Marcel Proust hat folgendes gemeinsam mit James Joyce und Goethe: Viele haben von seinem Werk gehört, bei einigen steht es im Bücherregal und sehr wenige haben es gelesen.

Abhilfe bringt das literarische Genre der „Graphic Novel“, auf gut Deutsch Comic Strip.

Das Coverbild spiegelt das Ambiente des Titels, verlorene Zeit, Suche nach dem Unauffindbaren, Leere, Resignation. Der reichliche Text ist in Originalversion, abgesegnet von der „Société des Amis de Marcel Proust et des Amis de Combray“, zähe Syntax lädt ein zu schleppender Lektüre. Die Zeichnungen sind im Stil von Hergé (Tim und Struppi). Die „Ligne Claire“ skizziert Personen mit spärlichen Strichen, charakterisiert Umgebungen mit opulenten Details oder auch nur schemenhaften Andeutungen.

Es entspinnt sich eine dickflüssige, ereignisarme, emotionslose, Geschichte im Milieu der „haute bourgeoisie“ des „fin de siècle“, ein Panoptikum bedeutungsloser Details, Essen, Empfänge, Spaziergänge, Dialoge, Monologe, Begegnungen. Der Autor schildert seine Kindheit in einer geborgenen Welt, in der nichts passiert, gediegene Langweile und gebildete Nabelschau als Wellness kultiviert werden.

Es entsteht der Eindruck eines Gesellschaftsromans, über eine Epoche in der die spontane Äusserung von Gefühlen oder gar Leidenschaften an der Öde festgefahrener Konventionen erstickt ist. Eine nicht gerade begeisternde Programmatik für ein Werk, das als eines der längsten der neuzeitlichen Literatur gilt.

Bildungsprophet Schwanitz sieht es hintergründiger. „Für Proust ist das Erinnern eine Form überwältigender, unwillkürlicher Erfahrung“ ausgelöst „…in unbewachten Momenten durch beiläufige Assoziation…“ Die bekannte Kuchen-Episode schildert es: „In der Sekunde nun, wo dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte… war mit einem Mal die Erinnerung da… trat das graue Haus mit seiner Strassenfront hinzu, und mit dem Haus die Stadt der Platz…“ Frei nach Schwanitz führt dann die Flut von Erinnerungen zu einer Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart, durch die eine Realität jenseits der Zeit sichtbar wird. Einfache Geister wie ich stehen hier vor einem Wald von?????????

Den originalen Roman von Proust habe ich nur flüchtig und unverbindlich besichtigt. „Combray“ ist auch in der Comic Version nur der erste von 5 Bänden, das literarische Werk besteht aus 7 Teilen. Persönlich finde ich, dass Stéphane Heuet uns vom Text her einen überraschend verdaulichen Proust-Light serviert. Seine Zeichnungen sind eine passende Illustration des ausklingenden 19. Jahrhunderts im französischen Bürgertum.

Alle, die schon immer mal an Proust ran wollten und sich nicht trauten, sollten diesen Comic,

Unbedingt lesen!!!

HPK

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

*