II. Le Mans – Moskau  27.5.09  – 29.5.09

Mit Tempo 300 rauscht der TGV durch die Kornfelder des Départements Eure et Loir nach Paris Montparnasse, von dort sind es 14 Metrostationen zur Gare du Nord und dem „Bistro des Belges“.

Zwei Biere später sitzen wir im Thalys nach Brüssel und Köln.

Am Montagabend ist der Bahnhofplatz am Dom kalt, windig und menschenleer. 3 Stunden Wartezeit vergehen in einer nebligen Raucherkneipe bei Spargelsuppe und Holsteiner Schnitzel, einigen Einkäufen, wir werden morgen Mittag in Polen keinen Speisewagen haben, zwei Kölsch und Barcelona – Manchester im Bahnhofslokal. Wir sehen beide Tore und freuen uns mit Thierry Henry.

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Der Zug nach Moskau ist russisch, das Personal russisch, die Passagiere ausnahmslos russisch, die einzige Sprache ist Russisch.

Die Wagen sind in hervorragendem Zustand, Klinken und Fensterrahmen blitzen, die Transparenz der Scheiben ist perfekt, die Teppiche frisch gesaugt, kein störender Kratzer auf der hellen Lackierung der Wandverkleidungen, die sanitären Anlagen sind gepflegt.

Das Abteil der  „provodnika“, Schaffnerin unseres Wagens, verantwortlich für die Sauberkeit und Schutzengel der Passagiere, soweit man sich mit ihr verständigen kann, ist am Ende Gangs. Dort steht auch der kohlebeheizte Samowar.

Die Ausstattung unseres 2-Personenabteils besteht aus einem kleinen Waschbecken rechts unter dem Fenster und 2 übereinander liegenden Betten. Der Platz für Gepäck ist unerwartet knapp bemessen, wie die Beinfreiheit der Passagiere. Auf dem unteren Bett sitzend berühren die Knie fast die Wand. Einige Haken und Kleiderbügel sind die Garderobe. Das gebügelte Bettzeug ist in Kunststoff eingeschweisst, mit je 2 Handtüchern pro Person.

Alles verspricht eine gemütliche Reise.

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Um 6:15 ziehe ich die Vorhänge auf, wir passieren gerade Berlin Wilhelmshagen. Meine persönlichen Indikatoren stehen auf grün, ich habe wunderbar geschlafen, braue einen Tee am Samowar und rauche eine Zigarette in der „neutralen„ Zone am Wagenende.

k2_MIrk_1Langsam treten nun auch unsere Mitreisenden an das Licht des jungen Tages: Zwei respektable moskovitische Omis, deren Attraktivität der frühen Jahre noch deutlich durch den Schleier des Alters scheint. Jede bewohnt ein Abteil, Zeichen hochbürgerlicher, materieller Unabhängigkeit. Beide haben die Koffer voll von Naturalien und sind, ausser zur Zeit der Morgentoilette, kaum zu sehen. Einige Paare in den Siebzigern leben fast ausschliesslich hinter geschlossenen Abteiltüren.

Der polnische Speisewagen hat die Allüre einer Fast-Food-Bude an einer kaum befahrenen Landstrasse in der trostlosen Einsamkeit Nord Dakotas. Das Schwerarbeiterfrühstück besteht aus einer gebratenen Bockwurst (garantiert 90% Fett), ein paar Bratkartoffeln, ein bisschen Rührei, einer halben Tomate, Brot und Butter.

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Der Reiseverlauf ist eher unspektakulär:

Fichten- und Mischwälder, Felder, Dörfer und Siedlungen an deren neu geputzten Fassaden und frisch gedeckten Dächern man den noch schüchternen Wohlstand erkennt, der sich, seit dem Eintritt in die Union, in Polen verbreitet.

Am Grenzübergang nach Belorussland sind 3 Stunden Aufenthalt. Wir müssen in die Werkstatt. Das Chassis des Zuges wird, mitsamt Passagieren, von einer Hebebühne, auf ein Drehgestell oder Laufwerk gehievt, das dem Gleisabstand der russischen Normen entspricht. Alain ist fasziniert von der veralteten Technik, ich vertiefe mich in meine Lektüre.

Pass- und Zollkontrolle sind schnell erledigt.

k2_MIrk_3Langsam bewegt sich der Zug in Richtung Brest, vorbei an hunderten von geradlinig angeordneten, dicht aneinander gedrängten Holzschuppen, Wellblechbaracken und wacklig gemauerten Katen. Schiefe Schornsteine ragen aus den Dächern, verrostete Portale hängen müde in den Scharnieren. Brasilianische Favelas? Indiens Elendsviertel? Wir vermuten verlassene Kasematten der roten Armee. In Wahrheit handelt es sich um „Garagendörfer“, ein typisch russisches Phänomen, von Moskau bis Sibirien. Garagen waren im sozialistischen Wohnungsbau nicht eingeplant. Die Kameraden griffen zur Selbsthilfe und bauten Satellitendörfer für Autos neben den grauen Vorstädten des Kommunismus.

Die Landschaft ist unverändert, Feld, Wald, Wiesen. Die Dörfer sind nun ärmlich, die Fassaden heruntergekommen, die Gärten gepflegt.

Am Abend bietet der belorussische Speisewagen willkommene Abwechslung. Einrichtung und Ambiente entsprechen einer abgewirtschafteten Eckkneipe im Bitterfeld der siebziger Jahre. Das schäbig ausstaffierte Personal spricht nur russisch, die Karte ist in kyrillischer Schrift. Der knackfrische Gemüsesalat und das schmackhafte Gulasch sind eine gute Überraschung. Lokale Währung haben wir nicht und verstehen nur Bahnhof. Die Rechnung in € ist entsprechend horrend.

Die Nacht vergeht im Tiefschlaf. Bei Sonnenaufgang sind wir in Russland, eine Passkontrolle fand nicht statt. Seit der Einreise in Belorussland sind wir in einer Art russischer Schengen Zone.

HPK

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