Hans Bonfigt
Donnerstag, der 28. November 2019

Zum Abgrund hin im Gänsetrott, Folge 1337

„Studierendenzahl erreicht neuen Rekordwert“

Herzlichen Glückwunsch, liebe SPIEGEL – Redaktion!

Das Weglassen des bestimmten Artikels gibt der ‚Headline‘ einen dynamisch-modernen Schmiß, aber, liebe Redaktion:

Ist ein „Rekordwert“, also ein bislang nie erreichter, nicht zwangsweise neu?

Und was ist eine „Studierendenzahl“? Die typische Glückszahl eines Astrologiestudenten? Oder war dann doch „Studierendenanzahl“ gemeint?

Und was ist eigentlich ein „Studierender“? Das deutsche ‚present participle‘, ich schreibe ja mitten aus dessen ursprünglichem Habitat, hat die Form „am tun sein“, also, „ich bin am studieren“ oder „ich bin da ‚was am Planen dran“.
Die lateinische Form für ‚der / die / das Studierende‘ ist, ganz nebenher, ’studens‘, mit dem Plural ’studentes‘. Und davon abgeleitet ist das deutsche ‚Studenten‘.
Wir haben hier also bereits einen wunderbar „genderneutralen“ Begriff, der auch Personen mit „nicht-binären“ Einbildungen umfaßt.
Und ich frage mich: Nachdem sich nun bundesweit sämtliche „Studentenwerke“ in „Studierendenwerke“ mit Millionenaufwand haben umbenennen lassen — hätte man nicht vorher jemanden fragen können, der sich mit sowas auskennt?
„Studierender“ ist ein sprachlich genauso verschwurbelter Kappes wie „People of Colour“.

Tja, lieber Spiegel: Mit einer aus vier Wörtern bestehenden bestehenden Schlagzeile greift ihr vier Mal ins linguistische Klo.

Aber keine Sorge: Ihr seid ja nicht allein mit eurem krampfhaft-peinlichen Sprachgepansche. Jetzt werde ich auf ein brandneues Schulbuch aufmerksam gemacht, Infinitesimalrechnung für Gesamtschulen:
Auf dem Titel sieht man zwei juvenile Kletterer, die eine Art „Gipfel“ erkraxelt haben und gegeneinander mit der „High Five“ – Geste abklatschen. Ungesichert, natürlich.
Der Hinweis kommt von einem erzreaktionären Mathematiker,  schön zu lesen.
Voller Scham räume ich ein: Die dicksten Fehler habe ich übersehen. Aber ein zitiertes „Highlight“ wirkte auf mich wie ein Schlag in die Magengrube:

„Als Ableitung bezeichnet man den Grenzwert des Differentialquotienten“

Heilige Scheiße! Da hat frau aber wieder einmal elementare – und elementar wichtige – Grundlagen nicht verstanden. Dagegen ist ja erstmal nix einzuwenden; wie genial das Newtonsche Tangentenverfahren ist, das ging mir selbst auch erst lange, lange nach der Schulzeit auf — aber ich habe auch kein Mathebuch geschrieben…

Eigentlich jeder weiß: Die Ableitung einer Funktion ist wiederum eine Funktion, die die Veränderung der Steigung der Ursprungsfunktion definiert. Ein „Beschleunigungsmesser“ sozusagen. Und ein „Differenzialquotient“ IST bereits ein Grenzwert. Wenn frau geschrieben hätte, „Der Grenzwert des Differenzenquotienten mit dx –> 0 ist der Differentialquotient, der die Momentansteigung der untersuchten Funktion im untersuchten Punkt definiert“ — dann wäre es vielleicht etwas komplizierter geworden und die beiden „Sportler“ hätten ggfs. ein womöglich noch dümmeres Gesicht gezogen.  Aber es wäre zutreffend gewesen  —  und wo steht eigentlich geschrieben, daß jeder eine allgemeine Fachhochschulreife erreichen muß?

Lesen Sie sich die Lösung des Magisters wirklich einmal durch:
Mit seiner sauberen, klaren und eindeutigen Terminologie bringt er Gedanken in Ordnung.

