TauscheTauschen und Täuschen liegen so nah beieinander, wie die beiden Punkte auf dem a. Es sind siamesische Zwillinge, sich gegenseitig bedingend, auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden.

Gesellschaften sind Überlebensgemeinschaften, ihr konstituierendes Element ist der Tausch, bei dem der Stärkere handfeste Leistungen einbringt, der Schwächere immerhin Lob, Anerkennung und Unterordnung. Im Kielwasser des Tausches kommen dann Kalkül und Täuschungsmanöver…

Soziale Gebilde funktionieren unter personellen Aspekten (Schutz und Hilfe werden getauscht gegen Unterwerfung und Abhängigkeit z.B. Klientelbindung im antiken Rom), unter normativen Aspekten (Erfüllung von Normen, Anerkennung von Werten werden getauscht gegen Geborgenheit im diesseits und jenseits z.B. Theokratie) und schliesslich nutzenorientierten Aspekten (der Nutzen der Gesamtheit ist die Addition der individuellen Nutzenmaximierungen z.B. Kapitalismus).

Der Autor skizziert die Grundlagen der Mechanismen gesellschaftlicher Systeme. Seine messerscharfe Analyse erstreckt sich von den Verwandlungsprozessen des römischen Imperiums, über England, Deutschland, den USA, bis zu kommunistischen Alternativen, der Dritten Welt und Japan.

Die klare Gliederung führt ohne Umwege in die Gegenwart und zum Kern der Fragen um soziale Tauschbeziehungen und in die Gründe, aus denen unsere Gesellschaft so ist wie sie ist. Drennig ist weder Ankläger noch Verteidiger, kein Richter oder Militanter. Er trifft klare, nüchterne und betont sachliche Feststellungen, analysiert Tatsachen und ihre Hintergründe, verzichtet auf kitschiges Beiwerk, wie Ironie, Begeisterung und Betroffenheit.

Die Tatsache, dass der Text nicht immer ganz einfach zu lesen ist, resultiert aus der Komplexität der Materie und der Gründlichkeit, mit der Beziehungen, Umstände, Strukturen durchdacht und hinterfragt werden.

Auf der anderen Seite, konfrontiert jedes Kapitel den Leser mit Schlussfolgerungen, Aussagen und Feststellungen, von denen viele schmerzhaft ins Herz der Sache treffen. Hier eine winzige Auswahl:

„Die jüngere Beratungswelle geht von der korrekten Annahme aus, dass Agenten, die nicht allzu viel tun können, am besten unterstützt werden von Konsultanten, die wissen, dass sie nicht allzu viel wissen.“

„Der zunehmenden Bedeutung von Moral als Anspruch an die anderen … , steht die abnehmende Bedeutung der Moral als Verpflichtung des eigenen Ich … gegenüber.“

„Die alte liberale Welt, jene des moralischen Individualismus, kannte keine Opfer. Jeder war für sein Sein und Werken selbst verantwortlich, Armut kein Unrecht , sondern eine Verhaltensweise, persönliche Schuld. Die neue soziale Welt kennt nur noch Opfer; Opfer des Milieus, der Verhältnisse.“

„Der Bedarf an Solidarität, an Geborgenheit und Behaust-Sein in menschlicher Gesellschaft – dem frühere Formen des Zusammenlebens eher entsprochen haben – ist im kapitalistischen System nicht abgedeckt.“

Manfred Drennig will uns nachdenklich machen und schafft es. Alle, die sich vor brennender Aktualität nicht scheuen sollten dieses Buch…

Unbedingt lesen!!!

HPK

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