Roland Dürre
Sonntag, der 16. Dezember 2018

Warum ist Deutschland bei der Digitalisierung so weit hinten?

Vor kurzem bin ich nach einem Vortrag gefragt worden, was denn die zentrale Ursache für unsere (die deutsche) Schwäche bei der Digitalisierung wäre? Wo wir doch schon immer das Land der Ingenieure gewesen wären?


Da schau ich gar nicht glücklich aus der Uniform. Hätte lieber mit Rechnern gespielt.

Da musste ich erst Mal nachdenken. Denn immerhin gab es eine Zeit, da waren deutsche Unternehmen wie Siemens technologisch auch in der IT an der Weltspitze.

Ich versuche, die IT-Szene ganzheitlich über die Zeit zu betrachten. Dabei fällt mir auf, dass Innovationen schon seit längerem nur noch selten aus den Technologie-Labors der Mega-Konzerne oder Großforschungs-Einrichtungen kommen.

Vielmehr wird Innovation von Bewegungen geschaffen, die meistens von jungen Menschen mit Leidenschaft getragen werden. Das gilt besonders für Informatik, also die IT und damit verwandte Technologien.

Ich selber habe bei Siemens in der zweiten Hälfte der siebziger und später in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an dem mitgewirkt, was ich Industrie-Informatik nenne. Da wurden – absolut ingenieurs-mässig – teure und schwere Großrechner mit ebensolcher Peripherie entwickelt.

Zeitlich parallel dazu kamen einfache Rechner „für zu Hause“ auf die Märkte. Als Beispiele nenne ich den Atari (1979) oder den  Commodore (1982). Die „Kinder“ in den USA (und auch bei uns) haben mit diesen und ähnlichen Rechnern „gespielt“.

Wir „Industrie-Informatiker“ haben uns die Heimrechner auch angeschaut.  Für uns waren das aber nur Spielzeuge, die wir nicht ernst genommen haben. Wir haben nicht erkannt, welches faszinierende Potential diese Systeme eröffneten.

Mich persönlich zum Beispiel hat die mangelnde technische Perfektion dieser Systeme irritiert. Da wurde z.B. als Bildschirm (bei uns hieß der Datensichtgerät) ein flackernder Billig-Fernseher eingesetzt. Die Speicherung erfolgte mit Hilfe von Kassettenrekordern auf unzuverlässigen Tonkassetten. Und auch die Eingabetastaturen waren alles andere als Vertrauen erweckend. Und last not least entsprachen die Programmiersprachen auch nicht dem Stand der Kunst.

Später habe ich es bereut, dass ich dieser neuen Technologie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. So wurde ich von der PC-Welle und später vom Erfolg vom technisch so schwachen Windows mit seiner graphischen Oberfläche und vor allem Spielen wie Solitär überrascht.

Die graphische Oberfläche kannte ich schon von Geräten wie dem Xerox Star, der von Siemens als „Büro Computer“ vertrieben wurde. Das war zwar ein professionelles Gerät, aber sein Nutzen-/Kosten-Verhältnis unterirdisch schlecht. So haben ihn auch nur ganz wenige Unternehmen eingesetzt, mir ist in Deutschland eigentlich nur die Lufthansa bekannt, die sich diesen teuren Luxus leistete. So habe ich auch diese Technologie nicht ernst genommen.

Die jungen Leute kannten oft nur die Welt der neuen Computer  – und sie haben diese vorwärts gebracht. Das hat in den USA stattgefunden – und was da passiert ist, kann man gut nach lesen. Z.B. in der Biographie über Steve Jobs – einem absolut lesenswerten Buch.


Zurück zur Eingangsfrage:

Was ist die zentrale Ursache, dass Deutschland bei IT so abgehängt wurde?

Ich glaube nicht, dass es eine zentrale Ursache für die deutsche digitale Schwäche gibt. Da gibt es sicher mehrere.


Aber eine – vielleicht ein wenig rethorische – Antwort habe ich:

Ich meine, dass eine wesentliche Ursache die Wehrpflicht gewesen sein könnte.

Wir hatten in dem für die Entwicklung von IT kritischen Zeitraum 500.000 junge Männer unter Waffen. Das war ein wesentlicher Teil der männlichen Bevölkerung – im besten Alter. Die „Bundeswehr“ bestand überwiegend aus Wehrpflichtigen, die für 18 und später 15 Monate aus dem „normalen Leben“ entfernt waren. Das waren überwiegend junge Menschen

Auch heute finden sich in den MINT-Berufen (MINT für Mathematik, Ingenieurswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik) überwiegend die Männer. Das war damals noch ausgeprägter. Und die Wehrpflicht betraf nur die jungen Männer und behinderte so ihre Entwicklung.

IT war – und ist – eine Hochleistungs-Disziplin. Man muss sich über Jahrzehnte mit Leidenschaft damit beschäftigen und dabei eine gnadenlos schnelle Entwicklung aushalten und verstehen. Eine Schaffenspause von über einem Jahr wirft gewaltig zurück. Das ist etwa so, wie wenn ein Spitzen-Jugend-Fussballer für 18 Monate mit dem Fußballspielen pausieren muss. Mein Verdacht ist groß, dass das im Normalfall das Ende seiner Fußballer-Karriere bedeuten würde.

Für die Richtigkeit meiner These gibt es eine Reihe guter Gründe.

Meine eigene Erfahrung

Ich begann im Herbst 1969  an der TUM Mathematik und „Informatik“ im 1. Semester zu studieren. Am 1. April 1970 wurde ich eingezogen und habe bis zum 30. September 1971 als Wehrpflichtiger „gedient“. In diesen 18 Monaten habe ich „Saufen“ und „Chillen“ gelernt. Positives Lernergebnis war eigentlich nur, wie man solche perverse Systemen überlebt.

Dann bin ich im Herbst 1971 wieder an der TUM gestartet, wieder im ersten Semester. So blieb ich im „Chill-Modus“. Diesen habe ich mir erst wieder im vierten Semester (Frühjahr 1973) abgewöhnt, weil da das Vordiplom vor der Tür stand und ich so ein wenig unsanft aufgeweckt wurde. Da hatte ich Stress und habemein „berufsbegleitendes Studium“ (mehr bei Siemens als an der TUM mit schnellem Lernen aus Büchern) wieder recht intensiv aufgenommen. Und sogar das Vordiplom auf Anhieb geschafft.

Nach meinem Hauptdiplom hatte ich noch ein paar „Lehrjahre“ bei Siemens und Softlab. Gegründet habe ich so erst 1984, da war ich schon deutlich über dreissig. Ohne Bundeswehr wäre das wahrscheinlich schon ein paar Jahre früher passiert …

Erfahrungen bei InterFace

In den frühen Jahren der InterFace AG hatten wir viele Studenten an Bord. Sogar junge Gymnasiasten waren dabei. Sie waren  fasziniert von der neuen Technologie und wollten da auch mal professionell rein schnuppern. Oft kamen sie auf Empfehlung (z.B. als Kinder von Kunden) zu uns.

Die Jungen waren gut und wurden schnell zu wichtigen Mitarbeitern. Wenn es aufs Abitur zu ging, kam das große Zittern. Mussten sie zur Bundeswehr? Das wäre für uns ein großer Ausfall gewesen.

Oft haben wir mitgeholfen, dass sie nicht „eingezogen“ werden konnten und bei uns das Studium begleitend weiter arbeiten konnten. Ohne diese jungen Talente hätten wir unser Produkt CLOU & HIT und viele dazu gehörende Innovationen nicht geschafft.

Die amerikanischen Gründer

Wenn wir die Helden des Silicon Valley betrachten wie Bill Gates, Steve Jobs und weitere, dann wurde da keiner von Wehrpflicht oder ähnlichen Zwangsdiensten behindert. Viel mehr haben sie ihr Studium abgebrochen, um sich komplett auf ihr Unternehmen und die neue Technologie konzentrieren zu können.

Deutsche Gründer

Hasso Plattner und Dietmar Hopp  (beide SAP) dürften ihren veröffentlichten Lebensläufen folgend wohl auch nicht bei der Bundeswehr gewesen sein. Von einem sehr kreativen Gründer wie Peter Schnupp, dem Mitbegründer von Softlab (1934 geboren – also befreit vom Wehrdienst) weiß ich das aufgrund unserer persönlicher Freundschaft.

Start-Up-Szene …

Seit mehr als 10 Jahren bin ich Mitglied in der Jury von BayStartup, dem wohl in Bayern führenden Unternehmen für Themen wie Businessplan Wettbewerb, Finanzierung, Business Angels …

Je nach Verfügbarkeit bewerte ich im Jahr dann um die 100 Geschäftspläne. So lerne ich viel über die aktuellen technischen Trends und vor allem zahlreiche  junge Menschen kennen, die Firmen gründen wollen. Und stelle fest, dass es kein neues Thema gibt, dass seine Besonderheit nicht wesentlich mit der dazu entwickelten Software erklärt.

So trifft es sich gut, dass bei allen Startups immer Software-Leute dabei sind. Die berichten mir stolz, dass sie schon seit ihrem 10. Lebensjahr programmieren würden und dann mit 12 oder 14 Jahren auf „vernünftige“ Computersprachen und moderne Technologie umgesattelt hätten. Eine 15 oder gar 18 Monate währende Zwangspause würde für sie einen großen Rückschritt wenn nicht das „Aus“ bedeuten.

Soweit ein paar Argumente, die meine Theorie vielleicht ein wenig belegen.


Jetzt hoffe ich,dass Ihr mich gut genug kennt, dass ich so eine originelle Theorie nicht zur Wahrheit erkläre.

Ich bin aber überzeugt, dass mit der Wiederbewaffnung der BRD nach dem 2. Weltkrieg und dem damit verbundenen Wiederaufbau der Rüstungsindustrie zumindest eine einzigartige Chance für ein großartiges friedliches Deutschland zerstört wurde. Und dass Wehrpflicht und Militarisierung in Deutschland einen immensen volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schaden bewirkt haben.

„Schuld“ an dieser Entwicklung waren damals wie heute die Vorurteilswelt und der Zynismus alter weißer Männer wie Adenauer. Von Angst getrieben hat dieser schon seit 1950 mit kriminell-subversiven Methoden im Geheimen auf die Wiederaufrüstung hingearbeitet.

Die Wikipedia-Artikel zur Bundeswehr und zur Wehrpflicht sind sehr lesenswert und helfen sehr gut, die Frage „Wie war das eigentlich?“ zu beantworten.

Jetzt bin ich aber erst Mal froh, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wurde und hoffe, dass dieser Zwangsdienst nie mehr wieder eingesetzt wird.

RMD

P.S.
Geschichte der Bilder
Am 1. April 1970 (nach einem Semester des Studiums der Mathematik und Informatik an der TUM) bin ich eingezogen worden. Aus dem Roland Dürre wurde der „Flieger Dürre“. Das war leider kein schlechter Aprilscherz. Nach einer Nacht in Lagerlechfeld (dort gab es eine gemischte Grundausbildung für Abiturienten mit einem technischen Ausbildungsanteil von 6 Wochen) und ein paar Nächten in Landsberg kam ich nach Ulm. Wegen Renitenz.

In Ulm wurde ich in ein Ausbildungs-Bataillon gesteckt, das aus dem  „Rekruten-Ausschuss“ der Luftwaffe ordentliche Wachsoldaten machen sollte. Weil ich in meiner Kompanie der einzige Rekrut mit Abitur war, wurde ich als Ausbilder behalten und habe dann fünf Quartale im Stamm der Ausbilder verbracht. Ich hatte jedes Quartal eine Gruppe zu führen und übernahm nebenher weitere Aufgaben wie Kompanie-Unterricht zu halten. So habe ich zum Beispiel Rekruten ohne Schulabschluss erklärt, wie die Demokratie und Grundgesetz der BRD funktionieren und was Begriffe wie Legislative, Judikative und Exekutive bedeuten. Oder die Menschen an der Waffe (G3, P1, wie das Maschinengewehr hieß weiß ich nicht mehr …) geschult.

