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Montag, der 20. April 2009

Rezension der „Angst“ von „Grün“ durch Michel Friedman

Heute erscheint das Buch Angst von unserem IF-Blog Autor Klaus-Jürgen Grün. Und top-aktuell hier die erste Rezension. Michel Friedman hat für uns vorab das Buch

Angst – Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls

von Klaus-Jürgen Grün, (Aufbau-Verlag Berlin 2009, 314 Seiten, 19,95 Euro) gelesen. Hier seine Anmerkungen zum Buch.

coverangst
Angst vertreibt Vertrauen

Die Krise bestätigt Grüns These: Wenn wir von der Angst beherrscht werden, verlieren wir reale Gefahren aus dem Blick. Und, was viel schlimmer ist, wir lassen es uns Unsummen kosten, um die Angst zu vertreiben. Dabei erzeugen wir Angst vor der Angst und lähmen innovative sowie handelnde Kräfte. Auf der Flucht vor der Angst laufen wir Gefahren in die Arme, an die zuvor keiner gedacht hat.

Das fundiert verfasste Sachbuch des Philosophen und Ausbilders von Managern und Führungskräften ist kein Ratgeber, aber ein aufklärendes Buch. Es ist dem eigenen Anspruch verpflichtet, nicht aus Angst vor Tabubrüchen oder Verletzung der political correctness zurückzuschrecken, sondern auszusprechen, was viele wünschen, in der Verdrängung halten zu können. Aber Angst schwindet nur dann, wenn wir der von ihr ausgelösten Unlust standhalten.

Andernfalls greift Angst wie die Fangarme einer Krake in viele Richtungen nach Nahrung. Der Autor wünscht sich Menschen, die von diesen Greifarmen nicht erfasst werden. Dass immer schon zahlreiche Makler von der Ausbeutung der Angst leben, gibt Grün weniger Anlass zum Groll als zur Kritik an der Charakterbildung der Betroffenen. Wer seine Angstempfindlichkeit reduziert und dabei das richtige Fürchten übt, trägt Besten zum Gewinn an Lebensglück bei. Angst nützt uns allenfalls, wenn sie als Lampenfieber oder Ähnliches den Grad unserer Wachheit für Augenblicke steigern kann. Auf Dauer aber ist sie dem Stress vergleichbar, der den Organismus – den sozialen wie den organischen – zerrüttet.

Statt Angst zu vermehren, sollten wir das Fürchten lernen. Denn Furcht versteht der Autor als die natürliche Reaktion des Organismus auf eine reale Gefahr. Wer das Fürchten gelernt hat, ist lebenstüchtig und an die Realität angepasst, aber wer der Angst folgt, wird von irrealen Mächten beherrscht. Dass Menschen Vorsorge treffen, um der Zahl 13 nicht zu begegnen; dass sie sich Sorgen machen, ihnen könnte im Jenseits ein Strafgericht drohen; dass sie aus Spinnen reißende Wölfe und aus Managern „Heuschrecken“ machen, entlarvt Grün als einen Mechanismus, der Individuen zwar für Momente Seelenruhe verschaffen kann, faktisch aber dem Wunderglauben und der Magie vergleichbar ist. Wo Menschen ein solch verzerrtes Bild der Realität pflegen, handeln sie mit ungedeckten Wertpapieren ebenso leichtfertig und unverantwortlich wie mit Tabus und Zwängen.

Und hier stützt sich der Autor auf die Biologie des Menschen. Denn diese hat ihn ausgestattet mit einem schnell reagierenden System emotionaler Kräfte, die ihn überlebensfähig machte für den Naturzustand. Doch in der Kultur sind viele natürliche Gefahren aufgelöst, aber die Bereitschaft auf Bedrohungen zu reagieren, ist dem Menschen geblieben. Mit der Kultur verschwinden zwar natürliche Gefahren, die der Mensch zu fürchten hätte. Aber an deren Stelle treten vermeintliche Bedrohungen, auf die der Mensch vermehrt mit neurotischer Angst reagiert. So hetzt er vielfach von einer Angstlust zur nächsten und lässt sich leichtfertig Angst einreden vor diesem und vor jenem. Wer heute Angst vor dem Staatsbankrott hat, braucht seine Angst vor BSE, dem Klimaschock oder saurem Regen nicht mehr zu pflegen. Und in der Tat verschwindet die alte Angst, wenn den Deutschen eine neue angeboten wird.

Als „german Angst“ ist sie weltweit sprichwörtlich geworden, die ausgeprägte Zwangsneurose, eine Warnung schneller auszusprechen als die Herausforderung sich zu erkennen gibt.

Grün versteht es, sogar die Neigung zur Selbstverkleinerung als einen verkappten Größenwahn zu entlarven, deren Energie noch aus der Angst stammt: Denn auch der erbärmlichste Sünder erlebt sich am Ende auserwählt durch seinen Gott, wenn er sich bis zu einem Nichts verkleinert. Vor allem dieser letzte Schritt, aus Angst vor eigener Bedeutungslosigkeit sich selbst und alle Gottlosen in einem Blutbad im Nichts zu vereinen, diese ultima ratio der Angst, in der sich Märtyrer und Suizidattentäter heute ununterscheidbar machen, sollte nicht durch die Rede vom Glauben, der Berge versetzt, groß geredet werden. Wenngleich es schließlich Grüns Verdienst sein dürfte, die Aktualität der „moralischen Ängste“ entdeckt und mit überzeugenden Beispielen erläutert zu haben, so ist es doch als der kleine Mangel des Buches zu erwähnen, dass dieser Teil des Buches auch etwas weniger ausführlich hätte erfolgen können. Mir war es ein Vergnügen und eine Bereicherung zugleich, dieses Buch zu lesen, und deswegen empfehle ich es nicht nur den Hasenfüßen.

Michael Friedmann

Herzlichen Dank an Michel Friedmann für seine Buchsprechung!

IF-Blog-Team

2 Kommentare zu “Rezension der „Angst“ von „Grün“ durch Michel Friedman”

  1. hans-peter kühn (Dienstag, der 28. April 2009)

    Herzlichen Dank für diese hervorragende Rezension. eigentlich wollte ich 5 Sterne geben aber irgendwie hat es leider nicht geklappt.

    Willkommen im reich der „Buchbesprecher“, ich freue mich bereits auf Ihren nächsten Beitrag. Das buch von Dr.Grün werde ich lesen.

    Hans-Peter Kühn

  2. IF-Blog » Blog Archiv » Angstwörter (Donnerstag, der 21. Mai 2009)

    […] Er hat über den Verwendung von mit Angst besetzten Wörtern ausführlich in  seinem neuen Buch “Angst – Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls” geschrieben, gerade erschienen im […]

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