefärbten Kamm- und sonstigen Frisuren sind Teil ihrer Kriegstracht. Ihre Herren sind die Vereine und dahinter die großen Konzerne. Für die kämpfen sie und von denen werden sie für ihren Kampf bezahlt. So und gestützt von weiteren Marketingmaßnahmen werden die Konsumenten abhängig gemacht und bei Kauflaune gehalten. Diese bejubeln „ihre“ Gladiatoren und kaufen folgsam die Produkte der Herren derselbigen.

So sind die Wettkämpfe unserer Gladiatoren die größten Spektakel unserer Zeit. Wenn die „richtige Seite“ siegt, flippt das Volk aus, wenn sie verliert, sind die Fans (das Konsumentenvolkt) zu Tode betrübt und verbrennen ihre Fahnen.

Fußballer sind die modernen Söldnern der Neuzeit. Sie „spielen“  für den, der am meisten zahlt. Aber vor allem kämpfen sie für den Konsum der Masse. Es geht nicht mehr um panem et circenses zur Ablenkung und Unterhaltung der Menschen wie im alten Rom sondern um Umsatz und Profit, also um die „Kohle“ (vulgo das Geld) der Masse.

Ich denke mir, dass diese Entwicklung ein Anzeichen für die Dekadenz unserer Zeit ist. Der Dekadenz, die als Vorstufe des Endes in prosperierenden sozialen Systemen kurz vor deren Untergang auftritt.

Wir aber wissen, dass Innovation kreative Zerstörung ist und freuen uns schon auf das Neue. Und genießen die morbide Freude am Untergang all derer, die an dieser Entwicklung schuld sind. Bloß sind damit wir alle gemeint.

RMD

P.S.
Es gibt auch so eine Art Ausbeutungs- und Versorgungsorganisation der Gladiatoren. Die nennt sich FIFA und verdient viel Geld mit den neuen Spielen.

Roland Dürre
Samstag, der 16. Mai 2015

Nullzins bis 2025

EuroHabe gerade wieder einmal gelesen:

„So mancher Analyst geht davon aus, dass uns der Nullzins dank der Finanzpolitik unserer Währungsbanken bis mindestens 2025 erhalten bleibt.“

Und so geradezu paradiesische Zeiten für Anleger vor uns liegen.

Meine Anmerkung:

  • Das Gerede vom  Nullzins ist eine Lüge:
    Denn gibt es diesen doch nur für ganz wenig Menschen, die reich genug sind und so ihr Vermögen durch relativ sichere Spekulationsschritte weiter vergrößern. Und
  • Es galt schon immer:
    Schulden machen schafft Vermögen, Sparen vernichtet Vermögen. Und dummerweise sparen die Armen, während die reichen Schulden machen (können).

🙂 Soweit ganz spontan meine kleine Volkswirtschaft in zwei (Ab-)Sätzen!

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 3. Mai 2015

Zahlen & Steuern & Rechnen.

Das Bundesfinanzministerium berichtet am 23. April 2015 auf seiner Webseite, dass das gesamte Steueraufkommen (die monatlichen Steuereinnahmen von Bund und Ländern ohne reine Gemeindesteuern) im März 2015 um 4,7 % im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 57,970 Mrd. Euro gewachsen ist. Hi, das klingt doch toll. Nach ausgeglichenem Haushalt. Weil die Wirtschaft boomt, so gibt es viel Umsatz und so steigen die Steuereinnahmen. Was für eine schöne und heile Welt.

So einfach ist es aber nicht. Das Eigenschaftswort „nominal“ fehlt. Weil das klar machen würde, dass das gar keine so gute Zahl ist. Hier ein paar Gedanken dazu.

In „Westdeutschland“ werden in 2015 die Renten um 2,1 Prozent, im „Osten Deutschlands“ um 2,5 Prozent erhöht. Ende April 2015 hat die Bundesregierung diese Erhöhung zum 1. Juli 2015 beschlossen.

