Chris Wood
Dienstag, der 12. August 2008

Ethik jenseits von Humanismus

Einleitung

Schon vor langer Zeit habe ich mir vorgenommen, einen Artikel über ethische Grundprinzipien im Zusammenhang mit anderen philosophischen Fragestellungen zu schreiben. Jedes Mal, wenn ich mich für einen bestimmten Aufbau entschieden habe, kommen mir neue Gedanken und ich muss wieder umstrukturieren. Deshalb habe ich mich jetzt für eine Kurzfassung entschieden, die ich später immer noch ausbauen kann. Diese meine erste Fassung versucht Provokation zu vermeiden, weil sie einfach noch zu kurz ist, um wirkliche Provokationen gut zu erklären.

Es mag erstaunen, dass ich es wage, über ein Gebiet zu schreiben, das ich nicht einmal selbst anständig studiert habe, aber meine mathematischen Studien (z.B. Gödel’s Theorem) und mein anhaltendes Interesse an diesen und allen anderen wissenschaftlichen Themen wie Gödel, Escher, Bach macht mich mutig.

Erst kürzlich habe ich einem Philosophie-Dozent meine Meinung über Wissenschaft und Philosophie gesagt, nämlich dass erstere allmählich letztere ersetzt – und er hat zugestimmt. Ehrlich gesagt wage ich mich auch deshalb an dieses Thema heran, weil das, was ich im Fernsehen und in Büchern von Philosophen und Theologen sehe und lese kommt mir immer wieder so vor, als wäre für diese Leute die Zeit im vorletzten Jahrhundert stehen geblieben.

Neuere Erkenntnisse werden bei denen überhaupt nicht herangezogen. Moderne Philosophie sollte bei Darwin anfangen! Die Entwicklung der Menschheit ist ein ziemlich junges Phänomen und eng verbunden mit der Entwicklung mancher anderen Tiere. Im Augenblick stellt seine Denkfähigkeit den Menschen noch abseits gegenüber dem Rest der Welt, aber die rasche Entwicklung in den nächsten Jahrhunderten wird zeigen, dass dies nicht sehr lang so bleibt. Vor zweihundert Jahren gab es noch-angesehene Philosophen, die menschliche Gedanken so ernst nahmen, dass im Fall der Inkompatibilität dieser Gedanken mit der wahren Welt die Bereitschaft da war, die wahre Welt als nicht existent zu bezeichnen!

Bedauerlicherweise weiß ich über Darwin nur aus zweiter Hand, aber ich vertraue hier Richard Dawkins.

Gott ist Wahnsinn.

(Natürlich Leben nach dem Tod ebenso). Beide sind jetzt vielleicht eher Schwindel. Zu diesem Thema kann man bei Professor Dawkins (fast) alles nachlesen.

Ein paar kleine Anmerkungen werde ich später dazu noch machen. Neulich sah ich ihn in einer Gesprächsrunde mit vier Christen in einer Deutschen Fernsehsendung: Die beiden Theologen haben vollkommen an seinen Argumenten vorbeigeredet, Heiner Geisler war ein wenig besser, aber ziemlich vage. Ob (und wenn ja, warum) er wirklich an Gott glaubt, oder ob er es einfach für klug erachtet, so zu tun, als ob, blieb unklar. Dawkins selbst hat schlechter argumentiert als ich erwartete, aber das lag wahrscheinlich daran, dass die Übersetzungen, die ihm ins Ohr gespielt wurden, nicht genau das traf, was gesagt wurde! Vielleicht hat Geisler sich an Kant angelehnt, der anscheinend daran glaubte, Gott sei für moralisch anständiges Verhalten notwendig. Hat Kant das nur formal gemeint, in dem Sinne dass „moralisch“ ohne „Gott“ nicht streng definiert werden könnte? Wenn nicht, dann spricht aus seinen Äußerungen Verachtung für das Wesen des Menschen. Wer in einer liebevollen Familienumgebung aufgewachsen ist, behandelt meist andere (selbst schlechtere) Menschen freundlich. Der Glaube an Gott macht da kaum einen Unterschied, (bis auf ein paar Ausnahmefällen) (Bedauerlicherweise ist mein Wissen über Kant auch nur aus zweiter Hand).

Leben wir alle in einer Computer-Simulation?

Es gibt eine interessante Theorie darüber, dass wir alle nur in einer Computer-Simulation „leben“. Der Ansatz ist folgender:

Angenommen, die Menschheit entwickelt sich innerhalb der nächsten Jahrhunderte so wie bisher weiter; dann wäre es doch möglich, eine Welt zu simulieren, die sich nicht mehr unterscheiden lässt von der tatsächlichen Welt, wie wir sie jetzt kennen. Die meisten „Leute“ werden so eine Simulation bestimmt interessant finden, sodass wir davon ausgehen können, dass es viele davon geben wird. Logischerweise folgt daraus, dass wir mit ziemlicher Sicherheit in einer Simulation leben und nicht in der einzigen (?) wirklichen Welt. Unser Schöpfer (Gott?) wäre dann ein Programmierer oder eine Gruppe von Programmierern. Natürlich kann man auch weiter argumentieren, dass unser Schöpfer wahrscheinlich auch wieder nur in einer höheren Simulation lebt.

