Christof Stierlen
Montag, der 25. August 2008

Kreativitätsunterstützung für SCRUM Teams

Nur äußerst selten werden die Worte Kreativität und Softwareentwicklung in einem Atemzug genannt. Jahrzehntelang behauptete sich eine „ingenieursmäßige“ Perspektive auf die Softwareentwicklung, getreu dem Motto: eine Software zu programmieren ist wie ein Haus bauen. Zunächst müssen exakte Pläne vorliegen, die dann von den Bauarbeiten „implementiert“ werden und am Ende steht das Traumgebäude in seiner vollen Pracht vor dem stolzen Eigner. Eine kreative Ausgestaltung durch die Bauarbeiter, die womöglich nicht dem geplanten Vorgehen entsprechen, ist in diesem Model ungewünscht.

Die Praxis hat nun aber gezeigt, dass die Entwicklung (nicht-trivialer) Softwaresysteme gemäß dem zugrunde liegenden, streng sequentiellen „Wasserfallmodell“ allzu häufig scheitert. Nicht zuletzt diese negativen Erfahrungen führten schließlich zur Formulierung des „Agilen Manifests“, hinter dem sich nichts geringeres als ein Paradigmenwechsel verbirgt: Softwareentwicklung wird hier als empirischer, dynamischer Prozess verstanden, der hochgradig von den beteiligten Individuen geprägt wird.

In SCRUM zeigt sich die Fokussierung auf die Individuen in der Betonung der (gleichberechtigten) Teamarbeit. Auch die „Schutzfunktion“ des SCRUM Masters für sein Team, das Führen eines Impediment-Logs, das Daily-Scrum-Meeting und die fest eingeplanten Reviewphasen sind Facetten, die auf die Wertschätzung der Teammitglieder sowie die Schaffung von Freiräumen für diese abzielt. Genau diese Freiräume bietet nun auch eine optimale Ausgangsbasis für Kreativität und Innovation, die durch zu detailverliebte Projektpläne und Arbeitsteilungsprozesse ansonsten wenig Chancen haben.

Diesem Gedanken folgend ging es im IF-/TEG-/TUM Creative-Scrum-Workshop vom 8./9.August unter anderem darum, zu erforschen, an welchen Stellen und in welchem Rahmen im SCRUM-Projektprozess die Kreativität der Teams aktiv unterstützt werden kann. Dazu wurde den Teilnehmern Zugänge zur IdeaStream-Plattform (www.ideastream.de) bereitgestellt. IdeaStream ist eine Anwendung mit der Teams über einen Browser kollaborativ (in Echtzeit) Kreativitätstechniken durchführen können. Die angebotenen Techniken reichen dabei vom „klassischen“ Brainstorming über den Morphologischen Kasten bis hin zu Ideenbewertungstechniken. Den Teilnehmern wurde dabei nicht vorgegeben, an welchen Stellen sie die Anwendung einzusetzen haben, sondern sie konnten sich frei entscheiden, sie nach Bedarf zu verwenden.

Am Ende des Workshops hat sich gezeigt, dass die Nutzung eines Kreativitätsunterstützungstools in einem SCRUM-Prozess an mehreren Stellen sinnvoll sein kann:

– Beim Sprint-Planning: Zum Aufteilen der Backlog-Einträge in Tasks, zum Abwägen unterschiedlicher Implementierungsansätze

– evtl. auch zum Aufwandschätzen (Planing-Poker, wurde aber im Workshop noch konventionell abgehalten)

– Bei der Retrospektive: Zum Sammeln, Organisieren und Archivieren des Feedbacks. An dieser Stelle kann ein anonymisiertes Brainstorming den Teilnehmern angenehmer sein als ein „klassisches“ Brainstorming.

– Fallweiser Einsatz, ggf. in Ad-Hoc-Gruppen, zur Bearbeitung der Tasks: Es war zu beobachen, dass die Teilnehmer auch während der Bearbeitung der Tasks von der Kreativitätsunterstützung Gebrauch gemacht haben. Dies geschah spontan und selbstorganisierend in Ad-Hoc-Gruppen mit unterschiedlichen, auch wechselnden Teilnehmerkreisen. Insbesondere die Ideenbewertungsfunktion war ein beliebtes Abstimmungsinstrument für die Gruppe.

In einer sich dem Workshop anschließenden Umfrage bescheinigten alle Teilnehmer, dass sich der Einsatz unterschiedlicher Kreativitätstechniken insgesamt positiv auf die Sitzungsergebnisse ausgewirkt hat. Auch wurde das gemeinsame, gleichzeitige Arbeiten an Ideen von der großen Mehrheit der Teilnehmer als positiv bewertet. Ein Wermutstropfen stellte allerdings der Zusatzaufwand dar, der mit der Kreativitätstechnikunterstützung einherging – was aber vornehmlich auf technische Probleme am ersten Workshoptag zurückzuführen ist.

Aus dem Workshopverlauf wurde darüber hinaus deutlich, dass auch eine sich im wesentlichen selbst abstimmende Gruppe einen erfahrenen Moderator benötigt, um effizient arbeiten zu können. Dieser Moderator wird auch bis auf weiteres nicht durch eine wie auch immer geartete Computeranwendung ersetzt werden können. Allerdings kann eine Kreativitätsunterstützungssoftware durch strukturelle Führung sowie Informationsbereitstellung den Moderationsaufwand erheblich verringern.

Florian Forster, TU München.
(Translated by EG)

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