Roland Dürre
Mittwoch, der 15. Januar 2014

Was ich mag #1 – DuckDuckGo!

Ich mag DuckDuckGo!

Ihr wisst nicht, was DuckDuckGo ist?

Kein Problem, wie immer steht auch alles über DuckDuckGo in Wikipedia. Und ausprobieren kann man es gleich mit diesem Click.

Und schon seht Ihr die auch nicht mehr so ganz neue Suchmaschine. Keine intellektuelle Spinnerei wie Wolfram|Alpha. DuckDuckGo kommt ein wenig im Retrolook daher. Und ist vielleicht funktionell auf dem Stand wie Google vor 10 Jahren. Aber schon verblüffend gut. Und wenn wir alle DuckDuckGo unterstützen, dann wird das schon.

Spätestens nach den „Snowdon-Enthüllungen“ (die im übrigen keine waren, denn unsere Hacker wussten das doch schon seit Jahren) ist DuckDuckGo salonfähig geworden. Denn DuckDuckGo sammelt keine Benutzerdaten.

So kann es auch keine „user bubble“ geben. Die will ich nicht und verzichte gerne auf den angeblichen Komfort, den das „Tracking“ und Sammeln meiner Eingaben liefern soll.

Ich wünsche mir, dass eine Suchmaschine bei derselben Anfrage für jeden Benutzer an jedem Ort immer dasselbe Ergebnis liefert. Denn so schlau sollte der Benutzer schon sein, dass wenn er zum Beispiel ein Restaurant namens Bella Roma in Ottobrunn sucht, er dann neben „Bella Roma“ auch Ottobrunn ein gibt.

Also ganz schnell DuckDuckGo ausprobieren! Auch wenn es uns vor der NSA auch nicht schützt.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 29. November 2013

brand eins im Dezember

brandeins122013brand eins
gibt es auch als „App“. Nicht nur auf Papier. Deshalb dieses Bild.

Ich bin aber hier noch ausnahmsweise bei der Papierfraktion. Deshalb schleppe ich das brand eins schon seit gut einer Woche mit mir herum. Und kam immer nur dazu, ein wenig hinein zu schnuppern.

Heute am Freitag ist es dann im Büro doch ein wenig ruhiger. Und ich schaue mir das brand eins genauer an. Quasi zur Vorfreude aufs Wochenende.

Diesmal ist der Schwerpunkt Zeitgeist. „Den Zeitgeist verstehen ist das Motto, die Botschaft auf dem Titelblatt heißt „Du bist so neunziger„. Trifft jetzt auf mich nicht so zu, fühle ich mich doch eher als ein „sechziger“ – allerdings nicht im Fußball – oder ein „siebziger“ – vielleicht sogar ein „50iger“ und hoffe da kein falscher. Schon die 80iger sind mir ein wenig suspekt und von den 90igern will ich gar nicht reden – warum auch immer.

Und was sind wir eigentlich aktuell? Die Null-Nuller?

Zum Heft:

Ich mag es wieder. Auch wenn mich die Heft-Mitte mit 10 Seiten Anzeige mal wieder ermahnt, dass ich mich doch ein wenig schicker an ziehen sollte. Fühle mich da an meine Mutter erinnert, die auch immer an mir auszusetzen hatte, „wie ich denn wieder daher kommen würde“. Da musste ich früher durch – und heutzutage hilft dann nur schnelles Überblättern.

Ansonsten haben mir schon die kurzen Artikel, die ich bisher so anschauen konnte, doch auch wieder einiges Neues gebracht. Nicht nur die „Die Welt in Zahlen“. Soviel auch zum Stichwort „Rohstoffverbrauch“.

Bei ein paar Artikeln habe ich auch eigene Assoziationen. Da haben zum Beispiel vor 20 Jahren zwei Brüder angefangen, aus Lastwagen-Planen Taschen herzustellen (Seite 98). Und waren damit erfolgreich. Da fällt mir dann sofort ein, dass ich so ganz tolle Fahrradtaschen habe. Und dass da jemand wohl vor 25 Jahren angefangen hat, ganz tolle Fahrradtaschen aus LKW-Planen herzustellen. Kann aber auch Zufall sein, wie so vieles im Leben.

Für mich bemerkenswert ist auch das „Kulturgut auf vier Rädern“ auf Seite 112. Auch so ein Thema für sich, sehr interpretationswürdig. Ansonsten ist das Heft wie immer sehr üppig an Artikeln. Da habe ich am Wochenende (und danach) noch viel zu lesen.

Und da bald Weihnachten ist: Ich schenke ja nichts mehr her, was irgendein Gebrauchsgut ist (weil ja jeder Mensch schon alles hat). Also: keinen Wohlstands-Müll für meine Freunde. Meine Geschenke sind Theaterkarten, eventuell selbst gemachten Holunder-Sirup, besondere Weine oder auch mittlerweile Biersorten – und wenn es mir zu passen scheint ein Heft brand eins. Und fahre damit eigentlich ganz gut.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 26. November 2013

Unternehmertagebuch #91 – Nicht agil oder agil mal anders.

Im letzten Beitrag meines Unternehmertagebuch habe ich versucht zu beschreiben, was einen wirklich guten Manager so ausmachen könnte. Und ich habe gefordert, dass dieser agil handeln und entscheiden müsse.

Aber was heißt das, agil? Dazu beginne ich mit dem Gegenteil (dogmatisch?):

Nicht-agile Entscheidungen erlebe ich immer dann, wenn die Entscheider sich im Besitz der Wahrheit wähnen und genauso die Welt und die Konstrukte ihres sozialen Systems bedingungslos übernehmen ohne sie zu hinterfragen. Also über eine nicht reflektierte persönliche und systemische „Vorurteilsstruktur“ verfügen. Wenn diese Vorurteilsstruktur Basis aller Überlegungen ist  und aus ihr mit dominanter Logik zwingend Entscheidungen entwickelt werden, dann kommt es meistens zu unsinnigen Handlungen mit schädlichen Folgen.

