Roland Dürre
Mittwoch, der 1. November 2017

Von Authentität und Identität in realer und virtueller Welt.

 

Eine Gradwanderung

 

Steinmaske aus der vorkera­mischen Jung­steinzeit um 7.000 v. Chr., eine der ältesten Masken der Welt (Musée Bible et Terre Sainte, Paris)

In diesem Artikel formuliere ich Gedanken, die mir bei meiner aktuellen Beschäftigung mit „block-chain-Technologien“ allgemein und im besonderen mit „Krypto-Währungen“ wie Bitcoin gekommen sind und mich selber schon sehr überrascht haben. Weil mir da so manches klar geworden ist, was mir vorher gar nicht klar war.

Ich beginne mal mit Begriffen. Zuerst mit WELT, REAL wie VIRTUELL.

Unter WELT verstehe ich, alles was mich umgibt – Menschen, soziale Systeme … Ich verkehre mit WELT durch Interaktionen und Transaktionen. Meine Handlungen berühren nicht nur mich sondern auch Instanzen aus WELT. Andererseits streifen oder treffen mich Ereignisse aus WELT.

Für mich ist die REALE Welt immer das, was ich sehen, anfassen, fühlen, erleben … kann. Oder was ich essen kann. Auch das Holz, mit dem ich meinen Ofen füttere, damit es in meinem Zimmer warm wird. Auch die Wärme, die von der Zentralheizung kam, ist für mich REAL. Denn ich weiß ja, wo die Wärme herkommt, sei es von draußen als Fernwärme oder von der Heizung im Keller. Sogar Geld war für mich REAL – aber stimmt das überhaupt?

Ich würde sagen, alles von dem ich mir selber ein Bild machen konnte, war für mich REALE Welt. Aber auch Zeitungen waren für mich REAL, wie Telefongespräche. Sogar das Fernsehen war für mich Teil der REALEN Welt. Ist das noch so?

VIRTUELLE Welt waren für mich unter anderem die „sozialen“ Angebote und Produkte der digitalen WELT, an deren Erschaffung ich ja selber mitgewirkt habe. Da muss man gar nicht so weit denken wie an „second life“ und ähnliches. Vielmehr waren „meine“ ersten VIRTUELLEN Welten Foren und „chat rooms“, in denen diverse, oft fachliche Themen diskutiert wurden.

Heute könnte das unter anderem „Social Media“ sein wie Twitter, FaceBook und so viele mehr. Oder ist das alles auch REAL?

Betrachten wir jetzt die Begriffe AUTHENTITÄT und IDENTITÄT. Da habe ich zuerst gelernt, wie schlampig ich (und die Gesellschaft) mit dem Begriff der IDENTITÄT umgehen. Ich dachte immer, die Identität eines Menschen gibt es nur einmal. Das ist zumindest für die VIRTUELLE Welt Unsinn. Denn da gibt es (noch) Anonymität.
Anonymität bedeutet, dass
eine Person oder eine Gruppe nicht identifiziert werden kann. Von der Bedeutung her zum Teil synonym zu anonym ist inkognito, sonst spricht man im Deutschen von unbekannt, verdeckt und namenlos (Wikipedia 10/2017).

Daraus folgt, dass eine Person – die sich „anonym“ im Netz tummeln will (wie z.B. als Bitcoin-Eigentümer in der dazu gehörenden Geld-Community) – nicht nur eine sondern mehrere Identitäten braucht! Sozusagen für jeden Zweck eine andere. Hinter all diesen Identitäten steht immer nur eine Person, die zweifelsfrei und eineindeutig existiert, zu der die Identitäten aber nicht führen! Es gibt also eindeutige Abbildungen von der „authentischen Person“ zu ihren diversen Identitäten, aber keinen Weg zurück – d.h- über die Identität ist es unmöglich, die Person dahinter zu ermitteln. Das finde ich ganz schön aufregend!

Authentität ist für mich sozusagen eine ausgezeichnete Form von Identität, also die nur einmal vorhandene und wahrhafte „Ur-Identität“, die sich hinter verschiedenen Identitäten versteckt. In Wikipedia finde ich den Begriff AUTHENTITÄT übrigens nicht, aber sehr wohl den Begriff der Authentizität. Weil er fürs Thema  so wichtig ist, zitiere ich ihn:
Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch (Wikipedia 10/2017).

So würde ich sagen, dass die Identitäten nichts anders sind als anonyme Alias-Instanzen für einzig authentische Instanz, die ich jetzt mal Authentität nenne. In der VIRTUELLEN Welt sind das nichts anderes als Masken bzw. Avatare. Der Eigentümer der Maske / des Avatar bleibt anonym und kann nicht ermittelt werden, er hat aber einen quasi „automatischen“ (durch Technologie & Algorithmus gesicherten) Eigentumsanspruch an allem, was seiner Maske / seinem Atavar als Teil der „community“ gehört.

Bei Bitcoin wäre das so: Alle Bitcoin-Eigentümer sind Teil einer  besonderen Community von Identitäten, die alle anonym sind. Erstaunlich ist für: Das geht (oder soll gehen) per „peer2peer“-Interaktion. Also ohne zentrale Instanz!

Die dazu eingesetzte (notwendige?)  Technologie kostet allerdings einen hohen Preis, der diese „Währung“ zumindest als Zahlungsmittel unpraktikabel macht. So dass bitcoin nur noch der Spekulation (dem Wetten) dienen wird. Was aber an sich nichts besonderes ist – dienen doch mittlerweile weit über 90 % (99 % ?) der Währungsgeschäfte wie der Umtausch von EURO (€) in DOLLAR ($) und andersherum nur noch der Spekulation und nicht mehr dem Warenaustausch! Ist das normale Geld etwas auch schon VIRTUELL?

Zurück zum Thema: Ursprünglich dachte ich, dass meine IDENTITÄT meine AUTHENTITÄT ist. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, im Internet verstecke ich meine AUTHENTITÄT hinter verschiedenen IDENTITÄTEN. Und von diesen soll kein Weg zu meiner AUTHENTITÄT führen.

Die AUTHENTITÄT ist so eindeutig wie meine DNA. Die wäre ein guter „Schlüssel“ (als biometrisches Datum), da die Wahrscheinlichkeit einer doppelten DNA gegen Null geht (aufgrund der quasi Unendlichkeit von DNAs).

Noch muss ich z.B. im Hotel meinen Meldeschein ausfüllen, das heißt meinen Namen und Vorname, Geburtsort, Nationalität, meine Heimadresse und die Nummer meines Personalausweises angeben. Diese Daten in ihrer Kombination machen mich eindeutig. Mit dem Vorzeigen des Ausweises belege und meiner Unterschrift beurkunde ich die Echtheit (Wahrheit der Daten) meiner Person …
🙂 Das Hotel hat ja auch eine Adresse, obwohl die GPS-Koordinaten des Hoteleinganges präziser (und einfacher?) wären.

Aber lass uns der Reihe nach vorgehen und in der REALEN Welt beginnen: Ich habe als erstes in der REALEN Welt nach möglichen „echten anonymen Identitäten“ gesucht.

Als Beispiele sind mir eingefallen:

  • Nummernkonto
    Früher konnte man vorzugsweise in der Schweiz ein Konto eröffnen, das anonym war. Das Konto hatte nur eine (Konto-)Nummer, der Bank war jedoch nicht bekannt, wem das Konto (und das darauf befindliche Guthaben) gehörte. Die Legitimation erfolgte über die Nummer (sprich eine Chiffre). Und jeder, der die konkrete Bankfiliale besuchte und über Kontonummer und Chiffre verfügte, konnte (anonym) Geld abheben. Das hat viele Jahrzehnte gut funktioniert.
  • Bekanntschaftsanzeigen
    Früher konnte man in Tageszeitungen anonym zum Beispiel Bekanntschaftsanzeigen aufgeben. In der Anzeige gab es eine Chiffre, der wiederum ein Schlüssel zugeordnet war. Mit diesem Schlüssel konnte man die Zuschriften auf die Anzeige abhalten (die der passenden Chiffre zugeordnet waren).
    🙂 So erinnere ich mich, dass wir (vor allem die Mädchen in unserer Klasse) in der Schule in den 60iger Jahren aufgrund dieser „Anonymität“ vor Heiratsschwindlern gewarnt wurden …
  • KFZ-Kennzeichen, Telefonnummer …
    Im Straßenverkehr sind mir KFZ-Nummern eingefallen. Die waren früher auch anonym – obwohl es hier eine zentrale Instanz (so eine Art von „man-in-the-middle“) gab, die sehr wohl Bescheid wusste, wer der Halter war, der sich hinter dem Kennzeichen versteckte. Heute sind nur noch die KFZ-Kennzeichen von Fahrzeugen von Verfassungsschutz und ähnlichen Institutionen anonym – da kommt dann sogar die Polizei nicht dran.
    So war es auch bei Telefon-Nummern. Natürlich wusste die Post als „man-in-the-middle“, wer der Teilnehmer war, der sich hinter der Telefonnummer versteckte. Aber wer eine ausreichende Begründung hatte, war nicht im Telefonbuch und eigentlich nur durch Anrufen zu ermitteln.
  • Prepaid und E-Mail
    In der REELLEN Welt konnte man früher mit Mobiltelefonen dank Prepaid-Karten anonym bleiben. Und auch das Erwerben einer E-Mail-Adresse war ohne Angaben zu Person möglich. Oder ist das schon die „VIRTUELLE Welt“? Ich meine, das ändert sich derzeit zumindest in Deutschland massiv. So etwas geht immer weniger.
    Das Darknet der VIRTUELLEN Welt (?) soll ja auch immer weniger funktionieren. Das weiß ich aber nicht, sondern müsste ich erst untersuchen.