Und jetzt will ich einmal versuchen, den Bezug herzustellen zwischen dem dümmlichen Spiegel-Geschwafel und der Kritik am didaktisch wertvollen Mathebuch:
Eine These von Ludwig Wittgenstein lautet, „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meines Denkens“. Die Form meines Ausdrucks korrespondiert unmittelbar mit dem Inhalt. Wenn ich mich um korrekte Begriffe für gefundene Sachverhalte bemühe, dann werden die Gedanken klarer und, ja, einfacher.

Es gilt also nicht nur, „seine Sprache offenbart den Menschen“, sondern auch „unsere Sprache bringt unsere Gedanken in Ordnung“.

Oder eben nicht.  Wenn man mit vorzugsweise englischen wischi-waschi – Formulierungen, deren Bedeutung man eher erhofft denn erahnt, gequirlte Scheiße zusammenschwurbelt,  dann hat man hinterher auch nur gequirlte Scheiße im Kopf.

 

Allerdings glaube ich nicht, daß man junge Leute mit solchen Thesen hinter dem Ofen hervorlocken kann.

 

Man möchte heute, beispielsweise bei „Twitter“, jemandem „folgen“. Je mehr „Follower“ ein „Influencer“ hat, desto mehr wollen „folgen“. „Sascha Lobo“ befiehl, wir folgen. Four legs good, two legs bad. Deswegen hat das Böse einen Namen.
Wahlweise „SUV“, „AfD“, „alter weißer Mann“, „Boomer“. Denn das sind alles Rassisten und Faschisten. Die sind böse.  Weil es unser Feinde sind.  Und wir sind die mutige „Allianz der Anständigen“.
Die SED ist gut, weil „sozial“, die Grünen sowieso, „ist alles ausgerechnet“. Und Greta erst.

 

Das Allerpeinichste:   Unsere weißen jungen Männer halten sich für revolutionär und couragiert.

 

Ganz nebenher:  Deutschtümelei aller Art ist mir seit jeher zuwider, aber unterhaltsame Artikel in konziser Sprache finde ich ausgerechnet bei der „AfD“ – Frontfrau Corinna Mizaga.

Das ist eine Person, die keine Frauenquoten nötig hat, pointierte Charakterisierungen abgibt, die ins Schwarze treffen („Mit den Politikerinnen von SED und Grünen erlangt der Begriff ‚Trümmerfrauen‘ eine völlig neue Bedeutung“) und sich einer im wittgensteinschen Sinne klaren Sprache bedient.   Sie trägt frei vor und im wohltuenden Gegensatz zu den verkrapften Transvestit*Innen hat sie auch noch ordentlich ‚was in der Bluse.

 

Da transgendere ich doch als RAF-Sympathisant der ersten Stunde lieber zu den Faschisten, das ist immer noch besser, als sich mit der „Generation Y“ gemein zu machen.

2 Kommentare zu “Zum Abgrund hin im Gänsetrott, Folge 1337”

  1. Franz Lemmermeyer (Freitag, der 29. November 2019)

    Ich hoffe, Ihre Leser merken, dass „erzreaktionär“ Sarkasmus ist. Ich verorte mich politisch eher in der andern Ecke.

    Die deutsche Sprache habe ich folgerichtig auch von Gremliza gelernt; die „Konkret“ habe ich immer nur wegen der letzten Seite gekauft, auf der die Sprachverhunzer der Republik verhohnepiepelt wurden. Angesichts der sprachlichen Fähigkeiten unserer Journalisten wäre so eine Aktion heute weitgehend sinnfrei.

  2. Hans Bonfigt (Freitag, der 29. November 2019)

    Das „erzreaktionär“ war durchaus ernstgemeint. „Wenn man vor einem Abgrund steht, ist jeder Schritt zurück ein Schritt in die richtige Richtung“, das war eine stehende Redewendung von Bischof Dyba.
    Unabhängige Menschen lassen sich nicht auf einem Zahlenstrahl links oder rechts unterbringen. Dazu gibt es ja die Menge C.
    Ein hochintelligenter Mensch (also wirklich jetzt), universell gebildet, der Sohn von Professor Heinz Haber, hat mir unlängst die Freundschaft gekündigt wegen „geistiger Nähe zu Nazis“. Mir. Der Meinungsdruck ist hoch.
    Einmal zu oft „Autobahn“ zu sagen reicht schon.

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