Vielleicht halten Sie mich jetzt für verrückt, aber mir erscheint diese Argumentation ziemlich überzeugend. Allerdings stehen meines Erachtens die Chancen ziemlich schlecht, dass unsere Zivilisation sich so weit entwickeln wird. Ich denke, die „Menschen“ werden es schaffen, innerhalb der nächsten 200 Jahre unsere Zivilisation zu zerstören. Das steht im Widerspruch zum wissenschaftlichen Prinzip, dass man Theorien, die die Menschheit zeitlich und örtlich an einen besonderen Platz im Universum setzen, nicht trauen sollte. Aber angesichts der Tatsache, dass es im Verlauf der Weltentwicklung viele besondere Zeiten gab ist dieses Wissenschaftsprinzip bezüglich der Zeit nicht besonders strikt.

Ich habe den Ausdruck „Menschen“ in Anführungsstriche gesetzt, weil in tausend Jahren vermutlich die vorherrschende „Gattung“ so wenig mit uns gemeinsam haben wird, wie jetzt ein Hund. Wobei ich hier wieder „Gattung“ aus ähnlichem Grund in Anführungsstriche setze.

Wann werden Roboter die Macht übernehmen?

Vor kurzem hat die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit dem Schachmeister (IM) David Levy abgedruckt. Seine unlängst erschienene Doktorarbeit trägt den Titel: „Liebe & Sex mit Robotern“. Ich erinnere mich noch daran, dass ich in den späten 60-er Jahren dieses Thema bei Parties angeschnitten habe, (worüber sollte man sonst reden). Damals wollte ich darüber einen Roman schreiben, aber leider bin ich nie dazu gekommen. Durch meine Arbeit hatte ich einen guten Überblick darüber, wie schnell Computer sich weiterentwickeln.

David hatte 1968 und noch einmal 1978 viel Geld bei Wetten gewonnen, als er behauptete, dass kein Computer innerhalb der nächsten zehn Jahre ihn im Schach schlagen würde. 1988 hatte er Glück, dass er nicht gegen einen guten Rechner spielte, denn er hatte nicht gut trainiert. Die meisten Computer-Spezialisten hatten unterschätzt, wie schwer es ist, gutes Schach zu spielen. Die meisten Schachspieler hatten es überschätzt.

David und ich hatten so ungefähr Recht. Er arbeitete in Edinburgh mit dem in Europa auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz ganz oben stehenden Prof. Donald Michie (der während des Krieges in Bletchley Park gearbeitet hatte). Die erste Wette war mit Prof. John McCarthy. Als ein Schachprogramm aus Stanford gegen das einer Moskauer Universität verloren hatte, schlug ich McCarthy vor, selbst zu helfen. Er bot mir einen Job in Californien an und ich fing schon mal an, mich um meine Arbeitserlaubnis und mein Visum zu kümmern.

Aber als ich dann meine Kündigung einreichen wollte, wurde ich davon überzeugt, zu bleiben, weil meine Arbeit wichtig sei. Ein Schachprogramm galt gegenüber Betriebssystemdesign als eher frivol. Viel zu oft denke ich heute darüber nach, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn ich damals die andere Entscheidung getroffen hätte. Sicher ist nur, dass sehr vieles anders gekommen wäre. Vermutlich wäre ich längst tot, aber ich stünde in Wikipedia.

David schreibt, dass es im Jahre 2050 vermutlich möglich sein wird, einen Roboter zu heiraten. Er weist darauf hin, dass es in Japan und Südkorea bereits Bordelle mit Robotern gibt. Es gibt in Japan auch schon Roboter in der Altenpflege. Meiner Meinung nach ist das Datum, zumindest für Amerika und Europa, ein wenig zu früh angesetzt, weil ich denke, dass die Entwicklung der Menschen (der Gesellschaft) nicht ganz so schnell gehen wird. Andererseits waren Homosexuelle in meiner eigenen Kindheit noch massiven Verfolgungen und Bestrafungen ausgesetzt (z.B. Alan Turing), und jetzt können sie schon heiraten.

Die Europäischen Gesellschaftsstrukturen haben sich innerhalb der letzten 50 Jahre enorm weiterentwickelt (weniger Todesstrafe, mehr weibliche Boxwettkämpfe). Im Jahre 2050 wird es sicher Menschen geben, deren Hirnkapazität durch eingebaute Computerchips erweitert wurde, und sei es nur zur Heilung von Blindheit oder Taubheit. Trotz kirchlicher Opposition wird es dann auch genetische Manipulation von Menschen geben. Sofern die Zivilisation im Jahre 2100 nicht zusammengebrochen ist, wird die meiste „intelligente“ Arbeit dann durch nicht-menschliche Kraft ausgeführt werden.

Ich weiß nicht, ob dann diese Roboter durch silikon-basierte Computer oder etwas, das unseren Gehirnen ähnlicher ist, gesteuert werden. Unlängst hat New Scientist (November 2007) eine ziemlich negative Kritik an seinem Buch gedruckt, mit der Begründung, dass David sexbesessen ist. Ich kann aber gut verstehen, dass er sein Buch gerne verkaufen wollte.

Entscheidungsfreiheit ist Illusion.

