Hans-Peter Kühn
Samstag, der 24. Oktober 2009

« Der Crash kommt » – Max Otte oder « Predigt in der Wüste »

OtteDie Idee entstand im Jahre 2005, November 2007 wurden die letzten Zeilen geschrieben, die erste Auflage erschien im Januar 2008, im September desselben Jahres ging die Weltwirtschaft nach der Lehmann Brothers Pleite auf eine Schwindel erregende Talfahrt.

Ott macht im ersten Teil eine bemerkenswerte Bestandsaufnahme und Analyse des weltwirtschaftlichen Umfeldes und leitet daraus die hohe Wahrscheinlichkeit eines Crashs oder zumindest einer tiefen Krise des Weltwirtschaftssystems ab. So konnten die frühen Leser bereits Anfang 2008 erfahren, was einige Monate später in allen Zeitungen stand und auf allen Wellen gesendet wurde.

Der Autor schreibt glasklar und allgemein verständlich, der Text ist mit zahlreichen spannenden, praktischen Beispielen zu den unterschiedlichsten Themen emailliert. Die Wirtschaft der USA und Schuldenmachen waren verbunden wie der Junky mit der Droge, sinkende Zinsen und steigende Häuserpreise blähten eine Blase, die die Federal Reserve mit strömender Liquidität noch stärker unter Druck setzte. Es wird entschieden bestritten, dass entfesselter Konsum dauerhaft gut für eine Volkswirtschaft sein kann, zumal wenn immer exotischere Kreditformen die Bereitschaft der Konsumenten unterstützen. Finanzderivate und Verbriefung von Forderungen führen zu spekulativen Exessen und in eine Verschuldungsfallgrube, gegraben von der Überschwemmung der Märkte durch billiges Geld.

Die Wirtschaftssitten zerfallen, Fleiss, Sparsamkeit, Ehrlichkeit und Loyalität fallen tief und tiefer in der gesellschaftlichen Wertskala. Gier wird zur treibenden Kraft.

Es dämmert dem Leser, das nichts überraschend und alles voraussehbar gewesen ist. Die Demonstration ist brillant.

Der zweite Teil des Buches versucht Rezepte zu vermitteln, wie man sich auf die Krise vorbereitet und empfiehlt Kapitalanlagen für die Krise. Leider verliert sich Ott hier in Allgemeinplätzen und surrealistischen Empfehlungen für den Bau von Schwimmwesten und Rettungsboten. Erstere betragen 100.000€ für einen durchschnittlichen Vier-Personenhaushalt, um sich drei Jahre über Wasser zu halten, ein Rettungsboot umfasst gar 300.000€ um 10 Jahre zu überleben. Derartiges Geld haben wohl die meisten durchschnittlichen Haushalte eher nicht.

Ich meine bei einer Krise gibt es nur Verlierer, ausser denen, die sie verursacht haben…

Den ersten Teil von „Der Crash kommt“ sollten Sie allerdings…

Unbedingt lesen!!!

HPK

7 Kommentare zu “« Der Crash kommt » – Max Otte oder « Predigt in der Wüste »”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 25. Oktober 2009)

    HPK meint “ bei einer Krise gibt es nur Verlierer, ausser denen, die sie verursacht habe“.
    But the crisis should be regarded as a beneficial correction to what was happening.
    So I shall assume he means the whole process of boom and bust, rather than just the bust.
    But still most of those who caused this are the losers. This holds for people who bought shares or houses, just because their prices were rising. People who then could not pay their mortgages have been particularly hard hit. It probably holds too for bank workers whose jobs consisted in selling dubious papers. Many of us will stop listening to them, so some are sure to lose their jobs. My own modest savings have been hit by the crisis, but are recovering, and anyway had earlier benefited from the „boom“.
    The wealthier countries, (including China) seem to have come through without serious damage. Perhaps we can thank our politicians for this, (or will things now turn nasty). It is the poor people of the world who are suffering, but they too benefited from the boom.
    The real problems of climate damage and wasted resources are liable to get really serious in coming decades.

  2. rd (Sonntag, der 25. Oktober 2009)

    Ich glaube, dass es bei der wahren Krise, die kurzfristig und mittelfristig unsere Zivilisation bedroht, es ausschließlich Verlierer geben wird. Die Weltwirtschaftskrise ist dagegen eine sehr vorübergehende Krise.

    Inwieweit tangieren uns denn noch die fünf letzten Weltwirtschaftskrisen davor? Haben sie denn überhaupt relevante Schäden hinterlassen?

    Unsere Umweltkenndaten betreffend Luft, Wasser, Boden und nachfolgend Nahrungsmittel haben sich z.B. durch die aktuelle „Weltwirtschaftskrise“ weniger verschlechtert als sie dies ohne Krise getan hätten.

