Hans-Peter Kühn
Samstag, der 30. Oktober 2010

„Heyne Thriller“ oder „Verschollene Schmöker-Schätze I“

Mitte der sechziger Jahre brachte Heyne seine Thrillerserie auf den Markt. Es waren grösstenteils Bücher amerikanischer, teilweise französischer Autoren aus den fünfziger Jahren, von miserabel bezahlten Übersetzern auf eine Standardlänge von etwa 150 Seiten zurechtgestutzt. Die literarische Qualität verhielt sich proportional zu den mageren Vergütungen der Schreibersklaven. In jedem Fall waren es jedoch spannende Geschichten mit teilweise faszinierenden und immer wieder packenden und originellen Intrigen (von plots war damals im deutschen Sprachgebrauch noch keine Rede).

Das Konzept der Thriller unterschied sich deutlich von den herkömmlichen Kriminalromanen.

Bildeten, im klassischen Krimi Detektiv bzw. Kommissar und Mörder ein Spannungsverhältnis zwischen Gut und Böse, entwickelten sich hier die Stories im Milieu von  kriminell inspirierten, skrupelfreien Individuen, angetrieben von edlen Gefühlen wie Rachegelüsten oder lediglich nackter Gier.

Im Zusammenspiel von mehr oder weniger cleveren Männern und schönen, sehr cleveren Frauen, entsponnen sich Szenarien, die den „Helden“ am Ende oft mit leeren Händen dastehen liessen. Die Geschichten und Akteure bewegten sich in einem moralischen Vakuum. Vertrauen wurde nur geschaffen um den anderen besser abzuzocken. Es drehte sich um heuchlerische Liebe, Anstiftung zum Mord, Lug und Betrug. Im damals allgegenwärtigen, gut bürgerlichen Mief von „ora et labora“, eine eher befremdliche Literaturgattung. Etliche Jahre nach dem Erscheinen der legendären „Panther Bücher“ von rororo (Slogan: „Jedes Panther Buch ein Thriller), präsentierten sich „hardcore“ Schmöker au breiter Basis im Land der Dichter und Denker.

Zahlen über den kommerziellen Erfolg der „Heyne Thriller“ sind in den Archiven des Verlages vergraben. Auf jeden Fall bevölkerten die handlichen Paperbacks, mit dem Stempel „leicht beschädigtes, preisreduziertes Exemplar“, Ende der sechziger Jahre die Krabbeltische bei „Wullewuppdich“ (Woolworth) und Hertie.

Eine persönliche „Best of…“ Selektion der Serie steht bei mir im Regal. Etliche Exemplare mögen noch bei einschlägigen Schmökerhändlern auffindbar sein. Selbst bei Amazon und ebay läuft der Suchende mit Titeln und Autorennamen oft in gähnende Leere.

Hier meine Liste der Best of the Best:

Charles Williams:
Tödliche Flaute (Dead Calm) unter dem Titel „Todesstille“ eine sagenhafte Leinwandproduktion von Phillip Noyce mit Nicole Kidman, Bis dass der Mord euch scheidet (The hot Spot) mit grossem Erfolg verfilmt von Dennis Hopper mit Virginia Madsen, Der Flamingo Mörder (The Concrete Flamingo);

Bill S. Ballinger:
Am 4. beginnt die Ewigkeit (The Forth of Forever), Keiner ging an ihr vorbei (Portrait in Smoke);

Frédéric Dard:
Nur ein Tropfen Gift (Cette Mort dont tu parlais),  Das Paradies der Bösen (Les Scélérats);

Ira Levin:
Kuss vor dem Tode (A Kiss before Dying) packender Film von James Dearden mit Matt Dillon und Sean Young;

Louis C. Thomas:
Tod per Einschreiben ( A vos Souhaits – La Mort);

Bruno Fischer:
Eiskalt unter der Haut (The lustful Ape);

Henry Kane:
Zwei müssen sterben (Two must die)

Sollte ihnen irgendwann, irgendwo eins dieser Kleinode in die Hände fallen…

Unbedingt lesen!!!

HPK

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