Aus dieser Zeit eine Anekdote:
Während der Grundausbildungszeit (die ersten drei Monate) war den Rekruten Ausgang nur  in Uniform gestattet. Das galt auch für Heimfahrten am Wochenende. Immerhin durften die nach ein paar Wochen Kasernierung fast jedes zweite Wochenende heimfahren, allerdings musste auch dieser „Ausgang“ in Uniform erfolgen. Die meisten waren gar nicht  begeistert, sich in Uniform in der Öffentlichkeit bewegen und dann in der Heimat so aufzutauchen zu müssen. Auch wenn das unseren Eltern gefallen hat und wir in Uniform ein begehrtes Foto-Motiv waren. So sind auch die beiden Bilder im Artikel entstanden.

Manche der Rekruten waren besonders schlau. Am Ulmer Hauptbahnhof gingen sie in Uniform auf die Toilette – und kamen dann in Zivil heraus. Sie wussten nur nicht, dass die Bundeswehr da Aufpasser (auch in Zivil !) positioniert hatte. Die haben dann die umgezogenen (ungezogenen) Jungsoldaten gleich wieder eingesammelt und in die Kaserne gebracht. Der Wochenend Ausgang war damit weg und fürs Wochenende eins drauf gab es dann auch gleich noch eine Ausgangssperre.

Der „Dienst am Bahnhof“ war überwiegend nicht beliebt. Wahrscheinlich war das ein wenig ähnlich, wie wenn man im Kriegszustand an einem Erschießungskommando teilnehmen musste. Ich konnte mich die restlichen 15 Monate als Ausbilder dann davon drücken.

Beim ersten Ausgang im elterlichen Wohnzimmer.

P.S.1
Impuls zum Artikel
Die Idee für diesen Artikel kam mir anlässlich der aktuellen Diskussion um den Paragrafen 219b und die damit verbundenen Versuche, die Reform des Paragrafen 218 (die den Tatbestand einer immer noch verbotenen Abtreibung unter gewissen Voraussetzungen unter Straffreiheit stellt) in Frage zu stellen. Da habe ich von rechter Seite aus der „bürgerlichen Mitte“ eine Aussage gehört, die sinngemäß ausdrückte, dass „wir ohne Abtreibungen keine ausländischen Gastarbeiter gebraucht hätten“. Diese „Theorie“ hat mich entsetzt und inspiriert, mal zu behaupten, dass „wir ohne Wehrpflicht keinen digitalen Rückstand in Deutschland hätten“.

RMD

16 Wegmarken für freie und agile Schule.

 

Roland mit Schultüte.

Mit jedem Jahr, das ich älter werde, meine ich, dass wir deshalb in unserer Gesellschaft soviel unfassbaren Unsinn, Feindseligkeit und Grausamkeit erleben, weil wir von jung an in einer Art und Weise sozialisiert werden, die uns dann als Heranwachsende und „Erwachsene“ so viel Mist bauen lässt.

Wir werden bei unserer Sozialisierung eingewickelt.

Die erste Windel gleich nach der Geburt könnte eine Metapher für eine solche Einwicklung sein. Die Windel brauchen wir, weil wir sonst zu viel Spuren hinterlassen würden. Und die Einwicklung geht mit jedem Tag unseres jungen Lebens weiter. Wir lernen, was wir tun dürfen und was wir sein lassen müssen, was gut oder schlecht, was richtig oder falsch, was böse oder lieb ist …

Um uns wieder autonom „entwicklen“ zu können, müssen wir uns wieder „auswickeln“ – was natürlich schwer genug bis unmöglich ist.

Ich bewege mich in der Hoffnung (oder Illusion?), dass man als Eltern gemeinsam mit und unterstützt von der externen Instanz, die Schule genannt wird, das Lebensglück der nachfolgenden Generation viel besser hinkriegen könnte, als es derzeit passiert.

Als Reaktion auf meine Artikel zum Thema „Schule“ habe ich gelernt, dass nicht nur mich sondern viele andere Menschen eine große bildungspolitische Ungeduld plagt.

Dann lasst uns doch etwas tun!

In IF-Blog habe ich berichtet (Cristophine I), wie ich bei einem Besuch der Christophine in Marbach erlebt hatte, wie Schule gehen könnte oder müsste. Im Folgeartikel (Christophine II) dazu habe ich argumentiert, warum ich eine neue Form und Implementierung von Schule für zwingend notwendig halte.

Jetzt habe ich ein älteres, ein wenig verschüttetes Papier aus dem Umfeld der Freien Schule Christophine (FSC) entdeckt. Das Papier beschreibt 16 Wegmarken zur Positionierung der FSC. Für mich ist jede der in diesem Papier als „Wegmarke“ benannte Block eine Metapher für eine Dimension eines Denkprinzips, das eine freien Schule haben muss. Da ich es schade finde, wenn solche wertvolle Gedanken ungelesen in Schubladen liege, veröffentliche ich hier die 16 Wegmarken.

Die als Wegmarken bezeichneten Blöcke beschreiben jeweils eine Denk-Dimension und in ihrer Summe die Mentalität (heute auch als mindset bezeichnet), die eine freie Schule haben muss. Sie zeigen, wie Schulkinder, Eltern und Lehrer als die wichtigen Stakeholder einer freien Schule, aber auch Schulleitung und Kollegium als relevante Gremien denken und fühlen.

Gefunden habe ich die „Wegmarken“ als Gliederung der Standortbestimmung dieser besonderen Schule – der marbacher christophine. Ich gehe mal davon aus, dass auch die „Wegmarken“ aus der Feder von Lorenz Obleser stammen, dem „Vater“ der „Marbacher Pädagogik“.

In diesem Artikel steht die „christophine“ für mich als Metapher für „freie, agile und von Lehrern, Eltern und Kindern gemeinsam selbstorganisierte Schule“. Ich vermute, dass es mehr davon gibt und auch viele Pädagogen es genauso machen möchten. Da bin ich froh darüber, denn bald kommen die ersten meiner Enkel in die Schule.

In den folgenden 16 Wegmarken kommen Schulkinder, Lehrer, Eltern aber auch die Gremien wie Lehrerkollegium und Schulleitung zu Wort. Die Aussagen dieser „stakeholder von Schule“ erscheinen mir authentisch.  Sie erläutern narritativ den in den Wegmarken definierten Anspruch der FSC (Freien Schule Christophine), die für mich ein herausragendes Muster für eine funktionierende, agile, selbstorganisierte und freie Schule ist. Die Wegmarke ist so ein Block mit Aussagen der Stakeholder, am Ende jedes Blocks wird (invers) die Bedeutung noch mal zusammengefasst.

Lassen wir jetzt ganz einfach die Wegmarken auf uns wirken. Vielleicht hilft es, wenn wir den Verstand kurz mal ausschalten und uns einfach für die Botschaften öffnen.

 


 

 

Sich öffnen beim Gehen und Denken im Frühling.

 

16 Wegmarken

 

 


 

Wegmarke 1 – Individualität in der Schule

Schulkinder
Ich mache Mathe, schreibe eine Geschichte, arbeite in meinem Schreibschriftheft, übe Rechtschreibung. Wir forschen, beobachten die Katze. Ich gehe hoch tanzen, spiele mit dem Diabolo draußen.

Eltern
Ich glaube nicht, dass ich als Lehrerin im Unterricht angemessen auf ein Kind reagieren könnte, wenn es sich so zeigen würde wie mein Sohn. Er ist schon sehr speziell.

Kollegium
Die Lösungswege der Kinder sind so unterschiedlich. Da war doch noch nie einer wie der andere.

Schulleitung
Wer weiß denn wirklich, wovon er redet, wenn er von Individualität spricht. Das war doch viel zu lange eine unbekannte Größe.

An der Christophine werden die Kinder ermutigt, sich immer wieder auszuprobieren, neu zu formulieren und zu gestalten. In dieser Kultur des Selbstbildens kann jeder, unabhängig von schulischer Leistungsfähigkeit, seine Individualität kennenlernen und seine Identität behaupten. Das gilt für die Schulkinder wie auch für die Erwachsenen. In solchem Umgang miteinander wächst die Anerkennung der Individualität des Gegenübers. Diese Gleichwürdigkeit bereichert den Schulalltag, da alle Schulangehörigen sich produktiv in die verschiedenen Lernprozesse des Unterrichts einbringen können.

 


 

Wegmarke 2 – Lernwege im Schulsaal

Schulkinder
Das mach ich nachher. Ich gehe zuerst lesen.

Eltern
Zum Glück sieht man bei dem Matheheft ja, wie weit die Kinder schon sind.

Schulkinder
Zu leicht? Aber das habe ich doch für N. gemacht. Der ist Erstklässler.

Kollegium
Warum spricht man bei Erwachsenen eigentlich von Weiterbildung und bei Kindern von Dazulernen?

Schulkinder
Jetzt möchte ich Schreibschrift lernen.

Schulleitung
Handlungsorientiert? Das hört sich gut an. Wichtiger ist mir, dass die Kinder sehen, dass sie zur Handlung befähigt sind.

Das Lernen der Kinder gehört nicht nur physiologisch zu den individuellsten und persönlichsten Vorgängen. Es bewegt sich in kognitiven, ästhetischen und sozialen Zusammenhängen. Die Schule Christophine begleitet die Kinder bei der Suche nach den erfolgreichen Lernwegen. Erfahrungen werden über alle Sinneskanäle ermöglicht, da schließlich auch gespeichertes Wissen auf verschiedensten Wegen abgerufen wird. Die individuellen Lernformen charakterisieren die unterschiedlichen Lerntypen. Mit unserer individualisierten Arbeit im offenen Unterricht helfen wir den Kindern mittels ihrer Erfolgserlebnisse ihre Frustrationsgrenzen kennen zu lernen und auch positiv verschieben zu können.

 


 

Wegmarke 3 – Selbstorganisation als Lernziel

Schulleitung Bitte tragt in eure Arbeitszettel ein, was ihr macht.

Kollegium
Das muss alles ich aufschreiben, die Kinder denken nicht dran und vergessen es.

Schulleitung
Du hast schon länger nix mehr gerechnet, oder?

Schulkinder
Heute habe ich Mathe gemacht, weil es meine Mutter gesagt hat. Sonst muss ich es daheim machen.

Schulleitung
Wenn mir ein Kind sagt, es langweile sich, dann sage ich nix. Wenn es fragt, was es machen soll, dann sag ich: mach Mathe. Das wird am liebsten verdrängt.

Eltern Seine Hausaufgaben macht er ganz alleine. Da gibt es nie Theater.

An der Christophine beziehen wir uns auf Erkenntnisse, die zeigen, dass Kinder selbst ausreichend schöpferisches Potenzial mitbringen, um Lernsituationen wahrzunehmen und sich auch selbst in diesen formulieren können. Kinder sind in der Lage ordnend im Sinne von schöpferischem Handeln ihre Umgebung mitzugestalten, um sie ihren Bedürfnissen anzupassen. Die Schule Christophine stellt den Schulkindern die entsprechenden Werkzeuge zur Verfügung, um ihnen in diesem Sinne den entsprechenden Raum zur Verwirklichung zu geben. An der Christophine wird allen Schulangehörigen die Möglichkeit eingeräumt, ihre eigenen Strukturen zu finden, da solcherart entwickelte Strukturen von größerer Stabilität sind. Dies gilt sowohl für das Lernen als auch für das Zusammensein.

 


 

Wegmarke 4 – Eigenaktivität und Zusammenarbeit

Schulkinder
Komm, ich zeige dir, womit du das ganz leicht raus kriegen kannst.

Kollegium
Wenn N. sagt, er macht nichts oder er nicht einmal etwas sagt, dann bin ich immer wieder kurz geschockt.

Schulkinder
Warum fragst du, ob mir das Spaß macht? Ich mache in der Schule nur Sachen, die mir Spaß machen. Deshalb mach ich manchmal eben eine Weile auch nix.
Wir habe in derselben Woche Geburtstag und sind gleich alt. Aber in der wievielten Klasse bist du?

