Chris Wood
Dienstag, der 27. September 2011

Energie Forum

Am 10. 9. 2011 nahm ich von 9.30 Uhr bis 18.00 Uhr an einer Bürger Konferenz im Deutschen Museum (München) über „Energietechnologien für die Zukunft“ teil. Organisator der Veranstaltung, im Auftrag von den Bundesministerium für Bildung und Forschung, war die Universität Bonn. Das ist ein komisches Ministerium, weil laut Verfassung die Bildung eine reine Landessache ist!

Im Voraus hatte jeder Bürger eine vierseitige, gut geschriebene Zusammenfassung zum Thema erhalten. Das einzige daran, was Zweifel aufkommen ließ, war die implizierte Annahme, dass die Deutsche Entscheidung, sich angesichts der Ereignisse von Japan (Fukushima) schnell von Kernenergie zu verabschieden, eine rationale Entscheidung gewesen sei.

Jeder Teilnehmer erhielt zu Beginn der Veranstaltung einen Fragebogen, anhand dessen herausgefunden werden sollte, wie unser Wissensstand zu dem Thema ist. Es wäre besser gewesen, wenn wir den vorab erhalten hätten. Wie gewöhnlich waren die Fragen unklar, z.B. ob man genug Information erhält. Sollte ich „man“ auf mich selbst beziehen, oder auf Menschen die sich für die Thematik interessieren, oder auf alle Deutschen, oder auf Internet-Surfer oder auf den typischen Bewohner dieser Welt?

Am Ende gab es einen weiteren Fragebogen, der war ähnlich problematisch. Eine Frage lautete, ob Bürger im Bereich von politischen Entscheidungen genug zu sagen haben. Für Deutschland trifft dies zu, denn dort herrscht weitgehend Demokratie (nur ich bin eine Ausnahme). (Die Mehrheit der Anwesenden meinte, ich sei auch ein Bürger, obwohl ich in Deutschland nicht wählen darf). Allerdings deutete eine spätere Frage an, dass “Experten” und wohl auch Politiker, Lobbyisten, Manager, etc. hier nicht als Bürger angesehen werden. Einige Fragen waren darüber, wie die Konferenz organisiert worden war, aber es gab keine Möglichkeit, aufzuzeigen, was schlecht gemacht war.

Seltsamerweise wurden wir gefragt ob uns klar war, was der Zweck der Konferenz ist, aber es wurde nie ein Versuch unternommen, uns diesen Zweck zu erklären. Ich nehme an, der Hauptzweck war, dass der Regierung Anhaltspunkte dafür gegeben werden sollten, wie sie die nächsten Wahlen gewinnen kann. Aber das kann natürlich nicht laut gesagt werden, schließlich würde das bedeuten, dass Steuergelder gesetzwidrig eingesetzt wurden.

Die Konferenz begann mit Reden von Prof. Behrendt und von Frau Quennet-Thielen. Letztere sprach am Ende noch einmal. Sie betonte, dass (in Deutschland) von niemandem erwartet würde, auf etwas zu verzichten, was nicht dem entspricht, was ich für notwendig halte. Diese drei Vorträge waren zum Großteil Zeitverschwendung. Das Wort “wir” wurde oft verwendet, ohne dass der Kontext klar war. Aber es wurde klar, dass Deutsche im Allgemeinen gemeint waren, obwohl die Probleme der Energieversorgung weltweit sind. Vier Experten hielten kurze Reden und waren dann auch für Fragen verfügbar. Ich fand diese Vier sehr gut.

Die „Bürger“ waren auf Tische aufgeteilt worden, wobei jeder Tisch aus einem Moderator und neun Bürgern bestand. Jeder Tisch hatte einen Untertitel. Ich wählte den Tisch mit dem Untertitel “erneuerbare Energien“. Die anderen Titel waren „Speicher und Netze“, „Brückentechnologien“ und „Energie-Effizienz“.

Es überraschte mich, wie viel alle an meinem Tisch über das Thema wussten. Ich nehme an, dass es an den anderen Tischen auch so war. Vermutlich hatten von den beliebig ausgewählten Leuten, die eingeladen worden waren, maximal 10 Prozent genug Zeit und Interesse, zu kommen. Die Spesen waren für die anderen nicht genug Reiz, teilzunehmen. Man hatte uns gesagt, dass ein Querschnitt verschiedener Bildungsniveaus erwünscht war, aber das wurde nicht erreicht. An meinem Tisch saßen ein Mann und drei Frauen, die weniger als die anderen sagten.

