Klaus Hnilica
Donnerstag, der 8. März 2012

Carl for President

Carl und Gerlinde (XX)

Als Carl um drei Uhr früh schweißgebadet aufwachte, wusste er, dass er der Richtige war! Dies umso mehr, als ihm wenige Sekunden bevor er die Augen aufschlug, sogar die Kanzlerin aufmunternd zugenickt und, was er als besondere Wertschätzung empfand, ihre Mundwinkeln leicht angehoben hatte…

Na ja  – Wunder war das letztlich keines! Schließlich war er, Carl S., nicht nur ein stattlicher Mann fortgeschrittenen Alters, sondern auch ein höchst ehrenwerter Bürger dieses schönen Landes. Und – was der Kanzlerin besonders zu gefallen schien: Er hatte sein Haus seit Jahren schon abbezahlt, war vollkommen schuldenfrei und stand beruflich mit beiden Beinen stramm im wirklichen Leben!

Gut – Pastor war er nicht! Ministerpräsident auch nicht und auch kein  Bundesrichter! Dafür wusste er aber im Gegensatz zu diesen Herrschaften ganz genau, von wo das Geld herkam, insbesondere die Steuergelder und wie man damit sparsam umging. Bestimmt keine schlechte Voraussetzung für das Amt eines Bundespräsidenten!

Und seine eminente berufliche Professionalität war ihm auch schon früher oftmals von den verschiedensten Seiten bestätigt worden: denn –  Vertriebsleiter für hochwertige Herren- und Damenunterwäsche bei der Firma ‚Triga’ zu sein – das war keine Kleinigkeit! Und war vor allem gut dotiert!

Die Kanzlerin fand das bestimmt auch großartig, dass er bei seinem Einkommen auf diesen ‚lebenslänglichen Ehrensold’ gar nicht richtig angewiesen war, ja ihn gar nicht benötigt hätte. Aber gut, wenn man ihm diese 199 000 Euro pro Jahr andiente, dann nahm er sie schon, denn das  ‚Lebenslänglich’ war ja in diesem Fall keine Schande und das eigene Büro samt Personal und Dienstwagen auch nicht!

Selbstverständlich würde er genau wie seine Vorgänger von diesem ‚Ehrensold’ ein Gutteil für Spenden und Förderungen aufbringen, denn als Bundespräsident hatte er eh keine Zeit, Geld auszugeben: im Winter war er dann sowieso im warmen  Afrika oder  Australien und im Sommer in einer der prächtigen Villen am Starnberger See. Bei Freunden, denn die hatte ein Bundespräsident, wie man wusste, ja reichlich. Nicht nur die Hannelore und den Kurt, wie jetzt!

Und dieses umsichtige Spenden und Fördern – kam ja auch beim Volk gut an! Überhaupt wenn man damit beispielsweise die Stellung der Frauen in der Gesellschaft stärkte; die taten sich ohnehin so schwer, mit den Männern mitzuhalten! Wenn er nur an den Frauenfußball dachte, konnte er sich ja kringeln vor lachen, oder ans Frauenboxen oder Frauenschispringen….

Ja genau da wollte er großzügig fördern mit ein, zwei Tausendern im Jahr! Das war ihm wirklich ein Anliegen und wurde bestimmt positiv angerechnet!

Seine familiären Verhältnisse passten übrigens auch perfekt für dieses politische Amt, denn er war geschieden, wenn auch nur einmal, aber immerhin  – und er hatte mit der Inge zwei Kinder, den René und die Kora, um die er sich auch nie gekümmert hatte! Das passte schon alles, musste aber natürlich nicht tumb an die große Glocke gehängt werden: schließlich sollte ein Bundespräsident clever sein, sagte er sich, machte endlich das  Licht beim Bett an und schlich sich, obwohl er ohnehin niemand aufwecken konnte, ins Badezimmer…

Und was nun diese immer wieder angesprochene ‚Vorteilsannahme’ betraf, da musste er sich wirklich keinen Kopf machen, sagte sich Carl und drückte wie zur Bestätigung energisch die Spartaste am Toilettenspülkasten…

Denn für ihn in der freien Wirtschaft, war das absolut kein Thema! Aber die Hände sollte er sich vielleicht trotzdem waschen! Und eines war auch klar, so wie die Diskussion momentan im Lande lief, musste er sich schon Gedanken über das Eine oder Andere in seinem Berufsleben machen: denn Büroklammern, sagte er laut, während er an seinen Fingern roch und ins Schlafzimmer zurückging, hatte er, wenn er ehrlich war, schon des Öfteren aus der Firma mitgenommen und auch diese komischen Klarsichthüllen, oder wie die hießen und zwei Radiergummi vor einem Jahr – und diesen Bleistiftspitzer für dickere Stifte auch. Korrekt war das nicht, das musste sich Carl eingestehen. Und der Leitz–Ordner vor zwei Monaten und die vielen unerlaubten Kopien auf Firmenkosten waren auch nicht korrekt gewesen! Von den privaten Telefonaten und der Internetsurferei einmal ganz abgesehen! Gott – wo er da teilweise herumgesurft war! Das  wär’ echt peinlich für einen Bundespräsident gewesen, wenn man das herausgefunden hätte, sagte er halblaut zu Gerlindes gähnend leerer Betthälfte hin und schlüpfte Schutz suchend rasch unter seine warme Bettdecke.

Ja – vielleicht musste er, wenn er die Dinge heute so im Lichte der Energiesparlampe betrachtete, wirklich reinen Tisch machen! Tabula rasa, quasi!

