Der Weg zu Wagner ist meist mühsam und steinig, der Aufstieg zum Nibelungenring steil, unwegsam und Kräfte zährend.

Nur wenige Auserwählte, wie meine Frau Martine gehen als komplett Ahnungslose zum „Siegfried“ in die Staatsoper Berlin, sitzen bewegungslos da, wie gebannt, mit weit offenen Augen und Ohren, applaudieren frenetisch, als nach 4 Stunden der letzte Takt ausklingt und sind Richard Wagner und seinem Monumentalkunstwerk hoffnungslos verfallen.

Weniger glückliche benötigen ein gerüttelt Mass an Motivation, Ausdauer, Frustrationsresistenz und nicht ganz unerhebliche Mittel, um die Strecke vom Ignoranten zum Freak zurückzulegen. Für all jene, hier mein ganz persönlicher Weg zur Tetralogie.

Den optimalen Einstieg in den Mythos und das Gesamtkunstwerk bietet ohne jeden Zweifel das CD Doppelalbum der „Deutsche Grammophon“, „Loriot erzählt Richard Wagners Ring“ (35€).
Mit Witz und Verve erzählt der grosse Bildungsentertainer die Story von Wotan, Fricka, Brünhilde, Siegfried, Hagen und Konsorten. Musikalische Beispiele aus zentralen Szenen bringen erste Kontakte mit der Musik. Mein Tipp: So oft anhören bis die Geschichte sitzt und die Musik einigermassen familiär wird.

Sollten sie zu diesem Zeitpunkt der Musik noch gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen ist das nicht weiter beunruhigend. Sie haben die Tür zum „Ring“ gerade erst einen Spalt geöffnet.

Ab jetzt benötigen sie eine Gesamtaufnahme der Tetralogie. Als Budget sollten sie 100 –   120 € veranschlagen. Für 15 Stunden Musik ist das wahrhaftig kein schlechter Preis. Ich empfehle die Einspielungen von Solti, Barenboim oder Haitink.

Jetzt brauchen sie noch Richard Wagner – Der Ring des Nibelungen – Serie Musik – Atlantis-Schott, 12,95€.  Das Buch enthält das vollständige Libretto von „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“, „Götterdämmerung“. Am Rande, neben dem Text, ist die Bezeichnung des jeweils erklingenden Leitmotives bzw. der jeweils erklingenden Leitmotivkombination, notiert. Die Anhörung der CDs kombiniert mit der akribisch zeitgleichen Lektüre des Textes perfektioniert nicht nur die Kenntnis des Inhaltes, sondern ist, über die Identifizierung der Leitmotive, eine ideale Einführung in die musikalische Struktur. Das ist der Schlüssel zum „Ring“. Mein Tipp: Das ganze zweimal komplett und konzentriert durchexerzieren.

Nun sollte der Knoten so langsam platzen, der Groschen so langsam fallen, Gleichgültigkeit und Langweile von unbändiger Begeisterung vertrieben werden.

Ergänzend empfehle ich das CD Doppelalbum von DECCA „An introduction to Der Ring des Nibelungen“ – Deryck Cooke (25€). 193 Musikbeispiele aus der historischen Solti Einspielung illustrieren hier die zentralen Leitmotive (etwa 2 Dutzend) mit vielen Varianten und Kombinationen.

Sie sind nun reif für den Gang in die Oper. Mein Tipp: „Die Walküre“ in der Deutschen Oper Berlin oder „Siegfried“ in der Staatsoper Berlin. Die Inszenierungen von Götz Friedrich bzw. Harry Kupfer machen die Klassiker des Musiktheaters zu absolut atemberaubenden Thrillern. Sie werden sich die Kehlen heiser schreien und die Hände wund klatschen.

Peter Wapnewskis „Ring des Nibelungen“(13,95€) bietet nun willkommene Abrundung und Vertiefung. Die mitreissende Rasanz der Erzählkunst des Germanistikprofessors zieht den Leser in ihren Bann. Bildhaft, durchaus humorvoll und kennerhaft hintergründig wird nicht nur die Handlung aller 4 Werke detailgetreu abgewickelt sondern auch die Musik in Worte übersetzt, die die Töne im „geistigen Ohr“ erklingen lassen.

Der „Ring des Nibelungen“ wäre als Hörbuch mit musikalischer Untermalung der geradezu ultimative Einstieg in den Ring. In der heutigen Taschenbuchform ist es die optimale Lektüre für alle, die bereits im Bannkreis der Tetralogie stehen und nun tiefer in ihren Sog geraten wollen. Die Wiedergabe des Inhalts ist ein spannungsgeladener Phantasy-Thriller. Kompetent, kurzweilig und verständlich, klärt der Autor Zusammenhänge, die die einzelnen Werke miteinander verbinden, entwirrt das komplizierte Geflecht der Handlung, charakterisiert treffsicher die zahlreichen Akteure des Mythos.

In diesem Stadium sind sie Wagner mit Haut und Haaren verfallen, reif für die Gesamtheit der 4 Abende in Bayreuth, Berlin, München, Karlsruhe oder wo auch immer.

Wie eingangs gesagt, der Aufstieg zum „Ring“ ist steil… Die Aussicht vom Gipfel ist jedoch phantastisch, unvergesslich. Eine nie versiegende Quelle unbeschreiblichen Genusses!!!

HPK

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1 Kommentar zu “„Der Ring des Nibelungen“ – Peter Wapnewski oder „Weg zu Wagners Weltdrama“”

  1. six (Sonntag, der 17. Oktober 2010)

    Es wird die letzte, große Reise meines Lebens sein, versprochen. Für den erstklassigen Reiseführer ein großes Dankeschön und 5 Sterne.

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