Hans-Peter Kühn
Donnerstag, der 11. April 2013

Sein und Zeit

Hatte gestern eine interessante Diskussion mit Detlev, über Kommunikation im Internet.

Es scheint, dass etwa 1% der Leute schreiben, 9% kommentieren und 90% entweder nur lesen oder überhaupt nicht lesen. Fast alle dieser überwältigenden Mehrheit „haben keine Zeit“.

Damit sind wir beim Thema!

„Habe keine Zeit“, suggeriert, dass man Zeit „Haben“ kann, offenbar das Privileg einer Minderheit der Besitzenden. „Zeit haben“ impliziert nun die Möglichkeit Zeit einzulagern, um im Bedarfsfall auf sie zurückzugreifen.

Damit eröffnet sich die verführerische Perspektive eines Zeitkellers, mit Flaschen und Fässern unterschiedlicher Jahrgänge. Je älter desto besser, denn allgemein gilt ja, dass die Zeit früher langsamer verging als heute oder dass die Zeiten damals besser waren. In der Flasche des Jahrgangs 1985 ist damit bedeutend mehr an Menge und Qualität des begehrten Stoffes, als in einer Flasche des noch jungen 2011.

Leider ist es nun unmöglich, wie in Afrika beim Wasserholen durchaus üblich, unsere Frauen morgens zum Zeitbrunnen, an den Zeithahn oder an die angezapfte Zeitpipeline zu schicken, um einen Behälter der kostbaren Substanz abzufüllen und mit stolzer Haltung, auf dem Kopf, nach Hause zu balancieren. Damit wird klar, man kann Zeit nicht „Haben“. Die Argumentation der schweigenden Mehrheit wird damit hinfällig.

Folglich kann man Zeit auch nicht bekommen, gewinnen (Gibt es Zeitlotterien?), verlieren, abbauen, ernten…

Stellt sich die letzte Frage: Brauchen wir Zeit??? Im Nichts gibt es keine Zeit, das wiederum bedeutet: Die Zeit braucht uns!!!

HPK

3 Kommentare zu “Sein und Zeit”

  1. rd (Donnerstag, der 11. April 2013)

    Wenn man Zeit „nicht bekommen, gewinnen, verlieren, abbauen, ernten …“ kann, dann kann man sie auch nicht verschwenden. Also – Schluss mit Zeitmanagement.

    🙂 Aber vielleicht kann man sie genießen?

  2. six (Donnerstag, der 11. April 2013)

    Und wieder einmal kommt alles Übel von der Kirche. Im französischen horloge (Uhr) steckt es noch drin, denn horloge kommt von hora lego (Gebetsstunde). Der sollten wir uns regelmäßig unterwerfen. Noch anfangs der Industrialisierung wurden die Arbeiter von der Polizei in die Fabriken geprügelt, weil sie sich nicht an die festen Uhrzeiten gewöhnen konnten. Kein Wunder, als Bauern haben sie sich in ihrer Arbeit an Wind und Wetter orientiert und an so groben Zeiten wie Tag und Nacht. Heutzutage sind die meisten Sklaven der Zeit und die allerwenigsten die Herren. Dazu haben wir dann die passenden Krankheiten wie Burnout erfunden, damit wir uns nicht als dumme Zeitsklaven entlarven müssen, sondern als bemitleidenswerte, unverschuldet in Krankheit geratene „Zeitgenossen“.

  3. Tilman Moser (Donnerstag, der 11. April 2013)

    Ich stimme zu, dass man Zeit nicht „haben“, bzw. „besitzen“ kann. Aber man kann sich stets Zeit nehmen… für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

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