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Montag, der 2. Januar 2012

Rolo’s Lieblingsgeschichte

Auf diese Geschichte und ihren Autor hat mich Rolo aufmerksam gemacht:

Jobbergeschichte

Wir Jobber steckten Drähte und Spiralen ineinander, legten kleine Plastikscheibchen in ovale rot lackierte Teile aus Metall, und am Ende des Bandes saß Mehdi, der bohrte mit der Maschine ein Loch durch die Eier, dann war das Ding fertig.

In den ersten Wochen hatte ich mich noch bemüht herauszufinden, was ich da eigentlich herstellte, um der Arbeit etwas von ihrer Entfremdung zu nehmen oder so ähnlich. Das Teil sei wohl für Automotoren, sagte der eine, ein Politikstudent aus Sierra Leone, es spiele eine wichtige Rolle im Vergaser. Es sei für den Export nach Japan, sagte der polnische Religionswissenschaftler, dort würde es von gewissen shintoistischen Sekten kultisch verehrt.

Klar war nur, dass die fertigen Teile ziemlich teuer waren. Man munkelte etwas von 300, – Mark pro Stück, aber genau wusste es niemand. Die Eier waren unterschiedlich groß, das wechselte von Woche zu Woche. Der Vorarbeiter stellte die Maschinen passend ein, und wir mussten alle Handgriffe exakt so ausführen, wie er es anordnete.

Er genoss es, Anweisungen zu geben. Bald würden diese Studenten die Universität verlassen und mit ihren wirren Theorien im Kopf die Chefs spielen, aber hier, in der Welt der Praxis, hatte immer noch er das Sagen.

Sein liebster Spruch: »Ihr werdet hier nicht fürs Denken bezahlt, sondern fürs Arbeiten.« Einer vom ganz alten Schlag. Kooperativer Führungsstil, das war für ihn irgend so eine schwule Schweinerei.

Eines Morgens, es war kurz nach sieben, rief Mehdi, der Exiliraner, den Vorarbeiter: »Die Maschine ist falsch eingestellt.« Der Vorarbeiter sagte: »Das kannst du gar nicht wissen, du dussliger Türke. Arbeite weiter.«

Gegen acht rief Mehdi wieder nach dem Vorarbeiter: »Guck doch mal, die Maschine ist falsch eingestellt. Der Bohrwinkel ist zu steil. Ich denke, wenn man …«

Der Vorarbeiter sagte: »Du wirst hier nicht fürs Denken bezahlt, sondern fürs Arbeiten.«

Mehdi bohrte. Er bohrte und bohrte, 120 Eier in der Stunde. Er grinste vor sich hin, und manchmal schüttelte er ungläubig den Kopf. »Ausschuss«, sagte er. »Leute, gebt euch keine Mühe«, sagte er zu uns, »ich mach eure Arbeit eh zu Schrott. Das ist alles Ausschuss.« Er gluckste leise. Wir waren gespannt, wann sie es merken würden.

Sie merkten es eine halbe Stunde vor Feierabend. Der Abteilungsleiter brüllte, als wäre er in die Metallpresse gefallen. Mehdi fegte schon seine Maschine, als die Hierarchie sich vor ihm aufbaute: der Abteilungsleiter, der Meister, der Vorarbeiter. Er habe doch gesagt, dass die Maschine falsch eingestellt sei, sagte Mehdi. Woher er denn so etwas wissen wolle, wollte der Vorarbeiter wissen.

Mehdi sagte: »Na ja, ich studiere im achten Semester Maschinenbau.« Der Abteilungsleiter fragte Mehdi mit Tränen in den Augen, ob er sich eigentlich klar darüber sei, dass er heute für eine Viertelmillion Mark Schrott produziert habe? »Ach, doch so viel?«, sagte Mehdi, und wir Umstehenden überschlugen die Rechnung im Kopf. Dann kam das ja in etwa hin mit den 300 Mark pro Stück.

Wie ich finde, wirklich eine schöne Geschichte!

Der Autor ist BOV BJERG
Bov Bjerg, geb. 1965. Der ehemalige Berufskraftfahrer ist Redakteur der Zeitschrift »Salbader« und Kolumnist der Berliner Stadtzeitung »Scheinschlag«. Er liest in der »Reformbühne Heim & Welt« und im »Mittwochsfazit«.
(Im Netz: www.bjerg.de)

RMD

P.S.
Rolo ist Rolo Zollner, ein lieber Freund und toller Fotograf. Er gestattet mir ab und zu, Bilder von ihm in IF-Blog.de zu veröffentlichen.

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2 Kommentare zu “Rolo’s Lieblingsgeschichte”

  1. Chris Wood (Montag, der 9. Januar 2012)

    Is this a true story?

  2. rd (Montag, der 9. Januar 2012)

    Du kannst den Autor fragen. Meines Wissens lebt er noch …

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