Die jährliche Rentenanpassung orientiert sich in erster Linie an der Entwicklung der Bruttolöhne, und zwar getrennt berechnet für die westlichen und östlichen Bundesländer. Dazu zitiere ich Renten-Recht.org:

Die für die Rentenanpassung relevanten Daten liegen seit Frühjahr 2015 vor. Nun kann die genaue Höhe der Rentenanpassung genannt werden. Die Rentenanpassung wird 2015 allerdings aufgrund eines statistischen Einmal-Effekts etwa um knapp 1 Prozent niedriger ausfallen, als ohne diesen Effekt. Es handelt sich dabei um EU-Vorgaben, die eine Revision der Beschäftigungsstatistik erfordern. So müssen bestimmte Beschäftigte im Niedriglohnbereich in die Statistik aufgenommen werden. Das drückt auf die für die Rentenerhöhung maßgebenden zentralen Gehälter.

Das ist doch auch schon wieder ein Thema – nur wegen einer neuen EU-Vorgabe bekommen die Rentner weniger, als ihnen gesetzlich zustehen würde. Darum geht es hier aber nicht. Ich schließe daraus, dass die Erhöhung des Steueraufkommens aus Einkommen auf den gestiegenen Gehältern (um die 3 %)  und der da noch dazu kommenden kalten Progression beruht.

Weiter lese ich:

Die Rentenerhöhung 2015 ist damit höher, als dies Ende letzten Jahres von der Deutschen Rentenversicherung prognostiziert wurde. Die Rentenanpassung wird auch nicht durch die Inflation beeinträchtigt, denn diese betrug zuletzt minus 0,1 Prozent.

Auch das wundert mich. Heißt das, dass die schlechte Prognose die nicht korrekte Erhöhung rechtfertigt? Und wie kann es sein, dass es den Menschen, die auf ihre Rente angewiesen sind, immer schlechter geht, obwohl das Leben billiger wird und die Renten steigen? Nein, denn das stimmt eben nicht. Ich erlebe in meinem Umfeld überwiegend regelmäßig und beachtlich steigende Preise. Bei guten Lebensmitteln am Markt, beim (echten) Bäcker und Metzger, bei den Handwerkern wie den Ärzten, im öffentlichen Nahverkehr, bei Gebrauchsgütern wie guten Fahrrädern. Oder bei Grundstücken und Mieten. Alles wird teurer. Das Bier, das Speise-Eis und die Pizza. Mit erstaunlichen Steigerungsraten. Und wenn ich die (nicht nur) gefühlte Inflation sehe sind die 4,7 % mehr Steuereinnahmen eben gar nicht mehr so toll.

Nur der Ramsch wird billiger. Aber jedes Kind weiß, dass billiger Ramsch letzten Endes am teuersten kommt. Und der Treibstoff wurde (vorübergehend) billiger. Aber wer braucht Treibstoff, wenn er kein Geld hat? Nur die eher Wohlhabenden (zu denen ich mich zähle) verbrennen ein paar Hundert Liter Sprit im Monat mit ihren Luxuskarossen (was ich nicht mache). Das Ersparte könnte dann für ein Luxusgut ausgegeben werden. Zum Beispiel für einen schönen Schal, der bei Loden-Frey heute auch mal gerne 370,- € kostet. Das habe ich vor einer Woche erlebt. Und weil die billigen Schals dort auch alle um die 200,- € lagen kam ich mit leeren Händen aus dem Geschäft raus. Denn auch die Preise bei Luxusgütern explodieren geradezu – und „spülen“ so mehr Steuern in die Kassen. Nur – wenn mehr Luxus verkauft wird ist das kein Indiz für das Wohlergehen der Menschen im Lande.