Eltern
Immer wieder hören wir im Elterngespräch, dass er nix arbeitet. Ich habe dich das schon einmal gefragt: Meinst du, dass unser Sohn genügend lernt?

Christophine setzt deutlich auf die Eigenproduktion der Schulkinder. Aus ihr heraus entwickeln sich Fragen, die oft nach einer Fortsetzung in anderen Arbeitszusammenhängen rufen. Sei es nach Mitarbeitern oder Korrektoren, Motivatoren – Partner, die ein Stück Lernweg miteinander gehen. Dass die Schulkinder gerne auf Bewährtes in Form von strukturierten Arbeitsmaterialien zurückgreifen, ist Ausdruck des Bedürfnis nach gewährleistetem Lernfortschritt.

 


 

Wegmarke 5 – Selbstwirksamkeit

Kollegium
Dann geh ins Rathaus und sag das dort.

Schulkinder
Ich frag nachher den Busfahrer.

Eltern
Wir haben dann alle Bäckereien abgeklappert und haben nach dem Rezept für deren Nudeln gefragt.

Schulleitung
Da hast du recht. Es war nicht gut, dass ich das gesagt habe.

Eltern
Dass er aufs Gymnasium geht, ist nicht so wichtig. Hauptsache, er findet in den kommenden Monaten zu sich selbst und kann sich wieder auf die Schule freuen.

Kollegium
Ich will nicht, dass du so frech zu mir bist.

Schulkinder
Jetzt lass ihn doch ausreden …

Lernen ist kein Hinarbeiten auf einen späteren Zustand, sondern Freude auf diesen, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk darlegt: „Lernen ist Vorfreude auf sich selbst. Diese Vorfreude auf den nächsten eigenen Zustand ist das, worauf es ankommt.“ Die Schule Christophine besteht darauf, dass der Erhalt der ursprünglichen Lernfreude und die beim Lernen entwickelte Kreativität und Selbstwirksamkeit bedeutsam bleiben. Mag auch die Leichtigkeit verloren gehen, mit der ein Mensch einst lernte: Lernte er stets mit Freude, so kann er auch später noch gerne lernen.

 


 

Wegmarke 6 – Soziale Kompetenzen

Schulkinder
Guck doch auf den Schulkompass. Das ist bei uns der sechste Finger, das Miteinander.

Eltern
Das hat mich schon beeindruckt, wie souverän sich jedes Kind da hingestellt hat.

Kollegium
Man sieht aber auch, wie sich alle immer wieder in Abhängigkeiten verstricken.

Schulleitung
Unsere Schule lebt vom Miteinander. Vom gemeinsamen Spielen bis zum Teilen unserer Erkenntnisse. Alles andere können doch Hauslehrer abdecken.

Die Fähigkeit, sich in der Gemeinschaft zu orientieren und zu behaupten, ist wichtig. Der Erwerb von Fachkompetenzen in der Schule ist am Lernort Schule kaum ohne Gemeinschaft zu bewerkstelligen. Die auffällige Zahl an Kindern ohne Geschwister ist eine Besonderheit. Bei gleichzeitigem Verschwinden von Freiräumen für Kinder außerhalb der Schule ist dem sozialen Lernraum, wie ihn Schule bietet, eine wichtige Rolle zugekommen. Wie die Schulkinder im Schulgeschehen, so muss sich die ganze Schule in der Bildungslandschaft behaupten.

 


 

Wegmarke 7 – Wissen und Kompetenzen

Schulleitung
Bitte frage R., der hat sich gestern mit dem selben Thema beschäftigt.

Eltern
Ich bin immer ganz erstaunt, was er erzählt.

Schulkinder
Jeder kann irgendwas. Jeder kann einem was zeigen.

Kollegium
Den Anspruch haben wir doch wohl, dass ein Kind an der weiterführenden Schule ohne Nachhilfe bestehen kann.

Wir räumen den Kulturtechniken Rechnen und Schreiben einen möglichst großen Raum ein. Unsere Schule ist ein Ort voller Herausforderungen. Das Lernen und Arbeiten erfährt größte Wertschätzung. In diesem Sinn versteht sich unsere Schule als tatsächlicher Erfahrungsraum, in dem es viel zu erkennen und zu genießen gibt, aber nur wenig zu konsumieren. Der hohe Aufforderungscharakter soll nicht nur auf die Schulkinder wirken, sondern auch auf die Erwachsenen.

 


 

Wegmarke 8 Schule als Erfahrungsraum

Kollegium
Wenn du das machen möchtest, dann organisiere, was du brauchst. Ich helfe dir gerne. Sag mir Bescheid.

Eltern
Wir Eltern wissen doch gar nicht, wie die Schule ihre Erfahrungen gemacht hat.

Schulleitung
Die Schule ist ja ein Ort, der lernt.

Schulkinder
Das kann ich nicht. Das mag ich nicht mehr. Das ist abgestürzt.

Kollegium
Lass uns überlegen, warum das mit dieser Arbeit nicht geklappt hat.

Schulkinder Ich will, dass wir darüber abstimmen … Aber da gibt es doch schon eine Regel. Eigentlich haben wir gesagt … Ich bin die Kreisleitung und mache das jetzt so. Du kannst das anders machen, wenn du die Kreisleitung hast. Das will ich im Schlusskreis vorstellen.

Um Lernen zu ermöglichen, setzen wir keineswegs nur auf originelle Situationen. Erkenntnis muss nicht quasi epiphanisch im Schulsaal einschlagen. Viel Erfahrung tut sich auf bei den vielen kleinen Mühen, die der Schultag einem abverlangt. In diesem Sinn verstehen wir das gewohnte Arbeiten auch als ein Üben, das die Handlungsmöglichkeiten erweitern kann.

 


 

Wegmarke 9 – Schule im Kontext der Stadt

Schulkinder
Wir sollten wieder einmal dort hingehen.

Schulleitung
Ich bin mir sicher, dass die Kinder, wo sie auch hinkommen, ernst genommen werden. Weil alle unsere Schule Christophine kennen.

Schulkinder
„Lieber Herr Bürgermeister, wir wollen Sie besuchen und mit Ihnen über die kaputte Ampel sprechen.“ – „ Sehr geehrte Polizei, können Sie bitte zu uns kommen. Drei Viertklässler müssen die Fahrradprüfung machen.“

Kollegium
Endlich habe wir es wieder einmal ins Museum geschafft.

Schulleitung
Der Turnverein bietet uns die dritte Stunde an.

Eltern
Eltern müssen immer etwas beitragen. Alles kann Schule doch gar nicht leisten. Ich gehe mit meinem Sohn zum Malen und zum Turnen.
Vielen Dank, dass ihr mit den Kindern den Ausflug gemacht habt.

Unsere Stadt Marbach und ihr regionales Umfeld ist der Humus, in dem unsere Schule gedeiht und unser Lernen gelingt. Von hier kommen die Schulkinder, hierher fahren sie mit dem Bus und der Eisenbahn. Wir können an der Stadtmauer klettern, an der Burgruine hüpfen, in Schillers Geburtshaus Gedichte lesen. Hier haben wir Nachbarn, die mit uns schimpfen, wenn die Erdbeeren im Garten unbefugt geerntet werden.

 


 

Wegmarke 10 Angstfreie Schule

Eltern
Mein Sohn bedauert es immer, wenn keine Schule ist.

Schulleitung
Ohne Sorge bin ich jedenfalls nicht immer, wenn ich in die Schule gehe. Im Schulsaal sehe ich mich dann aber wieder ausreichend souverän ausgestattet.

Kollegium
Das ist doch normal, wenn man auf den anstehenden Schultag mit Respekt guckt.

Schulkinder
Wenn einer im Garten mit einem Stock herum fuchtelt, dann habe ich Angst. Aber nur, dass er mich trifft. Wenn er mich trifft, dann werde ich dafür sorgen, dass derjenige eine Woche Stockverbot kriegt.

Vor Furcht dürfen wir uns nicht fürchten. Angst machen aber dürfen wir niemandem. Wir sind eine Ermutigungsschule, die sich an Fehlern freuen kann, die Ausrutscher als Gelegenheit zur Pause nimmt und über einen Patzer auch einmal lachen will. Emotionen regulieren die Qualität des Lerngeschehens im Schulsaal. Mit unseren Befindlichkeiten können wir uns aber auch selbst im Wege stehen.

 


 

Wegmarke 11 -Rolle der Erwachsenen

Schulleitung
Schau mal, ich habe das hier für dich rausgesucht. Du hast doch noch das eine ungelöste Problem.

Schulkinder
Ich brauche das eine Werkzeug, weißt du, wo das ist?

Kollegium
Ich greife auf, was von den Kindern kommt. Wenn mir zu wenig kommt, dann fange ich selbst an etwas zu werken, schöpfen im Sinne unseres Arbeitsbegriffs.

Schulkinder
Das habe ich mir alles selbst beigebracht.

Eltern
Ihr begleitet doch die Kinder mehr bei ihrem Lernen, oder?

Bei uns gibt es nur eine Lehrerin. Aber jeder ist hier mal Meister, Schulmeister, und auch Lernbegleitung. Es gibt Mitspieler. Und Verantwortungsträger. Das sind die Chefs. Das ist dann aber keine Frage des Alters, sondern eher eine der Ansprüche. Des Könnens und des Wollens.

 


 

Wegmarke 12 – Gemeinsame Reflektion im Schulsaal

Kollegium
Was können wir ändern, damit das beim nächsten Mal besser klappt?

Schulleitung
Unsere Schule braucht einen institutionalisierten Ort für Zweifel. Zweifel an der Pädagogik, am eigenen Tun, an den Materialien, der Politik, eben für alles, worüber man sich die Haare rauft.

Kollegium
Innovativ? Die Kinder sind konservativer als ich.

Schulleitung Unsere Schule ist jetzt in der dritten Halbzeit. Wie bisher werde ich nicht weitermachen.

Das gemeinsame Gespräch wird schon mit unserer Möblierung kenntlich gemacht. Wir haben ein Versammlungseck, die Quadratur unseres pädagogischen Kreises. Hier hat die Gemeinschaft ihren festen Ort, bespricht sie die schwierigen Dinge und trifft sie sich für die Freuden an der leichten Muße. Die Verantwortung für die Gesprächsleitung wechselt regelmäßig. Dadurch findet eine Erziehung statt, die nicht nur zu einem demokratischen Bewusstsein führen soll, sondern selbst in diskursiven Zusammenhängen und demokratischen Verhältnissen ihren Platz hat.

 


 

Wegmarke 13 – Schule feiert

Schulleitung
Herzlich willkommen zu unserem großen Fest im Mai, unserem Schauspiel zum Jahresschluss, zu unserem großen Fest am ersten Ferientag …

Schulkinder
Wir müssen heute drei Geburtstage feiern. J. und C. hatten in den Ferien.

Schulleitung
Das ist doch allein schon jedes Mal ein Fest wert, wenn jemand etwas Tolles geschafft, etwas Neues entdeckt hat. Das ist ein Grund zum Feiern, sag ich dann.

Schulkinder
Wir könnten doch wieder einmal das eine Lied singen. Ach, nöö.

Orientiert am Beispiel der Bürgergesellschaft kommen an der Christophine die Menschen zusammen, um ihre Angelegenheiten in die Hand zu nehmen und damit zu einem gelingenden Schulleben beizutragen. Dazu gehört die Regelung von Alltagsproblemen genauso wie die Planung und Durchführung von Schulfesten oder Ausflügen. Die Erwachsenen regen diesen Auseinandersetzungsprozess an, indem sie auf bevorstehende Ereignisse hinweisen, oder Missstände zur Diskussion bringen.

 


 

Wegmarke 14 –  Schule versus Familie

Kollegium
Die Partnerschaft mit den Familien haben wir ja in unserem Schulvertrag deutlich hervorgehoben.

Eltern
Das ist das, was ich allen immer sage. Hier spricht man viel mehr miteinander.

Schulkinder
Das darfst du nicht bestimmen. Du bist nicht meine Mutter.

