Hans Bonfigt
Freitag, der 17. Februar 2017

Etwas außerhalb der Legalität

Dieser Artikel ist entstanden aus einer Diskussion mit dem geistigen Vater dieses Blogs, des Inhaltes, was man schreiben dürfe und was nicht, wie man Toleranz pflegen sollte und daß es auch mehr Gutes geben müsse im iF-Blog. Eine üble Grippe kuriere ich augenblicklich in einer Art realitätsentrückten Tagtraums aus, in den „dunklen“ Momenten kommt mir das bekannte Keuner-Gedicht mit den „Maßnahmen gegen die Gewalt“ in den Sinn. In den „hellen“ Momenten eine Geschichte aus meiner Schulzeit, welche ich als 16jähriger erlebt habe.

Als Junge nimmt man manche Dinge sehr ernst und ich war stolz auf unser Grundgesetz und darauf, daß sich die wesentlichen Menschenrechte an ganz prominenter Stelle dieses Grundgesetzes befanden. Ich habe an das Gute im Menschen geglaubt. Ich habe auch geglaubt, daß dieses Grundgesetz nicht nur mir, sondern auch vielen anderen Mitbürgern wichtig wäre. Politisch hielt ich mich eher zurück, privat beschäftigte ich mich mit Elektrotechnik und Beethoven. Die Rezeption diverser Sonaten fand ich viel interessanter als irgendwelche Befreiungsfronten in Zinbabwe und was sonst noch so los war während dieser Zeit.

Nun begab es sich aber, daß der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer Trauerrede mitteilte, mit dem Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback sei nicht nur dessen Person, sondern unser ganzes Rechtssystem angegriffen worden. Und wir, die Schüler, sollten jetzt in einem Gesinnungsaufsatz darlegen, was Schmidt damit gemeint haben könnte.

Es waren nur wenige Monate vergangen, daß sich Buback dahingehend über die „Terroristen“ geäußert hatte, daß diese sich dadurch, daß sie die Rechtsordnung angreifen würden, des Schutzes durch eben diese Rechtsordnung in Form eines rechtsstaatlichen Prozesses begeben würden, „da sage ich ganz klar nein“. Eines der höchsten Organe staatlicher Rechtspflege also stellte Angeklagte außerhalb unserer Rechtsordnung. Das hatte mich seinerzeit sehr verstört. Daß Strauß ab und zu einmal über die Stränge schlug, war ja bekannt, aber ein Generalbundesanwalt?

Der geneigte Leser mag einem 16jährigen Buben die schlimmen Gedanken verzeihen, aber ich schrieb sinngemäß ins Schulheft,

  • Fall 1:  Buback hat recht und die „Terroristen“ stehen außerhalb unserer Rechtsordnung, dann können sie aber nicht nach dieser verurteilt werden – nonnulla poena sine lege.
  • Fall 2: Buback hat nicht recht. Dann aber sind es nicht die „Terroristen“, die unsere Rechtsordnung angreifen, sondern es ist der Generalbundesanwalt. Und gegen solche Menschen darf jeder vorgehen, wenn andere Mittel nicht gegeben sind:  Aus Artikel 20 GG wäre die Beseitigung Bubacks legitimiert.

In der Zusammenfassung entschied ich mich für die zweite Variante und faßte zusammen, durch die Beseitigung Bubacks sei unser Rechtssystem wohl eher geläutert denn geschwächt worden – er sei als alter Nazi ohnehin eine Fehlbesetzung gewesen.

Tja, ich dachte mir noch, „wenn Du das jetzt abgibst, gibt es Ärger“. Aber irgendwie überwog das jugendliche Interesse daran, herauszufinden, wie weit man zu weit gehen kann.

Schon am nächsten Tag wurde ich aus der Klasse geholt und für den Rest der Woche suspendiert und mein armer Vater, zu allem Überfluß im CDU-Ortsverband tätig, durfte zum Direktor, einem unangenehmen SPD-Bonzen.  Dieser forderte, daß ich mich vor der gesamten Klasse entschuldigen müsse. Mein alter Herr erklärte, das müsse er, der Direktor, wohl mit mir selber ausmachen, denn er wolle keinen Arschkriecher heranziehen, dazu gebe es ja schon die SPD.

Ich selbst wurde gar nicht gefragt, aber sowohl mein Latein- als auch mein Deutschlehrer, mit denen ich sehr gut zurechtkam, traten privatissimo an mich heran, jeder mit der Aussage, „Hans, ich bin sehr enttäuscht von Dir. Denn Du legitimierst Mörder. Und Du bringst mich in Schwierigkeiten.“. Das hat mich schon sehr belastet – nein, getroffen. Mitschüler, auch außerhalb meines Jahrgangs, gingen mir aus dem Weg. Man muß sich die damalige Angststimmung im „Deutschen Herbst“ vergegenwärtigen.

