Hans Bonfigt
Saturday February 20th, 2016

Bad Aibling und die Folgen

Da erreicht mich eine Mail,

11 Kommentare zu “Bad Aibling und die Folgen”

  1. rd (Saturday February 20th, 2016)

    Ergänzend möchte ich noch erwähnen:

    In meinem Verständnis sollte der Einsatz eines “ZS1” (Wir haben hier eine technische Störung, die wir umgehen müssen) nur im äußersten Sonderfall (Notfall?) möglich sein und dann mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen begleitet werden.

    Mittlerweile scheint das “ZS1” aber zu häufig angewandten “Best Practise”, ja zur täglich angewandten Routine mutiert zu sein, um aufgetretene technische Fehler ignorieren, so die Wartungsintervalle maximieren und die entsprechenden Kosten minimieren zu können. Das hat mit redundanter Sicherheit nichts zu tun – und letzten Endes sind dann wieder die Mitarbeiter und Kunden die Leidtragenden und Opfer ….

  2. Hans Bonfigt (Saturday February 20th, 2016)

    ->rd:
    So schlimm ist es aber noch nicht.
    Der Fahrdienstleiter muß eine Begründung dafür schreiben (Die Betätigungstaste hat ein Zählwerk) und nach 90 Sekunden wird es automatisch zurückgenommen.
    Ohne Zs1/Zs7/Zs11 bräche der Bahnverkehr zusammen:
    Denn dann müßte sich der Lokführer, kein Witz, am Stellwerk einen schriftlichen Befehl holen.

    Unmittelbare Gefahr sehe ich eher durch die “Schnellausbildung” von Lokführern und sonstigen Personalen.
    Auch der “Bestandsschutz” wird gerne herangezogen, um Streckenmodernisierungen zu umgehen. Das Unglück in Sachsen-Anhalt wäre mit einer Schutzweiche nie passiert …

    Auf gar keinen Fall aber hilft zusätzlicher Klapperatismus.

  3. Rabba (Saturday February 20th, 2016)

    Hans Bonfigt, Sie ritzen die Wahrheit mit einem Stahlgriffel in den Marmor.

    Es ist alles drin in Ihrem Beitrag: Vertrauensverlust in die Medien, Sachkenntnisse in einem speziellen Problem und die sogenannte 4. industrielle Revolution, die eigentlich eine soziale Revolution ist.
    Printmedien waren von früh an meine schönste Muße und auch heute gehört eine Zeitung zu einem guten Frühstück.
    Mein Verhältnis zur Tageszeitung und zu Magazinen änderte sich, als ich genügend Berufserfahrung auf den Gebieten Schiffstechnik und Schifffahrt gesammelt hatte, um mich über Artikel im Der Spiegel und Tageszeitungen zu wundern.
    Genau wie in Ihrem Beitrag beschrieben, halten sich die Reporter, heute heißen alle Redakteure und arbeiten in Gruppen, nicht mehr lange mit der Erkundung von komplexen sachlichen Zusammenhängen auf.
    Sie informieren ihre Leser nicht, sondern füttern sie mit ihren Meinungen, die dem aktuellen Zeittrend entspringen und nicht harter Recherche.*
    In der politischen Berichterstattung der Medien Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften kamen mir immer mehr Zweifel an den Inhalten, nachdem ich geschäftliche Partner und Kunden in den heute unruhigen Gebieten des Orients und Nordafrikas gewann.
    Moderatoren, Reporter und auch die Regierung blicken selten über den deutschen Tellerrand. Das führte dazu, dass ich keine politischen Berichterstattungen und Nachrichten im Fernsehen über die Flüchtlingswelle, „Willkommenskultur“ und Kulturverständnis anschaue. Es wäre interessant, wenn sich die deutschen Medien in Afrika und dem Orient über längere Zeit umhören würden, um eine etwas differenziertere Berichterstattung zu ermöglichen.
    Zum Eisenbahnunglück in Bad Aibling wurden ich durch Ihren Beitrag zum ersten Mal umfassend über die Sachlage informiert. Danke dafür.
    Die 4. Industrielle Revolution ist in vollem Gange und wird von den von Ihnen identifizierten Jungtechnokraten vorangetrieben.
    Systeme regieren heute die Firmen und leider auch die Technik und die technische Entwicklung.
    Fortschritte, wie der fachidiotisch angeordnete ‚Clean Desk’ führen dazu, dass in der Konstruktion niemand mehr über einer A 1 Zeichnung grübelt und mit dem Bleistift Verbesserungen oder Varianten aufreißt. Alles muss nun in Informatik Dossiers abgelegt werden und ausdrucken ist verboten. Dazu bekam jeder einen zweiten (billig) Bildschirm spendiert.
    Die Ergebnisse sind erschütternd und bereiten mir körperliches Unbehagen, so dass ich neuerdings anfange, mich auf die Verrentung zu freuen.
    Zum anderen übergießen uns die Technokraten und dynamischen Verkaufsleiter mit Informationen, bzw. Tabellen via „SharePoint“, wo die Umsätze, Budgets, Sales Actions, Marketing Actions, Performances, Action Plans und Resultate immer transparent vorhanden sind. Allerdings machen sich diese Trendsetter, nicht mehr die Mühe von Kundengesprächen oder Reparatureinsätzen oder einfach mal mit der Fertigung zu reden. Betreten der Werkshallen ohne Sicherheitsschuhe, Helm, Schutzbrille und Handschuhen ist jetzt auch für Betriebszugehörige verboten und Besuche müssen angemeldet werden – eine angeordnete Entfremdung.
    Ich hege die gleiche Sympathie wie Sie für Jungdynamiker mit Ohrringen, gefärbten und gegeelten Haaren, die locker flockig kleine Männchen, die sich die Händchen schütteln in ihre PowerPoint Präsentationen einarbeiten, um mir zu erklären, wie Verkaufen und Technik heute geht.

