Hans-Peter Kühn
Donnerstag, der 12. November 2009

Zeitloses Reisen für Zeithaber – Auf Schienen nach Tibet – Folge 7

IV.  Moskau – Irkusk   1.6.09  –  5.6.09

Der Platz der drei Bahnhöfe (Metro Komsomolskaya), Iaroslavsky vokzal, Kazansky vokzal und Leningradsky vokzal ist ein Ameisenhaufen. Es wimmelt von Autos, Karren, Gepäckträgern, Motorrädern, Herumlungerern und gestressten Passagieren, auf der Suche nach dem richtigen Bahnhof.

Unser Transibirienexpress fährt aus Iaroslavsky vokzal, ein bizarres Beispiel des „russian revival style“, einer Bewegung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Elemente der russischen Architektur vor Peter dem Grossen mit byzantinischer Baukunst vereinigt. Ein verstaubtes, disneylandartiges Schloss, geradewegs aus einem russischen Märchen.

Die Bahnsteige finden wir hinter einer Ansammlung von Kiosken aus denen Reiseproviant, Wodka, Zigaretten und Süssigkeiten buchstäblich herausquellen.

Endlich erscheint Train no. 2 auf der Anzeigetafel, natürlich nur in Kyrillisch.

Die Innenausstattung ist nagelneu und blitzsauber, der Geruch frischen Lackes hängt  noch in der Luft. Wir reisen in der II. Klasse, jedoch unter besseren Bedingungen als in der ersten. Im Klartext bedeutet das: In einem Abteil für 4 Personen, haben wir alle 4 Plätze gekauft. Der Preis ist der gleiche wie für die I. Klasse, allerdings haben wir bedeutend mehr Platz, vor allen Dingen für das Gepäck. Bettzeug und Handtücher liegen bereit, der Samowar im Gang brummt und der schüchternen „provodnika“ habe ich sogar ein Lächeln abgerungen. Es kann losgehen…

Wegen der späten Abfahrtszeit ist im Speisewagen heute Abend Fehlanzeige, früh nimmt uns Morpheus in seine Arme.

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Vier Nächte und drei Tage ziehen ins sibirische Land…

Ich kann mich auf meine Lektüre konzentrieren, die Landschaft ist flach und abwechslungslos. Birkenwälder, Mischwälder, Sümpfe, Birkenwälder… In vereinzelten Dörfern stehen erbärmliche Holzkaten an vermatschten, fast unbefahrbaren Wegen und Strassen. Hin und wieder eine Industrieruine mit überwucherten Mauern und blinden Scheiben oder die einsamen Miradore stacheldrahtumzäunter, verlassener Gulags.

Über Niznij Novgorod, Jekaterinburg und Omsk erreichen wir schliesslich Novosibirsk am sagenumwobenen Ob. Vereinzelte Babuschkas bibbern auf dem Bahnsteig, das magere Angebot frischer Lebensmittel in Plastiktüten von Lidl. Die Städte sind riesige, trostlose, graue Gebilde aus Wohnburgen  sowjetischer Zeit und qualmenden Schornsteinen klappriger Fabriken. Je weiter nach Osten desto weniger Neubau und Restaurierung. Wir halten nur spärlich und für kurze Zeit. Hinter Krasnojarsk wird die Landschaft hügeliger. Morgen früh sind wir in Irkusk.

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Unsere Wegbegleiter sind überwiegend Russen. Zwei Israelis erscheinen uns mossadverdächtig, der jüngere spricht angeblich mehr als 15 Sprachen, in jedem Fall fliessend Russisch, Englisch, Deutsch und Französisch. Sein Kumpan trägt einen Rauschebart und ist offensichtlich orthodoxer Jude. Sie waren 4 Wochen in der Ukraine, in Moskau nur zum Transit. Im Speisewagen sind sie nie zu sehen, sie essen nur kosher.