Sie schienen meist zuzuhören und noch mehr darüber zu lernen, wie man auf irgendwelche Situationen am besten reagiert, insbesondere, wenn es darum geht, wie man am besten in Heizung etc. investieren könnte. Die beiden jüngsten Männer sagten anfangs nicht sehr viel, hatten aber prägenden Einfluss auf unseren Schlussbericht. Wir drei anderen waren hauptsächlich dabei, um unsere Meinungen abzugeben und auch zu lernen. Die anwesenden Bürger waren nicht repräsentativ. Das fand ich gut. Obwohl die Meinungen von armen Leuten vielleicht andere Ansichten gebracht hätten.

An keinem Tisch schien es wirklich Zweifel daran zu geben, dass der Deutsche Ausstieg aus der Atomenergie richtig sei. Ich sehe ihn vornehmlich als Wählerfang. Möglicherweise ist er auch als Signal für andere Länder gedacht, aber das dürfte wohl kaum funktionieren. Natürlich ist er auch ein Signal für andere Länder, dass CO2 Ausstoß nicht besonders wichtig ist.

Am Ende wurden wir gefragt, ob jeder die gleiche Chance gehabt hätte, seine Meinung zu äußern. Obwohl ich durch mein ungeschicktes Deutsch eingeschränkt war, war mir dies durchaus gelungen (Manche Leute waren vielleicht dadurch eingeschränkt, dass sie gar keine Meinung hatten). Aber ich konnte nicht zum Endergebnis meines Tisches beitragen. Ich war am Ende müde geworden und konnte kein Wort beitragen, bevor die Berichte plötzlich eingesammelt wurden. Nachdem die Ergebnisse vorgetragen waren, hätte ich vielleicht eine Möglichkeit gehabt, alle Anwesenden zu informieren. Aber das Mikrophon kam nie in meine Nähe und ich war auch besorgt, ob ich mich wohl gut genug ausdrücken könnte.

Der Beitrag meines Tisches drehte sich darüber, wie man Häuser (auch Fabrikgebäude, Bürogebäude, etc.) so errichten kann, dass sie keinen Energie-Input brauchen. Sie sollten wenigstens so gebaut werden, dass spätere Verbesserungen leicht durchführbar sind. Wir fanden heraus, dass es bereits EU-Gesetze in dieser Richtung gibt, die Deutschland noch verabschieden muss. Meine Warnung, dass Deutschland bereits zum “Gesetzes-Overkill” neige (und diese dann später nicht aktualisiere) wurde vielleicht zu Recht ignoriert.

Der Vorschlag, dass Versorger (Wasser, Strom, etc.) vielleicht staatlich werden sollten, wurde auch ignoriert (Ich war auch nicht dafür). Einige Bürger schienen zu denken, dass Kommunen Sachen besser organisieren, als Industriekonzerne. Ich gebe zu, dass die Auto-Lobby ihre Macht gezeigt hat, als sie großzügige Standardwerte für den CO2 Ausstoß großer Wagen erreichte. Aber wollen die Deutschen wirklich diese Geldquelle aufgeben? “Jemand anders wird sie herstellen, wenn wir es nicht tun”!

Ich schäme mich ein wenig, weil ich nicht geschafft habe, meine Ansicht zu einem sehr ernsten Problem zu verbreiten. Die Deutschen sind interessiert daran, was in der Welt los ist, aber sie geben zu schnell auf. Das ist vielleicht eigennützig; vielleicht ist es auch eine realistische Einschätzung des Einflusses, den Deutschland weltweit haben kann. Kein einziger Tisch hat in seinem Bericht die Deutschen Außenpolitik erwähnt!

Seitdem Deutschland das Kyoto-Protokoll unterzeichnet hat, ist es immer wieder einige Schritte zurückgegangen, wenn es um (weltweite) Klimafragen ging. Unser Bericht war der einzige, der die EU erwähnte, und das nur, weil die EU etwas schon bewegt, wehrend Deutschland bremst. Ich hörte, dass Deutschland inzwischen ein Hemmschuh bei internationalen Entwicklungen ist. Die ärmeren Mittelmeerstaaten sollten gute Lieferanten von Solarenergie werden.

