Hans-Peter Kühn
Samstag, der 10. Oktober 2009

Zeitloses Reisen für Zeithaber – Auf Schienen nach Tibet – Folge 1

Der IF-Blog wird um eine Serie reicher. IF-Blog-Autor Hans-Peter Kühn, gut bekannt von seinen Buch-Rezensionen, ist im Mai diesen Jahres von Le Mans in das Reich der Mitte gereist. Er berichtet uns über seine Erfahrungen und Impressionen. Von seiner fast 20.000 km lange Reise, beschreibt er die Landschaft und Städte sowie deren Bewohner. Er gibt uns Einblicke in die Kultur der Regionen und liefert hilfreiche Tipps, die jedem, der auch eine Reise in diesem Format machen will, nützlich sein werden.

Ein Blick auf die Karte zeigt anhand der Luftline den Streckenverlauf.

Le Mans – Shanghai auf einer größeren Karte anzeigen.

Ich schreibe nicht für Internetties, die unter Globalität doch nur das rechteckige Universum des Flachbildschirms verstehen und sich Scrum-Poster an Stelle von Weltkarten an die Wand pinnen, sondern für alle, die losziehen wollen, um die Welt und ihre Wunder am eigenen Leibe zu erfahren.

Prolog

prolog_1Ich träumte oft von Tibet…

von Horizonten unendlicher Melancholie, von kristallklarer Luft, von glühend weissen Gipfeln und Gletschern, von Yaks, schwarze Punkte auf dem grünen Teppich endloser Hochtäler, von wettergegerbten, zerfurchten Gesichtern, von Nomaden der Einsamkeit.

Ich höre das Klingen der Glocken, das Flüstern des Windes, das Klatschen der Gebetswimpel in einer Welt der Stille und sehe den Tanz der Schatten auf geheimnisvollen Zeichen.

prolog_2In dunklen Tempeln schwelt  russiger Rauch, der ranzige Duft der Kerzen aus Yakbutter. Obskurer Schein fällt auf golden lächelnde Buddhas vor exotischen Fresken leuchtender Farben.

Ich träumte von einer Reise nach Tibet, vom Weg als Ziel, von langsam schmelzenden Tagen im Zug, durch Europas Osten, durch die Taiga Sibiriens, die mongolische Steppe, die Wüste Gobi.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Selbst die längste Reise beginnt mit einem einzigen Schritt.“

Bei der Planung gilt: „If anything can go wrong, it will go wrong”.

I.  Vorbereitungen

prolog_3Eigentlich begann alles vor mehr als 50 Jahren, mit der Lektüre von Sven Hedin, „Mikhael Strogoff“ und einem Reisebericht aus den 20ziger oder 30ziger Jahren, „Ein Ritt für Deutschland“. Die Jugendträume von den unendlichen Weiten Sibiriens und rätselhaften Geheimnissen des verbotenen Tibet überdauerten die Jahre…

Anfang der 90ziger, als die eisernen Vorhänge fielen, entstand der Plan für eine Zugfahrt nach Bischkek in Kirghisien. Irgendwie verloren wir das Projekt aus den Augen. Es gab wohl andere Prioritäten, Australien, Rajastan, Guatemala, Tansania, Laos, Kambodgia.

Im Frühling vorigen Jahres wurde es konkret. Aus einem Reiseprojekt mit der „Transsib“ wurde der Landweg auf Schienen, von Le Mans nach Lhasa und Shanghai, via Moskau, Irkusk, Ulaan Baator, Beijing und Xian. Summa summarum schlappe 19.500km.

Dann startete ein administratives Hindernisrennen, um die erforderlichen Visa in die Pässe zu bekommen…

Visa

* Belorussland

Das Transitvisum, für die Durchreise mit dem Zug, erfordert unter anderem Papierkram, ein Ticket nach Moskau und ein Touristenvisum für Russland.

* Russland

Zentrales Dokument ist der „visa support“, eine Einladung nach Russland. Das klingt zunächst einfach…

Der Brief des russischen Kumpels genügt keineswegs. Jeder Schritt der Reise muss den Behörden gegenüber dokumentierbar sein. Hotels zum Beispiel schicken „visa supports“ bei entsprechender Reservierung. Wie jedoch bekommt man den für die 3 Tage und 4 Nächte im Transsibirienexpress?

Empfehlenswert ist die Organisation von Transport und Logis in Russland sowie der Mongolei über eine Agentur in Moskau. Im Gegenzug erhält man „visa supports“ für den Aufenthalt in beiden Ländern.

* Mongolei

Die Einladung, falls erforderlich, läuft über die Agentur in Moskau. Es gibt jedoch einen zeitlichen Engpass: Einreise- und Ausreisetickets sind für das Visum unbedingt erforderlich, die Plätze im Zug Ulaan Baator – Beijing kommen jedoch erst 10 Tage vor dem Reisedatum zum Verkauf. Folglich ist es unmöglich das Visum in Deutschland einzuholen.

Einzige Möglichkeit ist die Beantragung im mongolischen Konsulat in Irkusk. Das Visum hat man am nächsten Tag.

* China

Auch hier müssen Einreise- und Ausreisetickets vorgelegt werden. Auch hier ergibt sich ein Engpass aus der Tatsache, dass das Zugticket nach China  erst 10 Tage vor Abfahrt verkauft wird. Folglich wird das Visum bei der chinesischen Botschaft in Ulaan Baator beantragt. Die Express Prozedur benötigt 24 Stunden.

Zusammenfassend ergibt sich: Beantragung in Deutschland für Russland und Belorussland, in Irkusk für die Mongolei, in Ulaan Baator für China.

Alle dargestellten Prozeduren und Komplikationen unterliegen selbstverständlich Variationen, schliesslich sind derartige Institutionen Jobgarantien für Technokraten und Funktionäre.

Den aktuellen Stand erfährt man auf den Internetseiten der Botschaften.

HPK

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