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Mittwoch, der 26. Dezember 2012

Weihnachtsgruß an alle Sysadmins!

Hier ein Artikel eines lieben IF-Blog-Freundes, der in IF-Blog mit interessanten Kommentaren nicht sparsam ist. Es ist Hans Bonfigt, der für mich völlig überraschend jetzt einmal in die Rolle des Gastautors geschlüpft ist. Hier ist sein:

Weihnachtsgruß an alle Sysadmins

Auf eine ganz bestimmte Art und Weise wurden „wir“ EDV-Leute eigentlich schon immer, ja, in unserer Heimat heißt das „veräppelt“. Nein, es hat nix mit den Plagiaten des Herrn Jobs zu tun, sondern es ist aus einem gewissen Unverständnis heraus geboren:
„Erst wenn die Lichter angehen, fangt Ihr an zu arbeiten“, so wurden wir aufgezogen. Na klar, liebe Anwender (ein schlimmeres Schimpfwort kennen wir nicht), wie sollen wir Eure Systeme, die ihr wieder verderkelt habt, denn auch in Ordnung bringen, solange Ihr davor sitzt? Früher ging das gar nicht, denn da hatte man typischer-weise ein Einplatzsystem, an dem halt auch nur einer arbeiten konnte. Irgendwann waren die Maschinen dann ‚multitaskingfähig‘, aber die Anwender waren es nicht. Wir sind da wählerischer – wir wollen die Maschine meistens exklusiv für uns.

Und während Ihr spätestens seit vergangenem Freitag auf der Couch liegt, ist eine kleine Minderheit seit Freitagmittag bis jetzt damit beschäftigt, Euren Mist aufzuräumen. Mit maximal zwei Stunden Schlaf in 24 Stunden. Denn wir wissen, was es am morgigen Donnerstag wieder für ein Geblöke gibt, wenn irgendeine Kleinigkeit nicht klappt: „WIR KÖNNEN NICHT ARBEITEN …“ !  —  Als ob wir das nicht seit Jahren wüßten.

Ja, jedes Jahr wird der Augiasstall, den Ihr in unseren Systemen anrichtet, fieser und vor allem größer. Und Ihr lernt es einfach nicht. Also, daß Ihr davon ablaßt, Euer Paßwort unter die Mausmatte zu kleben, darauf habe ich eigentlich nie gehofft. Ich weiß ja, was für einen Scheiß Ihr wählt und irgendwo müssen die ganzen facebook-luser ja herkommen. Von Euch so etwas wie ein Minimum an Verantwortungsgefühl zu erwarten – wäre ich so töricht, könnte ich in meinem Job nicht arbeiten.

Aber irgendwie habe ich über die Jahre gehofft, ihr würdet Euch wenigstens die Dinge angewöhnen, die Euch das Leben leichter machen, aber weit gefehlt:

– Keine Leerzeichen und Umlaute in Dateinamen, unsere Rede seit mindestens 20 Jahren. Und vor allen Dingen nicht den ganzen Text Eures Dokuments in den Dateinamen. Gerade Ihr, die ihr nicht einmal den Großbuchstaben ‚O‘ von einer Null unterscheiden könnt, solltet doch nicht voraussetzen, daß Umlaute oder auch nur Groß- und Kleinschreibung in Dateinamen plattformübergreifend interoperabel implementiert wären. Schon gar nicht unter Euren geliebten Windows, welches intern nämlich nur die „8.3“-Nomenklatur kennt, die unter DOS schon zum Himmel stank.

– Mindestens genausolange predigen wir Euch, „legt gemeinsam benutzte Dateien zentral ab UND HÖRT AUF, SIE EUCH GEGENSEITIG ZUZUMAILEN“. Und wir sagen Euch auch, „ZITIERT RICHTIG und hängt nicht den ganzen Sarotti von Rede und Gegenrede immer wieder hinten an“. Ja, Jungs und Mädels, und nun sitze ich seit Freitag vor einem 24 TERABYTE großen Mailspool. Den muß ich auf 12 TB zusammenschrumpfen. Und verlaßt Euch drauf, das habe ich getan. Und wo gehobelt wird, da fallen Späne.

– Wie oft haben wir Euch gesagt, ihr sollt Eure Papierkörbe leeren. Aber keine Sorge, auch das habe ich für Euch erledigt. Mit der halstiefen Rasur.