Doch – musste er in diesem Fall dann nicht auch über die köstlichen Kuchenstückchen reden, mit denen Frau Wolf ihn im Büro immer überraschte? Und die er tagtäglich ohne jede Scham genussvoll in sich hineinmampfte? Sehr zur Freude von Frau Wolf, aber natürlich ebenso sehr zum  Missfallen einiger  strenger Fernsehkommentatorinnen, in deren Augen, bzw. Nasen, das arg nach Bestechung roch; es sei denn er hätte jedes Mal unaufgefordert der lohnabhängigen Sekretärin taktvoll drei Euro auf das leere Tellerchen gelegt und sie so nicht zu Bestechungsversuche verführt? Ja –  wenn die Journalistin Schausten, bei ihm nachgehakt hätte, wäre er unter diesen besagten Umständen schon sehr schnell dumm dagestanden…

Aber Urlaubsaufenthalte, in leer stehenden Freundesvillen, hätte sie bei ihm und Gerlinde nicht ausgraben können, egal wie tief sie gebuddelt hätte! Moment mal – war das  richtig? Hatten nicht er und Gerlinde vor vier Jahren einmal zusammen drei Tage – was übrigens ganz pikant gewesen war – in der Eigentumswohnung von Hannelore und Kurt zugebracht, weil die überraschend weg mussten und sie die Tapezierer in der Wohnung hatten. Und hätten sie nicht damals schon die von Frau Schausten in Ansatz gebrachten hundertfünfzig Euro pro Kopf und Nacht freiwillig an ihre Freunde aushändigen müssen und diese wiederum, wenn sie denn im Schaustensen Sinne korrekt gewesen wären, für die von ihm und Gerlinde erbrachten Putzdienste und Sachleistungen, wie Klebeband etc. etc.  mit ortsüblichen Preisen eine Gegenrechnung aufmachen und den eventuellen geldwerten Vorteil  steuerlich sauber in Ansatz bringen müssen? Ja das war im Schein der 25 Watt Nachtischlampe möglicherweise ein dunkler Punkt auf seiner sonst wirklich weißen Weste, musste Carl sich eingestehen und hätte am liebsten gleich noch im Bett einen aufmunternden Schnaps zu sich genommen.

Aber dann beruhigte er sich auch ohne Schnaps, denn auf alles kamen ja die Journalisten schließlich auch nicht drauf – und die Hannelore und der Kurt waren in diesem Punkt natürlich total  zuverlässig und hielten dicht; außerdem waren beide ja auch nicht mit Peter Hintze befreundet, bei dessen Hilfe er natürlich nichts zu lachen gehabt hätte!

Und von Gerlinde – ging schon gar keine Gefahr aus! D.h. wär keine Gefahr ausgegangen, wenn sie nicht verschollen gewesen wäre… Aber aufgepasst, sagte er, mit einem Male kerzengerade vor seinem Bett stehend, in Richtung Schlafraummitte: Hatte er da nicht ein ganz anderes Problem? Und zwar ein viel, viel Gravierenderes als diesen popeligen Steuerkram? Er hatte doch – und da half kein Drumherumreden und Kopf unters Kissen stecken  – überhaupt keine ‚First Lady’! Denn die zukünftige ‚First Lady’ hatte es doch vorgezogen vor zwölf Wochen wortlos das Weite zu suchen!  So dass er, Carl, sich somit anschickte, der erste deutsche Bundespräsident zu werden – ohne eine ‚First Lady’? Wie sollte er das denn der Kanzlerin verklickern – und dem Rössler und dem Seehofer…

Neben diesem fundamentalen Problem marginalisierten sich doch alle seine anderen Kompetenzen? Und zwar nicht nur seine wirtschaftliche Kompetenz, sondern auch seine horrende internationale Erfahrung, die er über viele Jahre durch den europaweiten Vertrieb von Damenunterwäsche gesammelt hatte – und die für einen Bundespräsidenten unentbehrlich war!

Aber – es gab auch Positives, wenn man differenzierter hinschaute! Denn in Griechenland zum Beispiel, war er nie gewesen! Irgendwie mochten die Griechen die ‚Triga Unterwäsche’ nicht – wahrscheinlich weil sie früher diese weißen Umhänge gewohnt waren – so dass er von sich mit Fug und Recht behaupten konnte, Griechenland nicht zu kennen und daher rettungsschirmmäßig absolut neutral und unbefangen zu sein – da konnte ihm wirklich niemand ans Bein pinkeln. Und die Kanzlerin wusste das sicher auch zu schätzen, denn eine weitere Pleite konnte die sich nicht mehr leisten: wahrscheinlich hatte sie auch deswegen die Mundwinkeln so freundlich angehoben…

Und zugegeben – als ihn morgens sein iPhone weckte und weder die Kanzlerin noch Gerlinde zur Stelle waren, war er nach all dem, was er  in der Nacht erlebt hatte, schon arg enttäuscht. Unter diesen Umständen hatte er echt keine Lust mehr, für die anderen einen auf Bundespräsident zumachen. Nee –  wirklich nicht!

KH

PS: Und in zwei Wochen am 22.März 2012 erfahren wir endlich etwas über Gerlinde, also dran bleiben

1 Kommentar zu “Carl for President”

  1. ebook leser (Donnerstag, der 8. März 2012)

    Jetzt geht der Wulff wie es viele gefordert haben. Dem Großen Zapfenstreich wollen auch viele fernbleiben, auch die Altbundespräsidenten. Das finde ich schäbig. Jemanden, der auf dem Boden liegt, den tritt man nicht. Auch, dass sich viele über den Ehrensold mokieren finde ich auch nicht richtig. Wenn ich mir vorstelle, dass den der Scheel seit Jahren bekommt, der hat den auch nicht verdient. Einfach nur schäbig.

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