Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. Februar 2015

Verhängnisvolle Mittagsruhe

Carl und Gerlinde (XLI)

ZZZVimg171Ausgerechnet als Carl seine Gerlinde endlich einmal zu der glanzvollen Lingerie– und Wäschemesse „ 5 Elements“ mitnahm, musste das passieren! Ausgerechnet da! Und dass Gerlinde danach nicht nur verwirrt, sondern enttäuscht und zornig war, war wirklich kein Wunder!

Mein Gott wie oft hatte sie auf Carl eingeredet, sie doch einmal zu dieser berühmten Dessous–Messe mitzunehmen, bei der er jedes Jahr für TRIGA die irrsten Auftritte mit den verrücktesten Einfällen und allem sonstigen Drum und Dran organisierte. Und praktisch auf Knopfdruck, immer lächelnd, zwischen den hysterischen, frierenden, hochbeinigen Wäschegören wie ein Hefekrapfen im heißen Bratfett aufging.

Andererseits war es aber auch so, dass dieses wirklich empörende Vorkommnis ohne Gerlindes Beisein gar nicht passiert wäre. Denn ohne sie hätte er niemals dieses Mittagsschläfchen gemacht und wär’ nie mit dieser mehr als seltsamen Situation konfrontiert worden, die gut und gern auch von der Konkurrenz eingerührt worden sein konnte. Oder von der NSA? Oder dem KGB? Wer wusste das schon.

Aber gut, all diese ‚Wenn’ und ‚Aber’ nützten jetzt, da das ‚Kind in den Brunnen gefallen’ war, auch nicht viel! Wobei das in den ‚Brunnen gefallene Kind’ natürlich metaphorisch zu verstehen war, da es kein Kind gab, das in irgendeiner Form Gravitationskräften ausgesetzt gewesen wäre.

Im Gegenteil, um die Ausspähung und eventuelle Verhinderung der ‚möglichen Entstehung eines Kindes’ ging es ja gerade, bei diesem beispiellosen Eklat in dem bekannten Berliner Viersterne Hotel anlässlich der 11. Fashion Week.

Wobei diese ‚mögliche Kindeszeugung’ selbstredend auch nur virtueller Natur war, da Gerlinde – Gott sei’s gedankt – weit über das Alter hinaus war, in dem ein derartiger Aspekt zur unangenehmen realen Überraschung mutieren konnte.

Doch für die üblicherweise einem derartigen Zeugungssprozedere vorausgehenden Verrenkungen und Durchspeichelungen gab es an diesem späten Vormittag schon jede Menge Bedarf von beiden Seiten. Das schon! Und man sah es auch als ideale Einstimmung zu der von Gerlinde dringend gewünschten Mittagsruhe, an diesem zweiten Tag der Lingerie– und Wäschemesse, da sich der abendliche Empfang der internationalen und nationalen Kunden am Vortag bis in den frühen Morgen hineingezogen hatte und viele Köstlichkeiten des üppigen Buffets überreichlich in sehr kostspieligem Alkohol versenkt worden waren. Durchaus auch vom quirligen Organisator Carl und seiner reizenden Begleiterin Gerlinde…

Da erschienen ein paar ruhige Minuten oder Viertelstündchen um die Mittagszeit für beide wirklich als eine äußerst lockende Versuchung.

Und Gerlinde wär’ nicht Gerlinde gewesen, wenn sie dieser Versuchung nicht nur sofort bedingungslos erlegen wäre, sondern sie im Handumdrehen nicht auch noch gleich um ein paar äußerst aufreizende Fantasien, die jeder Kunstreiterin zur Ehre gereicht hätten, bereichert hätte.

Vermutlich erforderten die gezeigten Dressureinlagen dann auch allerhöchste Konzentration von Ross und Reiterin, denn anders wär’ wohl schwer zu verstehen gewesen, warum beide nicht gemerkt hatten, dass urplötzlich unweit des ‚doppelbettigen Vorführparcours’ ein junger unscheinbarer Hotelangestellter – wie es schien – mit vorgebeugtem Oberkörper und gerötetem Gesicht, nicht nur fasziniert die diversen Dressurkunststücke beobachtete, sondern eifrigst auch sein iPhone betätigte…

Irgendwie musste Carl dann wohl doch einen Schatten im rechten Augenwinkel bemerkt haben, denn er drehte unwillkürlich seinen Kopf leicht nach rechts, aber nur so gering, dass die höchst konzentriert agierende Kunstreiterin in keiner Weise abgelenkt wurde, und blickte plötzlich in zwei neugierige Augen über einem gutmütig lächelnden Mund. Ja – der kräftige blonde Haarschopf des jungen Mannes, der wie ein Krönchen über einem in keiner Weise Angst machenden jugendlichen Gesicht saß, verlieh der gesamten Szene sogar noch einen weiteren Anstrich an Normalität.

Auch wie der junge Mann völlig unerschrocken den rechten Zeigfinger an seine Lippen führte und Carl damit bedeutete – bitte – bitte – ruhig zu bleiben, um diese wunderschöne Szene ja nicht durch irgendeine unüberlegte Geste zu zerstören, fügte sich großartig in dieses Bild…

Im Nachhinein schämte sich Carl fast dafür, dass er sich so absolut widerstandslos den Anweisungen dieses seltsamen jungen Mannes gefügt hatte, und Gerlinde auch noch die letzten Schrittchen ihres überirdischen Dressuraktes zu Ende bringen ließ!

Aber für ihn gab es in diesem atemberaubenden Moment schlicht keine Alternative: alles war so ungemein selbstverständlich in diesem harmonischen Ablauf, dass ihm nicht nur jegliche Vorstellung sondern einfach auch die Kraft fehlte, diesen Ablauf abzubrechen!

Und Gerlindes erlösender Jubelschrei, gab ihm ja kurz darauf auch Recht! Einen derartigen Freudenschrei über mehrere Terzen, begleitet von einer nicht enden wollende Kaskade gurgelnder Zwischentöne, hatte er eine Ewigkeit nicht mehr gehört! Ja vielleicht so noch nie?

Der unbekannte junge Mann offensichtlich auch nicht, da er mit funkelnden Augen und einem Gesicht höchster Verzückung alles in sich hineinzusaugen schien und unmittelbar danach genau so lautlos verschwand, wie er gekommen war…

Gerlinde registrierte – noch atemlos – zwar mit einem kleinen Anflug an Befremden, dass Carl sich plötzlich aus dem ‚gemeinsamen Parcours’ hochstemmte zur Zimmertür eilte und diese mit der Bemerkung: sie sei nicht gesichert, verriegelte! Fiel aber kurz danach, schnurrend wie eine Katze, in Carls Armen in einen tiefen, erholsamen Schlaf…

Die unscheinbare Warnung auf dem gelben DIN A5 Blatt entdeckte sie – leider vor Carl – erst danach auf dem Tisch:

Falls Sie auf die widersinnige Idee kommen sollten, bei der Hotelleitung Meldung zu erstatten, steht diese kleine Reiterepisode wenige Minuten später auf You Tube im Netz

Spätestens da musste Carl zu seinem allergrößten Bedauern Gerlinde mit der unschönen Wahrheit konfrontieren – und ihr so die „5 Elements“–Messe ein für allemal vermiesen.

