Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-KapitalismusMilton Friedman glaubte an Liberalismus. Frei wirkende Marktkräfte sind trauliche Wegbegleiter von Demokratie und Massenwohlstand. In seinem ökonomischen Nirwana haben staatliche Interventionen und Regulierungen sowie Sozialausgaben, das heisst unsere soziale Marktwirtschaft, lediglich den Platz von bösen Geistern, sie sind die permanente Bedrohung eines nachhaltigen und gerechten Gleichgewichts. Er predigte an der „Chicago School of Economics“, seine Apostel, die „Chicago Boys“, des „International Monetary Fund“ verbreiteten den Glauben in der ganzen Welt.

Naomi Klein glaubt an Fakten und ihren beispielhaft akribischen Ermittlungsjournalismus. Der Inhalt von  466 Seiten der englischen Taschenbuchausgabe (Penguin) stützt sich auf ein solides Fundament von über 1.200 Fussnoten, Verweise auf persönliche Interviews und zahlreiche offizielle und inoffizielle Quellen. Wie ein Jäger verfolgt Klein die Blutspur des entfesselten Friedman-Fundamentalismus durch die Kontinente der vergangenen 40 Jahre. Nur, das Blut ist nicht der Lebenssaft des gehetzten Raubtiers, es floss aus den klaffenden Wunden seiner Opfer.

Die Sprache ist leicht zugängig, auch für den Laien, auf sozioökonomischen Fachjargon wird verzichtet. Die Aussage ist militant, glasklar, ohne Konzessionen.

So entsteht ein „high voltage“ Wirtschaftsthriller. Die Hauptperson ein apokalyptischer Reiter, ein alles vernichtender Wirbelsturm, ein grausamer „serial killer“: Friedman’s radikaler Neoliberalismus.

Ein geschicktes Manöver bringt den Leser an den Haken und unwiderruflich auf die Seite der Autorin: Die Methoden der Friedmann-Schule werden metaphorisch mit der „Electric Convulsive Therapy“ beschrieben, eine in den Folterkammern des CIA praktizierte Schocktherapie, mit der das Opfer in den Zustand eines „unbeschriebenen Blattes“ zurückgeführt wird, auf dessen Basis „eine neue Ordnung“ errichtet werden kann.

Es folgen eine Reihe von ausführlichen  Fallstudien: Chile, Argentinien, Bolivien, England, Polen, Russland, Südafrika, China, Sri Lanka, Irak… Schrecken ohne Ende und Ende mit Schrecken, stürzen den Leser in einen Malstrom der Gefühle: Entrüstung, Hass, Wut, kalte Angst. Grausame Faszination der knallharten, lückenlos dokumentierten, unbestrittenen Tatsachen. Wir lesen von Gier, Willkür, Korruption, Folter…

Undifferenzierte Darstellung mag ein berechtigter Vorwurf sein, auf der anderen Seite lesen wir die Fortsetzung von Kleins Buch jeden Tag in der Zeitung…

Sie sagt: „Demokratie und zügelloser Kapitalismus sind unvereinbar, wer würde schon für eine Partei stimmen, die mit der ersatzlosen Streichung von Sozialausgaben Kampagne macht?“

Im Leser schreit alles nach Rache! Zitat von Arnaud Amaury am 22.7. 1209 vor Béziers, beim Kreuzzug gegen die Albigenser?  „Tötet sie alle, Gott wird die seinen schon erkennen.“

Das meinten wohl auch die „Chicago Boys“…?!?

PS: Übrigens, wo waren wir alten Säcke? Das alles ist nach 1968 passiert! HPK

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