Es gibt nichts an Fukushima, das irgendwie überraschend ist. Man kann kaum von Weisheit sprechen, wenn jemand ein Atomkraftwerk an einer Küste baut, die regelmäßig von Erdbeben heimgesucht wird (In Kalifornien gibt es auch so eines)!

Warum bekommt Fukushima so viel Aufmerksamkeit, wenn der Tsunami viel mehr Menschen getötet hat? Statistisch gesehen ist Atomenergie bezüglich der Todesrate pro Kilowatt-Jahrhundert sicherer als die meisten konkurrierenden Energieträger, selbst wenn Chernobyl 2000 Tote gefordert hat.

Die Leute sind besorgt über Radioaktivität, und dennoch sind sie bereit, hoch zu fliegen und in Granit-Gegenden zu leben. Die Leute machen sich Sorgen über die Lagerung von Atommüll während der nächsten Millionen Jahre, obwohl es unwahrscheinlich ist, dass die Menschheit die Welt auch nur noch über tausend Jahre dominieren wird. Ich könnte gerne einverstanden sein mit einem Ausstieg aus Atomenergie, schon allein um Bomben-Material nicht zu verbreiten. Aber die Klimaveränderung aufgrund von CO2-Ausstoß wird noch in diesem Jahrhundert Millionen von Menschen das Leben kosten.

Ich habe drei Kleinigkeiten gelernt:

  • Photovoltaik-Dächer sind für Feuerwehrleute ein Problem. Es besteht die Gefahr, dass sie einen richtigen Schock bekommen, wenn sie Wasser darauf sprühen.
  • Photovoltaik-Strom (nur 2% der Deutschen Stromerzeugung) destabilisiert bereits das Bayerische Strom-Netz. Was soll man mit dem Strom machen, an einen schönen Sonntag im Sommer?
  • Das Deserttech-Projekt muss neu überdacht werden. Verbesserungen in der Photovoltaik unterlaufen die Idee, die Sonne zum Heizen von Öl zu benutzen.

cw

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3 Kommentare zu “Energie Forum”

  1. KH (Dienstag, der 27. September 2011)

    Endlich einmal ein paar vernünftige Gedanken zur Energiesituation in Deutschland! Ist in diesem Blog eine Rarität…

  2. Jonathan Moore (Mittwoch, der 28. September 2011)

    Yes. I think in Germany there is a particularly strong rejection of nuclear power, this is not really justified by the evidence. The Fukushima reactor death toll of the meltdown is 4, non of whom died through radiation: http://asiancorrespondent.com/53036/the-fukushima-death-toll/

    It seems there is not a scientific consensus on how radiation affects humans either (linear risk vs some other). So I think it might be worth finding more evidence before opting out completely. I would go so far as to say it is highly important to keep funding research into nuclear power as cleaner, safer methods are being developed which we’d lose out on without such research.

  3. Erwin Schelbert (Mittwoch, der 12. Oktober 2011)

    In einer eMail vom 02.10.2011 21:43:52 Westeuropäische Sommerzeit schreibt ErwinSchelbert@web.de:

    Sehr geehrter Herr Wood,

    danke für Ihren Beitrag!
    Ihre kritischen Bemerkungen zum Ablauf der Konferenz teile ich, die inhaltlichen Aussagen zur Thematik Atomtechnik/CO2/Fukushima kann ich allerdings keineswegs nachvollziehen.
    Leider habe ich nicht die Zeit, auf die einzelnen Aspekte Ihrer Positionen einzugehen.
    Aber dazu gibt es ja seit Tschernobyl wahrlich genug Studien und ausführliche Darlegungen.

    Dennoch finde ich es gut und mutig, dass Sie eine abweichende Position vorgetragen haben und es zeugt von einem guten demokratischen Stil, dass dies möglich war. Es ging bei der Bürgerkonferenz ja nicht mehr darum, wie wir zur Atompolitik stehen, sondern welche Vorschläge wir unterbreiten können, den gefassten Beschluss der regierung zum Atomausstieg umzusetzen.

    Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen
    Erwin Schelbert

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