Klaus Hnilica
Dienstag, der 29. März 2016

Auf verlorener Sohle

Carl und Gerlinde (Folge 48)

„Entweder hast du die Scheißerei, bist besoffen oder hängst vor der Glotze beim Fußball!“ bellte Gerlinde vom Balkon ins abgedunkelte Zimmer ihres heiß geliebten Hotels Barceló Santiago.

ZZZZZZ_173721„Ach Gerlinde! Sei doch nicht so ekelhaft, wenn ich mir einmal tagsüber ein Bierchen gönne und dem Kloppi seinen FC Liverpool anschaue“, motzte Carl zurück und rekelte sich genüsslich in seinem Bett, ohne den Bildschirm an der Wand auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen! Schließlich ging’s doch um etwas bei dieser Europa League! Und die tapferen Augsburger hielten nach dem überraschenden Führungstreffer der Klopp Truppe immer noch wacker dagegen…

„Ja, ja red’ du dir nur alles schön! Ich hab’ mir jedenfalls unseren Frühlingsurlaub auf Teneriffa anders vorgestellt!“ meckerte Gerlinde unbeirrt weiter, obwohl ihr Gemecker kläglich unterging im Getöse des Atlantiks an dem schwarzen Riff – gleich unterhalb des Hotels.

Verärgert warf sie sich schon zum fünften Mal an diesem Nachmittag in ihren Liegestuhl und starrte trübsinnig auf das kitschig blaue Meer mit dem archaischen Dreimaster in voller Takelage, von dem aus wieder unzählige genarrte Touristen vergeblich Ausschau nach Delfinen und Walen hielten.

Genau so vergeblich, wie sie seit Stunden ihren Carl in die Frischluft zu lotsen versuchte: dabei hatte sie drei Jahre ihren hartleibigen Urlaubsmuffel bearbeitet, bis er endlich bereit war mit ihr auf diese ungeliebte Insel Teneriffa zu fliegen – auf der ihr ‚Ex-Mann’ Jürgen immer noch das ehemals gemeinsame Apartment hatte.

Ja – volle drei Jahre nagende Überzeugungsarbeit waren das gewesen, und dann hockt dieser Saukerl im Hotelzimmer vor der Glotze, oder ist bestenfalls dazu zu bewegen seinen Buttermilchkadaver ein Stockwerk höher in die Poollandschaft zu schaffen, um ein paar klägliche Runden  zu drehen: natürlich mit Sonnenbrille und den Dickschädel immer schön über Wasser, damit ja die ‚Dauerwelle’ nicht nass wird, dafür aber der Nacken ausreichend schnell versteift, um nach spätestens fünf Minuten wieder aus dem Becken flüchten zu können…

Wenn es denn überhaupt fünf Minuten waren!

Denn der Poolrand wurde ständig von Bier trinkenden englischen Familien belagert, deren ‚brexit’- bereite Väter gerne balgten und häufig ihre widerspenstigen, kindlichen Monster wie fehlgeleitete nordkoreanische Raketen in Richtung Poolmitte katapultierten. Wer da im Pool durchhielt, hatte Glück und Pech gleichzeitig, denn bei diesen Überlebenden war nicht nur das Haupthaar tropfnass, sondern in den ausgelösten Riesenwellen zappelte unwiederbringlich auch jede Sonnenbrille, flink wie ein Zebrafischchen, dem unergründlichen Beckenboden entgegen…

Und wehe, wenn Carlchen auf seiner panischen Flucht vor diesem ‚britischen Tsunamichaos’ noch von einer verirrten Fallwindböe des im Hintergrund lauernden schneebedeckten Teides durchgeschüttelt wurde, dann war der Rest des Nachmittags auch für Gerlinde gelaufen!

Wortlos pflegte Carl bei solch unsäglichen Widrigkeiten sich in seinen übergroßen Bademantel zu werfen, jede noch so verlockende Sonnenliege zu ignorieren und stattdessen festen Schritts in Richtung Pool–Bar zu schreiten!

Selbstredend wich er von da nicht eher, bis er mannhaft vier doppelte ‚Carlos’ in seinen geschundenen Leib versenkt hatte – und das trotz herumnölender Gerlinde!

Kein Wunder, dass Carl nach soviel zur Schau gestellter Durchsetzungskraft dann schon mal einen Tag später, im Anschluss an das obligatorische Frühstückspiegelei, die vollkommen perplexe Gerlinde mit der Frage überraschte, ob sie spontan Lust auf eine kleine Wanderung hätte?

„Wie –  gleich heute?“

„Ja natürlich, wann denn? In zwei Wochen sind wir doch nicht mehr da?“

„ Ja von mir aus – du weißt ich bin immer für schnelle Entscheidungen zu haben, lieber Carl.“

„Deswegen lieb ich dich ja auch so, mein geliebtes Gerlindchen“, schleimte Carl und schaufelte unauffällig die von Gerlinde für sich bereit gehaltene Orangenmarmelade auf sein letztes Stück Weißbrot.