Der einfache Grund dafür ist, dass die Welt halt anders tickt, als man denkt. Wenn die vermeintlichen Gewissheiten nicht hinterfragt, emotionaler Einfluss und eigenes empathisches Aufnehmen anderer Meinungen nicht zugelassen wird und Warnungen als unbequem empfunden, unterdrückt oder ignoriert werden, dann passiert es:
Aus „Verantwortungs-Ethik“ wird „Pflicht-Ethik“, die alles Handeln aus der Treue zum System heraus rechtfertigt – auch wenn dieses Handeln dem System und den Menschen schadet.

Agil sein dagegen heißt, immer wieder anderen wie sich selber (!) Fragen zu stellen wie „Woher weißt Du das?“ oder „Woher weißt Du, dass das richtig ist“ und vielleicht unangenehmen Antworten nicht auszuweichen. Also immun sein gegen „das macht man so“ und „das ist halt so“ und immer versuchen, die eigenen Konstrukte mit den Konstrukten anderer Menschen abzugleichen und wenn möglich an der Realität zu validieren.

Das wäre die wichtigste Voraussetzung für einen agilen Manager.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Dienstag, der 19. November 2013

Videos von Dr. Roberto Simanowski vom IF-Forum verfügbar!

Professor Dr. Roberto Simanowski hat im IF-Forum am 25. Oktober 2013 im ersten Teil seines Vortrages zu „Jean Paul, der Witz, die Postmoderne und die neuen Medien“ und dann im zweiten Teil über „Big Data und gläserne Gesellschaft – NSA, Self-Tracking und das Internet der Dinge“ berichtet. Jetzt können die Vorträge als Video in Youtube angesehen werden.

Big Data

Jean Paul

Viel Spaß beim Anschauen!

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 9. November 2013

Mein Vortrag „Wandel im Management“ jetzt als Video verfügbar

Am 24. Oktober habe ich einen Vortrag mit obigem Thema an der Universität der Bundeswehr gehalten. Da die Dinge, über die ich dort berichtet habe, mir sehr wichtig sind, habe ich den Vortrag aufgenommen und ihn in Youtube veröffentlicht. Hier ist er:

Viel Spaß beim Anschauen!

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 31. Oktober 2013

Impressionen aus Bombay und Indien

Zwischen den Extremen!

Hier der erste eher ausführliche Bericht über meine letzten drei Tage in Indien.

Im Rahmen der Besinnung auf „nationale Identität“ heißt Bombay seit einiger Zeit nicht mehr Bombay sondern Mumbai. Auch andere bekannte Orte oder Einrichtungen in Mumbai wie die Victoria Station oder der Fruchtmarkt haben einen indischen Namen bekommen. Nur nehmen das auch die jungen Inder mehrheitlich nicht so ernst und nennen den schönen Bahnhof aus der Zeit von Queen Victoria trotzdem immer noch Victoria Station.

Die Renationalisierung Indiens kann ich ein wenig verstehen. Immerhin wurde das große und sicher auch heute sehr mächtige Indien ja erst 1947 unabhängig  und hat sich doch erst recht spät als eigenständige Nation gegründet. Indien hat ja auch die erste Abspaltung (Bengla Dash) hinter sich und so in gewissem Sinne eine komplexe Geschichte. Und hat es insgesamt ja auch alles andere als leicht. Trotzdem finde ich diese neue Namensgebung ein wenig albern, ist doch die Amtssprache in Indien Englisch, und die Inder sind durchaus stolz darauf, dass so viele von ihnen recht gut englisch sprechen.

Auf ihr Bier, ihren Wein und ihren Whisky lassen meine indischen Freunde auch nichts kommen. In Mumbai wie wohl in den meisten indischen Bundesstaaten gibt es so etwas nur im Alkohol-Shop zu kaufen. Nur eine kleine Zahl der Restaurants haben Alkoholisches auf der Getränkekarte.

Dass der Umgang mit Alkohol in Indien anders gelebt wird, bemerke ich dann auch am Schwimming-Pool der sehr westlichen Wohnanlage, in der mein Sohn mit seiner Frau wohnt.. Nach dem ersten langen Tag (Montag) nach wegen Anreise kurzer Nacht gehe ich am Nachmittag zum Swimming-Pool dieser Wohn-Anlage. Shopping war anstrengend 😉 so will ich die letzte Sonnenstunde am Spätnachmittag nutzen, denn auch in Mumbay wird es früh dunkel.

So schwimme ich ein paar Runden im warmen Wasser, lege mich dann auf die Liege, genieße die Restsonne kurz vor ihrem Verschwinden und lese ein wenig. Dazu hole ich die kleine Flasche Bier aus meiner Tasche heraus, die ich dem Kühlschrank meines Sohnes entnommen hatte, um mit dem Inhalt derselbigen den Genuss meiner Lektüre zu erhöhen. Ein kulturelles Missverständnis, wie sich gleich herausstellt. Denn schon kommt ein uniformierter Mensch und weist mich, in vorbildlichen Englisch, darauf hin, dass am Pool kein Alkohol und so auch kein Bier getrunken werden dürfe.

Obwohl dies auf der langen öffentlichen Verbotsliste (Nutzen des Schwimming-Pools ohne Nutzung einer Schwimmkappe verboten, nicht hineinspringen, vor dem Benutzen des Pools Duschen und eben das Übliche) nicht droben stand. Natürlich akzeptiere ich das Verbot freundlich und lehre die Flasche anschließend nur sehr diskret aus, indem ich sie in meinem T-Shirt eingewickelt zum Mund führe.

Wie überall in Indien in Service-Bereichen gibt es auch beim „B-Club“ der Wohnanlage mehr Menschen, die adrett in Uniform gekleidet sind und arbeiten, putzen, kehren und fegen, als Gäste. Oft weiß man gar nicht was sie tun. Ein paar davon müssen halt aufpassen, dass die Gäste nichts Unrechtes machen. Anschließend waren wir in einem richtigen indischen Lokal zu Abendessen, es wurde noch ein schöner Abend.

Am zweiten Tag (Dienstag) geht es mit „Reality Tours“ in den bekanntesten der Slums von Mumbai, Dharavi. Der Slum liegt „natürlich“ begrenzt zwischen Eisenbahnlinien und Autobahnen.

Wir sind eine  ganz kleine Gruppe, nur zu viert. Außer uns ist Françoise mit von der Partie. Françoise ist eine 81-jährige Französin aus Paris. Sie hat die ganze Welt bereist und ist immer noch in einer NGO aktiv. Unsere kleine Gruppe wird von einem kompetenten Führer betreut. Françoise weiß auch über erstaunlich vieles Bescheid und stellt unserem Führer viele kluge Fragen. Auch für uns ist das sehr spannend.

