Roland Dürre
Mittwoch, der 23. Oktober 2019

Wasser predigen, Wein trinken.

In Bayern24 findet sich ein interessanter Artikel mit der Überschrift

E-Scooter in Bayern: Von Verkehrswende keine Spur

Zusammengefasst ist die Aussage des Artikels, dass ein mit dem E-Scooter gefahrener Kilometer grob gerechnet genauso viel Kohlendioxid und Umweltschaden verursacht wie ein mit dem Auto zurück gelegter.

Zwei K2-Scooter, nach der Jahr- tausendwende gekauft und bald 20 Jahre gerne von allen Familien- mitgliedern genutzt. Jetzt beginnen sie, den Enkeln Freude zu machen.

Ich zitiere auszugsweise Aussagen aus dem Artikel, der eine Einschätzung der Situation mit den E-Scootern nach vier Monaten widergibt:


… Ein Baustein für die Verkehrswende wird der E-Scooter nicht. Dafür fällt die Klimabilanz viel zu schlecht aus
… laut einer Studie des Mobilitätsberaters „civity“ werden die Roller vor allem für Fahrten von unter zwei Kilometern benutzt – eine Strecke, die die Befragten sonst zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt hätten
… Die Hochzeiten der Nutzung sind abends und am Wochenende – ein Hinweis, dass die Roller eher für Touristentrips und Spaßfahrten
… Eine Alternative zum Auto? Eher nicht …

… Klimasünder E-Scooter? Eher schon …
„Zum einen kann man sagen, was verbraucht die Fahrt eines E-Scooters? Das ist im Vergleich zum Auto geringer. Wenn man aber das nächtliche Einsammeln und die Produktion miteinrechnet, kann man sagen: 100 Kilometer mit dem E-Scooter verbrauchen ungefähr so viel wie mit einem benzinbetriebenen Durchschnittsauto.“ (Quelle Green City) …
Der Leihscooter hat laut Hersteller eine Lebensdauer von rund einem Jahr, auch der Akku, der – anders als beim E-Bike – fest im Roller verbaut ist. Danach muss der Akku recycled werden, die Alu-Teile des Rollers werden Ersatzteile für Reparaturen …

Fast zynisch empfinde ich die Stellungnahme der Landeshauptstadt:

Die Stadt München ist nach vier Monaten trotzdem zufrieden. Sie bekommt Nutzungsdaten von den E-Scooter-Verleihern: Gefahrene Kilometer, durchschnittliche Fahrtdauer, besonders frequentierte Gebiete. Und solche Daten sorgen vielleicht am Ende dafür, dass Fahrradwege breiter und Straßen enger werden. Dann hätte der E-Scooter seinen Beitrag zur Verkehrswende doch noch geleistet.


Und ich zweifel mal wieder an unserer Politik. Diese aktuellen E-Scooter sind doch für uns in der BRD so etwas wie ein neues Produkt. Und da hätte man doch (siehe den rot markierten Text) Zulassung des Produkts eine Vorschrift erlassen können, dass die Reperarturfreundlichkeit sicher stellt.

So wie Ralf Klagges (der Gründer meiner Lieblingsradfahr-Manufaktur Utopia) dafür sorgt, dass bei den Akkus an seinen E-Fahrräderne auch die Zellen, die Steuerung und der GMS/GPS-Teil im Akku relativ einfach getrennt ausgetauscht und repariert werden können. Das sind übrigens Akkus, die das holländische Unternehmen Van Raam herstellt aber gemeinsam mit Utopia entwickelt hat.

Aber solche simplen Gedankengänge sind für die Herren Minister und Ministerialdirigenten im Bundesverkehrs- und sonstigen Ministerien dann doch wohl zu komplex.

Und dann wird halt beteuert, dass man den Planeten schützen will. Aber wenn neue Mobilität zugelassen wird spielt das keine Rolle mehr.

So wie man angekündigt, dass die Bahn preiswerter werden und ihr Angebot erhöht werden soll aber in der Realität die Preise steigen und die Verbindungen reduziert und schlechter werden.

Und weiter Wachstum über ALLES stellt. Eine große Idiotie, die glücklicherweise immer mehr Menschen nicht mehr mitmachen wollen.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 22. Oktober 2019

Ein Hauptfehler unserer Gesellschaft!?

In unserer hoch entwickelten und so zivilisierten und kultivierten Gesellschaft läuft vieles falsch.

  • Der Gegensatz von arm und reich wird immer stärker.
  • Die Hälfte des Vermögens der Welt gehört immer weniger Eigentümern, aktuell spricht man von zirka fünfundzwanzig.
  • Immer wieder werden grausame Kriege geführt.
  • Die einen verfetten, die anderen verhungern.
  • Auch in Demokratien wird der Wille der Mehrheit missachtet, wenn er der Position der Mächtigen widerspricht.
  • Der Planet geht kaputt und keinen störts.
  • und so weiter …

 
Dafür muss es doch Ursachen geben. Da fallen mir menschliche Schwächen ein. Da gönnte die Gier und der Neid dabei sein, das unbedingte „Haben Wollen“ und der Egoismus. Denen steht aber so viel Positives und Liebenswürdiges gegenüber, dass es das allein eigentlich nicht so sein kann.

Ist doch ganz einfach!

Ich habe viel darüber nachgedacht und einen massiven gesellschaftlichen Konstruktionsfehler gefunden. Es geht um die Rechtsfähigkeit. Ich zitiere die Definition aus Wikipedia:

Rechtsfähig ist, wer über Rechte und Rechtspflichten verfügt und deshalb rechtsgestaltende Handlungen vornehmen kann.

Aha! Das klingt einleuchtend. Denn das ist ja die Basis unserer Zivilisation.
Ich zitiere weiter aus Wikipedia:

Über Rechtsfähigkeit verfügen von Natur aus nur Menschen, denn sie sind Sender und Adressat der umfassten Gebote der Rechtsordnung.

Das klingt logisch.
Aber (Zitat geht weiter):

Daneben können auch Verbünde von Menschen, juristische Personen, insbesondere private Vereinigungen und öffentliche Körperschaften, von Rechtspflichten und Rechten (z. B. als Eigentümer) betroffen sein.

Das klingt sinnvoll.
Aber schon wird es kompliziert. Denn:

Wird unter „Recht“ eine Ordnung menschlichen Verhaltens verstanden,[1][2] so sind die Pflichten und Befugnisse einer juristischen Person den Menschen zuzurechnen, die in dem Verband organisiert sind, wobei die Verbandsverfassung näher bestimmt, wer welche Pflichten des Verbandes zu erfüllen hat und wer dafür zuständig ist, bestimmte Befugnisse des Verbandes auszuüben (Kompetenz).

Es gibt also natürliche und juristische Personen. Mir scheint, dass beide sehr unterschiedlich sind. Natürliche Personen sterben, ihr Lebe  hat ein natürliches Ende. Juristische Personen dagegen können ewig leben. Das ist kaufmännisch gesehen ein großer Wettbewerbsvorteil! Denn die juristischen Personen haben die selben Rechte – besonders das Eigentum – betreffend wie die natürlichen.

Das mag noch durch gehen, wenn die Menschen (Eigentümer der juristschen Person) hinter der juristischen Person noch sichtbar sind. Aber gilt das noch?

Die französische Aktiengesellschaft heißt sehr treffen „societé anonyme“. Was wird aus der juristischen Person Gesellschaft, wenn die Gesellschafter hinter der Institution nicht mehr sichtbar sind? Oder die Gesellschafter ihr Interesse an der Institution auf den „shareholder value“ reduziert haben!Oder es gar keine Gesellschafter mehr gibt, weil die Gesellschaft die Anteile an sich alle aufgekauft hat. Wenn dann noch Organe und Agenten der Gesellschaft bedingslos und kritiklos bereit sind, dem endogenen Zwecke der Institutionen zu dienen, dann kann man schnell von „anonymen juristischen Personen sprechen“, die vom Kapital gebildet werden.

Diese Überlegung könnte man weitertreiben: Was passiert wenn so eine anonyme Kapitalgesellschaft von einem Computer mit Künstlicher Intelligenz gesteuert wird?

Man sollte sich vielleicht wirklich eine Reform überlegen, die die Rechtsfähigkeit von juristischen Personen von der Rechtsfähigkeit natürlicher Personen differnziert,

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 3. Oktober 2019

RUPERT LAY LESEBUCH

 

Was dem Leben dient.

 

Da steht alles drin.

Ein ganz wichtiges Buch. Das mich tief berührt. Denn es hat eine besondere Geschichte:

Zur Jahrtausendwende hat sich eine kleine Gruppe meiner Freunde im gemeinützigen Ronneburger Kreis e.V. (der mittlerweile aufgelöst wurde) zusammen getan und die vielen Definitionen von Begriffen aus dem alltäglichen Leben wie aus Wirtschaft und Gesellschaft in den Büchern wie aus dem Wirken Rupert Lays gesammelt. Das entstandene kleine Werk haben wir das  „Wörterbuch zur Ethik des Rupert Lay“ genannt und im Ronneburgerkreis veröffentlicht (siehe Bild unten).

Das war eine schöne Sammlung von wichtigen Texten. Es hat mir Spaß gemacht, es immer wieder aufzuschlagen und mich an dem einen oder anderen Artikel zu erfreuen oder sich mit diesem auseinander zu setzen.


In diesem Sommer feierte Rupert seinen 90. Geburtstag. Norbert Copray hatte die Idee, das Wirken von Rupert Lay aus diesem Anlaß mit einer besonderen Veröffentlichung zu würdigen. Es sollte ein großer Überblick der Gedanken Rupert Lays werden, in dem das freie Rumschmökern in anspruchsvollen Texten Spaß macht. Ein schweres Unterfangen, das mehr als gelungen ist.

Die Quelle für das Lesebuch (2002)

Als geeigneten Grundbaustein fand er unser „Wörterbuch“. Aber das „Wörterbuch“ hatte er nur in Papierform vorliegen. So machte es sich auf die Suche nach der digitalen Quelle. Und so fand er mich.

Die digitale Quelle war verschwunden. Aber in der digitalen Welt ist das ja kein großes Problem mehr. Mein Freund Wolfgang Groß übernahm die Aufgabe und stellte kurzer Hand ein hochwertiges digitales Exemplar vom Wörterbuch her. Und Norbert Copray und Erich Ruhl-Bady konnten loslegen.

Und sie haben etwas ganz Großartiges geschaffen. Aus dem Wörterbuch ist ein Lesebuch geworden, dass viel Klugheit, Klarheit und auch Frechheit enthält. Auf fast vierhundert Seiten finden wir ein Feuerwerk von Gedanken, mit denen sich auseinandersetzen lohnt und das richtig Spaß macht. Diese Gedanken findem wir thematisch schön geordnet. Zum Teil sind sie nur eine Zeile lang und selten länger als eine Seite. Richtig schön zum lesen.

So lohnt es sich immer, zwischendurchs ins Buch reinzuschauen. Aber Vorsicht: Man wird förmlich süchtig und bleibt dann schnell eine oder mehr Stunden hängen, und wundert sich dann um diese Jahreszeit, dass es so schnell dunkel geworden ist.

Großen Dank an Norbert Copray und seine Mitstreiter!

RMD

P.S.
Wer sich dieses Buch nicht besorgt versäumt etwas.

Roland Dürre
Sonntag, der 26. Mai 2019

Zeitenwende: Das Ende der digitalen Welt?

Am 16. Mai 2019 war ich von der Regionalgruppe von GChACM und GI eingeladen zu einem Vortrag zum Thema „post-digital“ in München im Hotel Eden-Wolff, ganz nahe beim Hauptbahnhof. Es ging um die Frage, ob und wie das Ende der digitalen Welt möglich sein könnte.

Ich versuche bewusst keine „vertrieblichen Vorträge“ mehr zu halten, mit denen ich irgendjemand von irgendetwas überzeugen will. Deswegen nutze ich auch keine manipulativen und die Zuschauer wie den Referenten einengenden Folien mehr.

Als Vergleich für meine Vortragsart nehme ich gerne die Malerei: Früher war es die Kunst, möglichst gegenständlich zu malen und naturgetreu abzubilden. Dann kamen neue Ausdrucksformen, die sich Impressionismus oder Expressionismus nannten und die zur „abstrakten Kunst“ führten. So ähnlich ist es mit meinen Vorträgen. Ich versuche Farbtupfer dynamisch zu servieren, die inspirieren und zum Nachdenken anregen sollen. Allerdings wird das nicht immer von allen Zuhörern verstanden.

Die Frage: „Wem gehört das Internet“ ist so ein Farbtupfer. Weil für mich das Internet etwas ganz besonderes ist und war. Auch das Internet ist eine Infrastruktur, die man mit Anlagen der Eisenbahn oder den Straßen für den MIV (Motorisierte Indiviual-Verkehr) und LKWs vergleichen kann.

Heute müssen wir akzeptieren, dass es das Internet nicht mehr gibt, das wir gemocht und geschätzt haben. Und dass es jetzt erst richtig los geht, mit Steuerung und Einflussnahme aufs Netz. Die Gangster stehen Schlange, die das Internet „shanghaien“ wollen.

Den Vortrag haben wir – Florian Sesser und ich spontan zu zweit gehalten. Und haben uns gesagt: Hi – wir machen eine Chautauqua :-). Das Wort spricht man so aus.