Was Prof. Kanitscheider schreibt (Spektrum der Wissenschaft, July 2008) stimmt nicht. Unsere Welt ist nicht deterministisch, weil die Quantenwelt es auch nicht ist. Er glaubt(e?), dass unser Gehirn deterministisch funktioniert. Das Gehirn aber hat Millionen von radioaktiven Atomen, die vollkommen undeterminiert verrotten. Das muss unser Denken irgendwie beeinflussen (von den feineren Quanteneffekten mal ganz zu schweigen). Die Theorie der Mehrfachwelten in Quanteneffekten mag zwar die Theorie vom Determinismus retten, aber der Preis dafür wäre, dass die Zahl der Welten stets exponentiell steigen müsste, ohne jegliche Möglichkeit, etwas davon zu beobachten!

Allerdings sind zufällige Quanteneffekte in unserem Gehirn nicht das, was gemeint ist, wenn vom freien Willen gesprochen wird. Damit ist ein kontrollierender Teil des Gehirns gemeint, oder auch ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit Bewusstheit gleichgesetzt wird. Viele verbinden es mit Seele und meinen, es funktioniere außerhalb physikalischer Gesetze. Dawkins macht damit in ähnlicher Weise Schluss wie mit Gott. Experimente haben ziemlich deutlich gezeigt, dass Gedanken physikalisch im Gehirn entstehen, und das menschliche Gehirn hat sich aus dem gleichen Ursprung entwickelt, wie das tierische, nur zuletzt mit drastisch höherer Geschwindigkeit. Im Laufe der Erdgeschichte gab es genug andere drastische Veränderungen im Evolutionsmuster (z.B. als Vielzeller entstanden).

Neuere Versuche zeigen, dass wir den Einfluss, den unsere bewussten Gedanken haben, meistens überschätzen. Als beispielsweise einige Probanden gebeten wurden, einen Finger zu einem unbestimmten Zeitpunkt zu bewegen, stellte man fest, dass die Hirnaktivität zur Kontrolle dieser Fingerbewegung schon stattfand, bevor diese Probanden meinten, sich entschieden zu haben. Aber auch das spielt nicht wirklich eine Rolle, wenn es um freie Willensbildung geht. Hirn und Körper bestimmen, was getan wird und dabei folgen sie den Regeln der Physik, einschließlich Zufallselement. Freien Willen gibt es nicht. Das ist der Grund, warum ich diesen Artikel schreibe!

Übrigens gab es erst neulich eine Theorie, die besagte, dass freier Wille nicht kompatibel ist mit der Quantentheorie. Der Gedanke, dass ein Wissenschaftler sich aussuchen kann, welche von zwei Messungen er durchführen will, schien mit der physikalischen Wirklichkeit nicht in Einklang zu stehen! Bedauerlicherweise (?) fand man in der Analyse einen subtilen Fehler.

Randbemerkungen zum Thema „Strafe“

Vor Gericht soll nur verurteilt werden, wer willentlich ein Verbrechen begangen hat. Aber es gibt keinen freien Willen.

Strafe kann verschiedene Zwecke haben: Abschreckung, Rache, Besserung und Sicherung. All diese Zwecke müssen gegeneinander abgewogen werden, und die Kostenfrage sollte man auch berücksichtigen. Ich ignoriere „Es ist Gottes Willen“.

Sicherung erscheint, innerhalb gewisser Vernunftgrenzen, in Ordnung. Ein Verbrecher, der im Gefängnis sitzt, kann nicht gut neue Verbrechen begehen. Wenn er hingerichtet wurde, ist das noch schwerer für ihn.

Besserung wäre sogar noch besser, wenn es funktioniert. Idealerweise macht Besserung aus einem Kriminellen einen guten Bürger.

Rache als solche ist schlecht, weil sie nur unglücklich macht.

Am interessantesten ist die Theorie von der Abschreckung. Mein früherer Gymnasiums-Direktor (ein fundamentalistischer Anglikaner) bestand hartnäckig darauf, dass sie falsch ist, weil dabei eine Person zum Wohle der anderen „ausgenutzt“ wird.

Mir scheint, dass diese Sichtweise eher nach Deutschland passt, als zu den zweckgebunden denkenden Engländern. Beispielsweise könnte man Abschreckung in Deutschland als verfassungswidrig ansehen. Schließlich beginnt die Deutsche Verfassung mit den Worten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. (Dieser Satz erscheint mir in gleichem Sinne richtig wie „Gott ist unantastbar“, aber die Art und Weise, in der Deutsche Gerichte diesen Satz auslegen, ist ziemlich seltsam.

Gut, dass ich nicht die Deutsche Staatsbürgerschaft anstrebe, denn sonst müsste ich schwören, dass ich damit einverstanden bin). Für mich ist Abschreckung, genau wie Sicherung, in vernünftigem Rahmen in Ordnung. Wobei es allerdings ein paar überraschende statistische Erfahrungen gibt, die man nicht außer Acht lassen sollte. Beispielsweise gilt zumindest in Industrienationen, dass die Todesstrafe Mörder nicht abschreckt.