Im Slum wird hart gearbeitet. Selbstorganisation und „Gemeinschaft bilden“ sind die Stärken der Menschen hier. Sie sind stolz auf den Umsatz, den sie gemeinsam schaffen. Der Slum ist eine Stadt in der Stadt. Er hat eine Million Einwohner und vieles ist ganz anders als ich in mir vorgestellt habe. Die sanitären Bedingungen sind schwierig, die Versorgung mit Wasser und Strom ist nur partiell gewährleistet.

Dennoch ist es im Slum sauber und es scheint sehr geordnet zuzugehen. Ich kann mir vorstellen, dass dort ein enormer sozialer Druck auf den einzelnen vorhanden ist. Man wird dort nicht reich, aber es lässt sich aushalten. Vorausgesetzt man mag es eng und man mag „community“. Und im „slum“ zu leben soll viel besser sein, als auf Straße zu Hause zu sein. Und da gibt es viele Menschen

Auch in der „Slum-Stadt“ gibt es eine Stadt in der Stadt. Die ist auffällig dunkler, wohl auch ärmer. Sie erscheint deutlich weniger gepflegt. Hier ist es noch enger als im restlichen Slum. Und es soll für die Insassen nur eine Gemeinschafts-Toiletten-Anlage geben – mit entsprechend langen Wartezeiten. Es ist der islamische Teil des Slums. Unser Führer erklärt den Unterschied damit, dass hier auf das wichtige Gut „Bildung“ kein Wert gelegt werden würde.

Im Slum schweifen meine Gedanken in die Heimat. Man stelle sich vor, die (wahrscheinlich mehr als) 3,5 Millionen Arbeitslosen in Deutschland begännen sich zu organisieren … Allein wenn die mit ihren Familien geschlossen zur Wahl gehen und sich auf eine Partei einigen würden … Irgendwie erscheint mir vor diesem Hintergrund die Mindestlohndebatte in Deutschland ein wenig lächerlich. Sicher soll auch bei Entlohnung Fairness gelten. Nur scheinen mir die Probleme in Deutschland ganz wo anders zu liegen. Man könnte sie „Hochnäsigkeit“ nennen, oder auch Dummheit, weil wir nicht begreifen wollen (oder können), wie es in der Welt so läuft. Aber die ist global geworden – und wird auch zu uns kommen. Das sollten wir langsam kapieren, und auch bereit sein, für ein anständiges Verhalten ein wenig unseres Wohlstandes aufzugeben.

Slum anschauen war anstrengend. So machen wir am Nachmittag eine Ruhepause und gehen am Abend mit Tochter und Schwiegertochter  zur Reitbahn. Dort treffen wir die Reichen und die Schönen. So ist das – die Armen schuften in den Slums und die Reichen vergnügen sich beim Reiten.

Die Reichen verlassen Bombay auch am Wochenende. Zum Beispiel fliegen sie zur Naherholung kurz mal nach Goa (600 km entfernt, so vergleichbar die Entfernung von Berlin nach München). Da Goa so schön sein soll, werden wir das auch machen. Allerdings haben wir davor noch einen Tag in Bombay. Da wollen wir ganz in der Früh eine geführte Radtour unternehmen und dann mit dem Schiff vom „Gate“ zur Elefanten-Insel fahren.

Die Radtour am Mittwoch durch Bombay war Klasse, ich kann sie nur empfehlen. Man trifft sich um 6:15, so früh wegen des Verkehrs und der Hitze. Bis um 10:00 sind wir unterwegs. Wir sind nur zu dritt, weil zwei weitere Gäste wohl wegen des frühen Starttermins abgesagt haben.

Auf dem Rad erleben wir Bombay so richtig intensiv. Wir sehen eine Moschee und einen Tempel – und ganz viele Märkte. Auf dem Fruchtmarkt beeindrucken uns die vielen exotischen Früchte, der Blumenmarkt ist einfach nur schön. Beim Fleisch wird es mir schon ganz anders und auch der Fischmarkt ist auch nur schwer zu ertragen. Ich begreife die Empfehlung, dass man sich in Indien vegetarisch ernähren sollte, wenn man nicht krank werden wolle.

Die Märkte sind alle vielfältig und bunt. Aber gerade der Fischmarkt ist laut und stinkend. Man muss ihn gesehen haben, aber vielleicht sieht man auch hier anschließend die Welt mit ein wenig anderen Augen.

🙂 Auch die Radtour wird von Reality-Tours durchgeführt, die die Slum-Tour organisiert haben. Es ist eine von vielen NGOs, die hier arbeiten. Die Überschüsse werden für diverse Projekte eingesetzt.

Zum Abschluss der Radtour gibt es ein vegetarisches indisches Frühstück. Das tut so richtig gut. Ich bin übrigens auf so einem typischen indischen Fahrrad geradelt – und muss sagen, dass dies trotz diverser Einschränkungen gar nicht so schlecht war. Zurückgelegt haben wir auch nur um die 10 km. Der Rest war „sight-seeing“ pur.

Nach der Tour holt uns unser Fahrer ab und bringt uns zum nächsten Ziel unserer Reise. Vom „Gate“ aus wollen wir ins Meer starten und die „Elefanten-Insel“ besuchen. Auf der Fahrt sehen wir wieder die übervollen Züge mit den außen an den Türen hängenden Menschen. Jeden Tag sterben aus diesem Grund in Mumbai zirka 10 Menschen, weil sie da eben auch mal herunterfallen. Aber das zählt hierzulande nicht.

Die Eisenbahnen, die ich hier sehe, fahren übrigens auf Breitspur wie in Russland und in China. Das heißt es sind auch deutlich breitere Wagen als bei uns in Deutschland. Und trotzdem reicht der Platz im Zug nicht aus.

Zur Elefanten-Insel gibt es nicht viel zu sagen. Die Fahrt mit dem Schiff hin und zurück (jeweils knapp 90 Minuen) lohnt den Ausflug an sich schon. Die Insel selbst ist – obwohl total touristifiziert – für den aus Bombay kommenden Reisenden eine Oase der Ruhe. Ihre Höhlen sind Weltkulturerbe und nett anzuschauen, da sie aber wohl im Mittelalter durch Militär zerstört und jetzt neuzeitlich einbetoniert worden sind, fand ich das ganze nicht so beeindruckend.