– Bei der Gelegenheit:  Ich habe auch alle Eure Browser-Caches gelöscht.  Denn ich hatte einfach keine Lust, die riesige Pornosammlung, die Ihr euch da zusammengeklickt habt, auch noch mitzusichern und auf das neue SAN zu migrieren, das angeblich erforderlich war.

Ja, die Informationsgesellschaft hat kein schlankes, ebenmäßiges Gesicht mehr, sondern eine aufgedunsene Visage à la Dirk Bach. Wenn ich da so an früher denke:

Das mit den Lochkarten habe ich noch richtig miterlebt, die maximale Sourcefile-Größe lag beim KIENZLE SLM bei 2.780 Zeilen, das paßte in einen handlichen Koffer. Echt lästig, richtig schwer und ‚mal eben eine Kopie ziehen‘, das dauerte halt. Mergen war die Hölle. Perfekte Beherrschung der Maschinensprache war Pflicht, denn ein Assemblerlauf mit einer vergleichbaren Anzahl Karten dauerte 2 1/2 Stunden. Wer da nicht manuell patchen konnte, für den war, buchstäblich, „aus die Maus“.

Die ECMA-34 – Kassette war ein Segen. Ja, liebe Anwender, Ihr kennt sie als Musikcassette, aber für Euch war sie eigentlich gar nicht gedacht, sondern für uns. Ein ganzer Lochkartenkoffer paßte nun bequem in die Hemdtasche, 900 Blöcke à 256 Zeichen gingen da drauf und man konnte sie doppelseitig beschreiben. Noch schöner die 8-Zoll-Floppies, da brauchte man die Quelldateien gar nicht mehr zu laden, sondern konnte sie direkt bearbeiten.

Indexsequentielle Dateien auf Disketten, das war erst recht ein Genuß.

Mit den „großen“ Festplatten, die nicht mehr alle 14 Tage crashten, gab es eine weitere Revolution: Man brauchte eigentlich gar nicht mehr mit Datenträgern zu hantieren, weil sich ja alles auf dem System befand. Bloß sichern mußte man noch. Die Sicherung mit den Halbzollbändern hatte etwas, die Wartung war durchaus aufwendig, man mußte mit Hilfe eines Oszillographen (ja, so hießen die Dinger früher) die „Katzenaugen“ richtig einstellen, die sich aus Schreibkopfsignal und dem um 180° phasenverschobenen Echo des Lesekopfs ergaben. Die Bandmaschinen waren teuflisch schnell und hatten ein schier unendliches Fassungsvermögen.

Mit den Cartridges, ibs. der QIC-Kassette, kamen auch bezahlbare Systeme auf den Markt, unser erstes Schätzchen schaffte 20 MB und brauchte dafür eine halbe Stunde.

Zu dieser Zeit etwa kamen diese unappetitlichen „Commodore“ auf den Markt, die aussahen wie ein Brotkasten – wir reden also über die späten 80er Jahre.

Was hat sich eigentlich geändert ?

Ich darf hier über die Feiertage ein komplettes SAN neu aufsetzen, auf dem ALLE, aber auch wirklich alle Daten eines mittelgroßen Unternehmens abgelegt sind. Und ich muß ALLES löschen, natürlich nach vorheriger Sicherheitskopie auf Band und natürlich redundant, und weil es wichtig ist, auch noch dissimilar redundant.

Die Cartridges sind kleiner und schneller geworden. Hier fliegen gerade gut 140 MB pro Sekunde vom Band auf die Platten, pro Sekunde also packt das System also die siebenfache an Daten weg, die man in der 80ern auf eine QIC-20 – Kassette bekam. 3,5 Stunden schrumpfen zu einer Sekunde zusammen.

Eine Produktivitätssteigerung um 1.259 %.

Halt ‚mal, WIRKLICH ?

Das Unternehmen, bei dem ich gerade arbeite, hatte in den 80ern ebenfalls eine QIC-20 – Bandstation, sie hing an einem IBM /38, welches das gesamte Unternehmen mit der notwendigen EDV-Infrastruktur versorgte.