Als Form der Lehrrede kombiniert die Chautauqua unterhaltende wie auch bildende Elemente in einer miteinander verschränkten Form, die auch die ästhetischen Ansprüche des Leserkreises abdecken und zur Teilnahme motivieren sollte.

Eröffnung:

Vorstellung – Ich sehe mich als auch als “digital evangelist”, so wie die “technologischen Evangelisten von Sun – dieses Jahr feiere ich offiziell “50 Jahre digitales Jubiläum” – und bin ein wenig stolz, dass ich mich als Pionier der 3. Generation bezeichnen darf.

Vorträge, die ich an selber Stelle gehalten habe:
Unternehmer-Sketche (vor um die 20 Jahre, mit Norbert Weinberger und Alois Wolferstetter) und

Ethik und Informatik (vor 11 Jahren)
Heute war genau das das Schwerpunkt-Thema im aktuellem Informatik-Spektrum (Mitglieder-Zeitung der Gesellschaft für Informatik). Das habe ich gelesen – ich hätte Lust zu dem dort Geschriebenen mal kritisch Stellung zu nehmen.

Ich war übrigens mal im Präsidium GChACM – gemeinsam mit Wolf-Rüdiger Gawron. Er lässt sich entschuldigen, weil er in Spanien urlaubt. Höhepunkt in meiner Amtszeit war für mich die lokale Jubiläumsveranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum der großen ACM (1998) mit Besuch von Charles “Chuck” House in München, der hier von der großen Veranstaltung in USA berichtet hat (1998). Großer Dank dafür geht an den damaligen GChACM-Präsidenten Wolf-Rüdiger Gawron, der dieser Veranstaltung mit Unterstützung der BMW AG organisiert hat (Siemens wollte nicht) einen herausragenden Rahmen gegeben hat!

1997 in USA habe ich es nicht geschafft, bei diesem Jubiläumsfest des ACM dabei zu sein. Bei unserer Veranstaltung in München bei BMW habe ich das von Chuck signierte Buch mit allen Vorträgen von “beyond computing” geschenkt bekommen und konnte das Ereignis nachlesen.

Wie leben wir in 1975 – Hobby Titelblatt im November 1955

Das Buch „beyond computing“ wollte ich zum Vortrag mit bringen, aber leider habe ich es nicht mehr gefunden. Wichtig war, dass bei der Jubiläumsveranstaltung auch (mindestens) drei renommierte Science Fiction Autoren (neben vielen ganz Großen der SW-Entwicklung) dabei waren und über die Zukunft von IT und Software gesprochen haben.

Beim Übersetzen von “Beyond computing” ins Deutsche sollte man immer aufpassen! Habe ich doch gerade von Professor Oliver Kretzschmar (Uni Stuttgart) gelernt, dass “künstliche Intelligenz” in Deutschland anders verstanden wird als “artificial intelligence”, einfach weil “intelligence” im Englischen eine andere Bedeutung hat als “Intelligenz” im Deutschen. Und dies ein Grund für so manches Missverständnis wäre.

Folgende Bücher/Hefte zum Anschauen habe ich mitgebracht.

  • Lexikon der Datenverarbeitung von Siemens in der 7. (und letzten Ausgabe) von 1978. Die erste Ausgabe war übrigens von 1969! Die war so schnell weg, dass es im selben Jahr noch eine zweite und verbesserte gab.
  • 30 Hobby-Hefte von 1955 – 1967 (nach dem Prinzip des Zufalls ausgewählt).
    Absolut faszinierend, Technik, Ingenieursdenke und -wissen werden volkstümlich erklärt. Lauter tolle Hefte, zwei aus heutiger Sicht besonders erwähnenswert:

    • Ausgabe November 1955. Dort finden wir eine präzise Vorhersage, wie wir in 1975 leben werden.
    • Ausgabe August 1956: “Kommt ein Auto geflogen” … aus aktuellem (Was ist wohl der Anlass, dass ich da an Flugtaxis denken??? 😉
  • Und noch ein paar Science Fiction (Issac Asimov im Heyne-Verlag) wie z.B. „ich der Robot“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ich,_der_Robot – veröffentlicht auf englisch in meinem Geburtsjahr!)

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie in der Zukunft liegen (Karl Valentin).

Kommt ein Auto geflogen … Hobby August 1956

Bitte beachten, sogar in den tollen Hobby-Heften geht überwiegend um Autos. Das zeigt auch, wie wir auf den MIV (Mobilen Individual Verkehr) seit einem Jahrhundert geprägt worden sind. Digital kommt wenig vor – wenn dann Morse-Code und ähnliches. Irgendwo habe ich auch mal einen kurzen Beitrag über Verschlüsselung gefunden.

Was habe ich damals gelesen? Nach meinem Wechsel ins Gymnasium (1960) war Karl May out. Und Bravo fand ich auch nicht so aufregend. So wurden SF-Romane (nben Existenzialisten wie Alber Camus) zu meiner Lieblingslesestoff. Die Taschenbuch Edition von Heyne war damals herausragend.

Vielleicht habe mich die SF-Romane zur IT gebracht.  Und da hatte Asimov schon zwanzig Jahre vorher “Ich der Robot …” geschrieben, und in die Gesetze der Robotik beschrieben, die langsam “reality” werden könnte.

Florian Sesser – Junger Unternehmer, der für eine bessere Welt kämpft.

Und den Florian Sesser habe ich auch mitgebracht. Er hat mir das Buch geschenkt, in dem ich die Chautauqua entdeckt habe. Robert Pirsig – Zen and the art of Motorcycle Maintenance (Nachruf NPR)

Dann hat sich der Florian in seiner bescheidenen aber sehr frechen Art vorgestellt. Hier erzähle ich von ihm,

Florian Sesser, Jahrgang 1983, ist ein kreativer Kopf. Er liebt es, simple und elegante Lösungen für schwierige Probleme in der Informatik zu finden. Er programmiert seit seit er acht Jahre alt ist. 2014 war er einer der Gründer des Unternehmens accu:rate, das durch Computersimulation Großveranstaltungen und öffentliche Gebäude sicherer macht.

🙂 Wir wollen die Chautauqua gemeinsam jammen, ich bin (überwiegend) der Vocalist und der Florian spielt die Instrumente. Unsere Lernrede gliedern wir in zwei Blöcke mit je zirka 30 Minuten. Mit “biologischer Pause”. Weil es sonst zu anstrengend werden könnte.

BLOCK 1„Postdigital“

BLOCK 2 “Digital und Gesellschaft”

Wenn es anders läuft – z.B. aufgrund hoher Zuhörer-Beteiligung, dann ändern wir das. Wir können dann z.B. den zweiten Block heute streichen und falls Ihr das wünscht (und Wolfgang einverstanden ist) diesen ein anderes Mal auch hier fortsetzen.

Jetzt zum Inhalt des Vortrages. Ich erspare mir, das Gesagte hier auszuformulieren sondern kopiere die Struktur des Vortrages in Stichworten. Sozusagen als Stoffsammlung in 2 Blöcken. So könnt Ihr Eurer Phantasie freien Lauf lassen!

Gliederung BLOCK 1:

  1. Postdigital
    1. Begriff (Assoziation)
      1. Postfaktisch 🙂
      2. Zeitalter des unverantworteten Geschwätzes (R. Lay)
    2. Digitalisierung: buzzword, also auch „post digital“. Nachschlagen im Internet bringt Ergebnisse.
      1. Definition von “Digitalisierung” (geht für mich mit der Verschriftung von Sprache los). Heute meint man mit dem Begriff so etwas wie Automatisierung basierend auf Algorithmen. Ein buzzword.
      2. In Wikipedia (ziemlich neuer Artikel)
        https://de.wikipedia.org/wiki/Postdigital
      3. Accenture (Berater: Bullshit)
        https://www.accenture.com/us-en/blogs/blogs-paul-daugherty-digital-transformation
    3. Digital ist nicht reversibel? Irreversibel?
  2. Was könnte die “Digitalisierung” zerstören? Frage – Versuch, Antworten zu finden.
    1. Einstieg mit Wikipedia
      1. Wikipedia ist toll (open source, total ehrenamtlich unabhängig, keine Werbung …)
      2. Abfrage ans Auditorium: Wer nutzt, (be-) zahlt, schreibt, administriert …
    2. Infrastruktur des Wissens (2001 gegründet)
      1. Alterssituation und Gender ???
      2. Die Welt alter weißer Männer (Frauen sind die Ausnahme)
      3. Was wäre, wenn Wikipedia zerfällt?
        https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedistik/Soziologie
    3. Wikipedia ist das beste Beispiel, dass “Innovation kreative Zerstörung” ist.
    4. Wikipedia hat alle Lexika und Enzyklopädien zerstört.
      1. Wie geht es weiter mit der Infrastruktur des Wissens, wenn die Ehrenamtlichen nicht mehr wollen?
      2. Wer bekommt dann Wikipedia?
        (BRD, UNO oder Privatisierung …)
    5. Folgen für Verlage waren schlimm
      1. Verlust von profitablen Geschäftsmodellen und Unternehmen
      2. Im Gegensatz zum Internet vergessen Konzerne.
      3. Rache (Urheberrecht)
        (befreit, weil gemeinnützig).
      4. Wie man Gemeinnützigkeit NGOs entzieht, wird von Politik und Lobbies gerade geübt
  3. Weitere Beispiele von Gefährdung
    1. Überregulierung und Einflussnahme
      1. Facebook/Google-Beispiel “Impfgegner werden ausgegrenzt”
      2. Upload-Filter
      3. Kommerzielle Veränderung (Vorfahrt für zahlende Nachrichten)
    2. Moorsches Gesetz (1965)
      https://de.wikipedia.org/wiki/Mooresches_Gesetz  Es geht zu Ende! Die Zukunft braucht aber vielleicht weiter exponentielles Wachstum (KI, BIG Data, Blockchain …)

      1. IT hatte die Kraft des Quadratischen
        (Getreidekörner auf dem Schachbrett)
      2. Dreifaltigkeit der Informatik gelangt an Grenzen. Schluss mit exponentiellem Wachstum.
        1. Speicher  – Wir befinden uns im Nanobereich.
        2. Kommunikation – Auf Glasfaser senden wir mit Lichtgeschwindigkeit.
        3. Rechenwerk – Sind Quantenrechner wirklich die Lösung?
    3. Aus Ingenieuren werden Priester
      1. Asimov (Trantor-Trilogie)
      2. Manche Programmiere heute erinnern mich schon an so etwas. Ab und zu habe ich das Gefühle „denn sie wissen nicht, was sie tun“.
      3. Digitalismus – eine Religion. Schmunzeln oder Ernst nehmen?
        Way Of The Future Church ?
    4. Die Infrastruktur zerfällt! Dann könnte schnell Schluss sein mit “weltweiter” Kommunikation.

In diesem Zusammenhang mcht es Sinn, dumme Frage zu stellen. Hier zwei davon:

  1. Wem gehört das Internet – so ganz physisch?
  2. Wie funktioniert es eigentlich?

Ich habe die Fragen gestellt! Das Ergebnis war exemplarisch für die heutige Welt – Inkompetenz aller Orten. Sogar die digitalen Top-Berater der Regierung können solche eigentlich einfache Fragen nicht beantworten!

Bei anderen (alten) Infrastruktur ist das einfacher. Zum Beispiel Straßen-Infrastruktur: Da weiß man, bei jeder Straße wem sie gehört. Und ist in der Regel für die Straße auch verantwortlich.