Was gibt es noch zu erzählen? Es ist um diese Jahreszeit angenehm warm in Bombay / Mumbai. Die Klima-Anlagen in den natürlich überhaupt nicht abgedichteten Häusern laufen aber auf Hochtouren, das tägliche „Frieren im Restaurant“ ist da nur eine der Kehrseiten.

Am vierten Tag unserer Reise geht es nach Goa, dem Traum wohl aller Hippies. Die Anreise ist spannend. Wir haben den Wecker ein bisschen zu spät auf 4:00 gestellt, um um 4:15 loszufahren. Dann stellen wir fest, dass der Flieger ausnahmsweise nicht um 5:50 sondern schon um 5:25 geht. Und die Aufzüge im großen Wohnturm (Marke Mitsubishi, glaub aber nicht, dass das die Ursache ist) sind nicht in Betrieb. Erstaunlich, für ein Gebäude mit 48 hohen Stockwerken. Auch erstaunlich, wie lange man braucht, um 30 (hohe) Stockwerke zu Fuß mit leichtem Gepäck nach unten zu bezwingen …

Aber irgendwie klappt es dann noch. Wir bekommen den schon aufgegebenen Flieger nach heftiger Intervention am Check-In nach Goa doch noch …

Von dort berichte ich dann weiter. Bilder folgen später.

RMD

„Gibt es dieses ‚Nordlicht’ wirklich oder nur beim Komasaufen?“ fragte Maria bewusst dümmlich in die schnatternde Runde im „Artemis Palace“ in der Gelnhäuser Straße, wo die schwitzende Stammtisch-Clique bereits gefühlte hundert Jahre auf ihr Gyros wartete…

Quarkteilchen_if_blog„Wie kommst du denn darauf – bei dieser Affenhitze?“ stöhnte Gerald neben ihr, mit einem kaum merkbaren Zucken um seine tropfnasse Oberlippe.

„Ja hat nicht gerade jemand am Tisch übers Nordlicht gelabert?“ wunderte sich Maria. Irritiert schwenkte sie ihre schwarze Haarpracht ins tosende Stimmengewirr.

„Nee“ blökte Gerald, während er ausgelaugt seine Stirne trocknete und das zweite Glas Bier killte, „ich hab nichts Nordlichtmäßiges gehört?“

„Hey – herhören, wer hat gerade ‚Nordlicht’ intoniert?“ trompetete Maria schrill in die wabernde Runde.

„Ich“, rief Kurt hinten von der Tischecke, „ich hab der Martha – quasi zur Abkühlung – von unserer letzten Kreuzfahrt zum Nordkap erzählt und von den irren Nordlichtern, die wir jeden Abend gucken mussten – echt der Wahnsinn!“

„Na siehst du – doch Nordlicht! Ich bin ja nicht taub! Aber du, Gerald, solltest dir vielleicht statt Biersaufen einmal deine Löffelchen durchpusten lassen, was hältst du davon?“

„Haha – sehr witzig“ nuschelte Gerald, trocknete sorgfältig sein verschwitztes Gesicht mit zwei Papiertaschentüchern und orderte gleich das dritte Bier da er schon einmal am Reden war …

„Und Kurt…weißt du jetzt wie so ein ‚Nordlicht’ entsteht?“ fragte Maria angriffslustig.

„Ja … oder vielmehr, nein!“, sagte der braungebrannte hoch aufgeschossene Kurt und verzog bedauernd sein feucht glänzendes Gesicht.

„Unser Reiseführer hatte es zwar dreimal am Tag erklärt, aber ich hab’s vergessen und auch nie richtig kapiert, wenn ich ehrlich bin. Auf jeden Fall hat es irgendetwas mit dem Erdmagnetfeld zu tun.“

„Und? Ist das alles?“ hakte Maria keck nach.

„Ja – mehr weiß ich nicht mehr, Frau Oberlehrerin…“

„Das ist ja weniger als Nichts, Herr Kurt… Wie war grad ihr Name?“

„Kannengießer“!

„Setzen – gibt eine Sechs, Herr Kannengießer!“

„Ich sitz ja schon“, lachte Kurt und wandte sich wieder seiner bunt bemalten Nordkap – Martha zu.

„Und – du Johannes, weißt du vielleicht wie dieses ominöse ‚Nordlicht’ zustande kommt?“ fragte Maria, nagend wie sie nun einmal war, plötzlich ihr Gegenüber, nachdem sie Johannes vorher kurz fixiert hatte.

Sie streifte dabei aufreizend eine ihrer schwarzen Haarsträhne hinter ihr abstehendes rechte Ohr und genoss die Verlegenheit, in die sie den ‚stillen Töpfer’, wie sie den Industriekeramiker spöttisch nannte, mit ihrer überraschenden Frage brachte.

Johannes war tatsächlich sehr schweigsam! Und unauffällig!

Die schütteren, schmutzig blonden Haare, kurz geschnitten, taten ein Übriges, wobei das großflächige Gesicht stark gewann, wenn er sein verschmitztes Grinsen aufsetzte.

Er war dreißig, Junggeselle und schaffte es trotz seiner zurückhaltenden Art bei jeder Stammtischrunde am dritten Freitag im Monat, Maria gegenüber zu sitzen; grad so als wollte er sicher stellen, dass wirklich alle ihre boshaften Giftpfeile wie beim heiligen Sebastian, ausschließlich in seinem Körper landeten und niemand anderen verletzten.

Vielleicht war das auch der entscheidende Grund, warum er immer noch in dieser Runde saß, seit ihn Kurt vor acht Monaten mitgebracht hatte: denn von der Firma Heraeus in Hanau war er zu einem zweijährigen Forschungsprogramm im Bereich Industriekeramik geholt worden und war ganz neu in Rodenbach.

Und die Gluthitze des Sommers kam ihm wohl gerade zupass: wie sonst war bei all seiner Zurückhaltung zu erklären, dass er ständig gute Laune hatte und immer öfter die Getränkerechnung für alle übernahm; auch für die ‚giftige Maria’, wie er feixend anmerkte, ihr aber damit nur ein nachsichtiges Lächeln abrang, bei dem sie gerade mal den linken Mundwinkel nach unten zog.

