Hans Bonfigt
Mittwoch, der 1. Januar 2020

Hetze, Hetze, NEUE GESETZE

Es stimmt schon, „SPIEGEL“ – Leser wissen mehr.  Aber ist dieses „Mehr“ geeignet für einen schönen Jahresanfang ?  Wenn sich Roland über zu viel Verkehr aufregt:  Mir schnüren die neuen Reichsermächtigungsgesetze buchstäblich die Luft ab.  Hätte ich den SPIEGEL doch ‚mal liegengelassen:

Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung: „Wir können es als Gesellschaft doch in keiner Weise hinnehmen, dass ein jüdischer Künstler Morddrohungen bekommt“

Hallo ?  Jemand zuhause ?   Können „wir es als Gesellschaft“ denn in irgendeinerweise hinnehmen, daß ein nichtjüdischer Künstler Morddrohungen bekommt ?   Können „wir es als Gesellschaft“ überhaupt hinnehmen, daß irgendjemand Morddrohungen bekommt ?   Können Sie sich vorstellen, daß dieser Mann die Jura studiert hat ?   Und, mit dieser Sachkunde gesegnet, bedauert der „Diplomat“, daß ein Brief keine Volksverhetzung sein kann und möchte das jetzt ändern.

Was war aber passiert?

Der Pianist Igor Levit wäre gut beraten, wenn er nicht immer öfter die Klaviertastatur gegen das „Twitter-Keyboard“ tauschen würde.  Bislang das entsetzlichste Werk, wenigstens wüßte ich nicht, was man schlimmeres sagen könnte:   „Mitglieder der ‚AfD‘ haben ihr Menschsein verwirkt“.   Wohlgemerkt:  Nicht ihre „Menschlichkeit“, sondern ihr „Menschsein“.  Anderen Menschen das Menschsein abzusprechen — damit hat sich ein törichter junger Mann zur Kenntlichkeit entstellt:  „Ich bin der neue Botschafter von Heinrich Himmler“.

Mit 28 Jahren ist man nicht erwachsen, und schon gar nicht, wenn man sich den überwiegenden Teil seines Lebens intensiv mit Musik beschäftigt hat.   Aber mit dieser Äußerung öffnet Levit eine Luke zu seinem Gehirn, und dort sieht es furchtbar aus.   Wenn er geschrieben hätte, „Diese Drecksäcke gehören erschossen“, dann hätte man das, insbesondere mit Bezug auf die gröhlenden „Pegidisten“, gerne hingenommen.  Manchmal muß man sich einfach Luft machen.   Aber diese Formulierung,  „Menschsein verwirkt“,  das entspringt entweder eigener Reflektion oder aber einer mehrstündigen „Alfred Rosenberg“ – Lektüre.  Und letzteres können wir wohl ausschließen.

Und nun wundert sich Igor Levit, daß er eine „Morddrohung“ bekommen hat ?   Klar, für die Diabelli-Variationen interessiert sich (leider) niemand mehr und auch die „Einspielung“ aller 32 Klaviersonaten von Beethoven haut jetzt niemanden mehr vom Hocker.   Nehmen wir einmal Wilhelm Kempff oder Wilhelm Backhaus, oder, etwas ‚moderner‘, Daniel Barenboim (mein Favorit) und Friedrich Gulda, oder, noch moderner, die beiden jungen Frauen Pacini und Ott.   Wobei es Alice Sara Ott ganz langsam hat angehen lassen und erst einmal mit der Waldstein-Sonate begann.  Den 2. Satz hat sie ganz anders gespielt als z.B. Pletnew oder Barenboim, nicht flüssig, sondern sozusagen „auseinandergezogen“.  Das fand ich zunächst langweilig, erst nach mehrfachem Hören ist mir die Intention dahinter aufgegangen.  Sie hat die Musik analysiert und strukturiert.  Mit der Folge, daß ich mittlerweile Details bemerke, die mir in 40 Jahren nicht aufgefallen sind.

