Nach schöpferischer Pause im „Grand Bleu“ des pazifischen Ozeans ist Zirkus Roland wieder auf Tour. Das hochwohllöbliche Publikum des IF-Forums erlebt den Meister in einer atemberaubenden „haute voltige“ Nummer, der Kunst schwindelerregenden Jonglierens. Wie unter Hypnose entsteht vor den Augen des sprachlosen Zuschauers die schöne neue Welt des Unternehmens.

Hoch wirbeln Begriffe mit verschwommenen Konturen jedoch verführerisch glitzernden, freudigen Farben, ein chaotisches Feuerwerk des goodwills. Aus dem Geschwirre und Gewirre der Goldregen, Raketen, Kugelblitze künden gewaltige Kanonenschläge von Unternehmenskultur, Mitarbeiterwellness, Partnerschaft, von Arbeit im wohligen whirlpool der Einigkeit statt im brodelnden Stahlbad des Wettbewerbs…

Als der donnernde Applaus verklungen ist, suchen vereinzelte Mitarbeiter im Foyer nach den leeren Hüllen des abgebrannten Feuerwerks, letzte Seifenblasen zerplatzen, bunte Bälle hüpfen noch müde, rollen schliesslich unter Stühle und Tische…

„La comedia e finita!“ (Ruggiero Leoncavallo – Der Bajazzo) Zurück in die Gegenwart!

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen…
Verehrtes Publikum, los such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein,
muss, muss, muss!“

Berthold Brecht – Der gute Mensch von Sezuan

Mit erfrischender Spontaneität schwadroniert und fabuliert Roland Duerre über Ziele und Strategien, unbekümmert navigiert er in stürmischen Wässern, jenseits der langweiligen Orthodoxie sauberer Definitionen und scharfschneidiger Konzepte von Unternehmensberatern und MBA Absolventen.  Seine Stärke ist nicht die Brillanz sondern die Penetranz, er ist der nimmermüde Aussendienstler, der kaum aus der Tür komplimentiert, durchs Fenster wieder hereinkommt, ein Wanderprediger, dem irgendwann dämmerte, dass Banalität die blanke Wahrheit spiegelt und die kann nicht oft genug wiederholt werden. Auf seiner Gralssuche nach dem Guten kennt er weder Zweifel, Angst noch Frustration und ist doch niemals Don Quichote oder „reiner Tor“.

Einige Bemerkungen zur Sache scheinen mir dennoch angebracht.

Ein eher chaotischer Umgang mit Zielen und Strategien ist noch lange kein Grund für das Scheitern von Unternehmen und Führungspersönlichkeiten. Ich zitiere im Originaltext aus persönlichen Erlebnissen:

„Unsere Strategie ist es maximalen Profit zu machen“ (Antwort auf meine Frage nach der Marktstrategie des Unternehmens im Verlaufe meines Einstellungsgespräches beim sehr erfolgreichen Schweitzer Mauduit International)

„Man stellt Aktionspläne auf, macht was und wenn man sich das anguckt ist eine Strategie da“ (Ex Vorstand von l’Oréal bei einem Cocktail)

Im Gegensatz zu Roland Dürres temperamentvollen Einlagen stimmen derartige Aussagen eher traurig.

Mein ganz persönliches Wässerchen für die Mühlen des Management Krooners will sich betont pragmatisch. Frei nach Darwin ist uns ein Ziel in die Gene programmiert: Überleben. Damit wird die Zieldiskussion überflüssig, denn es gibt nur dies eine. Sekundärziele, Subziele usw. sind nichts anderes als Strategien, mehr oder weniger gangbare Wege.

Es gibt weder gute noch schlechte Strategien sondern effektive und nicht effektive, die einen tragen zur Zielerreichung bei, die anderen nicht. Die Überlegenheit von Strategien der  Fairness, Nachhaltigkeit, Menschenfreundlichkeit usw. muss verifizierbar sein. Das ist die Herausforderung. Wenn „ethischer“ = effektiver gilt dann ist dies auch der billigere Weg.

Letzteres gefällt Roland Dürre besonders…

HPK

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5 Kommentare zu “„Der gute Mensch von Unterhaching“ oder Beobachtungen, Eindrücke und Gedanken zu Roland Dürres „Unternehmensstrategie: Schlechte Ziele – schlechte Strategie“”

  1. rd (Donnerstag, der 21. April 2011)

    Lieber Hans-Peter,

    Du hast Recht. Ich finde „win-win-situations“ gut. „Ethisch = effektiver weil nachhaltiger“ wäre besser für alle und eine Formel, die ich nicht so dumm finde.

    Aber auch sonst bin ich völlig bei Dir – am Ende des Tages geht es nur ums überleben! Alles andere ist sekundär. Es bleibt nur die Frage, zu welchem Preis.

