NoLogoLassen Sie mich von vornherein sagen:

Trotz seines Erscheinungsdatums (2000) und trotz seines klaren Zuschnitts auf amerikanische Verhältnisse, ist das Buch von brennender Aktualität und globaler Gültigkeit für die konsumorientierten Wirtschafts- und Wertsysteme unseres Jahrhunderts.

Mit geballter Energie, kompromissloser Militanz, akribischer Präzision und journalistischem Scharfsinn entlarvt Klein die Kausalkette, an der unsere Gesellschaft in die Sklaverei geschleppt wird und das weltweite Netzwerk in dessen Zentrum planetar operierende Korporationen wie unersättliche Riesenspinnen auf wehrlose Beute lauern.

„No Logo“ ist ein Buch über Marken: Ihre Geburt aus der Anonymität der Massenproduktion in Fabriken; ihre Jugend, als es dämmerte, dass Unternehmenserfolg mehr von Marken als von Produkten bestimmt wird. In der blühenden Reife treten „Images“, hohle Verpackung, an die Stelle von Produkten. Sportschuhe werden zu Entschlossenheit und Tatkraft, Glimmstengel zur Illusion grenzenloser Freiheit.

Konsum mutiert zu Lifestyle und wird damit zum grenzübergreifenden, universellen Wertsystem.

Die Reduzierung öffentlicher Ausgaben für Erziehung, Bildung und kulturelle Institutionen schafft Freiräume für kommerzielle Sponsoren. Marketing, wirtschaftliche Interessen von Konzernen. Logos internationaler Marken ziehen ein in Schulen, Universitäten, Konzerthäuser und Theater. Öffentliche Plätze werden zu Werbeträgern und Konsumtempeln. An die Stelle der bunten Vielfalt tritt die Beschränkung der Auswahl.  Kulturelle Diversität wird plattgemacht unter den Bulldozzern der Slogans. Spitzensportler werden zu Plakatwänden umfunktioniert.

Primat des Marketings und endlose Profitgier drücken zunächst Fabrikationsfunktionen in Billiglohnländer. Am Ende des Weges droht jedoch bereits die Delegation und Ausgliederung der Verantwortung gegenüber den Arbeitnehmern, der sozialen und menschlichen Funktionen des Unternehmertums, an gewissenlose, unkontrollierte Profitmacher. Das alles unter dem Mantel von wohlklingenden, heucheltriefenden „codes of conduct“, auf Hochglanzpapier.

Der Zynismus gipfelt in der Tatsache, dass die umworbene, jugendliche Zielgruppe des Brandmarketings eine Generation repräsentiert, die Nike-Shops, MacDonald Buden und H+M Boutiquen in prekären Anstellungsverhältnissen der Ausbeutung preisgegeben.

So macht man Kunden zum Kanonenfutter einer Gesellschaft mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern.

Die schreiende Anklageschrift von Naomi Klein packt den Leser am Schlawittchen, die Darstellungsweise ist betont konkret, untermauert von zahlreichen, dokumentierten Beispielen aus der internationalen Konzernen, „freien“ Wirtschaftszonen und auch aus dem persönlichen Leben der Autorin. Ein Parfum von Authentizität hängt in der Luft.

Im Angesicht der drückenden Tatsachen wirken die im letzten Teil des Buches dargestellten Strategien des Widerstandes eher schüchtern. Sabotage der Werbung, Markenboykott, „Befreiung der Strassen“ und Antiglobalisierungsaktivismus sind Mückenstiche auf der Haut des Elefanten. Aber irgendwie muss ein Anfang gemacht werden!!!

Unbedingt lesen!!!

HPK

3 Kommentare zu “« No Logo » – Naomi Klein oder « Gegen Konsumgesellschaft und Globalisierung »”

  1. Chris Wood (Samstag, der 25. Juli 2009)

    It’s OK to praise such a book for alerting us to the problems of modern society. But this review is ridiculously uncritical. Are we all really being dragged into slavery? No, people in USA and Europe have unprecedented freedom, which they use without much respect for the rest of the world. This is sad, but is the way evolution has always tended to function.
    Capitalism has brought us an unprecedented choice of products of good quality and reasonable price. Even the top trademarks suffer when they fail to keep up, (see GM). I could give dozens of examples.
    The proposed resistance to globalising misses the point. Globalisation is a problem because monocultures tend to be unstable, but we are a long way from a monoculture. The serious middle-term problems are overpopulation, depletion of resources, and environmental damage. Either we get to grips with these problems, or the world will become a much nastier place with even more conflict than we already have.

  2. rd (Montag, der 27. Juli 2009)

    Das Problem bei Chris Kommentar ist, dass es natürlich verschiedene Dimensionen der Freiheit und auch der Sklaverei gibt. Deswegen kann man sehr gut in einer Dimension ein Maximum an Freiheit erreicht haben und gleichzeitig auf einer anderen Ebene maximal versklavt sein. So haben wir heute auf der einen Seite mehr Chancen als wahrscheinlich je zuvor, unser Leben eigenverantwortlich zu führen. Und gleichzeitig sind wir – gerade im Kollektiv – versklavt wie noch nie.

    Um es mit einem Beispiel klar zu machen: Gefängnisse und Kloster sind Orte hoher Unfreiheit. Trotzdem kann ein Mensch in einem Gefängnis oder in einem Kloster in einem hohen Maß an Freiheit Leben.

  3. Detlev Six (Montag, der 27. Juli 2009)

    Hans-Peters Rezension von „No Logo“ gibt Inhalt und Geist des Buches ausgezeichnet wieder. Naomi Klein ist eine fulminante Anklägerin (wie auch bei der „Schockstrategie“), die immer zuspitzen wird. Dies geht aber nie zu Lasten eines hervorragend recherchierten Stoffes (das Buch ist dadurch auch ein unfreiwillig ausgezeichnetes Marketinglehrbuch). Die Art und Weise, wie Hans-Peter rezensiert, unterscheidet ihn wohltuend von vielen Rezensionen in großen Meinungsblättern, in denen oft die Eitelkeiten und Manierismen der Autoren den Blick auf das bewertete Werk verstellen.

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