Hans Bonfigt
Sonntag, der 21. August 2016

Ende mit Schrecken

Der Roland, zurecht, sagt ja immer, hier im Blog müsse das Positive überwiegen. Und er hat recht. Deswegen fange ich jetzt einmal mit etwas Positivem an.

Denn es gibt junge Leute, die sich eigenständig etwas erarbeiten, das nicht der Erzielung von Einkünften dient, sondern der Erforschung des Wesens der Dinge. Nehmen wir einmal den Herrn Warkus. Der, im Rahmen seines Philosophiestudiums in Marburg, hat die Arbeiten von C.S. Peirce, den „Digitalfritzen“ unter uns bekannt vom ‚Peirce-Operator‘, fortgeschrieben. Er spricht nicht mit mir, uns trennt ein Marianengraben an Gegensätzen, den man dahingehend abstrahieren kann, daß er Gerechtigkeit als hohes Gut erachtet, ich dagegen Ungerechtigkeit als notwendiges Übel.

Dennoch nehme ich mir die Freiheit, jemanden zu bewundern, der „über die Veränderung in Zeichen“ promoviert wurde. Er stellt das bisherige Paradigma von Veränderung, „eine Eigenschaft ist entfallen oder hinzugekommen“ infrage und kombiniert die Sichtweise von Peirce mit semiotischen Ansätzen: Wahrnehmungen werden von der Realität quasi gespiegelt, zum Beispiel die Farbe an einer Wand. Gleichzeitig werden aber auch Wahrnehmungstäuschungen ‚mitgespiegelt‘, zum Beispiel durch den Farbton der Beleuchtung. Das resultierende Ergebnis wird von uns sogleich perzipiert, quasi einem Bewertungsalgorithmus unterzogen. Interessant wäre es jetzt, zu postulieren, daß Veränderungen (nur) dann existieren, wenn sich die Perzeption ändert. Ganz herunterbanalisiert: „Das Wesen der Dinge ist ihr Schein“.

Das soll natürlich keine Zusammenfassung einer Arbeit sein, für die ein außergewöhnlich intelligenter Mann bestimmt zwei Jahre gebraucht hat. Der Ansatz ist interessant und die Begründung ebenfalls. Der praktische Nutzen dieser Arbeit unterdessen ist – ähm – mäßig.

Der Witz ist bekannt:
Schimpft der Dekan mit dem Leiter seines physikalischen Instituts: „Ja SPINNEN denn Sie? Schon wieder eine Viertelmillion Nachtragshaushalt für den neuen Strömungssimulator??? Wie gehen Sie denn mit dem Geld um? Sehen Sie sich einmal die mathematische Fakultät an: Die brauchen nur Bleistift, Papier und Papierkorb. Und die Philosophen erst: Die brauchen nur Bleistift und Papier!“.

Es wäre ganz schlimm, wenn es nicht Menschen wie den Herrn Warkus gäbe. Aber es gibt eine Menge Dampfplauderer und Möchtegerns, die in allen möglichen „Geisteswissenschaften“ promoviert werden. Da ist ja erstmal nix gegen zu sagen, aber dummerweise wollen die nach der Uni auch Geld verdienen. Möglicherweise sogar mehr als ein „einfacher“ Maurer.

Dann landen sie irgendwo in Unternehmen. Und treffen plötzlich Entscheidungen. Das Dumme ist nur, sie sehen die Welt als ihr kleines Modell, und es braucht auch nicht gegebenenfalls angepaßt werden, denn es muß richtig sein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Und so werden Entscheidungen nicht semiotisch sondern semi-idiotisch getroffen. Bis zum bitteren Ende.

Eine Groß- und Deutschbank betreibt nicht nur ein eigenes Rechenzentrum. Einer der beiden Server, welche einen Großteil von Deutschlands SEPA-Lastschriften abwickeln, steht „full serviced“ in einem externen Rechenzentrum. So, wie vermögende Leute die Ponys für die Töchter „im Vollberitt“ auf einem Pferdehof vollversorgen lassen, so wird dort der Server mit Daten, Strom und einer Wartungsmannschaft versorgt.

Und weil so viele gebildete Akademiker beteiligt sind, die noch nie so einen Rechner gesehen haben, gibt es definierte Schnittstellen und „SLA“s in hierarchischer Form:

Vertragspartner der Bank ist eine indische Firma. Die hat die Wartung des IBM-Rechners bei Hewlett-Packard in Auftrag gegeben. Hewlett-Packard hat zwar weder Ersatzteile noch Know-How, aber die Inder haben ja ein „SLA“, was kann das schon schiefgehen. Hewlett-Packard vergibt die Wartung weiter, an eine hessische Proletentruppe, die nicht einmal eine Klospülung würde reparieren können. Aber sie können ein „SLA“ schreiben.

Und nun passiert es:
Der seltene Fall tritt ein und der IBM-Mainframe fällt aus. Übrigens wegen einer Bagatelle. Über die „SLA-Kette“ gelangt die Proletentruppe zum Server und muß nun die Anweisungen aus Hinterindien ausführen, mit HP als „Relaisstation“. Der einzige, der Ahnung hat, kommt nicht zur Analyse, geschweige denn zur Entscheidung: Das arme Schwein muß alle 15 Minuten „Reports“ schreiben, und zwar an mehrere Stellen. Wenn er mit einer Welle Reports fertig ist, kann er gleich die nächste beginnen.

In Panik ruft der Chef der Proletentruppe einen IBM-Partner an, jener versucht verzweifelt einen AIX-Experten zu bekommen.