Maria hatte mit der brütenden Hitze im „Artemis Palace“ auch kein Problem: als sie ihr Gyros ohne großflächigen Schweißausbruch in sich hineingearbeitet hatte, posaunte sie sofort wieder zwei Mal hintereinander die ‚Nordlicht – Frage’ in Richtung Johannes und das total verblasste, grauenhafte Wandgemälde der Akropolis hinter ihm!

Da Johannes aber noch immer an einem größeren Tintenfischlappen herumkaute, sagte er nur „so, tu ich das“? als Maria spöttisch meinte, dass er doch sonst immer so klugscheißerisch daherkomme.

„Ja das tust du“, warf Maria schneidend ein; die andern horchten für einen Moment auf.

„Tu ich das wirklich?“

„Ja schon manchmal…“ schallte es von allen Seiten.

„Oh – das tut mir aber Leid“, sagte Johannes mit einem leicht rötlichen Farbton im Gesicht: „als Besserwisser wollte ich nämlich nie gelten, wenn ich mich recht entsinne – trotzdem Prost allerseits!“ Er hob sein Glas, prostete vergnügt allen zu und schluckte den restlichen Amthystos – eine Art griechischer ‚Grüner Veltliner’ – in einem Zug weg.

„Prima, dass wir das geklärt hätten – aber jetzt  wieder zum ‚Nordlicht’, lieber Johannes, so schnell kommst du mir nicht davon, gell!“ sagt Maria nach einer winzigen Pause freundlich, aber doch so, dass Johannes wusste, was er zu tun hatte.

Denn obwohl ihm der Anblick des orange funkelnden Longdrinks, an dem Maria ununterbrochen wie ein indisches Rüsselschwein herumsaugte, bis in die Gedärme weh tat, sagte er tapfer, „gut ich will es versuchen! Aber vorher müssen ein paar Grundlagen abgeklärt werden, sonst wird das nichts! Einverstanden?“

„Wenn’s sein muss?“ grunzte Maria.

„Also, Maria, weißt du was ‚ionisierte Teilchen’ sind?“

„Du meinst jetzt aber mit ‚Teilchen’ nicht die oberst leckeren Quarkteilchen, vom Bäcker Briegel oder die noch geileren mit Butterstreusel, die ich so gern in mich hinein spachtle? Die sind nämlich alles andere als ‚ionisiert’, lieber Johannes…“

„Johannes – du Saukerl, ist dieses ‚Ionisieren’ was Schweinisches?“, blaffte Kurt von seiner Tischecke dazwischen.

„Oder was geil Antikes?“ kicherte seine buntige Nordkap – Martha.

„Oder meinst du mit Teilchen nur eines dieser langweiligen ‚Atome’, die jeder nachhaltig denkende Deutsche neuerdings gefälligst zu meiden hat?“ fragte Maria plötzlich überraschend ernst und nippte zur Betonung ihrer spontan aufgesetzten Seriosität auch gekonnt damenhaft an ihrem ‚orangefarbenen Gülleextrakt’.

„Guck mal da“, spottete Hermine, neben ihrer Freundin Maria, „unsere Nervensäge macht jetzt einen auf Naturwissenschaft, das ist ja ganz was Neues!“

„Sag wenn ich das richtig checke, Johannes, meinst du doch mit ‚Ionisieren’, dass aus dem Atom ein Elektron rausgedonnert wird und das Restatom sich affengeil in ein ‚positives Ion’ umwandelt, oder?“ fragte Maria in die eingetretene Stille und lümmelte sich aufreizend jetzt mit beiden Ellbogen auf den Tisch.

Johannes, leicht verstört von Marias wetterleuchtenartig aufblitzenden Physikkenntnissen, schloss seinen offen stehenden Mund und gackerte in Richtung Maria, „ja – das – mein ich, Maria! Ge – ge – nau das mein ich…!“

„Und meinst du auch, dass bei dieser ‚Ionisation’, die anderen Elektronen dieses aufgegeilten Atoms auf höhere Energieniveaus geschubst werden und echt einen bunten Lichterwahnsinn erzeugen, wenn sie wieder auf die niedrigeren Niveaus zurückpurzeln?“

Johannes nickte nur stumm, da sich sein Mund, bei soviel physikalischem Sachverstand, wieder von selbst aufgeklappt hatte…

„Wie und das soll dieses ‚überirdische Nordlicht’ sein? Das ist doch nicht dein Ernst, Johannes – oder hast du’s grad verschluckt, weil du deinen Rachen nicht mehr zukriegst?“ kicherte Maria sichtlich zufrieden über die Reaktion auf ihr voll abgefahrenes Physikreferat; schließlich hatte sie erst vor ein paar Wochen ein supergeiles Abitur hingelegt…

„Nein Maria, das ist natürlich noch kein Nordlicht“, antwortete Johannes leicht angesäuert, aber auch beeindruckt, ohne Maria aus den Augen zu lassen und jetzt doch mit einigen Schweißperlen auf der Stirn, „das hängt nämlich von den Umständen ab, wo und wie diese ‚Ionisierung der Atome’ passiert!“

„Von welchen Umständen denn, los erzähl, du Schlauberger?“ drängte Maria.

„Na ja vom Erdmagnetismus am Nordpol, zum Beispiel …“

„Hey – warum das denn?“

„Weil am Nordpol die Erdmagnetlinien direkt senkrecht ins Meer gehen…“

„Oder ins Eis“, warf Maria ein, „was dann doppelt cool ist, oder?“

„Ja – so könnte man sagen, deswegen sieht man ja bei uns über der Kinzig zum Beispiel ums Verrecken kein Nordlicht, weil die Erdmagnetlinien nicht senkrecht in die Kinzig stürzen sondern flach drüber liegen, wenn du weißt was ich meine…“

„Meinst du flach liegen…oder flach legen, Johannes? Da ist nämlich ein feiner Unterschied, wie du vielleicht auch wissen könntest…“

„Ich wusste es doch, dass dieses ‚Ionisieren’ eine Sauerei ist!“ plärrte Kurt ins allgemeine Gegröle.