Worauf ich hinauswill:   Man kann sich stunden- und tagelang mit einer einzigen Beethoven-Sonate beschäftigen, ein weltbekannter Pianist soll einmal gesagt haben, „Ich spiele eigentlich jeden Tag einmal den Anfang von Beethovens 4. Klavierkonzert, aber zufrieden war ich eigentlich nie mit dem Ergebnis“.   Ein „Overkill“ mit 32 Sonaten scheint mir in ein unmusikalisches Sportevent auszuarten.  Nur weil die „Therme Erding“ 32 Saunen hat, mache ich doch nicht 32 Aufgüsse mit.

Ob sich Igor Levit nur zeitgemäß profilieren wollte oder ob er tatsächlich eine „Morddrohung“ bekommen hat:   Womöglich bekam er die wegen seiner menschverachtenden Äußerungen in der weltgrößten Kloake, in der sich nun wirklich jeder Abschaum suhlt:  ‚TWITTER‘.   Wer dort teilnimmt, muß mit allem rechnen.   Wer einer nicht ganz kleinen Gruppe von Menschen das Recht, als Menschen zu leben, abspricht, indem er sie quasi als „unwertes Leben“ bezeichnet  –  denn was anderes soll ein Mensch sein, der sein „Menschsein verwirkt“ hat — der muß sich doch nicht wirklich wundern, wenn der dumme Pöbel jetzt lynchen will.    Oder hochentzückt akklamiert.   Und letzteres ist eigentlich noch schlimmer.

Richtig widerlich wird es, wenn Igor Levit jetzt auch noch die Antisemitismus-Keule herausholt, und zwar die Keule des „systematischen Antisemitismus‘“ in der Bundesrepublik.   Ich lebe hier jetzt seit fast 60 Jahren.  Unsere Gesellschaft ist im praktizierten Miteinander zwischen Juden und Christen viel, viel weiter als die Politik und die Medienlandschaft.  Natürlich gibt es geistige Brandstifter wie den greisen Martin Walser, der einmal in seinem Leben auch in die „BILD“-Zeitung kommen wollte und von der „Instrumentalisierung unserer Schande“ schwadronierte, was dann viele Altnazis auf den Plan rief, die fortan von „Schuldkultur“ sprachen.   Aber insgesamt finde ich es erfreulich, wie ungezwungen und ’normal‘ Menschen in Zeitalter des ‚atheismus practicus‘ miteinander umgehen.  Religion wird nicht mehr so wichtig genommen, entsprechend gering ist das Konfliktpotential.   Mit einer Ausnahme, aber der Islam resp. was man daraus macht ist eher eine Seuche denn eine Religion.

Menschen wie Igor Levit zündeln, aus welcher Motivation heraus auch immer, an der Substanz, die wir im täglichen Zusammenleben erschaffen haben.

Wir brauchen mehr Musiker und Menschen wie Daniel Barenboim und Giora Feidmann, die sich ein Leben lang um Aussöhnung und Miteinander von Kulturen bemühen.  Denn, so haben sich die beiden oft explizit geäußert, das sei ein ganz wichtiger Aspekt von Musik.

 

Ganz bestimmt brauchen wir aber keine kläffenden kleinen Köter, die neue Gesetze entwerfen, die das Bundesverfassungsgericht sowieso wieder einkassieren wird.

-hb

p.s.:

Die „Diabelli-Variationen“ waren ursprünglich ein „Song Contest“.  Der Impressario Diabelli gab ein Thema vor, das bekannte österreichische Komponisten variieren sollten.

Natürlich zierten sich einige, namentlich Liszt, aber den Vogel schoß wohl Beethoven ab, der fünf Jahre nach „Einsendeschluß“ ein ganzes Konvolut von über 30 Varianten ablieferte.  Er wollte es den Kollegen und dem geneigten Publikum nochmal zeigen und in der Tat:  Diabelli gab dieses Werk gesondert „außer Konkurrenz“ als eigenen Band heraus.  Mehr kann ich dazu nicht sagen, das Werk erschließt sich mir nicht.

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