So basiert die Steigerung der Steuereinnahmen bei der Mehrwertsteuer und weiteren Steuern wie der Grunderwerbssteuer kräftig von einer zwar statistisch nicht erfassten aber real vorhandenen Inflation. Der für die Statistik konfigurierte Warenkorb ist eine Mogelpackung.

Trotzdem darf man sich über eine Erhöhung von Einnahmen darf man sich freuen. Nur sollte man dabei die Ausgabenseite nicht vergessen. Und die Ausgaben steigen eigentlich deutlich höher als die genannten 4,7 Prozent. Man denke nur an die wesentlichen Bestandteile des Bundeshaushalts wie Soziales, zum Beispiel den Pensionsleistungen für Beamte. Oder an die fast schon normalen Kostensteigerungen bei Infrastruktur-Projekten der öffentlichen Hand. Wie zum Beispiel beim Bau des Autobahn-Kleeblatts bei Ismaning (siehe auch meinen Artikel in IF-Blog dazu). Und wenn ich dann in einem Artikel dazu lese, dass ein Landrat sagt „eine allgemeine Kostensteigerung um 15 Prozent sei ganz normal bei solchen Projekten“, denke ich mir, dass das eigentlich ganz realistisch ist.

So fürchte ich, dass auch der ausgeglichene Haushalt nur eine Mogelpackung ist. Weil wir Glück habe, dass die Zinsen so niedrig sind. Das könnte sich auch mal ganz schnell ändern. Dass keine Rückstellungen für real drohende Verluste gemacht werden. Dass man überall Anleihen auf die Zukunft aufnimmt, die irgendwann mal zurückgezahlt werden müssen. Wahrscheinlich werden schon zeitnah massive Kostensteigerungen nur durch harte Sparnahmen zu Lasten vieler Betroffenen ausgeglichen werden können. Da werden die stolzen 4,7 Prozent nicht viel helfen und wahrscheinlich wird es wieder die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten treffen. Deren Ersparnisse ja auch schon durch die Null-Zins-Politik entwertet werden.

Aber zurück zur Steuern und zur Mehrwertsteuer. Machen Sie sich doch mal den Spaß, (nicht nur) junge Menschen zu fragen, wie hoch die Mehrwertsteuer in Deutschland aktuell ist. Sie werden sich wundern, was Sie da für Antworten bekommen! „Weiß ich nicht“ ist da eher noch harmlos. Hier die aktuell richtigen Zahlen zu den Steuern (aus Wikipedia):
Der Normalsatz von 19 Prozent gilt seit 1. Januar 2007 und der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent findet seit 1. Juli 1983 Anwendung.[2]

Und wenn Sie sich noch mehr wundern wollen, dann fragen Sie diese Menschen – nach dem Sie ihnen die korrekten Zahlen genannt haben – wie viel Mehrwertsteuer denn in den 370,- € für den Schal enthalten sind. Viele wissen das nicht, so werden Sie lustige Antworten bekommen aber nur selten die Richtige (dass man die 370 € halt durch 119 dividieren und dann mal 19 multiplizieren müsse). Und dann wird der Taschenrechner geholt und verwundert auf die Ergebnisse geguckt.

Ich wundere mich übrigens, dass man nicht 20 % als Normalsatz für die Mehrwertsteuer gewählt hat. Dann wäre die Rechnung so einfach: Vom Brutto-Preis nimmt an 1/6, auf den Netto-Preis schlägt man 1/5 auf. Aber wer kennt heute schon noch „netto“, „brutto“ und „tara“? Oder Im-Hundert, Vom-Hundert- und Auf-Hundert-Rechnung?

Für das 1 % mehr hätte man ja die Einkommenssteuer ein wenig senken können. Oder zumindest die Progressions-Stufen an die Inflation anpassen.

Und wenn Sie ihren Gesprächspartner weiter ärgern wollen, dann befragen Sie ihn zu den Gesetzen zur Branntweinsteuer, Energiesteuer, Grunderwerbssteuer, Kaffeesteuer, Tabaksteuer

RMD