Edwin Ederle
Samstag, der 17. Juli 2010

Regieren by trial and error

Gestern früh hörte ich neben den Dummheiten zur Flugabgabe auch, dass das Elterngeld für Geringverdiener beschnitten werden soll. In einem Land, das zu wenig Kinder hat und in dem Kinder für viele Menschen zum Armutsrisiko werden, ist das m.E. nicht das Richtige – und so hat diese Meldung anscheinend auch einen Aufschrei nach sich gezogen. Und am Abend hörte man, dass Frau Schröder zurückrudert und Nachbesserungen plant.

Wie wird hier eigentlich regiert? Wie groß ist die Halbwertszeit einer Entscheidung? Ist es zu viel verlangt, dass man vorher nachdenkt?

Ich erwarte von Entscheidungsträgern, dass sie sich Gedanken zu den Problemen machen (oder machen lassen). Wenn man aufgrund fundierter Überlegungen zu einer Entscheidung gekommen ist, die man für richtig hält, dann sollte man dazu doch stehen. Dass die erstbesten Gegenargumente Nachbesserungen verlangen, heißt doch, dass man vorher nicht nachgedacht hat, bzw. seine Arbeit nicht richtig gemacht hat.

Oder regiert man „by trial and error“? Man posaunt unüberlegt etwas heraus und wenn es nicht ankommt, dann zieht man es zurück oder bessert nach? Dann doch lieber gleich Volksentscheidungen! Wozu bezahlen wir dann Minister, Referenten, …? Kann man nicht einen „Entwurfsgenerator“ auf Zufallszahlenbasis programmieren?

Leider habe ich das Gefühl, dass unüberlegtes Agieren immer mehr den Politikstil prägt und immer mehr Entscheidungen revidiert werden müssen (nicht zuletzt weil sie verfassungswidrig sind, was in meinen Augen ein Armutszeugnis ist).

E2E

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9 Kommentare zu “Regieren by trial and error”

  1. rd (Samstag, der 17. Juli 2010)

    Mein strenger Freund und Mentor Rupert Lay hat zu uns Managern gesagt:
    „Ihr seid nur Schafe, die vor sich hin blöken.“
    Das hat er es uns bewiesen und wir haben versucht, uns zu bessern.
    Und wir haben zuerst mal die Fähigkeit des Zuhörens erlernen müssen. Das war schwierig genug. Und dann haben wir denken üben müssen, und dann durften wir reden.
    Bei Politikern habe ich den Eindruck, dass hier als Erfolgsstrategie ausgegeben wird: „Ja nicht nachdenken, dem Volke nie zu hören aber immer viel herum blöken“

  2. Chris Wood (Samstag, der 17. Juli 2010)

    I believe „Elterngeld“ was intended to compensate for loss of income due to child care, (but for a rather short period). So it is not logical to pay it to people who have no loss of income. All children in poor families should be better supported, especially where they have additional disadvantages, such as a foreign language environment.
    In order to balance its budget, should the government consider reducing Elterngeld for wealthy families? This would tend to reduce the children born into comfortable environments, which seems dubious. Of course there may be more efficient ways to improve the happiness of children in Germany. Perhaps it would be better to encourage early adoption of surplus children born to poor families (worldwide).
    In isolation, the Elterngeld suggestion was not silly, but it convinced people that the government’s policies are widening the gap between rich and poor, as well as increasing the number of the poor. The only justification for this would be if it brought higher average prosperity. This is presumably the view of the silent majority who voted the government into power. But now people are having great doubts whether the government will deliver prosperity.
    My personal view is that the government is in a difficult position, and that the ideal politic would be slightly left of the CDU. But only time will tell.

    Similarly, (but less important), it is probably right to discourage flying a bit. Taxation of fuel gives flying an unfair (inefficient) advantage over other transport. It may well be that the details of the flying tax are badly thought out, but it is not wrong in principle.

    Finally, of course there always was and always will be a strong element of trial and error in government. Governments, their methods, and their laws are subject to non-genetic Darwinian evolution. At present we are in a situation where things change faster than ever. So there are more errors and they are sooner recognised. For how long will things get even faster?
    I agree that cleverer cheaper government would be good, but note that most others seem to do worse. Winston Churchill said that democracy is bad, but all other systems are worse.