Schulleitung
Das Plaudern zwischen Tür und Angel zähle ich aber nicht zum verbindlichen Austausch zwischen Schule und Familie. Das ist eher das Schmiermittel für gemeinsames pädagogisches Handeln.

Schulkinder
Am Samstag war ich mit meiner Mama wieder zum Putzen da. Da hatte ich das ganze Schulhaus für mich alleine.

In vielen Schulsituationen macht sich ein familiärer Geist bemerkbar. Dieser sorgt dafür, dass die Schulangehörigen sich geborgen fühlen in ihrer Gruppe, sich aufgehoben in ihrem Tun wissen. Es gibt intime Situationen voller Selbsterkenntnis und auch Zuneigung. Weil aber auch unsere Schule eine eigenständige Institution, eine Bildungseinrichtung ist, lassen wir keine Aufgaben der Familie auf uns delegieren. Schule und Familie sind zwei Dispositive, die nicht den selben Regeln unterworfen sein müssen.

 


 

Wegmarke 15 – Vielfalt in der Schule

Schulleitung
Ich will schon ein Repräsentant der Vielfalt sein.

Eltern
Die Familien kommen doch aus den verschiedensten Milieus.

Schulleitung
Wir motivieren jeden, uns im Schulsaal zu besuchen. Und wer hospitieren will, der muss im Gegenzug etwas mitbringen, dass auch wir etwas von dem Besuch haben.

Kollegium
Starwars, Ninjago und James Bond. Viele Ideen kommen nicht immer zusammen.

Die stete Aufforderung zur Entscheidung verlangt allen Schulangehörigen viel ab. Die dadurch entstehende Pluralität der Schularbeiten und Anregungen gewährleistet, dass Inhalte sich multiplizieren können und überraschende Reibungsflächen und Berührungspunkte entstehen. Es ist Aufgabe der Schule, den Schulkindern einen beherzten Zugriff auf die eigene Kraft, die eigenen Bilder zu ermöglichen, um ihnen eine Alternative zu eindimensionalen Angeboten der Konsumgesellschaft zu bieten.

 


 

Wegmarke 16 – Große Ziele und bescheidene Ansprüche.

Schulkinder
Die Kinder entscheiden selbst … Das hast du selbst immer gesagt.

Schulleitung
Die pädagogische Entwicklung und das ökonomische Wachstum sind harmonisch verbunden. Wo keine Schulden ab zu tragen sind, da ist Lernen einfacher.

Eltern
Unser Mitdenken ist ja immer an die Entwicklung der Kinder gekoppelt. Irgendwann sind die an einer anderen Schule,.

Kollegium
Die Christophine ist unser Arbeitsplatz. Wo alles größer und besser wird, da kann man eines Tages ja vielleicht auch einmal ein wenig mehr verdienen als heute?

Die Schule
Christophine wurde aus einer großen bildungspolitischen Ungeduld heraus in die Bildungslandschaft eingebaut. Sie kann inzwischen vier Jahre Unterrichtserfahrung aufweisen. Der Schulträger hat noch vier Jahre, um seine Gründungsschulden abzutragen. Das Schulhaus bietet noch Platz für elf Schulkinder. Solange muss der Wunsch der Eltern nach einer Sekundarstufe warten …

 

 


 

Hier die Quelle dieser Gedanken:
CHRISTOPHINE – marbach – freie schule

Freie Schule Christophine e.V. · Ludwigsburger Straße 24a · 71672 Marbach am Neckar · 07144/305 80 98
info@freie-schule-christophine.de · www.freie-schule-christophine.de
Kreissparkasse Ludwigsburg BLZ 604 500 50 Konto 300 520 11· GLS Gemeinschaftsbank BLZ 430 609 67 Konto 700 5615 700

 

 


 

 

Ich gebe die „Wegemarken“ weiter, weil ich meine, dass diese eine ausgezeichnete und ziemlich allgemeingültige Inspiration sind für alle Menschen, die sich mit Schule beschäftigen und sich nach agiler und freier Schule sehnen!

RMD

Vorab ein bekannter Witz:


Der Planet ERDE begegnet auf seinem Wege durch das All einem befreundeten Planeten. Dieser fragt die ERDE, wie es ihr denn so gehen würde. Die Erde antwortet: „Schlecht, ich habe Homo Sapiens“. Der andere Planet tröstet die Erde: „Mach Dir keine Sorgen, das geht rasch vorbei!“


In duerre.de habe ich mir für dieses Jahr vorgenommen:


Vorträge & Aktivitäten in 2018:

Aufwachen! Die Glocke schlägt!

Mein persönliches Hauptthema in 2018 sind die gnadenlose Zerstörung unserer Umwelt und deren Folgen. Daneben beschäftigt mich die tiefgreifende Veränderung aufgrund des rasanten technologischen Fortschritts, der als „Digitalisierung“ bezeichnet wird.

Besonders beobachte ich den gesellschaftliche Wandel, den wir in der Erwachsenenwelt feststellen, der aber an Kindern und Jugendlichen in Hort-, Kindergarten- und Schulsituationen völlig vorbei zu gehen scheint. Denn unseren Kindern zwingen wir ein Leben auf, dass genau dem Gegenteil dessen entspricht, was wir für uns beanspruchen.

Die Zerstörung der Umwelt empfinde ich als existenziell bedrohlich. So habe ich den begründeten Verdacht, dass die Menschheit nur noch wenige Generationen existieren dürfte. Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll, meine aber, dass wir zumindest alles versuchen sollten, so lange es uns noch gibt, friedlich und glücklich zu leben. Ein wenig bleibt mir die Hoffnung, dass wir in einer digitalen Welt die massive Zerstörung der Umwelt ein wenig eindämmen können.

So versuche ich in meinen Vorträgen und Interaktionen jetzt vor allem meine Erfahrung und mein Wissen zu teilen und besonders jungen Menschen zu helfen, glücklicher und erfolgreicher zu werden. Weil das vielleicht ein kleiner Beitrag für eine ein wenig „bessere“ Welt sein könnte.


Ich möchte das kurz erklären und begründen:


 

  • Erwachsene wollen Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit. Kinder müssen gehorchen.
  • Die Arbeitszeit für Erwachsene wird weniger, für Schüler und Studenten mehr.
  • Erwachsene wollen sich bewegen, Kinder müssen sitzen.
  • Führung will Erwachsene größer machen, Schule macht Kinder klein.
  • Erwachsene bekommen Gleitzeit und Teilzeit. Kinder müssen pünktlich da sein und bekommen die Ganztages-Schule.
  • Erwachsene wollen intrinsisch motiviert leben, Kinder werden extrinsisch motiviert.
  • Erwachsene wollen mitwirken und gemeinsam lernen, Kinder werden gedrillt und müssen pauken.
  • Erwachsene wollen sich in der Arbeit selbstverwirklichen und Freude haben. Kinder müssen Dinge lernen, die keiner braucht und von den Erwachsenen auch nicht mehr beherrscht werden.
    (Hierzu gibt es dann noch einen eigenen Artikel).
  • Erwachsene leben aktiv, sie streben nach Work-Life-Balance. Das Diktat in Hort, Kindergarten und Schule kennt das nicht.

#Undsoweiter!


Vielleicht würden wir eine friedlichere und wenig unheilvolle Welt schaffen, wenn wir unsere Kinder Menschen gerecht halten und behandeln würden. Damit sie glückliche Erwachsene werden und auf Konsum und Kriege verzichten können. Und nicht selbstzerstörerisch den Planeten weiter so kaputt machen, wie gerade unsere Generation das gemacht hat.

RMD

P.S.
Hier ein Vortrag von Bruno Gantenberg über „unSchooling“. Der macht manches klar.

Roland Dürre
Donnerstag, der 5. April 2018

Sind wir noch zu retten?

1999 ist es auf dem IT-Treff aufgeführt worden, unser Theaterstück „Sind wir noch zu retten?“ Deshalb haben wir es als die IT-Treff Satire (1734) – hier zum Lesen oder Nachspielen – bezeichnet. Erdacht und geschrieben wurde das Stück von Norbert Weinberger und mir – auf einem Nachtflug nach Indien. Und dann in vielen Stunden Feinarbeit poliert, mit Freunden eingeübt und schließlich im Schlachthof zu München vor gut 700 Zuschauern aufgeführt.

Wir standen damals als Amateure in guter Tradition zu den Vorjahren, in dem sich der IT-Treff um berühmte Protagonisten wie Gerhard Polt und Django Asül durch lange Nächte feierte. Der Saal war immer überfüllt, es war heißer Sommer. Und in 1999 gab es so einen wunderbaren Abschluss der legendären IT-Treffs an gleicher Stelle. Weil es so schön war, haben wir beschlossen aufzuhören. Eine gute Regel, wie ich immer wieder erlebt habe.

Damals glaubte ich – und ich denke auch der große Gerhard Polt – dass man noch etwas retten könnte. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn es passieren zu viele Dinge, die ich so gar nicht verstehen kann.

  • Ein so sinnloser Krieg in Syrien, den niemand stoppen kann oder will.
  • Ein Deutschland, dass als Nachfolge-Staat des dritten Reichs, wieder so richtig mit spielt, wenn es um die Produktion von Waffen und dem immer wieder vorhersagbar erfolglosen Versuch geht, Probleme militärisch zu lösen. Das trifft mich persönlich so hart, weil wenn ein Staat eine gute Begründung gehabt hätte, davon für immer Abstand zu nehmen, dann wäre es genau dieses Deutschland. Hat es aber nicht gemacht – und eine historisch einzigartige Chance verpasst.
  • Eine Sprache, die Kriege verharmlost, indem sie dauernd von Informations- und Wirtschafts-Kriegen spricht.
  • Eine Welt-Wirtschaft, die sich immer mehr aufs Wetten konzentriert und sich schon lange von der realen Wirtschaft abgelöst hat.
  • Und nebenher den Planeten auch so etwas von gründlich ruiniert, dass es wahrscheinlich schon völlig wurscht ist, dass immer mehr Menschen immer ärmer und ganz wenige absurd reich werden. Weil es eh bald vorbei ist.
  • Eine Welt, in der in wohlhabenden Ländern wie in der BRD auf 1 Tonne Auto wahrscheinlich keine 100 Kilo Mensch mehr kommen. Obwohl die Menschen auf dieser Welt – besonders die Autofahrenden – alles andere als Leichtgewichte sind.
  • Mit Menschen auf dieser Welt, denen der Platz für Autos wichtiger ist als für der Platz sich selber.
  • Mit einem Prinzip, dass systemisch nicht mögliches Wachstum über „weniger ist mehr“ stellt.
  • und so vieles mehr das doch keiner mehr verstehen kann und trotzdem alle irgendwie machen …

Dabei bin ich doch gar kein trauriger und pessimistischer Mensch. Im Gegenteil, ich genieße das Leben, habe viel Freude und Spaß. So dass ich schon fast ein schlechtes Gewissen habe, weil es mir so gut geht. Dass ich dann beruhige, in dem ich hier so blödsinnige Artikel wie diesen schreibe. Oder mal so etwas mache wie im Video unten. Blöd nur, dass ich den Eindruck habe, dass alles für die Katze ist. Und obwohl mir eigentlich alle zu stimmen, immer kollektiv genau das Gegenteil gemacht wird.

Also – Danke fürs Lesen! Und vielleicht sogar fürs Video anschauen. Und wenn das Video gefallen hat, dann hier noch ein Besseres! Das sich noch mehr anzuschauen lohnt!

Sorry, ich kann es halt nicht lassen!

RMD

P.S.
Das Theaterstück (IT-Treff Satire) war so toll, dass ich es gerne mal wieder anschauen würde? Wer spielt es mal? Eine Wiederaufführung würde ich gerne unterstützen. Vielleicht in einem Potpourri von ein paar kurzen und schnellen Stücken, eingerahmt in ein schönes Fest?

Roland Dürre
Mittwoch, der 1. November 2017

Von Authentität und Identität in realer und virtueller Welt.