Schade eigentlich, denn auch der Rest der Woche war äußerst glanzvoll gewesen, da der Wäschesektor bei TRIGA nach der vorausgegangenen Flaute, wieder richtig Tritt gefasst zu haben schien…

KH

Jörg Rothermel
Montag, der 2. Februar 2015

Ist da was faul – in Australien?

 Vor ein paar Wochen hat Klaus Rabba an dieser Stelle einen Beitrag gepostet
Es ist was faul … in jedem Staate!

Ich lebe seit fast 3 Jahren in Australien – ist doch klar, dass bei einer ähnlichen Betrachtung über Australien etwas völlig anderes herauskommen muss – oder?

Australien.

Australien beteiligt sich mit 10 Kampfjets und 600 Soldaten am Kampf gegen den islamischen Staat (IS).

Terrorakte sind in Australien bisher extrem selten: http://en.wikipedia.org/wiki/Terrorism_in_Australia

In 2014 hat es in Australien zwei Terroranschläge gegeben, die von den Behörden mit islamistischen Hintergrund in Verbindung gebracht wurden (in beiden Fällen hat es sich allerdings um die Taten von Einzelgängern ohne Verbindung zu einer Terrorgruppe gehandelt):

·         Am 23 September 2014 hat ein 18-jähriger 2 Polizeibeamte in einer Polizeiwache südlich von Melbourne angegriffen und wurde bei dem Vorfall erschossen.

·         Am 15 Dezember 2014 nahm ein selbsternannter „Sheikh“ 17 Menschen in einem  Café in Sydney als Geiseln. Am Morgen des nächsten Tages stürmte die Polizei das Café mit dem Resultat, dass der Geiselnehmer und zwei Geiseln erschossen wurden und vier weiter Menschen verletzt wurden.

Insbesondere die Geiselnahme in Sydney hat Politiker und die Öffentlichkeit alarmiert. Aber bereits vor dem Anschlag wurden strikte Anti-Terror-Maßnahmen eingeführt:

·         Die Australian Security Intelligence Organisation (ASIO), bekommt die Autorität, in Zukunft praktisch unbegrenzt auf Kommunikationsnetze zuzugreifen.

·         Die Strafen für Journalisten und Whistleblower, die „sicherheitsrelevante“ Informationen veröffentlichen, wurden drakonisch erhöht.

·         Vorratsdatenspeicherung: alle Metadaten zu Kommunikationsvorgängen müssen durch die Provider 2 Jahre vorgehalten werden.

·         Es wurde eine neue Straftat der „Verteidigung des Terrorismus“ im Strafgesetzbuch eingeführt. Bei Verdacht auf diese Straftat können Verdächtige ohne Anklage festgenommen werden.

·         Jeder Australier der ohne „legitimen Grund“ in bestimmte Weltregionen reisen möchte, die das Außenministerium formal als “declared area” bezeichnet, kann daran gehindert werden.

Gesellschaft.

Australien ist eines der reichsten Länder der Welt; das mittlere Einkommen vor Steuern aller 9,3 Millionen Haushalte ist 145.000 AUS$. http://www.businessinsider.com.au/chart-the-average-australian-households-income-is-145400-heres-what-they-spend-it-on-2014-9

Zwar ist der Mittelwert durch die hohe Anzahl sehr wohlhabender Haushalte verzerrt, aber das Median-Einkommen[1] aller Haushalte ist immer noch 72.000 AUS$.

Dies ist ein Anzeichen dafür, dass es in Australien eine starke Mittelschicht gibt.

Diverse Regierungen haben, unterstützt durch diese Mittelschicht, ein hochwertiges Soziales Sicherungssystem geschaffen in dem sich alle Beteiligten bemühen, keine Menschen zurückzulassen.

Das Australische Bildungssystem bietet nach der Schule (primary + secondary education) eine zweigeteilte höhere Ausbildung an:

·         Berufsvorbereitend in öffentlichen Institutionen die als “Technical And Further Education” oder TAFE bezeichnet werden.

·         Akademische Ausbildung an Universitäten.

TAFE-Institute bieten eine Vielfalt von Abschlüssen an, einschließlich Bachelor. Studenten können ihre Ausbildung, die sie an einem TAFE – Institut angefangen haben, auf der Universität vervollständigen. Die Universitäten können mit europäischen Universitäten mithalten.

In Australien gibt es nach Ansicht von Experten eine der besten öffentlichen Krankenversicherungen der Welt (Medicare);  ergänzt wird diese durch private Krankenversicherungen. Der Krankenversicherungsbeitrag ist zurzeit 2% des Brutto-Einkommens – dazu gibt es Förderung für einkommensschwache Familien.

Der Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer beträgt 30 %.

Einwohner mit permanenter Aufenthaltserlaubnis bekommen ab dem 67 Lebensjahr eine steuerfinanzierte Grundrente von AU$ 383/Woche für Alleinstehende und AU$ 577,40 für Paare.

Darüber hinaus gibt es ein kapitalgedecktes Rentensystem über strikt regulierte Fonds (Super Annuation Funds) – der Arbeitgeberbeitrag ist zurzeit 9,5 % des Bruttogehalts – jeder Arbeitnehmer kann freiwillig steuermindernd bis zu einer gesamten Obergrenze von AU$ 30.000 p.a. aufstocken. Die Erträge der besten Fonds in 2014 betrugen 9,3 – 12,7 %.

Migration.

Australien ist DAS Einwanderungsland. Die Bevölkerung in 2014 betrug ca. 23 Mio Einwohner – nach dem 2. Weltkrieg waren es nur ca. 7 Mio. Die australische Gesellschaft ist offen und liberal – Einwanderer können sich in der Regel sehr gut integrieren.

Einwanderungswillige  unter 45 Jahren und mit guter Ausbildung (das kann ein Handwerk sein) bekommen ohne Probleme in Australien ein „Limited Work Visa“ für 4 Jahre. Nach 2 Jahren Arbeit in Australien kann eine permanente Aufenthaltserlaubnis beantragt werden.

Herkunft von Migranten der ersten Generation und Anteil an der Gesamtbevölkerung aus dem Jahr 2010:

Top 10 Länder aus denen Einwanderer kommen

Absolute Anzahl  Einwohner die in diesen Ländern geboren sind (2010)

Relativer Anteil an der Gesamt-bevölkerung

United Kingdom

1.192.878

5,16%

Neuseeland

544.171

2,35%

China

379.776

1,64%

Indien

340.604

1,47%

Italien

216.303

0,94%

Vietnam

210.803

0,91%

Philippinen

177.389

0,77%

Südafrika

155.692

0,67%

Malaysia

135.607

0,59%

Deutschland

128.558

0,56%

Im Vergleich zur Einwanderung aus UK oder Asien ist der Anteil von Einwanderern aus muslimischen Ländern verschwindend gering. Ich habe bisher keine Vorbehalte gegen Muslime wahrgenommen.