Da aber bereits um elf Uhr der Bus, zu der schon vor Tagen von ihr geplanten ‚Eingehwanderung’ fuhr, erübrigte sich ausnahmsweise jeder Protest!

Viel wichtiger war ihr, dass knapp vierzig Minuten später ihr ‚wandergeiler’ Carl, in voller Ausrüstung mit Rucksack und Wasserflasche neben ihr im Bus nach Santiago del Teide saß, und das für läppische 3 Euro 30 – für beide!

Kostengünstiger ging’s wirklich nicht!

Carl war auch bestens gelaunt: gleich mehrfach betonte er während der flotten, kurvenreichen Fahrt nach oben, dass es vermutlich nur wenige Paare gab, die so spontan und schnell Entschlüsse fassten und  einvernehmlich umsetzten, wie sie beide. Einmalig sei das – wirklich einmalig diese Harmonie zwischen ihnen beiden. Launig kniff er seine Gerlinde so fest ihn ihren nackten Oberarm, dass sie wie ein Ferkelchen quiekte. Und da Carl in Sachen Harmonie immer ausschweifender wurde und auch noch Kurt und Hannelore ins Spiel brachte, bei denen überhaupt nichts klappte, was sie gemeinsam unternahmen, war er bass erstaunt, als Gerlinde schon nach der dritten Station zum Aussteigen drängte und ihn umsichtig direkt zum Einstieg in den vorgesehenen Wanderweg lotste:

10,3 km bis Tamaimo!

„Das ist doch lachhaft“ jauchzte Carl, „das hüpf ich auf einem Bein runter“! Und schon sprang er ohne Wanderstöcke behänd von Stein zu Stein das erste Steilstück nach unten und wartete lachend auf Gerlinde, die sich lieber vorsichtig einwanderte.

Keine Frage, die Strecke war malerisch, die hatte Gerlinde gut ausgewählt. Links und rechts, die um diese Jahreszeit noch unbearbeiteten Terassenfelder, dazwischen gut gefüllte Teiche und grüne Wiesen bis zu den steil aufragenden Bergen dahinter. Und weit und breit kein Mensch, nur vereinzelte Palmen und ganz hinten ein weißes Haus. Irgendwo bellten ein paar Hunde.

Aber der Weg war nicht einfach!

Fast ununterbrochen ging es steil nach unten und auf den gelegentlichen flachen Teilstücken lag ausschließlich messerscharfes Geröll auf dem man echt nicht zu Fall kommen durfte.

Doch mit den guten ‚Lowa-Schuhen’ und hinreichender Kondition alles kein Problem, dachte Carl auch noch, als er schon spürte wie ihm plötzlich der rechte Schuh fort zu schwimmen drohte. Als er den Fuß forschend anhob, merkte er zu seinem Entsetzen, dass die gesamte Profilsohle weg hing; ein kleiner Riss und sie war gänzlich weg!.

„Und was nun?“, fragte Gerlinde besorgt.

„Weiß ich nicht!“

„Was ist mit dem linken Schuh?“

„Da ist sie noch dran – nein! Sie hängt auch schon weg…“

„Oh – Gott, was jetzt?“

„Nichts –  weitergehen“, grunzte Carl wie im Tran.

Und das tat er auch!

Und er tat es noch, als selbst die Restsohle an den Schuhen praktisch schon durchgetreten war. Und auch als die beiden Einlagen in den Schuhen bereits zerfetzt weg hingen! Und die Wandersocken nur mehr aus Löchern bestanden, und das Unterhemd und das T-Shirt um seine Fußsohlen sich in blutige Fransen auflöste…

Aber da hatten sie ja auch schon Tamaimo erreicht! Und eine Bar, von der aus sie, nach Cortado und Wasser – Gott sei’s gedankt – das rettende Taxi ins Hotel ordern konnten…

„Schade“ stöhnte Gerlinde, als sie dem freundlichen, jungen Taxifahrer ihr Ziel genannt hatte, „schade, dass das ausgerechnet am Beginn unseres Wanderprogramms passieren musste“!

Säuerlich stimmte ihr Carl zu, hatte allerdings für sich längst entschieden, dass ‚verlorene Sohlen’ am Ende eines von ‚Gerlinde geplanten Wanderurlaubs’ viel schlimmer waren – trotzdem durfte aus der saftigen Beschwerde an die ‚Firma Lowa’ kein jubelndes Dankesschreiben werden, soweit musste er sich schon, Gerlindes wegen, in der Hand haben…

KH

7 Kommentare zu “Auf verlorener Sohle”

  1. rd (Donnerstag, der 31. März 2016)

    Hi, das ist lustig, ich hatte genau dasselbe Erlebnis mit meinen Lowa-Schuhen im späten Herbst 2015 im Kleinwalsertal. Plötzlich waren beide Sohlen ab und es waren noch 2 Gipfel vor mir. Da bin ich froh, dass heute auf der chinesischen Mauer meine Leguano (Barfußschuhe) so gut durchgehalten hat. Also – Lowa ersetzen durch Leguano!