 

Eine Gradwanderung

 

Steinmaske aus der vorkera­mischen Jung­steinzeit um 7.000 v. Chr., eine der ältesten Masken der Welt (Musée Bible et Terre Sainte, Paris)

In diesem Artikel formuliere ich Gedanken, die mir bei meiner aktuellen Beschäftigung mit „block-chain-Technologien“ allgemein und im besonderen mit „Krypto-Währungen“ wie Bitcoin gekommen sind und mich selber schon sehr überrascht haben. Weil mir da so manches klar geworden ist, was mir vorher gar nicht klar war.

Ich beginne mal mit Begriffen. Zuerst mit WELT, REAL wie VIRTUELL.

Unter WELT verstehe ich, alles was mich umgibt – Menschen, soziale Systeme … Ich verkehre mit WELT durch Interaktionen und Transaktionen. Meine Handlungen berühren nicht nur mich sondern auch Instanzen aus WELT. Andererseits streifen oder treffen mich Ereignisse aus WELT.

Für mich ist die REALE Welt immer das, was ich sehen, anfassen, fühlen, erleben … kann. Oder was ich essen kann. Auch das Holz, mit dem ich meinen Ofen füttere, damit es in meinem Zimmer warm wird. Auch die Wärme, die von der Zentralheizung kam, ist für mich REAL. Denn ich weiß ja, wo die Wärme herkommt, sei es von draußen als Fernwärme oder von der Heizung im Keller. Sogar Geld war für mich REAL – aber stimmt das überhaupt?

Ich würde sagen, alles von dem ich mir selber ein Bild machen konnte, war für mich REALE Welt. Aber auch Zeitungen waren für mich REAL, wie Telefongespräche. Sogar das Fernsehen war für mich Teil der REALEN Welt. Ist das noch so?

VIRTUELLE Welt waren für mich unter anderem die „sozialen“ Angebote und Produkte der digitalen WELT, an deren Erschaffung ich ja selber mitgewirkt habe. Da muss man gar nicht so weit denken wie an „second life“ und ähnliches. Vielmehr waren „meine“ ersten VIRTUELLEN Welten Foren und „chat rooms“, in denen diverse, oft fachliche Themen diskutiert wurden.

Heute könnte das unter anderem „Social Media“ sein wie Twitter, FaceBook und so viele mehr. Oder ist das alles auch REAL?

Betrachten wir jetzt die Begriffe AUTHENTITÄT und IDENTITÄT. Da habe ich zuerst gelernt, wie schlampig ich (und die Gesellschaft) mit dem Begriff der IDENTITÄT umgehen. Ich dachte immer, die Identität eines Menschen gibt es nur einmal. Das ist zumindest für die VIRTUELLE Welt Unsinn. Denn da gibt es (noch) Anonymität.
Anonymität bedeutet, dass
eine Person oder eine Gruppe nicht identifiziert werden kann. Von der Bedeutung her zum Teil synonym zu anonym ist inkognito, sonst spricht man im Deutschen von unbekannt, verdeckt und namenlos (Wikipedia 10/2017).

Daraus folgt, dass eine Person – die sich „anonym“ im Netz tummeln will (wie z.B. als Bitcoin-Eigentümer in der dazu gehörenden Geld-Community) – nicht nur eine sondern mehrere Identitäten braucht! Sozusagen für jeden Zweck eine andere. Hinter all diesen Identitäten steht immer nur eine Person, die zweifelsfrei und eineindeutig existiert, zu der die Identitäten aber nicht führen! Es gibt also eindeutige Abbildungen von der „authentischen Person“ zu ihren diversen Identitäten, aber keinen Weg zurück – d.h- über die Identität ist es unmöglich, die Person dahinter zu ermitteln. Das finde ich ganz schön aufregend!

Authentität ist für mich sozusagen eine ausgezeichnete Form von Identität, also die nur einmal vorhandene und wahrhafte „Ur-Identität“, die sich hinter verschiedenen Identitäten versteckt. In Wikipedia finde ich den Begriff AUTHENTITÄT übrigens nicht, aber sehr wohl den Begriff der Authentizität. Weil er fürs Thema  so wichtig ist, zitiere ich ihn:
Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch (Wikipedia 10/2017).

So würde ich sagen, dass die Identitäten nichts anders sind als anonyme Alias-Instanzen für einzig authentische Instanz, die ich jetzt mal Authentität nenne. In der VIRTUELLEN Welt sind das nichts anderes als Masken bzw. Avatare. Der Eigentümer der Maske / des Avatar bleibt anonym und kann nicht ermittelt werden, er hat aber einen quasi „automatischen“ (durch Technologie & Algorithmus gesicherten) Eigentumsanspruch an allem, was seiner Maske / seinem Atavar als Teil der „community“ gehört.

Bei Bitcoin wäre das so: Alle Bitcoin-Eigentümer sind Teil einer  besonderen Community von Identitäten, die alle anonym sind. Erstaunlich ist für: Das geht (oder soll gehen) per „peer2peer“-Interaktion. Also ohne zentrale Instanz!

Die dazu eingesetzte (notwendige?)  Technologie kostet allerdings einen hohen Preis, der diese „Währung“ zumindest als Zahlungsmittel unpraktikabel macht. So dass bitcoin nur noch der Spekulation (dem Wetten) dienen wird. Was aber an sich nichts besonderes ist – dienen doch mittlerweile weit über 90 % (99 % ?) der Währungsgeschäfte wie der Umtausch von EURO (€) in DOLLAR ($) und andersherum nur noch der Spekulation und nicht mehr dem Warenaustausch! Ist das normale Geld etwas auch schon VIRTUELL?

Zurück zum Thema: Ursprünglich dachte ich, dass meine IDENTITÄT meine AUTHENTITÄT ist. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, im Internet verstecke ich meine AUTHENTITÄT hinter verschiedenen IDENTITÄTEN. Und von diesen soll kein Weg zu meiner AUTHENTITÄT führen.

Die AUTHENTITÄT ist so eindeutig wie meine DNA. Die wäre ein guter „Schlüssel“ (als biometrisches Datum), da die Wahrscheinlichkeit einer doppelten DNA gegen Null geht (aufgrund der quasi Unendlichkeit von DNAs).

Noch muss ich z.B. im Hotel meinen Meldeschein ausfüllen, das heißt meinen Namen und Vorname, Geburtsort, Nationalität, meine Heimadresse und die Nummer meines Personalausweises angeben. Diese Daten in ihrer Kombination machen mich eindeutig. Mit dem Vorzeigen des Ausweises belege und meiner Unterschrift beurkunde ich die Echtheit (Wahrheit der Daten) meiner Person …
🙂 Das Hotel hat ja auch eine Adresse, obwohl die GPS-Koordinaten des Hoteleinganges präziser (und einfacher?) wären.

Aber lass uns der Reihe nach vorgehen und in der REALEN Welt beginnen: Ich habe als erstes in der REALEN Welt nach möglichen „echten anonymen Identitäten“ gesucht.

Als Beispiele sind mir eingefallen:

  • Nummernkonto
    Früher konnte man vorzugsweise in der Schweiz ein Konto eröffnen, das anonym war. Das Konto hatte nur eine (Konto-)Nummer, der Bank war jedoch nicht bekannt, wem das Konto (und das darauf befindliche Guthaben) gehörte. Die Legitimation erfolgte über die Nummer (sprich eine Chiffre). Und jeder, der die konkrete Bankfiliale besuchte und über Kontonummer und Chiffre verfügte, konnte (anonym) Geld abheben. Das hat viele Jahrzehnte gut funktioniert.
  • Bekanntschaftsanzeigen
    Früher konnte man in Tageszeitungen anonym zum Beispiel Bekanntschaftsanzeigen aufgeben. In der Anzeige gab es eine Chiffre, der wiederum ein Schlüssel zugeordnet war. Mit diesem Schlüssel konnte man die Zuschriften auf die Anzeige abhalten (die der passenden Chiffre zugeordnet waren).
    🙂 So erinnere ich mich, dass wir (vor allem die Mädchen in unserer Klasse) in der Schule in den 60iger Jahren aufgrund dieser „Anonymität“ vor Heiratsschwindlern gewarnt wurden …
  • KFZ-Kennzeichen, Telefonnummer …
    Im Straßenverkehr sind mir KFZ-Nummern eingefallen. Die waren früher auch anonym – obwohl es hier eine zentrale Instanz (so eine Art von „man-in-the-middle“) gab, die sehr wohl Bescheid wusste, wer der Halter war, der sich hinter dem Kennzeichen versteckte. Heute sind nur noch die KFZ-Kennzeichen von Fahrzeugen von Verfassungsschutz und ähnlichen Institutionen anonym – da kommt dann sogar die Polizei nicht dran.
    So war es auch bei Telefon-Nummern. Natürlich wusste die Post als „man-in-the-middle“, wer der Teilnehmer war, der sich hinter der Telefonnummer versteckte. Aber wer eine ausreichende Begründung hatte, war nicht im Telefonbuch und eigentlich nur durch Anrufen zu ermitteln.
  • Prepaid und E-Mail
    In der REELLEN Welt konnte man früher mit Mobiltelefonen dank Prepaid-Karten anonym bleiben. Und auch das Erwerben einer E-Mail-Adresse war ohne Angaben zu Person möglich. Oder ist das schon die „VIRTUELLE Welt“? Ich meine, das ändert sich derzeit zumindest in Deutschland massiv. So etwas geht immer weniger.
    Das Darknet der VIRTUELLEN Welt (?) soll ja auch immer weniger funktionieren. Das weiß ich aber nicht, sondern müsste ich erst untersuchen.

Also:
So richtig fallen mir keine aktuell existierende Anonymitäten über Identitäten in der REALEN Welt mehr ein. Im Gegenteil: Meine Wahrnehmung ist, dass ANONYMITÄT in der REALEN Welt unerwünscht ist und Gesetzgebern und Administration mehr oder weniger total abgeschafft wurde/wird.

Ist aber die VIRTUELLE Welt nicht Teil der REALEN Welt? Und ist die VIRTUELLE Welt nicht schizophren? Denn träumt manvon „anonymen Währungen und communities“, auf der anderen Seite macht man alles, um die Anonymität abzuschaffen!

So macht die Post Reklame für ihren POSTIDENT-Dienst, der ja auch nur ein Ziel hat: Die Anonymität auch in der VIRTUELLEN Welt abzuschaffen.


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(Postreklame)


Ist das nicht heiß? Man beachte auch hier die unpräzise Begriffsverwendung – Identitätsfeststellung und Legitimationsprüfung.

Aber der – sicher fragwürdige und leicht zu komprimittierende – Dienst wird von vielen Internet-Anbietern genutzt, die wissen wollen, mit wem sie es wirklich zu tun hat.

So stellen sich mir Fragen:

Ist es nicht unlogisch, wenn die REALE Welt die Anonymität komplett abschafft – diese aber in der VIRTUELLEN Welt Urstände feiern soll? Obwohl die VIRTUELLE Welt ja Teil der REALEN ist?

Was ist, wenn Technologie-Führer wie CHINA die Anonymität abschaffen? Folgt daraus nicht, dass durch die von uns von dort importierte Technologie sozusagen wir auch selbstredend die Anonymität verlieren?

Was macht es einen Sinn, wenn die Funktionalität des „guten alten Schweizer Nummernkonto“ durch anonyme Krypto-Währungen wieder realisiert wird?  Will man das überhaupt? Oder ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis diese verboten werden, weil z.B. auch das Bankgeheimnis nicht mehr im gesellschaftlichen Trend liegt?

Ist das Ganze nicht vielmehr nur ein ganz besonderes Werkzeug von Spekulation – so wie das „Wetten im Internet“ fröhliche Urstände feiert und zu einem massiven Geschäft betreffend Umsatz und Profit geworden ist?

Ich meine, dass diese Themen im Rahmen von gesellschaftlicher Ethik diskutiert werden sollte. Aber war machen wir? Wir gründen Ethik-Kommissionen, dies sich mit künstlicher Intelligenz und selbst fahrenden Autos beschäftigen. Die wichtige Frage, ob wir bewusst Teile der Gesellschaft  „anonym“ lassen wollen, diskutieren wir aber nicht. Wir blöken zwar über einen absurden Datenschutz und ereifern uns dazu – obwohl wir wissen, dass dieser so wie eingefordert garantiert nicht funktionieren wird – und verstricken uns dabei in einem Netz von Regeln und Gesetzen, die uns lähmen und aus dem wir wahrscheinlich nicht mehr herauskommen werden.