  1. Gliederung BLOCK 2:
    1. Mit der Kulturzwiebel als Modell kann man Gesellschaft und Kultur beschreiben. Siehe auch http://if-blog.de/rd/die-kulturzwiebel-oder-auf-heldensuche/). Zur „Zwiebel“ gehören auch Produkte, Sprichworte und Witze, Aussehen, all das und viel mehr ist Teil von Kultur.
    2. Welche Rolle spielen die Menschen in sozialen Systemen?
    3. Wie sehen extremen Ränder von sozialen Systemen aus (Familie, Unternehmen, Staaten …)? Dazu definiere ich zwei Pole:
      1. HORG (Abkürzung von @Büronymus für hierarchische Systeme) versus AUTOnom 
      2. Hierarchie (Organigramm-Baum von oben nach unten) versus Netzwerk (vernetzte Teams, die zusammenarbeiten)
      3. Gruppen-basiert (Modell der Reichswehr – Siemens) versus Team-basiert (Micro-Organisation mit Selbstorganisation)
      4. Geheimhaltung versus Transparenz
      5. Bürokratie versus Subsidiarität
      6. Taylorismus (die detaillierte Vorgabe der Arbeitsmethode „one best way“, exakte Fixierung des Leistungsortes und des Leistungszeitpunktes, extrem detaillierte und zerlegte Arbeitsaufgaben, Einwegkommunikation mit festgelegten und engen Inhalten, detaillierte Zielvorgaben für den Einzelnen mit nicht erkennbarem Zusammenhang zum Unternehmensziel sowie Qualitäts-Kontrolle) versus Involviertheit (als Summe von Einbezogensein, Eingebundensein, Aufgabenintegration …).
      7. Prozesse (Henry Ford – Die Kaste der Ingenieure als Vorläufer der Kaste des Management) versus Selbstorganisation
        und erweitert:
      8. Feudalismus versus Selbstbestimmung
      9. Fremdgehörigkeit (Sklaverei) versus Eigengehörigkeit.
        Vielleicht gehören auch dazu
      10. Ratio versus Gefühl
        und
      11. Gewalt versus Gewaltlosigkeit
  1. Bewertung
    1. Das ist Teil des “Betriebssystems”, welches soziale Systeme organisiert.
    2. Rein BLAUE oder ROTE Unternehmen gibt es nicht. Ich weiß auch nicht, was “besser” ist und vermute mal, die Mischung machts. Für mich selber sympathisiere ich aber mit BLAU.
      1. Mafia und Kriegswirtschaft des 3. Reichs im 2. Weltkrieg waren BLAU
      2. Buurtzorg ist ein, vielleicht das Beispiel für ROT.
        (https://www.buurtzorg.com/)
      3. Sklaverei und Leibeigenschaft wurde nur abgeschafft weil unwirtschaftlich und nicht effizient.
      4. Durchsetzen wird sich das effizientere System.
    3. Digitalisierung kann BLAU und ROT unterstützen (Prozesse wie Wissensaustausch / gewaltfreie und offene Kommunikation)
      1. Beispiele BLAU:
        1. Zwangsjacke MS/SAP bei Unternehmen oder
        2. DB: Implementierung des Fahrpreis-Systems (unsinnig aber kaum änderbar)
      2. Beispiele ROT:
        1. Anwendungen zum Wissen teilen.
        2. „Open Source“ …
  2. Die “Agilen” nutzen VUCA (Akronym für die englischen Begriffe volatilityVolatilität, uncertainty – Unbeständigkeit/Unsicherheit complexityKomplexität und ambiguityMehrdeutigkeit) als Begründung für die Notwendigkeit von ROT, weil BLAU nach ihrer Annahme den Anforderungen der Komplexität der heutigen Welt nicht genügen kann. Weil wir neue Qualitäten generieren müssen:
    1. Resilienz
    2. Antifragilität
    3. Meine Meinung ist, dass Schwarz-Weiß-Denken immer unteroptimal ist und die Zukunft auch hier hybrid sein wird.
    4. Meine Sorge: Vielleicht kann man die Probleme der Menschheit nur mit BLAU lösen?
  3. Jetzt treffen wir für ein Gedankenexperiment folgende Annahme:
    Die sozialen Systeme werden von digitaler Organisation beherrscht. Was passiert, wenn künstliche Intelligenz dazu kommt?

    1. Was ist künstliche Intelligenz? Vorschläge:
      1. Selbstlernendes System.
      2. KI ist “die Welt jenseits von Algorithmen“?
      3. Betrachten wir dazu Spiele wie Schach und Go!?
      4. Besteht KI aus banalen Anwendungen wie ALEXA? Eher nicht.
      5. Die schon erwähnten Spitzen-Berater der Politik glaubten zum Teil, dass der englisch sprechende chinesische Nachrichtensprecher-Roboter, ein androides System ist!?

Sehenswertes zu KI (AI)!

Und denkt mal an TAY, der Microsoft soviel Ärger gemacht hat (und den die digitalen Top-Berater oft auch nicht kennen!):

    1. Tay als ein Beispiel für KI-Experimente: https://de.wikipedia.org/wiki/Tay_(Bot)
      1. Was bedeutet das, wenn Künstliche Intelligenz in digitalen sozialen Systemen mitspielt?
      2. Hat Microsoft bei KI schon aufgegeben (Nebenfrage)?
        1. Einstellung Cortana
        2. Wie will Bayern oder Deutschland im Thema KI stark werden, wenn das sogar Microsoft sich nicht mehr zutraut?
        3. Wir schwätzen von Bayern FIRST.
        4. Meine Erfahrung aus Vorträgen bestärkt mich da nicht:
          Ich kenn Leute, die am laut über KI reden (und Leute beraten, die in der Poltik dauernd darüber reden), kannten TAY und den Chinesischen Nachrichtensprecher ROBOT nicht.
        5. China kommt ins Spiel. (Spätestens) seit selbstlernende Systeme die chinesischen GO-Meister vernichtend geschlagen haben, kam der chinesische Aufbruch in die KI. Mit großer Macht und unvorstellbaren Summen an Geld und Forschern.
    1. Was bedeutet die Einbindung von KI in dominierende digitale Steuerungssysteme ethisch (Tay hat gezeigt, dass das übel enden kann)?
      1. Literatur-Hinweis dem Publikum (Prof Bayer): Leben 3.0 – Menschsein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz
      2. Asimov (Gesetze der Robotik 1950)
      3. Deutsche Ethik-Konferenz zu künstlicher Intelligenz (Dobrindt 2018), eine Wahlkampf-Aktion, die dokumentieren sollte, wie  vorausschauend und verantwortungsbewusst die Bundesregierung für ihre Bürger in die Zukunft vordenkt denkt.
        Aber

        1. Beschränkung auf autonomes Fahren
          (das Auto steht im Mittelpunkt)
        2. Gedankenexperimente in der Ethik werden zur Spieltheorie. Diese ist seit 1945 als Hilfswissenschaft der Ethik. Am besten wird das bei #filosofix https://www.youtube.com/watch?v=MhOJp1DcabM vom SRF erklärt.
          (Auch hier gibt es Ärger mit Urheberrecht: Auf der Ursprungsseite vom SRF – Schweizer Rundfunk waren Videos für Deutschland gesperrt, die ich dann in Youtube trotzdem sehen konnte. Ärgerlich, so wie das GEZ-Problem (ich kann viele Inhalte im Stream von ARD und CO außerhalb Deutschland auch in Europa nicht sehen, aber schon wenn ich über einen Proxy gehe. Was für ein ärgerlicher Quatsch).
        3. Ethisches #filosofix-Zeug führt nach meiner Meinung zu nichts. Da kann man prächtig rumschwafeln, aber es kommt halt nichts raus. Für mich ist das geistige Onanie.
        4. So war das Niveau auf der Ethik-Konferenz vom Herrn Dobrindt. Es ging nicht um KI allgemein sondern nur um selbstfahrende Autos in Konflikt-Situationen. Anstelle eine Ethik-Architektur in Systemen der KI/AI zu fordern oder überlegen ging es um viele Fallbeispiele wie z. B das 2-Radfahrer-Problem:
          1 Radfahrer mit Helm, 1 Radfahrer ohne Helm. Einer von beiden muss der Situation folgend vom selbstfahrenden Auto überfahren werden. Welchen nimmt das autonome Auto?
          Die Lösung war, dass das Auto den mit Helm nimmt, weil der mehr Überlebenschancen hat. Nette Idee, bringt aber nichts.
        1. Zum Abschluß unserer chautauqua betrachten wir die von Vergabe “social credits in China”.
          1.  Siehe dazu Gerechtigkeitsthorien oder Ausgleichende Gerechtigkeit. Zumindest die Chinesen glauben daran, so Gerechtigkeit generieren zu können. Gutes soziales Verhalten wird belohnt, falsches bestraft. Wie es eine angemessene Gerechtigkeit ein fordert. Das geht nur mit totaler digitaler Überwachung.
          2. Mobilität
            Überqueren der roten Ampel gibt Minuspunkte auch für Fußgänger, Schwarzfahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln und falsches Parken … ebenso
          3. Aussagen in Multimedia
          4. Regelverstöße aller Art und Meinungsverstöße
          5. …?
        2. Ist das möglich? JA!
          1. Notwendige Voraussetzung:
            Das geht nur mit IT (social media, Video-Überwachung, big data), die eine totale Transparenz der Bürger schafft und so ermöglicht, das soziale Verhalten jedes einzelnen zu messen und “gerecht” rückzumelden.
          2. Nur: Wer bestimmt, was gerecht ist? Wer programmiert oder “customized” das System? Wer gibt die Regeln vor. Wie entsteht der Konsens dazu?
          3. Meine Sorge: China kommt zu uns.
            Die IT-Produkte kommen aus China. Sie werden das Denken beeinflußen. Der Trend, dass in BRD und EU Freiheit eingeschränkt und Überwachung eingeführt wird, ist bei uns auch schon angekommen.
          4. So haben wir noch eine Variante, wie wir das post-digitalen Zeitalter kommen könnte:
            Die Menschen stümen und vernichten alles, was digital ist. Um sich zu befreien. Ein „digitaler Bildersturm“ fegt alles digitale weg!
          5. Ergänzender Gedanke zu KI/AI:
            Aktuell sind die Sensoren das technologische Thema.

            1. Beispiel aus China: Baby-Überwachung (kleine Box am Kinderwagen meldet, wenn und wie voll die Windel ist).
            2. Beim Angeln gibt uns der „Beißalarm“ Bescheid, wenn ein Fisch angebissen hat und informiert uns über die Eigenschaften des Fangs.
            3. Autonomes Fahren
              Viel diskutiert. Haben wir keine anderen Probleme?
            4. „digitale Fabrik“
              Immer mehr, vielfältiger und billiger produzieren …

Florian mal ganz anders.

Eine neue Definition von KI könnte sein, dass es bei KI nicht mehr um Mensch-Maschine-  sondern um Welt-Maschine-Kommunikation gehen.

Mein Leben als Informatiker war ein Arbeiten wesentlich an der Mensch-Maschine-Schnittstelle (Benutzer- oder Bediener-Oberflächen).

Heute wird an der Welt-Maschine-Schnittstelle gearbeitet.

Das könnte vielleicht auch eine vernünftige Definition für KI sein;

“KI ist, wenn die Software oder das System direkt mit der Welt zusammenarbeiten”.

Und nicht mehr mit dem Menschen.

Oder:

„KI ist, wenn das System nicht mehr determiniert arbeitet (wie neuronale Netze das heute schon tun?)?“

Und wir nicht mehr wissen, was es tun wird.

Zwei WARNUNGEN:

Perfekte Manipulation pro Auto:
Hobby 1957 – 1965

» Jene, die grundlegende Freiheit aufgeben würden, um eine geringe vorübergehende Sicherheit zu erwerben, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit. «

» Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. «

Benjamin Franklin (1706-1790)

» Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs und nicht eine Schmälerung des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit. «

Bertrand Russell

Das war es dann.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 15. Mai 2019

Die wahren Probleme unserer Welt?!

Zwischen Ruinen. In Südgeorgien.

Ich lese oft, dass wir agil und digital werden müssen, weil alles so „vuca“ wäre. Aber ist das nicht ein Luxus-Problem?

Es gibt doch auch ernsthafte Sorgen. Als Folge von Entwicklungen, die vielleicht sogar das Leben an sich bedrohen.

Zurzeit steht die Klimakatastrophe im Zentrum unserer „medialen“ Sorge. Es geht darum, dass die Erwärmung des Planeten verursacht und beschleunigt wird durch die maßlose und immer noch steigende Freisetzung von Kohlendioxyd durch den Menschen und seiner Maschinen.

In einem Dialog mit einem wissenden Menschen ist mir bewußt geworden, dass es noch viel mehr kritische Punkte gibt als nur die von der Verbrennung der fossilen Rohstoffe verursachte Veränderung des Weltklimas.

Ich meine, dass die Ursachen für die vorhersehbaren Probleme geistig und materiell sind. So liste ich mal auf, welche Geisteshaltung dahintersteckt und welche Auswirkungen diese auf unseren Planeten hat. Und nehme immer kurz ganz persönlich Stellung, wie ich da mein eigenes Verhalten einordne.


Als „systemische“ Ursachen für die Misere habe ich zwei (Haupt-)Gründe gefunden.

  • Konsumismus und Kapitalismus
    Die menschliche Gier, unsere Freude an Bequemlichkeit und unsere Jagd nach besonderen Erlebnissen scheint mir eine wesentliche Ursache für die betrübliche Entwicklung unseres Planeten zu sein.
    Wenn ich mein eigenes Leben hier einordne, dann habe ich ein Problem. Ich habe über Jahrzehnte Konsumismus praktiziert und bin auch heute noch dabei. Viele Jahre habe ich viel zu viel Zeug gekauft. Vom kapitalistischen System habe ich profitiert, mein Leben hat es gut mit mir gemeint. Ich kann mich nicht beschweren, außer dass die Welt jetzt ziemlich kaputt ist.

 

  • Fixierung auf Wachstum
    Die Wachstumsprediger habe ich schon in der Schule nicht verstanden. Da war ich schon immer der skeptische Aussenseiter. Das Wachstumsdenken ist nach meiner Meinung absolut kurzsichtig und dumm, besonders im globalen Maßstab. Die Annahme, Wachstum könne unsere Probleme lösen, ist Ursache der Selbstzerstörung der Menschheit.