Also:
So richtig fallen mir keine aktuell existierende Anonymitäten über Identitäten in der REALEN Welt mehr ein. Im Gegenteil: Meine Wahrnehmung ist, dass ANONYMITÄT in der REALEN Welt unerwünscht ist und Gesetzgebern und Administration mehr oder weniger total abgeschafft wurde/wird.

Ist aber die VIRTUELLE Welt nicht Teil der REALEN Welt? Und ist die VIRTUELLE Welt nicht schizophren? Denn träumt manvon „anonymen Währungen und communities“, auf der anderen Seite macht man alles, um die Anonymität abzuschaffen!

So macht die Post Reklame für ihren POSTIDENT-Dienst, der ja auch nur ein Ziel hat: Die Anonymität auch in der VIRTUELLEN Welt abzuschaffen.


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Ist das nicht heiß? Man beachte auch hier die unpräzise Begriffsverwendung – Identitätsfeststellung und Legitimationsprüfung.

Aber der – sicher fragwürdige und leicht zu komprimittierende – Dienst wird von vielen Internet-Anbietern genutzt, die wissen wollen, mit wem sie es wirklich zu tun hat.

So stellen sich mir Fragen:

Ist es nicht unlogisch, wenn die REALE Welt die Anonymität komplett abschafft – diese aber in der VIRTUELLEN Welt Urstände feiern soll? Obwohl die VIRTUELLE Welt ja Teil der REALEN ist?

Was ist, wenn Technologie-Führer wie CHINA die Anonymität abschaffen? Folgt daraus nicht, dass durch die von uns von dort importierte Technologie sozusagen wir auch selbstredend die Anonymität verlieren?

Was macht es einen Sinn, wenn die Funktionalität des „guten alten Schweizer Nummernkonto“ durch anonyme Krypto-Währungen wieder realisiert wird?  Will man das überhaupt? Oder ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis diese verboten werden, weil z.B. auch das Bankgeheimnis nicht mehr im gesellschaftlichen Trend liegt?

Ist das Ganze nicht vielmehr nur ein ganz besonderes Werkzeug von Spekulation – so wie das „Wetten im Internet“ fröhliche Urstände feiert und zu einem massiven Geschäft betreffend Umsatz und Profit geworden ist?

Ich meine, dass diese Themen im Rahmen von gesellschaftlicher Ethik diskutiert werden sollte. Aber war machen wir? Wir gründen Ethik-Kommissionen, dies sich mit künstlicher Intelligenz und selbst fahrenden Autos beschäftigen. Die wichtige Frage, ob wir bewusst Teile der Gesellschaft  „anonym“ lassen wollen, diskutieren wir aber nicht. Wir blöken zwar über einen absurden Datenschutz und ereifern uns dazu – obwohl wir wissen, dass dieser so wie eingefordert garantiert nicht funktionieren wird – und verstricken uns dabei in einem Netz von Regeln und Gesetzen, die uns lähmen und aus dem wir wahrscheinlich nicht mehr herauskommen werden.

Die Auflösung dieses Themas ist für mich übrigens recht einfach:

Wenn (weltweit?) der Rechtsstaat garantiert ist, dann brauchen wir keine Anonymität. Auch kein anonymes Zahlungsmittel.

Wenn der Rechtsstaat jedoch in Gefahr oder Auflösung ist, dann tun wir gut daran, wenn wir „anonyme Räume“ beibehalten.

RMD

P.S.
Jetzt hoffe ich, dass ich mich halbwegs verständlich ausdrücken könnte und Euch nicht mit „AUTHENTITÄT“ und „IDENTITÄT“ verwirrt habe. Und als leichter Nachschlag noch eine Story zum Thema:
Leichtsinnig wie ich bin habe ich mir im Frühsommer in Athen meinen Geldbeutel in der U-Bahn stehlen gelassen. Da war ALLES drin. So musste ich auch einen neuen Personalausweis beantragen. Da wurde ich vom freundlichen Mitarbeiter der Kommune Neubiberg gefragt, ob ich diesen mit „digitaler Signatur“ haben wolle. Weil die bei der Ausweiserstellung umsonst dabei wäre – und ich später eine Gebühr von ich meine 20 € zahlen müsse.
Natürlich habe ich gefragt, für was ich diese „digitale Signatur“ denn nützen könne? Meinem „Kundenberater“ von der Gemeinde viel da nicht viel ein – außer einem komischen Gewerberegister, dessen Sinn mir nicht klar wurde.
So habe ich ihn gefragt, ob diese Signatur zumindest für die elektronische Steuererklärung (Elster) möglich wäre. Als er das verneinte, habe ich – wohl mehr aus Trotz – auf die digitale Signatur verzichtet – und glaube, dass dies kein Nachteil für mich ist.

Roland Dürre
Freitag, der 17. März 2017

Wir kurieren an den Symptomen und ignorieren die Ursachen.

Es lebe der Populismus!

Oder
Reden statt Handeln?

Der große Diktator Charly.

Jetzt habe ich die ersten (Wahlkampf-)Auftritte von Martin Schulz erlebt. Auch aus der Ferne habe ich den Eindruck gewonnen, dass hier wieder ein weiterer und zugegeben talentierter Versuch stattfindet, das allgemeine Unwohl-Befinden vieler Menschen als Resonanzkörper für die eigenen Ziele zu nutzen und dazu ein paar Verbesserungen bei Details zu fordern, die aber insgesamt nur ein Kurieren an den Symptomen bedeuten.

Ich habe in diesen Ansprachen das wahr genommen, was man wohl gemeinhin mit Populismus bezeichnet und das wohl das letzte verbleibende Erfolgsprinzip der aktuellen Politiker-Generation ist. Auf die Idee, die Ursachen zu erforschen um dann im Rahmen eines gesellschaftlichen Konsens durch politische Gestaltung Veränderungen einzuleiten, kommt wohl keiner mehr.

So ist mit Martin Schulz in Europa der nächste Populist im Anrollen. Diesmal für die eine „Volkspartei“. Wieder herrscht das Motto in den von mir gehörten Reden vor:

Wir geilen uns an den Symptomen auf und schimpfen sympathisch auf die Missstände, aber an die Ursachen trauen wir uns nicht heran.

Weil das  ja system-kritisch wäre und nach Veränderung schreien würde. Und das geht doch nicht. Besonders nicht bei der SPD. Denn das haben sich die Genossen, sich seit Jahren selber verboten. Weil sie ja wieder an die Macht wollen. Und auch in Regierungsbeteiligung haben sie alles „system-kritische“ vermieden, wo es nur ging. Weil ja „heilige“ Sachzwänge und systemische Notwendigkeiten der Veränderung im Wege sind.

Die Umweltkatastrophe und Zerstörung des Planeten (Plastik, Klima …) oder die gesellschaftliche Polarisierung der Menschheit mir ihren Folgen wie Flucht wegen Lebensraumvernichtung und mehr davon hat sie genauso kalt gelassen und wurde so lieber beim Regieren einfach außen vor gelassen. Weil es nur gestört hätte.

„Sozialdemokratie First“ ist rhetorisch leicht zu kommunizieren. Nur sie zu machen und an die Ursachen ran zu gehen, das ist ein wenig anspruchsvoller. Man will ja nicht (sehr) unbequem sein und niemanden auch mal weh tun. Nicht mal in den Wahlkampfreden erwähnt man sie, denn schlechte Nachrichten sind unpopulär. Besonders wenn man sie nicht mehr ignorieren kann.

Obwohl auch Realität ein tolles Thema sogar für Populisten sein könnte. Unten habe ich ein Video als Beispiel angehängt. Nur wer über Realität spricht, der darf „keine Angst vor der eigenen Courage“ haben. Die Realität muss man aushalten können. Und sich nicht davor fürchten, dass ihre Erwähnung Wählerstimmen kosten könnte. Man braucht also Mut. Und zurzeit scheint Feigheit höher im Kurs zu stehen. Die Angst findet im Kopf statt und sie regiert die Welt auf wahnsinnige Art und Weise.