Die Auflösung dieses Themas ist für mich übrigens recht einfach:

Wenn (weltweit?) der Rechtsstaat garantiert ist, dann brauchen wir keine Anonymität. Auch kein anonymes Zahlungsmittel.

Wenn der Rechtsstaat jedoch in Gefahr oder Auflösung ist, dann tun wir gut daran, wenn wir „anonyme Räume“ beibehalten.

RMD

P.S.
Jetzt hoffe ich, dass ich mich halbwegs verständlich ausdrücken könnte und Euch nicht mit „AUTHENTITÄT“ und „IDENTITÄT“ verwirrt habe. Und als leichter Nachschlag noch eine Story zum Thema:
Leichtsinnig wie ich bin habe ich mir im Frühsommer in Athen meinen Geldbeutel in der U-Bahn stehlen gelassen. Da war ALLES drin. So musste ich auch einen neuen Personalausweis beantragen. Da wurde ich vom freundlichen Mitarbeiter der Kommune Neubiberg gefragt, ob ich diesen mit „digitaler Signatur“ haben wolle. Weil die bei der Ausweiserstellung umsonst dabei wäre – und ich später eine Gebühr von ich meine 20 € zahlen müsse.
Natürlich habe ich gefragt, für was ich diese „digitale Signatur“ denn nützen könne? Meinem „Kundenberater“ von der Gemeinde viel da nicht viel ein – außer einem komischen Gewerberegister, dessen Sinn mir nicht klar wurde.
So habe ich ihn gefragt, ob diese Signatur zumindest für die elektronische Steuererklärung (Elster) möglich wäre. Als er das verneinte, habe ich – wohl mehr aus Trotz – auf die digitale Signatur verzichtet – und glaube, dass dies kein Nachteil für mich ist.

Roland Dürre
Freitag, der 17. März 2017

Wir kurieren an den Symptomen und ignorieren die Ursachen.

Es lebe der Populismus!

Oder
Reden statt Handeln?

Der große Diktator Charly.

Jetzt habe ich die ersten (Wahlkampf-)Auftritte von Martin Schulz erlebt. Auch aus der Ferne habe ich den Eindruck gewonnen, dass hier wieder ein weiterer und zugegeben talentierter Versuch stattfindet, das allgemeine Unwohl-Befinden vieler Menschen als Resonanzkörper für die eigenen Ziele zu nutzen und dazu ein paar Verbesserungen bei Details zu fordern, die aber insgesamt nur ein Kurieren an den Symptomen bedeuten.

Ich habe in diesen Ansprachen das wahr genommen, was man wohl gemeinhin mit Populismus bezeichnet und das wohl das letzte verbleibende Erfolgsprinzip der aktuellen Politiker-Generation ist. Auf die Idee, die Ursachen zu erforschen um dann im Rahmen eines gesellschaftlichen Konsens durch politische Gestaltung Veränderungen einzuleiten, kommt wohl keiner mehr.

So ist mit Martin Schulz in Europa der nächste Populist im Anrollen. Diesmal für die eine „Volkspartei“. Wieder herrscht das Motto in den von mir gehörten Reden vor:

Wir geilen uns an den Symptomen auf und schimpfen sympathisch auf die Missstände, aber an die Ursachen trauen wir uns nicht heran.

Weil das  ja system-kritisch wäre und nach Veränderung schreien würde. Und das geht doch nicht. Besonders nicht bei der SPD. Denn das haben sich die Genossen, sich seit Jahren selber verboten. Weil sie ja wieder an die Macht wollen. Und auch in Regierungsbeteiligung haben sie alles „system-kritische“ vermieden, wo es nur ging. Weil ja „heilige“ Sachzwänge und systemische Notwendigkeiten der Veränderung im Wege sind.

Die Umweltkatastrophe und Zerstörung des Planeten (Plastik, Klima …) oder die gesellschaftliche Polarisierung der Menschheit mir ihren Folgen wie Flucht wegen Lebensraumvernichtung und mehr davon hat sie genauso kalt gelassen und wurde so lieber beim Regieren einfach außen vor gelassen. Weil es nur gestört hätte.

„Sozialdemokratie First“ ist rhetorisch leicht zu kommunizieren. Nur sie zu machen und an die Ursachen ran zu gehen, das ist ein wenig anspruchsvoller. Man will ja nicht (sehr) unbequem sein und niemanden auch mal weh tun. Nicht mal in den Wahlkampfreden erwähnt man sie, denn schlechte Nachrichten sind unpopulär. Besonders wenn man sie nicht mehr ignorieren kann.

Obwohl auch Realität ein tolles Thema sogar für Populisten sein könnte. Unten habe ich ein Video als Beispiel angehängt. Nur wer über Realität spricht, der darf „keine Angst vor der eigenen Courage“ haben. Die Realität muss man aushalten können. Und sich nicht davor fürchten, dass ihre Erwähnung Wählerstimmen kosten könnte. Man braucht also Mut. Und zurzeit scheint Feigheit höher im Kurs zu stehen. Die Angst findet im Kopf statt und sie regiert die Welt auf wahnsinnige Art und Weise.

So versuche ich hier einmal mehr die Ursachen für die Polarisierung unserer Gesellschaft in immer weniger Reiche und viele Arme zu beschreiben. Also genau da wo man als Sozialdemokrat mal ansetzen müsste.

Die Ursachen für Polarisierung sind:

  • die freie Spekulation mit allem, ob Währungen, Unternehmen, Nahrungsmittel, Rohstoffe, Grund & Boden, copyright, Rechte aller Art …
  • ein Eigentumsrecht, das exorbitant und exzessiv individuelles „geistiges Eigentum“ schützt,
  • ein allgemeines Verständnis von Eigentum, dem das „Eigentum verpflichtet“ völlig abhanden gekommen zu scheint,
  • die gesellschaftliche Legitimierung von illegitimer Einflussnahme von Interessengruppen auf Gemeinwohl-Interessen (genannt Lobbyismus als Tatbestand von Vorteilserschleichung).
  • Propaganda inklusive der Verführung und Manipulation auf allen Ebenen auch des Unterbewusstsein als normale Methode des Wirtschaften (genannt Marketing) Verführung, mit dem Ziel das der Betroffene gegen seinen Willen und seine Vernunft handelt.

Obwohl wir es besser wissen, meinen wir immer noch, dass

  • Wachstum vor Gesundheit,
  • Taylorismus vor Ganzheitlichkeit,
  • Shareholder Value vor Gemeinwohl-Ökonomie gehen.

Wann lernen wir endlich, dass

  • die Interessen  der Stakeholder (Kunden, Mitarbeiter …) vor den Interessen der Shareholder gehen und dass in einer
  • Gesellschaft mit Zukunft soziale Gemeinsamkeit und nicht mehr private Besitzstandwahrung das oberstes Ziel von Individuen und Kollektiven sein darf?

Warum reden also Politiker nie über die Ursachen sondern hauen immer nur populistisch auf die Pauke? Und schreiben immer nur ein Herum-Doktern an Details und Symptomen ins Programm? Und warum sind damit auch noch erfolgreich?

🙂 Hier ein Beispiel für „POPULISMUS“, der mir gut gefällt. Wenn Harald Lesch auch nur zum Teil recht hat (und das könnte ich mir sehr gut vorstellen), dann dürften meine oben erwähnten „gesellschaftlichen Besorgnisse“ bald gar keine Rolle mehr spielen, weil es dann nur noch ums Überleben gehen wird.

Ja – genau diese Rede würde ich gerne mal von einem Politiker hören …

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 6. September 2016

Wie wird die Welt in 2036 aussehen? #ZukunftVision2036 – Blog Parade

2036_500Über meinen Freund Thomas Michl hat mich der Aufruf zu einer Blogparade zum Thema #FutureVision2036
von Yasemin Akdemir erreicht.

Mir geht es wie meinem Freund Eberhard Huber. In seinem Blog schreibt er über Menschen und Projektarbeit. Er hat mich auf die Idee gebracht, dass man nicht spekulieren sollte, wie die Welt in 20 Jahren aussehen könnte sondern besser schreiben sollte, wie sie dann aussehen sollte.

Denn spätestens seit den Thesen von Hans Ulrich aus St. Gallen zum „Wandel im Management“ wissen wir, „dass Zukunft nicht vorhersagbar ist“!

Und kühne Vorhersagen zu machen ist so gar nicht meins.

Aber gerne berichte ich hier, was ich mir für 2036 wünschen würde!

Als erstes ist mir wichtig, dass die Menschen global mehrheitlich in 20 Jahren weiser und friedlicher ist.

Weiser heißt, dass die Menschenfreundlichkeit im Denken und Handeln sich mehrt und die im Großen wie im Kleinen weit verbreitete Feindseligkeit zurück drängt. Dass Begriffe wie Respekt, Achtsamkeit und Dankbarkeit für unser Handeln relevant werden.

Frieden bedeutet für mich, dass immer mehr Menschen es schaffen, auch durch eigene Wertschätzung mit sich selber im Einklang zu leben. Nur wenn Menschen sich selber mögen und wertschätzen und so ihren inneren Frieden finden, dann kann der äußere Frieden wachsen und sich durchsetzen. Nur so werden die vielen beliebten Feindbilder verschwinden und nur so kann auch der Frieden mit Umwelt wie mit anderen Menschen und anderen sozialen Systemen gelingen.

Weiter wünsche ich mir mehr Neutralität und weniger Moralismen, wie auch zum Beispiel weniger sexuelle Prüderie. Allgemein sollte der Stellenwert von Religionen abnehmen. Wie kann man von Menschen geschaffene Konstrukte mit einem absoluten Wahrheitsanspruch versehen? Ich möchte auch nicht, dass auch noch in 2036 z.B. Kinder aus „religiösen Gründen“ verletzt und verstümmelt werden.

Der Satz von Friedrich II. von Preußen „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ sollte auch in 2036 gelten. Aber nicht die „Verletzung von religiösen Gefühlen“ darf Unrecht sein, sondern die gesellschaftliche Diskriminierung von „Ungläubigen“ durch „Gläubige“ und der Versuch, die Ungläubigen „religiös zu missionieren“ .

Freiheit darf in 2036 nicht mehr missverstanden werden, dass man alles machen darf, was möglich ist. Die Bedeutung des Begriffs muss abgelöst werden durch ein Verständnis von Freiheit im Sinne des „Wollen und Fähig-Sein, sein Leben eigenverantwortlich zu führen“.

Ich würde mich freuen, wenn die Menschen in den nächsten 20 Jahren es immer mehr schaffen würden, autonom von Marketing und externer Steuerung zu werden. Und zum Beispiel erkennen, dass ihr wertvollstes Gut die Zeit ist. Und wir unser Leben im Moment in Freude genießen können – ohne so viel nachdenken zu müssen. Ein wenig mehr Unterbewußtsein und dafür weniger „Kleinhirn“.

In 2036 wollen wir in „angstfreien Räumen“ leben. Ängste entstehen im Kopf und haben mit realen Bedrohungen und gesunder Furcht nichts zu tun. Und in 2036 sollte wir nicht mehr meinen, uns über Aussehen, Besitz, Eigentum, Erfolg, Reichtum … definieren zu müssen. Sondern einfach uns selbst zu sein.

Mein konkretes Anliegen für 2036 ist, dass möglichst viele Menschen ein Leben im Einklang mit der Umwelt führen können. So möchte ich auch als Fußgänger und Radfahrer die Luft in den Städten wieder atmen können. Dazu müsste das Verständnis die Oberhand gewinnen, dass „individuelle Mobilität“ keine Zukunftslösung darstellt, wenn sie auf Basis von schweren Fahrzeugen beruht, ganz gleich ob sie durch einen Verbrennungs- oder Elektromotor angetrieben werden. Auch würde ich mir wünschen, dass die Welt wieder ein weniger leiser wird.