 

Jetzt zu den konkreten Folgen und physischen Ausprägungen:

  • Rüstungsindustrie und Krieg
    Diese Kombination erscheint mir als das größte aller Übel, die unsere Welt schädigen. Ich meine, wir zerstören uns hier selber maximal und das immer noch mit steigender Tendenz. Bei uns in Deutschland zerstört die Bundeswehr unsere Umwelt sogar im Frieden.
    Warum kapieren die Menschen nicht, dass Rüstung und Kriege nicht nur grausam und unsinnig, sondern auch schlichtweg dumm sind?
    Ich selber bin überzeugt, dass eine Zivilisation sich als solche nur bezeichnen darf, wenn der individuelle wie kollektive Verzicht auf Gewalt zum selbstverständlichen handlungsleitenden Wert geworden ist und meine, dass diese Utopie zu erreichen ist. Und gehe sogar davon aus, dass die Menschheit mehrheitlich dies will und dies so auch möglich ist.
    Um Kriege zu vermeiden, muss man die Rüstungsindustrie abschaffen. Denn die Analyse der Kriege zeigt, dass Kriege immer gemacht worden sind. Mir scheint da oft eine unheilvolle Allianz von Geheimdiensten und Rüstungsindustrie zu existieren. Die Rüstungsindustrie braucht den Krieg, die Geheimdienste implementieren ihn.
    So bin ich betroffen, dass Bayern den mit Abstand größten Anteil an den deutschen Rüstungsexporten hat.
    Ich selber bin hier ethisch gescheitert. Schon bei der Gründung der InterFace Connection und später gemeinsam mit unseren Mitarbeitern haben wir beschlossen, dass unser Unternehmen keine Aufträge für die Rüstungsindustrie annimmt. Wie sich dann unser Unternehmen – vom Markt erzwungen – vom Produkthersteller zum Dienstleister transformieren musste, wurde das durch einen Auftrag von einem Panzer herstellenden Unternehmen wesentlich erleichtert. Der schöne Vorsatz wurde dann der wirtschaftlichen Realität geopfert. Obwohl es wahrscheinlich nicht notwendig gewesen wäre.
    So meine ich, dass ohne Auflösung der Rüstungsindustrie und dem Einstellen aller Kriege die Rettung des Planeten nicht möglich sein wird. Prio EINS ist also die Einführung eines globalen Friedens.

 

  • Vermüllung des Planeten
    Ich weiß nicht, was dem Planeten mehr schadet. Ist es der von uns geschaffene radioaktive Müll, das in die ganze Welt verteilte Plastik oder die allgemeine Verteilung der Elemente des Perioden-Systems in die Umwelt?
    Mein Beitrag zu diesem Problem ist da. Schon seit Jahren kaufe und esse ich mehrheitlich keine Nahrungsmittel mehr, die wie z.B. Joghurts und sonstige Milchprodukte in einem Plastikbecher oder Tetrapak verpackt sind. Auch Flüssigkeiten (gleich ob Bier, Wasser oder Dosenmilch) oder Nahrungsmittel aus Pet-Flaschen oder Dosen meide ich, wie der Teufel das Weihwasser. Manche meine Mitmenschen schmunzeln da über meine Eigenheit.
    Nach meiner Erfahrung kann man auf die meisten Plastikverpackungen und Dosen wirklich gut verzichten. Darüber hinaus sehe ich immer noch beliebig viel Verschwendung. Ich esse immer gerne Essiggurken, und jedes Mal empfinde ich die Vernichtung des wunderschönen Glases mit Deckel als unsinnig. Auch wenn das Glas recycelt wird. In meiner Kindheit war das Einweck-Glas eine wertvolle Ressource. Und die Mutter hat jedes Jahr Essig-Gurken eingemacht.

 

  • Jetzt kommt das Kohlendioxyd-Thema
    Dass es eine Korrelation von Erwärmung der Atmosphäre und der Höhe des Kohlendioxydanteils gibt, ist mittlerweile akzeptiert. Ein paar bezweifeln noch, dass die Kausalität beim Menschen liegt, der das Kohlendioxyd freigelegt wird.
    Mein Beitrag ist immer noch unteroptimal. Am positivsten ist, dass ich auf das Auto zumindest in der Form verzichte, dass ich schon seit Jahren keine Autofahrt mehr gemacht habe, bei der ich alleine im Auto oder im Taxi war. Das hat mir gezeigt, dass man zumindest als Einzelreisender auf das Auto absolut verzichten kann. So bin ich individuell nur noch mit dem Fahrrad und dem ÖPNV unterwegs. Und fühle mich damit überhaupt nicht im Nachteil, im Gegenteil es tut mir gut. Auch Einkaufen geht mir dem Fahrrad sehr gut. Mein Allgemeinbefinden hat sich durch das Streichen des Autos für mich als Mobilitäts-Werkzeug psychisch wie physisch deutlich verbessert.
    Andere Sorgen begleiten mich noch. Zum Beispiel das Fliegen. Die letzten Jahre habe ich immer mehrere Langstreckenflüge gehabt. Immer zu einzigartigen Zielen, die mir unheimlich viel gegeben haben.  Hier fällt mir der Verzicht – im Gegensatz zum Auto – sehr schwer.  so weit wie möglich zu reduzieren.

 

  • Ende der Artenvielfalt
    Das Ende der Artenvielfalt bedeutet für mich so etwas wie der Beginn des Endes des Leben. Warum sollte der Mensch als einziger überleben, wenn die Biologie in ihrer Vielfalt nicht mehr funktionieren kann. Das klingt doch sehr unlogisch.
    Meine Beiträge halten sich im Rahmen der Möglichkeit eines Bewohner eines Häuschens mit einem kleinen Garten. Kein Gift für den perfekten Rasen und die richtigen Pflanzen fürs Leben.

 

  • Ernährung
    Heute ist für viele Menschen eine Mahlzeit ohne Fleisch gar nicht mehr denkbar. Deutschland ist zu einem der größten Fleischexporteure der Welt geworden.
    Ich meine, das macht doch keinen Sinn. Tierfabriken produzieren auf unappetitliche und grausame Art und Weise als industrielles Massengut. Mit Kalorien aus der ganzen Welt.
    Wie ich jung war, gab es in der Familie in den fünfziger Jahren nur am Sonntag den danach benannten Braten. Werktags waren in der Regel fleischlose Mahlzeiten angesagt. Dann kam in kleinen Schritten der Wohlstand. Am Dienstag Abend wurden die „Wiener Würstchen“ und am Freitag ein geräucherter Hering zum festen Bestandteil des Speiseplans. Das war noch etwas besonderes. Und dann ging der Wahnsinn los …

 

  • Bodenverbrauch
    Ganz gleich ob es für Verkehr, Wohnen, Fabriken oder Energie ist, wir vernichten täglich Boden ohne Ende. Manche von uns haben zwei Wohnungen, die meisten dann noch einen Arbeitsraum dazu. Die Wohnungen werden laufend größer. Eine Einzelperson braucht mindestens ein Zweizimmer-, ein Paar eine Vierzimmerwohnung. Senioren bewohnen alleine das Haus zu Ende zu Ende. Der Wohnraumbedarf wird pro Kopf jedes Jahr größer.
    Ich bin froh, dass uns gelungen ist, unser schönes großes Haus nach dem Auszug der meisten Kinder aufzugeben und in ein kleineres umzuziehen.

 

  • Regulierung der Flüsse
    Gerade habe ich wieder eine Studie gelesen, wie verheerend die Folge der Regulierung der Flüsse auf unsere Welt sind. Allein das war schon eine sehr nachdenklich machende Geschichte.
    Ich bin öfters am Main entlang geradelt. Auch an den schiffbaren Teil. Und wundere mich immer, wenn ich in Sommerhausen auf der Terrasse der „Gaststätte Anker“ sitze, dass ich so selten ein Schiff sehe. Das dann meistens ein Fluß-Kreuzfahrer ist. Dabei sollte hier der ganze Verkehr vorbeiziehen, für den der Rhein-Main-Donau-Kanal als die wichtigste Schiff-Fahrtstraße gebaut und die Donau ausgebaut wurde. Ähnliches denke ich mir, wenn ich an das neue Schiffshebewerk Niederfinow für den Verkehr auf Neiße und Oder denke.
    Hier kann ich wahrscheinlich nicht mehr dazu beitragen, als gegen den immer wieder versuchten weiteren Ausbau der Donau zu sein.

 

  • Wasser
    Wasser ist Basis von Leben. Trotzdem vernichten und beschädigen wir in großem Stil unser Trinkwasser in großem Stil.
    Ich bemühe mich, Wasser zu sparen. Das hat mir schon mein Großvater beigebracht. So versuche ich, der Verschwendung entgegen zu wirken. Wenn ich Schwimmen gehe, dann dusche ich halt nicht zu Hause. Wie ich meine, dass einmal am Tage gründlich waschen genügt. Wir haben drei vom Dach gespeiste große Wasserbehälter und nutzen diese, um den Garten zu gießen. Leider habe ich es noch nicht geschafft, die Toilettenspülung weg von Trinkwasser auf Brauchwasser umzustellen.

Die konkreten Bedrohungen sind vielfältig.

Das Thema mit dem Kohlendioxid steht bei mir nur an 3. Stelle. Eigentlich ist das egal, weil alles zusammengehört und ohne eine Veränderung unseres „mind sets“ (vielleicht zu übersetzen mit „Handlungs-Mentalität“) im Sinne von Abwendung von Konsumismus, Kapitalismus und Wachstumsglaube wird keine erfolgreiche Wende möglich sein. Allein die „geistige Veränderung“ dürfte eine kaum zu bewältigende Herkules-Aufgabe sein.

Alle konkreten Bedrohungen (Rüstung, Vermüllung, Kohlendioxid, Artenvielfalt, Ernährung, Bodenverbrauch, Regulierung der Flüsse, Wasser …) hängen zusammen. Wahrscheinlich gibt es noch mehr. Wir müssen alle angehen und dürfen uns nicht nur auf ein Thema wie Kohlendioxid kaprizieren. Eine Umstellung unseres Lebensstiles wird Teil der Transformation sein müssen. Es geht um das gesamtheitliche Umdenken und Verändern unseres Lebens. Die Frage könnte sein: Lohnt das sich noch – oder sollen wir lieber noch ein wenig auf dem Vulkan tanzen?

Mein Verstand sagt mir, dass es für die Rettung schon zu spät ist.

Im Anthropozän wurden Entwicklungen eingeleitet, die sich verselbstständigt haben und Folgeentwicklungen bewirken werden, die die ganz große Katastrophe erst noch auslösen und den Untergang wahrscheinlich beschleunigen werden.

Mein Gefühl sagt mir, dass Resignation der falsche Weg ist.

Deswegen darf es auch kein „WEITER SO“ geben und wir sollten „eine große Transformation“ zumindest probieren. Soll diese Transformation gelingen sollen, wird sie ALLES verändern müssen. Dies wird nur global funktionieren und muss extrem lokal beginnen.

Und ich meine, wir sollten es gemeinsam probieren! Und wundere mich, dass Politik, Wirtschaft und viele gesellschaftlich relevante Institutionen gar nichts dazu beitragen.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 16. März 2019

MACHT in sozialen Systemen

Im letzten Artikel habe ich über die drei Begriffe FREIHEIT, LIEBE und MACHT nachgedacht.

Als ich noch mächtig war 😉

Quasi als Fortsetzung zu diesen Überlegungen beschäftigt mich heute die Frage:

Wie ist das mit den Unternehmen und allgemein der Gesellschaft und der MACHT?

Die MACHT spielt auch im Kontext mit Bewegungen wie  #newwork, „demokratisches Unternehmen“ und intrinsify.me eine wesentliche Rolle. MACHT bestimmt nicht nur in Unternehmen, sondern auch das politische System, das unsere soziales Zusammenleben als Staaten organisieren will.

MACHT gehörte immer wie selbstverständlich den Männern. Bei uns immer noch den alten weißen Männer. Frauen waren und sind es wohl immer noch außen vor, es sei denn sie gebärden sich wie Männer. Und die Kinder werden klein gemacht, wenn sie sich zu Wort melden – weil sie sich um ihre Zukunft sorgen.

Die MACHT ist relevant in Kirchen, Vereinen, Familien und Beziehungen, also sozialen Systemen aller Art. Da sieht es auch nicht anders aus. Es geht immer darum, wer an der MACHT ist und wer nicht.Wer die MACHT hat, dem geht es besser.

Gestern

Seit der Antike gibt es in unserem Kulturkreis eine herrschende Schicht, die die Macht hat. Im Mittelalter hatten wir Feudalismus und Prekariat. Schon in Griechenland gab es Bürger und Sklaven. Bei uns im Mittelalter gab es Herren (Grundbesitzer, Adel, Kirchenfürsten), ein paar freie Bürger und Leibeigene (die Leibeigenschaft ist eine auch eine Art von Sklaverei). Die Leibeigenschaft war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas auf dem Land – sprich dort wo die wichtigen Lebensmittel hergestellt wurden – ganz normal. Stadtluft mach frei – so fing die Eigengehörigkeit in den Städten an. Und dann kam die Revolution und die Aufklärung mit ihren nationalen Kriegen.

Wie ging es weiter?

Heute

Heute gibt es eine Mittelschicht. Noch? Die hängt zwischen den ganz Reichen und den Armen. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Mittelschicht scheint zu verschwinden.

Morgen

Da vermute ich, dass es dann wenige und sehr Reiche geben wird. Die ganz große Mehrweit wird Teil des Prekariat. Wir schlagen nach:

 


Pre·ka·ri·at
/prekaˈri̯aːt,Prekariát/
Substantiv, Neutrum [das] Politik • Soziologie

Bevölkerungsteil, der, besonders aufgrund von anhaltender Arbeitslosigkeit und fehlender sozialer Absicherung, in Armut lebt oder von Armut bedroht ist und nur geringe Aufstiegschancen hat.