Für muslimische Frauen gibt es keinerlei Einschränkungen Hijab oder Burka zu tragen.

Ein Vorstoß der Regierung in 2014, das Tragen von Burkas im Parlamentsgebäude von Canberra zu untersagen, wurde nach wenigen Wochen kritischer Behandlung in den Medien (Die Regierung konnte nicht beantworten, ob überhaupt mal eine verschleierte Muslima das Parlament besucht hat) vom Premierminister persönlich zurückgezogen.

Asylsuchende und Flüchtlinge.

https://www.humanrights.gov.au/asylum-seekers-and-refugees-guide

1.       Asylsuchende, die ein gültiges Visum haben und in Australien Asyl im Rahmen des Flüchtlings-Schutzprogramms beantragen, werden durch die zuständige Behörde („Department of Immigration and Border Protection“) nach den Statuten der Genfer Flüchtlingskonvention bezüglich der Anerkennung des Flüchtlingsstatus beurteilt.

2.       Asylsuchende ohne gültiges Visum:

Seit August 2012 wurde eine Politik des „Offshore-Processing“ für Flüchtlinge eingeführt, die ohne gültiges Visa per Boot anlanden („Irregular Maritime Arrivals – IMA“):

Die Australische Regierung hat mit den Regierungen von Papua Neuguinea (PNG) und Nauru Umsiedlungsvereinbarungen abgeschlossen. Asylbewerber ohne gültiges Visum werden dorthin in  Internierungslager deportiert während ihre Ansprüche beurteilt werden.  Aber auch in dem Fall, dass ihre Ansprüche auf einen Flüchtlingsstatus positiv beschieden werden, können diese Menschen sich nicht in Australien niederlassen, sondern müssen in PNG bzw. Nauru bleiben (Nebenbemerkung PNG ist eines der gewalttätigsten Länder der Welt).

Insgesamt sind die Zahlen der Irregular Maritime Arrivals überschaubar.

Herkunft

illegale Landungen 01.09.2013 – 31.08.2014

Ägypten

281

Iran

256

Pakistan

246

Libyen

158

Irak

83

Afghanistan

78

China

56

Papua Neuguinea

50

Syrien

49

Sri Lanka

32

andere

258

Befürchtungen über eine Flüchtlingswelle aus islamischen Ländern relativieren sich durch diese Zahlen stark.

Die Australische Asylpolitik und die Zustände in den Internierungslagern, haben der Australischen Regierung einen handfesten Konflikt mit der UN-Menschenrechtskommission eingebracht. Außerdem haben sich die Beziehungen zu Indonesien deutlich verschlechtert, nachdem es in den letzten 2 Jahren mehrfach vorgekommen ist, dass Boote mit Flüchtlingen von der Australischen Marine abgefangen und unter Verletzung der indonesischen Hoheitsrechte nach Indonesien geschleppt wurden.

Multikulturelle Gesellschaft und Drogen.

In Australischen Großstädten gibt es durchaus Problemviertel wie etwa München/Hasenbergl oder Hamburg/Schanzenviertel aber definitiv keine „No-Go areas“.

In Melbourne und Sydney gibt es multikulturelle Gesellschaften, die im Vergleich zu europäischen Großstädten gut funktionieren (ein Nachbar von mir ist auf eine Schule gegangen, in der „weisse“ Schüler mit ca. 30% deutlich in der Minderheit waren und hat sehr positive Erinnerungen an die Schulzeit).

Die Geiselnahme in Sydney war zwar ein tiefgreifendes Ereignis für die australische Gesellschaft, dennoch verblasst sie hinter einem 8-fachen Mord den vier Tage später eine junge Mutter von den Torres Strait Islands an ihren Kindern und einer Nichte im Drogenrausch begangen hat.

Drogen- und  Alkoholmissbrauch ist eines der größten Probleme der australischen Gesellschaft – anfällig für Drogen sind „Young Professionels“ aber auch die marginalisierten dieser Gesellschaft – die Aborigines.

Aborigines.

Die Aborigines und die Bewohner der Torres Strait Islands sind die indigenen Völker Australiens. Sie setzen sich aus ca. 250 Sprachgruppen und Nationen zusammen und bilden die älteste kontinuierlich existierenden Kultur der Welt[2]. Ihr Lebensstil und ihre Identität sind jedoch bedroht durch Versuche, sie in eine “westliche” Lebensweise zu integrieren.

Die Aborigines sind in allen negativen Kennziffern überrepräsentiert:

·         Aborigines stellen knapp 3% der Australischen Gesamtbevölkerung. Aus diesen 3% rekrutieren sich 28% der Insassen in australischen Gefängnissen.

·         Häusliche Gewalt, Alkoholkrankheit und Drogenkonsum sind signifikant höher als bei nicht-indigenen Australiern.

·         Der Unterschied zur Lebenserwartung weißer Australier beträgt 14 Jahre.

·         Die Kindersterblichkeitsrate liegt bis zu viermal höher als bei nicht-indigenen Australiern.

·         Gemeinden der Aborigines haben deutlich schlechteren Zugang zu medizinischer Versorgung, angemessenen Wohnungen, sauberem Wasser, Elektrizität und Schulen. Je abgelegener die Gemeinschaft, desto kritischer die Situation.

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Der Löwenanteil der Aborigines sitzt wegen Verkehrsdelikten und Drogendelikten ein (meist in Verbindung miteinander).
  • „Stolen Generation“: bis in die Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden Aborigine-Kinder und Jugendliche durch Zwangsadoption ihren Familien weggenommen. Diejenigen, die noch von dieser Praxis betroffen sind, werden doppelt so häufig wie ihre Altersgenossen auffällig.
  • Fötales Alkoholsyndrom. Viele Kinder und Jugendliche sind durch erhöhten Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft in ihren Alltagsfähigkeiten behindert und gesundheitlich beeinträchtigt.
  • Für Aborigines spielt das Land der Eltern und Vorväter eine wesentliche Rolle. Aborigines, die weit entfernt vom Land ihrer Vorväter leben, sind statistisch signifikant anfälliger für Drogen- und Alkoholkonsum.
  • Funktionierende Stammesverbände und Familien sind oft in Auflösung begriffen.
  • Rassistische Diskriminierung im Alltag.

Das UN Committee On The Elimination Of Racial Discrimination (CERD)  forderte die australische Regierung mehrfach dazu auf, dafür zu sorgen, dass ihre Politik bezüglich der Aborigines und der Bewohner der Torres-Strait-Inseln die internationalen Konventionen erfüllt, ganz besonders die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker und die ILO-Konvention Nr. 169.

Momentan spielt sich ein Wandel in der Position der Frau in den Aborigine-Gemeinden ab: Frauen verlassen häufiger gewalttätige Ehemänner (dies widerspricht eigentlich dem Verhaltenskodex der Frau in der Aborigine-Gesellschaft) und mehr Frauen werden Stammesführer (Elderwomen).