    I hope my mistakes will be corrected.

  3. edwin (Sonntag, der 18. Juli 2010)

    Ich wollte eigentlich nicht prinzipiell für oder gegen Elterngeld oder Flugabgabe sprechen (obwohl ich da eine klare Meinung habe) – sondern gegen den Irrsinn unserer Regierung.
    Einen Vorschlag, der „einfachen Leuten“ wenige Cent einspart als sozialen großen Wurf zu verkaufen; einen Entschluß schon am Nachmittag zu korrigieren (Can it go any faster?).

    Entweder das ist einfach nur dumm oder es ist unanständig (weil nicht lösungsorientiert, sondern nur auf die Volksmeinung schielend). Und ich möchte weder von dummen noch von unanständigen Menschen regiert werden!

  4. rd (Sonntag, der 18. Juli 2010)

    Hi Chris, hi Edwin!

    Das ist ja ein Fehler unseres lieben Kommentators Chris, dass er die Posts nicht immer besonders genau durchliest und deswegen exzellente Kommentare schreibt, die aber auf das Anliegen des Artikelschreibers gar nicht eingehen, sondern völlig neue Beiträge darstellen, ohne Bezug zum Artikel. In der Schule hätte das Geheißen: Toller Aufsatz, aber wegen Themaverfehlung „Mark six – sit down please!“ 🙂

    Im Artikel kommt klar heraus und dies haben die meisten Leser sehr wohl verstanden, dass es dem Edwin in seinem Beitrag nicht um das Kindergeld für Arme oder die Flugabgabe ging. Sondern dass Edwin an diesen beiden Beispielen (zu denen er zwar eine klare Position hat, aber über die er ja gar nicht schreibt) das Agieren unserer politischen Elite aufzeigt und hinterfragt.

    Und das Verhalten von Chris (Kommentare schreiben ohne sich vorher die Mühe gemacht zu haben, das Anliegen des Artikelsschreibers sich zu eigen zu machen und verstehen zu wollen), sehe ich in ähnlicher Art und Weise sehr massiv bei unserer politischen und wirtschaftlichen Elite. Obwohl Chris in diesem Punkt den meisten Politikern sehr ähnlich ist, wäre er ein besserer Politiker als die mir bekannten.

    Nebenher hoffe ich, dass ich mit diesem Kommentar dem Wunsch von Chris nachkomme (I hope my mistakes will be corrected).

    RMD

  5. Chris Wood (Montag, der 19. Juli 2010)

    Dear Roland, here you are wrong. I did understand.
    The structure of my comment was first to deal with („abhaken“) the two government suggestions, pointing out that they were not entirely silly. With this background, I then dealt with Edwin’s criticism of the government style, pointing out that that too is not entirely silly, and that it seems to work better than most other countries. After all, trial and error is the foundation of science, which is the basis of our wellbeing. Trial and error is also the basis of evolution, which is the basis of our existence.
    As an English chauvinist, I think the world should be grateful for the good system of government given to the Bundesrepublik by the British and Americans. (I doubt whether the French had much influence. But the Russians may have helped a bit by eliminating Prussian domination; I am also a Bavarian chauvinist). The British are considering electoral reform, to move towards the German system.
    Sadly, the German judicial system was not reformed; common law works better. How can laws still be applied months after they have been found to be unconstitutional?

    The CDU may well be being slightly dishonest, trying to find out pubic reaction. But it would be silly to the point of incompetence, for them to assume that the great majority is clever and well informed. (Of course they should try to improve this via better education for kids).
    I don’t know whether the Christian Union intended it, but it seems to me that the credibility of the FDP has been largely destroyed. I bet the SPD would like to deal similarly with the „Linke“.

    Anyway, I presume I have a right to comment where I think I can inform, rather than concentrating on the main message of the posting?
    I would produce many more postings if my German were much better.
    Regarding my mistakes, Roland, I was hoping for correction of errors of fact, rather than to be told I should comment about something different. But still, good marks for trying!