Jenseits dieser banalen Dinge möchte ich in 2036 in einer Gesellschaft leben, die akzeptiert, dass ich ein Wesen aus Fleisch und Blut bin, das ein Recht hat, den eigenen Körper lustvoll zu erleben und es selbstverständlich wird, dass ich ausreichend Bewegung im Alltag bekomme. In einer Gesellschaft, die mich nicht auf ein Mittel zum Zweck reduziert.

Denn auch als Erwachsener möchte ich herum tollen und albern sein dürfen. 2016 will ich nicht mehr durch Marketing manipuliert und von Lobbyisten beherrscht werden. Sondern das sein dürfen, was ich letzten Endes bin: Ein (hoffentlich) sympathische Säugetier mit ein wenig Vernunft.

Das dominante Prinzip unseres wirtschaftlichen Handelns muss in 2016 „Nachhaltigkeit“ sein. Die Wirtschaftskreisläufe müssen so organisiert und gelebt werden, dass das Prinzip #nowaste erste Priorität wird. Das gilt auch für die Energie – all das kann nur erreicht werden durch den Einsatz „smarter Technologien“ aber auch wesentlich durch individuellen Verzicht. Im übrigen überwiegend auf Dinge, die sehr wohl verzichtenswert sind.

Wir Menschen sind nicht für die Wirtschaft da – sondern die Wirtschaft ist für uns Menschen da! So gibt es auch die Bayerische Verfassung vor. An Stelle von globalem „Raubtier-Kapitalismus“ brauchen wir in 2036  funktionierende regionale „Gemeinwohl-Ökonomien“! Auch wenn diese rechnerisch uneffizienter sein mögen – was ich übrigens nicht glaube, denn bei globaler Optimierung werden die externen Kosten nur zu schnell vergessen und unterschlagen.

Viele unserer Lebensgewohnheiten müssen sich wesentlich ändern. Und dies nicht zu unserem Schaden. Das wird für die Mobilität genauso gelten wie für die Produktion von Gütern. Eine Lösungsmöglichkeit könnte in mehr „shared oconomy“  bestehen, individuell gestützt von „weniger Eitelkeit und Egoismus“. Das Erfolgs-Prinzip der Zukunft wird heißen „Weniger ist Mehr!“ – „Wachstum als Lösung aller Probleme“ war gestern (und schon immer ein großer Blödsinn).

Auch in unserem konkreten Handeln wird die Achtsamkeit unser Handeln bestimmen müssen. Und wir müssen permanent hinterfragen, ob wir das alles brauchen, was wir uns so leisten? Und wir sollten dann die Dinge auch ein klein wenig mehr zu Ende denken!

So wünsche ich mir für 2036 eine Aufklärung 2.0, die wir ernst nehmen und gewissenhaft entwickeln und die unser Handeln bestimmt. Und wir uns nicht mehr mit Tand zu dröhnen, sondern uns wieder auf die wesentlichen und wertvollen Dinge konzentrieren.

Ich bin und bleibe optimistisch, dass wir das gemeinsam mit Mut und in Freude schaffen werden. Auch unterstützt von der neuen „digitalen Welt“ und schönen Blog-Paraden.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 24. November 2015

Weltkrieg III

Flag the Islamic State of Iraq and the Levant

Flag of the Islamic State of Iraq and the Levant

Zum Terrorismus gäbe es viel zu sagen. Aber aus meiner Sicht wird da häufig das Falsche geschrieben. So ist mir Vieles unverständlich, was ich anlässlich der Attentate von Paris gehört und gelesen habe. Manches wurmt mich, weil es mir so flach und unreflektiert erscheint.

Mich stört auch die Reaktion auf und der Umgang unserer „Eliten“ mit den Ereignissen und der aktuellen Situation.

Ich finde es schlimm, dass die Ursachen für die Entwicklung vergessen und auch nicht nachgefragt werden. Haben wir doch seit Jahrhunderten eine ausgeprägte koloniale Situation in dieser Welt. Die reichen Länder beherrschen die armen, beuten sie aus und vergewaltigen sie förmlich.

Dies hat sich beginnend noch vor dem „langen 19. Jahrhundert“ über die Neuzeit hinweg bis in die Jetztzeit nicht geändert. Auch die „Unabhängigkeit“ der Unterdrückten hat da nicht nichts verbessert. Mag sein, dass im 21. Jahrhundert die Methoden vielleicht ein wenig sublimer erscheinen als im 19. und 20. Jahrhundert. Das bedeutet aber nur, dass sie nicht mehr so augenfällig sind wie früher. An Effizienz betreffend des Maß an Ausbeutung haben sie aber nicht verloren, im Gegenteil.

Dies hat einen großen Haufen von Zunder in die Welt gebracht. Die Politik der letzten Jahrzehnte – im übrigen nicht nur des Westens und auch nicht nur der USA – hat dann den vorhandenen Zunder auch noch mit Brandbeschleunigern angereichert. Und spätestens die Reaktion des „Westens“ auf 9/11 war das Zündholz, dass alles in Brand gesetzt hat.

Aber was machen die Franzosen jetzt? Die selben Fehler wie der Westen sie seit längerem macht. Sie bomben ganz schnell mal richtig kräftig zurück. Und treffen dabei natürlich auch (und wahrscheinlich vor allem) zivile Gebäude und Krankenhäuser. Und so eben auch Kinder, Frauen und unschuldige Zivilisten. Wie das halt bei solchen Angriffen ist. So wird in das Feuer gleich noch mal kräftig hinein geblasen und für Terroristennachschub gesorgt.

Mich stört auch, wie mit unterschiedlicher Elle gemessen wird. Nicht lange vor den Attentaten in Paris wurde von der IS ein russischer Flieger in die Luft gesprengt. Mit über 200 Toten. Die Menschenopfer im russischen Flieger wurden aber sehr gelassen hingenommen. Wo blieb da die Betroffenheit und die Trauerminuten – und die russischen Fahnen in Europa? Ich muss gestehen, ich kannte die russischen Farben bis dahin gar nicht. Bin ich ja westlich des eisernen Vorhangs aufgewachsen.

Andere Anschläge wie z.B. der in Beirut werden gar nicht zur Kenntnis genommen. Weil wir an diesen bestenfalls mit unserer Lüsternheit nach Sensationen und Katastrophen interessiert sind.

Bei den Anschlägen in Frankreich war aber alles anders. Warum eigentlich? Da kamen die Solidaritätsadressen zu Hauf. Überall gab es Schweigeminuten, die Avatare im Internet leuchteten in den französischen Farben. Weil wir Angst haben, dass dies in Berlin oder München auch passieren könnte?

In den Zeitungen ist das schon am Morgen nach den Attentaten gesteigert worden. Die haben gleich vom dritten Weltkrieg gesprochen, der jetzt da wäre. Beim Bäcker am Samstag nach dem Attentat habe ich in den Zeitungen eine Reihe solcher Schlagzeilen gesehen. Und vorgestern las ich, dass die „Welt sich im Kampf gegen den Terrorismus formiert“ (SZ vom 22. November).

In meinem Leben habe ich viele Menschen gut gekannt und gemocht, die verstorben sind. Manche durch Alter und Krankheit. Andere sind in den Alpen geblieben, einer kam von einer Flugreise nicht zurück.

Seit meiner Kindheit erreichen mich aber immer wieder vor allem die Toten, die auf den Straßen sterben. Das war die größte Anzahl und bei mancher Verlust traf mich sehr tief. So erinnere ich mich an eine junge und so lebensfrohe Frau, die ganz kurz bei InterFace Computer war. Schon nach einer Woche blieb am Montag morgen ihr Arbeitsplatz leer. Sie war am Wochenende in ihrer Heimat im Saarland und hatte auf dem Rückweg nach München eine Autopanne. Wie sie ausgestiegen ist wurde sie auf einer Autobahn-Einfahrt einfach tot gefahren. Einfach so. Wie ein Wild.

Sind Verkehrsopfer weniger schmerzlich als Kriegstote? Ist das nicht seltsam, dass wir die Verkehrsopfer vergessen. Warum trauern wir nicht jeden Abend für die Toten des Verkehrstages?

Man kann den Schmerz über den Verlust eines Menschen nicht be – oder aufrechnen. Aber ich glaube nicht, dass der Unterschied so groß ist, wenn ein lieber Angehöriger auf der Heimfahrt überfahren wird oder in einem Café bei einem terroristischem Anfall stirbt.

So haben wir tatsächlich einen „World War III“. Und zwar seit vielen Jahrzehnten. Die Verkehrsflächen sind die aktuellen Schlachtfelder. Denn auf den Straßen des Planeten sterben jährlich 1,3 bis 1,4 Millionen Menschen – aller Klassen und Nationen. Dazu kommt ein mehrfaches an Schwerverletzten und Verletzten. Wenn das kein Krieg ist?

In Deutschland sind es immer noch weit über 3.000 Verkehrstote pro Jahr. In meiner Jugend gab es Jahre, da waren es über 20.000 – und das allein in der BRD. Wir haben also tatsächlich in Deutschland auch in diesem Krieg einen Fortschritt erzielt, aber noch lange keinen Frieden erreicht. Auch 3.000 sind zu viel und die genannte Zahl ist im Steigen.

Um die große Zahl zu verstehen gehe man mal einfach zu einem Fußballspiel mit 3.000 Besuchern und stelle sich vor, dass die alle tot in Autos oder auf den Straßen liegen würden!

Wahrscheinlich sterben auch in Europa an jedem Fussball-Wochenende Fans oder Spieler auf dem Wege zum Spiel ihres Vereines. Wen interessiert es? Vor ein paar Wochen gab es in der WWK-Arena in Augsburg immerhin eine Schweigeminute für bei der Anfahrt verunglückte Fans des FCA.

Aber warum gibt es keine keine Trauerminute für unsere Verkehrstoten und die der Welt? Weil niemand das Gemetzel auf den Straßen interessiert. Und weil das Geschäft Priorität hat.  Wie übrigens auch beim Terrorismus.

So gibt es keinen internationalen Aufschrei und keine Brandreden von Politikern für einen humanen Verkehr. „Keine Welt formiert sich“ gegen die Toten im Straßenverkehr so wie im Kampf gegen den Terror. Und den Nationalregierungen ist es für mich unverständlicher Weise auch völlig egal.

Mit einer Ausnahme: Das kleine Land Schweden bemüht sich ernsthaft um eine Vision Zero und will seine Straßenverkehrstoten definitiv auf Null bringen – Respekt!

Der IS dagegen besteht aus Verrückten, die erst mal den nahen Osten und dann die Welt erobern wollen. Die ein Terror-Regime aufgebaut haben, dass mich an das der Nazis erinnert. Obwohl sie wohl derzeit die stärkste Formation des Terrors sind, sind sie aber schwach. Man könnte sie recht einfach austrocknen.

Aber was machen wir?

Wir kaufen ihnen Öl ab. Weil es billiger ist. So befindet sich in jedem Tank unserer Autos metaphorisch ein Anteil IS-Sprit. Ihre Waffen und Ausrüstung bekommen sie auch von uns. So holen wir unser „Ölgeld“ wieder zurück. Und wir bescheren diesen Verbrechern  auch noch den Zulauf von weiteren Menschen aus aller Welt. Ist das nicht ein Skandal?

Aber wir verdrängen den real existierenden dritten Weltkrieg und bagetellisieren auch noch die Klimaveränderung. Die den vierten Weltkrieg verursachen könnte!

Ich meine, es gibt gute Gründe, der Wissenschaft zu glauben. Gerade wenn unterschiedliche Disziplinen und Schulen zu den selben Ergebnissen kommen. Wie es ausschaut werden die Schäden durch die Klimaveränderung noch viel wesentlicher sein als die vielleicht 75 Millionen Verkehrstoten seit des Endes des zweiten Weltkrieges.