Rassismus.

Die Australische Gesellschaft ist liberal, offen und lebt von der Vielfalt der Einwanderer – da war es für mich unmöglich, mir vorzustellen, dass es Rassismus geben kann.

Die Isolation von Bevölkerungsgruppen in sozial schwachen Gebieten betrifft praktisch ausschließlich die Aborigines – nicht Muslime, Asiaten, Inder und schon gar nicht Immigranten aus Europa.

Es existiert jedoch eine bestimmte Schicht „weißer“ Australier, die wenig Verständnis sowohl für Aborigines als auch für Einwanderer hat und auch kein Interesse aufbringt, sich mit deren Kulturen auseinanderzusetzen – dies ist eine beständige Quelle rassistischer Konflikte.

Im persönlichen Gespräch mit Bekannten oder Nachbarn über die Situation der Aborigines hören wir wir oft die Antwort „… die sind ja nie nüchtern …“.

Allerdings ist es in 2013 und 2014 mehrfach vorgekommen, dass Touristen in der S-Bahn belästigt wurden, weil sie sich in Ihrer Muttersprache unterhalten haben (dummerweise gibt es jetzt Facebook und Twitter – und solche Zwischenfälle gehen in Stunden rund um die Welt).

Auch die Beurteilung von Menschen aus Asien und Afrika ist oft von Rassismus geprägt.

So hat mich in 2012 eine Bekannte davor gewarnt, einen bestimmten Markt zu besuchen  „ … da sind so viele Schwarze und man weiß ja, dass die alle Waffen tragen …“. Das mag ein besonders böses Negativbeispiel sein, aber Bemerkungen dieser Art habe ich inzwischen mehrfach gehört.

Wirtschaft.

Der Wohlstand Australiens ist im Wesentlichen ein Ergebnis des Rohstoffreichtums Australiens.

http://www.ga.gov.au/scientific-topics/minerals/mineral-resources/aimr/table1#g

Auszug daraus:

Resource

Australiens Anteil  an den weltweiten Reserven

Tantal

65,0%

Zirkon Sand

58,4%

Rutile Sand

57,1%

Blei

39,8%

Uran

33,6%

Diamanten

33,4%

Eisenerz

28,1%

Nickel

25,4%

Zink

25,1%

Bauxite

23,1%

Die Herausforderung besteht darin, dass Australien die Abhängigkeit von den Rohstoffen schrittweise reduzieren muss. Schon 2013 und 2014 hat sich die geringfügig reduzierte Nachfrage nach Rohstoffen aus China deutlich im australischen Haushalt bemerkbar gemacht.

Die Australische Industrie befindet sich im Umbruch: Im Bundesstaat Victoria, in dem wir leben, werden bis 2017 die Werke von Ford, Toyota und Holden geschlossen. Ein großer Schiffsausrüster (600 Mitarbeiter) in Williamstown hat nur noch Aufträge für 6 Monate …

Allerdings zeigen sich bisher wenig Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt, die Arbeitslosenrate ist mit 6,1% (Januar 2015) moderat.

Die Australische Politik muss dringend eine Vision entwickeln, wie es mit Australien in einem härter werdenden Wirtschaftsklima weiter geht.

IT und High-Tech-Industrie entwickeln sich, haben aber noch nicht die Innovationskraft wie z.B. in Deutschland. Medizin und Pharmazie haben wegen hochwertiger Forschungen auf dem Gebiet in Australien ein großes Potenzial.

Schlussfolgerung.

Wenn man von der Situation der Aborigines absieht, gibt es in Australien keine „Parallelgesellschaften“. Im Gegensatz zu den meisten Europäischen Staaten sind die Aufstiegschancen für Migranten hoch (bei jeder Auszeichnung „Australier des Jahres“ ist mindesten ein Migrant dabei).

Bemerkenswerterweise ist Australien eines der wenigen demokratischen Ländern mit Wahlpflicht (ich habe aber noch nicht gehört, das die Australier sich darüber beschweren) – deswegen verbieten sich Vergleiche bezüglich der Wahlbeteiligung mit fast allen Europäischen Ländern.

Ich sehe nur geringe Gefahr, dass sich die Welle des islamistischen Terrors auch in Australien fortsetzt (dies wird natürlich auch davon abhängig sein, wie sich die Regierung in der Zukunft mit der Unterstützung der Luftschläge gegen den IS verhält).

Australien hat sehr gute Bedingungen, um einer globalisierten Welt weiter zu bestehen:

·         Ressourcenreichtum

·         Gutes Bildungsniveau mit guten Universitäten

·         Eine hervorragende soziale Infrastruktur

·         Eine offene und integrative Gesellschaft

Australien muss dringend erheblich mehr für die indigene Bevölkerung tun – erste positive Aktivitäten gibt es zwar, allerdings sind das vorerst Aktivitäten aus „Graswurzel“-Bewegungen und werden, wenn überhaupt, nur zögerlich von der politischen Führung getragen.

Leider – und damit sind wir auch wieder bei dem Problem des internationalen Terror – ist es schwierig, in einer Zeit, in der Millionen von Menschen durch Gewalt bedroht sind, die internationale Aufmerksamkeit auf weniger als 600.000 Aborigines zu lenken.

JR


[1] wenn alle Haushalte in einer Reihe nach dem Einkommen sortiert werden, ist das Median-Einkommen das Einkommen des Haushaltes in der Mitte der Reihe

[2] z.B. in http://www.australiangeographic.com.au/news/2011/09/dna-confirms-aboriginal-culture-one-of-earths-oldest/

Roland Dürre
Samstag, der 17. Januar 2015

Legal ist nicht legal.

Dreidimensionale Darstellung der eulerschen Formel

Dreidimensionale Darstellung der eulerschen Formel

Vor kurzem bin ich so richtig geschimpft worden. Nur weil ich hier im Blog (Frustsplitter) geschrieben habe, dass ich mich freue, dass der Uli Hoeneß zum Jahresanfang Freigänger wurde. Auch deshalb, weil ich ihn vor vielen Jahrzehnten in Riemerling ab und zu beim „Hund Gassi gehen“ getroffen und als feinen Kerl in Erinnerung habe.

Meine kurze Begründung war folgende: Man lässt Konzernen etwas durchgehen, für das man den „gemeinen größeren Steuersünder“ wie Uli Hoeneß einsperrt. Getreu dem Motto „Die wirklich großen lässt man laufen und die mittleren werden gehängt“. Denn im Verhältnis zu dem, was die Konzerne treiben, waren es beim Uli „peanuts“. Auch wenn es sicherlich „Steuersünder“ gibt, die für einen Schaden büßen mussten, der dann im Vergleich zur Operation des Uli Hoeneß „peanuts“ war. Man bedenke, dass alles relativ ist.

Und wie ich damals geschimpft wurde. Die Entrüstung mancher Leser war groß. Das könne man doch gar nicht vergleichen! Denn die großen Konzerne hätten zwar „moralisch“ verwerflich aber ansonsten eben ganz „legal“ gehandelt. Das wäre genau der Unterschied zwischen den Konzernen und dem Uli.

