Hans-Peter Kühn
Mittwoch, der 25. November 2009

Zeitloses Reisen für Zeithaber – Auf Schienen nach Tibet – Folge 12

IX. Beijing   15.6.09  –  18.6.09

k7_Beijing_1Wären nicht all die Chinesen, all die unvertrauten Schriftzeichen, der Vorplatz des Zentralbahnhofs von Beijing könnte in hunderten von Grossstädten unserer modernen Welt sein. Gläserne Bürobauten, spiegelnde Fassaden, mächtige Wohnklötze ragen stolz in das massive grau des Himmels ohne Sonne einer 16 Millionen Stadt.

Emsiges Leben pulsiert. Ein nie abreissender Strom von Autos, elektrischen Fahrrädern und Passanten wälzt sich durch die breiten, oft von Bäumen gesäumten Strassen, über Stadtautobahnen, Fussgängerbrücken und im tiefen Tunnelsystem einer hochmodernen U-Bahn.

k7_Beijing_9Im Zuge der galoppierenden Globalisierung verstecken sich die letzten Spuren exotischer Vergangenheit teils schamvoll, teils plakativ aufgemöbelt in einer hochglanzpolierten Metropole.

Das Novotel Xin Qiao liegt direkt an der Metrostation Chongwenmen, nur 2 Stationen vom Zentralbahnhof. Von hier sind es 15 Minuten Fussmarsch zur verbotenen Stadt.

k7_Beijing_3Der Tienanmen Square ist ein gigantisches Rechteck. In der Mitte thront das Mao Mausoleum.

Schon am frühen Morgen, lange vor der Öffnung, bildet sich hier eine lange Schlange von chinesischen Touristen. Offenbar ist die Popularität des Steuermanns, selbst in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft, ungebrochen. Sein Porträt prangt über dem Eingang zur verbotenen Stadt, am Nordende des Platzes.

k7_Beijing_2Die Residenz der Kaiser ist mit ihren ziegelroten Mauern, gelben Dächern (die imperiale Farbe), tiefroten Pfeilern, bunt bemalten Deckenbalken und marmornen Estraden und Treppen eine zwar prunkvolle jedoch trostlos leere Schale, der blinde Spiegel einer vergessenen Vergangenheit.

Weiter nordöstlich verbergen sich die letzten Hutongs, ein verwirrendes Labyrinth von Strassen und Gassen. Überbleibsel des traditionellen Beijings, als Touristenattraktion verschont von den Bulldozzern der Globalisierung.

k7_Beijing_8Eng drängen sich die Fassaden der winzigen Backsteinhäuser mit ihren geschwungenen, pagodenartigen Ziegeldächern um die letzten Funken asiatischer Exotik: Rickshaws, Reishüte, schwer beladene Karren, mit Obst und Gemüse reich bestückte Stände, gestapelte Säcke von Gewürzhändlern, Bassins mit lebenden Fluss- und Seetieren, glasierte Enten in Vitrinen obskurer Kantinen, Strassenfriseure und müssig hockende Schwätzer vor den gruseligen Auslagen traditioneller Apotheken: Getrocknete Kröten, Schlangen, Tausenfüssler, Seepferdchen.

k7_Beijing_10Bei Morgengrauen fällt der Blick des frühen Joggers, im Park des Himmelstempels, auf erhabene Bewegungen und erstarrte Gesten schemenhafter Gestalten. Taichi ist Nationalsport der Rentner des Reiches der Mitte. Im schüchternen Morgenlicht zerfliesst die Silhouette der zentralen Pagode vor einem dunstigen Himmel.

Hinter dem sehrenden Schleier des Smogs sind selbst Hochhäuser und Einkaufszentren heute kaum zu erkennen. Im Stadtkern ist die Sichtweite nicht mehr als 100m. Manche schmoren im eigenen Saft, Beijing erstickt in seinen Abgasen.

k7_Beijing_7Wie eine Achterbahn schlängelt sich The Great Wall durch Niederungen und über Gipfel, auf dem Kamm der bewaldeten Berge im Norden Beijings. Die Zinnen und Wachtürme wirken von weitem wie die Zacken auf dem Rücken eines schlafenden Dinosauriers.

Die Begehung der 6 Türme auf dem Abschnitt bei Mutianyu ist atemberaubend mühevoll, der Anstieg der Mauer schwindelerregend steil, die Treppen teilweise ungewöhnlich hoch.

Praktische Hinweise

* Logis

Novotel Xin Qiao kann man über die Internetseite der Gruppe Accord direkt anmailen. 55€ pro Nacht für ein grosses Doppelzimmer mit Frühstück sind ein hervorragender Preis für dieses echte 4 Sterne Hotel mit ausgezeichneter und preiswerter Restauration.

* Transport

Das U-Bahnnetz ist, auch für Ausländer, ausgesprochen benutzerfreundlich. Alle Fahrpläne und Stationen sind in Englisch übersetzt, die Stationen werden während der Fahrt zweisprachig angesagt. Ein Ticket kostet 0,20€.
Taxis gibt es wie Sand am Meer. Alle sind mit Taximeter versehen, der Preis einer Stadtfahrt ist 1€ bis 2€.

* Restauration

Der Preis eines Hauptgerichtes in einem guten Etablissement ist zwischen 3€ und 5€. Für Schwalbennester, Abalonen und ähnliche Delikatessen muss man bis zu 50€ ausgeben. Eine Pekingente kostet in den besten Häusern 20€ – 30€ für 2 Personen.

In typisch chinesischen Tavernen kann man sich für 2€ satt essen, sollte jedoch weder Englisch sprechendes Personal noch übersetzte Speisekarte erwarten.

* Besichtigungen

Verbotene Stadt 6€

Eine Tour zur chinesischen Mauer kann beim Hotelportier gebucht werden. Preis, 30€ für 2 Personen mit Auto, Chauffeur und Führer, inklusive aller Eintrittstickets. Abfahrt vom Hotel 8:00, Rückkehr 16:00.

Neben der Mauer beinhaltet das Tagesprogramm: Gräber der Ming Dynastie, Cloisonné Fabrikation, Seidenverarbeitung, Teezeremonie, Diagnose eines chinesischen Doktors.

Die Zeremonie im Teehaus lässt sich nett an, entpuppt sich jedoch als reine Verkaufsveranstaltung. Wer dem Charme der Hostessen zum Opfer fällt, zahlt stark überhöhte Preise…für den Tee.

Beim chinesischen Doktor unbedingt die 30 Minuten Fussmassage (3€) mitnehmen, sie ist ein Genuss. Der Onkel Doktor ist ein weiser alter Mann im weissen Kittel. Methode ist die Pulsdiagnose. Sie mündet unweigerlich in ein leichtes Problem mit den Nieren oder der Leber. Die angebotenen chinesischen Medikamente sind meist Nahrungsergänzungsmittel, doppelt so teuer wie im Reformhaus zu Hause.

HPK

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