  6. rd (Montag, der 19. Juli 2010)

    Lieber Chris,

    gibt es überhaupt einen Vorschlag zur Politik, der „entirely silly“ ist? Wenn ich Autofahren verbiete oder die Bürger jeden Morgen zum Gebet befehle, dann kann man auch da etwas Positives finden. Auch ein Gesetz, dass es an Sonntagen nicht mehr regnen darf und dafür Montags immer regnen muss, ist doch gut begründbar 😉

    Genauso kann man für jede Aktion eine Rechtfertigung finden – notfalls kann man es immer noch als Test rechtfertigen, um Reaktionen zu bekommen und Wählerwillen heraus zu finden. Aber das ist doch „Bullshit“. Die Leute plappern populistisch, und Du unterstellst Ihnen taktische und kluge Motive.

    Vor kurzem habe ich in Berlin einen Penner gesehen, der Mittags an eine Säule mitten in der U-Bahn hingepisst hat. Das fand ich eine Sauerei. Mit Deiner Argumentation könnte ich auch das rechtfertigen: Vielleicht war das ein Künstler, der ein Happening gemacht hat. Oder ein verzweifelter Mensch, der auf seine Lage hinweisen wollte. Oder jemand, der die Menschen aufrütteln wollte. Aber de facto hat er an eine Säule gepisst.

    Ich finde es interessant, was Du in unsere Parteien und die Handlungen deren Vertreter hinein interpretierst. Deine Hochachtung von unserer politischen Kultur ehrt Dich. Ich fürchte aber, dass Du Dir da etwas vormachst.

    Die meisten aktiven Parteimitglieder, besonders die mit einer Parteikarriere seit ihrer Jugend werden das gar nicht verstehen, was Du schreibst. Mach doch mal die Probe aufs Exempel und gehe doch mal in eine Veranstaltung von CSU, SPD oder FDP.

    Die Leute werden Dich anschauen, als ob Du von einem anderen Stern kommst und nur den Kopf schütteln, wie viel Du von ihnen hältst und ihnen zutraust. Wo sie doch ganz andere Interessen haben …

    Denn die meisten Parteimitglieder sind aus ganz egoistischen Gründen einer Partei beigetreten. Da geht es um ganz persönliche Interessen, nicht um das Gemeinwohl. Und was dabei raus kommt, ist natürlich eine weit verbreitete Politikverdrossenheit.

    Zum Kommentieren: Natürlich hast Du das Recht und die Pflicht so zu kommentieren, wie Du es für richtig hältst.

  7. Chris Wood (Sonntag, der 25. Juli 2010)

    Roland, regarding your last comment: I meant that the CDU/CSU party leaders, rather than the normal party members had organised a démontage of the FDP.
    Do you regard party members as worse, (or more stupid), than the average population? If not, your criticism of them supports my belief in representational democracy, rather than more direct democracy (which you have advocated).

  8. rd (Sonntag, der 25. Juli 2010)

    Ich glaube, dass es unseren Politikern (die zwangsläufig Parteimitglieder sein müssen) nicht ums Gemeinwohl sondern nur noch ums Eigenwohl geht.

    Und ich meine zu wissen, dass Menschen heute nur noch wegen eines erwarteten persönlichen Vorteils einer traditionellen Partei beitreten.

    Alles andere (FDP demontieren, unsinnige Aussagen machen …) erscheint mir Mittel zum Zweck.

  9. Chris Wood (Montag, der 26. Juli 2010)

    One can regard everybody as totally selfish. The saint is trying to get to heaven. The boy helps the old lady because it makes him happy. But we can leave such thoughts on one side.

    I think we can agree that politicians, in the context of their social life may sometimes act altruistically, (but they have less time for this than average people).

    Roland, you indicate that everything done in the context of a political party is entirely selfishly motivated.
    I think this is exaggerated, but I can perhaps accept that on average party members are worse than the rest of the people. Perhaps the same is true of trade-union members.

    What about political leaders? I am sure they are generally cleverer than average people. As regards morals, there are huge differences. Hitler and Pol Pot are at one end of the scale. Mandela is at the other end. Democratically elected ones are generally better than the rest. I think that Merkel and Obama are above average.

    Many people would say that most managers are purely selfishly motivated. But you probably have better morals than I do.

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