Im Augenblick der Straftat denkt ein Mörder nicht wie normale Menschen. Am besten sieht man den Unterschied zwischen Deutscher und Britischer Einstellung bei der Betrachtung von Erpressungsfällen. Großbritannien zahlt keine Lösegelder, Deutschland schon. Neuerdings scheint es allerdings so, dass Deutschland sich eher dem pragmatischen (kaltblütigen) britischen Modell annähert, und zwar sowohl in diesem Bereich, als auch bei der Behandlung von Kranken, deren Tod nahe bevorsteht.

Wie auch immer: Heutzutage bewegt sich die Behandlung von Verbrechern dahin, dass man immer mehr davon ausgeht, dass freier Wille eine Scheinwirklichkeit ist, während noch Lippenbekenntnisse für religiöse Ansichten gemacht werden. Dabei nenne ich freien Willen Illusion und nicht Wahn, weil es weniger dumm und auch nützlicher ist, als Religion.

Die Kosten einer Bestrafung sollten auch berücksichtigt werden, aber das ist möglicherweise in Deutschland auch verfassungswidrig. Darin kann eine mögliche Rechtfertigung für die gelegentliche Verhängung der Todesstrafe gesehen werden. Können wir es wirklich verantworten, für den Gefängnisaufenthalt eines sadistischen Massenmörders so viel Geld auszugeben, wie anderswo ein ganzes Dorf vor dem Verhungern retten könnte?

Die Kostenfrage steht heutzutage in den USA eher im Mittelpunkt, weil dort die Zahl der Häftlinge inzwischen Probleme bereitet, die hierzulande höchstens die Zahl der kranken Senioren ähneln. Es sei noch bemerkt, dass in China und dem Iran die Kosten schon durch Exekutionen reduziert werden.

Ich bin Sozialdarwinist

Der Ruf des Sozialdarwinismus wurde ruiniert, als Hitler und auch manche Philosophen seine Ideen pervertierten bei der Erweiterung der Theorien auf soziale Interaktionen. Für mich ist es selbstverständlich, dass sich Sitten, Religionen, Gesetze, usw. mit der Zeit in mehr oder weniger zufällige Weise ändern. Hitler schien der Meinung gewesen zu sein, dass es eine gute Idee sei, diesen Vorgang zu beschleunigen. Für ihn gab es ein (nicht darwinistisches) Idealziel des Evolutionsprozesses (wobei der Mensch bisher derjenige ist, der diesem Ideal am nächsten kommt). Seine rassistischen Ansichten hatten ihre Wurzeln in einigen wissenschaftlichen Ansätzen, die rasch widerlegt worden waren. Wie konnte er das blauäugige, blonde Ideal so verherrlichen, wo er selbst doch dunkelhaarig war?

Die Sittenänderungen können entweder bewusst hervorgerufen werden, oder einfach so passieren. Ob sie von Dauer sind ist ebenfalls mehr oder weniger zufällig. Die repräsentative Demokratie hat über mehr als zwei Jahrtausende bewiesen, dass sie nicht nur überlebens- sondern auch ausbreitungsfähig ist. Meines Erachtens haben wir das vor allem der erfolgreichen Überwindung internationaler Konflikte zu verdanken. Eine Demokratie, die vom Scheitern bedroht ist, hat meist besser motivierte Soldaten und gibt sich auch mehr Mühe, Verbündete zu finden. Man kann dies vom Griechischen Sieg über das Persische Reich bis zum zweiten Weltkrieg immer wieder beobachten. Ich persönlich bin skeptisch, was die Effektivität direkter Demokratie (mit wirklich hohem Anteil an Volksabstimmungen) angeht.

Auch die katholische Kirche gibt es schon seit fast 2000 Jahren. Ich denke, das wäre ihr nicht gelungen, wenn sie sich nicht von den Ansichten ihres Gründers selbst (wie sie im neuen Testament stehen) distanziert hätte. Seine Feinde zu lieben ist ein wunderbarer Grundsatz, der aber manchmal schlecht funktioniert. Andererseits haben uns Napoleon und Hitler gelehrt, dass zu viel Krieg auch nicht das Gelbe vom Ei sein kann.

Das (überwiegend unstrukturierte) Vorgehen der Wissenschaft ist auch eine Erfolgsgeschichte. Wissenschaft und Technologie haben vor allem in Kriegszeiten bewiesen, was sie können. Kapitalismus mag auch ein Erfolg werden, obwohl es noch zu früh ist, um hier ein Urteil zu fällen.

Zugegebenermaßen wird man noch einige Regulationsmechanismen brauchen, aber welche? Ein paar Mal ist es auch schon schief gegangen (Große Depression, Russland im neunzehnten Jahrhundert). Wie werden Demokratie und Kapitalismus mit den Problemen der Energieknappheit, des Klimawandels und der Bevölkerungsexplosion umgehen?

Religiöse und ethische Konzepte haben Anteil an den Problemen und ihrer Bewältigung. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Es scheint, als hätte der freiheitliche Kapitalismus den Kommunismus besiegt hat, als das kommunistische Russland unterging. Andererseits sieht es so aus, dass das undemokratische China recht erfolgreich ist, vor allem was die Kontrolle der Bevölkerungsexplosion angeht. Unterschiedliche, in Wettbewerb stehende Systeme sind für die Welt ebenso notwendig und nützlich, wie unterschiedliche Firmen im Kapitalismus, aber es gibt nicht genügend „Nischen“. Zu wenige Nischen führen leicht zu mangelnder Stabilität und Wachstumsstopp.