So versuche ich hier einmal mehr die Ursachen für die Polarisierung unserer Gesellschaft in immer weniger Reiche und viele Arme zu beschreiben. Also genau da wo man als Sozialdemokrat mal ansetzen müsste.

Die Ursachen für Polarisierung sind:

  • die freie Spekulation mit allem, ob Währungen, Unternehmen, Nahrungsmittel, Rohstoffe, Grund & Boden, copyright, Rechte aller Art …
  • ein Eigentumsrecht, das exorbitant und exzessiv individuelles „geistiges Eigentum“ schützt,
  • ein allgemeines Verständnis von Eigentum, dem das „Eigentum verpflichtet“ völlig abhanden gekommen zu scheint,
  • die gesellschaftliche Legitimierung von illegitimer Einflussnahme von Interessengruppen auf Gemeinwohl-Interessen (genannt Lobbyismus als Tatbestand von Vorteilserschleichung).
  • Propaganda inklusive der Verführung und Manipulation auf allen Ebenen auch des Unterbewusstsein als normale Methode des Wirtschaften (genannt Marketing) Verführung, mit dem Ziel das der Betroffene gegen seinen Willen und seine Vernunft handelt.

Obwohl wir es besser wissen, meinen wir immer noch, dass

  • Wachstum vor Gesundheit,
  • Taylorismus vor Ganzheitlichkeit,
  • Shareholder Value vor Gemeinwohl-Ökonomie gehen.

Wann lernen wir endlich, dass

  • die Interessen  der Stakeholder (Kunden, Mitarbeiter …) vor den Interessen der Shareholder gehen und dass in einer
  • Gesellschaft mit Zukunft soziale Gemeinsamkeit und nicht mehr private Besitzstandwahrung das oberstes Ziel von Individuen und Kollektiven sein darf?

Warum reden also Politiker nie über die Ursachen sondern hauen immer nur populistisch auf die Pauke? Und schreiben immer nur ein Herum-Doktern an Details und Symptomen ins Programm? Und warum sind damit auch noch erfolgreich?

🙂 Hier ein Beispiel für „POPULISMUS“, der mir gut gefällt. Wenn Harald Lesch auch nur zum Teil recht hat (und das könnte ich mir sehr gut vorstellen), dann dürften meine oben erwähnten „gesellschaftlichen Besorgnisse“ bald gar keine Rolle mehr spielen, weil es dann nur noch ums Überleben gehen wird.

Ja – genau diese Rede würde ich gerne mal von einem Politiker hören …

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 6. September 2016

Wie wird die Welt in 2036 aussehen? #ZukunftVision2036 – Blog Parade

2036_500Über meinen Freund Thomas Michl hat mich der Aufruf zu einer Blogparade zum Thema #FutureVision2036
von Yasemin Akdemir erreicht.

Mir geht es wie meinem Freund Eberhard Huber. In seinem Blog schreibt er über Menschen und Projektarbeit. Er hat mich auf die Idee gebracht, dass man nicht spekulieren sollte, wie die Welt in 20 Jahren aussehen könnte sondern besser schreiben sollte, wie sie dann aussehen sollte.

Denn spätestens seit den Thesen von Hans Ulrich aus St. Gallen zum „Wandel im Management“ wissen wir, „dass Zukunft nicht vorhersagbar ist“!

Und kühne Vorhersagen zu machen ist so gar nicht meins.

Aber gerne berichte ich hier, was ich mir für 2036 wünschen würde!

Als erstes ist mir wichtig, dass die Menschen global mehrheitlich in 20 Jahren weiser und friedlicher ist.

Weiser heißt, dass die Menschenfreundlichkeit im Denken und Handeln sich mehrt und die im Großen wie im Kleinen weit verbreitete Feindseligkeit zurück drängt. Dass Begriffe wie Respekt, Achtsamkeit und Dankbarkeit für unser Handeln relevant werden.

Frieden bedeutet für mich, dass immer mehr Menschen es schaffen, auch durch eigene Wertschätzung mit sich selber im Einklang zu leben. Nur wenn Menschen sich selber mögen und wertschätzen und so ihren inneren Frieden finden, dann kann der äußere Frieden wachsen und sich durchsetzen. Nur so werden die vielen beliebten Feindbilder verschwinden und nur so kann auch der Frieden mit Umwelt wie mit anderen Menschen und anderen sozialen Systemen gelingen.

Weiter wünsche ich mir mehr Neutralität und weniger Moralismen, wie auch zum Beispiel weniger sexuelle Prüderie. Allgemein sollte der Stellenwert von Religionen abnehmen. Wie kann man von Menschen geschaffene Konstrukte mit einem absoluten Wahrheitsanspruch versehen? Ich möchte auch nicht, dass auch noch in 2036 z.B. Kinder aus „religiösen Gründen“ verletzt und verstümmelt werden.

Der Satz von Friedrich II. von Preußen „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ sollte auch in 2036 gelten. Aber nicht die „Verletzung von religiösen Gefühlen“ darf Unrecht sein, sondern die gesellschaftliche Diskriminierung von „Ungläubigen“ durch „Gläubige“ und der Versuch, die Ungläubigen „religiös zu missionieren“ .

Freiheit darf in 2036 nicht mehr missverstanden werden, dass man alles machen darf, was möglich ist. Die Bedeutung des Begriffs muss abgelöst werden durch ein Verständnis von Freiheit im Sinne des „Wollen und Fähig-Sein, sein Leben eigenverantwortlich zu führen“.

Ich würde mich freuen, wenn die Menschen in den nächsten 20 Jahren es immer mehr schaffen würden, autonom von Marketing und externer Steuerung zu werden. Und zum Beispiel erkennen, dass ihr wertvollstes Gut die Zeit ist. Und wir unser Leben im Moment in Freude genießen können – ohne so viel nachdenken zu müssen. Ein wenig mehr Unterbewußtsein und dafür weniger „Kleinhirn“.

In 2036 wollen wir in „angstfreien Räumen“ leben. Ängste entstehen im Kopf und haben mit realen Bedrohungen und gesunder Furcht nichts zu tun. Und in 2036 sollte wir nicht mehr meinen, uns über Aussehen, Besitz, Eigentum, Erfolg, Reichtum … definieren zu müssen. Sondern einfach uns selbst zu sein.

Mein konkretes Anliegen für 2036 ist, dass möglichst viele Menschen ein Leben im Einklang mit der Umwelt führen können. So möchte ich auch als Fußgänger und Radfahrer die Luft in den Städten wieder atmen können. Dazu müsste das Verständnis die Oberhand gewinnen, dass „individuelle Mobilität“ keine Zukunftslösung darstellt, wenn sie auf Basis von schweren Fahrzeugen beruht, ganz gleich ob sie durch einen Verbrennungs- oder Elektromotor angetrieben werden. Auch würde ich mir wünschen, dass die Welt wieder ein weniger leiser wird.

Jenseits dieser banalen Dinge möchte ich in 2036 in einer Gesellschaft leben, die akzeptiert, dass ich ein Wesen aus Fleisch und Blut bin, das ein Recht hat, den eigenen Körper lustvoll zu erleben und es selbstverständlich wird, dass ich ausreichend Bewegung im Alltag bekomme. In einer Gesellschaft, die mich nicht auf ein Mittel zum Zweck reduziert.

Denn auch als Erwachsener möchte ich herum tollen und albern sein dürfen. 2016 will ich nicht mehr durch Marketing manipuliert und von Lobbyisten beherrscht werden. Sondern das sein dürfen, was ich letzten Endes bin: Ein (hoffentlich) sympathische Säugetier mit ein wenig Vernunft.

Das dominante Prinzip unseres wirtschaftlichen Handelns muss in 2016 „Nachhaltigkeit“ sein. Die Wirtschaftskreisläufe müssen so organisiert und gelebt werden, dass das Prinzip #nowaste erste Priorität wird. Das gilt auch für die Energie – all das kann nur erreicht werden durch den Einsatz „smarter Technologien“ aber auch wesentlich durch individuellen Verzicht. Im übrigen überwiegend auf Dinge, die sehr wohl verzichtenswert sind.

Wir Menschen sind nicht für die Wirtschaft da – sondern die Wirtschaft ist für uns Menschen da! So gibt es auch die Bayerische Verfassung vor. An Stelle von globalem „Raubtier-Kapitalismus“ brauchen wir in 2036  funktionierende regionale „Gemeinwohl-Ökonomien“! Auch wenn diese rechnerisch uneffizienter sein mögen – was ich übrigens nicht glaube, denn bei globaler Optimierung werden die externen Kosten nur zu schnell vergessen und unterschlagen.

