Chris Wood
Montag, der 13. Juli 2009

Versicherung und Ethik

Ich lese gerade das Buch “Die Methode des Gedankenexperiments” von meinen Freund Dr. Uli Kuehne. Es geht darin um “Gedankenexperimente“ in Physik. Er macht schnell Schluss mit der Annahme, dass Gedankenexperimente Naturgesetze beweisen könnten, aber diskutiert dann, wie sie benutzt werden können, um Theorien aufzustellen. Er erwähnt, dass solche Methoden auch in der Ethik benutzt werden (und auch im Gesetzgebungsverfahren).

Ethik ist das Ergebnis von Evolution. Man kann sehen, dass viele Lebewesen Ethik besitzen (denken Sie nur an Ameisen und Bienen). Gedankliche Prozesse, mindestens im Fall von Menschen, ändern diese Entwicklung.

Stimmen Sie doch bitte über diesen und andere Artikel ab, damit ich sehe, ob das, was ich schreibe, nicht komplette Zeitvergeudung ist.

Mir fallen drei Beispiele aus meinem eigenen Erfahrungsbereich ein zum Thema Versicherungsgesetze (und ein weiteres originelles zum Thema Vaterschaft):

Weiße Jeans
Vor ca. 25 Jahren machten Zuzana und ich Urlaub bei Club Med. Es war eine durchwachsene, aber sehr interessante Erfahrung. An einem Abend verschüttete ein anderer Reisegast eine ziemliche Menge Rotwein über meine weiße Jeans. Er sagte sofort: „Machen Sie sich keine Sorgen, meine Versicherung zahlt das“.  So war es dann auch. Ich schickte ein Foto der Jeans nach dem Waschen an die Versicherung, wo der Fleck noch schwach zu sehen war. Sie zahlte für eine neue Jeans.

Ich habe die alte Jeans hinterher wieder getragen. In einer kulturellen Umgebung, wo neue Jeans so verkauft werden, dass sie aussehen, als wären sie bereits verblichen oder abgetragen, hat man damit keine Probleme. War es richtig, dass ich das Geld trotzdem genommen habe? Ich denke schon. Die Versicherung hat nicht gefragt, ob ich die Jeans noch tragen kann. Manch einer hätte sie weggeworfen. Ich war Opfer von einigem Unbehagen geworden. „Jeder macht es“. Übrigens haben wir mehr Versicherungen, als mir Recht ist, weil Zuzana es so will. Ich denke, dass beispielsweise die Rechtsschutzversicherung ganz gewaltig dazu anregt, Geld zu verschwenden, indem sie Menschen dazu ermuntert, teure Problemlösungen zu suchen.

Autounfall
Vor 3 oder 4 Jahren schlidderte ein kleiner Schneepflug von hinten in unseren alten Golf, als meine Tochter Caroline am Steuer saß. Der geschätzte Reparaturpreis war ungefähr gleich groß wie der Wert des VW Golf. Die Versicherung zahlte den Differenzbetrag zwischen dem, was das Auto vor dem Unfall wert war und dem, was es danach wert war (€1000). Das war normal, aber bald danach gab es ein höchstrichterliches Urteil, in dem festgesetzt wurde, dass die Versicherung in so einem Fall die gesamten Reparaturkosten zu zahlen hat. Ich finde das nicht richtig. Manchmal kostet die Reparatur mehr, als das ganze Auto wert ist. Ich nehme an, dass die Zahlung beschränkt ist auf das, was ein gleichwertiger Wagen kostet, aber das war nicht ausdrücklich im Urteil erwähnt.
Ich nahm jedenfalls das Geld, das mir angeboten wurde und wir fuhren seitdem das Auto ohne jegliche Reparaturen.

Der TÜV war kein Problem und jetzt bekommen wir auch noch die Abwrackprämie. War es richtig, das Geld zu nehmen? Caroline und die anderen drei Mädchen bekamen ein wenig Schmerzensgeld, aber das war zu wenig. Durch den Unfall sind ihre Aussichten darauf, in späteren Jahren ernste Halswirbelprobleme zu haben, gestiegen.

Geschenk
Ich las über einen Fall, in dem ein Mann beschloss, ein Kleidungsstück, das er gekauft hatte, nicht tragen zu wollen. Er schenkte es einem Freund. Kurze Zeit später wurde es gestohlen und die Versicherung zahlte den Kaufpreis. Wer sollte das Geld erhalten? Ein von Berufs wegen weiser Zeitschriftenautor meinte, dass das Geld an den gehen sollte, der das Stück verschenkt hatte. Das ist nicht meine Meinung. Wenn ich zwischen beiden entscheiden sollte, würde ich das Geld dem anderen geben. Geschenkt ist geschenkt. Vermutlich braucht er es eh notwendiger.

Ich wurde aber sagen, das Geld sollte zu gleichen Teilen aufgeteilt werden zwischen den beiden, dann sind beide glücklich. Aber was passiert, wenn nur einer der beiden eine Diebstahlversicherung hat? Dann erhöht sich sein Anspruch auf das Geld, weil er die Versicherungsbeiträge bezahlt hat. Wenn derjenige, der das Geschenk gemacht hat, die Versicherung hat, dann könnte es sein, dass er im Nachhinein beschließt, dass es kein Geschenk, sondern nur eine Leihgabe war. Wer meint, dass das gerecht ist?

Zwillinge als Väter
Neulich gab es einen Fall, wo eine Frau mit Zwillingen geschlafen hatte und dann schwanger wurde. Später wurde festgestellt, dass einer der beiden Zwillinge der Vater des Kindes ist. Weil nicht gesagt werden konnte, welcher der beiden der Vater ist, musste keiner der beiden Unterhalt zahlen! Für mich ist das Blödsinn. Jeder der beiden sollte die Hälfte zahlen. Im Deutschen Rechtssystem wird davon ausgegangen, dass jeder mögliche Fall im Vorhinein abgedeckt werden kann. Also macht das Parlament überkomplizierte Gesetze, und doch gibt es blödsinnige Ergebnisse. Das Englische System bietet mehr Spielraum für gesunden Menschenverstand. Wenn der in erster Instanz nicht angewendet wurde, kann man in Berufung gehen.

Manchmal entscheiden Zivilgerichte auf der Basis von Wahrscheinlichkeit. Wer wahrscheinlich der Mörder war, muss Schadenersatz zahlen, auch wenn die Beweise nicht genügen für die strafrechtliche Verurteilung. Hat es so einen Fall auch in Deutschland jemals gegeben? Natürlich werden auch strafrechtliche Fälle in wirklichkeit oft aufgrund von Wahrscheinlichkeit entschieden. Vielleicht sollte das ausdrücklicher festgelegt werden? Vielleicht wären 10 % weniger Straffe für 1% weniger Sicherheit in Ordnung? Was meinen Sie? Neulich habe ich gelesen, dass das Englische System sich teilweise (über die Wikinger) aus Arabischer Tradition ableitet!

cw

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