    *Die Omnipräsenz des Chefredakteurs der SZ in den Talkshows führt wohl zwangsläufig zum Oberlehrer Habitus.

    Klaus Rabba

  4. rd (Saturday February 20th, 2016)

    –> Hans:
    Jetzt hoffe ich mal, dass das “noch nicht” ein “noch nicht” bleibt und nicht zur Wirklichkeit wird …

  5. rd (Saturday February 20th, 2016)

    Noch zum Journalismus: In der Tat sind die Artikel bei manchen “Dilettanten” wie Schreiber von Blogs besser recherchiert und wohl abgewogener als das meiste, was die professionelle “Jounaille” so liefert.

  6. Eberhard Huber (Saturday February 20th, 2016)

    Sehr geehrter Herr Bonfigt,

    vielen Dank für diesen Text, es ist für mich die erste hilfreiche Information zu dem Unglück. Ich stimme Ihren angrenzenden Schlussfolgerungen ebenfalls zu.

    Beim vorletzten Abschnitt möchte ich Ihnen jedoch teilweise widersprechen. Ich bin seit Jahrzehnten ehrenamtlich in der Jugendarbeit aktiv und erlebe und erleide wie nach und nach die staatliche Unterstützung für soziale Projekte schwindet. Den von Ihnen implizierten Geldmangel unter anderem aufgrund von Sozialprojekten kann ich hier nicht als Ursache nachvollziehen. Die Infrastruktur der Bahn wurde im Zuge der Privatisierungs-Vorbereitungen wissentlich kaputt gespart. Der in der Tat existierende Geldmangel der öffentlichen Hand hat m.E. zudem noch andere Ursachen wie z.B. Bankenrettung, Kriege, Börsensteuer-Lücken, Blockierung von Steuerfahndungen, verdeckte Subventionen.

    Bzgl. der “Jungdynamiker” möchte ich noch eine ergänzende Sicht hinzufügen. Diese sind nicht vom Himmel gefallen sondern an Hochschulen, die dem Diktat der Wirtschaft unterworfen sind, erzogen worden.

    mfG, Eberhard Huber

  7. Rabba (Saturday February 20th, 2016)

    Hallo Herr Huber
    Die Ausbildung der Akademiker hat sich ja aufgegliedert.
    Ich bin mir weniger sicher, ob an staatlichen Hochschulen die Industrie oder die “Wirtschaft ” schon die Diktatur übernommen haben.
    Das deutsche Ausbildungssysthem wurde durch die Bachelorstudiengänge aufgeweicht.
    Die Ausbildung findet oft an privaten Institutionen statt, wo das neue Wirtschaftsmodell gepredigt wird.
    Klaus Rabba

  8. Eberhard Huber (Monday February 22nd, 2016)

    Hallo Herr Rabba,

    Diktat war vielleicht ein wenig hart formuliert. Dennoch denke ich, dass die Bachelor-Studiengänge nur eine Entwicklung verschärfen, die schon früher begonnen hat. Über das Prinzip der Drittmittel-Finanzierung haben Unternehmen starken Einfluss auf Hochschulen gewonnen. Das hat schon vor Einführung der Bachelor-Studiengänge begonnen. Wenn Firmen wie SAP Lehrstühle für Wirtschaftsinformatik (mit)finanzieren und fast nur noch gelehrt wird wie ein Problem in SAP abzubilden ist, ist es mit der Unabhängigkeit der Lehre nicht mehr weit her. Bereits vor fast 30 Jahren habe ich erlebt wie vielversprechende Forschungsvorhaben eingestampft wurden, weil die Ergebnisse dem Geldgeber nicht gepasst haben (und damals ging es nur um Grundlagenforschung).

    LG, Eberhard Huber

  9. rd (Monday February 22nd, 2016)

    Der Kommentar von Eberhard hat mich erinnert, wie auch z.B. Microsoft die Unis “penetriert” hat. Das beginnt bei trivialen Werkzeugen wie dem “word-processor”. Und ich kenne viele arme Studenten der BWL und VWL, die dann ihre Arbeiten mit Word schreiben mussten und letztendlich mehr Zeit für Formatierungen wie Inhaltsverzeichnis und Fußnoten verbraucht als für die eigentliche Arbeit. Was mit vernünftigen Werkzeugen hätte vermieden werden können 😉 .

  10. Eberhard Huber (Monday February 22nd, 2016)

    Roland, so trivial das Office-Paket im ersten Moment erscheinen mag steckt da noch mehr Ungemach drin, mit ihm hat z.B. auch die Powerpoint-Kultur begonnen, die ganz wesentlich die Geschäftskommunikation geprägt hat.

  11. rd (Monday February 22nd, 2016)

    Ja – ich weiß – es ist in der Tat mehr als nur eine kulturelle Beeinflussung.

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