„Aber abgesehen von diesen angeblich flach liegenden Erdmagnetlinien über der Kinzig…“, bohrte Maria weiter „von welchen ‚anderen geilen Umständen’ hängt denn das Nordlicht noch ab? Mach’s doch nicht so unnütz spannend, Johannes!“

„Vom Sonnenzyklus… liebe Maria – und dieser komischen Elf-Jahres-Periode“!

„Sag bloß, dass die Scheiß-Sonne, die uns so schwitzen lässt, auch eine Periode hat? Das ist ja echt abgefahren, oder?“ kreischte Maria, zog endlich wenigstens einen ihrer Ellbogen vom Tisch und strich eine weitere feuchte Haarsträhne so nach hinten, dass Johannes für einen Moment ihre schweißglänzenden unbehaarten Achselhöhlen sah…

„Jetzt wird’s aber unappetitlich, gell, Maria“ ging Hermine dazwischen, während der Rest der Rund, völlig ermattet, Maria nur noch schweigend zuprosten konnte…

Johannes lächelte auch nicht mehr, er hatte endgültig die Lust an der ‚Entstehung des Nordlichtes’ und seiner ‚wissenschaftlichen Erklärung’ verloren.

Und da auch alle anderen, nicht nur vom ‚Griechischen Essen’ und der ‚Griechischen Hitze’ im Lokal genug hatten, sondern auch von Marias nagendem Nordlichtverhör, blies Kurt spontan zum Aufbruch und bereitete damit auf eine eher uncoole Weise dem Nordlichtspuk ein überraschendes Ende.

Sogar Maria hielt den Mund, während sie reihum alle umarmte und ihren Schweiß austauschte…

Aber als nach endlosen Wochen, an einem Dienstag im November, an dem Maria zufällig ihren einundzwanzigsten Geburtstag feierte, um achtzehn Uhr, in ihrer Wohngemeinschaft im Alten Dorf, in der sie mit einigen anderen hauste seit sie in Frankfurt studierte, ihr iPhone dröhnte und Johannes dran war, war sie schon arg erstaunt

Und noch verblüffter war sie, als Johannes meinte, dass er sich entschuldigen wolle, weil er damals im August wegen der subtropischen äußeren Umstände mit seiner Erklärung des Nordlichtes nicht zu Ende gekommen war und sich anschließend nicht mehr blicken lassen hatte.

„Drum“ – sagte er – nachdem er mehrfach tief Luft holte, möchte er heute an ihrem Geburtstag, rein zufällig und natürlich nur, wenn sie nichts Besseres vor hätte, ihr zwar das Nordlicht auch nicht erklären, aber ihr wenigstens die Chance bieten, es richtig cool anschauen zu können… wenn sie möchte?

„Was anschauen?“

„Das Nordlicht!“

„Wo denn?“

„Wo – wo – wo, frag doch nicht so viel, Maria …“

„Aber ich will wissen wo?“

„Na – wo schon, über der Kinzig natürlich, ist doch klaro, oder?“

„Du hast ja echt einen Sprung in der Schüssel!“

„Nein Maria, das sieht man wirklich heute!“

„Du vielleicht, weil du besoffen bist, wie es scheint, oder?“

„Nee – du auch Maria und sogar dann, wenn du nur wieder ununterbrochen deine komische ‚Orangengülle’ schlapperst …“

„Aber du hast doch selbst gesagt, dass es über der Kinzig kein Nordlicht geben kann, wegen diesem flachliegenden Erdmagnetfeld“

„Ja das war gestern, Maria, aber heute gibt es eines…“

„Mir scheint jetzt willst du mich flachlegen, du Scherzbold, oder?“

„Nein, will ich nicht – also möcht ich schon – wenn du weißt was ich meine, aber nicht heute!“

„Wann denn dann?“

„Weiß ich nicht Maria, aber heute möchte ich dir das Nordlicht zeigen – wirklich…“

„Also ganz wirklich nur das Nordlicht, Johannes?“

„Ja so wirklich wie es wirklicher nicht geht…“

„Cool – dann vertraue ich dir halt, Johannes und komme – oder holst du mich ab, ich weiß ja gar nicht wo ich hin soll?“

„Natürlich, ich steh doch schon vor deinem Haustor…

„Dann komm doch hoch!“

„Ja wenn ich darf?“

„Klaro du Blödmann…!“

Und unabhängig davon, welch krachender Unsinn dann im ‚Rodenbacher Boten’“ und im ‚Hanauer Anzeiger’ stand, über dieses angebliche Laserspektakel an der Kinzig im Vogelschutzgebiet bei Erlensee – das gerade nur solange gedauert haben soll, dass deren dreiste Verursacher, die sich weder um die verärgerte Bevölkerung noch aufgeschreckte Tiere scherten, selbst nach Wochen noch nicht ausfindig gemacht werden konnten – wollte Maria nach diesem Dienstag absolut nicht mehr über ‚Nordlichter’ reden und auch nichts mehr darüber hören. Aber bestimmt nicht deswegen, weil ihr die aufgeschreckten Vögel leid getan hätten…

Und bei den darauf folgenden Stammtischtreffen im „Artemis Palace“ saß sie auch nie mehr Johannes gegenüber, sondern giftete neben ihm in die Runde, während er wie früher still in sich hineinschmunzelte und selbst noch aus dieser abwehrtechnisch ungünstigen Position, den einen oder anderen ihrer Giftpfeile einzufangen versuchte.

Die Hände der beiden blieben während dieser Treffs, komischer Weise weitgehend unsichtbar! Praktisch geisterten sie nur mehr beim Trinken und während des Verzehrs des Gyros, beziehungsweise der üblichen Tintenfischlappen über den Tisch – und natürlich, wenn Johannes die Rechnung für sich und Maria bezahlte.

Und als Kurt Kannengießer einmal keck die Frage in den Raum donnerte, ob sie denn beide keine Unterarme mehr hätten, da man die überhaupt nicht mehr sähe, grad so als wären sie amputiert worden, grinsten Johannes und Maria sich nur gegenseitig an und dann in die Runde – ohne auch nur ein winziges Bisschen rot anzulaufen…

Echt cool!

KH

PS:
Diese Geschichte ist aus dem neuen Buch „LichterWahnSinn“ der Autorengruppe Wortspieler; das Foto ist von Ralf Weingärtner

Roberto Simanowski_smallDer Referent des dritten und letzten großen IF-Forum des Jahres 2013 ist Professor Dr. Roberto Simanowski!

