Hans-Peter Kühn
Samstag, der 24. April 2010

„Die Libelle“ – John Le Carré oder „Zwischen den Fronten“

Die Libelle ist mehrdeutig, steht für eine Art von Insekten ebenso wie für ein Verschlüsselungsverfahren des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, für eine Mattführung im Schach, ein Messinstrument für die Lage von Flugzeugen und noch einiges andere.

Seit dem unvergesslichen „Der Spion, der aus der Kälte kam“ ist John Le Carré ein unbestrittener Meister des Spionageromans, in den Kulissen der Irrungen und Wirrungen des kalten Krieges.

Die „Libelle“ ist, fast 30 Jahre nach der Erstauflage und 20 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch ein Ausnahmewerk von brennender Aktualität. Schauplatz sind Europa und der vordere Orient. Thematisiert werden der Nahostkonflikt und damit verbundener Terrorismus, die Protagonisten sind Meister berechnender Lügen, falscher Fährten und geschickter Manipulation.

Im Mittelpunkt steht die junge, mittelmässig attraktive, wenig erfolgreiche, etwas gelangweilte, englische Komödiantin Charlie, auch „Charlie the Red“ genannt, nicht nur wegen der Haarpracht sondern auch wegen ihrer etwas verrückt-radikalen Positionen. Sie ist mehr Opfer als Heldin, der Köder, den die Häscher des Mossad auslegen, auf der Jagd nach einem gesichtslosen Palestinienser dessen primitive Bomben Tod und Terror verbreiten.

Die naive junge Frau wird gerissen rekrutiert, mit einer Geschichte versehen und weiss am Ende nicht mehr, was sie wirklich fühlt, will oder denkt. Mit ihrem Führungsoffizier entwickelt sich ein Beziehungsreigen um Ideologie, Sehnsüchte, Realitäten und den eigentlichen Auftrag.

Beide kommen nicht ungeschoren davon…

LeCarre zerrt uns ins Dickicht der Geheimdienste, wo nichts ist wie es scheint und nichts scheint wie es ist, in ein Gestrüpp von Täuschung und Trug untrennbar versetzt mit Spuren von Ehrlichkeit und Engagement, die ja erst glaubhaft machen was erlogen ist. Eine Welt in der Ziele alles sind und die Mittel weder von Moral noch von Budgets begrenzt werden.

Gnadenloser, illusionsloser Realismus.

Unbedingt lesen!!!

HPK

Kommentar verfassen

*