 

Das Fremdwort Prekariat kann man sich über prekär gut merken. Die Angehörigen des Prekariats werden in „prekären“ Lebensverhältnissen leben. Auch da schauen wir wieder nach, was heißt prekär?

 

pre·kär
Adjektiv
bildungssprachlich

  1. so beschaffen, dass es schwierig ist, richtige Maßnahmen, Entscheidungen zu treffen, dass man nicht weiß, wie man aus einer schwierigen Lage herauskommen kann
  2. eine prekäre [wirtschaftliche, finanzielle] Situation“

 

Die Prekären werden ziemlich rechtlos sein, beherrscht von einer Oligarchie aus Parteien und Verbänden. Als Folge von Klimakatastrophe, Zerfall der Infrastruktur und ähnlichem werden die Menschen im Prekariat die ganz große Mehrheit sein. Gelenkt wird sie durch die Religion des Konsumismus. So könnte eine neue Sklaverei entstehen, die aber nicht mehr auf Fremdgehörigkeit fusst, sondern sie wird durch Überwachung und Manipulation in Abhängigkeit gehalten. Diese große Mehrheit dürfte von einer kleinen Schicht eines pseudo-demokratischem Feudalismus beherrscht werden.

Ein kurzes Jahrhundert haben wir geglaubt, dass die Demokratie die „Bürger“ zum „Souverän“, also den Mächtigen gemacht hat. Wir stellen jetzt überrascht (?) fest. dass dies eine Illusion war.

Wir können jetzt nur hoffen, dass es auch in Zukunft noch für Brot und Spiele reichen wird.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 11. März 2019

Wem gehört das Internet … ?

I wonder if he knows the answer?
Römische Kopie eines griechischen Platonporträts, das wohl von Silanion stammt und nach dem Tod Platons in der Akademie aufgestellt wurde, Glyptothek München.

Ich behaupte ja, dass man erst nach Lösungen suchen soll, wenn man die „richtigen“ Fragen gestellt hat. Mich beschäftigt zurzeit, nicht nur in meinen Vorträgen, wie es mit der Digitalisierung weiter gehen wird.

Ich fürchte, dass das Internet auf verschiedenen Ebenen gefährdet ist. Also überlege ich mir zentrale Fragen.

Eine ganz wichtige Frage dazu ist:

Wem gehört das Internet?

Das meine ich genauso, wie ich es schreibe. Mein Smart-Phone wie meine Rechner, die ja auch Teil des Internets sind, gehören mir. Aber wem gehören die ganzen Leitungen und Rechenzentren, die es für das NETZ braucht? Und wer hat die Definitions-Hoheit? Wer beschließt eine Umstellung der Protokolle, wenn dies aufgrund von Nutzer-Veränderung notwendig sein sollte? Wer regelt die Sicherheit? Wer hat die Verantwortung, wenn die Infrastruktur kaputt ist?

Die Frage habe ich jetzt auch schon ein paar Mal gestellt. Weil ich die Antwort nicht weiß. Ich habe sie sehr klugen Menschen gestellt, die normaler Weise alles über Digitalisierung und verwandte Themen wissen. Aber auch die konnten sie mir nicht beantworten.

Aber vielleicht wissen das meine Leser?

Dann beantwortet bitte auch gleich weitere Fragen, wie zum Beispiel:

Wem gehört Wikipedia?

Unsere riesige Lexika-Infrustruktur. Die einzigartig unabhängig und frei ist. Auch frei von Werbung. Die keinem Konzern und keiner Partei gehört. Von Ehrenamtlichen gestaltet und von Spenden finanziert wird. Ein wunderbares Beispiel für „Open Source“. Etwas, auf das die Internet-Community stolz sein könnte.

Was machen wir, wenn es nicht mehr genug Wikipedianer bereit sind, diese immer wachsende Infrastruktur weiter zu pflegen? Wenn die Technologie veraltet und das System verfällt. Wer bekommt oder übernimmt das Wikipedia-Imperium, wenn es zusammenbricht?

Oder habt Ihr da noch mehr so spannende Fragen? Wie z.B. was mir machen, Youtube und ähnliche Dienste abgeschaltet werden?

Freue mich über Antworten und Fragen.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 2. März 2019

Zeitenwende: Das Ende der digitalen Welt?

Was passiert, wenn das digitale Zeitalter zu Ende geht?

Im Jahre 2019 habe ich nach einem Jahr Pause wieder am Biike-Camp in Sylt teilgenommen. Das Biike-Camp findet jährlich zeitgleich mit dem auf Sylt traditionellen Biike-Brennen statt. Es ist ein großartiges Treffen von Unternehmern, Beratern und Führungskräften. Veranstaltet wird es von Tedic, die Brüder Krickel haben es um die Jahrtausendwende erfunden.

Dieses Mal war das Motto Zeitenwende. Die Teilnahme hat sich wieder mehr als gelohnt. Ich war eingeladen, am zweiten Tag der Veranstaltung einen Vortrag zu halten. Als Thema wurde mir vorgeschlagen:

„Unternehmensführung in der post-digitalen Welt“

Den Vortrag gebe ich im folgenden wieder. Gestartet bin ich mit meiner persönlichen Vorstellung, dann habe ich versucht den Titel in zwei Blöcken zu analysieren.


Persönliche Vorstellung

Da mir am ersten Tag des Treffens klar wurde, wie stark die meisten von uns (und so auch ich) vom Auto geprägt sind, habe ich kurz die von mir gefahrenen Autos vorgestellt. Also meine ehemalige Auto- und heutige Fahrrad-Kultur berichtet.
🙂 Und habe auch einiges Neue bei mir selber entdeckt.

Dann habe ich die Rechner (Mac und Chrome – kein Windows) erwähnt, die ich nutze.

Also zweifache Mobilität – MIV (Motorisierter IndiviualVerkehr und im Netz). Beides sagt viel über das Leben eines weißen alten Mannes aus.

Und natürlich musste ich auch noch auf meinen Werdegang eingehen, dies ganz kurz unter Verweis auf duerre.de und if-blog.de, mit der Erwähnung, dass ich mich selber als „Spätgründer“ (late founder – erst im Alter von 34) fühle.

Zu meiner InterFace-Geschichte habe ich auf den Wikipedia-Eintrag zur InterFace AG verwiesen.


Um flexibel auf die Inhalte der anderen Vorträge eingehen zu können, habe ich auf die Zwangsjacke inhaltlicher Folien verzichtet und versucht überwiegend mit Wikipedia-Einträgen zu arbeiten.

Mein Plan war, mich dialektisch mit dem Thema  „Unternehmensführung in der post-digitalen Welt“ auseinander zu setzen. Also konkret mit den Begriffen post, digital und Welt (Block 1) und Unternehmensführung (Block 2).


 

I. Die post-digitale Welt

(Block 1 – was bedeutet post, digital, Welt?)

Bisher kannte ich nur den Begriff post faktisch. Post digital  dagegen war mir neu. Post faktisch heißt für mich, dass wir im Zeitalter des unverantworteten Geschwätzes leben – als Teil der neuen Unredlichkeit (Rupert Lay).

Das merkt man sogar bei der Gesetzgebung. Nicht nur in China werden Gesetze so formuliert, dass sie beliebig ausgelegt werden können. Vielleicht Absicht?

Digitalisierung ist selbstverständlich geworden. Jeder spricht darüber. Vor kurzem habe ich gelesen: Die Digitalisierung ist eine Technologie, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Will sagen, dass ohne Digitalisierung und bald auch KI nichts mehr gehen wird.

Wir scheinen total von der Digitalisierung abhängig zu sein, wie z.B. auch von Strom und Elektrik. Genauso wäre ohne Digitalisierung unser Leben nicht so möglich, wie die meisten von uns es mögen. In jedem Stück Technik steckt ein beachtliches Stück Software drin, es gibt keine Technologie ohne Software „inside“.

Diskutiere ich mit den “Bienenschützern” in Bayern die provokative These, dass “es ist zu spät ist” für die Bewahrung des Planeten, dann erzählen die mir, dass man Dank Digitalisierung auch den Planeten retten könnte.
🙂 Die Erwartungen an „digital“ sind hoch.

Um Digitalisierung zu erklären, verweise ich gerne auf Wikipedia. Dort hat Thomas Kofer – damals Mitarbeiter beim ZD.B –  viele Manntage investiert, um den Begriff zu beschreiben.

Dann suche ich im großen Netz nach post digital. In Wikipedia finde ich so einen Unsinn nicht. Dafür werde ich bei  Accenture fündig, hier ein kurzes Zitat zu post digital:

„The advent of technology identities is leading to a new generation of business offerings.“

Ist das ernst gemeint? In dem Link findet man noch mehr von solchem BBB (Berater-Bullshit-Bingo). Für meinen Vortrag hilft mir accenture nicht weiter.

Digital und Digitalisierung sind aktuelle buzzwords. Sehr beliebt – und jeder stellt sich etwas anderes darunter vor.

So untersuche ich das Wort post und finde „kennzeichnet in Bildungen mit Adjektiven – seltener mit Substantiven oder Verben – etwas als zeitlich später liegend, erfolgend“. 

Stimmt – post ist ein Adjektiv für Adjektive. OK, das verstehe ich.

Digitalisierung gilt als unumkehrbar. Weil, wenn es die Digitalisierung nicht mehr gibt, dann gibt es auch keine technische Industrie mehr. Denn in jedem technischen Produkt ist heute Software, also Digitalisierung – und bald auch KI – drin.

Dann kann es doch kein post-digital geben, würde das doch das Ende unserer technologischen Welt bedeuten. Besonders nicht wenn die digitale Welt sich in Form von künstlicher Intelligenz (KI) verselbstständigt. Was ja alle erwarten.

 


Einschub zu KI

Künstliche IntelligenzDeep learningBig Data sind in der aktuellen Buss-Word-Liste ganz oben. Die Welt oder zumindest alle, die mitreden wollen, spricht von Roboter & Bots.

So frage ich in die Runde:

Wer kennt die drei Buchstaben T, A und Y?
Zusammengefügt als Wort und Name Tay

Viele in Deutschland reden über KI, aber die meisten wissen nicht, was das ist. So kennt auch mal wieder keiner, den Tay. Das finde ich symptomatisch für die ganze aktuelle Diskussion.

Tay ist oder besser war der Twitter-Bot von Microsoft. Microsoft hat ihn entwickelt – und wurde dann schnell stillgelegt wegen Fehlverhalten. Die erste wie die zweite Version. Das ist schon wieder ein paar Jahre.

Heute zieht sich Microsoft wohl aus der KI zurück. Sie kapitulieren vor Amazon und Google und geben ihr System/Projekt Cortana auf. Weil KI für den großen, reichen und so mächtigen IT-Konzern Microsoft eine Nummer zu groß scheint.

Gleichzeitig erklärt der Freistaat Bayern, eine KI-Offensive eröffnen zu wollen. Microsoft gibt auf, weil Google und Amazon zu weit vorne sind. Und Bayern will es richten. Wie China. Nur – China wird es schaffen. Bayern selbstredend nicht.

Als Beispiel erzähle ich meinen Zuhöreren von dem chinesischen Nachrichtensprecher-Bot  Keiner aus der Runde der KI-Experten kennt ihn. Da wunder ich mich schon.

Ende des Einschubs zu KI


 

Wie könnte das Ende von Digitalisierung und AI/KI aussehen?

Dazu ein paar Gedankenexperimente:
Beginn der Digitalisierung war die Verschriftung von Sprache.
Also könnte “post digital” bedeuten, dass der größte Teil der Bevölkerung nicht mehr flüssig, sondern nur noch rudimentär lesen und schreiben kann? Könnte nach meiner Meinung gut möglich sein. Wäre das gut oder schlecht? Gibt es da überhaupt ein gut und schlecht – oder sind das alles nur unsere traditionierten Vorurteile?

Denn:
Warum soll man etwas lernen, dass man nicht mehr braucht? Also: warum noch Lesen lernen (und es dauernd üben, weil es sonst beschwerlich wird), wenn es das meiste wissenswerte auch als eBook und podcast gibt und den Rest der sprechende Computer vorlesen kann? Und dabei auch nebenher übersetzt. Der asynchrone und synchron Austausch geht sowieso über Sprache (Sprachnachrichten). Das ist schön, weil Sprache mehr als Schrift  transportiert. Und dann natürlich die Sprache keine Rolle mehr spielt?

Eine moderne Gesellschaft könnte dann sehr wohl ohne Lesen & Schreiben auskommen könnte, aber garantiert nicht ohne Digitalisierung.

Dann denke ich über “post digital” nach. Auf der Ebene

– Was und Wer könnte das Internet zerstören?
(neben der Regelwut der von der BRD-Lobby getriebenen EU)

Zwei Gedanken kommen mir dazu:

Aus Ingenieuren werden Priester.

Das hat Isaac  Asimov in seinen Zukunftsromanen (Beispiel sein Zyklus zu Trantor) schon vorgestellt:
Die Menschen, die die Systeme warten, verstehen die ihnen anvertrauten Maschinen nicht mehr und führen nur noch angelernte (Pflege- und Wartungs-)Rituale durch.

Das könnte ich mir gut vorstellen, denn in der Informatik beim Programmieren erlebe ich das heute schon. Was da alles geklickt wird – und sie wissen nicht, was sie tun. Die Komplexität wächst uns über den Kopf, da ist es leicht möglich, dass die Welt ihr Know-How verlernt.