Als allerletzte Option (ich bin nicht bankkompatibel) werden wir involviert, denn schon nach dem dritten Tag kommt einer der Inder auf die Idee, daß es doch ganz schön wäre, wenn jemand dabei wäre, der so ein Ding vielleicht einmal einschalten kann (zugegebenermaßen nicht trivial bei IBM). Während der folgenden vier Tage werden, auf Anweisung aus Indien, die lustigsten Dinge getan, unter anderem wird eine baugleiche Maschine im Nachbarrack aufgebaut. Unser Job: Warten.

Jede mögliche einfache Lösung wurde „von oben“ verhindert.

Jeder noch so abstruse Ansatz wurde stattdessen verfolgt, Geld spielte auf einmal keine Rolle.

Bereitwillig angebotenes Fachwissen von Seiten des Endkunden wurde ignoriert oder zurückgewiesen.

Und so endete ein Einsatz in einer peinlichen Katastrophe:

Jemand bei der Bank, ohne akademische Bildung, aber mit dickem Scheckbuch, rief bei IBM an.  Und weil der Scheck hoch war, ließ sich IBM nicht lange lumpen. Per Anordnung: KONTAKTSPERRE für uns mit dem IBM-Mitarbeiter. Naja, beim Frühstück in der Cafeteria haben wir uns dann doch kurz unterhalten: Ein banaler Ausfall eines VRM im primären CEC, das hätte jeder leicht sehen können, dem erlaubt worden wäre, das Ding aufzuschrauben und nachzugucken. Das passende Ersatzteil kam dann drei Stunden später.

Zwei Tage wurden unterdessen benötigt, das von der Proletentruppe auf Anweisung aus Indien verursachte Schlachtfeld zu beseitigen.

Und nun frage ich mich, was wohl passiert wäre, wenn es den Hauptserver erwischt hätte anstatt wie in unserem Fall den Backup-Server. Höchstwahrscheinlich wären noch mehr Parteien involviert worden, die noch mehr Bullshit verzapft hätten. Und Deutschland wäre zwei Wochen ohne Zahlungsverkehr geblieben.

Irgendein konservativer (eher reaktionärer) Kunde meinte einmal zu mir, „wenn fremde Leute mit fremdem Geld fachfremde Sachen tun, dann kannst Du dein Unternehmen beerdigen“.

Wohl wahr!

-hb

9 Kommentare zu “Ende mit Schrecken”

  1. db (Dienstag, der 23. August 2016)

    Das ist doch nicht Ihr Ernst… da wird einem ja Angst und bange!

    Wobei SLAs im Grunde für ebenjene Bank eh überflüssig sind. Ein Wirtschaftsinformatiker hat mir mal gezwitschert, dass diese in nur etwa 4h insolvent wäre, wenn ihr SAP-System ausfiele; solche Risiken sind – ebenso wie AKW – nicht versicherbar.
    Auffangen müsste und könnte eh nur der Steuerzahler.

    Auf Seiten des Wartungsunternehmens das selbe: man hofft auf’s Beste, fantasiert sich Zuverlässigkeits-9en zusammen, ob deren Realitätsferne jeder technisch versierte Mensch nur noch lachend mit dem Kopf schütteln kann, und kassiert mit jeder 9 nochmal mehr ein.

    Wenn’s schief geht, geht’s eben schief – die Gewinne sind bereits ausgeschüttet, und ein Nachfolgeunternehmen ist schnell gegründet.

    Danke für den Artikel!

    db

  2. db (Dienstag, der 23. August 2016)

    Ach ja, eine Nachfrage noch: welchen tieferen Sinn hatte die Kontaktsperre zum Techniker von Mama Blue?

    Beste Grüße,

    db

  3. rd (Donnerstag, der 25. August 2016)

    Lieber Hans, der Artikel gefällt mir, das Beschriebene kommt mir bekannt vor.

    Nur die Überschrift verstehe ich nicht 🙂

    Müsste es nicht eher heißen „Schrecken ohne Ende mal wieder mit Happy End zwischendurch“?

    Ähnliche Strukturen bzw. Situationen die ich erlebte, haben in der Regel zu einer wesentlichen Verschlimm-Besserung geführt.

    So kenne ich einen Fall, wo anschließend eine neue Abteilung gegründet wurde, die dann die Aufgabe hatte, zentral für Europa die schon vorhandenen Kontroll-Abteilungen zu kontrollieren.

    In einem anderen Falle wurden die Prozesse so eng gezogen, dass das Wort von der „Entmündigungs-“ oder „Erniedrigungs-Bürokratie“ eine neue Qualität bekam.

    Ich kenne aber auch harmlosere Fälle, in denen das IS0 – Orgahandbuch nur um ein paar Seiten erweitert wurde 🙂

  4. Hans Bonfigt (Freitag, der 26. August 2016)

    db und rd:
    Ja, warum „Kontaktsperre“?
    Meine erste Vermutung war, daß sich die ursprünglich eingesetzte Quadriga nicht blamieren wollte.
    Aber das kann nicht sein, denn in ihrer unglaublichen Borniertheit erkennen die neuen „Führungskräfte“ nicht einmal dann ihr eigenes Versagen, wenn es über ihnen zusammenbricht.

    Die Lösung ist viel einfacher: IBM wollte sichergestellt wissen, daß kein „Know How“ herausgegeben wird.
    Und das ist dann wirklich der Untergang des kultivierten Abendlandes.

    Lieber Roland, wäre dann auch der Titel des Artikels klar?

  5. rd (Freitag, der 26. August 2016)

    OK 🙂

  6. Chris Wood (Montag, der 29. August 2016)

    What is an „SLA“?

  7. rd (Montag, der 29. August 2016)

    SLA = „Service Level Agreement“

  8. Chris Wood (Dienstag, der 30. August 2016)

    Level of what? Do agreements have levels?
    What other levels are possible?

  9. rd (Dienstag, der 30. August 2016)

    Level of Service. The higher the more expensive … 🙂

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