    🙂 Ja – und ein wenig Theaterdonner muss auch halt sein.

  2. Hans Bonfigt (Freitag, der 22. April 2011)

    -> H.P. Kühn:
    Eine Zeitlang habe ich für ein lupenrein Darwin-orientiertes Unternehmen gearbeitet. Das Motto, „Die Schnellen fressen die Langsamen“, hängt überall aus.

    Das Unternehmen selbst ist ausgesprochen profitabel und effektiv, weswegen ich es häufig empfehlen muß, die machen halt ihren Job verdammt gut.

    Aber wenn man dort im Team arbeitet, bemerkt man sofort eine vergiftete, menschenfeindliche Atmosphäre, und zwar vor allem hinsichtlich der Behandlung von Wissen:

    Wissen wird dort grundsätzlich „gebunkert“ und nicht geteilt, weil es als Mittel verwendet wird, um Kollegen zu dominieren. Vom kleinen Servicetechniker angefangen, der seinen Kollegen ins offene Messer rennen läßt, um selbst gut dazustehen, zieht sich eins der dümmsten und perversesten Pfeffersack-Paradigmen wie ein roter Faden durch das ganze Unternehmen:

    „Wissen ist Macht“.

    Diese Art von Wissen ist krankes Wissen, sozusagen Wissensmißbrauch. Denn Wissen lebt von Multiplikation und von Supervision. Beides ist nicht möglich, wenn Wissen und Erkenntnisse geheim bleiben.

    Wie kann man mit einer solchen Unternehmenskultur erfolgreich sein? Nun, auch hier liefert Darwin die Antwort: Man versetze die Mitarbeiter in Existenzangst, dann greift deren Überlebensinstinkt und sie werden alles daran setzen, die ihnen vorgegebenen Ziele zu erfüllen.

    Wenn ich nach einer Woche Arbeit dort nach Hause komme, fühle ich mich erstmal zwei Tage lang wie menschlicher Sondermüll.

    Roland Dürre erzählt ja nicht nur einiges, wenn der Tag lang ist, sondern er kann ja auch einiges vorweisen.

    Mich persönlich hat es sehr gefreut, daß der Vorstandsvorsitzende einer Aktiengesellschaft es gewagt hat zu sagen, „Marktführerschaft anzustreben ist ein krankes Ziel“, „Wachstum um jeden Preis ist ein krankes Ziel“.

    Wäre ja mal interessant zu erfahren, wie InterFace-Mitarbeiter die Unternehmenskultur aus ihrer Sicht einschätzen und welche Rolle Darwin dort spielt.

    Gruß HB

  3. six (Sonntag, der 24. April 2011)

    „Um eine Atombombe bauen zu können braucht man Verstand, um sie nicht zu bauen Vernunft.“ Verstand und Vernunft sind angeblich Erfindungen der Vorsokratiker, die damals die bis dahin gültigen Erklärungen der Welt, die Mythen und Metaphern ablösen sollten. Haben sie das getan? Falls jemand trotz Regalkilometern von Managementliteratur daran zweifelt, hier eine der alten Mythen und Metaphern zum Unternehmer: Odysseus (der Unternehmer) segelt, gelockt vom Gesang der Sirenen (der Lockruf des Unternehmers ist Sex und Macht), von seinen Mannschaftskameraden, deren Ohren verstopft sind, am Mast festgebunden (Mitarbeiter binden) durch die Meerenge von Skylla (wirtschaftlicher Erfolg) und Charibdis (ökologische Verantwortung). Einige Mannschaftskameraden müssen dran glauben, aber der Rest der Firma schafft das gefährliche Gewässer.

    Lieber Hans-Peter, ich danke Dir für Dein Plädoyer zur Einfachheit und geben dir deshalb 5 Sterne.

  4. Chris Wood (Sonntag, der 24. April 2011)

    Hans Bonfigt, your view of Darwin and evolution is too simple. Remember that evolution has brought us the song of birds (and people), the colours of flowers and butterflies, and love, in all its forms, (unless God loves us).

    Hr. SIX, thanks for explaining that Hans-Peter was pleading for simplicity. I liked his style, but could not understand what he was trying to say.

  5. kuhn hans-peter (Montag, der 25. April 2011)

    Hi Chris,

    My intention was to offer a variety of possible „understandings“ behind a thick undergrowth of words. What Six made you understand is right to one of the points I wanted to make.

    Hi Detlev,

    Frohe Ostern und Dank für Deine Unterstützung. Ich glaube wir sollten ein Autorenkollektiv gründen. Wir machen einfache und griffige Konzepte, Roland übernimmt den Theaterdonner. Das kann was werden.

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