Ein schnurrbärtiger Typ mit der Statur eines mongolischen Ringers, räkelt verschlafen seinen bierbäuchigen, nackten Oberkörper im Gang

Der einzige Engländer zeigt sich nur selten.

Eine gern gesehene Besucherin bei uns ist die blonde, blauäugige Nastia, die achtjährige Tochter eines Offiziers aus Komsomolsk-na-Amure, einem entlegenen Winkel Ostsibiriens, nördlich von Chabarovsk. Ihr Vater hat seine drei Worte Französisch bei mir untergebracht. Nastia spielt leidenschaftlich Domino und Dame. In keiner der zahlreichen Partien haben wir die geringste Chance. Als charmanter Schutzengel vertreibt sie fliegende Händler mit einem entschiedenen „ne russki“ (das sind keine Russen) von der Schwelle unseres Abteils.

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Der Speisewagen ist ein authentisches Überbleibsel vom Luxus sowjetischer Prägung. Ich meine nicht nur die Weinranken aus Kunststoff  über dem Durchgang zur Bar oder die synthetischen Blumen auf den Tischen, nicht das eintönige Essen aus fetttriefenden Bratkartoffeln und undefinierbarem Fleisch.

k2_MIrk_2Für die sechsköpfige Crew von Bar und Restaurant, von denen 5 permanent mit Tee, Kaffee und Zigarette quatschend herumsitzen und die Reisenden keines Blickes würdigen, sind wir nicht mehr als ein lästiges Requisit in einem subventionierten Universum des gelangweiltem „far niente“. Auf der Speisekarte keine Spur eines vertrauten Buchstabens oder gar einer Übersetzung. Das englische Vokabular des bauchlastigen, behäbigen Kellners ist mit meat, fish, beer und potatoes ausgeschöpft. Kunden sind tagsüber eine Rarität, für Russen ist es wohl zu teuer, Ausländer werden systematisch vergrault. Hin und wieder treffen wir 2 junge Schweden und ein Pärchen aus Wales.

Der Tag geht und Spass kommt am Abend mit einer finnischen Reisegruppe:

Zwei Dutzend wackere, unternehmungslustige Mittfünfzigerinnen nebst einer Handvoll Männern als Beiwerk, sind unterwegs nach Wladivostok. Die russische Reisebegleiterin fungiert auch als Sprachlehrerin. Erklärtes Ziel der Reise ist die Verbesserung der Russischkenntnisse: 14 Tage Hin- und Rückreise mit dem Zug bei täglichem Lehrprogramm und 5 Tage Aufenthalt im extremen Osten Sibiriens.

Nach dünner Suppe, fetter Sauce, Bier und Wodka kramt Alain seine Notenblätter heraus und lässt, unter dem frenetischen Jubel der nordischen Walküren, seinen Heldentenor erklingen: „Kalinka“ gefolgt von einer Liebesarie aus „Eugen Onegin“. Die Begeisterung kennt keine Grenzen, bis repitita für „Kalinka“, alle singen mit, es wackeln die Wände, der „Russki Standard“ fliesst in Strömen…

Die Crew des Speisewagens bläst Trübsal, Unlust, Gleichgültigkeit… um 22 Uhr wird dicht gemacht, nur keine Überstunden!

Praktische Hinweise

* Reiseverpflegung

Süssigkeiten, Kekse und Früchte sollten in Moskau gekauft werden. Im Speisewagen und auf den Bahnhöfen ist das Angebot eher spärlich.

* Speisewagen

1 Frühstück 12€ – Es gibt Tee, Kaffee, Wurst, Scheibenkäse, Brot, Butter und ein Spiegel- oder Rührei.

Mittag- und Abendessen 20€ pro Person für eine Hauptspeise mit Vorgericht und Getränk.

1 Bier 1,5€  –  1Wodka 3,5€ (20cl)

Fazit, hohe Preise, geringe Qualität. Selbstversorgung, zu einem bestimmten Grad, ist empfehlenswert.

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