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Dienstag, der 12. November 2013

Beobachtungen eines Neulandreisenden.

Ein Freund hat mir folgende Geschichte „aus dem Internet“ gesendet:

Auf dem Planeten Neuland erhebt sich, umgeben vom Ozean der Kommunikation, der Festlandssockel Transmissio, auch als TCP/IP bekannt. Über diesen Sockel ragen verschiedene Inseln aus dem Wasser des Kommunikationsozeans. Die Bäche und Flüsse der Inseln fließen sämtlich in den Kommunikationsozean, so dass alle miteinander verbunden sind.

Neulandologen haben erforscht, dass der Festlandsockel mitsamt den Inseln aus Schichten aufgebaut sind, die sich im Laufe der Zeit aufgetürmt haben.

Die wichtigsten und größten dieser Inseln sind Mailanesien, Usenetania und Wehwehwehstan. Daneben gibt es noch Efteponien, Telnetia und einige andere mehr. Fast alle Inseln sind oder waren bewohnt. Wie das so ist, haben sich die Völker von Humanum im Laufe der Zeit auseinandergelebt und sprechen verschiedene Sprachen.

Die Voelker von Mailanesien und Usenetania haben eng miteinander verwandte Kulturen oder Verhaltencodices, sie koennen sich meist gegenseitig verstehen.  Die Kultur der Mailanesier heisst SMTP, die der Usenetanier NNTP, wenn sie miteinander reden wollen. Beide Völker sprechen Sprachen, die – abgesehen von Dialekten – der Sprache ähneln, die die Mailanesier und die Usenetanier verwenden, wenn sie jeweils in ihren Behausungen miteinander reden.

Die Mailanesier leben teils ganz zurückgezogen und pflegen Kontakte nur zu wenigen anderen Mailanesiern, sie werden auch die „One-to-One-Mailanesier“ genannt, andere Mailanesier pflegen Kontakte zu vielen ihrer Leute, das sind die „One-to-Many-“ oder „Listo-Mailanesier“. Ensprechend sind auch die Regeln, nach denen die Mailanesier über ihre SMTP-Kultur hinaus gegeben haben, gering. Die On-to-One-Mailanesier machen sie unter sich aus, die Listo-Mailanesier überlassen es meistens einer Stelle, Regeln aufzustellen oder auf die Beachtung beschlossener Regeln gelegentlich hinzuweisen.

Anders die Usenetanier. Ihnen ist sind Öffentlichkeit und die Sicherheit vor fremden Eingriffen wichtig. Ihre „NNTP“ genannte Kultur hat daher viele Orte geschaffen, die alle die gleiche Einrichtung haben, so dass eine Störung an einem Ort nicht dazu führt, dass die Öffentlichkeit zusammenbricht, sondern immer auf andere Orte ausgewichen werden kann. Die Usenetanier legen Wert darauf, dass ihre Kultur und ihre vielen Orte keinen Eigentümer und keinen Besitzer haben, sondern dass sich ihnen jeder zu jeder Zeit zugesellen kann. Damit sie sich immer verstehen und austauschen können, haben sie sich Regeln geschaffen, die es jedem ermöglichen, an jeden ihrer Orte zu gelangen und ein gleichberechtigter, freier Bürger ihrer Insel zu sein.

Es muss allerdings konstatiert werden, dass die Bevölkerung von Usenetania seit einiger Zeit einem dramatischen demographischen Wandel unterliegt. Das gilt nicht in gleichem Masse für versprengte Usenetanier, die sich auf kleinen Eilanden niedergelassen haben und zwar noch die Kultur NNTP pflegen, aber keine Verbindung zum eigentlichen Usenetanien haben.

In Wehwehwehstan ist eine Insel mit einer gegenüber den anderen wesentlich staerker zerkluefteten Oberflaeche. Es gibt viele Schluchten und Gipfel, die natürlich alle auf der gleichen Schichtenfolge aufbauen wie die anderen Inseln, je höher man aber klettert, umso mehr differiert der Aufbau und die oberen Schichten der Berge unterscheiden sich untereinander erheblich. Die Kultur in Wehwehwehstan heisst HTTP, man liebt man es dort eher schrill und bunt. Es gibt eine unüberschaubare Anzahl von Plätzen und Orten, aber die Öffentlichkeit und Erreichbarkeit spielt dort keine so große Rolle wie in Usenetanien.

Jeder Clan hat dort seinen eigenen Ort oder seine eigene Nische, den einer, der dem Clan nicht angehört, nicht leicht findet. So haben sich in Wehwehwehstan zahlreiche Dialekte entwickelt und es kann durchaus nicht jeder Einwohner von Wehwehwehstan Kontakt zu jedem anderen aufbauen. Außerdem sind die Bewohner von Wehwehwehstan nicht so sehr an der Frage des Eigentums und Besitzes auf ihrer Insel interessiert, so dass sie weniger Vorsorge gegen die Schließung von Orten oder die Einschränkung ihrer Freiheit treffen. Unter „Freiheit“ verstehen manche von ihnen eher, sich verbergen zu dürfen, neuerdings ist sogar eine Mode der „digitalen Burka“, sie nennen es „Verschlüsselung“, aufgekommen, weil sie erfahren haben, dass sie von ungebetenen Gästen ungefragt beobachtet werden. Diese Erfahrung und den Zorn darueber teilen sie übrigens mit den Mailanesiern.

Eine Eigentümlichkeit der Leute von Wehwehwehstan ist es auch, dass viele von ihnen glauben, sie seien die einzigen Bewohner von Humanum und es gebe außer der Wehwehwehstan keine weiteren Inseln auf dem Planeten. Ja, es gibt sogar Bewohner von Wehwehwehstan, die ihren Berg niemals verlassen und erwarten, dass jemand, der etwas wissen will, ihren Berg besteigt. Hat man diese Mühe – wozu nicht selten eine spezielle Ausrüstung erforderlich ist – auf sich genommen, sind sie aber ein recht gastfreundliches Völkchen, vorausgesetzt, der Gast zeigt Anstrengungen, sich in ihrem Dialekt mit ihnen zu unterhalten und gehört nicht zu den oben erwähnten „ungebetenen Gästen“.

Soweit die Geschichte. Wie ich finde ganz nett, da könnte man noch darauf aufbauen. Ich habe dann noch nach der Quelle geforscht. Es ist Sabine Baer <baerks@t-online.de> in der Newsgroups: free.de.piratenpartei, ihr Subject ist „Postkarte aus Neuland“.

RMD

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1 Kommentar zu “Beobachtungen eines Neulandreisenden.”

  1. Hans Bonfigt (Mittwoch, der 13. November 2013)

    Ja, die Sabine ist keine Unbekannte im deutschen Usenet.

    Das macht es übrigens so gemütlich,

    – jeder kennt jeden, ist wir digitales Klassentreffen

    – gepflegte Sprache herrscht vor, natürlich wird alte Rechtschreibung praferiert

    – Klarnamenpflicht

    – Thematische Abgrenzung

    – verteiltes Netzwerk

    – sozialer Umgang mit Ressourcen statt asoziale Pixelprasserei à la „facebook“ oder sonstiger Unterschichtsuhlen

    – werbefrei

    – transparent durchsuchbar

    – auf allen Plattformen verfügbar

    – und Boris ist diesmal *nicht* drin.

    Wenn die „Twitter-“ und „Facebook“ – Gemeinde zu- und die Menge der Usenetnutzer abnimmt, dann sagt das wenig über die Plattformen selbst als über die Nutzer aus.

    Weit mehr, als man wissen möchte.

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