Das mit „legal“ ist doch genau eines der Probleme unserer Gesellschaft. Man darf eben nicht alles machen, was „legal“ ist. Das gilt für so vieles, nicht nur für die Steuer. Man denke nur an unsere Umwelt, was wir da alles machen dürfen, was wir aber wirklich überhaupt nicht dürfen sollten.

Zurück zur Steuer: Kein Regelwerk wird so perfekt sein, das es nicht mit „legalem“ Vorgehen etwas ermöglicht, dass das Ziel des Regelwerks komplett torpediert. Besonders nicht, wenn es mal so komplex geworden ist wie unser Steuerrecht. Die Folge dieser permanenten Filigranisierung und Vermehrung unserer Gesetze sind eine unheimliche Erhöhung der Transaktionskosten (nicht nur Rechts- und Überwachungskosten) und eine vermehrte Aushöhlung unseres Recht- und Unrecht-Bewusstseins.

Die Anzahl der Gesetzeserweiterungen und neuen Gesetze steigt exponentiell, immer mehr wird so „Legal Service“ und Blindleistung befördert. Nur die ganz großen können sich dies leisten. Schon jetzt sind wir so weit, dass sich manche Gesetze widersprechen und vernünftige Auslegungen und Entscheidungen gar nicht mehr möglich sind (Man denke an das „Datenschutz-Gesetz“).

Das ist wie bei den Sicherheitsfehlern nicht nur in der Microsoft-Software. Die Widersprüche werden immer größer und das eine funktionale Ziel schließt das andere aus. Man stopft mit großen Aufwand ein Loch in der „Firewall“ und schon entstehen zwei neue. Das erinnert an den mutigen Töter der mehrköpfigen Drachen. In grauer Vorzeit ist denen im Kampf mit dem Ungeheuer widerfahren, dass wenn sie mit dem Schwert einen Kopf abgeschlagen haben sofort zwei nachgewachsen sind. Die Lösung in der Sage war das Abbrennen der Köpfe mit der Pechfackel.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist auch die steigende Komplexität unserer technischen und gesellschaftlichen Systeme. Vor der sich viele fürchten als einen der Angst einflößenden Drachen unserer Welt. Dabei ist auch diese Entwicklung ganz einfach zu erklären. Die Systeme werden immer komplexer, weil die Behebung der entdeckten Fehler immer schwieriger wird und so die Korrekturen die Komplexität des Systems weiter erhöhen. Die nächste Generation von Fehlern ist dann noch schwieriger zu „handlen“ und führt zu einer weiteren Erhöhung. Ein sich selbst verstärkender Weg hinein in die Katastrophe.

Die Geschichte mit der Steuervermeidung ist für die Gewinner-Konzerne ein gigantischer Wettbewerbsvorteil. Sie akkumulieren Netto-Gewinne ohne Ende und können gigantische Investitionen tätigen, die ihnen weitere Vorteile verschaffen. Sie kommen in die Lage, unliebsame (gerade auch kleinere) Konkurrenten durch Aufkäufe zu beseitigen – koste es, was es wolle – und deren Know-How zu rauben. Sie können sich aufwendigste Marketingkampagnen leisten und greifen unterstützt von teuren Lobbyisten nach der Weltherrschaft.

So geht die wundersame Spirale der Machtmehrung!

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 16. Januar 2015

Goldener Stacheldraht

Zurzeit scheinen Institutionen und Unternehmen erstarren. Und die Menschen immer zu leiden. Zumindest sind das die Ergebnisse von diversen Umfragen, die man so liest. Und ich höre viele Klagen in direkten Gesprächen. Der Frust am Arbeitsplatz nimmt zu, immer mehr Menschen gehen in die „innere Kündigung“.

Ich kann das nachvollziehen. Das kollektive Leben in Unternehmen wird immer mehr in Prozesse gegossen. Diese Entwicklung findet schon seit Jahren statt, scheibchenweise und deshalb kaum merklich. Aber sich immer verstärkend, so dass keiner entkommt. Immer mehr wird geregelt und beschrieben. Für jede Frage gibt es eine einfache Antwort.

Wer es noch merkt, fühlt sich abhängig und entmündigt. Das Gefühl der Machtlosigkeit macht sich breit, die Unzufriedenheit wächst, man ist frustriert und weiß oft gar nicht warum. Gleichzeitig beschützen die Systeme einen wie nie zuvor. Sicherheit ist alles, Risiko ist unerwünscht. Die totale Fürsorge des Systems ist angesagt.

Und tatsächlich, die Fürsorge wird von den Umsorgten ganz gerne entgegen genommen. Weil sie eine Komfortzone bereit stellt und Sicherheit verspricht. Weil man sich in einem geschützten Bereich befindet und eigentlich um nichts mehr sorgen muss. Weil man bei einer großen „community“ ist, einer von vielen.

So entsteht das Wohlgefühl des Konzernangestellten. Das allerdings oft sehr trügerisch ist. Aber wie kommt es dazu? Ich war bei als Student wie als Festangestellter fast 10 bei Siemens und habe es dort persönlich erlebt, wie man in die Welt der Sicherheit rein rutscht.

Das „Einlullen“ begann bei mir mit der Fütterung in der Kantine. Dort bekam ich in der Regel gutes Essen zu festen Zeiten und zu einem vernünftigen Preis. Und fand – wie die meisten Menschen – „meine“ Betriebskantine eigentlich gut. Auch weil sie mein Leben einfach machte.

Die Kantine als der zentrale Punkt des Arbeitstages. Sie bestimmte, was gegessen wird. Es gab zwei Standardessen. Bei Siemens gab es ein „einfaches“ Essen (die grüne Marke für 1,20 DM) und das „bessere“ Essen (die rote Marke zu 1,50 DM). Die Marken sahen aus wie die Scheiben, die man beim Einkaufswagen im Supermarkt heute an Stelle einer EURO-Münze benutzen kann.

Die Marken gab es an einem ganz schlichtem Automaten. Für 6 DM gab es entweder fünf grüne oder vier rote. Es gab die selben Marken auch in gelb – für den Nachtisch. Die kosteten 30 Pfennige, für 1,50 Mark spuckte der Automat fünf davon aus. Damals gab des sogar Abendessen in der Kantine- sehr bequem.

Die tägliche Auswahl an der Theke zwischen grüner (einfacher) und roter (bessere) Mahlzeit wurde zum wichtigsten Teil des täglichen Lebens. Die Frage „Was gibt es heute“ bringt Abwechslung in den Tag. Es Entscheidung und letzter Rest gefühlter Freiheit. Und der mitt-tägliche Gang zur Kantine als die Zäsur im Arbeitstag.