Viele unserer Lebensgewohnheiten müssen sich wesentlich ändern. Und dies nicht zu unserem Schaden. Das wird für die Mobilität genauso gelten wie für die Produktion von Gütern. Eine Lösungsmöglichkeit könnte in mehr „shared oconomy“  bestehen, individuell gestützt von „weniger Eitelkeit und Egoismus“. Das Erfolgs-Prinzip der Zukunft wird heißen „Weniger ist Mehr!“ – „Wachstum als Lösung aller Probleme“ war gestern (und schon immer ein großer Blödsinn).

Auch in unserem konkreten Handeln wird die Achtsamkeit unser Handeln bestimmen müssen. Und wir müssen permanent hinterfragen, ob wir das alles brauchen, was wir uns so leisten? Und wir sollten dann die Dinge auch ein klein wenig mehr zu Ende denken!

So wünsche ich mir für 2036 eine Aufklärung 2.0, die wir ernst nehmen und gewissenhaft entwickeln und die unser Handeln bestimmt. Und wir uns nicht mehr mit Tand zu dröhnen, sondern uns wieder auf die wesentlichen und wertvollen Dinge konzentrieren.

Ich bin und bleibe optimistisch, dass wir das gemeinsam mit Mut und in Freude schaffen werden. Auch unterstützt von der neuen „digitalen Welt“ und schönen Blog-Paraden.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 24. November 2015

Weltkrieg III

Flag the Islamic State of Iraq and the Levant

Flag of the Islamic State of Iraq and the Levant

Zum Terrorismus gäbe es viel zu sagen. Aber aus meiner Sicht wird da häufig das Falsche geschrieben. So ist mir Vieles unverständlich, was ich anlässlich der Attentate von Paris gehört und gelesen habe. Manches wurmt mich, weil es mir so flach und unreflektiert erscheint.

Mich stört auch die Reaktion auf und der Umgang unserer „Eliten“ mit den Ereignissen und der aktuellen Situation.

Ich finde es schlimm, dass die Ursachen für die Entwicklung vergessen und auch nicht nachgefragt werden. Haben wir doch seit Jahrhunderten eine ausgeprägte koloniale Situation in dieser Welt. Die reichen Länder beherrschen die armen, beuten sie aus und vergewaltigen sie förmlich.

Dies hat sich beginnend noch vor dem „langen 19. Jahrhundert“ über die Neuzeit hinweg bis in die Jetztzeit nicht geändert. Auch die „Unabhängigkeit“ der Unterdrückten hat da nicht nichts verbessert. Mag sein, dass im 21. Jahrhundert die Methoden vielleicht ein wenig sublimer erscheinen als im 19. und 20. Jahrhundert. Das bedeutet aber nur, dass sie nicht mehr so augenfällig sind wie früher. An Effizienz betreffend des Maß an Ausbeutung haben sie aber nicht verloren, im Gegenteil.

Dies hat einen großen Haufen von Zunder in die Welt gebracht. Die Politik der letzten Jahrzehnte – im übrigen nicht nur des Westens und auch nicht nur der USA – hat dann den vorhandenen Zunder auch noch mit Brandbeschleunigern angereichert. Und spätestens die Reaktion des „Westens“ auf 9/11 war das Zündholz, dass alles in Brand gesetzt hat.

Aber was machen die Franzosen jetzt? Die selben Fehler wie der Westen sie seit längerem macht. Sie bomben ganz schnell mal richtig kräftig zurück. Und treffen dabei natürlich auch (und wahrscheinlich vor allem) zivile Gebäude und Krankenhäuser. Und so eben auch Kinder, Frauen und unschuldige Zivilisten. Wie das halt bei solchen Angriffen ist. So wird in das Feuer gleich noch mal kräftig hinein geblasen und für Terroristennachschub gesorgt.

Mich stört auch, wie mit unterschiedlicher Elle gemessen wird. Nicht lange vor den Attentaten in Paris wurde von der IS ein russischer Flieger in die Luft gesprengt. Mit über 200 Toten. Die Menschenopfer im russischen Flieger wurden aber sehr gelassen hingenommen. Wo blieb da die Betroffenheit und die Trauerminuten – und die russischen Fahnen in Europa? Ich muss gestehen, ich kannte die russischen Farben bis dahin gar nicht. Bin ich ja westlich des eisernen Vorhangs aufgewachsen.

Andere Anschläge wie z.B. der in Beirut werden gar nicht zur Kenntnis genommen. Weil wir an diesen bestenfalls mit unserer Lüsternheit nach Sensationen und Katastrophen interessiert sind.

Bei den Anschlägen in Frankreich war aber alles anders. Warum eigentlich? Da kamen die Solidaritätsadressen zu Hauf. Überall gab es Schweigeminuten, die Avatare im Internet leuchteten in den französischen Farben. Weil wir Angst haben, dass dies in Berlin oder München auch passieren könnte?

In den Zeitungen ist das schon am Morgen nach den Attentaten gesteigert worden. Die haben gleich vom dritten Weltkrieg gesprochen, der jetzt da wäre. Beim Bäcker am Samstag nach dem Attentat habe ich in den Zeitungen eine Reihe solcher Schlagzeilen gesehen. Und vorgestern las ich, dass die „Welt sich im Kampf gegen den Terrorismus formiert“ (SZ vom 22. November).

In meinem Leben habe ich viele Menschen gut gekannt und gemocht, die verstorben sind. Manche durch Alter und Krankheit. Andere sind in den Alpen geblieben, einer kam von einer Flugreise nicht zurück.

Seit meiner Kindheit erreichen mich aber immer wieder vor allem die Toten, die auf den Straßen sterben. Das war die größte Anzahl und bei mancher Verlust traf mich sehr tief. So erinnere ich mich an eine junge und so lebensfrohe Frau, die ganz kurz bei InterFace Computer war. Schon nach einer Woche blieb am Montag morgen ihr Arbeitsplatz leer. Sie war am Wochenende in ihrer Heimat im Saarland und hatte auf dem Rückweg nach München eine Autopanne. Wie sie ausgestiegen ist wurde sie auf einer Autobahn-Einfahrt einfach tot gefahren. Einfach so. Wie ein Wild.

Sind Verkehrsopfer weniger schmerzlich als Kriegstote? Ist das nicht seltsam, dass wir die Verkehrsopfer vergessen. Warum trauern wir nicht jeden Abend für die Toten des Verkehrstages?

Man kann den Schmerz über den Verlust eines Menschen nicht be – oder aufrechnen. Aber ich glaube nicht, dass der Unterschied so groß ist, wenn ein lieber Angehöriger auf der Heimfahrt überfahren wird oder in einem Café bei einem terroristischem Anfall stirbt.

So haben wir tatsächlich einen „World War III“. Und zwar seit vielen Jahrzehnten. Die Verkehrsflächen sind die aktuellen Schlachtfelder. Denn auf den Straßen des Planeten sterben jährlich 1,3 bis 1,4 Millionen Menschen – aller Klassen und Nationen. Dazu kommt ein mehrfaches an Schwerverletzten und Verletzten. Wenn das kein Krieg ist?

In Deutschland sind es immer noch weit über 3.000 Verkehrstote pro Jahr. In meiner Jugend gab es Jahre, da waren es über 20.000 – und das allein in der BRD. Wir haben also tatsächlich in Deutschland auch in diesem Krieg einen Fortschritt erzielt, aber noch lange keinen Frieden erreicht. Auch 3.000 sind zu viel und die genannte Zahl ist im Steigen.

Um die große Zahl zu verstehen gehe man mal einfach zu einem Fußballspiel mit 3.000 Besuchern und stelle sich vor, dass die alle tot in Autos oder auf den Straßen liegen würden!

Wahrscheinlich sterben auch in Europa an jedem Fussball-Wochenende Fans oder Spieler auf dem Wege zum Spiel ihres Vereines. Wen interessiert es? Vor ein paar Wochen gab es in der WWK-Arena in Augsburg immerhin eine Schweigeminute für bei der Anfahrt verunglückte Fans des FCA.

Aber warum gibt es keine keine Trauerminute für unsere Verkehrstoten und die der Welt? Weil niemand das Gemetzel auf den Straßen interessiert. Und weil das Geschäft Priorität hat.  Wie übrigens auch beim Terrorismus.

So gibt es keinen internationalen Aufschrei und keine Brandreden von Politikern für einen humanen Verkehr. „Keine Welt formiert sich“ gegen die Toten im Straßenverkehr so wie im Kampf gegen den Terror. Und den Nationalregierungen ist es für mich unverständlicher Weise auch völlig egal.

