Hans Bonfigt
Montag, der 2. November 2015

Drei glorreiche Halunken (I)

halunken

Mißerfolg ist planbar.

In loser Folge möchte ich drei ausgemachte Fußfesseln der deutschen Wirtschaft vorstellen, Kraken, die seit Inkrafttreten des Grundgesetzes nicht nur eine ganze Volkswirtschaft mit ihren Tentakeln befallen, sondern auch die Mehrzahl der Bürger dieses Landes in Geiselhaft genommen haben.

Und wenn man damit anfängt, beginnt man am besten mit der Institution, die Generationen von Hackern mit diesem Signet persifliert haben:

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Schon als kleiner Junge, in den frühen siebziger Jahren, konnte ich die Bundespost nicht verstehen: Zuhause hatten wir eine „richtige“ Telephonanlage mit sechs Nebenstellen. Jede konnte die öffentliche Vermittlungsstelle erreichen, mit Ausnahme der beiden Apparate, die sich in den Kinderzimmern befanden.

Mein eigentlich sehr liberaler Vater begründete das wie folgt: „Die Bundespost berechnet für jede amtsberechtigte Nebenstelle zehn Mark im Monat“. Nun war ein „eigenes“ Telephon unerhört prestigeträchtig und ich drängte darauf, daß es doch wenigstens möglich sein müsse, an uns Kinder externe Gespräche zu verbinden.

„Nun, dann wären eure Apparate ‚halbamtsberechtigt'“, erläuterte mein Vater, „und das kostet zwar nicht zehn, so aber doch immer noch fünf Mark im Monat“.  Das hat mich insofern schockiert, weil die Leistung der Post, nämlich die Bereitstellung eines analogen Telephonanschlusses am W-Amt, unabhängig war von der Anzahl der Nebenstellen.

Not macht unterdessen erfinderisch, jede SIEMENS-Telephonanlage verfügte inliegend über genaue Schaltungsbeschreibungen und meine kriminelle Karriere begann im Alter von 12 Jahren, indem ich die Anlage entsprechend meinen Wünschen manipulierte. Und, wie bei jeder ordentlichen ‚Backdoor‘, ist nicht die eigentliche Funktionalität entscheidend, sondern die Tarnung:

Das ‚Feature‘ Amtsberechtigung konnte man bedarfshalber abschalten.

Schwieriger war es schon mit unserem ersten Modem, 1976, welches mein Vater beruflich brauchte, um mit der DATEV zu kommunizieren. Das kostete schlappe 400 Mark — Miete im Monat. Das entsprach etwa einer Monatsmiete für eine Dreizimmerwohnung.

Als ich mit einem Partner dann zusammen unser erstes Büro einrichtete, lernten wir weitere interessante Schikanen kennen: Die „Bereitstellung“ des Gebührenimpulses kostete extra, obwohl amtsseitig extra ein Filter gesetzt werden mußte, um den Impuls zu blockieren.

Wir sollten zahlen für den Wegfall einer Komponente. Aber es ging weiter: Jede Telephonsteckdose (und davon hatten wir überreichlich) sollte jetzt kostenpflichtig sein!

Anrufbeantworter? Kostenpflichtig!

Rufnummerngeber?  Kostenpflichtig!

Nebenstellenanlage? Kostenpflichtiger Wartungsvertrag mußte nachgewiesen werden!

Unsere Telephonanlage kostete Anfang der 80er richtig viel Geld, wir haben, als kleines „Startup“, etwa 5.000 Mark berappen müssen. Die Telephonkosten waren der schiere Horror, insbesondere natürlich die Datenfernverarbeitung (damals noch mit serieller Schnittstelle, ohne IP). Interessanterweise kosteten Telephonate von den USA nach Deutschland nur einen Bruchteil dessen, was uns die Post für die Gegenrichtung abpreßte.

Mit dem Monopolangebot „Telephonie“ konnte die Bundespost Unternehmen aller Größenordnungen ausnehmen wie Weihnachtsgänse – und man konnte nichts dagegen tun.

„Wir brauchen bloß einmal tief einzuatmen, und der Markt ist leergefegt“, so ließ der (später wegen „wettbewerbswidriger Absprachen“ rechtskräftig verurteilte) Siemens-Vorstand Dieter von Sanden in Bezug auf seinen Wettbewerb verlauten. Und keiner wagte aufzumucken. Die Achse zwischen Postminister Kurt Dummle und Dieter von Sanden hielt ähnlich gut wie die zwischen Gerhard Schröder und Hartmut Mehdorn — und in beiden Fällen wurden auf der einen Seite Milliarden sinnlos verpulvert, während auf der anderen Seite eine ganze Republik lahmgelegt wurde.

Denn der erste Megaflop des Telekom-Vorgängers war keineswegs ISDN, sondern das „elektronische Wählsystem“ EWS.