So ist das bei großen Firmen und Insitutionen – es ist für alles gesorgt. Man bekommt Essen und Wärme. Die Kantine ist die Spitze des Eisberges einer kompletten Rundumversorgung von „Mama Siemens“ und ähnlichen. „Mama Siemens“ (als Metapher für die großen Konzerne) gibt ihren Menschen den Arbeitsplatz, ein gutes Gehalt, die Wärme und das Licht, ein schönes Büros. Am Tor wacht der Werkschutz. Der Chef überlegt sich, welche Kurse für seine sinnvoll sind. Und wenn ein Mitarbeiter ein gesundheitliches Problem hatte, konnte er zum Betriebsarzt gehen. Was will man mehr?

So ging es mir als arbeitender Mensch in den ersten Berufsjahren. Ich saß in einem goldenen Käfig. Wir wurden gezähmt und verwöhnt, wie verwöhnte Haustiere. Bis ich vor lauter Fürsorge – und ehrlicherweise nicht nur aus diesem Grunde – ausgebrochen bin.

Viele meiner Freunde und Kollegen konnten nicht ausbrechen. Sie wurden zu Gefangenen im „goldenen Stacheldraht“. Zuerst war es die Betriebsrente, die sie fesselte. Dann der erworbene Kündigungsschutz. Unmerklich wurden sie zu Zombies des Systems, einem System, das für alles gesorgt hat. Alles war vor gedacht, alles geregelt. Keine Probleme, keine Herausforderungen.

Auch heute sind für alles Prozesse festgelegt: Ob es der Urlaub ist, das Mitarbeitergespräch, die Arbeitszeiten, die Dienstreisen, Meetings, Einstellungen oder Kündigungen, Personalthemen, social Media, alles ist konfektioniert und wird „convenient“ serviert.

Spätestens ab dem fünzigsten Geburtstag haben sie dann bange aufs Ende geschaut. Und viele durften zum Teil weit vor dem sechzigsten gehen, gut versorgt aber eigentlich zu jung, um nichts mehr zu schaffen.

Und wie das bei Systemen so ist:
Wenn die Regulation mal begonnen hat, dann geht sie immer weiter. Ob Kommunikation, Kreativität, Produktion, Entwicklung, Marketing, Vertrieb, alles wird normiert. „Best practice“ erstarrt in Prozessen, die Bürocracy treibt ihre Triebe und Blüten, nebenläufiges Denken ist unerwünscht.

Vom „gesunden Menschenverstand“ geht es hin zum „so wird das gemacht“. Kreativität wird durch Planung ersetzt, Transparenz wird zur unerwünschten Bedrohung. Alles muss messbar sein, auch die Verbesserungsvorschläge. Kundenwünsche und Lieferantenbedürfnisse werden dem eigenen Shareholder Value untergeordnet.

Das System steht über allem. Gut ist nur noch, was dem System nutzt – auch wenn dies nur vermeintlich ist.

So tragen die Unternehmen eine immer stärker werdende Maske vor sich her. Es ist ein Tannenbaum, der früher Aufbauorganisation genannt wurde, behängt mit dem Lametta der Ablauf-Organisation.

Innen ticken diese Unternehmen zwar anders, weil die tüchtigen Kollegen wenn nötig (und das ist häufig) den Tannenbaum und sein Lametta ignorieren und direkt miteinander sprechen. Und so dafür sorgen, gegen die Regeln, dass das Unternehmen doch noch Erfolg hat.

Viele Unternehmen erinnern mich an das Bild einer City, die beginnt ihr pulsierendes Leben durch den Aufbau von Wegweisungen mit Zäunen aus goldenem Stacheldraht zu ordnen. Aber mit genug eigentlich unzulässlichen Lücken, damit das ganze noch funktioniert.

Bürocrazy lässt grüßen!

RMD

Häufig erlebe ich, dass „erfahrene“ Manager und – nur zu oft selbst ernannte – „Business Angels“ die Geschäftsmodelle zum Beispiel von start ups schnell zerreißen und rasch ihr Urteil fällen. Beispielhaft wissen sie ohne lange nach zu denken ganz genau, welches Geschäft in Deutschland nicht funktionieren könne, was man nur in China produzieren dürfe oder warum ein Geschäftsmodell nichts taugen würde. Ganz genau wissen sie, wie man es machen muss, was geht und was nicht geht.

Ich stelle dagegen fest, dass vieles geht, wenn nur die „richtigen“ Teams dahinter stehen. Und wenn die Menschen in diesen Teams die „richtigen“ sind, weil sie eine gute Ausbildung haben und mit Mut und Freude ihr Ziel verfolgen, dann erlebe ich oft überraschende Erfolge, die genau diese dogmatischen Annahmen falsifizieren.

Deshalb warne ich immer, Geschäftsmodelle „kategorisch“ zu bewerten. So wie ich davon warne, sich als Gründer mit „logischen“ Annahmen selber zu beruhigen. Oft höre ich folgende gängige Argumentation, die ich hier als Beispiel bringe:

Unsere Zielgruppe besteht aus xy Millionen Menschen. Wenn wir nur jeden Tausendsten erreichen, sind es xy mal 1000 Kunden. Und bei 10,- € pro Lizenz für die App sind es dann xy mal 10.000 €. Und da kommt dann ein verlockend hoher Vertrag raus, der mehr als ausreichend für den Erfolg erscheint.

Höre ich solch eine Erfolgsbegründung, dann würde ich am liebsten immer gleich davon laufen. Genau so geht es eben nicht. Ein gutes Geschäftsmodell ist vielmehr so etwas wie ein brennendes Zündholz, das schnell zumindest ein kleines Feuer entfacht.

Wenn dies nicht funktioniert, dann sollte man es sein lassen. Und wenn es brennt, dann muss man aufpassen, dass es nicht bei einem Strohfeuer bleibt sondern sich zu einem schönen und nachhaltigen Brand entwickelt. Und dafür ist eigentlich immer viel an Fleiß, Klugheit, Kreativität und Ausdauer notwendig, so dass ein kleines Quentchen Glück den Erfolg bringen kann. Und das Glück hilft ja bekanntlich dem Tüchtigen ..

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Donnerstag, der 6. November 2014

Politische Bildung – FES und HSS

Politische Bildung ist ein immer noch gefördertes aber doch ziemlich vergessenes Thema in der aktuellen Bundesrepublik. Und wohl auch ein Anachronismus. Passiert doch die wirkliche Meinungsbildung bei uns nicht mehr in den Parteien und deren „Stiftungen“ sondern in barcamps „auf der Straße“.

Ich kenne zwei parteinahe Stiftungen, das ist die Hanns-Seidel-Stiftung (HSS – CSU) und die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES – SPD). Beide laden mich regelmäßig ein und und ab und zu, wenn mich das Thema interessiert, gehe ich dann auch hin.

😉 Wobei anzumerken ist, dass die Treffen sich insofern voneinander unterscheiden, dass die der HSS besser organisiert sind und dort auch das Essen sehr gut schmeckt. Bei der FES gibt es meistens gar nichts zu essen und die Organisation ist nicht so perfekt. Vielleicht ist das ein Grund, warum die CSU in Bayern so eine große Mehrheit hat und die SPD kaum einer mehr wählt.