Der dann auf uns zu kommende Umweltkrieg wäre dann wohl der vierte Weltkrieg. Der wird dann wohl auf zwei Ebenen Verluste bringen: Die Opfer, die die sich die Natur mit immer mehr werdenden Katastrophen auf verschiedenen Ebenen holt. Und die anderen, die im Kampf der „frühen Verlierer“ gegen die scheinbar „noch nicht Verlierer“ fallen werden.

Und natürlich hoffen wir auch hier wieder, dass wir nicht die „early looser“ sind. Leben wir doch glücklicherweise in einer „klimatisch so begünstigten Zone“. Ist das nicht schändlich? Und irren wir uns da vielleicht nicht?

Aber auch hier gibt es keine Aussicht auf Programme und gemeinsames Handeln. Nirgendwo, weder national oder weltweit. Dabei ist die ja in wenigen Wochen startende Umwelt-Konferenz in Paris wohl wirklich die allerletzte Chance, das Schlimmste abzuwehren.

Aber wir ignorieren den real existierenden dritten Weltkrieg auf unseren Straßen genauso wie den drohenden vierten bedingt durch klimatische Veränderungen. Dafür machen wir uns mit unserer Angst vor Terrorismus vor der doch eher lächerlichen IS in die Hose. Anstelle diese einfach ganz souverän aus zu trocknen und uns um die wichtigen Dinge zu kümmern.

RMD

P.S.
Die Fahne ist aus Wikipedia. Sie ist schwarz, die Farbe des Todes. Erstellt wurde das bild am 15. Oktober 2006 und hochgeladen von Russavia.

Ich meine, wir sollten uns vor schwarzen Fahnen hüten. Ich mag im übrigen gar keine Fahnen. Wenn es aber unbedingt sein muss, dann sind mir persönlich die lebensfrohen Fahnen in bunten Farben lieber!

 

Roland Dürre
Montag, der 10. August 2015

Komplexität & Katzenfutter.

Vom 10. bis zum 12. September bin ich in Berlin. Warum? Weil dort wieder mal PM-Camp ist! Schon das dritte Mal. Beim PM Camp Berlin geht es um Komplexität. Genauer gesagt geht es dieses Jahr um die Frage: „Komplexität – reduzieren oder erhöhen?“

Hier ist mein Beitrag für die Blogparade des PM Camp Berlin 2015 und ganz persönlich für Heiko!

20150810_150437_resizedKatzen geht es gut.

Sie müssen nicht arbeiten und können den ganzen Tag machen, was sie wollen. So streunen sie durch die Gegend oder beobachten die Gegend von ihrem Lieblingsplatz beim sich Sonnen. Ab und zu spielen sie mit einer Maus oder einem Vogel „Böse Katze“. Wenn sie aber schnurren findet sich sofort jemand, der sie streichelt. Morgens und abends bekommen sie ihr Futter. Einfach so. Ohne etwas dafür tun zu müssen.

Die „Katzenmutter“ hat es auch besser als früher. Denn das Katzenfutter kommt heute aus Säcken oder Dosen. Man kauft einmal im Monat einen Sack oder eine Kiste mit Dosen. Das war’s dann. Oder ganz modern kauft man Tütchen, wie links im Bild zu sehen. Das ist das typische Katzen-Futter der Neuzeit. Auch wenn keiner weiß, was drin ist. Dafür sind sie ein wenig teurer. Aber das ist uns unsere Katze wert.

Wir analysieren mal, was „Mensch“ da alles für die Katze getan hat, damit die Katzenmutti morgens zum Tütchen greifen und so ihren Liebling glücklich machen kann.

Wir beginnen mit der Verpackung.

Sie besteht aus einer extrem dünnen Folie, wie sie zum Beispiel mit der Technologie von Brückner in Siegsdorf produziert wird. Es ist sehr beeindruckend, wie solche Folien in Riesenmaschinen hauchdünn gestreckt werden und auf dem Produktions-Weg die Maschine und das Produkt immer breiter werden. Und wie viel Aufwand und vor allem Grips allein die Qualitätskontrolle und Steuerung erfordert.

Damit diese Folie das Futter aufnehmen kann, muss sie in mehreren Prozessen metallisch bedampft und weiter beschichtet und behandelt werden. Enormes und sehr spezielles Ingenieurswissen ermöglicht das. Dann wird sie vielfarbig bedruckt. Auch das ist eine Technologie für sich. Dass die Gestaltung der Bilder mit Graphiksoftware erfolgt, erwähne ich hier nur am Rande. Aber das Verkleben bzw. Verschweißen der Folie zum wasser- und luftdichten Tütchen ist die nächste Sensation, die wie vieles in Abfüllprozessen oft unglaublich anmutet.

Betrachten wir nun den Inhalt.

Die Welt der Chemie macht es möglich und gaukelt Mensch und Tier vor, da wäre etwas Wertvolles drin. Das Geschlabbere hat eine erstaunliche Konsistenz, einen charakteristischen Geruch und behält sogar eine Zeitlang seine Form. Alles Wissenschaft. Es hat auch eine erstaunliche Haltbarkeit und ein Setup vieler Zusatzstoffe sorgen dafür, dass die Katze trotz all dem nicht sofort krank wird und nach außen zumindest gesund erscheint. Es ist ein Wunderwerk – auch nur möglich dank geballter Wissenschaft.

So wird in automatisierten Tierfutter-Fabriken gepanscht, gebraut und abgefüllt. Dies aber gesteuert von Computern, immer mit gleich bleibender Qualität und ohne Varianzen. Als Input kommen die Kontainer mit den Rohstoffen hinein in die Fabrik, heraus kommen die konfektionierten Kartons. Und immer noch ist meistens der deutsche Mittelstand dabei, denn unsere „hidden champions“ haben genau das Know-How. Sie bauen die weltbesten Maschinen genau für solche Prozesse.

Marketing und Logistik

Das ganze verkauft sich nur, weil eine Marketingmaschine rund um die Welt läuft. Vom Internet übers Fernsehen bis in die bunten Illustrierten sieht man die glücklichen Kätzchen, die dieses Futter so gerne essen. Eine geile Manipulation als Mischung von emotionalen Bildern und digitalem Marketing. Wir kapieren die Botschaft – die richtige Marke macht die Katze und damit den Menschen glücklich.

Auch die Logistik ist nicht ohne. Denn die moderne Katzenmutter kauft die schweren Säcke mit dem Trockenfutter und die Pakete mit den vielen bunten Tütchen natürlich im Internet. Mit einem Click. Denn nur noch altmodische und meinstens alte Menschen, die noch Autofahren, schleppen die schweren Säcke vom Fressnapf mit ihrem SUV nach Hause, bei dem dann aber der Kofferraumdeckel mit einer Fuss-Geste gesteuert wie von selbst auf und zu geht.

Also macht Amazon seinen Job. Und verteilt mit schweren LKWs, die brav ihre Maut in einem der besten Mautsysteme der Welt bezahlen, die Waren in ihre Auslieferungscenter. Und bestellt der Kunde am Abend, bringt DHL oder Konsorten die ware und die Katze hat am nächsten Vormittag etwas zu fressen. Ach, wie ist die Welt doch einfach geworden …

Und eigentlich ist alles für die Katz.

Denn die Katze würde viel lieber ein wenig gekochtes Herz oder Lunge vom Metzger speisen. Aber so ein Katzenleben ist halt auch nicht perfekt. Und wir alle müssen uns halt alle der modernen Welt unterwerfen – Mensch wie Tier.

RMD

P.S.
Jetzt sage mir einer, dass das Tütchen mit feuchtem Katzenfutter kein komplexes Produkt wäre …

Roland Dürre
Mittwoch, der 5. August 2015

Leben erweitern – Gewohnheiten ändern – Radfahren.

AutobahnkleeblattAm 4./5. Januar 2016 werden wir in Unterhaching das erste Barcamp für
Aktive Mobilität
im Alltag starten. Der Hashtag wird #AktMobCmp heißen. Mir ist das Thema sehr wichtig, weil ich meine, dass der motorisierte Individual-Verkehr spätestens in der heutigen Zeit zum großen Irrweg geworden ist.

Nicht nur, dass diese Art von Mobiltät weltweit 1,3 Millionen Verkehrstote im Jahr und dazu ein Mehrfaches an Schwer- und Leichtverletzten als Tribut fordert.

Zudem dürfte dieser Lebensstil gepaart mit (sinnlosen?) Warentransporten und einem exzessiven Flugverkehr einen wesentlichen Beitrag zu den Emissionen darstellen, die den Temperaturanstieg und damit die Klimakatastrophe verursachen und so zumindest das menschliche Leben auf unserem Planeten massiv bedrohen.

Er verursacht also wesentliche Umweltschäden und generiert zusätzlich Lärm ohne Ende. Gerade der Lebenswert in den Städten wird durch die Autolawinen, die sich permanent durch die Straßen wälzen gewaltig geschädigt. Aber das Auto schädigt auch den Körper und die Psyche der Fahrer. Es macht abhängig, dick und bequem, schafft soziale Isolation und generiert schlechte Laune.

Deshalb hier ein paar persönliche und hoffentlich Thesen zum Thema „motorisierter Individualverkehr“.

„Ich habe nicht mehr die Zeit um Auto zu fahren.“

Diese Aussage überrascht viele Menschen. Aber es ist wahr. Ich kann es leicht belegen. Und als älterer Mensch ist die Zeit mein wichtigstes Gut.

„Die meisten Menschen brauchen ihr Auto gar nicht.“

Die Abhängigkeit vom Auto ist nur eine eingebildete. Kritisch hinterfragt gibt es sie nur in ganz wenigen Fällen und wäre auch dort durch eine Änderung der Lebensumstände vorteilhaft für den betroffenen zu beseitigen.

„Wie soll jemand, der  seine Mobilität nicht in den Griff kriegt sein Leben in den Griff kriegen?“

Ein ähnlicher Satz könnte sein: „Wie soll jemand sein Leben in den Griff kriegen, wenn er dies bei seinem Fernsehkonsum nicht schafft“. Zu groß ist die Gefahr, in unserer Gesellschaft ein Leben aus zweiter Hand zu führen. Und das reelle Leben zu verpassen. So geht es auch dem Autofahrer.

„Autos machen immobil und unfrei!“

Das ist die sensationelle Erfahrung eines jeden Menschen, der auf sein Auto verzichtet. Er fühlt sich unabhängiger und freier und ist viel mobiler als vorher. Weil Autos uns genauso wenig mobil machen wie uns der Konsum von Zigaretten frei macht.  So steigen Mobilität und Freiheit nach dem Autoverzicht deutlich und man gewinnt viel Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens.

„Autofahren gefährdet den Charakter.“

Am Steuer wird das Gefühl von Omnipotenz suggeriert. Mit geringster Kraftanstrengung werden in kürzester Zeit und mit großer Leichtigkeit körperlich fast unüberwindbare Hindernisse und Entfernungen überwunden. Gleichzeitig wird man faul und bequem, die soziale Isolation und die permanente (bewusste oder unbewusste) Anstrengung ohne körperlichen Ausgleich macht dann oft auch noch aggressiv.

„Autofahren schadet der Gesundheit.“

Ein Burnout zum Beispiel hat in der Regel viele Ursachen, die zusammen dann eine Art von besonderer Depression bewirken. Dazu können eine starke Unzufriedenheit im privaten wie beruflichen Leben gehören, der falsch gelebte Alltag, die falschen Lebensrituale und manches mehr. Autofahren ist so ein falsches Lebensritual, dass die Unzufriedenheit fördert. Ich kann mir gut vorstellen, dass die schlechte Laune im Stau wie das eingesperrt sein im Blechgefängnis den Frust im Alltag noch verstärken kann.

„Das neue Auto ist die falsche Freude.“

Wie viele Menschen kenne ich, deren größtes Glück die Vorfreude auf das nächste Auto zu sein scheint. Man freut sich auf etwas ein neues Luxusgut und Statussymbol. Und kaum hat man es, kommt wie immer bei solchen Gütern die nächste Depression, weil es jetzt ja da ist.

Ich glaube, ich könnte noch viele solche Thesen finden, will es jetzt aber mal sein lassen.

RMD