Sozialdarwinismus war es, der dafür sorgte, dass sich die Menschheit in einem Evolutionstaumel im Laufe der letzten 70 000 Jahre von bedauernswürdigen Höhlenwesen, die vom Aussterben bedroht waren, zu dem entwickelten, was wir heute sind. Jetzt gibt eine gewaltige Menge von Menschen, viele davon zufrieden und gebildet. Menschliche Intelligenz nimmt laufend zu, und zwar nicht aufgrund genetischer Veränderungen, sondern aufgrund der Rückmeldungen aus dem sozialen Gefüge.

Angeborenes (automatisch vorhandenes?) Wissen

Immer mal wieder lese ich in einem kleinen Buch, das vor ca. 100 Jahren geschrieben wurde: „The Problems of Philosophy“ von Bertrand Russell. Dieser überragende Mathematiker und Philosoph sieht Mathematik und die Gesetzmäßigkeiten der Logik als a-priori an, also sicherlich wahr und unabhängig von irgendwelchen Erfahrungen. Natürlich ist ihm klar, dass ein Neugeborenes über diese Ideen noch nicht verfügen kann, aber selbst 50 Jahre nach Erscheinen von „The Origin of the Species“ war ihm anscheinend noch nicht ganz klar, dass das menschliche Gehirn das Produkt von langer Entwicklung, also von Erfahrung ist.

Für ihn diente 2+2=4 als Beispiel dafür, dass es Dinge gibt, die in jeder vorstellbaren Welt absolut sicher sind. Noch ein Beispiel wäre „A = ~ ~ A“ (wobei allerdings die Tschechen und ungebildete Briten eine seltsame Vorstellung von doppelte negativen haben). Die Ausdruck „a-priori“ scheint mir schlecht ausgesucht. Der beste erste Zug in GO ist nahe eine Ecke (wahrscheinlich ein 3,4 Punkt). Ist das a-priori? Es ist sicher und unabhängig von physikalischen Gesetzen; ähnlicherweise im Schach, König und Dame soll König und Turm schlagen, was leichter zu beweisen ist als das GO fact.

Tatsache ist, dass man niemals sagen sollte, man weiß irgend etwas ganz sicher.

Seltsamerweise ist für Russell Ethik auch a-priori (allerdings mit weniger Sicherheit als Mathematik und Logik). Bei ihm stehen drei Beispiele: Glück ist besser als Unglück, Wissen ist besser als Unwissenheit, Liebe ist besser als Hass. Aber diese Beispiele sind bestimmt zu vage. Glück wird in hohem Maße bestimmt durch gewisse Chemikalien im Gehirn, und was ist mit Katzen oder Würmern? Sollen wir die auch berücksichtigen? Ein Wurm sieht sicher nicht besonders glücklich aus, wenn er zerhackt wird.

Thomas Gray schrieb: „where ignorance is bliss, ‚tis folly to be wise„, „Dort, wo Unwissen Glückseligkeit ist, wäre es dumm, ein Weiser zu sein“. Denken Sie an den Fall eines liebenden Vaters, der nicht weiss, dass „seine“ Kinder gar nicht von ihm sind.

Der Mensch steht im Mittelpunkt und im Weg (wahrer Ethik).

Vor Darwin hatten Theologen und Philosophen noch Grund, den Menschen als Ausnahmeerscheinung anzusehen, aber leider tun sie das noch immer. Dazu passend begann ja auch der Monotheismus mit der Ansicht, dass eine Sippe in einem kleinen Land ganz wichtig sei. Später waren alle Menschen, die einen bestimmten Glauben hatten, die einzig Wichtigen.

Später bedeutete die Zugehörigkeit zu einer Nation, dass man für König und Vaterland zu kämpfen hatte. Noch später kam es auf Hautfarbe oder Nasenform an. Inzwischen sind wir in dem Stadium angekommen, wo Homo Sapiens sich für das Maß aller Dinge halt, obwohl seine Geschichte eine ziemlich junge ist auf dieser Erde – und es scheint sicher, dass diese Geschichte noch schneller zu Ende geht. (Im Islam und bei denn Katholiken sind Frauen nicht einmal vollwertige Mitglieder dieser Gruppe). Wir sollten froh sein, dass manche Gesetze heutzutage sogar besser sind als die, die Christus uns gab. Wenn ich mich recht erinnere, dann sagte er nichts über Tierschutz, ja nicht einmal gegen Opfergaben. Im frühen Christentum hielt man Kreuzigung sogar für ein vernünftiges Mittel, um von Sünde zu reinigen.

Um ein ethisches Konzept zu erhalten, das so dauerhaft wie das christliche ist, sollten wir möglichen Kontakt mit fremden Intelligenzen nicht ausschließen. Wollen wir mal hoffen, dass sie sich nicht als das Einzig Wichtige sehen. Es sieht so aus, als ob ein derartiger Kontakt noch nicht stattgefunden hat, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die Zivilisation auf dieser Erde sich innerhalb der nächsten Tausend Jahre selbst zerstören wird.

