Hans Bonfigt
Freitag, der 22. September 2017

Krampfhennenreport #1: VerbraucherschützerInnen

Da fragt der geschätzte Chris Wood nach, sinngemäß, „Mit welcher Motivation schreiben Sie im iF-Blog?“.

Nun ja, vor längerer Zeit habe ich hier ein Zitat von Rupert Lay gelesen, „wir leben in der Zeit des unverantworteten Geschwätzes“. Das ist deswegen so relevant und in seinen Auswirkungen schlimm, weil Internet-Medien das „unverantwortete Geschwätz“ annähernd mit Lichtgeschwindigkeit verbreiten.

Schlimmer noch: Weil ein Schwätzer vom anderen abschreibt und gleichzeitig eigenen Unsinn ergänzt, potenziert sich der Schwachsinn.

In lockerer Folge möchte ich einige Beispiele für inkompetenten Dünnschiß aufzeigen, der eine ursprüngliche gute Absicht übel pervertiert und gleichzeitig Verwirrung stiftet, damit Betrug und Mißwirtschaft schön im Nebel bleiben.

Gleichzeitig behandle ich nur Themen, von denen ich etwas verstehe, sprich: Mit denen ich mich seit mindestens 20 Jahren beruflich befasse.

Beginnen wir mit dem Verbraucherschutz.

„Die einzige Kamera, die ‚was taucht“, mit diesem Slogan bewarb Minolta einst eine wasserfeste Hobbykamera. Der Verbraucherschützer wollte den armen Konsumenten vor dem bösen Hersteller schützen und klagte: „Beim flüchtigen Lesen hat der Verbraucher den Eindruck, daß alle anderen Kameras nichts taugen würden“. Nee, schon klar. Eine Spaß-Knipse für 49,90 taugt als einzige etwas, die Leica M6 ist Sondermüll. Da muß unbedingt ein Gerichtsverfahren publikumswirksam ausgefochten werden. Das Gericht erkannte nicht, durch welchen Kakao es da gezogen wurde und gab den Krampfhennen auch noch recht.

Auf der anderen Seite ärgere ich mich im Supermarkt immer wieder darüber, daß bei Batterien nie eine Kapazität draufsteht. Bei Zucker, Bier, Haferflocken oder auch bei Akkus: Der Inhalt in Gramm, Liter oder Ampèrestunden steht drauf. Bloß nicht bei Batterieen. Wie soll ich da eine Preis / Leistungsabschätzung treffen? Den Verbraucherschutz interessiert das einen feuchten Kehricht, dafür werden Lobbyisten schon gesorgt haben.

Wie Krampfhennen vom Verbraucherschutz lächerliche Randprobleme aufblasen und damit von den wirklich üblen Umständen ablenken, sehen wir besonders gut am Beispiel von Lina Ehrig:

Hier werden Sie gerettet!

Und sie bringt auch gleich die ganz großen Skandale mit, denn, „Das deutsche Erfolgsrezept zum einfachen Wechsel von Telefon- und Internetanbietern hängt am seidenen Faden„, au weia! Die schlimme Folge:  „EU erschwert Telefonanbieterwechsel – für immer Telekom?“ …

Sehen wir uns doch einmal die skandalösen Verschlechterungen an:

Beim Wechsel eines Telephonanbieters muß dieser nicht innerhalb eines Tages, sondern am nächsten Werktag vollzogen sein. Unsere Telekom braucht für den „Wechsel“ von ISDN zu VoIP auch schon mal 14 Tage. Beim geschäftlich alleinig genutzten Anschluß einer Hamburger Werbeagentur, wohlgemerkt. Eine ähnliche Katastrophe hatten wir kürzlich bei einer Hausverwaltungsgesellschaft, die auch tagelang unerreichbar war.

Für die Privatperson, die ja grundsätzlich kein Mobiltelephon hat, ist das eine Katastrophe! Und die lieben Kleinen können eventuell einen oder zwei Tage keinen „Bushido-Rap“ „streamen“! Ein unersetzlicher Verlust für die kindliche Entwicklung!

„Die Vertragslaufzeit beginnt von neuem“. Die Dame hat Jura studiert, wohlgemerkt. Wieso, zum Teufel, sollte bei einem neuen Vertrag die Vertragslaufzeit nicht neu beginnen? Was glaubt Frau Juristin eigentlich, wie hoch teilweise die Kosten sind für die Anlage beispielsweise eines neuen Kabelanschlusses? Irgendwie muß ein Provider doch seine Investition absichern.

Das war’s auch schon, was die Juristin auf der Erbse bemängelt und die Conclusio kann sich sehen lassen: „Jetzt nimmt [die Bundesregierung] die Aushöhlung der Verbraucherrechte und Absenkung des Schutzniveaus billigend in Kauf„.

Bereits die Formulierung entlarvt das unterirdische Gaga-Niveau: Man kann etwas billigen, dann ist man damit einverstanden und zufrieden. Man kann etwas in Kauf nehmen, dann ist man nicht damit einverstanden und schon gar nicht zufrieden, sondern toleriert es, um in einer anderen Sache einen Nutzen zu erlangen. Man kann aber ganz sicherlich nicht etwas „billigend in Kauf nehmen“, das ist eine contradictio in adiecto. Naja, iustitia non calculat und Fermat ist lange tot.

Kommen wir zur Wahrheit

Es verschlechtert sich nichts durch einen neuen EU-Kodex, denn unsere Bundesregierung hat in Zusammenarbeit mit der Telekom das Pessimum bereits erreicht.