Ursprünglich wollte er einen Vortrag mit dem Titel halten:

Jean Paul, der Witz, die Postmoderne und die neuen Medien.

Der Vortrag sollte am 7. November stattfinden. Aus diversen Gründen mussten wir den Termin ändern. Aber keine Angst, der Referent bleibt der gleiche.

Am Freitag, den 25. Oktober 2013 (Achtung – neues Datum!) wird Roberto Simanowski über den für seine Zeit doch sehr autonomen, revolutionären, ja fast anarchistischen Jean Paul berichten. Anschließend wird er zu folgenden aktuellen Themen Stellung nehmen:

Big Data und gläserne Gesellschaft:
NSA, Self-Tracking und das Internet der Dinge.

Dazu wird er uns mitbringen:

  • Big Data als „Öl“ des 21. Jahrhunderts stellt auch die Frage der Umweltverschmutzung und eines informatorischen Nachhaltigkeitskonzepts
  • Gesprächsverweigerung der Politik und der Bevölkerung im Kontext der NSA-Affäre deutet nicht nur auf mangelndes Problembewusstsein, sondern auch auf eine untergründige Komplizenschaft
  • der „kalte Bürgerkrieg“ findet nicht zwischen den Bürgern und dem Geheimdienst/Überwachungsstaat statt und auch nicht vorrangig zwischen den Bürgern, sondern in jedem Bürger
  • die Datenbank verdrängt die Erzählung als Form des Welt- und Selbstverständnisses
  • der Algorithmus wird zum Psychotherapeuten, der seinen Patienten weder verrät, was er herausgefunden hat, noch sie fragt, ob er davon Gebrauch machen darf

Zur Person:

Nach dem Studium der Literatur- und Geschichtswissenschaft wurde Roberto Simanowski 1996 mit einer Arbeit zur Massenkultur um 1800 an der Friedrich Schiller-Universität Jena promoviert. Der wissenschaftlichen Mitarbeit an der Universität Göttingen 1997 folgten Aufenthalte als Visiting Scholar an der Harvard University (1998-2000) und der University of Washington (2001-2002) sowie eine Vertretungsprofessur für Medienwissenschaft und Kulturtheorie digitaler Medien an der Universität Jena.

2003-2010 arbeitete Roberto Simanowski als Assistant Professor am Department of German Studies der Brown University in Providence (USA), seit 2010 ist er Extraordinarius am Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel.

2011 wurde er mit einer Arbeit zur Kunst in digitalen Medien an der Universität Siegen im Fach Medienwissenschaft habilitiert. Er ist Gründer und Herausgeber des Online Journals für Kunst und Kultur digitaler Medien dichtung-digital.org.

Zu seinen Publikationen im Bereich digitale Medien gehören:

  • Textmaschinen – Kinetische Poesie – Interaktive Installation. Zum Verstehen von Kunst in digitalen Medien (Transcript 2012)
  • Digital Art and Meaning. Reading Kinetic Poetry, Text Machines, Mapping Art, and Interactive Installations (University of Minnesota Press 2011)
  • Reading Moving Letters: Digital Literature in Research and Teaching. A Handbook (Mhg; Transcript 2010)
  • Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft. Kultur – Kunst – Utopie (Rowohlt 2008)
  • Interfictions. Vom Schreiben im Netz (Suhrkamp 2002)
  • Literatur.digital. Formen und Wege einer neuen Literatur (Hg., DTV 2002)
  • Digitale Literatur (Hg., Text & Kritik Oktober 2001)

Anmeldung:

Dieses IF-Forum findet in unserem Headquarter in Unterhaching in der Seminarzone im Dachgeschoss statt. Beginn ist um 18:00. Wir freuen uns auf unsere Gäste! Die Anmeldung auch zu diesem IF-Forum geht wie immer per E-Mail.

RMD

Diese Woche ist es wieder soweit: Am 19. September 2013 um 18:00 findet in Rahmen unserer “IF-Akademie” bei der InterFace AG wieder ein spannendes IF-Forum mit einem aufregenden Vortrag statt. Diesmal ist das Thema

Mailserver & Mail-Client (Vorsicht E-MAIL!)
“Geschichte, Grundlagen, Spam&Viren” oder “Konzepte für den sicheren und zuverlässigen Betrieb eines eigenen Mailservers”
(Hans Bonfigt / Marc Haber – redoxSystems)

Und es gibt eine gute Nachricht:

HaberMarcII200911-Heidelfoto-A-orig-IMG_4678plus_v2Marc Haber kommt auch.

Mittlerweile ist sichergestellt, dass neben Hans Bonfigt auch Marc Haber anwesend sein wird. Die beiden kennen sich mit der Technik und den Abgründen unseres so viel benutzten Mediums E-Mail perfekt aus. Wir haben diesmal so zwei „Hochkaräter“ zu Gast, die höchst kompetente aber auch radikal kritische Fachleute „vom alten Schlage“ sind. Beide verfügen über die Gabe, auch komplexe Themen einfach zu erklären. Sie sind mir persönlich bekannt und werden im Ko-Referat Erstaunliches berichten.

So werden sie schlüssig ableiten, dass ein Unternehmen um den Betrieb eines eigenen Mailservers einfach nicht herumkommt. Sie werden zeigen, wie erstaunlich einfach dieser einzurichten ist und wie erstaunlich günstig das mit Freier Software funktioniert. Gleichzeitig werden die Referenten, quasi „aus erster Hand“, einmal von den ganz „alltäglichen“ „SINA-Boxen“ erzählen, mit denen tagtäglich Grundrechte verletzt werden können, ohne dass man auch nur die geringste Chance hätte, dies überhaupt zu bemerken.

Weil das Thema zurzeit ja höchst aktuell ist, haben wir den Vortrag im Rahmen der IF-Akademie zu einem fachlichen „Sonder-IF-Forum“ aufgewertet. Der Donnerstag Abend ist so für uns wieder eine sehr gute Gelegenheit, die InterFace AG unseren Freunden, Partnern, Kunden, sprich interessierten Menschen aber auch neuen Kollegen vorzustellen.