– Das Ende des Moore’schen Gesetz.

Ganz einfach:

IT besteht aus der „Dreifaltigkeit“ von Rechenwerk, Leitung und Speicher.

Das sind die drei relevanten Bauteile von IT. Beim Speicher sind wir im Nano-Bereich, kleiner geht es wegen der Größe der Atome nicht. Auf der Leitung arbeiten wir mit Lichtgeschwindigkeit, schneller geht es nicht. Den Begriff Rechenwerk verwende ich absichtlich. Denn ein moderner „Prozessor“ (z.B. von Intel) enthält so vieles, dass ich gerne mit der Metapher der Großstadt New York vergleiche.

Das Rechenwerk wollen wir mit dem „Quanten Computer“ schneller machen. Nur so richtig gibt es den ja noch gar nicht, und vielmehr als Entschlüsseln wird er auch nicht könnten. Aber das genügt den Staaten dieser Erde, denn sie haben ja vor allem ein im Sinne, nämlich uns zu überwachen.

So könnte das Ende des Moor’sche Gesetzes unsere KI-Träume beenden. Die beliebige Ressourcen-Vermehrung in kurzen Zeiträumen in Zweier-Potenz hat uns in den letzten Jahren ziemlich verwöhnt, damit könnte in absehbarer Zukunft definitiv Schluss sein.

Was ist denn wichtig in der digitalen Welt?

Für mich kommt da ganz zuerst Wikipedia – das aus vielen Gründen:

– Wikipedia – Das Lexikon des Welt-Wissens.

Wikipedia ist toll. Derzeit frei von Werbung (außer ein paar eingeschmuggelte Artikel über Frauen von Bayern-Spielern), komplett ehrenamtlich betrieben und finanziert durch Spenden, kein Konzerneinfluss etc.

Traumhaft, eine der letzten freien Bastionen. Wir brauchen es täglich, weil es ja keine Lexika mehr gibt. Trotz vieler Schwächen z.B. bei Artikeln zum Thema Digitalisierung/IT ist Wikipedia klasse.

Jetzt kommt aber das ABER:

Es wird gemacht von alten weißen Männer, d.h. es gibt kaum jungen Nachwuchs und nur ganz wenig Frauen. Wikipedia ist wie eine Wissens-Infrastruktur. Wie bei vielen Infrastrukturen in unserer Welt (Straßen, Brücken, Schienen) steigt der Bedarf an Pflege und Sanierung, aber die Ressourcen werden weniger.

Wikipedia ist bedroht durch Überalterung und zusätzlich durch Urheberrecht (Update-Filter) und Lobbyisten-Druck.

Was passiert, wenn Wikipedia zerfällt? Wer übernimmt dann Wikipedia?

Einer der drei Deutschland beherrschenden Medienkonzerne? Oder die Bundesregierung? EU und UNO wären auch noch Kandidaten. Oder die Internetgiganten wie Google, Amazon, Facebook, Microsoft …

Stell Dir mal vor, man könnte in Wikipedia Werbung schalten! Ich könnte mir weitere tolle Geschäftsmodelle vorstellen, wenn mir Wikipedia gehören würde.

– Dienste wie Youtube, Vimeo, Facebook++, wechat …?
(E-Mal als Dienst habe ich hier bewusst nicht erwähnt, weil man sie nach meiner Meinung keiner mehr braucht).

Alos: Was passiert, wenn es das alles nicht mehr gibt? Vor kurzem las ich von Morddrohungen gegen die Youtube-Chefin wegen Ihrer Aussage, notfalls als eine Folge neuer Urheberrechtsgesetze (Update-Filter) den Dienst in den betroffenen Ländern abzuschalten!

Es gilt: 

Regelwut schadet.

Uns allen!

Besser:
Die Ursachen angehen. Also die Fehler suchen. Und dann Reformen machen. Zum Beispiel beim Urheberrecht.

Und  bitte weniger DGSVO …

À propos Welt:

Zur Erinnerung: Nur zirka eine Hälfte der Menschheit „ist im Internet“. Es gibt so zwei Welten, die eine mit und eine ohne Internet. In etwa gleich groß.

Es gibt aber auch im Internet zwei Internets (so eher als „vertikale Trennung“). Das „chinesische“ und das “unsere”.

Das merkt mancher Tourist plötzlich am Flughafen in Peking, wenn er mit gmail einen Gruß nach Hause senden oder ein wenig chatten will. Und es halt nicht geht.

Also versucht er VPN. Nur VPN-Dienstleister sind schlecht oder teuer. Meistens beides. Wenn man also nicht ein VPN eines noch in China tätigen deutschen Konzerns hat, geht es schlecht. Google-Maps geht auch nicht. Es kann schwierig werden. Lost in China. Aber keine Angst, die praktische chinesische AI hilft Dir dann.

À propos China:

Die machen jetzt ganz viel mit KI. Unter anderem stecken sie alle Menschen in ein Social Media – System rein, das alles kann (wechat). Und dann vergeben sie „Credits“ für soziales Verhalten, positive und negative. Führt das zu einer digitalisierten Diktatur – oder geht damit der Traum der Menschheit von einer angemessenen Gerechtigkeit wahr? Schon Aristoteles erkannte ja, dass eine arithmetische Gerechtigkeit im sozialen Leben eher keinen Sinn macht.

Ich denke mir mal, dass mit der chinesischen Technik auch die chinesische Kultur zu uns kommen wird und bin gespannt, ob so etwas bei uns dann auch nicht mehr weit weg ist.

Außerdem:
Die Nutzung des Internets ist kollektiv wie individuell völlig unterschiedlich! Ich würde sagen, wir haben also noch horizontale Trennungen.

In einer “entwickelten, wohlhabenden und intellektuellen” Welt wird das Internet wesentlich anders genutzt als in einer „armen” und „bildungsfernen“. So spaltet sich das Internet noch ein paar mal auf. Es gibt: Home-Office-Nutzer, Porno-Gucker und Netz-Spieler. Verrückte und Fanatiker. Undsoweiter. Alles wie im richtigen Leben. Damit will ich nicht sagen, dass die „intellektuellen“ keine Pornos anschauen.

Und weiter soll und wird sich sich im Netz eine schier unvorstellbare Anzahl von smarten Geräten tummeln (alles, was WLAN kann, ist smart und braucht das Netz, vom Auto übers Licht und dem Kühlschrank bis zur Waage). Das auf einem System mit veralteten Protokollen, die für ganz andere Zwecke geplant waren. Und wo keiner so recht weiß, wer denn überhaupt für die Veränderung von Schnittstellen zuständig ist.

Wie soll das Funktionieren?

Sicher eine gute Frage.

 


Aber jetzt mach ich Schluss mit digital und post-digital und wende mich hin zum Unternehmens-Management, sprich zu Führung und sozialem Zusammenleben.


 

II Unternehmensführung

(Block 2 – was ist das, ein Unternehmen und was ist Führung?)

Unternehmen
Ein junger Mensch hat mal zu mir gesagt, ein Unternehmen ist für ihn ein organisierter Menschenhaufen mit einem Zweck oder Ziel.

Keine schlechte Definition. Wir nennen Unternehmen wie Behörden soziale Systeme mit einem ökonomischem bzw. administrativem Zweck.

Bei Unternehmen ist Größe ein wichtiges Kriterium. Es gibt Konzerne und Klitschen. Beide sind und funktionieren völlig verschieden.

Wir gehen in unserer Denke wie selbstverständlich davon aus, dass ein Unternehmen Mitarbeiter hat. Nicht nur eine Satzung und Kapital. Und dass die Mitarbeiter wie Kunden eines Unternehmen Menschen sind. Dass Unternehmen also Mitarbeiter haben. Bei den Kunden stimmt das nicht mehr. Meistens machen die kleinen ihr Geschäft mit anderen Unternehmern, man nennt das B2B.

Unternehmen ohne Menschen, ist das denkbar? Nur mit Robotern oder Bots? Alles, was Menschen braucht, wird „outgesourct“, sprich von Providern eingekauft. Und die Kunden sind auch keine Menschen mehr, sondern z.B. selbstfahrende Autos und deren Betreiber? Ist das vorstellbar? Dann braucht man keinen Betriebsrat und die Arbeitsgesetze (Arbeitszeit, Betriebsverfassung, Arbeitsverträge …) spielen keine Rolle mehr?

Ich kenne Gründer(-teams), die wollen ein Unternehmen aufbauen, bei dem alles automatisiert ist. Im Prinzip besteht das Unternehmen dann nur aus einem Stück Software!

Keine Mitarbeiter, nur Roboter (und Lieferanten und Partner). Alles andere wird “out gesourct“ – ob die Programmierung des Produktes oder Marketing / Vertrieb. Es bleibt ein kleines Back Office einen Assistenten oder Assistentin – die Führung beschränkt sich auf diesen.

Dann braucht es keine Führung im Sinne von ”Human Ressource! Ein gelungenes Jammen innerhalb des Gründerteams genügt völlig. Wie beim Jazz. Gründung und Unternehmen werden zum  Spiel mit Lieferanten, Kunden und Geldgebern.

Von BayStartUp kenne ich solche Business-Pläne. Ich würde sagen, die liegen im Trend. Wie es mal Trend war, Portale oder Apps zu bauen. Oder 3-D-Drucker zu nutzen …

In jedem Geschäftsplan, den ich kenne, war die benötigte und zu schreibende Software von herausragender Bedeutung- ich erinnere mich an keinen Business-Plan, in dem diese nicht eine wesentlich Begründung oder Ursache fürs USP war.

Führung kann es per se nur geben wenn es Menschen (Arbeiter oder Angestellte) gibt. Vielleicht aber braucht es diese in Zukunft gar nicht mehr.

Für diesen Vortrag gehen wir mal von der Hypothese aus, dass Unternehmen auch in Zukunft mehrheitlich Mitarbeiter haben werden. Dann macht es Sinn über Führung zu reden.

Die Bandbreite von Führung.

Hierarchie versus Netzwerk.
(von Teams, die im Netzwerk zusammenarbeiten)

Gruppen-basiert (Modell der Reichswehr – Siemens) versus Team-basiert (Micro-Organisation mit Selbstorganisation)

Geheimhaltung versus Transparenz

Taylorismus
(die detaillierte Vorgabe der Arbeitsmethode „one best way“, exakte Fixierung des Leistungsortes und des Leistungszeitpunktes, extrem detaillierte und zerlegte Arbeitsaufgaben, Einwegkommunikation mit festgelegten und engen Inhalten, detaillierte Zielvorgaben für den Einzelnen nicht erkennbarem Zusammenhang zum Unternehmensziel sowie Qualitäts-Kontrolle)
versus
Involviertheit 
(als Summe von Einbezogensein, Eingebundensein, Aufgabenintegration …)

Prozesse versus Selbstorganisation
(Henry Ford – Die Kaste der Ingenieure als Vorläufer der Kaste des Management)

Feudalismus versus Selbstbestimmung.

Fremdgehörigkeit versus Eigengehörigkeit.

Wichtige Ebenen könnten auch sein:

Ratio versus Gefühl
(Immer mehr verstehen wir, dass die Vernunft nicht mehr aussreicht).

und

Gewalt versus Gewaltlosigkeit
(Gewalt dürfte die Strukturen von sozialen System am meisten beeinflussen)

Das ist die Theorie der Macht. Es gibt zwei Klassen, die Klugen und die Dummen. Bei Henry Ford waren es die dummen Bauern, die durch den Einsatz von mächtigen Maschinen in der Landwirtschaft arbeitslos geworden sind und so für ihn arbeiten mussten. Die waren nicht einmal mit der Uhr waren sie vertraut. Die Ingenieure mussten ihnen alles beibringen, von der Pünktlichkeit bis zur Handhabung der Werkzeug. Jeder Griff am Fließband musste Ihnen vorgegeben werden. Und der Kaste der Ingenieure ist die Kaste der Manager entsprungen.

Bewertung:

Es ist bekannt, dass mir mein Leben lang die rote Variante lieber war. Die Praxis ist aber nie schwarz-weiß (in diesem Fall rotblau, so dass es meistens mehr um die Frage geht, ob eine Organisation mehr rot oder mehr blau ist. Ich meine auch nicht, dass rot nur für die „kreativen“ Tätigkeiten oder blau nur für die „einfachen“ Tätigkeiten funktioniert. Da kenne ich viele Gegenbeispiele, wie z.B. Buurtzorg für Pflegeleistung. Über 10.000 Mitarbeiter in den Niederlanden und eine scheinbar einfache Arbeit.

Digitalisierung unterstützt rot und blau !!! Sie ermöglicht Kommunikation auf Augenhöhe und wird auch in der Hierarchie „Chef-Rollen“ manifestieren und übernehmen. Daher auch die Angst, dass Roboter die Menschheit beherrschen werden.

Ich bin überzeugt, dass sowohl effiziente Strukturen, gleich ob eine blaue oder rote durch eine digitale Infrastruktur mächtig unterstützt werden können.

In der blauen Welt für die Umsetzung und Einhaltung der Prozesse und Kommandostrukturen, in der roten zur Realisierung einer Infrastruktur, die ein Erfahrungs- und Erkenntnis-Management für alle ermöglicht.