Mit einer Ausnahme: Das kleine Land Schweden bemüht sich ernsthaft um eine Vision Zero und will seine Straßenverkehrstoten definitiv auf Null bringen – Respekt!

Der IS dagegen besteht aus Verrückten, die erst mal den nahen Osten und dann die Welt erobern wollen. Die ein Terror-Regime aufgebaut haben, dass mich an das der Nazis erinnert. Obwohl sie wohl derzeit die stärkste Formation des Terrors sind, sind sie aber schwach. Man könnte sie recht einfach austrocknen.

Aber was machen wir?

Wir kaufen ihnen Öl ab. Weil es billiger ist. So befindet sich in jedem Tank unserer Autos metaphorisch ein Anteil IS-Sprit. Ihre Waffen und Ausrüstung bekommen sie auch von uns. So holen wir unser „Ölgeld“ wieder zurück. Und wir bescheren diesen Verbrechern  auch noch den Zulauf von weiteren Menschen aus aller Welt. Ist das nicht ein Skandal?

Aber wir verdrängen den real existierenden dritten Weltkrieg und bagetellisieren auch noch die Klimaveränderung. Die den vierten Weltkrieg verursachen könnte!

Ich meine, es gibt gute Gründe, der Wissenschaft zu glauben. Gerade wenn unterschiedliche Disziplinen und Schulen zu den selben Ergebnissen kommen. Wie es ausschaut werden die Schäden durch die Klimaveränderung noch viel wesentlicher sein als die vielleicht 75 Millionen Verkehrstoten seit des Endes des zweiten Weltkrieges.

Der dann auf uns zu kommende Umweltkrieg wäre dann wohl der vierte Weltkrieg. Der wird dann wohl auf zwei Ebenen Verluste bringen: Die Opfer, die die sich die Natur mit immer mehr werdenden Katastrophen auf verschiedenen Ebenen holt. Und die anderen, die im Kampf der „frühen Verlierer“ gegen die scheinbar „noch nicht Verlierer“ fallen werden.

Und natürlich hoffen wir auch hier wieder, dass wir nicht die „early looser“ sind. Leben wir doch glücklicherweise in einer „klimatisch so begünstigten Zone“. Ist das nicht schändlich? Und irren wir uns da vielleicht nicht?

Aber auch hier gibt es keine Aussicht auf Programme und gemeinsames Handeln. Nirgendwo, weder national oder weltweit. Dabei ist die ja in wenigen Wochen startende Umwelt-Konferenz in Paris wohl wirklich die allerletzte Chance, das Schlimmste abzuwehren.

Aber wir ignorieren den real existierenden dritten Weltkrieg auf unseren Straßen genauso wie den drohenden vierten bedingt durch klimatische Veränderungen. Dafür machen wir uns mit unserer Angst vor Terrorismus vor der doch eher lächerlichen IS in die Hose. Anstelle diese einfach ganz souverän aus zu trocknen und uns um die wichtigen Dinge zu kümmern.

RMD

P.S.
Die Fahne ist aus Wikipedia. Sie ist schwarz, die Farbe des Todes. Erstellt wurde das bild am 15. Oktober 2006 und hochgeladen von Russavia.

Ich meine, wir sollten uns vor schwarzen Fahnen hüten. Ich mag im übrigen gar keine Fahnen. Wenn es aber unbedingt sein muss, dann sind mir persönlich die lebensfrohen Fahnen in bunten Farben lieber!

 

Roland Dürre
Montag, der 10. August 2015

Komplexität & Katzenfutter.

Vom 10. bis zum 12. September bin ich in Berlin. Warum? Weil dort wieder mal PM-Camp ist! Schon das dritte Mal. Beim PM Camp Berlin geht es um Komplexität. Genauer gesagt geht es dieses Jahr um die Frage: „Komplexität – reduzieren oder erhöhen?“

Hier ist mein Beitrag für die Blogparade des PM Camp Berlin 2015 und ganz persönlich für Heiko!

20150810_150437_resizedKatzen geht es gut.

Sie müssen nicht arbeiten und können den ganzen Tag machen, was sie wollen. So streunen sie durch die Gegend oder beobachten die Gegend von ihrem Lieblingsplatz beim sich Sonnen. Ab und zu spielen sie mit einer Maus oder einem Vogel „Böse Katze“. Wenn sie aber schnurren findet sich sofort jemand, der sie streichelt. Morgens und abends bekommen sie ihr Futter. Einfach so. Ohne etwas dafür tun zu müssen.

Die „Katzenmutter“ hat es auch besser als früher. Denn das Katzenfutter kommt heute aus Säcken oder Dosen. Man kauft einmal im Monat einen Sack oder eine Kiste mit Dosen. Das war’s dann. Oder ganz modern kauft man Tütchen, wie links im Bild zu sehen. Das ist das typische Katzen-Futter der Neuzeit. Auch wenn keiner weiß, was drin ist. Dafür sind sie ein wenig teurer. Aber das ist uns unsere Katze wert.

Wir analysieren mal, was „Mensch“ da alles für die Katze getan hat, damit die Katzenmutti morgens zum Tütchen greifen und so ihren Liebling glücklich machen kann.

Wir beginnen mit der Verpackung.

Sie besteht aus einer extrem dünnen Folie, wie sie zum Beispiel mit der Technologie von Brückner in Siegsdorf produziert wird. Es ist sehr beeindruckend, wie solche Folien in Riesenmaschinen hauchdünn gestreckt werden und auf dem Produktions-Weg die Maschine und das Produkt immer breiter werden. Und wie viel Aufwand und vor allem Grips allein die Qualitätskontrolle und Steuerung erfordert.

Damit diese Folie das Futter aufnehmen kann, muss sie in mehreren Prozessen metallisch bedampft und weiter beschichtet und behandelt werden. Enormes und sehr spezielles Ingenieurswissen ermöglicht das. Dann wird sie vielfarbig bedruckt. Auch das ist eine Technologie für sich. Dass die Gestaltung der Bilder mit Graphiksoftware erfolgt, erwähne ich hier nur am Rande. Aber das Verkleben bzw. Verschweißen der Folie zum wasser- und luftdichten Tütchen ist die nächste Sensation, die wie vieles in Abfüllprozessen oft unglaublich anmutet.

Betrachten wir nun den Inhalt.

Die Welt der Chemie macht es möglich und gaukelt Mensch und Tier vor, da wäre etwas Wertvolles drin. Das Geschlabbere hat eine erstaunliche Konsistenz, einen charakteristischen Geruch und behält sogar eine Zeitlang seine Form. Alles Wissenschaft. Es hat auch eine erstaunliche Haltbarkeit und ein Setup vieler Zusatzstoffe sorgen dafür, dass die Katze trotz all dem nicht sofort krank wird und nach außen zumindest gesund erscheint. Es ist ein Wunderwerk – auch nur möglich dank geballter Wissenschaft.

So wird in automatisierten Tierfutter-Fabriken gepanscht, gebraut und abgefüllt. Dies aber gesteuert von Computern, immer mit gleich bleibender Qualität und ohne Varianzen. Als Input kommen die Kontainer mit den Rohstoffen hinein in die Fabrik, heraus kommen die konfektionierten Kartons. Und immer noch ist meistens der deutsche Mittelstand dabei, denn unsere „hidden champions“ haben genau das Know-How. Sie bauen die weltbesten Maschinen genau für solche Prozesse.

Marketing und Logistik

Das ganze verkauft sich nur, weil eine Marketingmaschine rund um die Welt läuft. Vom Internet übers Fernsehen bis in die bunten Illustrierten sieht man die glücklichen Kätzchen, die dieses Futter so gerne essen. Eine geile Manipulation als Mischung von emotionalen Bildern und digitalem Marketing. Wir kapieren die Botschaft – die richtige Marke macht die Katze und damit den Menschen glücklich.

Auch die Logistik ist nicht ohne. Denn die moderne Katzenmutter kauft die schweren Säcke mit dem Trockenfutter und die Pakete mit den vielen bunten Tütchen natürlich im Internet. Mit einem Click. Denn nur noch altmodische und meinstens alte Menschen, die noch Autofahren, schleppen die schweren Säcke vom Fressnapf mit ihrem SUV nach Hause, bei dem dann aber der Kofferraumdeckel mit einer Fuss-Geste gesteuert wie von selbst auf und zu geht.

Also macht Amazon seinen Job. Und verteilt mit schweren LKWs, die brav ihre Maut in einem der besten Mautsysteme der Welt bezahlen, die Waren in ihre Auslieferungscenter. Und bestellt der Kunde am Abend, bringt DHL oder Konsorten die ware und die Katze hat am nächsten Vormittag etwas zu fressen. Ach, wie ist die Welt doch einfach geworden …

Und eigentlich ist alles für die Katz.