So bitte ich Euch alle, uns zu unterstützen, um aus IF-Forum eine lebendige Veranstaltung zu machen. Auch über kurzfristige Teilnehmer und „Spontan-Besucher“ freue ich mich.

Hier der LINK zu den Details und zur Anmeldung!

Ich freue mich auf zahlreiche Besucher!

RMD

Ein paar Thesen ….

Wir reden gerne von schlechten oder guten Menschen. Es gibt aber keine schlechte oder gute Menschen, es gibt nur Handlungen, die schlecht oder gut sein mögen. Richten sollte man also nur Handlungen und nicht Menschen.

So habe ich es in etwa in Ethik und Philosophie gelernt.

Mit dem Wissen ist es ähnlich. Es gibt kein gutes und schlechtes, nützliches und unnützes Wissen. Erst die Anwendung von Wissens kann „wirken“ oder etwas „bewirken“. Das Wissen an sich ist nichts wert. Es muss leben, dann kann es nutzen – beim Lösen von Problemen oder auf dem Weg zum Fortschritt oder Innovation.

Dazu muss man Wissen teilen, denn dabei wird es noch mehr. Nur wie kann man das Teilen von Wissen organisieren? Denn Wissen ist etwas dynamisches und immer kontextabhängig. Kontextabhängige Dynamik kann man schlecht in Konserven stecken. Das ist das Problem des Wissens-Management.

Mit dem Begriff „Wissen“ verwandte Worte mögen sein:

Ausbildung • Bildung • (Lebens-)Erfahrung • Erkenntnis • Können • Üben

So komme ich zu Gedanken wie Handwerk bzw. Craftsmanship. Wir entdecken den Meister und den Lehrling. Verstehen, wie wichtig Weitergeben, Vormachen, Lernen und Üben sind! Und wie man solche Prozesse durch ein Vieraugen-Prinzip und p2p-Reviews (peer-to-peer) fördern kann. Und dies nicht nur bei der Entwicklung von Software.

Und es stellen sich mir neue Fragen:

Wo nutze ich Wissen? Wer nutzt Wissen? Sind es die „weißen“ Kragen? Kann man die wirklich „Wissensarbeiter“ nennen?

Und:

Wie wirken Menschen in Organisationen und Unternehmen, die ich soziale Systeme mit einem ökonomischen Ziel nenne?
Wie kann man so ein System erfolgreich und erträglich gestalten?

Ich komme dann auf Ideen wie Selbstorganisation und Selbstbestimmung. So dass das Wissen und die Erfahrung von Vielen auf redliche und herrschaftsfreie Art und Weise zusammen kommen und so Zukunft gestalten kann.

Aber auch in selbstorganisierten Systemen wird es Rollen oder Tätigkeiten geben, die man folgendermaßen bezeichnen kann:

Entscheiden • Führen • Kommunizieren • Managen • Verantworten

Aber was ist das dann in einem solchen System? Hier ein paar Vorschläge:

Entscheiden
Entscheiden findet unter Unsicherheit statt und muss eine wesentliche Auswirkung haben. Sonst ist es keine Entscheidung. Ein „guter“ Entscheider kann versuchen, durch eine sittlich verantwortete Güterabwägung mehr Nutzen als Schaden zu stiften. Aber die Unvorsehbarkeit von Zukunft darf er nicht in Frage stellen und auch nicht versuchen, auf andere Schultern zu legen.

Führen
Führen bedeutet, Voraussetzungen zu schaffen, die es ermöglichen, dass sich im verantworteten Umfeld das personale Leben der betroffenen Menschen in seinen vielen Dimensionen eher entfaltet als reduziert. So wie z.B. einen Angst freien Raum. Und das in Demut vor der Aufgabe des Führens.

Kommunizieren
Voraussetzung für gutes Kommunizieren ist, bereit sein, sich auf Augenhöhe begeben, Zuhören können, über Emphatie zu verfügen, alterozentral denken können und Respekt aufbringen.

Managen
Das heißt eigentlich nur verantwortet mit Veränderung umzugehen. Befindet sich ein Unternehmen in einem stabilen Zustand, macht es in der Regel sehr gute Geschäft. Nur: Zu viel Stabilität bedeutet irgendwann mal des Ende. Veränderung macht das Weiterleben möglich. Wiederrum nur: Veränderung schadet in der Regel den Zahlen. Diesen Spagat immer und immer wieder zu bewältigen nenne ich „Managen“.

Verantworten
Das von mir verantwortete Umfeld ist das, auf das meine Entscheidungen eine Auswirkung haben. Also muss ich mir die Folgen meiner Entscheidungen klar machen. Und darf diese nicht Ignorieren.

Menschen, die Entscheiden, Führen, Kommunizieren, Managen und Verantworten nenne ich Unternehmer.

Unternehmer
Ein guter Manager ist ein Manager, der öfters mal das Richtige denn das Falsche entscheidet. Und der öfters mal korrekt bewerten kann, was gut und was schlecht ist.

Das alles steht im Widerspruch, zu dem, was ich offiziell gelernt habe. So komme ich jetzt zum

Klassischen Irrtum

Viel zu viele Menschen meinen immer noch, dass die Welt planbar ist. Ihr Weltbild ist mechanistisch und tayloristisch. Wissen & dominante Logik halten sie in dieser Kombination als den Garanten für den Erfolg.

Ich glaube das nicht mehr. Das Zeitalter einer stark arbeitsteiligen (tayloristischen) Arbeitswelt mit mechanisierten Prozessen über Menschen hinweg ist im Schwinden. Es war ein sehr vereinfachendes Weltbild, das zwar Wohlstand gebracht hat. Aber zu Grenzkosten, die viel zu hoch war. Um jetzt zu überleben, müssen wir AGIL sein.

RMD

P.S.
Bei InterFace hatten wir mal eine junge Frau zu Gast. Daniela Blettner (mittlerweile Hochschullehrerin) hat für HSG (Hochschule St. Gallen) ihre Doktorarbeit erarbeitet. Das Thema war „Dominante Logik bei der Gründung von Unternehmen“. Und das Ergebnis war erstaunlich: Alle der untersuchten und sehr erfolgreichen Unternehmen waren in ihrem Gründungsprozess frei von „dominanter Logik“. Noch schlimmer, ein paar davon wären fast an „dominant logischer Strategie“ gescheitert.

P.S. 1
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