Bewußt gebrauche ich nicht den Begriff Wissens-Management. Weil es um Erkenntnis und Erfahrung geht.

Und in beiden Welten sehe ich große Möglichkeiten, KI/AI einzusetzen. Aber auch ganz ohne KI/AI kann und wird die digitale Infrastruktur zur „digitalen Zwangsjacke“ werden. Stellen wir uns ein Unternehmen vor, dessen „Betriebssystem“ komplett in Office365 von MS und SAP implementiert ist. Wenn so ein System ein gewisses Maß an Komplexität erreicht hat, dann kann man es kaum mehr sinnvoll ändern.

Vielleicht haben Menschen irgendwann mal keine Lust mehr auf solche digitalen Zwangsjacken.

Aus- und Rückblick in die Geschichte
Denn gerade bei sozialen Themen muss das Gestern, Heute und Morgen zusammen betrachtet werden.

Gestern:
(vor 1900)
Im Europäischen-Kulturkreis gab es Leibeigenschaft, in der neuen Welt Sklaverei (auch in God’s own country).

Auf einer Karibik-Reise kam ich nach Curaçao. Dort habe ich im Kura Hulanda Museum viel über die Sklaverei gelernt.  Die Sklaverei existierte offiziell bis zum Beginn des 20 Jahrhundert. In vielen Ländern gibt es sie heute noch.

Aber auch in Europa und Deutschland gab es viele Jahrhunderte Leib- und Grundeigenschaft. Was im Prinzip dasselbe ist wie Sklaverei. Nur wenige Menschen hatten den Status der Eigengehörigkeit, die Fremdgehörigkeit die Regel. Die Mehrheit der Menschen lebte auf dem Land und produzierte Nahrungsmittel (90 %). Nicht in der Stadt – “Stadtluft macht frei” (10%).

In der Stadt ist der Fortschritt entstanden. Weil da die freien Handwerker – Holz und Eisen, Hebel und Rad (Schubkarre) vernetzt zusammenarbeiteten. Auf dem Land waren die meisten Menschen Leibeigene, also Eigentum von dritten. Überwiegend waren sie Bauern und bearbeiteten das Land. Deshalb waren sie Bodeneigene. So war es ganz einfach – die Menschen gehörten dem, dem das Land gehörte.

Land und Menschen gehörten der feudalen Schicht – dem Adel und der Kirche. Dies bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Auch das ist ein Teil unserer glorreichen christliche Tradition. Der leider gerne vergessen wird.

Jetzt aber kommt der Hammer:

Sklaverei und Leibeigenschaft wurden nicht aus humanitären Gründen abgeschafft sondern weil es zu teuer, unbequem und aufwändig war. Das erklärt auch den Krieg zwischen Nordstaaten und Südstaaten in den USA. Natürlich wurde die Ende der Sklaverei durch den Widerstand der Betroffenen begünstigt. Dieser Widerstand fand individuell und kollektiv statt. Aber Religion und Moral oder die Philosophie haben die Sklaverei nicht abgeschafft. Sondern wirtschaftliche Gründe.

Spätestens da war mein idealistischen Weltbild zerstört.

Heute:

Konsumismus wird Welt weit zur mächtigsten Religion. Ohne Arbeit ist der Mensch wertlos und steht außerhalb der Gesellschaft. Arbeit wird weniger werden. Da denke ich vorallem auch an gut verdienenden Sachbearbeiter in Behörden und Finanz-Industrie und vergleichbare Aufgaben. Schon heute hat RPA (Robotic process automation) eine große Relevanz.

In den entwickelten Gesellschaften geht es den Menschen, die einen Job (oder/und Kapital) haben noch richtig gut. Aber die Reichen, denen es gut geht, werden immer weniger und die Armen immer mehr.

Morgen:

Ob Unternehmen und ihre “Führung” blau oder rot sein werden, hängt davon ab, was besser funktioniert. Da geht es nicht um Ethik, Moral oder #newwork.

Und die Entwicklugn wird natürlich auch von der wirtschaftlichen und sozialen gesellschaftlichen Situation ab. Es könnte aber auch gut ganz schlicht ums Überleben gehen!

Zukunft

Ich möchte keinen Versuch wagen, die Zukunft vorherzusagen
Andere können das sicher besser. Mein Favorit ist und bleibt die Brave new World vonAldous Huxley.

Dieses Buch noch nicht kennt, der hat drei Möglichen.

  • Er kann das Buch lesen (oder das Hörbuch) anhören,
    Also ganz klassisch. Das dauert eine gewisse Zeit.
  • Er kann ins Theater gehen (im Volkstheater München gibt es eine herausragende Inszenierung)
    Dazu muss man erstmal eine Karte kriegen – das Stück wird selten gespielt un
  • Oder bei Wikipedia nach lesen 😉
    Das ist die einfache, schnellste und kostenlose Variante.

Wie könnte es weiter gehen?

In der kleiner werdenden Oberschicht:

  • Geld wird zur elektronischen Zahl (eine Ziffer auf dem SmartPhone)
  • Macht und Feudalismus werden bleiben.
  • Die Oberschicht arbeitet in den “entwickelten Gesellschaften” mit Mut und Freude.
  • Arbeit wird für diese  zur Selbstverwirklichung. Dort könnte  “newwork” passiern? Alle Anstrengungen dienen der
    Mehrung des Vermögens und der Abwehr von Verarmung.
    Die Zeit wird zum persönlichen Wert

In der Masse wird es anders aussehen!

  • Keine Arbeit oder prekäre Arbeitsverhältnis.
  • Arbeit auf Abruf. Wenn der Roboter mal nicht funktioniert. Oder gerade Bedarf ist. Wie am Hafen in Mombasa oder in der Kali-Mine in Tunesien, wo die Menschen in Massen vor den Toren stehen, um für Kleinstbeträge ihre Arbeit anzubieten. Oder:
  • Dank BGE (bedingungsloses Grundeinkommen) Zeitvertreib durch Spiele. Oder einfach Herum-Chillen.

Die Polarisierung in arm und reich nimmt zu – die – weltweite Tendenz ist klar: Die Reichen werden reicher und weniger und es gibt immer mehr Arme. Und das drastisch.

Zeitenwende:
Die gesellschaftlichen Treiber der kommenden Zeitenwende dürfte Geldfeudalismus, Roboter und Arme sein. Es wird ein BGE geben müssen, das nicht reicht, so dass die Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen ihr Einkommen aufgebessern müssen.

Neue Kombination von Feudalismus und Sklaverei?

Die mit “Kohle” können sich in Mut und Freude verwirklichen, gegebenenfalls “ehrenamtlich”. Ansonsten ist ihre Hauptaufgabe, ihr Vermögen zu mehren. Und müssen nur aufpassen, nicht zu verarmen.

Der Rest hat ein BGE oder keins und verdient dazu oder kämpft um seine Existenz?

Themen
(die mich bewegen)

  • Erziehung
    Sollen Kinder möglichst früh ein Smartphone nutzen?
  • Ausbildung
    Schule taugt nichts mehr. Was muss hier passieren?
  • Wissenschaft und Lehre
    Die Strukturen und das Leben in Akademis ist immer noch feudalistisch. Wird das für die Zukunft genügen? Meine Antwort: Nein!
  • Gesellschaft:
    #Newwork ist in weiter Ferne, weil unsere Gene immer noch feudalistisch geprägt sind. Die Männer geben weiter den Ton an.

Vor Westerland (Sylt) beim Strandspaziergang.
Nur, wohin führt der Weg?

RMD

P.S.
Diesen Artikel widme ich dem Biike-Team um Kai Krickel.

P.S.1
Zum Ende der beiden Tage sind die Referenten gebeten wollen, noch kurzfristig und prägnant den Zuhöreren eine Botschaft mit zu geben. Auf die Schnelle fiel mir nichts besseres ein als
„Love it, change it or leave it“!

Roland Dürre
Donnerstag, der 24. Januar 2019

Barcamp für Aktive Mobilität im Alltag (2019) !?

Zum Jahresbeginn in 2016 hatten wir ein wunderbares Barcamp für Aktive Mobilität (AktMobCmp).

Veranstaltungsort war das Kubiz in Unterhaching. Hier ein Video von diesem Ereignis. Ein zweites AktMobCmp fand in Augsburg statt.

„Unterhaching“ ist jetzt bald genau drei Jahre her. Seitdem ist viel passiert und das Bewußtsein für einen notwendigen Wandel auch bei der Mobilität stark gewachsen.

Was macht man, wenn man sich selber und auch ein wenig die Welt verändern will? Dann geht man auf ein Barcamp und trifft sich dort mit Menschen, die ein ähnliches Anliegen. Und lässt sich von dem Flow mitreißen, der sich dort in der Regel entwickelt.

Und schon schafft man es, das eigene Verhalten in die gewünschte Richtung zu ändern und einen Beitrag für das Gemeinsame zu leisten. Das gilt für viele Themen unseres privaten und gesellschaftlichen Lebens und auch für aktive Mobilität.

So meinen wir, dass die Zeit reif ist für ein drittes AktMobCmp. Und würden gerne wieder eines veranstalten. Zu einer Vorbesprechung dazu treffen wir uns (Aktivisten und Symphtisanten von „Aktiver Mobilität im Alltag“) am Donnerstag, den 21. März 2019 in der Nähe des Viktualienmarkts bei unserem Gastgeber, dem Unternehmen accu:rate (accu:rate GmbH, Rosental 5 in D-80331 München). Großen Dank dafür an die Geschäftsführer und Gründer von accu:rate Dr. Angelika Kneidl und Florian Sesser.

Das Ziel dieses Treffens ist, zu entscheiden, ob wir ein AktMobCmp in 2019 anstreben und wenn ja, wie wir es angehen wollten. Dazu stellen sich eine Reihe von Fragen, die Antworten müssen gefunden werden:


Fragen fürs Kick-Off-Meeting

  • Wann und wo findet das nächste AktMobCmp statt?
    Datum und Ort sind natürlich zentrale Parameter.
  • Welche Raumsponsoren können wir ansprechen.
    Nur eine kostenfreie Nutzung von Räumen ermöglicht einen günstigen Unkostenbeitrag für die Teilgeber des Barcamps. In der Regel verfügen nur Gemeinden, Unternehmen und Hochschulen geeignete Räume.
  • Ein oder zwei Tage?
    Die Erfahrung zeigt, dass die Teilgeber auf einem 2-tägigen Barcmp häufig einen guten gemeinsamen Schwung generieren, (auf neudeutsch“in einen flow geraten“).  Dabei ist eine schöne gemeinsame Veranstaltung am Abend des ersten Tages hilfreich.
    Ein eintägiges Barcamp ist bringt meistens weniger. Dafür verringert sich der Aufwand für die Veranstalter und die Schwelle zur Teilnahme wird niedriger, da die Teilnehmer weniger Zeit aufbringen müssen.
    Man kann auch ein 2-tägiges Barcamp durchführen und eine eintägige Teilnahme anbieten.
  • Welche Höhe darf der Beitrag haben?
    Gibt es verschieden Arten von Beiträgen (normal und erweitert)?
  • Finden wir neben einem Raumsponsor weitere finanzielle oder materielle Unterstützer?
  • Was sind die Aufgaben des Orga-Teams?
  • Wie setzt sich das Orga-Team zusammen?
  • Wer übernimmt welche Aufgaben
  • Wie wird das Barcamp strukturiert?
    • Reine Unkonferenz?
    • Mit ergänzenden Impulsvorträgen und/oder team- und kreativität-unterstützenden Beiträgen?
  • Moderation und Begleitung?
  • Weitere Ideen?

Wir machen auf dieses Kick-Off-Treffen in Meet-Up, auf der AktMobCmp-Website und in Face-Book aufmerksam. Ich bitte alle Aktivisten und Sympathisanten für unsere Aktivität zu werben. Und die Menschen, die zu unserem Kick-Off kommen wollen, bitte ich sich neben der Anmeldung bei Meet-Up sich auch bei mir per E-Mail anzumelden, damit wir uns kennen lernen und schon zur Vorbereitung ein paar Gedanken austauschen können! Dies besonders, wenn „neue Gesichter“ dabei sind.

Roland

Gestiftet von VisualBrainddump (Christian Botta & Daniel Reinold) Zum Vergrößern aufs Bild klicken.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 16. Dezember 2018

Warum ist Deutschland bei der Digitalisierung so weit hinten?

Vor kurzem bin ich nach einem Vortrag gefragt worden, was denn die zentrale Ursache für unsere (die deutsche) Schwäche bei der Digitalisierung wäre? Wo wir doch schon immer das Land der Ingenieure gewesen wären?


Da schau ich gar nicht glücklich aus der Uniform. Hätte lieber mit Rechnern gespielt.

Da musste ich erst Mal nachdenken. Denn immerhin gab es eine Zeit, da waren deutsche Unternehmen wie Siemens technologisch auch in der IT an der Weltspitze.

Ich versuche, die IT-Szene ganzheitlich über die Zeit zu betrachten. Dabei fällt mir auf, dass Innovationen schon seit längerem nur noch selten aus den Technologie-Labors der Mega-Konzerne oder Großforschungs-Einrichtungen kommen.

Vielmehr wird Innovation von Bewegungen geschaffen, die meistens von jungen Menschen mit Leidenschaft getragen werden. Das gilt besonders für Informatik, also die IT und damit verwandte Technologien.