  2. Klaus Hnilica (Donnerstag, der 31. März 2016)

    Ja – und wenn ‚Lowa‘ empfiehlt immer Ersatzschuhe dabei zu haben kriegt Carl die Krise – und die vielen Leidtragenden, die er zwischenzeitlich kennt auch…

  3. rd (Freitag, der 1. April 2016)

    Du meinst, an den Rucksack immer ein zweites Paar binden? Da wäre ich mehr für Lowa-Austausch-Stationen, wie es diese für Akkus von e-Bikes ja schon gibt.

    Ich kenne übrigens Benutzer von Meindl-Schuhen, denen ist dasselbe passiert. Ursache sind wohl die modernen und sicher sehr billigen und das Ergebnis fördernden Schuhkonstruktionen aus Plastik, Pappe und Papp.

  4. KH (Freitag, der 1. April 2016)

    Hallo Roland, der Grund ist wohl bei den Meindl-und Lowa-Schuhen der PU-Dämpfungskeil! Dieses Polyurethan zerlegt sich durch Hydrolyse innhalb von 6 bis 7 Jahren, egal, ob die Suhe herumstehen oder ob man damit wandert, wodurch die Profilsohle den Halt zum Restschuh verliert und sich löst. Ich finde dieses Schuhkonzept passt voll zum 1. April, da kann man den beiden Firmen nur gratulieren!
    Dir noch eine schöne Zeit in China ‚auf hoffentlich festen Sohlen‘!

  5. rd (Freitag, der 1. April 2016)

    Das würde aber bedeuten, dass solche Unternehmen vorsätzlich ihre Produkte so her stellen, dass sie eine eingeschränkte Lebensdauer haben. Die ist mir mit kleiner 10 Jahren bei soliden Bergschuhen einfach zu kurz.

    Ein solche Strategie passt gut zum Turbokapitalismus, wie ich ihn ja gerade hier in China wieder so richtig erlebe. Man muss verkaufen und wachsen und Profit machen. Aber sollte eigentlich nicht der Anspruch von mitteleuropäischen Traditionsfirmen sein. Was Lowa und Meindl offensichtlich auch nicht mehr sind.

    Meine persönliche Schlussfolgerung:
    Nie wieder Schuhe von Lowa oder Meindl kaufen. Und wenn überhaupt noch mal feste Schuhe, dann in Zukunft nur noch gute Handwerksarbeit. Auch wenn sie dann ein mehrfaches der übrigens auch nicht ganz billigen Produkte von Lowa und Meindl kosten.

    Auf der chinesischen Mauer war ich übrigens mit Barfuss-Schuhen (Leguano) unterwegs – so wie in den ganzen zwei Wochen in China. War ein wenig anstrengender, aber ein wunderbares Gefühl für den ganzen Körper!!! Und das probiere ich auch beim nächsten Bergsteigen aus!

    Weil meine (vielleicht sehr späte) Erkenntnis ist, dass das einzig für den Körper Richtige das Barfuss-Laufen ist. Und da das in unseren Breitengraden und in unserer Kultur-Welt (Gegenteil von Naturwelt) eben nicht so ganz einfach ist, macht eine Art Fussbekleidung sicher Sinn. Die sollte aber genauso sein, wie es die „Barfuss-Schuhe“ sind. Also – ab jetzt immer wenn irgendwie möglich barfuss oder mit Barfuss-Schuhen.

    Diese Erkenntnis ist übrigens völlig unabhängig vom Bergschuh-Erlebnis entstanden …

  6. KF Pötter (Sonntag, der 3. April 2016)

    Also mit LOWA-Schuhen habe ich keinerlei Erfahrung, aber mit Meindl schon. Habe sie 1996 gekauft, fast nicht genutzt und sie sind noch wie neu. Das heißt, zumindest bei Nichtgebrauch kann man sich an diesem Typ Wanderschuhe über einen sehr langen Zeitraum erfreuen. Vermutlich ist nicht einmal die jährlich vorgenommene Imprägnierung erforderlich.

  7. KH (Sonntag, der 3. April 2016)

    Aber Vorsicht beim nächsten steileren Abstieg, Herr Pötter, da können nämlich die Sohlen schneller unten sein als Sie! Meines Wissens hatte Carl seine Lowa Schuhe auch nur wenig getragen, allerdings dann bei jeder ‚Labestation‘ immer kräftig getankt, was vielleicht die Hydrolyse in den Sohlen beschleunigt hat…

Kommentar verfassen

*