Ein etwas unmittelbareres (?) Problem stellt die neue (höhere) Intelligenz dar, die wir bereits auf der Erde entwickeln. Es sieht so aus, als ob Computer und biologische Errungenschaften innerhalb der nächsten Jahrhunderte dafür sorgen werden, dass normale Menschen langsam an Bedeutung verlieren könnten (es sei denn, die Zivilisation bricht vorher zusammen).

Ich hielt es immer für eher erträglich, mir eine neue vorherrschende „Rasse“ als etwas vorzustellen, was durch meine geistige Leistung entstand und nicht durch DNS-Mutationen oder ähnliches.

Leben ist Wissen

Bei Bertrand Russell scheint es, als ob es Wissen nur beim Menschen gibt, aber ein Wolf kann das Leittier seiner Herde ebenso sicher erkennen, wie ich meine Frau. Mit Sicherheit kann man in beiden Fällen von Wissen sprechen.

Eine Gans weiß mit der Geburt, dass Füchse gefährlich sind. Dieses Wissen existiert bereits im Ei, bevor es gelegt wurde. Letztendlich bedeutet Leben Wissen, nämlich das Wissen, das man benötigt, um überleben und sich fortpflanzen zu können.

Das Wissen im Gehirn einer Fliege ist ganz gewaltig. Sie weiß, wie sie fliegen muss und sogar, wie sie es vermeiden kann, erschlagen zu werden. Sie weiß, wo es Futter gibt und wie sie eine Fliege der gleichen Art und des anderen Geschlechtes finden kann. Das Weibchen weiß, wo es die Eier legen muss. Alle DNS und RNS in der Natur bedeutet Wissen und dieses gesamte Wissen entstand durch Auswahl und Entwicklung. Das gleiche gilt für das Bewusstsein.

Wissen als Ethik

Mir fällt auf, dass die These vom Wissen als gut sich recht gut in den Ethikbegriff einfügt, auf den wir anscheinend zusteuern. Oder ist es nur Glück, dass es für den Menschen gut aussieht? Das Problem, das mir noch ungelöst erscheint, ist das Fehlen einer allgemeinen Maßeinheit. Man kann nicht einfach die Größe zweier Wissenseinheiten vergleichen und sagen, welche der beiden nun wichtiger ist.

Aus der Informationstheorie wissen wir, dass das Wissen, das benötigt wird, um eines aus n verschiedenen Objekten auszuwählen im Verhältnis log n zunimmt, aber das meiste Wissen funktioniert nicht so. Mir scheint, dass, wenn n Leute einen Sachverhalt kennen, dann bedeutet das nicht, dass sich das Wissen um das n- fache erweitert hat gegenüber dem Zustand, in dem nur eine Person diesen Sachverhalt kannte. Vielleicht ist das nur eine chauvinistische Bevorzugung menschlichen Wissens (das individueller ist, als das eines Virus). Der Unterschied zwischen menschlichem Wissen und dem Wissen der meisten anderen Lebewesen besteht darin, dass der DNS/RNS- Anteil beim Menschen geringer ist.

Positiv zu vermerken wäre, dass Wissen als Grundlage von Ethik normalerweise Gesundheit (gesunde Tiere können ihr Wissen länger behalten), Glück (glückliche Menschen lernen besser, und meist freuen sich Menschen nicht, sterben zu dürfen) und biologische Vielfalt hoch schätzt. Auch befürwortet eine solche Ethik nichts, was die Zivilisation zerstören könnte.

Mit fremden Intelligenzen und der nächsten die Erde dominierenden Rasse kommt sie irgendwie zurecht. Die Pyramiden, die zwar selbst kein Wissen haben, aber eine wertvolle Wissensquelle sind, nimmt sie ebenso gerne an wie das unbezahlbare, verborgene Wissen der Fossilien. Manche Kunstwerke sind wichtig, um die Entwicklung von Kultur verstehen zu können, aber ich würde die Impressionisten nicht als wichtig für Wissenserwerb bezeichnen. Da würde ich Musik vorher nennen.

„Vernunft und Religion“

Vor nicht allzu langer Zeit hat der Papst einige Leute verärgert, als er sagte, dass Katholizismus mehr „Vernunft“ hätte, als alle anderen Religionen. Aber „Vernunft“ hat zwei Bedeutungen:

  • An Dinge glauben, die wahrscheinlich wahr sind.
  • An Dinge glauben und Dinge tun, die einen (langfristig) glücklich machen.

Den zweiten Punkt stelle ich zur Diskussion. Möglicherweise ist das Christentum die Religion der Unterdrückten, weil hier der Glaube an den Himmel dazu dient, ein unbefriedigendes Leben auf Erden erträglicher zu machen. Religiöse Menschen haben oft mehr Kinder, wobei offen ist, ob dies sie mehr oder weniger glücklich macht.

Aber auf lange Sicht könnte es sein, dass Religion eher unglücklich macht. Vor allem für den Islam scheint dies zu gelten, weil Islamische Länder anscheinend unterentwickelt und unfrei sind (was nicht immer so war). In der Hinsicht sieht der Katholizismus besser aus, aber noch nicht so gut, wie der Anglikanismus.

Am besten von allen ist der Atheismus. Die Gründerväter der USA waren ziemlich atheistisch. Zu diesem Schluss komme ich beim Vergleich von Nord- und Südamerika, und auch beim Vergleich von England oder Skandinavien mit einigen katholischen Ländern in Europa.