Ich selber habe bei Siemens in der zweiten Hälfte der siebziger und später in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an dem mitgewirkt, was ich Industrie-Informatik nenne. Da wurden – absolut ingenieurs-mässig – teure und schwere Großrechner mit ebensolcher Peripherie entwickelt.

Zeitlich parallel dazu kamen einfache Rechner „für zu Hause“ auf die Märkte. Als Beispiele nenne ich den Atari (1979) oder den  Commodore (1982). Die „Kinder“ in den USA (und auch bei uns) haben mit diesen und ähnlichen Rechnern „gespielt“.

Wir „Industrie-Informatiker“ haben uns die Heimrechner auch angeschaut.  Für uns waren das aber nur Spielzeuge, die wir nicht ernst genommen haben. Wir haben nicht erkannt, welches faszinierende Potential diese Systeme eröffneten.

Mich persönlich zum Beispiel hat die mangelnde technische Perfektion dieser Systeme irritiert. Da wurde z.B. als Bildschirm (bei uns hieß der Datensichtgerät) ein flackernder Billig-Fernseher eingesetzt. Die Speicherung erfolgte mit Hilfe von Kassettenrekordern auf unzuverlässigen Tonkassetten. Und auch die Eingabetastaturen waren alles andere als Vertrauen erweckend. Und last not least entsprachen die Programmiersprachen auch nicht dem Stand der Kunst.

Später habe ich es bereut, dass ich dieser neuen Technologie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. So wurde ich von der PC-Welle und später vom Erfolg vom technisch so schwachen Windows mit seiner graphischen Oberfläche und vor allem Spielen wie Solitär überrascht.

Die graphische Oberfläche kannte ich schon von Geräten wie dem Xerox Star, der von Siemens als „Büro Computer“ vertrieben wurde. Das war zwar ein professionelles Gerät, aber sein Nutzen-/Kosten-Verhältnis unterirdisch schlecht. So haben ihn auch nur ganz wenige Unternehmen eingesetzt, mir ist in Deutschland eigentlich nur die Lufthansa bekannt, die sich diesen teuren Luxus leistete. So habe ich auch diese Technologie nicht ernst genommen.

Die jungen Leute kannten oft nur die Welt der neuen Computer  – und sie haben diese vorwärts gebracht. Das hat in den USA stattgefunden – und was da passiert ist, kann man gut nach lesen. Z.B. in der Biographie über Steve Jobs – einem absolut lesenswerten Buch.


Zurück zur Eingangsfrage:

Was ist die zentrale Ursache, dass Deutschland bei IT so abgehängt wurde?

Ich glaube nicht, dass es eine zentrale Ursache für die deutsche digitale Schwäche gibt. Da gibt es sicher mehrere.


Aber eine – vielleicht ein wenig rethorische – Antwort habe ich:

Ich meine, dass eine wesentliche Ursache die Wehrpflicht gewesen sein könnte.

Wir hatten in dem für die Entwicklung von IT kritischen Zeitraum 500.000 junge Männer unter Waffen. Das war ein wesentlicher Teil der männlichen Bevölkerung – im besten Alter. Die „Bundeswehr“ bestand überwiegend aus Wehrpflichtigen, die für 18 und später 15 Monate aus dem „normalen Leben“ entfernt waren. Das waren überwiegend junge Menschen

Auch heute finden sich in den MINT-Berufen (MINT für Mathematik, Ingenieurswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik) überwiegend die Männer. Das war damals noch ausgeprägter. Und die Wehrpflicht betraf nur die jungen Männer und behinderte so ihre Entwicklung.

IT war – und ist – eine Hochleistungs-Disziplin. Man muss sich über Jahrzehnte mit Leidenschaft damit beschäftigen und dabei eine gnadenlos schnelle Entwicklung aushalten und verstehen. Eine Schaffenspause von über einem Jahr wirft gewaltig zurück. Das ist etwa so, wie wenn ein Spitzen-Jugend-Fussballer für 18 Monate mit dem Fußballspielen pausieren muss. Mein Verdacht ist groß, dass das im Normalfall das Ende seiner Fußballer-Karriere bedeuten würde.

Für die Richtigkeit meiner These gibt es eine Reihe guter Gründe.

Meine eigene Erfahrung

Ich begann im Herbst 1969  an der TUM Mathematik und „Informatik“ im 1. Semester zu studieren. Am 1. April 1970 wurde ich eingezogen und habe bis zum 30. September 1971 als Wehrpflichtiger „gedient“. In diesen 18 Monaten habe ich „Saufen“ und „Chillen“ gelernt. Positives Lernergebnis war eigentlich nur, wie man solche perverse Systemen überlebt.

Dann bin ich im Herbst 1971 wieder an der TUM gestartet, wieder im ersten Semester. So blieb ich im „Chill-Modus“. Diesen habe ich mir erst wieder im vierten Semester (Frühjahr 1973) abgewöhnt, weil da das Vordiplom vor der Tür stand und ich so ein wenig unsanft aufgeweckt wurde. Da hatte ich Stress und habemein „berufsbegleitendes Studium“ (mehr bei Siemens als an der TUM mit schnellem Lernen aus Büchern) wieder recht intensiv aufgenommen. Und sogar das Vordiplom auf Anhieb geschafft.

Nach meinem Hauptdiplom hatte ich noch ein paar „Lehrjahre“ bei Siemens und Softlab. Gegründet habe ich so erst 1984, da war ich schon deutlich über dreissig. Ohne Bundeswehr wäre das wahrscheinlich schon ein paar Jahre früher passiert …

Erfahrungen bei InterFace

In den frühen Jahren der InterFace AG hatten wir viele Studenten an Bord. Sogar junge Gymnasiasten waren dabei. Sie waren  fasziniert von der neuen Technologie und wollten da auch mal professionell rein schnuppern. Oft kamen sie auf Empfehlung (z.B. als Kinder von Kunden) zu uns.

Die Jungen waren gut und wurden schnell zu wichtigen Mitarbeitern. Wenn es aufs Abitur zu ging, kam das große Zittern. Mussten sie zur Bundeswehr? Das wäre für uns ein großer Ausfall gewesen.

Oft haben wir mitgeholfen, dass sie nicht „eingezogen“ werden konnten und bei uns das Studium begleitend weiter arbeiten konnten. Ohne diese jungen Talente hätten wir unser Produkt CLOU & HIT und viele dazu gehörende Innovationen nicht geschafft.

Die amerikanischen Gründer

Wenn wir die Helden des Silicon Valley betrachten wie Bill Gates, Steve Jobs und weitere, dann wurde da keiner von Wehrpflicht oder ähnlichen Zwangsdiensten behindert. Viel mehr haben sie ihr Studium abgebrochen, um sich komplett auf ihr Unternehmen und die neue Technologie konzentrieren zu können.

Deutsche Gründer

Hasso Plattner und Dietmar Hopp  (beide SAP) dürften ihren veröffentlichten Lebensläufen folgend wohl auch nicht bei der Bundeswehr gewesen sein. Von einem sehr kreativen Gründer wie Peter Schnupp, dem Mitbegründer von Softlab (1934 geboren – also befreit vom Wehrdienst) weiß ich das aufgrund unserer persönlicher Freundschaft.

Start-Up-Szene …

Seit mehr als 10 Jahren bin ich Mitglied in der Jury von BayStartup, dem wohl in Bayern führenden Unternehmen für Themen wie Businessplan Wettbewerb, Finanzierung, Business Angels …

Je nach Verfügbarkeit bewerte ich im Jahr dann um die 100 Geschäftspläne. So lerne ich viel über die aktuellen technischen Trends und vor allem zahlreiche  junge Menschen kennen, die Firmen gründen wollen. Und stelle fest, dass es kein neues Thema gibt, dass seine Besonderheit nicht wesentlich mit der dazu entwickelten Software erklärt.

So trifft es sich gut, dass bei allen Startups immer Software-Leute dabei sind. Die berichten mir stolz, dass sie schon seit ihrem 10. Lebensjahr programmieren würden und dann mit 12 oder 14 Jahren auf „vernünftige“ Computersprachen und moderne Technologie umgesattelt hätten. Eine 15 oder gar 18 Monate währende Zwangspause würde für sie einen großen Rückschritt wenn nicht das „Aus“ bedeuten.

Soweit ein paar Argumente, die meine Theorie vielleicht ein wenig belegen.


Jetzt hoffe ich,dass Ihr mich gut genug kennt, dass ich so eine originelle Theorie nicht zur Wahrheit erkläre.

Ich bin aber überzeugt, dass mit der Wiederbewaffnung der BRD nach dem 2. Weltkrieg und dem damit verbundenen Wiederaufbau der Rüstungsindustrie zumindest eine einzigartige Chance für ein großartiges friedliches Deutschland zerstört wurde. Und dass Wehrpflicht und Militarisierung in Deutschland einen immensen volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schaden bewirkt haben.

„Schuld“ an dieser Entwicklung waren damals wie heute die Vorurteilswelt und der Zynismus alter weißer Männer wie Adenauer. Von Angst getrieben hat dieser schon seit 1950 mit kriminell-subversiven Methoden im Geheimen auf die Wiederaufrüstung hingearbeitet.

Die Wikipedia-Artikel zur Bundeswehr und zur Wehrpflicht sind sehr lesenswert und helfen sehr gut, die Frage „Wie war das eigentlich?“ zu beantworten.

Jetzt bin ich aber erst Mal froh, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wurde und hoffe, dass dieser Zwangsdienst nie mehr wieder eingesetzt wird.

RMD

P.S.
Geschichte der Bilder
Am 1. April 1970 (nach einem Semester des Studiums der Mathematik und Informatik an der TUM) bin ich eingezogen worden. Aus dem Roland Dürre wurde der „Flieger Dürre“. Das war leider kein schlechter Aprilscherz. Nach einer Nacht in Lagerlechfeld (dort gab es eine gemischte Grundausbildung für Abiturienten mit einem technischen Ausbildungsanteil von 6 Wochen) und ein paar Nächten in Landsberg kam ich nach Ulm. Wegen Renitenz.

In Ulm wurde ich in ein Ausbildungs-Bataillon gesteckt, das aus dem  „Rekruten-Ausschuss“ der Luftwaffe ordentliche Wachsoldaten machen sollte. Weil ich in meiner Kompanie der einzige Rekrut mit Abitur war, wurde ich als Ausbilder behalten und habe dann fünf Quartale im Stamm der Ausbilder verbracht. Ich hatte jedes Quartal eine Gruppe zu führen und übernahm nebenher weitere Aufgaben wie Kompanie-Unterricht zu halten. So habe ich zum Beispiel Rekruten ohne Schulabschluss erklärt, wie die Demokratie und Grundgesetz der BRD funktionieren und was Begriffe wie Legislative, Judikative und Exekutive bedeuten. Oder die Menschen an der Waffe (G3, P1, wie das Maschinengewehr hieß weiß ich nicht mehr …) geschult.

Aus dieser Zeit eine Anekdote:
Während der Grundausbildungszeit (die ersten drei Monate) war den Rekruten Ausgang nur  in Uniform gestattet. Das galt auch für Heimfahrten am Wochenende. Immerhin durften die nach ein paar Wochen Kasernierung fast jedes zweite Wochenende heimfahren, allerdings musste auch dieser „Ausgang“ in Uniform erfolgen. Die meisten waren gar nicht  begeistert, sich in Uniform in der Öffentlichkeit bewegen und dann in der Heimat so aufzutauchen zu müssen. Auch wenn das unseren Eltern gefallen hat und wir in Uniform ein begehrtes Foto-Motiv waren. So sind auch die beiden Bilder im Artikel entstanden.

Manche der Rekruten waren besonders schlau. Am Ulmer Hauptbahnhof gingen sie in Uniform auf die Toilette – und kamen dann in Zivil heraus. Sie wussten nur nicht, dass die Bundeswehr da Aufpasser (auch in Zivil !) positioniert hatte. Die haben dann die umgezogenen (ungezogenen) Jungsoldaten gleich wieder eingesammelt und in die Kaserne gebracht. Der Wochenend Ausgang war damit weg und fürs Wochenende eins drauf gab es dann auch gleich noch eine Ausgangssperre.

Der „Dienst am Bahnhof“ war überwiegend nicht beliebt. Wahrscheinlich war das ein wenig ähnlich, wie wenn man im Kriegszustand an einem Erschießungskommando teilnehmen musste. Ich konnte mich die restlichen 15 Monate als Ausbilder dann davon drücken.

Beim ersten Ausgang im elterlichen Wohnzimmer.

P.S.1
Impuls zum Artikel
Die Idee für diesen Artikel kam mir anlässlich der aktuellen Diskussion um den Paragrafen 219b und die damit verbundenen Versuche, die Reform des Paragrafen 218 (die den Tatbestand einer immer noch verbotenen Abtreibung unter gewissen Voraussetzungen unter Straffreiheit stellt) in Frage zu stellen. Da habe ich von rechter Seite aus der „bürgerlichen Mitte“ eine Aussage gehört, die sinngemäß ausdrückte, dass „wir ohne Abtreibungen keine ausländischen Gastarbeiter gebraucht hätten“. Diese „Theorie“ hat mich entsetzt und inspiriert, mal zu behaupten, dass „wir ohne Wehrpflicht keinen digitalen Rückstand in Deutschland hätten“.