Denn die Katze würde viel lieber ein wenig gekochtes Herz oder Lunge vom Metzger speisen. Aber so ein Katzenleben ist halt auch nicht perfekt. Und wir alle müssen uns halt alle der modernen Welt unterwerfen – Mensch wie Tier.

RMD

P.S.
Jetzt sage mir einer, dass das Tütchen mit feuchtem Katzenfutter kein komplexes Produkt wäre …

Roland Dürre
Mittwoch, der 5. August 2015

Leben erweitern – Gewohnheiten ändern – Radfahren.

AutobahnkleeblattAm 4./5. Januar 2016 werden wir in Unterhaching das erste Barcamp für
Aktive Mobilität
im Alltag starten. Der Hashtag wird #AktMobCmp heißen. Mir ist das Thema sehr wichtig, weil ich meine, dass der motorisierte Individual-Verkehr spätestens in der heutigen Zeit zum großen Irrweg geworden ist.

Nicht nur, dass diese Art von Mobiltät weltweit 1,3 Millionen Verkehrstote im Jahr und dazu ein Mehrfaches an Schwer- und Leichtverletzten als Tribut fordert.

Zudem dürfte dieser Lebensstil gepaart mit (sinnlosen?) Warentransporten und einem exzessiven Flugverkehr einen wesentlichen Beitrag zu den Emissionen darstellen, die den Temperaturanstieg und damit die Klimakatastrophe verursachen und so zumindest das menschliche Leben auf unserem Planeten massiv bedrohen.

Er verursacht also wesentliche Umweltschäden und generiert zusätzlich Lärm ohne Ende. Gerade der Lebenswert in den Städten wird durch die Autolawinen, die sich permanent durch die Straßen wälzen gewaltig geschädigt. Aber das Auto schädigt auch den Körper und die Psyche der Fahrer. Es macht abhängig, dick und bequem, schafft soziale Isolation und generiert schlechte Laune.

Deshalb hier ein paar persönliche und hoffentlich Thesen zum Thema „motorisierter Individualverkehr“.

„Ich habe nicht mehr die Zeit um Auto zu fahren.“

Diese Aussage überrascht viele Menschen. Aber es ist wahr. Ich kann es leicht belegen. Und als älterer Mensch ist die Zeit mein wichtigstes Gut.

„Die meisten Menschen brauchen ihr Auto gar nicht.“

Die Abhängigkeit vom Auto ist nur eine eingebildete. Kritisch hinterfragt gibt es sie nur in ganz wenigen Fällen und wäre auch dort durch eine Änderung der Lebensumstände vorteilhaft für den betroffenen zu beseitigen.

„Wie soll jemand, der  seine Mobilität nicht in den Griff kriegt sein Leben in den Griff kriegen?“

Ein ähnlicher Satz könnte sein: „Wie soll jemand sein Leben in den Griff kriegen, wenn er dies bei seinem Fernsehkonsum nicht schafft“. Zu groß ist die Gefahr, in unserer Gesellschaft ein Leben aus zweiter Hand zu führen. Und das reelle Leben zu verpassen. So geht es auch dem Autofahrer.

„Autos machen immobil und unfrei!“

Das ist die sensationelle Erfahrung eines jeden Menschen, der auf sein Auto verzichtet. Er fühlt sich unabhängiger und freier und ist viel mobiler als vorher. Weil Autos uns genauso wenig mobil machen wie uns der Konsum von Zigaretten frei macht.  So steigen Mobilität und Freiheit nach dem Autoverzicht deutlich und man gewinnt viel Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens.

„Autofahren gefährdet den Charakter.“

Am Steuer wird das Gefühl von Omnipotenz suggeriert. Mit geringster Kraftanstrengung werden in kürzester Zeit und mit großer Leichtigkeit körperlich fast unüberwindbare Hindernisse und Entfernungen überwunden. Gleichzeitig wird man faul und bequem, die soziale Isolation und die permanente (bewusste oder unbewusste) Anstrengung ohne körperlichen Ausgleich macht dann oft auch noch aggressiv.

„Autofahren schadet der Gesundheit.“

Ein Burnout zum Beispiel hat in der Regel viele Ursachen, die zusammen dann eine Art von besonderer Depression bewirken. Dazu können eine starke Unzufriedenheit im privaten wie beruflichen Leben gehören, der falsch gelebte Alltag, die falschen Lebensrituale und manches mehr. Autofahren ist so ein falsches Lebensritual, dass die Unzufriedenheit fördert. Ich kann mir gut vorstellen, dass die schlechte Laune im Stau wie das eingesperrt sein im Blechgefängnis den Frust im Alltag noch verstärken kann.

„Das neue Auto ist die falsche Freude.“

Wie viele Menschen kenne ich, deren größtes Glück die Vorfreude auf das nächste Auto zu sein scheint. Man freut sich auf etwas ein neues Luxusgut und Statussymbol. Und kaum hat man es, kommt wie immer bei solchen Gütern die nächste Depression, weil es jetzt ja da ist.

Ich glaube, ich könnte noch viele solche Thesen finden, will es jetzt aber mal sein lassen.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 6. Juli 2015

Meine „Destina“?

🙂 Von der Südsee-Insel Runit zur Rosenheimer Straße in München.

„Runit Dome 001“ von US Defense Special Weapons Agency

„Runit Dome 001“ von US Defense Special Weapons Agency

In der SZ am Wochenende (4./5. Juli 2015) habe ich zwei Artikel gefunden, die mich entsetzt haben. Und die ich dann auch fleißig in Facebook, Google+ und Twitter gepostet habe.

Der erste Artikel erschien in der Rubrik Wissen und hat die Überschrift „Dom des Todes“. Es geht um die Hinterlassenschaften der 67 Atombombentests, die die USA zwischen 1946 und 1958 auf den Atollen Eniwetok und Bikini durchgeführt haben.

Der zweite Artikel trägt die Überschrift  „Umfassende menschliche Tragödie“ und berichtet von einer Deklaration, in der Nobelpreisträger bei einem Treffen in Lindau einen entschlossenen Kampf gegen den Klimawandel fordern.

Am ersten Bericht entsetzt mich das Ausmaß der in der Südsee stattfindenden Katastrophe. Sie macht mir wieder bewußt, welche unendliche Gefahr der radioaktive Müll darstellt. Und wie kleinkariert und aussichtslos die aktuelle Bemühung ist, in Deutschland sichere Endlager zu finden. Da wurde doch wieder von der Politik ein Projekt ausgesetzt, dass de facto zum Scheitern verurteilt ist.

Die Menschen wie die Bundesländer, die sich gegen ein Endlager wehren, kann ich gut verstehen. Scheint es mir doch der größte Fehler zu sein, weitere Flecken auf dieser Erde dezentral zu kontaminieren. Denn Sicherheit gibt es hier natürlich nicht.

Vielleicht noch ein Hinweis. In dem angesprochenen Artikel wird auch mal wieder erwähnt, dass Plutonium einer der giftigsten radioaktiven Stoffe ist und über eine Halbwertszeit von bis zu 24 000 Jahren verfügt. Jetzt erscheint 24 000 Jahre in einer Zeit, in der wir dauernd mit Milliarden konfrontiert werden ja fast als niedlich. Nur – es ist erst 2 400 Jahre her, dass die ersten menschlichen Kulturen zur Schrift fanden – und da ist eine Null dazwischen …

Der zweite Artikel hat mich aber fast noch mehr erzürnt. Wir vertrauen in unserem Leben in allen Bereichen auf die Wissenschaft. Wenn wir Nahrungsmittel essen, gehen wir davon aus, dass die Wissenschaft uns gesunde Nahrungsmittel garantiert. Wenn wir fliegen, sind wir uns sicher, dass wir dank Physik nicht abstürzen. Wir lassen uns impfen und vertrauen der Wissenschaft. Beim Autofahren glauben wir an den Airbag und sogar das Radeln beruht auf naturwissenschaftlichen Gesetzen.

Wenn diese Wissenschaft uns aber konvergierende Ergebnisse verschiedener Disziplinen und Quellen liefert und uns diese nicht in der Kram passen, dann tun wir nichts! Mein besonderer Zorn gilt unserer aktuellen Regierung.

Obwohl selber pleite veranstaltet sie in Elmau eine makabre Inszenierung einer „Westlichen Gemeinschaft der Werte“, die Hunderte von Millionen kostet. Und heraus kommen wieder einmal nur ein paar „programmatische Entscheidungen“, die sich schon nach wenigen Tagen wieder nur als Lippenbekenntnisse herausstellen.

Sie zelebriert sich Deutschland als der allwissende Schulmeister und Tugendwächter Europas und entblödet sich nicht Thesen zu produzieren wie „Stirbt der  EURO so stirbt Europa“.  Eine Aussage übrigens, die wie viele andere aus gleicher Quelle keiner dialektischen Hinterfragung stand hält.