Die neue EDV macht eigentlich nix anderes, sie versorgt genau wie früher 200 Leute mit diversen Programmen. Heute mögen es unwesentlich mehr sein. Eine Migration in den 80ern hat drei Tage gedauert, in der aktuellen Situation komme ich schon jetzt auf fünf. Und vor morgen früh, fünf Uhr, bin ich nicht fertig.
Auf der alten Maschine konnte den Job ein gut ausgebildeter Servicetechniker erledigen, das neue System ist ultrakomplex und vereint so ziemlich alle neueren Technologien in einer Kiste – insbesondere kommt sie nicht mehr ohne Windows und den famosen IBM DRECK-TOR aus – ein in JAVA zusammengestoppelter, atemberaubend stinkender Haufen Sondermüll. Da kommt kein Mensch mehr mit zurecht. Gottseidank bin ich ja auch keiner.

Die alte Maschine war eigentlich nie kaputt, die neue fällt zwar wegen Redundanz auch nicht aus, aber ständig verendet irgendeine Komponente und die dann erforderliche Reparatur treibt einem den Angstschweiß auf die Stirn.

Die alte Maschine war richtig flott, die neue ist es eigentlich auch, aber das JAVA/AJAX/PINGPONG – Neppinterface ist schweinelahm und die Benutzer drehen Däumchen.

Ja, liebe Anwender – KEIN MITLEID !  Ihr wolltet das GUI, Ihr habt es.  Minderwertiger Augenzucker für minderwertige Mitarbeiter, jedem das Seine.

Aber wo ist bloß der Fortschritt geblieben? Irgendwo war er doch?

Die Antwort liefert, und ich zitiere das nochmal, Bertrand Russell:

Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit.

Vulgo: Die EDV-Landschaft hat sich vom ‚Tool‘ zum ‚Toy‘ gewandelt. Mit allen üblen Konsequenzen. Eine Sekretärin der Nordwest AG erzählte mir unlängst, daß sie mit HIT/CLOU, einem Textprogramm der InterFace AG, in etwa zehnmal schneller Briefe erstellen konnte als heute mit einem aktuellen „Word“. Unter Verwendung von etwa einem Tausendstel an Rechnerleistung, Hauptspeicher und Plattenspeicher.

Wir sind träge geworden, fett und degeneriert.

Tja, und es fehlt irgendwie der Spirit. Früher hatte ich Spaß an solchen „Nightflights“, genoß das beruhigende Rauschen der Lüfter und war mir vor allen Dingen sicher, ich würde den Job bis zum Termin hinbekommen.

Dadurch, daß ich überhaupt ein System einigermaßen überschauen kann, bin ich ja erst in der Lage, Verantwortung zu übernehmen.

Heute kann ich mir nicht mehr sicher sein, die Komplexität zu beherrschen. Und wenn ich in den letzten Tagen irgendwas verkackt habe, dann können am Donnerstag 200 Leute nicht arbeiten. Am Freitag auch nicht. Die Woche darauf auch nicht. Denn es sind weder Programme noch Daten da. Löhne und Gehälter funktionieren noch, das wird extern erledigt, aber ob sie auch bezahlt werden können, ist fraglich.

Und ich darf gleich unter die Brücke ziehen.

Und JA, es gibt eine ganze Menge Menschen, die auch jetzt viel wichtigere Dinge tun, beispielsweise eigentlich jeder Lokführer, der nicht, wie ich gerade, nur 200 Menschen „im Rücken“ hat, sondern 800. Oder die gestreßten Fahrdienstleiter, denen man kaputte Technik hinstellt, und die trotzdem jeden Tag mit höchster Verantwortung handeln müssen. Gemessen am Grad der Verantwortung relativiert sich übrigens auch die Bezahlung. Was hat denn beispielsweise ein Herr Mehdorn „verantwortet“?

In vielen Dingen sehe ich Roland als Vorbild, ich werde mich in den nächsten Jahren wieder mehr bewegen und den Adminjob, aus dem ein Drittel meines Arbeitsgebietes besteht, langsam aber sicher an den Nagel hängen. Denn der Job ist ermüdend, als Heranwachsender habe ich eine Formulierung von Günter Grass aufgeschnappt, „Ohnmacht erprobt an Gummiwänden“.

Meine Grüße gehen an alle Admins dieser Welt, die, ausgestattet mit Pizza, Cola, Junkfood und Zigaretten, unter hohem Risiko, mit unerbittlicher Deadline und schier unerträglichem Streß es doch immer wieder schaffen, daß ihr Unternehmen am ersten Arbeitstag wieder am Netz ist.

Hans Bonfigt

Über diesen Artikel habe ich mich so richtig gefreut. Lieber Hans, ich darf mich bei Ihnen ganz sehr bedanken.

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