Im Rahmen einer Lehrerkonferenz wurde beschlossen, daß mir ein Tadel ausgsprochen werde, ich aber an der Schule verbleiben dürfe.

Und jetzt drehen wir die Uhr 25 Jahre weiter und ein Zufall will es, daß ich mit meinem alten Lateinlehrer am Tisch sitze. Und erfahre, fassungslos:

Alle „fortschrittlichen Junglehrer“ waren seinerzeit dafür, mich von der Schule zu schmeißen, bloß nicht die beiden erzkonservativen, prominent im Philologenverband aktiven Latein- und Deutschlehrer. Und die beiden stritten über eine Stunde mit dem Kollegen darüber, daß Meinungsfreiheit eben auch Meinungsfreiheit von Andersdenkenden sei und daß vor allem eine Schule, die Demokratie vermitteln solle, einen Diskurs aushalten müsse, der die Grenze zur Legalität streife.

Wirklich zu würdigen vermag ich diese Haltung erst dieser Tage: Gerade der Lateinlehrer, Golo-Mann – Stammleser, großer Verehrer von F.J. Strauß, hat jemenden verteidigt, der aggressiv, mit einer gewissen Öffentlichkeitswirkung und elementar gegen das eigene Weltbild getreten hat.

Wenn es heute jemand wagt, eine abweichende Meinung beispielsweise zum Thema „Asylpolitik“ kundzutun, wird er von unserer gleichgeschalteten ‚Konsensgesellschaft‘ als „Rassist“, „Faschist“ und wie auch immer verschrieen und ausgegrenzt.

Lieber Günter Selvers, es hat viele Jahre gedauert, aber ich ziehe den Hut vor Ihnen.

Denn wir brauchen mehr Menschen wie Sie, die nicht andere pauschal verurteilen, weil sie nicht die „richtige“ stromlinienförmige Meinung vertreten – auch wenn es gegen die eigene Grundüberzeugung geht.

Denn die wirkliche Toleranz ist die, die Intoleranz toleriert.

-hb

2 Kommentare zu “Etwas außerhalb der Legalität”

  1. Chris Wood (Montag, der 20. Februar 2017)

    Of course, we can almost all agree about the stupidity of thinking to expel a schoolboy for writing this unorthodox essay. But I wish to add a few comments.
    The essay subject was badly chosen.
    „was Schmidt damit gemeint haben könnte “.
    I assume the teacher meant:-
    „was Schmidt damit gemeint hat “.
    The subjunctive mood is often used inappropriately in German, as it was in England 150+ years ago. It is interesting to consider what an obscure poem could mean. But with Schmidt or any other serious politician, what he did mean is interesting, and should be taken seriously.
    Being uncreative, I would have written that Buback’s job put him in the judicial structure of the state, of which a small, but significant piece was thus being attacked.
    But Hans wanted to be clever and pedantic. He took the chosen essay subject at face value. In this spirit, given enough time, I would have written several possible meanings. The above meaning would perhaps have been the first. It assumes that Schmidt was a nice man, who told the truth as he saw it, (and was reasonable). He disliked murder. His concept of the judicial system was much wider than the constitution. The constitution is anyway vague and not to be taken too seriously. The state is not entirely secular. What is this “Würde” that everybody should have, and that should not be touched? To exactly whom does it apply?
    Then come Hans’ two cases, but modified. A clever pedant should recognise that only Schmidt’s words are directly relevant. He might agree or disagree with what Buback had said, or perhaps he had forgotten it. He did not refer to it.
    There are a few other aspects of German that I find inappropriate. Often “nicht befor” is used, where the “nicht” just confuses. Czech, Slovak, French and sometimes German use double negatives for emphasis. English recognises that two negatives make a positive. (But perhaps my German is too bad for me to comment. Please correct me).

  2. Hans Bonfigt (Donnerstag, der 23. Februar 2017)

    @Chris Wood:
    The essay suject given was „was Schmidt geneint hat“ and not, „was Schmidt gemeint haben könnte“.

    One of the distinguished, not to say exclusively distinguished characteristics of Helmut Schmidt was:
    He meant, what he meant.

    So the essay was comletely unnecessary. And it was not our teacher’s idea, but from the central school department.
    I did not like these ‚essays of confession‘ and so, as a boy of 16, I clearly tried to write the opposite to what was expected.

    So you’re completely right: A clever teacher should have written, „You missed the Point – you shoud have examined Schmidt’s words and not Buback’s.

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