Die Geschäftsführung von SIEMENS machte sich lustig über die „Digitalitis“ der amerikanischen Firmen und setzte darauf, die mechanischen Vermittlungsgestelle zwar zu ersetzen, die Analogübertragung über typischerweise zwei Doppeladern pro Verbindung zu erhalten. Hier hatten bereits Nachrichtentechniker im Hause SIEMENS nachdrücklich gewarnt, denn das bisherige „Analognetz“ hatte eine häßliche Eigenschaft, die es für die auch damals immer wichtiger werdende Datenübertragung völlig unbrauchbar machte: Pupinspulen.

Die nämlich sorgten dafür, daß die Ausbreitungsgeschwindigkeit der niederfrequenten Töne in Abhängigkeit von der Frequenz unterschiedlich war. Es mußte klar sein, daß mit Einführung dieses Systems die technologische Entwicklung in einem stark expandierenden Markt, der „Datenfernverarbeitung“, für Jahrzehnte zu Grabe getragen werden würde.  Aber wen interessierte das schon? Ganz sicherlich nicht den Postminister, der seine Aufgabe darin sah, seine qua Monopol geknebelten „Kunden“ maximal zur Ader zu lassen.

Da braucht man einen starken Komplizen.  SIEMENS und Telephonie, das waren Synonyma. Daß SEL ein marktreifes Alternativsystem im Angebot hatte, durfte da nicht interessieren. Also ließ Kurt Dummle SIEMENS machen und verkaufte schon mal einen großen Teil der Gebäude, in welchen die platzraubenden Ortsvermittlungsstellen untergebracht waren.

Nun wissen wir aus erster Hand von Roland, wie SIEMENS „Projektmanagement“ betrieb. Ich wette, es ist heute nicht anders as früher. Nämlich nach einem tollen Plan, wie ihn sich kein moderner „Solution Designer“ besser ausdenken hätte können:

Und danach sollte man innovative Software und Produkte entwickeln - ist doch irgendwie lächerlich.

Wenn man sich die Mühe macht, sich das Diagramm genau anzuschauen, dann erkennt man durchaus die Systematik, wie man sie sich in manchen Projekten wünscht. Nur: Dummerweise bleibt der wichtigste Aspekt außen vor.

Denn wenn die Grundidee ein Irrtum ist und man schon beim Prototyp konzeptionell nachbessern muß (es gab alsbald EWS/O und EWS/F), dann kann, auch bei penibelster Einhaltung aller Stufen und Phasen, nur Bullshit dabei herauskommen.  Ja, und so war es dann auch.

Ohne, daß irgendjemand es bemerkt hätte, verpulverten SIEMENS und das Postministerium zweistellige Milliardenbeträge. Denn stoppen konnte man die dysfunktionale Fehlgeburt natürlich nicht. Wo kämen wir denn da hin? SIEMENS und alle anderen „Amtbaufirmen“ wurden mit einer unerwarteten Konjunkturspritze verwöhnt, denn nun mußten, koste es was es wolle, bestehende Altinstallationen gegen die deutlich kompakteren, wenn auch freilich nach dem gleichen, jahrzehntealten elektromechanischen Prinzip arbeitenden EMD-Wähler getauscht werden.

Einen größeren Flop hatte es in der deutschen Technikgeschichte nie gegeben. Aber man hielt in bewährter Manier den Ball flach, man wollte schließlich keine Rufschädigung der deutschen Industrie riskieren — und vor allem: Man hatte ja den vielleicht nicht willigen, aber dafür um so willenloseren deutschen Michel, den man weit über die Schmerzgrenze hinaus nach Belieben zur Ader lassen konnte.

hb

P.S.
In der nächsten Folge:
Robert T. Online, ISDN und DSL:  Die  Degeneration entläßt ihre Kinder

3 Kommentare zu “Drei glorreiche Halunken (I)”

  1. IF-Blog: Drei glorreiche Halunken (I) | Jogis Warpsite (Dienstag, der 3. November 2015)

    […] Quelle: IF-Blog » Blog Archiv » Drei glorreiche Halunken (I) […]

  2. Jogi (Dienstag, der 3. November 2015)

    Wirklich geil! Ich habe so gelacht….

  3. rd (Mittwoch, der 4. November 2015)

    So kommen auch bei mir die Erinnerungen wieder:

    – Es gab da eine Zeit, da war dass Anschließen eines zweiten Telefons (einer amtsberechtigten Nebenstelle habe ich jetzt gelernt 🙂 ) so eine Art Volks-Kleinkriminalität.

    – Andere haben damals schon versucht, die allgemein zu hohen Telefonkosten zumindest an den Telefonzellen durch den Einsatz ausländischer Münzen zu reduzieren und so sich ihren Urlaub zurück zu finanzieren. Gerade die Frankreichurlauber waren führend und schmuggelten aus dem Land mit der immer schwächelnden Währung kleine Münzen (weiß nicht mehr ob es 10 oder 20 coin cent français waren) in großen Mengen durch die damals schon nachlässigen Grenzkontrollen. Diese Münzen gingen als Fuffzgerl bei den Münzautomaten perfekt durch. Und mir ist mal aufgefallen, dass an der Grenze zu Frankreich an manchen Münztelefonen der Einwurf fürs Fuffzgerl zugeschweißt war.

    – Und in der Leitung hat es auch öfters mal geknackt ;-(

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