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Am Dienstag, den 4. November bin ich einer Einladung der FES (SPD) gefolgt. Weil dort der Film „WORK HARD, PLAY HARD“ gezeigt wurde. Das ist ein Dokumentarfilm von Carmen Losmann über unsere moderne Arbeitswelt, den ich schon lange mal sehen wollte. Ausserdem war das persönliche Erscheinen der Regisseurin Carmen angekündigt.

Ich wollte sie gerne persönlich kennen lernen, auch um ihr vom Projekt „Augenhöhe“ berichten zu können.

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Kurz gesagt: WORK HARD, PLAY HARD ist ein toller Film mit einer klaren Botschaft. Für einen Dokumentarfilm ist er extrem spannend. Und hat richtig gut ins Arena (Hans-Sachs-Straße 7, 80469 München) gepasst, einem wunderschönen Kino im wunderschönen Glockenbach-Viertel. Und Carmen Losmann, Regisseurin des Filmes war wie angekündigt auch da.

Es gab anschließend eine Diskussion mit Stärken und Schwächen. Mir fällt es immer schwer, nach einem aufregenden Erlebnis souverän zu debattieren. Trotzdem war es ein guter Abend. Vor allem, weil Carmen auf unheimlich sympathische und eindringliche Art und Weise uns ihre Bewertung des Status unserer Wirtschaft erläutern konnte.

Aber dann mussten wir schnell raus, weil das Kino ja wieder in den Regelbetrieb wechseln musste. Im Gedränge des Gegenverkehrs war es nicht möglich, eine Nach-Diskussion mit Menschen zu führen, die in der Diskussion durch vernünftige Beiträge aufgefallen waren. Das hätte ich als echt nützlich empfunden.

Das aber nur als Feedback für die Veranstalter. Vielleicht sollten diese beim nächsten Mal ein oder zwei Tische im benachbarten Kneipenviertel reservieren und so die Besucher dazu animieren, noch ein wenig weiter diskutieren zu können.

Bei der Veranstaltung hat aber auch wieder so richtig „die alte Welt“ um die Ecke geschaut. Denn am Anfang musste man die Teilnahme auf der Teilnehmer-Liste durch Unterschrift bestätigen. Im Gegensatz zu manch Datenschutz-Protagonisten habe ich da kein Problem. Ich finde, wenn ich zu einer Veranstaltung der SPD- und Gewerkschaft-nahen FES gehe, muss ich auch dazu stehen und dann soll es auch ein jeder wissen dürfen. Genauso wie wenn ich Gast bei der Konkurrenz (HSS) bin.

Die Erklärung des Moderators aber bei der Begrüßung vor dem Film für die Unterschriftenaktion war, dass die Unterschrift notwendig sei. Die FES wäre ja als „meinungs-bildende“ Organisation staatlich gefördert und sie müsse deshalb die Teilnahme der „jetzt politisch gebildet gewordenen Menschen“ (mein wording)“ nachweisen, damit sie auch weiter gefördert werden würde.

Der Moderator war übrigens ein freiberuflicher „Dialektik-Trainer“, der für die FES und vor allem für Gewerkschaften arbeitet. Von irgendwas muss halt ein jeder leben.

Ich finde, dass diese Förderung von „politischer Bildung“ entweder abgeschafft oder das Geld allen denen gegeben werden sollte, die für die Entwicklung von gesellschaftlichen Kontext arbeiten. Und da kenne ich viel gut besuchte barcamps und ähnliche Bürgerveranstaltungen, zu denen viele Menschen strömen, obwohl dort nicht so tolle Filme gezeigt werden und es dort auch kein so gutes Essen wie bei der HSS gibt.

Dieser Tage wird ja viel an die „wir sind das Volk“-Zeit erinnert. Könnte gut sein, dass demnächst die regierenden Parteien und ihre Anhängsel auch in der BRD den Ruf hören werden: „Wir sind das Volk“.

Ich freue mich jetzt aber erst mal über die Bekanntschaften, die ich an diesem Abend gemacht und die Erkenntnisse, die ich gewonnen habe und werde in den nächsten Posts den einen oder anderen Gedanken von diesem schönen Abend einbinden.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 3. November 2014

brandeins im November (und Oktober)

Für brand eins mache ich gerne Reklame. Schaue ich doch ab und zu auch in die sonstigen Wirtschaftsmagazine wie das Manager Magazin oder die Wirtschaftswoche. Und bin immer wieder entsetzt wie viel Belangloses da drin steht.

😉 Die große Sensation ist dann der Transfer eines Vorstandes von einer Bank zu einer anderen Bank. Nur spielt dieses „Highlight“ wirklich keine Rolle im Leben des Unternehmers. Und die interessanten Dinge wie zum Beispiel wer dabei der Headhunter war und wie viel dieser an dem Deal verdient hat, stehen dann doch nicht drin …

brand eins ist dazu eine wirklich gute, wahrscheinlich die einzige Alternative. Und es sind nicht nur die Schwerpunkte, die für einen jeden Unternehmer und Manager immer wichtig sind, sondern insgesamt die Geisteshaltung im Sinne von „Zukunft“, „Innovativ“ und „gesundem Menschenverstand“, die die meisten Artikeln so richtig ausstrahlen.

Vertrauen
mit dem Slogan Alles unter Kontrolle!

brandeinsOktober2014

Scheitern
nach dem Motto Versuch macht klug oder Wird schon schiefgehen!

brandeinsNovember2014

Vertrauen ist für jedes Unternehmen von zentraler Bedeutung und mit dem Scheitern muss man leben können.

Ich mache – nicht nur – zu Weihnachten immer gerne Geschenke. Aber was her schenken, hat doch jeder schon alles, was er braucht. Und irgendwelchen neuen Sperrmüll will ich nicht her schenken.

🙂 Insofern freue ich mich schon auf die Weihnachtsausgabe. Die werde ich wieder eifrig als Geschenk einsetzen. Bei mir wichtigen Menschen, die brand eins noch nicht kennen.

Die kriegen dann etwas sehr Schönes, das gar nicht teuer ist aber in der Regel von dem Beschenkten dann sehr geschätzt wird.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 29. September 2014

Warum muss die Walnuss aus Kalifornien kommen?

schweinchenslowenienDie Barbara hat die kleinen Schweinchen mit ihren Äpfeln gefüttert. Jetzt ernähren sie sich wieder von den Früchten der Natur.

Das haben wir auf unserer Radtour dann auch gemacht. Beim nächsten Walnussbaum sind wir gestoppt und haben die Nüsse aufgelesen. Für ein Säckchen zum Nachtisch am Abend hat es gereicht. Und ich musste daran denken, wie wir früher als Kinder alles mögliche gesammelt haben: Viele Sorten Beeren, Bucheckern, Obst aller Art, Kastanien, Pilze …

Aber dann kam der Aldi und die Walnüsse kamen aus Kalifornien. Irgendwie fand ich das als junger Mensch toll – Walnüsse aus Kalifornien! Heute bin ich für Regionalisierung und empfinde Walnüsse aus Kalifornien als schlimmes Beispiel für den globalen Widersinn.