Den Griechen verordnet sie ein Programm, dass sogar der IWF als völlig kontraproduktiv bewertet und verlangt von diesen, dass sie die Renten kürzen müssen aber auf keinen Fall die Verteidigungsausgaben reduzieren dürfen.

Und vieles mehr in dieser Art.

Nur ihre Hausaufgaben macht sie nicht, wie z.B. das Einführen eines generellen Tempolimit in Deutschland. Sie beendet nicht die gigantischen Subvention von Geschäftswagen. Auch eine Besteuerung des Flug-Kerosins ist für sie undenkbar.

Und sie sonnt sich im Eigenlob und schaut zu, wie Infrastruktur und Bildung in diesem Lande vor die Hunde gehen. Wie Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert und so die Reichen immer reicher und die Armen immer mehr und immer ärmer werden. Dafür ist sie Nummer 1 in Europa im Indoktrinieren und schaffen von dümmlichen Dogmen.

Dann denke ich mir doch ab und zu, ob mein „Destina“ nicht ist, nur noch gegen diesen Wahn- und Widersinn anzugehen. Dann müsste ich aber mit dem was ich heute so mache wie Vernetzen und Betreuen von Menschen und unterstützen von start ups aufhören. Und ganz so weit bin ich noch nicht.

RMD

P.S.
Werde heute Abend trotzdem das erste Mal seit Jahren bei einer Demonstration dabei sein. Da radle ich dann für eine gerechte Aufteilung der Rosenheimer Strl in München: Radel-Demo Rosenheimer!

P.S.1
Das Bild „Runit Dome 001“ von US Defense Special Weapons Agency ist aus Wikipedia  – http://sonicbomb.com/albums/album61/runit.jpg. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Runit_Dome_001.jpg#/media/File:Runit_Dome_001.jpg

Roland Dürre
Sonntag, der 24. Mai 2015

Die MonoRail von Mumbai.

11348857_10206989802848252_348583267_oIn der Straße vor der Anlage Dodha, dem Hochhaus, in dem ich zurzeit wohne, wird viel Beton für den Bau einer MonoRail-Trasse verbaut. Über der engen Straße zwischen den vielen sehr unterschiedlichen Häusern windet sich ein zweifacher Betonstrang dahin, der der Einschienenbahn Mumbais den Weg über und durch die Stadt bereiten soll.

Wie sonst nur der „Fly over“, die wohl wichtigste Hochstraße von Mumbai, die dann zum Teil auch aufs Meer ausweicht und so die Stadtviertel und ihre Hochhäuser verbindet. Den Hochhäusern, die wie ich schon geschrieben habe man unter anderem in die drei Klassen „schon fertig“, „noch in Bau“, „nicht fertig und nicht mehr in Bau“ einteilen kann. Für die man aber auch spannende andere Kategorien erfinden könnte.

Irgendwo in Mumbai fährt die MonoRail schon, als Verbindung zu einer noch nicht fertigen Zukunftsstadt. Dort ist sie zum Touristenspaß geworden. Eine echte Attraktion wie die Magnetschienenbahn in Shanghai zum Flughafen ist sie aber nicht.

20150523_111953_resized_2Die MonoRail scheint mir als ein Prestige-Objekt von Mumbai. Verkehrsmäßig wird sie nicht viel bringen. Aber so eine MonoRail ist schon etwas außergewöhnliches und soll den Ruhm Mumbais als moderne Stadt mehren. Außerdem wird das Projekt bewirken, dass ein paar Reiche noch reicher werden. Ein paar – das heißt in Indien immer ein paar mehr. Und wenn so ein Großprojekt privaten Reichtum mehrt, dann ist das schon eine Rechtfertigung.

Vor kurzem kam eine neue Regierung an die Macht. Sie ist eher rechts-populistisch. Anstatt offensichtliche Probleme anzugehen, hat sie zuerst mal den Verzehr von Rindfleisch verboten und mit maximaler Bestrafung belegt. Und vor der Wahl versprochen, die vielen alten Metro-Züge mit den offenen Türen und Fenstern zu klimatisieren. Weil AC (air condition) immer gut ankommt. Ein wohl völlig aussichtsloses Vorhaben.

In einem anderen Bundesstaat soll eine Identitätskarte für jede Kuh eingeführt werden. Um für sie ein glückliches Leben sicher zu stellen. Obwohl Indien einer der größten wenn nicht gar der größte Rindfleisch-Exporteur der Welt ist. Es scheint aber zu sein, dass solche Maßnahmen sich gegen die Moslems richten, die angeblich in der indischen Rindfleisch-Industrie das Sagen haben.

20150523_072952_resizedFrauen scheinen mir in Indien immer noch eigenartig behandelt zu werden. Nicht immer so ganz auf Augenhöhe, mit einem leichten Hintergrundtenor als Menschen zweiter Klasse. Sexualität wird aus dem öffentlichen Leben eher ausgeblendet, es scheint irgendwie eine sehr prüde Gesellschaft zu sein.

Und dies führt offensichtlich zu Spannungen zumindest bei dem männlichen Teil der Gesellschaft. Damit die nicht zu schlimm eskalieren, gibt es in der oft überfüllten Metro eigene Abteile, die ausschließlich Frauen vorbehalten sind. So wie es Abteile gibt, die nur von „disabled persons“ und Krebskranken genutzt werden dürfen, gut zu erkennen am Symbol für „cancer“, einem großen Krebs und am Zeichen für Behinderte, wie wir es auch kennen.

20150523_072839_resizedWir allerdings als West-Menschen fahren meistens mit dem Auto (einem weißen Toyota mit sechs Sitzen) und verbringen so (zu-)viel Zeit auf den Straßen Mumbais. Geht irgendwie nicht anders. Die Fahrten dauern auch bei kurzen Strecken ganz schön lange, weil immer Stau ist. Die allgegenwärtige AC macht es erträglich.

Unser Fahrer fährt für eine Firma, die eine Teilfirma von einer Teilfirma einer ganz großen Firma ist. Die fahren auch für westliche Firmen. Früher hatten diese Unternehmen eigene Autos und angestellte Fahrer. Das war aber zu teuer – obwohl es objektiv spottbillig war. Und dann wurde halt gespart und „outgesourct.“.

Jetzt wird die Kombination Fahrer/Fahrzeug als Full-Service von riesigen Unternehmen mit vielen verschiedene Lieferanten geliefert. Die einen liefern die Autos, die anderen die Fahrer und wieder andere den Service. Die Fahrer bekommen so weniger Geld, die Kunden sind unzufriedener, aber die Unternehmen verdienen sich eine goldene Nase. Wie überhaupt jeder Service, immer von riesigen Dienstleistungsunternehmen erbracht zu werden scheint.

20150523_072924_resizedDie ausländischen Unternehmen bauen in Indien vorzugsweise Produkte, die wahrscheinlich bald keiner mehr brauchen wird wie z.B. Turbinen für Dampfkraft. Die sind dann für Kohlekraftwerke bestimmt. Auch eher nicht die Highend-Produkte. Wer will schon z.B. eine Dampf-Turbine aus Indien für sein Atomkraftwerk haben?

Schon im Mai hat es hier über 40 Grad auch in den Bürogebäuden, wo die Ingenieure arbeiten und das Qualitäts-Management und ähnliches stattfindet. Dort gibt es Propeller an der Decke aber keine Klimaanlagen. Denn Strom ist teuer in Indien. Kein Wunder, dass die Auftraggeber nicht immer zufrieden sind, wie die Projekte abgewickelt werden.

Der Vertreter des Staates sind freundlich und hilfsbereit, wie die meisten Menschen, die ich getroffen habe. Die Korruption soll aber unglaubliche Ausmaße haben, ohne kleine oder größere Zuwendungen geht angeblich nichts.

Der Reichtum einzelner Familien ist unglaublich. Die richtig Reichen können sich alles leisten, die hohe Importsteuer auf Luxusartikel spielt überhaupt keine Rolle. Da steht dann in der Tiefgarage die Sammlung von neuesten Fahrzeugen uns gut bekannten Marken neben ein paar auch wie neu aussehender Oldtimern. Die Reichen wohnen in „fenced communities“. Dort in den Tiefgaragen sieht man ganze Trupps von Menschen, die ihre Nobelkarossen nach jeder Ausfahrt polieren. Ich habe selten so viel auf Hochglanz poliertes Autoblech und blitzendes Chrom gesehen wie in den paar Tagen in Indien.

Die Armen werden immer mehr. Sie leben auf Straßen, die in meiner Wahrnehmung noch schmutziger geworden sind. Dort hausen Menschen in kaum beschreibbaren Umständen. Wenn in zwei Wochen der Monsum kommt, wird ihr zu Hause immer wieder unter Wasser stehen.