Schlussbemerkungen

Als ich mit diesem Artikel begann dachte ich noch, dass er länger werden würde.

Um den Artikel richtig zu Ende zu bringen, hier Shakespeare: „there is nothing either good or bad, but thinking makes it so„, („Eine Sache ist nicht gut oder schlecht, erst der Gedanke macht sie dazu“). Also war Hamlet ein besserer Philosoph als Kant und Russell.

Hoffentlich regt der Artikel zu vielen Kommentaren an.

Thomas Wyrwich hat schon einen Fehler korrigiert. Evelyn Gemkow hat den Artikel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

CW

4 Kommentare zu “Ethik jenseits von Humanismus”

  1. Phil (Dienstag, der 2. September 2008)

    Chris

    Your Philosophy musings are stimulating. Much/everything rests on the meaning of words one uses. For example, you refer to fossil fuels.There is very little evidence that petroleum is formed from organic material that once lay at the bottom of the sea. Petroleum does contain porphyrins which might have originated in animals (iron porphyrin = haemoglobin), or in plants (magnesium porphyrin = chlorophyll),but the porphyrins found in petroleum are of other metals such as vanadium. The various other organic compounds in petroleum could have formed under enormous pressure and high temperature from methane, which is found at great depths in the earth’s crust even in volcanic rock. There are some people who think that coal is also not of organic origin. True, it contains fossils, but so do other rocks. The infiltration could have been by petroleum type material into organic remains, as in petrification by mineral material. One coal mine in Ukraine has a fossilised tree which in the coal seam is made of coal, but above and below the coal seam is petrified with mineral material. There is a lot of evidence for carbon compounds originating far below the sedimentary rocks.
    How do we define happiness? Madame de Gaulle, was once asked what was the most important thing in life. She replied ‚a penis, a penis!‘ General de Gaulle rushed over to correct her pronounciation, saying ‚ ‚appiness, she means ‚appiness.‘
    I think that setles the mater.

    Philip

  2. Chris Wood (Dienstag, der 23. September 2008)

    Weil niemand bisher ein Komment zu meinen Philosophie gepostet hat, tue ich dass selber. Der Komment kommt aber von meinen jungen Freund Thomas Wyrwich, der Philosophie bei der Uni. München doziert. Der spielt übrigens Schach gleich stark wie ich in meiner Mannschaft. In meiner Posting, war eine Bemerkung zu „2+2=4“ schon entfernt. (Natürlich kann Mann rechnen mit Nummern großer als die Nummer von Elementen in das Universum. Ich bezweifele ob „2+2=4″ in ein Universum zu klein für denken korrekt sein könnte, möchte aber solche unseriösen Diskussionen vermeiden).
    Ich halt es nicht für “ unseriös“ meine Meinung zu äußern (siehe unten) auch wenn etwas „heute kontrovers diskutiert“ wird. In Wissenschaft passiert es manchmal das eine Meinung am Ende akzeptiert wird, obwohl anfänglich belächelt (z.B. Kontinental Drift).

    Ein zweiter Freund, der Münchner Philosoph Ulrich Kuehne, der u.a. in Oxford studiert hat, stimmt mir fast völlig zu, meint aber das meine Meinungen in allgemein von deutschen Philosophen abgelehnt sind. Er hat ein Buch „The Emperor’s New Mind“ von Prof. Roger Penrose, als interessant erwähnt. Penrose war (ist?) der Meinung das menschlichen Gedanken, bei der aktuellen Stand von Wissenschaft, nicht zu Erklären sind. Er basiert seine Meinung auf dem Gödel-Theorem. Er glaubt das unbekannten Quanten-Aspekten involviert sind, und vermutet dass eine Verbindung zu Quanten-Gravitation gibt. Obwohl er einer großer Mathematiker ist, (und fast meiner Schwager), halte ich das für Unsinn.
    Jetzt der Komment von Thomas Wyrwich:

    Lieber Chris,

    vielen Dank für die Zusendung Deines Papers und entschuldige zum einen meine etwas verspätete Reaktion (habe momentan wie immer einiges zu tun) und zum anderen, dass ich auf deutsch antworte, aber das macht es mir etwas einfacher.

    Also, zunächst zu meinem Gesamteindruck (nach meiner etwas flüchtigen Durchsicht): Du schreibst sehr klar und verständlich und hast zu sehr verschiedenen Problemen (die zum Teil natürlich seit über 2000 Jahren diskutiert werden) eine Position eingenommen. Daher hat das Paper mehr den Charakter eines globalen philosophischen (und daher auch etwas fragmentarischen) Bekenntnisses. Ich fasse mal zusammen, was ich glaube verstanden zu haben: Du votierst für den Weltzugang des (Sozial-)Darwinismus und hältst den freien Willen für eine Illusion. Vor diesem Hintergrund kritisierst Du die Wahrheitsansprüche monotheistischer Religionen und den historisch gewachsenen, ’selbstherrlichen‘ Anthropozentrismus. Die Zukunft der Menschheit siehst Du einerseits ziemlich pessimistisch (Du hältst die Welt- und Selbstzerstörung für nicht sehr unwahrscheinlich), glaubst aber weiterhin an die technologische Entwicklung, so dass Du Dir auch vorstellen kannst, dass Roboter und Computersimulationen künftig eine noch größere Rolle in unserem Alltagsleben spielen könnten.