Denn weil die Telekom wettbewerbswidrig jeden privat genutzten Internetzugang mit einem Telephonieangebot bündelt, kann sich kein Verbraucher wirklich frei für einen alternativen Anbieter entscheiden. Täte er das, beispielsweise für einen seriösen, kompetenten Provider wie QSC oder Sipgate, dann läge die zwangsweise „gebündelte“ Telephonie brach, es müßte also doppelt gezahlt werden. Gleichzeitig sitzt die Telekom auf der Rufnummer wie die Glucke auf dem Ei, in der Regel muß man sich die Rufnummer „freiklagen“. Das tut aber kaum jemand. „Gebündelte“ Angebote sind aber selbst dann wettbewerbswidrig, wenn ein Hersteller ein Zusatzprodukt verschenkt, siehe beispielsweise die EU-Auseinandersetzungen um die kostenlose Beigabe des „Internet Explorers“ zu „Microsoft Windows“.

Hier hat der Verbraucherschutz auf der ganzen Linie erbärmlich versagt! Er muß sich vorwerfen lassen, entweder brunzdumm zu sein oder aber umfassend von Lobbyisten geschmiert.

Die Bundesregierung hat, während die Bundeskanzlerin die Bevölkerung dreist belog, dafür gesorgt, daß die Netzneutralität auf der letzten Meile gekippt wurde. Wenn man sich als Anbieter bestimmten Telekom-Angeboten anschließt, belastet die Telekom beim Datentransfer auf Mobilgeräte das gebuchte Volumenbudget nicht. Damit werden diese Anbieter unangemessen bevorzugt und die „kleinen“ haben wieder keine Chance. Die Holländer haben das vorausgesehen und solche gefährlichen Blockaden gesetzlich verhindert — nur, leider:  Aufgrund der neuen EU-Richtlinie, die unter der Ägide „Oettinger“ auf Wunsch der „Kanzlerin“ entstand, müssen die Niederlande dieses urdemokratische Gesetz, welches ein wichtiger Garant für Informationsfreiheit ist, zurücknehmen.  Dank der, wie sagt Roland immer, „ComEUcon“.

Mit der Nebelkerze „Vectoring“ hat die Bundesnetzagentur übrigens die Konservierung der teilweise 100 Jahre alten sog. „Hauptkabel“ zementiert und damit die Netzanbindung „in der Fläche“ um Jahrzehnte zurückgeworfen. Soviel zum unsäglich albernen Schlagwort „Digitalisierung“.

Fassen wir zusammen: Vielfach überbezahlte Juristinnen der „Verbraucherschutzberatung“ spüren einen lebensgefährlichen Kratzer am Knie auf und übersehen dabei den Krebstumor und die Lungenentzündung. Und keinem fällt auf, daß man besser keine Juristen als Arzt beschäftigen sollte.

(hb)

3 Kommentare zu “Krampfhennenreport #1: VerbraucherschützerInnen”

  1. rd (Sonntag, der 24. September 2017)

    Lieber Hans, ich nehme wahr, dass auch dieser Titel ein wenig ihren Ärger über eigentlich unwichtige Missstände widergibt.

    Zwei Anmerkungen seien mir gestattet.

    🙂 Politisch und gendermäßig korrekt müssten Sie
    Krampfhenn*innenreport oder ähnlich schreiben, denn diese Typen gibt es ja männlich wie weiblich.

    Ihren Ärger würde ich verstehen, wenn ich bei den Beschuldigten eine böse Absicht erkennen würden. Die wollen aber such nur ihr Geld verdienten (so wie die meisten Hunde auch nur spielen wollen). Der Rest ist Dummheit – und sich über Dummheit zu ärgern ist das dümmste was man machen kann. Sogar die zweifelfrei bei jedem von uns vorhandene „eigene Dummheit“ ist kein Grund um sich zu ärgern, weil Dummheit ein Teil des Menschseins ist.

    Solange man lebt, solange bleibt man dumm! 🙂

  2. Hans Bonfigt (Sonntag, der 24. September 2017)

    Lieber Roland,
    das ist zwar sehr philosophisch, aber ich glaube, daß man das Bewußtsein seiner Mitmenschen ändern kann.

    Klar will die Dame „auch nur Geld verdienen“, aber ver_dienen_ impliziert doch auch, daß man auch ein kleines bißchen an die Gemeinschaft dafür zurückgibt.
    „nur Geld verdienen“ im Sinne von Frau Sylvana Koch-Mehrin ist gesellschaftsschädlich.

    Weil es auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung passiert.

    Die Konsequenzen daraus konnten wir heute abend zur Kenntnis nehmen.

    Brexit, Trump und den erdrutschartigen Zugewinn der „AfD“ muß man in einem gewissen Zusammenhang sehen.

  3. rd (Montag, der 25. September 2017)

    Lieber Hans,
    das bedeutet, dass Sie für eine am Gemeinwohl orientierte Ökonomie sind, so wie sie ja auch in der Bayerischen Verfassung als Grundsatz eingefordert wird.
    Da sehe ich an allen Ecken und Enden ein viel schlimmeres und fürs Gemeinwohl schädlicheres Treiben, zum Teil durch mächtige Konzerne und sogar unterstützt durch die Gesetzeslage bzw. vieler Änderungen derselbigen in den letzten 50 Jahren. So erscheint mir der von Ihnen beschriebenen Fall ziemlich unbedeutend.

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