In den in der Regel selbst verwalteten Slums lebt es sich deutlich besser. Aber es ist gar nicht so einfach, da Einlass zu bekommen. Besonders wenn man gar nichts hat.

An den Kreuzungen der lauten Straßen wird gebettelt. Frauen und Kinder sind dabei wie Alte und Krüppel. Manche Frauen tragen beim Betteln am Körper im Wickeltuch einen Säugling oder ein Kleinkind. Die dösen seltsamerweise immer vor sich hin. Ich habe so ein Kind nie schreien gehört oder weinen gesehen. Mir wurde berichtet, dass die Babies zum Betteln durch Medikamente ruhig gestellt werden.

Ganz Mumbai hat einen unangenehmen Geruch, man könnte sagen, es stinkt. Das merkt man nicht nur, wenn man den Flieger verlässt. Die Vermüllung und Verschmutzung scheint jedes Jahr zuzunehmen. Und es ist laut in Mumbai.

Der Geruch der Stadt bleibt im 29. Stockwerkes des Hochhauses ein wenig draußen, der hohe Geräuschpegel der Stadt trotz einer Art „Schallschutzfenster“ aber nicht. Auf den Autos steht die Aufforderung „Horn me“ – und so hört es sich an.

Aus dem allgemeinen Lärm am Tag wie in der Nacht stechen dann zwischen durch die schrillen Trompeten der Eisenbahnen und das laute Gebrumme von Hubschraubern heraus. Die fahren und fliegen am Tag wie in Nacht. Der Lärm der Züge kommt von unten, der der Hubschrauber von allen Seiten, wenn sie über die Hochhäuser oder zwischen durch fliegen. Und von oben kommt dann der Fluglärm dazu. Das alles reißt mich im heißen Mumbai immer wieder nachts aus dem Schlaf.

Manche Entwicklungen kommen mir von Zuhause bekannt vor. Nicht so krass wie hier. Aber da gibt es mittlerweile auch Ausschreibungen im öffentlichen Nahverkehr, die die Bereitstellung der Fahrzeuge und des Personals trennen. Gerade als Radler fällt einem auf, dass der Plastikmüll entlang unseren Straßen laufend mehr wird. So wie auch immer mehr sinnlose Prestigeprojekte erkenne und einen Hang zum Gigantismus unserer Administration. Sinnlose Gesetze und unfähige Politiker kenne ich von Deutschland auch. Und das Auseinanderdriften der Gesellschaft ist uns ja auch nicht unbekannt.

Wir scheinen von Indien zu „lernen“. Diese Art von mir nicht so gefälligen „Fortschritt“ und „Wachstum“ findet aber nach meinem Erleben überall auf der Welt statt, in Indien wie in Kuba, ich China wie in USA, in Italien wie in Portugal … Und eben auch in Deutschland.

Glücklicherweise ist bei uns noch nicht die Dimension erreicht worden, wie ich sie in Mumbai erlebe. Der Trend scheint aber ähnlich zu sein. Die Frage ist, schaffen wir bei uns den Turnaround? In Indien wüsste ich nicht mehr, wie das noch gehen sollte.

Bei meinem letzten Besuch vor einem Ende 2013 habe ich für einen EURO noch gut 80 Rupie bekommen. Aktuell sind es noch 70. Ich stelle mir die Frage, wie viel Rupie ich dann Ende 2016 für einen EURO bekommen werde? Vielleicht dann nur noch 60? Das Leben in Indien ist seit meinem letzten Besuch aber nicht billiger geworden.

Das macht mich nachdenklich. Vielleicht ist die indische Gesellschaft doch das Muster, dem die Zukunft – auch bei uns – gehört?

Und trotzdem!

Unsere Tage in Mumbai waren bisher sehr schön. Sicher hatten wir ein privilegiertes Leben. Über die beschriebenen Zustände habe ich mich geärgert. Weil Lärm, Gestank, im Stau im Auto sitzen und ähnliches sogar nicht die Welt ist, in der ich mich wohlfühle.

Es war aber eine gute Zeit mit sehr glücklichen Tagen. Es war schön gemeinsam mit Barbara, meinem Sohn und seiner Familie soviel teilen und erleben zu dürfen. Und ich durfte bei vielen einfachen und sicher armen Menschen auf den Straßen viele „Shiny Eyes“ sehen.  Auch das macht mich glücklich.

Wahrscheinlich ist es das Schlimme wie das Schöne am Mensch-Sein, dass wir so viel aushalten und ertragen können. Und absurder Weise können wir eher glücklich sein, wenn wir weniger haben. Oder ein wenig leiden müssen. Wenn es uns zu gut geht, dann verschwinden die „shiny eyes“. In den teueren Lokalen, Bars und am Swimming Pool sieht man sie oft nur noch bei den Kindern.

So sind die glücklichen Augen in Mumbai häufiger zu sehen als auf den Straßen Münchens. Eigentlich unfassbar. Aber das Gefühl hatte ich ja schon vor gut zwei Monaten auf meiner Radtour durch den Westen Kubas.

RMD

P.S.
Den Begriff der „Shiny Eyes“ habe ich von Nadja gelernt. Nadja möchte mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass es bei uns wieder „More Shiny Eyes“ gibt. Wie ich finde ein wunderschönes Vorhaben.

„Die Verpackungen werden immer schöner und der Inhalt immer schwächer“

Airbus_A380-841 -LufthansaGestern bin ich von München mit LH nach Mumbai geflogen. Trotz des Absturzes des German Wing Flugzeugs von Barcelona hielt sich das mulmige Gefühl in Grenzen. Es war ein ruhiger Direktflug – vielleicht mit einer ein wenig mehr heftigen Landung als durchschnittlich, ansonsten war alles wie immer.

Aber: Ein Rätsel hat sich für mich aufgeklärt.

Ich bin kein Vielflieger und lege auf das Bord-Entertainment keinen großen Wert. Im Regelfall läuft bei mir am Bildschirm deshalb die „Flight Info“, während ich von mir hindöse. Das ist eine Seite, auf der immer die Position des Fliegers und Daten wie Flughöhe, Außentemperatur, Geschwindigkeit zum Boden und manches mehr angezeigt wird (wurde).

Und deshalb habe ich nicht verstanden, warum es unter den Passagieren des Unglücksfliegers von Barcelona keine Panik oder Aufstand an Bord gegeben hat. Denn wenn ich mir vorstelle, ich sehe auf der Flightinfo an meinem Sitz eine Flughöhe von 1.000 Meter – und das kurz vor dem Anflug auf die Pyrenäen, dann kann ich mir schon vorstellen, dass bei mir der Angstschweiß in Strömen fliesst.

Seit gestern weiß ich, dass mit dem neuen Entertainment System der LH so etwas gar nicht mehr passieren kann. Und dass der Unglücksfliegers wahrscheinlich schon das neue System an Bord hatte. So wie gestern mein Flieger von München nach Bombay/Mumbai.

Das neue System gibt dem Benutzer nur noch ganz wenig Informationen. Man hat ein Menü mit vier Punkten zu Auswahl: Die Anzeige der Anschlussflüge, zwei Kameras, die man verfolgen kann und etwas, das sich Art SmartFly oder ähnlich nennt.

Die Maske der Anschlussflüge enthielt einen Vermerk, dass dort zum Flugende hin Informationen über Anschlüsse gemeldet werden würden. Bei den Kameras zeigte eine wohl nach unten und eine nach vorne. Beide lieferten gestern keine besondere Info – nach unten sah man Wolken und nach vorne die Dunkelheit. Der vierte (smarte) Punkt zeigte virtuelle Bilder – schön gemacht, immer mit einem Lufthansa-Flieger in der Mitte – vom nüberflogenden Gebiet mit eingestreuten Ortsnamen. Als Information gab es aber nur drei Angaben:

Die Entfernung zum Zielflughafen, die verbleibende Flugzeit und schließlich noch die Uhrzeit. Keine Flug-Geschwindigkeit und keine -Höhe mehr…

Ich berichte dass nur, weil mir diese Entwicklung so stark symbolhaft für die Entwicklung unserer Gesellschaft scheint. Die Transparenz nimmt ab, Informationen werden von uns ferngehalten, alles wird in Watte verpackt geliefert … Und dann wird uns erklärt, dass dies alles nur zu unserem Besten wäre.

Mir gefällt das nicht. Ich möchte wissen, was los ist und nicht immer für dumm verkauft werden, auch dann, wenn es unangenehm ist. So wie ich auch nicht permanent überwacht werden will.

RMD

P.S.
Das Bild ist aus Wikpedia – wir sind allerdings in einem kleineren Airbus geflogen.