    Viele der Aspekte und Argumente, die Du anführst, werden natürlich gerade heute kontrovers diskutiert und von gelehrten Leuten vertreten, so dass es sicher schon im Ansatz unseriös wäre, wenn man behaupten würde, irgend etwas davon sei schlicht wahr oder unwahr. Ich möchte Dich lediglich motivieren, ein wenig weiter darüber zu reflektieren, was Du nun aus welchen Gründen unter einer originär philosophischen Einsicht verstehst. Sofort würde ich Dir zugeben, dass ein Philosoph, der heute über die Natur und auch die Gesellschaft nachdenkt und dabei etwa die Forschungsergebnisse Darwins einfach ignoriert oder gar leugnet, schlicht unseriös und unvernünftig ist. Aber folgt daraus, dass der Biologismus oder vielleicht noch besser der Physikalismus diejenige Grundperspektive sein muss, aus der wir alles betrachten müssen? Warum müssen diese Weltzugänge das Fundament unseres Wissens bilden, warum muss prinzipiell jedes soziale und kulturelle Phänomen biologisch reduzierbar sein? Genau hier beginnt für meine Begriffe die Philosophie. Philosophie ist so für mich nicht zu letzt eine reflektierende und kritische Kontextualisierung verschiedener Standpunkte und Weltperspektiven. Sie stellt zunächst einmal Fragen (im besten Fall wie bereits Sokrates vor 2000 Jahren), bevor sie all zu schnell festlegt, was „wahr“ ist und wie wir vernünftig zu denken haben. Denn Weltwahrheiten haben auch der gesunde Menschenverstand, der Physiker, der Biologe usw. zu Hauf, dazu brauchen sie nicht die Philosophie…
    Auf einen ‚Terminus Technikus‘ der Fachphilosophie möchte ich Dich aber noch hinweisen: den von Genesis und Geltung. Ausformuliert bedeutet diese Differenz, dass ich aus der Tatsache, dass ich erklären kann, wie ein bestimmter Sachverhalt faktisch zu Stande gekommen ist, nicht automatisch schließen kann, ob er auch eine normativen Gültigkeit besitzt. So müßte auch für einen Darwinisten und Deterministen etwa der Schluß: „Weil es in der Tierwelt Töten faktisch gibt, so ist das Töten unter Menschen, die ja auch „Tiere“ sind, nicht nur erklärt, sondern so (zumindest teilweise) auch gerechtfertigt“, zumindest nicht unproblematisch erscheinen. Den Unterschied von Genesis und Geltung könnte man aber auch im Zusammenhang mit Deinem Russel-Beispiel anbringen: Der Satz 2+2 = 4 gilt auch in der einer Welt, die weniger als 4 Elemente hat, weil die Geltung eben gänzlich unabhängig ist von den faktischen Gegebenheiten der Welt, in der dieser Satz ausgesprochen wird.

    Aber natürlich gab und gibt es auch Philosophen, die diese Unterscheidung zu kritisieren versuchen, vielleicht sympathisierst Du ja mit ihnen. Wie Du bei mir sicher schon rausgehört hast, bin ich ein gewisser Freund von so genannten a priori-Erkenntnissen ;-)). Aber wie schon oben gesagt, hier kann man unterschiedlicher Ansicht sein und lange diskutieren, ohne wahrscheinlich zu einem Konsens zu kommen. Brisanter erscheint mir aber die Frage, welche Rolle Philosophie überhaupt noch spielt, wenn viele ihrer Bereiche, – wie Du schon im ersten Absatz schreibst – von der „Wissenschaft ersetzt“ werden. Indiziert dies tatsächlich nur eine Defizienz der alten Philosophie oder nicht vielmehr auch eine solche der Zeit, in der so eine „Ersetzung“ konsequent vorangetrieben wird?

    Herzliche Grüße
    Thomas

  3. William (Freitag, der 3. April 2009)

    I can’t find much to fault here (perhaps that is because I don’t properly understand you!). I like the idea (or is it an observation?) of Knowledge as ethics, this would seem to serve the requirements of a healthy society very well. Whilst, without a „God“ or anything similar it is impossible to claim objective ethics, it can certainly be argued that a shared ambition (such as the attainment of knowledge) does no harm and could be good. Can we call an ethic of this type a ‚goal for humanity‘ or something along those lines, or is your claim for knowledge as ethic something deeper than simply pragmatism in organising ourselves?

  4. Chris Wood (Freitag, der 10. Februar 2012)

    I was a bit too strong on free will. Strength of will exists, and fits some people’s idea of free will. Strength of will is the ability to resist the first impulse and act more reasonably as regards longer term satisfaction. This may involve giving up smoking, or helping someone rather than walking on. (Of course I can insist that considered decisions are just as much physically and chemically determined by nature and nurture as are the quick reactions).

    Recent studies show that strength of will has much in parallel with muscle strength. It can be trained (strengthened) by exercising it frequently. On the other hand, it tires if used too much, and then needs a pause to let it recover. It also functions better when there is plenty of glucose (and oxygen) in the blood. This shows why strict dieting is so difficult.

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