    Die „Krise“ zeigt also in die richtige Richtung. Und eigentlich müssen wir uns bei den Spekulanten bedanken, dass sie (wie eigentlich immer) ein wenig Zukunft vorweg genommen haben.

    RMD

  3. hans-peter kühn (Montag, der 26. Oktober 2009)

    Hallo meine lieben Leser,

    What I mean is, that the gap between the rich and the poor, the powerful and the weak is increasing as a consequence of the crisis. Additionally, the powerful are reponsible for the crisis and the crisis is cementing their position as dominators of the weak.

    Das die Krise in die richtige Richtung zeigt und wir uns bei den Spekulanten bedanken sollen halte ich für schlechthin zynisch. Ich meine RMD sollte dies den Arbeitslosen erklären.

    HPK

  4. rd (Montag, der 26. Oktober 2009)

    Natürlich ist die Aussage ein wenig zynisch. Aber: die Krise (und vor allem die jetzt immer in kürzeren Abständen und mit heftigeren Ausschlägen folgenden Krisen) werden uns zu einem Weg zwingen, den wir aus guten Gründen besser freiwillig gehen sollten.

    Zu den Arbeitslosen:
    Natürlich ist die Situation beschissen. Nur scheint es so zu sein, dass Beschäftigung in einem Verhältnis der Abhängigkeit eh verschwinden wird. Die Entwicklung geht vom Arbeiter und Angestellten hin zum Tagelöhner, den wir dann Freiberufler nennen. In der IT-Branche ist der Trend schon voll im Gange. Und geschichtlich gesehen ist die derzeitige Art der Beschäftigung eh eine Ausnahme. Entweder wird sie qualifiziert weiterentwickelt (wie geht das, wer macht das ?) oder sie wird von anderen Systemen mit brachialer Gewalt verdrängt (notfalls durch globale Verschiebungen).

    Sorry, so einfach ist die Sache aus meiner Sicht.

    RMD

  5. Chris Wood (Montag, der 26. Oktober 2009)

    Hallo Hans-Peter,
    It is true that the poorest 15% in the world are suffering most in the crisis. This is because the rich democracies have reduced their already meagre support. (But before the crisis enough damage was being done by increased production of bio-fuel). But within the rich countries, the crisis has not increased the gap between the rich and poor. Bill Gates‘ fortune went down proportionally more than mine.
    In the rich countries, each rich individual is more responsible for the crisis than each poor one. But as a group, the poor (due to their numbers) are at least as much to blame.
    The power of the rich is not being cemented. Look at the growth of the Linke party. In USA, the Republicans have lost power. Internationally, the poor (in money and intelligence) have recently increased their power in Afghanistan and Iraq.
    The reference to „Arbeitslosen“ shows that you are taking a German or European view of the world financial crisis. The really poor in the world are short of food rather than work.

    Roland,
    What do you mean about dependent employment being historically exceptional? I would say that employees have gradually become less dependent. Through the Middle Ages, most workers could hardly leave their villages. In Russia this remained until 100 years ago. Earlier than that, aristocracy dominated the civilized world. There were slaves in ancient Athens. Only before the age of history, was it normal (we suppose) for people to live their (short) lives rather independently.

    P.S. at last something like a debate in this blog!

  6. hans-peter kühn (Sonntag, der 1. November 2009)

    Hi Chris,

    I’m just coming back from a few days in the Southwest of France. The environment was rather inspiring, fat duck liver, confit de canard, red and white Gaillac.

    Back to our discussion:

    I insist in my point about the difference between rich and poor in the rich countries, Bill Gates can loose 90 billions out of one hundred and still be a rich and powerful man. If you have a low salary shit job and loose only one working day in the week, you get a hell of a step closer to misery. Even in our countries a lot of people are short of food, numbers increasing…

    Concerning the debate in this blog, I do not share your enthousiasm. Look at the participants, 2 are authors and the third a professional commentator but where is the public???

    Have a nice day

  7. hans-peter kühn (Sonntag, der 1. November 2009)

    Deine gruselige Sicht der Entwicklung des Arbeitsmarktes vom Angestellten und Arbeiter zum Tagelöhner ist leider realistisch, weil vollkommen im Interesse der wirtschaftlich mächtigen. Soziale Verantwortung wird verdrängt, die Macht der Gewerkschaften gebrochen und das Individuum den Kräften des Marktes schutzlos ausgesetzt. Die Illusion des „Freiberuflers“ wird zum Albtraum schrankenloser Abhängigkeit.

    Es ist zum Kotzen…

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