Und wie es der Zufall will haben wir gestern Abend anschließend im Hotel von Isidor im Deutschen Fernsehen (ARD) den Weltspiegel angeschaut.

Und da klagt doch ein amerikanischer „Walnuss-Farmer“ über die Unfähigkeit der Regierung von Kalifornien, ihm ausreichend Wasser zu liefern, weil seine Bäume aufgrund einer „Jahrhundert-Dürre“ kaputt gehen.

Und dass sie jeden Tag zu Gott beten, er möge es wieder regnen lassen. Nur von „Klimaveränderung“ und „american style of life“ spricht er nicht.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 14. September 2014

brand eins im August und im September

Im August habe ich zuviel gearbeitet – leider ganz fremdgesteuert und dann einen langen und schönen Urlaub gemacht. Das brand eins war dabei – aber es hatte da keinen so großen Stellenwert, denn Genießen, Schwimmen, Radeln, Schlemmen – eben Lieben und Leben waren wichtiger.

Zurzeit habe ich immer noch viel zu viel Arbeit und will auch noch ein wenig Urlaub im September machen. Das brand eins des Septembers muss man aber lesen – trotz aller Last und Belastung, die man so hat. Wie immer habe ich es auch schon an ein paar Menschen ausgeliehen, um deren öffentliche Fahrten zu verschönen. Und auch die waren begeistert.

Zum Heft: Es ist eine Ausgabe mit Herz. Auf dem weißen brand eins des Septembers prangt ein großer Schriftzug.

Darf ich noch ein Stündchen, Chef?

Darunter steht dann: Wie wir lernen, die Arbeit zu lieben und als Schwerpunkt in rot und mit Herz:

Arbeit♥

Es ist mir ja fast peinlich, brand eins zu loben. Und deshalb gestehe ich hier auch, das mich das August-Heft nicht so vom Sockel gerissen hat. Aber das Septemberheft hat wieder all die Tugenden, die ich bei brand eins so mag – und bei allen anderen Hochglanz- und sonstigen Publikationen zum und um das Thema Wirtschaft nicht nur vermisse.

Die wichtigen und richtigen Themen zum Thema (Zusammen-)Arbeit werden getroffen und mancher Widersinn wird aufgezeigt. Immer wieder ich finde ketzerische bis revolutionäre Gedanken, die durchaus „etablierte Meinungen“ und bürgerlich-moralisches Selbstverständnis „Man macht das so“ deutlich in Frage stellen.

Und das ganz authentisch und weit weg von dem üblichen (und mehr als ausgelutschten) Ratsch & Tratsch. Das ist schon wohltuend.

Ende November bin ich auf dem EnjoyWorkCamp in Stuttgart. Und schlage mal der Franziska (Veranstalterin) vor, allen Teilnehmern das Brand eins des September als vorbereitenden „Reader“ zu senden.

Darf ich noch ein Stündchen, Chef – brand eins onlinestartseite_header

RMD

Hand aufs Herz – gerade unternehmerische Entscheidungen sind doch immer Wetten auf die Zukunft!

Denn: Entscheidungen erfolgen immer unter Unsicherheit. Und sie müssen von Relevanz sein. So ist der Begriff der Entscheidung definiert. So ist jede unternehmerische Entscheidung wie auch die Gründung eines Unternehmens eine Wette. Der Unternehmensgründer wettet letzen Endes auf seine Bewertung der Entwicklungen in einem großen Markt.

Echte Unternehmer wetten mit ihrem eigenem Geld. Sie werfen ihre Arbeitskraft, ihr Kapital und ihr Wissen in die Waagschale. Ab und zu wetten sie auch um ihre Existenz – und gelegentlich verwetten sie diese.

Angestellte Manager (wie zum Beispiel die Vorstände großer DAX-Unternehmen) haben es da einfacher – sie wetten mit fremden Geld. Das mag funktionieren, so lange sie „redliche Kaufleute“ bleiben. Nur vergessen sie das zu oft. Soll ich Namen nennen?

Aber machen wir ein Gedankenspiel und wetten jetzt mal auf ein schönes Geschäft, den Fußball. Lass uns wetten, wer Deutscher Meister in der Saison 2014 und 2015 wird. Wenn wir auf den FC Bayern setzen, werden wir wahrscheinlich gewinnen.

Jetzt machen wir es uns schwieriger. Wir wetten auf die Tabelle zum Abschluss der Saison. Oder auf die Ergebnisse der einzelnen Spieltage, die Torschützen, die Spielverläufe …

🙂 Und wetten, dass fast alle Wetten falsch sein werden.

Jetzt wird Euer Einspruch kommen: Stopp, als Zuschauer können wir da doch ja nichts machen. Aber als Unternehmer habe ich ja Einfluss auf die Dinge und kann mitmachen.

OK, dann machen wir die selbe Wette nochmal. Jetzt seid Ihr aber nicht mehr die Zuschauer, sondern als Spieler dabei. Stellen wir uns vor, Ihr als Gründerteam wären Mannschaft und Trainerteam eines Teams der Liga. Und ich mache es ganz einfach: Ihr müsst nur noch auf die Eure Spiele, also die Spiele der eigenen Mannschaft wetten. Das sollte doch funktionieren! Oder? Aber …?

Wie viel Einflussnahme hat man wirklich – im Leben wie im Fußball? Dass die Wetten und damit die Entscheidungen aufgehen? Wir sehen, dieses blöde Wetten auf die Zukunft ist alles andere als sehr erfolgsversprechend.

Deshalb meine Empfehlung:
Startet als start-up nicht gleich mit den ganz großen Wetten, sondern macht zuerst mal kleine Wetten. Wie ich immer wiederhole, ganz agil. So entwickelt Ihr eine Kette von kleinen „dynamischen Wetten“ und setzt immer auf den nächsten Schritt.

Jetzt könnt Ihr sagen: Es gibt doch die ganz großen Erfolge, die uns täglich vor Augen geführt werden. Das hat doch einer richtig gewettet

Und tatsächlich: Einer wettet immer richtig! Und das ist der Gewinner.

So wie in der „VIP-Lounge“ der SpVgg Unterhaching. Seit Jahren verfolge ich das Gewinnspiel. Da tippen die Gäste das Ergebnis des Spieltages und ich gerne mit.

Und obwohl es da gar nicht so viele Teilnehmer wie wahrscheinlich beim FC Bayern gibt, habe ich es nur einmal erlebt, dass der Tippwettbewerb keinen Sieger hatte. Das war vor Jahren noch in der zweiten Liga – und die SpVgg hat damals gegen Saarbrücken 7 : 0 gewonnen. Am Ende der Saison sind die armen Hachinger aber trotzdem abgestiegen.

Wie gesagt: Einer gewinnt immer. Und „The winner takes it all“. Aber wie viele spielen und wie viele gewinnen!?

RMD